Berufsasthma: Zum Antigenkatalog beruflicher Inhalationsallergene (Teil 2)

In diesem Artikel wird über das Asthma bronchiale in der Landwirtschaft berichtet. Ebenfalls erwähnt werden Berufskrankheiten, die durch den Kontakt mit Tieren und Tierfutterverursacht werden, sowie berufsbedingte respiratorische Erkrankungen durch organische Stäube wie Kaffeestaub, Gummi arabicum (sog. Druckerasthma) und Baumwollstaub u. a. Darüber hinaus werden Berufsallergien durch Chemikalien und in der Metallindustrie thematisiert. Abschließend werden Backmittel wie α-Amylase sowie weitere berufliche Inhalationsallergene in der Backwarenindustrie besprochen. Das Bäckerasthma ist seit Ramazzini die häufigste und sozial bedeutendste Berufsallergie. In dieser Berufsbranche ist weiterhin eine primäre Prävention gegenüber einer Exposition mit allergenen Stäuben erforderlich.

This article reports on bronchial asthma in agriculture. It also mentions occupational diseases caused by contact with animals and animal feed, as well as occupational respiratory diseases caused by organic dusts such as coffee dust, gum arabic (known as printer’s asthma), and cotton dust, among others. In addition, occupational allergies caused by chemicals and in the metal industry are discussed. Finally, baking agents such as α-amylase and other occupational inhalation allergens in the baking industry are discussed. Since Ramazzini, baker’s asthma has been the most common and socially significant occupational allergy. Primary prevention of exposure to allergenic dusts is still necessary in this occupational sector.
Key words: Occupational asthma, Occupational inhalant allergens, Wood dust, Gum Arabic, Coffee dust, Isocyanate, Bakery improver

Der Antigenkatalog gewerblicher Inhalationsallergene ist sehr umfangreich. Im ersten Teil der Arbeit über das Berufsasthma wurde eine Auswahl der Allergene, die zu gewerblichen Inhalationsallergien führen können, unter Berücksichtigung der Beiträge der Allergiestation Zürich zu dieser Thematik, aufgeführt (1). Das Berufsasthma durch Proteasen in der Waschmittelindustrie, Berufsallergien auf Enzyme in der Pharmaindustrie, im medizinischen Bereich sowie in nichtmedizinischen Berufen wie in der Nahrungsmittelindustrie, das Berufsasthma bei Gärtnern, Blumenzüchtern, Floristen und Gewächshausarbeitern wurden besprochen. In der Folge werden weitere Krankheitsbilder dargestellt.

Asthma bronchiale in der Landwirtschaft

Bei Ramazzini sind die Bauern und die Berufe in der Landwirtschaft gut dokumentiert (2–4). Das Interesse an den Berufskrankheiten der Landwirte hat dann allerdings zusammen mit der Industrialisierung im Verlauf der zwei letzten Jahrhunderte massiv abgenommen (5). Im Gegensatz zur Industrie lassen sich auf einem Bauernhof selten klar definierte berufsspezifische Allergene identifizieren (Abb. 1). Je nach Tätigkeit sind Landwirte und ihre Angehörigen Stäuben ausgesetzt, die mehrheitlich pflanzliche (Gras, Heu, Stroh) oder tierische (Kuhhaare, Schweine- oder Pferdeepithelien usw.) Allergenquellen enthalten. Darüber hinaus können spezifische Mikroorganismen wie Schimmelpilze vorkommen (5). Von besonderer Bedeutung ist, dass die Allergenmenge, die ein Bauer einatmet, sehr hoch ist. Dies liegt nicht nur an der hohen Arbeitsplatzkonzentration infolge der Nähe zur Allergenquelle (Pollen, Milben, Schimmelpilze, Bakterien), sondern auch an seiner Arbeit: Er erzeugt den Staub und muss gleichzeitig vermehrt ventilieren, da die Arbeit körperlich anstrengend ist. Es ist eigentlich erstaunlich, dass man in der Praxis eher selten mit Bauern mit akuten Asthma-Anfällen konfrontiert wird (5, 6). Auch suchen die betroffenen Landwirte mit Lungenproblemen relativ spät den Arzt, wenn Komplikationen, wie Bronchialinfekt, obstruktives Emphysem oder Herzinsuffizienz bereits aufgetreten sind (5). Auch auffallend ist die Übersterblichkeit der Bauern an Lungenkrankheiten. Eine Veränderung in der Landwirtschaft gegenüber früher sind die Spezialisierungen, die durch Mastbetriebe, vor allem durch Hühner- und Schweinemastbetriebe, entstanden sind. Bei den Nutztieren kommen die Epithelien und die Exkremente als Inhalationsallergene in Betracht, beim Geflügel auch Milben (7). Beim Bronchialasthma sollte unbedingt eine genaue allergologische Abklärung zur Erfassung des pathogenen Allergenspektrums erfolgen, um, falls möglich, eine strikte Expositionsprophylaxe durchzuführen (5, 6).

Eine typische und auch lebensbedrohliche Berufserkrankung des Landwirtes ist die Farmerlunge, die auf die Inhalation von verschimmeltem Heu oder Getreide zurückzuführen ist. Pathogenetisch handelt es sich um eine Reaktion vom Typ III (Arthus) in den Lungenalveolen, verursacht durch präzipitierende IgG-Antikörper auf thermophile Aktinomyceten der Gattung Micropolyspora (M. faeni = Thermopolyspora polyspora und Thermoactinomyces vulgaris), also um eine allergische Alveolitis (6, 8). Man unterscheidet eine akute und eine subakut-chronisch schleichende Form. Röntgenologisch findet man eine miliare Infiltration bei einer verstärkten retikulären Lungenzeichnung, im Spätstadium eine Lungenfibrose, und pathophysiologisch eine Störung des Gasaustausches, d.h. eine Einschränkung der O₂-Diffusionskapazität der Lunge, die zum Symptom «Dyspnoe» führt. Andere Symptome, je nach Typ, sind Fieberschübe, Frösteln, Druck­gefühl in der Brust, Atemnot, Husten, Auswurf, Mattigkeit, Abgeschlagenheit, Inappetenz und Gewichtsverlust.

Berufsasthma durch Kontakt mit Tieren und Tierfutter

In Forschungslaboratorien bestehen die häufigsten Kontakte zu Ratten und Mäusen. Entsprechend wird die Rangliste der Labortier-Allergien (LTA) auch von diesen Spezies angeführt, gefolgt von Hamster, Meerschweinchen, Katze und Hund (9). Bei 110 Personen mit Labortierkontakten in Forschungslaboratorien des Universitätsspitals und der Universitätsinstitute Zürich litten 20.9 % der Probanden aktuell an einer LTA, 82.6 % waren Atopiker, 27.4 % waren jedoch Nichtatopiker. Bei 20 der Labortierallergiker bestand eine vorbestehende Allergie auf Katzenhaare. Bei zwei Akademikern bestand zudem eine bereits früher testmässig verifizierte aktuelle Sensibilisierung gegen Affen (Haare, ­Krallenhorn) (11). Technische, organisatorische und personenbezogene Massnahmen zur Verminderung der Allergenkonzentration sollten angestrebt werden und nicht erst, wenn die Sensibilisierung bereits klinisch manifest wird (10).

Neben den Allergien auf Labortiere muss auch an die Sensibilisierung auf Futtermittel gedacht werden. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Fischfutter, insbesondere die roten Mückenlarven (Chironomiden) (11), wobei das wichtigste und am besten erforschte Allergen das Hämoglobin darstellt (12). Eine weitere wichtige Rolle spielen die Daphnien (Süsswasserflöhen). Meister beschreibt bei diesem ebenfalls aggressiven Allergen ein Sensibilisierungs-Index von 66 % (13). In Anbetracht der aggressiven Potenz dieser Fischfutterallergene ist es nicht erstaunlich, dass auch bei Aquarianern beim häuslichen Kontakt respiratorische Probleme auftreten können (14, 15) (Abb. 2).

Berufsasthma auf Fledermäuse und auf Bienenstaub

Ein junger Wissenschaftler, der seit seiner Kindheit an allergischer Rhinitis litt, erforschte Fledermäuse (Chiropteren) in ihren Höhlen. Nach etwa einem Jahr dieser Tätigkeit bekam er regelmässig Asthmaanfälle bei Kontakt mit diesen Tieren (16) (Abb. 3). Er hielt sich auch Fledermäuse in einem kleinen Käfig zu Hause und züchtete für ihre Nahrung Mehlwurmlarven (Tenebrio molitor) in einer offenen Schale neben dem Käfig. Die staubförmigen Abbauprodukte dieser Larven führten bei dem Patienten zu rhinitischen Beschwerden, weshalb er sich bald dazu entschloss, jegliche Tierhaltung zu Hause aufzugeben. Seither wurde der Zusammenhang zwischen der speläologischen Tätigkeit und Asthmaanfällen deutlicher. Scratch-Tests mit Fledermaustaub und spezifische IgE-Bestimmungen auf Fledermaus ergaben ein deutliches positives Ergebnis (RAST-Klasse 3).

Bei einem weiteren Fall, einer Zoologin mit früherem beruflichem Kontakt mit Fledermäusen, welche nun zu Hause eine Fledermaus hielt und mit Tenebrio molitor-Larven fütterte, traten, wenn sie länger die Zeit im Hause verbrachte, asthmatische Beschwerden auf. Die allergologische Abklärung zeigte sowohl im Hauttest als auch serologisch positive Reaktionen auf Fledermausfeces und auf Tenebrior molitor (RAST 15 resp. 81 kU/l) (17).

Auch bei Imkern können bei Arbeiten im Bienenhaus respiratorische Beschwerden auftreten; als Allergene werden Bestandteile des Bienenkörpers angenommen (18, 19). Neun (1.5 %) von 595 befragten Imkern des Kantons Zürich klagten bei ihrer Imkertätigkeit über Rhinitis und Konjunktivitis, drei aber auch über Husten und Asthma bronchiale. Bei sechs der neun Patienten fielen Hauttests, RAST und nasale Provokation mit Bienenganzkörper-Extrakten positiv aus, so dass eine Sensibilisierung gegen Bestandteile des Bienenkörpers als Hauptursache angenommen wurde (20).

Berufsbedingte respiratorische Erkrankungen auf organische Stäube

Gronemeyer und Fuchs beschrieben 1958 das Berufsasthma auf Dämpfe von grünen Kaffeebohnen (21). Mit Somazzi konnten wir sieben Fälle von Berufsasthma auf Kaffeestaub beobachten: fünf Arbeiter waren in der Rösterei beschäftigt, zwei mussten Jutesäcke transportieren, in denen grüne Kaffeebohnen enthalten waren (22). Bei allen konnte die Allergie im Hauttest (Scratch- und Reibtest) (Abb. 4) und im inhalativen und nasalen Provokationstest bestätigt werden. Durch den Röstprozess verflüchtigt sich das Allergen bzw. es wird inaktiviert (23, 24). Ein 37-jähriger Arbeiter in einer Kaffeerösterei entwickelte eine berufsbedingte Rhinokonjunktivitis; die allergologische Abklärung zeigte eine Sensibilisierung gegenüber dem Staub der grünen, ungerösteten Kaffeebohne. Diese spezielle Allergie ist in der Schweiz selten (23). Eine Rohkaffeeallergie ist sehr oft mit einer Sensibilisierung gegen Rizinusbohnen gekoppelt, was darauf zurückgeführt wird, dass die beiden Produkte sehr oft nacheinander in den gleichen Jute- und Sisalsäcken transportiert werden. Somit ist Kaffeestaub häufig durch Spuren von Rizinusbohnen kontaminiert. Die Rhizinusbohne gilt heute noch als eines der potentesten Allergene überhaupt (24). Es ist auch in unsere Breitengrade entsprechend der seltenen Exposition nur mit sporadischen Fällen zu rechnen, z. B. wenn importierter Rhizinusschrot als Beimischung zu Dünger in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt.

Das sogenannte «Druckerasthma» wird durch Gummi arabicum ausgelöst, also durch ein gewerbliches Allergen, das meist zunächst zu einer allergischen Rhinitis und neben anderen lokalen Reizerscheinungen schliesslich zum Dauerasthma führen kann, wie es Fuchs und Gronemeyer in mehreren Arbeiten beschrieben haben (25, 26). Diese Erkrankung tritt in Druckereibetrieben auf, in denen das Nass-Spritzverfahren mit Gummi arabicum angewandt wird. Das Gummi arabicum wird aus dem Exsudat (Wundsaft) von verschiedenen, in Afrika verbreiteten Akazien-Bäumen hergestellt. Gummi arabicum ist ein natürliches Gemisch von Polysacchariden (Mehrfachzuckern) mit der Hauptkomponente Arabinsäure. In der klassischen Lithografie wurde Gummi arabicum zur Vorbehandlung der Lithosteine vor dem Druck verwendet. Es verstärkte die Eigenschaft der Steine, die nichtdruckenden Teile fettabstossend und wasseraufnahmefähig zu machen. Gummi arabicum wurde auch im Offsetdruck verwendet. Um zu verhindern, dass die wasserführenden Druckplatten durch Luftsauerstoff zu stark oxidieren und farbführend werden, wurden sie durch das Auftragen von Gummi arabicum vor Luft geschützt (27).

Bei einem polyallergischen Patienten, der in der Schokoladenindustrie tätig war und für die Produktion einer Gummi-Arabicum-Lösung (50 kg Gummi-Arabicum-Puder in 100 l Wasser) verantwortlich, kam es bei der Arbeit zu einer moderaten Staubentwicklung. Dabei traten arbeitsplatzbezogene respiratorische Beschwerden mit Husten und Asthma auf. Eine ausgedehnte allergologische Abklärung zeigte eine aktuelle, seltene IgE-Sensibilisierung auf Carbohydrat-Determinante (CCD) (28). Bei einem Beschäftigten in der pharmazeutischen Industrie, der bei seiner Tätigkeit an der Tablettenüberzugsanlage Gummi-Arabicum-Staub ausgesetzt war, konnte die Allergie gegen Gummi arabicum mittels Hauttestung, spezifischem IgE und einem positiven bronchialen Provokationstest bestätigt werden. Der Beschäftigte klagte über arbeitsbedingte Kurzatmigkeit, ein Engegefühl in der Brust und rhinokonjunktivale Beschwerden.

Während sich eine Sensibilisierung gegen Gummi arabicum bei atopischen Patienten mit Pollensensibilisierung, die keiner offensichtlichen Exposition gegenüber Gummi arabicum ausgesetzt sind, auf die Kohlenhydratstrukturen stützt, konnte bei diesem beruflich exponierten Patienten gezeigt werden, dass die Allergie vorzugsweise durch IgE-Antikörper vermittelt wird, die gegen Polypeptidketten von Gummi arabicum gerichtet sind (28, 29).

Bei einer 27-jährigen Hilfsarbeiterin in der Gummi-industrie, die seit sechs Monaten in der Herstellung und Kontrolle von Kondomen tätig war, traten eine hart-näckige Rhinitis, heftige Hustenattacken mit asthmoiden Beschwerden sowie ein Ekzem an den Vorderarmen auf. Die allergologische Abklärung fiel negativ aus, was die üblichen Inhalationsallergene betrifft. Ein Scratch-Test, ein nasaler Provokationstest sowie ein Epikutantest in der Spätreaktion fielen jedoch stark positiv mit Lykopodium-Puder (30) aus. In Zusammenarbeit mit Prof. SGO Johansson gelang der erstmalige Nachweis von spezifischen IgE-Antikörpern in hoher Konzentration (RAST-Klasse 4 bzw. 40 PRU/ml).

In einem weiteren Fall litt ein 57-Jähriger, der in einem Theater im Bereich Lichttechnik tätig war, seit einigen Jahren ohne erkennbare Ursache unter sporadisch auftretenden Asthma-Anfällen am Arbeitsplatz (31). Zudem kam es vermehrt zu einem Lidekzem. Nach einer Hauptprobe einer Bühnenproduktion, bei der verstärkt Lichteffekte eingesetzt wurden, erlitt er einen akuten Asthmaanfall und musste notfallmässig ins Krankenhaus gebracht werden. In der Folge verzeichnete er bereits beim Betreten der Bühne Augenreizungen, Niesanfälle und Husten; bei längerem Aufenthalt kam es zu bedrohlichen Asthmaanfällen. Bei einer Szene der Produktion wurden durch die Verwendung von Sporen der Pflanze Lycopodium clavatum (Keulen-Bärlapp) explosionsähnliche Lichteffekte erzeugt. Die allergologische Abklärung fiel, wie bei der obigen Patientin, positiv aus (IgE CAP-Klasse 3, 5,2 KU/l) (88).

Der Keulen-Bärlapp (Lycopodium clavatum), auch Wolfsklaue genannt, gehört zu den Gefässsporenpflanzen (Abb. 5 und Abb. 6). Früher dienten Bärlappsporen in der Apotheke bei der Herstellung von Pillen als Trennmittel. Je nach Marke wird das sich geschmeidig anfühlende Pulver auch heute noch zur Beschichtung von Kondomen eingesetzt. Heute finden Lykopodiumsporen hauptsächlich Verwendung bei Feuerwerken, Gauklern (Feuerspucken) und bei Spezialeffekten in Filmen und in Theatern, um Feuerbälle, Flammensäulen, Stichflammen und Explosionen zu erzeugen. Spuckt man die Sporen gegen eine Flamme, so entstehen enorme Feuerbälle (31).

Respirationskrankheiten in der Baumwollindustrie

In der Baumwollindustrie können verschiedene Formen berufsbedingter Lungenkrankheiten auftreten (32). Der beim Verarbeiten roher Baumwolle in der Luft vorhandene Staub ist eine Mischung verschiedener antigener Substanzen, die neben der Baumwollfaser auch andere Bestandteile der Baumwollpflanze, Bakterien, Schimmelpilze und andere Verunreinigungen enthalten kann. Diese können deshalb aufgrund einer immunologischen Antwort des Exponierten sowohl IgE- als auch IgG-vermittelte, durch Präzipitine bedingte broncho-pulmonale Erkrankungen auslösen. Beim Baumwollstaubasthma kann es auch zu einer dualen asthmatischen Reaktion kommen, wie im inhalativen Provokationstest mit Baumwollstaub dokumentiert wurde (32). Auch unspezifische, primär-irritative Bronchitiden wurden beobachtet.

Eine besondere Krankheit in der Baumwollindustrie stellt die Byssinose dar. Bei der Byssinose (auch Hanfarbeiterlunge, Baumwollfieber, Montagsfieber) handelt es sich um eine Erkrankung der Lunge infolge Einatmens von Baumwoll-, Hanf- oder Flachsstäuben (33). Die Byssinose kann Keuchatmung und Verkrampfungen in der Brust verursachen, in der Regel am ersten Arbeitstag nach einer Pause (Monday feeling). Am meisten betroffen scheinen diejenigen exponierten Arbeiter zu sein, die Ballen mit roher Baumwolle öffnen oder mit den ersten Schritten der Baumwollverarbeitung befasst sind. Offensichtlich vermischt sich ein Toxin, das von Bakterien in der unbehandelten Baumwolle gebildet wird, mit dem Staub in der Baumwolle, wodurch sich die Atemwege empfindlicher Personen verengen. In einer früheren Arbeit wurden fünf eigene Begutachtungsfälle eingehend geschildert (34). Bei vier Patienten konnte die Vermutungsdiagnose einer Byssinose aufgrund der Anamnese (Montagssymptomatik), der allergologischen Abklärung und der Inhalationstests mit einem selbst aus dem Betrieb hergestellten Baumwollstaubextrakt bestätigt werden. Beim 5. Fall lag hingegen ein allergisches Bronchialasthma auf Baumwollstaub vor. Im Serum von drei Patienten konnten in der Gel-Diffusion nach Ouchterlony präzipitierende Antikörper gegen das Baumwollstaubextrakt vor, offenbar als immunologische Antwort auf die Exposition. Ob den Präzipitinen eine pathogenetische Rolle zukam, wurde diskutiert (32–34). Die Byssinose ist heute in der Schweiz und in Deutschland relativ selten. Da keine spezifischen immunologischen Kriterien für die Diagnostik einer Byssinose existieren, sind exakte Anamnese und Tätigkeitsbeschreibung essentiell, entscheidend ist der Nachweis der abnehmenden Lungenfunktionsparameter im Verlaufe eines Arbeitstages, am besten nach Arbeitswiederbeginn nach dem Wochenende oder nach Feiertagen (34). Staub- und Endotoxinmessungen können dazu beitragen, die Belastung an einem Arbeitsplatz oder in umgrenzten Tätigkeitsbereichen zu charakterisieren. Der Endotoxingehalt im Baumwollstaub nimmt mit zunehmender Reinheit der Baumwolle ab (34).

Berufsasthma auf Holzstaub

Der Rohstoff Holz wird weltweit verarbeitet und dementsprechend sind viele Beschäftigte gegen Holzstaub beruflich exponiert. Die Publikation von Schlünssen gibt einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu spezifischen Sensibilisierungen gegenüber Holzstäuben bei ­beruflich exponierten Beschäftigten (35). Die Sensibilisierungsprävalenz ist in Abhängigkeit von der jeweils verarbeiteten Holzart unterschiedlich; exotische Hölzer, wie z. B. der Staub des Abachiholzes (Triplochiton scleroxylon) stehen im Verdacht, starke Auslöser für sIgE-vermittelte Allergien zu sein (35).

Von 165 Personen mit durch Holz verursachten Gesundheitsschäden, welche der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gemeldet wurden, hatten 35 respiratorische Beschwerden, 13 litten an klassischem Bronchialasthma durch Holzstaub, hauptsächlich bei Exposition mit feinem Staub bei der Bearbeitung von tropischen Hölzern (36).

Berufsallergien auf Chemikalien und in der Metallindustrie

Isocyanate, die insbesondere zur Herstellung von Schaumstoffen auf Polyurethanbasis, aber auch zur Herstellung von Lacken und Klebstoffen sowie als Bindemittel in Gussformen verwendet werden, standen in den 80er Jahren auf Rang 2 der beruflichen Inhalationsnoxen (zit. in (37)). Spritzlackierer stellen das grösste Kontingent der Patienten mit Isocyanat-Asthma. Sowohl immunologische als auch nicht-immunologische, irritativ-toxische Mechanismen tragen zur Pathogenese bei. 45 Patienten, die auf der Allergiestation Zürich mit Isocyanat-Asthma abgeklärt wurden, zeigten eine Latenzzeit zwischen dem Beginn der beruflichen Exposition bis zur Symptomatik von 1 ½ Wochen bis 8 Jahren, wobei 29 innerhalb der ersten 2 Berufsjahre erkrankten. Die RAST-Untersuchungen ergaben in 19 Fällen ein positives Ergebnis, in 16 mit dem aromatischen Di-Isocyanat TDI, in 3 nur mit Mono-Isocyanat (37, 38).

Wie Isocyanate sind auch Anhydride und Formaldehyd reaktive, niedermolekulare Chemikalien (39). Anhydride werden in verschiedenen Verbindungen (z. B. Phthalsäureanhydrid, Maleinsäureanhydrid usw.) industriell vor allem zur Herstellung von Kunststoffen, Epoxidharzen, Korrosionsschutzmitteln und Farben verwendet. Bei drei Patienten mit arbeitsplatzbedingtem Asthma bronchiale und einem Patienten mit allergischer Rhinitis, die beruflich mit Formaldehyd oder Anhydrid exponiert waren, fiel bei einem Patienten (Arbeiter in einem Elastinwerk, in dem Kunstdärme hergestellt wurden) der RAST-Test positiv auf phthalisches Anhydrid aus, bei einem weiteren Patienten (Cheminéebauer und Plattenleger) fielen die RAST-Tests positiv auf phthalisches Anhydrid und Isocyanat HDI aus, bei einem weiteren Patienten (Buchdrucker) fielen die RAST-Tests positiv auf Formaldehyd und Isocyanate HDI, MDI und TDI aus und bei dem Rhinitis-Patienten (Maschinenführer in einer Kunststofffabrik) fielen die RAST-Tests positiv auf phthalisches Anhydrid aus (39). Bei einem fünften nichtatopischen Patienten mit positivem Hauttest und RAST auf Formaldehyd traten erstmals asthmatische Beschwerden einige Wochen nach einer Renovation seiner Wohnung auf und persistierten weiter beim längeren Aufenthalt zu Hause. Die gesamte Wohnung wurde mit einem Lack bestrichen und eine grosse Holzplatte wurden neu montiert. Seit dieser Sanierung persistierte ein unangenehmer Geruch in der Wohnung. Die damals neu vorliegenden Fallberichte mit erstmalig positivem IgE-Nachweis unterstrichen eindeutig, dass diese Chemikalien einen immunologischen Prozess in Gang setzen können. Bis dahin wurde aufgrund des fehlenden Nachweises spezifischer IgE-Antikörper eine unspezifische irritative Wirkung dieser Substanzen auf die Schleimhäute angenommen (39).

In der Metallindustrie können sich verschiedene Krankheiten des Respirationstraktes manifestieren (40). Es kommen bei der sogenannten Hartmetallstaublunge die interstitielle Pneumopathie (Hypersensitivitätspneumonitis), die Hartmetallpneumokoniose, das toxisch-irritative Hartmetallstaubasthma und das Asthma bronchiale vor. Berufsbedingte Inhalationsallergien (Asthma bronchiale, Rhinitis, Konjunktivitis), oft verbunden mit Urtikaria und Quincke-Ödemen, treten in der platin-verarbeitenden Industrie häufig auf. Sie beruhen auf Sensibilisierungen gegen Platinchloride (41). Der Reaktionsmechanismus entspricht dem einer Soforttyp-(Typ I-) Allergie, wie aus klinischen Tests (Hauttestung), In-vitro-(Histaminfreisetzung aus Leukozyten) und In-vivo-Untersuchungen (passive kutane Anaphylaxie bei Affen) hervorgeht (41). Da etwa 60 % der Beschäftigten in der platin-verarbeitenden Industrie an Asthma bronchiale erkranken, wurden strengere Arbeitsplatzschutzmassnahmen angeregt. Als ursächliches Agens der Metallstaublunge wird allgemein das Kobalt angesehen (42). Bei zwei Patienten mit Hartmetallasthma induzierte der inhalative Provokationstest infolge mittels tiefer Inspiration durch einen mit Kobalt-haltigem Hartmetallstaub beladenen Spinhaler eine sofortige und anhaltende bzw. «duale» asthmatische Reaktion, wobei bei einer langjährigen Mitarbeiterin in einem Hartmetallproduktionsbetrieb, die nebst dem Bronchialasthma, auch an einem Kontaktekzem litt, war im Epikutantest eine Allergie vom Spättyp und im Scratchtest vom Soforttyp auf Kobaltchlorid nachweisbar (42). Ein Hartmetallschleifer mit typischer berufsbedingter Hypersensitivitätspneumonitis zeigte serologisch einen hohen Titer präzipitierender Antikörper gegen Aureobasidium pullulans, ein bekanntes Antigen der Befeuchterlunge (43) und der Sequoiose.

Berufsallergen im Coiffeurberuf

Irritativ-toxische Noxen und kontaktallergische Probleme (Abb. 7), aber auch arbeitsabhängige rhinokonjunktivitische und respiratorische Beschwerden vom Soforttyp sind beim Coiffeur-Beruf sehr häufig (44). Persulfat-haltige Blondiermittel sind als Ursache von Bronchialasthma im Friseurberuf mehrmals beschrieben worden (45, 46). Wir berichteten über einen 67-jährigen Coiffeur, der an allergischen respiratorischen Symptomen und Lidschwellungen auf ein spezielles Färbemittel auf Basic Blue 99-Basis erlitt (47).

Backmittel, -Amylase und weitere berufliche Inhalationsallergene in der Backwarenindustrie

Sowohl in Deutschland (48) als auch in der Schweiz (49) ist das Bäckerasthma die häufigste allergische Berufskrankheit. 2006 wurde mit 793 Verdachtsfällen (42.7 %) die meisten der 1859 Meldungen einer Berufskrankheit (BK) innerhalb der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten (BGN) gemeldet. Davon entfielen etwa 90 % auf das Backgewerbe und die Konditoreien. Damit ist der Mehlstaub der mit Abstand häufigste Auslöser arbeitsbedingter allergisch-obstruktiver Atemwegserkrankungen (50).

Berufsasthma bei Bäckern und Confiseuren auf inhalierte Eierproteine ist gut bekannt (51, 52). Bei einer Untersuchung in verschiedenen Bäckereien und Konditorei-Industrien mit Exposition auf Eierprotein-Aerosolen oder Eierstaub hatten vier Bäcker und drei Confiseure allergisch respiratorische Symptome, davon drei Asthma. Drei von ihnen entwickelten später generalisierte Symptome nach dem Verzehr von Eiern (53). In Analogie zu «bird-egg» und «egg-bird syndrome» (54) bezeichneten wir diesen Zustand als «egg-egg syndrome»: inhalative Eierallergie mit konsekutiver Nahrungsmittelallergie auf Ei.

Aber nicht nur Roggen-, Weizen- und andere Getreidemehle oder Eier kommen in Müllerei-, Bäcker-, Konditorei- oder Konfiserie-Berufen als Allergene in Frage (Abb. 8). Die moderne Lebensmitteltechnologie setzt z. B. Johannisbrotkern in vielen Gelier- oder Verdickungsmitteln ein (55). Auch Guarkernmehl (aus den Samen der Guarkernbohne gewonnen) ist als Auslöser inhalativer Allergosen bei Bäckern bekannt (56). Lupinenmehl (aus der Pflanze Lupinus albus) gehört zur Familie der Hülsenfrüchte (Leguminosae spp.) und ist neben Soja und Erdnuss die eiweiss- und fettreichste Leguminose. Es hat ein hohes Wasserbindevermögen, eine angenehm gelbe Farbe (durch Betakarotin), ist geschmacksneutral und besitzt eine überdurchschnittliche Aktivität als Emulgator. Daher wird es häufig in der Backwarenindustrie mit emulsionswirksamen Lecithinen vermischt. Bereits im Jahr 2010 wurde Lupinenmehl als Ursache von Berufsasthma beschrieben (57). Das allergische Potenzial von Lupinen aufgrund von Kreuzreaktivitäten mit Erdnussproteinen wurde bald erkannt (58).

Das breite Spektrum an potentiell allergieauslösenden Stoffen im Backgewerbe umfasst u.a. Backmittel-Enzyme wie α-Amylase und Fungalprotease aus Aspergillus oryzae, Hemicellulase und Glucoamylase aus Aspergillus niger, Schädlinge wie Kornkäfer (Sitophilus granarius), Reismehlkäfer (Tribolium confusum), Mehlmilbe (Acarus siro), Pflaumenmilbe (Lepidoglyphus destructor) und Modermilbe (Tyrophagus putrescentiae) und Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus, D. farinae, D. microceras) (59). Den Schimmelpilzen und Bakterien (Pseudomonas aeruginosa, Bacillus coli und Bacillus subtilis), die gelegentlich das Mehl bei schlechten hygienischen Bedingungen kontaminieren können, kommt keine praktische Bedeutung für die respiratorischen Allergien bei Bäckern zu (60). Je nach den Arbeitsbedingungen vor Ort können somit mehrere Allergene zusammenkommen, was nicht nur bei besonders allergieempfindlichen Personen zu Atemwegsreizungen und Beschwerden führt. Vor einer Diagnose Bäckerasthma sind die Arbeitsbedingungen daher genau zu untersuchen. Bäcker und Lebensmitteltechnologen sind viel häufiger und stärker von Berufsasthma betroffen als Konditoren und Confiseure (60, 61).

Backmittel und Bäckereirohstoffe werden aus verschiedenen Gründen, so z. B. zur Gärungsförderung, zur Kleberbefestigung, zur Geschmacksverbesserung, als Emulgator, als Frischhaltemittel, als Konservierungsmittel, zur Verbesserung der Backeigenschaften, aber auch als Quellmittel, Ballaststoffe usw., zur Herstellung von Backwaren benützt. Die aus Schimmelpilzen gewonnenen Enzyme, insbesondere α-Amylase, sowie Enzyme im Sojamehl, zählen, nach den natürlichen Mehlbestandteilen, zu den wichtigsten Allergenen in der Backmittelindustrie (62).

Amylasen spalten Kohlenhydrate, insbesondere Stärke, in für Hefen vergärbare niedermolekulare Zucker und tragen dadurch zum Aufgehen des Teiges bei; ausserdem sind sie wichtig für Bräunungsreaktionen und den Geschmack des Fertigproduktes. Mitte der achtziger Jahre konnte α-Amylase als potentes Inhalationsallergen identifiziert werden. Latil et al. berichteten 1987 über einen Fall von Bäckerasthma bei monovalenter Sensibilisierung auf α-Amylase (63). Baur et. al. konnten in mehreren Arbeiten über α-Amylase als ein neues Berufsallergen beim Bäckerasthma berichten (64–66). Bei 18 Mehlstaub-exponierten Bäckern, die RAST-positiv auf α-Amylase waren und asthmatische Symptome aufwiesen, konnten im inhalativen Provokationstest asthmatische Sofort- und duale Reaktionen hervorgerufen werden (65). In einer prospektiven Studie bei 31 Bäckern mit arbeitsplatzbezogener Asthmasymptomatik und/oder Rhinitis reagierten 17 der 31 Probanden (55 %) im Skarifikationstest positiv auf eine α-Amylase- und 13 von 20 (65 %) auf eine Lecithin-Zubereitung; 74 % hatten im RAST spezifische Antikörper auf Weizenmehl, 61.3 % auf Roggenmehl, 32 % auf α-Amylase, 19.3 % auf Sojamehl und 16 % auf Malz (66). Zwei Bäcker wiesen im Hauttest und im RAST eine monovalente Sensibilisierung auf α-Amylase auf. Die Sojamehl-positiven Probanden waren im RAST auch auf Trypsin-Inhibitor und Lipoxidase, die Hauptantigene im Sojamehl, nicht aber auf Lektin oder Lecithin positiv. Eine Lecithin-Zubereitung, welche bei 19/31 (38.7 %) der Seren positive RAST-Ergebnisse lieferte, enthielt nach Angaben der Hersteller auch α-Amylase im Mehlanteil. Leider führen die Hersteller die α-Amylase in ihren Produkten nicht in der Deklaration auf, sondern verwenden nichtsagende Bezeichnungen wie «Teigführungsmittel» oder «Emulgator». Die Behörden wurden aufgefordert, eine Deklaration amylasehaltiger Backhilfsmittel durchzusetzen (67, 68).

Wie eine Studie von Baur et al. eindrücklich demonstrierte, ist das Bäckerasthma weiterhin die häufigste allergische Berufskrankheit. Dabei stehen die Sensibilisierungen auf Weizenmehl (64 %), Roggenmehl (52 %), Sojamehl (25 %) und α-Amylase (23 %) im Vordergrund (69). Eine primäre Prävention gegenüber einer Exposition mit allergenen Stäuben ist in dieser Berufsbranche weiterhin erforderlich (68, 70). An erster Stelle steht der Staubschutz (71). Die Schwerpunkte der Mehlstaubentwicklung können durch Sorgfalt, einfache Abdeckungen und das Tragen einer leichten Feinstaubmaske mit Ausatemventil reduziert werden. Um das Erkrankungsrisiko zu senken, sollte bei der Backwarenproduktion keine α-Amylase in Pulverform mehr eingesetzt werden. Backmittel sollten Enzyme nur noch als Paste, Lösung oder Granulat enthalten (68, 69, 70, 71).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dieser Artikel ist eine teilweise Wiedergabe der Arbeit:
B. Wüthrich. Aus der Geschichte der Allergologie: Allergie alsBerufskrankheit – ein Rückblick. Atemwegs- und Lungenkrankheiten, 2025;51/Nr. 4:164-183 mit freundlicher Genehmigung des Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, D 82034 München-Deisenhofen. ISSN 0341-3055.

Prof. em. Brunello Wüthrich

Langjähriger Leiter der Allergiestation
der Dermatologischen Klinik,
Universitätsspital Zürich,
Im Ahorn 18, 8125 Zollikerberg

bs.wuethrich@bluewin.ch

Der Autor hat keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Auf einem Bauernhof lassen sich selten klar definierte berufsspezifische Allergene identifizieren.
  • Eine typische und auch lebensbedrohliche Berufserkrankung des Landwirtes ist die Farmerlunge, eine allergische Alveolitis auf thermophile Aktinomyceten.
  • Von besonderer Bedeutung bei Aquarianern ist das Fisch­futter, hauptsächlich die roten Mückenlarven (Chironomiden), wobei das wichtigste und am besten erforschte Allergen das Hämoglobin darstellt.
  • Das sogenannte «Druckerasthma» wird durch Gummi arabicum ausgelöst.
  • In der Baumwollindustrie können verschiedene Formen berufsbedingter Lungenkrankheiten auftreten: insbesondere die Byssinose (Monday feeling) stellt in der Schweiz eine sehr seltene Krankheit dar.
  • Spritzlackierer stellen das grösste Kontingent der Patienten mit Isocyanat-Asthma.
  • Das Bäckerasthma ist die häufigste allergische Berufskrankheit.
  • Weizen- und Roggenmehl sind nebst -Amylase die ­häufigsten Inhalationsallergene, aber Soja-, Guarkern-, oder Lupinenmehl, Ei, Mehlmilben u.a. kommen als Allergene in Frage.
  • Die Notwendigkeit einer primären Prävention gegenüber einer Exposition auf allergene Stäube ist weiterhin in dieser Berufsbranche erforderlich

1. Wüthrich B. Erinnerungen eines Allergologen. Berufsasthma: Zum Antigenkatalog beruflicher Inhalationsallergien (Teil 1). Der informierte Arzt 2025; 11: 70-75.
2. Ramazzini B. „De morbis artificum diatriba“. Padua 1713 (Faksimile Druck Rom 1953, Erstauflage Modena, 1700).
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Der Hyperventilationstest in der ambulanten Kardiologie: ein zu wenig genutzter Test?

Das Hyperventilationssyndrom (HVS) ist eine häufige, aber in der kardiologischen Praxis oft unerkannte Störung, die infolge von Hypokapnie und respiratorischer Alkalose vielfältige Symptome wie Schwindel, Brustbeschwerden, Tachykardie und Synkopen verursacht. In diesem Artikel wird eine Studie vorgestellt, deren Ziel es war, den diagnostischen und therapeutischen Nutzen des Hyperventilationstests (HVT) in der ambulanten Kardiologie zu evaluieren. Der HVT ist ein sicheres, kostengünstiges und diagnostisch wertvolles Instrument zur Identifikation des HVS. Er fördert das Verständnis der Patient/-innen für ihre Symptome, durchbricht den Panik-Hyperventilations-Zyklus und ermöglicht eine unmittelbare therapeutische Intervention durch Atemschulung. Dieses einfache, kostengünstige Diagnosewerkzeug scheint in der ambulanten kardiologischen Praxis deutlich zu wenig genutzt zu werden und verdient eine breitere Anwendung.

Hyperventilation syndrome (HVS) is a common disorder that often goes unrecognized in cardiology practice. Resulting from hypocapnia and respiratory alkalosis, it causes a wide range of symptoms such as dizziness, chest discomfort, tachycardia, and syncope. This article presents a study that aimed to evaluate the diagnostic and therapeutic value of the hyperventilation test (HVT) in outpatient cardiology. The HVT is a safe, inexpensive, and diagnostically useful tool for identifying HVS. It helps patients understand their symptoms, breaks the panic–hyperventilation cycle, and allows immediate therapeutic intervention through breathing training. This simple, low-cost diagnostic tool appears to be markedly underused in outpatient cardiology practice and deserves broader application.
Keywords: Hyperventilation syndrome, Hyperventilation test, Breathing training

Fallbericht: Hyperventilationsschulung bei Herzpatientin mit Belastungsintoleranz

Eine 72-jährige Patientin hatte eine komplexe Herzanamnese mit intermittierendem Vorhofflimmern seit 2012, einem junktionalen Ersatzrhythmus nach Amiodaron-Therapie, einer definitiven Herzschrittmacherimplantation im Mai 2023, prognostisch relevanter Karotis-Atherosklerose, arterieller Hypertonie, Hypercholesterinämie, Typ-II-Diabetes mellitus, Adipositas (BMI 32,3), obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom, Asthma bronchiale sowie ehemaligem Nikotinkonsum (20 Packungsjahre, seit 2005 rauchfrei).

Bei der Vorstellung im August 2025 berichtete die Patientin über eine schwere Belastungsintoleranz mit Angstzuständen und rascher Erschöpfung, sodass sie bereits nach etwa 100 Metern Gehen anhalten und sich ausruhen musste. Schon bei minimaler Anstrengung verspürte sie ausgeprägte Angst und Atemnot, was sich trotz optimaler kardiologischer Behandlung progredient verschlechtert hatte. Brustschmerzen verneinte sie, beschrieb jedoch überwältigende Angst und das Gefühl, bei körperlicher Aktivität «nicht genug Luft zu bekommen».

Die körperliche Untersuchung zeigte eine Patientin in gutem Allgemeinzustand ohne akute Beschwerden in Ruhe. Die Vitalzeichen waren stabil, der Blutdruck bedurfte jedoch einer weiteren Optimierung. Kardiovaskulär zeigte sich ein regelmässiger stimulierter Herzrhythmus. In der Echokardiographie fand sich eine erhaltene linksventrikuläre Ejektionsfraktion von 65 % mit normaler regionaler Wandbewegung, eine leichte Dilatation des linken Vorhofs sowie leichte degenerative Veränderungen der Mitral- und Aortenklappe mit leichter Mitralinsuffizienz; zudem bestand eine leichte pulmonale Hypertonie. Perikardergüsse oder strukturelle Anomalien lagen nicht vor. Der Belastungstest wurde bei 78 Watt (61 % der vorhergesagten Kapazität) wegen Ermüdung ohne Angina pectoris abgebrochen; es trat lediglich eine leichte Dyspnoe ohne Hyperventilationssymptome auf. Die Herzfrequenz stieg auf 130 Schläge/min bei einer Blutdruckreaktion von 160/59 mmHg. Unter stimuliertem Rhythmus traten keine relevanten Arrhythmien auf. Die Stressechokardiographie zeigte eine hyperdynamische linksventrikuläre Funktion ohne signifikante Wandbewegungsstörungen, die auf eine Myokardischämie hingedeutet hätten. Die Pulsoxymetrie war mit 95 % normal. Es zeigte sich ein peak-systolisches transtrikuspidales Flussmuster sowie eine normale systolische Auslenkung der Trikuspidalklappenebene (TAPSE) von 30 mm, entsprechend einem normalen TAPSE-zu-systolischem Pulmonalarteriendruck-Verhältnis von 1.20. In der Karotis-Sonographie fand sich eine Gesamtplaquefläche von 160 mm² (arterielles Alter von 93 Jahren) ohne signifikante Karotisstenose.

Der entscheidende diagnostische Durchbruch gelang durch die Durchführung eines Hyperventilationstests. Dabei konnten die Symptome der Belastungsintoleranz durch freiwillige Hyperventilation in Ruhe vollständig reproduziert werden, was die Diagnose eines Hyperventilationssyndroms als primäre Ursache der Belastungslimitation bestätigte.

Nach Diagnosesicherung erhielt die Patientin eine umfassende Anleitung zu korrekten Atemtechniken während körperlicher Aktivität. Die Reaktion auf diese Hyperventilationsschulung war bemerkenswert: Bereits innerhalb einer Woche berichtete die Patientin über eine deutliche Verbesserung ihrer Belastbarkeit. Bei der Nachkontrolle nach 7 Tagen konnte sie ohne Schwierigkeiten über 2 Kilometer gehen, dies angstfrei, und auch die Sturzangst war vollständig verschwunden. Die Verbesserung von einer Gehstrecke < 100 m auf diese funktionelle Leistungsfähigkeit entsprach einer mehr als 20-fachen Steigerung der Belastungstoleranz. Die Patientin zeigte sich dankbar, endlich die Ursache ihrer Symptome verstanden zu haben und über praktische Strategien zur Bewältigung zu verfügen. Nebenwirkungen der Ateminstruktion traten nicht auf, und das Vertrauen der Patientin in körperliche Aktivität war weitgehend wiederhergestellt.

Hintergrund

Hypokapnie infolge einer respiratorischen Alkalose mit einem Blut-pH von über 7.45 hat verschiedene Auswirkungen wie Schwindel, Brustbeschwerden, Tachykardie, kribbelnde Parästhesien bis hin zu Synkopen. Entsprechend ist das Hyperventilationssyndrom vielgestaltig, variiert in seinem Schweregrad und wird von den Patientinnen und Patienten meist nicht als vermehrtes Atemvolumen wahrgenommen: Häufig leiden sie sogar unter Luftnot oder atmen unbewusst zu schnell. Der Hyperventilationstest reproduziert die für die Betroffenen typischen Hyperventilationssymptome, wodurch sich eine wichtige therapeutische Option eröffnet.

Obwohl frühe Studien die Spezifität der Hyperventilations-Provokationstests in Frage stellten (1), konzentrierten sich diese Untersuchungen vor allem auf psychiatrische Populationen und verwendeten subjektive Symptomwiedererkennung als Endpunkte. In der heutigen kardiologischen Anwendung kommen objektive physiologische Messungen und standardisierte Protokolle zum Einsatz, die die methodischen Limitationen der früheren Forschung adressieren.

Zielsetzung

Da das Hyperventilationssyndrom in der Praxis nicht ausreichend bekannt ist, wurden in einer kardiologischen Praxis alle Patientinnen und Patienten mit Hyperventilationstest und entsprechenden klinischen Merkmalen erfasst. Auf Basis dieser Daten und einer Literaturübersicht wird der Stellenwert des Hyperventilationstests in der kardiologischen Praxis eingeordnet.

Methode

Datenerhebung

Alle Krankenakten aus dem Kardiolab (N = 13 445) aus den Jahren 2010–2022 wurden mit DocFetcher (https://docfetcher.sourceforge.io/) nach dem Stichwort «Hyperventilationtest» durchsucht, und die Akten von Patientinnen und Patienten mit Hyperventilationstests wurden hinsichtlich bestimmter Merkmale ausgewertet.

Testdurchführung

Das standardisierte Hyperventilationstest-Protokoll wurde immer im Anschluss an eine diagnostische Ergometrie oder Belastungs-Echokardiographie durchgeführt, um ein sekundäres Hyperventilationssyndrom weiter auszuschliessen. Nach einer Erholungsphase von 4 Minuten nach der Belastung wurden die Patientinnen und Patienten aufgefordert, tief und schnell mit einer Frequenz von etwa 30 Atemzügen pro Minute für maximal 4 Minuten oder bis zum Auftreten von Symptomen zu hyperventilieren. War der Hyperventilationstest positiv (z. B. wenn die Betroffenen ihre Beschwerden aus dem Alltag wiedererkannten), wurden sie anschliessend angeleitet, langsam mit 4 Atemzügen pro Minute zu atmen: Beginn mit tiefer Inspiration und kurzem Plateau-Atemanhalten, langsame Exspiration mit Lippenbremse, langsame Inspiration, Atemzyklusdauer 15 Sekunden für 1–2 Minuten oder bis die hyperventilationsassoziierten Symptome verschwanden. Im Anschluss an den Test erfolgte eine Erklärung des Mechanismus der Symptomentstehung durch Hyperventilation (CO₂-Abatmung mit konsekutivem pH-Anstieg). Unser Protokoll unterscheidet sich in mehreren entscheidenden Punkten von früheren Untersuchungen: (1) kardiovaskulär fokussierte Selektionskriterien, (2) standardisierte 4-minütige Hyperventilationsdauer mit EKG- und blutdrucküberwachter Erholungsphase, (3) objektive Symptomlinderung als therapeutischer Endpunkt und (4) Integration in die Belastungs-Echokardiographie zur Ausschlussdiagnostik sekundärer Ursachen.

Ergebnisse

Der Hyperventilationstest wurde bei 72 Personen durchgeführt. Das mittlere Alter betrug 50.5 Jahre (30–81 Jahre; Männer 51 Jahre, Frauen 49 Jahre), 37 waren weiblich (51 %). Bei 13 % liessen sich die Alltagssymptome durch den Hyperventilationstest nicht reproduzieren. Bei den 87 % mit positivem Hyperventilationstest traten Schwindel in 92 %, ein Schwächegefühl in 64 %, Kribbeln am Körper in 35 % und Brustbeschwerden in 18 % auf. Ein primäres Hyperventilationssyndrom lag bei 85 % vor; 1 % (eine Patientin nach Myokardinfarkt) litt an einem sekundären Hyperventilationssyndrom infolge einer Linksherzinsuffizienz. Panikattacken wurden von 57 % und Depressionen von 28 % der Betroffenen angegeben. 85 % empfanden die Instruktionen als hilfreich, und bei 26 % waren sie auch langfristig hilfreich. Frühere Hospitalisationen wegen Panikattacken oder Hyperventilationssymptomen lagen bei 7 % vor. Während des Hyperventilationstests wurden bei keiner Person ischämietypische EKG-Veränderungen festgestellt. Alle Ereignisse und anamnestischen Hinweise traten bei Männern und Frauen praktisch gleich häufig auf (Tab. 1). Weitere Diagnosen bei Personen mit positivem Hyperventilationstest waren arterielle Hypertonie (N = 4), Asthma (N = 4), Atherosklerose (N = 6), anamnestisch vasovagale Ereignisse (N = 8), bekannte koronare Herzkrankheit (N = 4), Bradykardie (N = 1), nicht-ischämische Kardiomyopathie (N = 2), Aortendilatation 63 mm (N = 1) sowie COPD (N = 1). Bei 32 Personen lagen keine relevanten Begleiterkrankungen vor.

Diskussion

Reproduzierbarkeit der Symptome und unmittelbarer Nutzen des Tests

In unserer Gruppe von 72 Personen, bei denen nach dem Belastungstest aufgrund relevanter Hyperventilationssymptome im Alltag ein Hyperventilationstest durchgeführt wurde, konnten bekannte Symptome wie Schwindel (92 %), allgemeine Schwäche (64 %) und Kribbeln (35 %) reproduziert werden. Der Test wurde selbstverständlich beendet, sobald die Betroffenen angaben, dass die Hyperventilation zu den aus dem Alltag bekannten Symptomen führte. In den meisten Fällen wurde den Personen durch den Hyperventilationstest erstmals der Zusammenhang zwischen Hyperventilation und ihren Beschwerden im Alltag bewusst, und praktisch alle empfanden die Instruktionen und die anschliessende Atemübung als hilfreich und nachvollziehbar. Bei den wenigen mit Nachbeobachtung waren diese Instruktionen nachhaltig und hilfreich; aufgrund fehlender Follow-up-Daten lässt sich der Effekt jedoch nicht verlässlich quantifizieren. Der Hyperventilationstest selbst führte dank rechtzeitiger Terminierung zu keinen ischämietypischen EKG-Veränderungen oder relevanten Nebenwirkungen. Sporadisch löste der Test eine Panikattacke aus, die im kardiologischen Betreuungssetting aber stets rasch kontrolliert werden konnte.

Klinischer Kontext, Komorbiditäten und Prävalenz

Die Betroffenen hatten meist eine Vorgeschichte von Panikattacken, seltener eine Depressionsanamnese, und erlebten die hyperventilationsassoziierten Symptome teils sehr intensiv, teils begleitet von Todesangst, teils mit Hospitalisationen oder verschiedenen spezialärztlichen Abklärungen, besonders neurologischer Art.

Die Prävalenz des Hyperventilationssyndroms wird sehr unterschiedlich angegeben und liegt in internistischen Praxen zwischen 3–20 % (2). Die Prävalenz des primären Hyperventilationssyndroms ist aufgrund seiner Vielfalt sowie der Schwierigkeiten der internationalen Krankheitskodierung (ICD) schwer zu bestimmen (3).

Das Hyperventilationssyndrom ist nicht trivial, insbesondere bei ausgeprägter Hypokapnie, da es verschiedene pathophysiologische Veränderungen verursacht, z. B. eine reduzierte Myokardperfusion durch Koronarspasmen (4), periphere Gefäss- und karpopedale Spasmen sowie möglicherweise Arrhythmien und EKG-Veränderungen infolge eines Elektrolytungleichgewichts von Kalzium und Kalium (5), eine reduzierte zerebrale Perfusion bis zur Synkope (6), Durchfälle während Panikattacken, die durch Hyperventilation verstärkt werden können (7), sowie tetanieähnliche Krämpfe (Pfötchenstellung), die während eines Anfalls gefährlich sein können, z. B. beim Führen eines Fahrzeugs (8).

Evidenzlage, Limitationen und praktische Konsequenzen

Die wichtigste Herausforderung für die Hyperventilationstestung geht auf Arbeiten von Hornsveld, Garssen und Kolleginnen und Kollegen zurück. Deren doppelblinde, placebokontrollierte Studie von 1996 im Lancet stellte die Validität des Tests grundlegend in Frage (1). Mehrere methodische Aspekte schränken jedoch die Übertragbarkeit dieser Schlussfolgerungen auf die heutige kardiologische Praxis ein: In Hornsvelds Studie wurden Patientinnen und Patienten mit unspezifischen Symptomen eingeschlossen, die wegen Verdachts auf Hyperventilationssyndrom überwiesen worden waren, nicht aber Personen, die strenge klinische Kriterien für hyperventilationsassoziierte kardiovaskuläre Symptome erfüllten. Zudem ist die Verwendung isokapnischen Überatmens als «Placebo»-Kontrolle für kardiovaskuläre Anwendungen potenziell problematisch.
Aktuelle Evidenz unterstützt kardiovaskuläre Indikationen für den Hyperventilationstest, und neuere Metaanalysen widersprechen den Schlussfolgerungen früherer Kritikstudien direkt (1): Die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Boivin-Proulx et al. aus dem Jahr 2024 zeigt eine robuste diagnostische Leistungsfähigkeit der Hyperventilationstestung bei vasospastischer Angina pectoris, mit gepoolten Spezifitäten von 78 % bis 99 % je nach verwendeter diagnostischer Modalität (9). Die Class-IIa-Empfehlung der Japanese Circulation Society für Hyperventilationstests bei vasospastischer Angina pectoris wird durch umfangreiche klinische Validierung an mehreren Institutionen gestützt (10). Die japanischen Leitlinien betonen dabei insbesondere die Rolle des Tests als nicht-invasives Screening-Instrument vor einer invasiven Acetylcholin-Provokation und adressieren damit direkt die Sicherheits- und Kosteneffektivitätsbedenken der Kritiker.

Moderne Anwendungen fokussieren auf messbare kardiovaskuläre Reaktionen statt auf subjektive Symptomwiedererkennung. Nakao et al. zeigten eine Spezifität von 100 % für die Diagnose von Koronarspasmen, wenn EKG-Veränderungen als Endpunkte verwendet wurden, bei einer Sensitivität von 62 % in einer Kohorte von 389 Patientinnen und Patienten (11). Dieses Vorgehen eliminiert den subjektiven Bias, der frühere Validitätsstudien beeinträchtigte. Somit etablieren diese Arbeiten den Platz des Hyperventilationstests in der Kardiologie, indem er die Ursache von Brustschmerzen kosteneffektiv und nicht-invasiv differenzieren hilft. Eine jüngere Anwendung bei post-COVID-assoziierter respiratorischer Dysfunktion unterstreicht die Relevanz des Tests für aktuelle klinische Herausforderungen (12). Dies widerspricht der Kritik, Hyperventilationstestung sei veraltet. Der eukapnische Hyperventilationstest wird in der Schweiz zudem bei Sportlerinnen und Sportlern eingesetzt (13).

Panikattacken und Hyperventilationsattacken stehen in einer bidirektionalen Beziehung: Eine Panikattacke löst häufig eine Hyperventilationsattacke aus, und die hyperventilationsassoziierten Symptome wiederum erhalten oder verstärken die Panikattacke im Sinn eines «Teufelskreises» (14). Das ist ein weiterer Grund, weshalb es ­wichtig ist, dass Betroffene durch eine kurze (!) Hyperventilation die Körperreaktion kennenlernen und die vermeintlichen Gefahren der Symptome einordnen können (15). In unserer Beobachtungsserie war dies für die meisten hilfreich.

Der Provokationstest wird jedoch nicht immer empfohlen, unter anderem wegen der als gering eingeschätzten Spezifität (16) und weil Panikattacken ausgelöst werden können. Auch deshalb sollte der Hyperventilationstest nur kurz dauern und beim ersten Auftreten von Symptomen beendet werden.

Ein ernsthafteres Problem besteht, wenn unter der Annahme eines primären Hyperventilationssyndroms tatsächlich eine sekundäre Hyperventilation vorliegt, also eine organische Ursache. Natürlich müssen alle organischen Ursachen einer Hyperventilation klinisch, laborchemisch oder bildgebend ausgeschlossen sein (Abb. 1).

Der Hyperventilationstest sollte zudem nur bei Personen durchgeführt werden, deren Anamnese aufgrund von Schwindel und insbesondere kribbelnden Parästhesien auf Hyperventilation als Ursache hindeutet, also wenn eine hohe Prä-Test-Wahrscheinlichkeit für hyperventilationsassoziierte Symptome besteht. Zu klären bleibt, in welchem Ausmass der Test standardisiert werden sollte und wie sein Stellenwert in der alltäglichen medizinischen Praxis besser eingeführt und validiert werden kann (17).

Schlussfolgerungen

Der Hyperventilationstest hat sich im kardiologischen Setting als hilfreich erwiesen für das Management von Personen mit Hyperventilationssymptomen, nachdem sekundäre Formen der Hyperventilation ausgeschlossen wurden. Er hilft, den bidirektionalen Effekt von Panik und Hyperventilation zu durchbrechen, indem die Betroffenen lernen, welche Symptome auf Hyperventilation zurückzuführen sind, und diese anschliessend innerhalb weniger Minuten durch korrekte Atemübungen vollständig zum Abklingen bringen können. Hyperventilation ist eine ernstzunehmende Störung mit wichtigen physiologischen Reaktionen und potenziell schweren Komplikationen. Für die meisten Betroffenen war die Erfahrung der hyperventilationsassoziierten Symptome lehrreich und wurde dankbar angenommen. Auf Grundlage der hier dargestellten Beobachtungen wird der Hyperventilationstest in der täglichen ambulanten kardiologischen Praxis vermutlich zu wenig eingesetzt. In der Schweiz sind weitere Studien und Leitlinien zur Beurteilung einer hyperventilationsassoziierten myokardialen Hypoperfusion angezeigt, um die Wirksamkeit des Hyperventilationstests bei Personen mit Panikattacken und begleitenden Hyperventilationssymptomen besser zu definieren und zu standardisieren.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Michel Romanens

Facharzt FMH für Kardiologie u. Innere Medizin
Spitalstrasse 9
4600 Olten

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Der Hyperventilationstest ist ein sicheres, kostengünstiges Verfahren, das in 87 % der Fälle typische Beschwerden zuverlässig reproduziert.
  • Ein primäres Hyperventilationssyndrom ist häufig und geht oft mit Panikattacken (57 %) und Depressionen (28 %) einher.
  • Therapeutischer Nutzen durch Atemschulung: 85 % der Patient/-innen empfanden die Übungen als hilfreich, bei 26 % hielt die Wirkung langfristig an.
  • Unterdiagnostiziert in der Kardiologie: Trotz hoher klinischer Relevanz wird der Hyperventilationstest bislang zu selten genutzt – er sollte breiter in der Praxis etabliert werden.

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Kardiale Amyloidose: Ein Update

Die kardiale Amyloidose entsteht durch die Ablagerung fehlgefalteter Proteine in Form von Amyloidfibrillen. Die beiden häufigsten Formen mit Herzbeteiligung sind die Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose (AL) und die Transthyretin-Amyloidose (ATTR), die entweder als Wildtyp (ATTRwt) oder als hereditäre Variante (ATTRv) vorkommt. In den letzten Jahren hat sich im Bereich der kardialen Amyloidose viel getan: Ein besseres Verständnis der Pathophysiologie, Fortschritte in der Bildgebung und die Entwicklung neuer Therapien haben diese Krankheitsbilder stark verändert. Was einst als seltene Krankheit mit einer sehr ungünstigen Prognose galt, hat sich mittlerweile zu einer Krankheit entwickelt, die viel häufiger auftritt als bisher angenommen und für die zunehmend mehr Therapien zur Verfügung stehen.

Cardiac amyloidosis results from the deposition of misfolded proteins in the form of amyloid fibrils. The two most common subtypes affecting the heart are light-chain (AL) amyloidosis and transthyretin (ATTR) amyloidosis, which occurs either in the wild-type form (ATTRwt) or in a hereditary variant (ATTRv). In recent years, major advances have been made in the field of cardiac amyloidosis: a better understanding of the pathophysiology, progress in imaging, and the development of new therapies have profoundly changed this field. What was once considered a rare disease with a devastating prognosis has now developed into a disease that occurs much more frequently than previously thought and for which more treatment strategies are available.
Keywords: Kardiale Amyloidose, Transthyretin, Herzinsuffizienz

Die kardiale Amyloidose galt lange als seltene, kaum behandelbare Erkrankung mit schlechter Prognose. Durch Fortschritte in Diagnostik und Therapie hat sich das Bild jedoch gewandelt: Die Erkrankung wird heute häufiger und in früheren Stadien erkannt, und neue Wirkstoffe verändern den klinischen Verlauf nachhaltig. Diese Übersicht zeigt, wie sich Diagnostik, Bildgebung und Therapieansätze in den letzten Jahren weiterentwickelt haben und welche Herausforderungen nun im Vordergrund stehen.

Veränderung der Studienpopulation

Die Patienten mit kardialer Amyloidose, die wir im klinischen Alltag sehen, haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Dank des erhöhten Bewusstseins der Kardiologen für das Krankheitsbild und der verbesserten Diagnosemöglichkeiten wird die kardiale Amyloidose immer früher erkannt. Eine kardiale Amyloidose wird zunehmend bei der Abklärung von Patienten mit Herzinsuffizienz und erhöhter Wanddicke (über 12 mm) aber auch in anderen klinischen Szenarien (z. B. low-flow low-gradient Aortenstenose, hypertrophe Kardiomyopathie oder bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion) vermutet. Patienten mit beidseitigem Karpaltunnelsyndrom als Ausdruck von frühen Amyloid-Ablagerungen werden systematischer auf eine zugrundeliegende Amyloidose untersucht, und Zufallsbefunde bei Biopsien oder typische Muster im Herz-MRI tragen ebenfalls zur früheren Diagnose bei. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass Patienten mit kardialer Amyloidose heute meist in einem früheren Krankheitsstadium diagnostiziert werden. Dies widerspiegelt sich auch in den aktuelleren klinischen Studien, bei denen die Erkrankung weniger fortgeschritten ist als in früheren Studien. Wie Tab. 1 zeigt, unterscheiden sich die Studienpopulationen der grossen klinischen Studien. Neuere Studien haben zunehmend Patienten in früheren Krankheitsstadien mit niedrigerer Mortalität eingeschlossen. Nichtsdestotrotz: Die Studien bestätigen auch ein besseres Therapieansprechen in früheren Krankheitsstadien (z.B. NYHA Klasse 1 und 2 oder NT-proBNP < 2000 ng/L) (1).

Fortschritte in der Bildgebung

Fortschritte in der Bildgebung haben das Feld bereits grundlegend verändert. So ermöglicht die SPECT mit knochenaffinen Tracern (99mTc-DPD, -PYP, -HMDP) eine frühzeitige und verlässliche nicht-invasive Diagnose der kardialen ATTR-Amyloidose, wodurch eine Endomyokardbiopsie (EMB) in den meisten Fällen überflüssig geworden ist. Wenn man mittels Serum- und Urin-Immunfixation sowie freier Leichtketten im Serum eine AL-Amyloidose ausgeschlossen hat – und das ist zentral bei jedem Verdacht auf eine kardiale Amyloidose –, erhält man mit einem Perugini-Grad 2 oder 3 eine 100 %ige Spezifität zur Diagnostik der ATTR-Amyloidose (2). In sehr frühen Krankheitsstadien nimmt die Sensitivität jedoch leicht ab: Oftmals wird dann ein Perugini-Grad 1 gefunden, der weiter abgeklärt werden muss (z.B. mittels Herz-MRI oder EMB). Abb. 1 illustriert diese Herausforderung. Der exemplarische Fall zeigt frühe Hinweise für eine kardiale Amyloidose in der Bildgebung und, dass auch ein milder, fokaler Uptake in der SPECT/CT eine weiterführende Diagnostik erfordert. Diese Fälle repräsentieren oft frühe Amyloidablagerungen ohne manifeste Amyloidose, deren natürlicher Verlauf bislang wenig verstanden ist (3). Besonders bei sehr früher Erkrankung hat das Amyloid-PET eine höhere Sensitivität (4). Im Gegensatz zu den knochenaffinen SPECT-Radiotracern sind PET-Radiotracer speziell dafür entwickelt worden, direkt an Amyloidfibrillen zu binden. Dadurch ermöglichen sie eine sehr genaue Diagnose und eine Quantifizierung der Krankheitslast. Ursprünglich für die Alzheimer-Diagnostik entwickelt, werden diese Tracer zunehmend auch für die kardiale Amyloidose erprobt, sind jedoch für diese Indikation bislang noch nicht zugelassen. In zwei Phase-3-Studien werden die Genauigkeit und der Nutzen von 124I-Evuzamitide (REVEAL, NCT06788535) und 18F-Florbetaben (CArdiag, NCT05184088) aktuell getestet. Neben der Diagnostik spielt die Bildgebung eine immer wichtigere Rolle beim Monitoring des Therapieansprechens. Während die Echokardiographie als kostengünstiges und breit verfügbares Verfahren strukturelle und funktionelle Veränderungen abbilden kann, zeigen sich Veränderungen hier frühestens nach 18 Monaten. Demgegenüber können das kardiale MRI oder das Herz-PET bereits frühe Veränderungen unter Therapie visualisieren (5, 6).

Technologische Entwicklungen

In den vergangenen Jahren wurde die künstliche Intelligenz (KI) trainiert und validiert, um eine kardiale Amyloidose im EKG, der Echokardiographie, dem kardialen MRI, der Szintigraphie und in der Pathologie mit hoher diagnostischer Genauigkeit zu erkennen (7). So konnte in einer kürzlichen Studie die kardiale Amyloidose mittels KI im EKG und in der Echokardiographie um bis zu 3 Jahre früher erkannt werden (8). Das kann den Patienten potentiell einen schnelleren Zugang zur Therapie ermöglichen und die Krankheit früher stabilisieren. Neben den KI-basierten Verfahren zeigen auch automatisierte Auswertungen von elektronischen Gesundheitsakten Potenzial. So konnte ein Scoring-System, das unter anderem auf ICD-10-Diagnosen und Laborwerten basiert, Patienten mit erhöhtem Risiko für kardiale Amyloidose identifizieren (9). Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse ist die Evidenzlage für den Einsatz solcher KI-gestützten und datenbasierten Tools bislang gering (10). Es gibt noch keine prospektiven Studien und auch kaum Daten zur Umsetzung im klinischen Alltag. Diese Lücken müssen geschlossen werden vor einer breiten klinischen Einführung dieser Tools.

Neue Therapieansätze

Aktuelle Behandlungen der kardialen Amyloidose setzen bei den Amyloidvorläuferproteinen an. Bei der AL-Amyloidose sind dies Therapien, die gegen Plasmazellen im Knochenmark gerichtet sind und somit die amyloidogenen Leichtketten reduzieren. Bei der ATTR-Amyloidose zielen die Therapien dagegen auf das Transthyretin-Protein ab. Im Folgenden liegt der Fokus auf der ATTR-Kardiomyopathie (CM), da die AL-Amyloidose in enger Kooperation mit der Hämatologie behandelt wird und spezifischen Therapieprinzipien folgt. Für die ATTRwt-Amyloidose sind aktuell in der Schweiz Tafamidis und Vutrisiran zugelassen – letztere Substanz wird jedoch noch nicht vergütet. Aktuell befinden sich mehrere Medikamente im Zulassungsverfahren oder in Phase 3 klinischen Studien. Bei der ATTR-Amyloidose werden drei Therapieprinzipien unterschieden: Stabilisatoren, Suppressoren und Depletoren (Tab. 2). Als Stabilisator bereits zugelassen ist Tafamidis (11). Acoramidis ist ein weiterer Stabilisator, der in der Phase-3-Studie (ATTRibute-CM) die Mortalität und kardiovaskuläre Ereignisse reduziert hat und in der Schweiz nun im Zulassungsverfahren ist (12). Zu den Suppressoren zählen Gen-Silencing-Therapien wie Patisiran und Vutrisiran (small interfering RNA). In der Phase-3-Studie (HELIOS-B) zeigte Vutrisiran bei ATTR-CM eine Reduktion von Mortalität und kardiovaskulären Ereignissen und ist nun zugelasssen, aber noch nicht auf der Spezialitätenliste (13).

Inotersen, ein weiterer Suppressor, wird in der Schweiz nicht mehr angewendet, während Eplontersen mit günstigerem Nebenwirkungsprofil für die ATTRv-PN bereits zugelassen ist. Zusätzlich läuft die Phase-3-Studie (CARDIO-TTRansform, NCT04136171) für den Einsatz von Eplontersen bei ATTR-CM. Andererseits zählt zu den Suppressoren auch ein Gen-Editing-Ansatz, der auf der CRISPR-Cas9-Technologie basiert und ebenfalls in einer Phase-3-Studie (MAGNITUDE, NCT06128629) getestet wird. Die dritte Klasse, die Depletoren, beinhaltet beispielsweise den monoklonalen humanen Antikörper Cliramitug, welcher auf die direkte Entfernung von Amyloidfibrillen abzielt und sich derzeit in einer Phase-3-Studie befindet (DepleTTR-CM, NCT06183931).

Die Therapie der AL-Amyloidose unterscheidet sich grundlegend. Hier hat die Einführung wirksamer Therapien, die gegen Plasmazellen oder reife B-Zellen gerichtet sind, die Behandlung deutlich verändert. Ein besonderer Fortschritt war der Einsatz monoklonaler Antikörper gegen das Oberflächenprotein CD38, wie Daratumumab, der mit relativ wenigen Nebenwirkungen die Prognose der Patienten deutlich verbessert hat. Zusätzlich wurde der antifibrilläre Antikörper Anselamimab in einer Phase-3-Studie (CAEL-101) geprüft, konnte jedoch die primären Endpunkte nicht erreichen, sodass der klinische Nutzen derzeit unklar bleibt (14, 15).

Herausforderungen für die Zukunft

Trotz enormer Fortschritte in Diagnostik und Therapie bestehen weiterhin Herausforderungen. Die derzeit für die ATTRwt-CM zugelassenen Behandlungen können die Krankheit nicht rückgängig machen, und bei etwa 30–40 % der Patienten kommt es trotz Therapie weiterhin zu einem kardiovaskulären Ereignis oder sogar zum Tod. Vor diesem Hintergrund und der gleichzeitig wachsenden Anzahl an Therapieoptionen stellen sich zunehmend neue Fragen. Welche initiale Therapie ist für welchen Patienten am besten geeignet? Wie lässt sich das Ansprechen auf die Therapie zuverlässig beurteilen? Wann und unter welchen Bedingungen sollte von einem Wirkstoff auf einen anderen gewechselt werden? Und in welchen Situationen ist es sinnvoll, eine Therapie abzusetzen? Um diese Fragen beantworten zu können, sind grössere, multizentrische Studien mit langen Beobachtungszeiträumen notwendig. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Register, wie sie beispielsweise vom Schweizerischen Amyloidose-Netzwerk mit dem Schweizer Amyloidose Register (SAR) aufgebaut und kontinuierlich erweitert werden, da sie die Generierung grosser Mengen an Real-World-Daten ermöglichen (16). Diese Studien und Register müssen funktionelle Tests, Biomarker, patientenberichtete Outcomes sowie bildgebende Verfahren beinhalten, um Schwellenwerte für das Fortschreiten der Krankheit wie auch das Therapieansprechen festzulegen. Schlussendlich wird ein multimodaler Ansatz, der klinische Parameter, Biomarker und Bildgebung kombiniert, entscheidend sein, um personalisierte Therapiestrategien zu entwickeln und die Versorgung von Patienten mit kardialer Amyloidose weiter zu verbessern (17).

Korrigendum und Nachtrag zur Publikation „Kardiale Amyloidse: Ein Update“ vom Dezember 2025: Zum Zeitpunkt der Publikation war Eplontersen für die Indikation ATTRv-Polyneuropathie zugelassen und auf der Spezialitätenliste seit 01.07.2025 (Tabelle 2). Als Nachtrag möchten wir ergänzen, dass neu (Stand 01.04.2026) sowohl Acoramidis als auch Vutrisiran für ATTR-CM zugelassen und auf der Spezialitätenliste sind.

Amely Walser 1
Prof. Dr. med. Andreas J. Flammer 2
Dr. med. Rahel Schwotzer 3
PD Dr. med. Dominik C. Benz 1,2,4

1 Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, 8091 Zürich
2 Klinik für Kardiologie, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich
3 Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, 8091 Zürich
4 Advanced Clinician Scientist Programm, Universitäre Medizin Zürich (UMZH)

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@herz+gefäss 05/2025

Amely Walser

Klinik für Nuklearmedizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Dominik C. Benz

- Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsspital Zürich,
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
- Klinik für Kardiologie, Universitätsspital Zürich,
Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich
- Advanced Clinician Scientist Programm,
Universitäre Medizin Zürich (UMZH)

dominik.benz@usz.ch

Stipendien
Dr. Benz gibt an, ein Karrierestipendium des Advanced Clinician Scientist Programms der Universitären Medizin Zürich (UMZH) zu erhalten.

Amely Walser berichtet über keine Interessenkonflikte.
Dr. Flammer berichtet über Forschungsförderung von AstraZeneca und Novartis sowie Honorare von Alnylam, AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer, Roche und Vifor. Er ist nationaler Koordinator der DepleTTR-CM-Studie (Alexion/AstraZeneca).
Dr. Schwotzer berichtet über Forschungsförderung der Mach-Gaensslen-Stiftung; Förderung des Swiss Amyloidosis Registry durch Alnylam, AstraZeneca, SOBI und Pfizer; sowie Beratungshonorare von Alnylam, AstraZeneca und Johnson & Johnson.
Dr. Benz berichtet über Forschungsförderung der Olga Mayenfisch-Stiftung und der Immanuel-und-Ilse-Straub-Stiftung; investigator-initiierte Forschungsförderung von AstraZeneca und Life Molecular

  • Durch verbesserte Diagnostik und erhöhtes klinisches Bewusstsein werden Patienten heute in früheren Krankheitsstadien erkannt, wodurch der klinische Verlauf günstiger wird.
  • Die Entwicklung von KI-Modellen und insbesondere von amyloidbindenden PET-Tracern wird uns in Zukunft erlauben, die Pathologie vor der Erkrankung zu entdecken.
  • Für die kardiale ATTR-Amyloidose sind derzeit Tafamidis und Vutrisiran zugelassen, und Acoramidis befindet sich im Zulassungsverfahren. Weitere Therapien befinden sich in Phase-3-Studien und werden das Behandlungsspektrum künftig erweitern.
  • Mit der zunehmenden Zahl an Therapieoptionen wird die klinische Entscheidungsfindung komplexer. Ein multimodaler, personalisierter Ansatz unter Einbezug von Klinik, Biomarkern und Bildgebung ist entscheidend, um Therapieplanung und Monitoring individuell zu optimieren.

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Wirksame Prophylaxe bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen

Harnwegsinfekte (HWI) gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen bei Frauen und stellen aufgrund der zunehmenden antimikrobiellen Resistenzen (AMR) eine wachsende Herausforderung dar. Obwohl Antibiotika eine wirksame Therapie darstellen, sind sie mit Risiken wie Resistenzentwicklung, Nebenwirkungen und Störungen des Mikrobioms verbunden. Daher rücken nicht-antibiotische Präventionsstrategien für nicht-komplizierte, rezidivierende HWIs bei nicht-schwangeren Frauen zunehmend in den Fokus. Der Artikel beleuchtet die epidemiologischen Hintergründe, Risikofaktoren in verschiedenen Lebensphasen sowie differenzialdiagnostische Aspekte und stellt evidenzbasierte nicht-antibiotische Massnahmen wie Verhaltensänderungen, lokale Östrogentherapie oder Phytotherapeutika vor.

Urinary tract infections (UTIs) are among the most common bacterial infections in women and represent a growing challenge due to increasing antimicrobial resistance (AMR). Although antibiotics are an effective therapy, they are associated with risks such as development of resistance, side effects and disruption of the microbiome. Therefore, non-antibiotic prevention strategies for non-complicated, recurrent UTIs in non-pregnant women are increasingly coming into focus. The article highlights the epidemiological background, risk factors in different life stages as well as differential diagnostic aspects and presents evidence-based non-antibiotic measures such as behavioral changes, local estrogen therapy or phytotherapeutics.
Keywords: Harnwegsinfekte, Nicht-antibiotische Prophylaxe, Antimikrobielle Resistenzen, Urogenitales Mikrobiom

«Für einen Menschen ist es unmöglich, das zu erlernen, was er bereits zu wissen meint.»
Epiktet, griechischer Philosoph (ca. 50–138 n. Chr.)

Einführung

Antibiotika wirken sowohl beim akuten Harnwegsinfekt (HWI) als auch in der Prophylaxe rezidivierender HWI. Doch angesichts der Zunahme der antimikrobiellen Resistenzen (AMR) und der damit assoziierten Komplikationen sind wirksame Alternativtherapien und eine nicht-antibiotische Prophylaxe notwendig. Im folgenden Artikel sei – Epiktets Einsicht folgend – unser Blick auf in der Schweiz aktuell zur Verfügung stehende, wirksame alternative, nicht-antibiotische Präventionsansätze bei nicht-schwangeren Frauen mit wiederkehrenden nicht-komplizierten Harnwegsinfekten gerichtet. Damit leisten wir auch einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Antibiotikaresistenzen.

Definition

Ein HWI ist eine Infektion des Urogenitaltrakts mit typischen Symptomen einer Zystitis wie Dysurie, Harndrang, Pollakisurie, suprapubischem Schmerz oder Hämaturie. Beim aufsteigenden Infekt wie Pyelonephritis kommen Flankenschmerzen, Fieber, Übelkeit oder Erbrechen hinzu. Diagnostisch wegweisend sind eine Pyurie und eine positive Urinkultur mit Nachweis eines spezifischen Uropathogens. Ein HWI gilt als kompliziert bei anatomischen oder funktionellen Anomalien, Dauerkatheterisierung, Schwangerschaft oder Nierentransplantation. Rezidivierende HWIs sind mindestens 2 Infektionen innerhalb von 6 Monaten oder mindestens 3 innerhalb von 12 Monaten. Ein erneuter Infekt durch denselben Erreger innerhalb von 2 Wochen nach Therapieende heisst dagegen Relapse. Die Symptome einer idiopathischen überaktiven Blase oder eines Bladder-Pain-Syndroms ähneln gelegentlich einem HWI, was bei fehlender Besserung trotz Antibiotika und unauffälliger Urinanalyse bedacht werden sollte.

Epidemiologie

HWI zählen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen weltweit und zu den häufigsten bei der Frau: Jede zweite Frau erleidet in ihrem Leben einen HWI und jede vierte mehrere (1). Die erste Häufung fällt mit dem Beginn der sexuellen Aktivität zusammen, und die weiteren stehen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Menopause. 20 % aller Antibiotika im klinischen Alltag werden wegen HWI verordnet (2, 3). Damit lassen sich akute und rezidivierende HWI effizient behandeln, wenn nicht-antibiotische Therapien versagen (4–7). Weltweit übergeordnet steht dagegen eine der grössten medizinischen Herausforderungen: der Anstieg antimikrobieller Resistenzen (AMR) (Abb. 1) mit multiresistenten Erregern und eine dadurch substanzielle Zunahme der Morbidität und Mortalität (8). Dies beschäftigt auch die World Health Organisation WHO (https://www.who.int/health-topics/antimicrobial-resistance). Mittlerweile ist AMR weltweit eine der häufigsten Todesursachen und übertrifft HIV/AIDS oder Malaria. 2019 schätzte ein Review, dass AMR direkt zu 1.27 Millionen Todesfällen führte und bei weiteren 4.95 Millionen Todesfällen eine Rolle spielte (9). Daher werden dringend neue Antibiotika benötigt, doch Neuzulassungen sind rar.

Antimikrobielle Resistenzen

Erst seit kurzem steht mit Gepotidacin (FDA-Zulassung am 25.3.2025) ein neues Antibiotikum zur Behandlung unkomplizierter Harnwegsinfekte und der Gonorrhoe zur Verfügung (10). Dessen dualer Wirkmechanismus hemmt die bakterielle DNA-Gyrase und die Topoisomerase IV und könnte damit die Entwicklung von Resistenzen reduzieren. Ob dies in vivo funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Life finds a way, und so auch die Bakterien. Ob in neue Antibiotika investiert wird oder nicht, ist vor allem ein ökonomischer Entscheid. Doch mit einem rationalen Einsatz können AMR reduziert und unsere Gesundheitssysteme geschützt werden (11). Deshalb hat der Bundesrat am 26. Juni 2024 den One-Health-Aktionsplan im Rahmen seiner Strategie gegen Antibiotikaresistenzen (StAR) 2024–2027 gestartet (12). Ziel ist die Stärkung erfolgreicher Massnahmen und die Umsetzung von StAR mit verbindlichen, innovativen und nachhaltigen Massnahmen in Zusammenarbeit mit den Bundesämtern für Gesundheit, Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Landwirtschaft und Umwelt sowie den Kantonen und weiteren Akteuren. Somit sind präventive Massnahmen gegen HWI sinnvoll, um den Antibiotikaverbrauch und die Resistenzentwicklung zu reduzieren. Davon abgesehen ist der Antibiotikaeinsatz auch wegen folgender Nebenwirkungen nachteilig: Häufig treten gastrointestinale Beschwerden oder Vaginalsoor auf, seltener allergische Reaktionen oder, wie unter Nitrofurantoin, eine induzierte Lungenfibrose. Zudem kann die Beeinträchtigung des Mikrobioms von Blase, Scheide und Darm das Risiko für erneute Harnwegsinfektionen und andere Infektionen, wie z. B. mit Clostridioides difficile, erhöhen (4–7, 10) (13, 14). Auch die Nieren- und Leberfunktion der Patientinnen sollte bei einer Antibiotikatherapie berücksichtigt werden, ebenso wie mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, insbesondere bei älteren Patientinnen mit Polypharmazie. Übrigens endet der antibiotische Schutz erfahrungsgemäss nach Therapieende.

Kann auf Antibiotika verzichtet werden?

Doch wann ist der Einsatz von Antibiotika sinnvoll? Der Nachweis uropathogener Keime in der Urinkultur erfordert jedenfalls ohne Symptome eines HWI (asymptomatische Bakteriurie) ausserhalb von Schwangerschaft oder urologischen Eingriffen meist keine Antibiotikagabe. Auch bei einem nicht-komplizierten HWI kann zumindest bei ausgewählten Patientinnen ohne Vorgeschichte einer Pyelonephritis und bei einer Symptomdauer von maximal 5 Tagen symptomatisch für 48 Stunden ein nicht-antibiotischer Therapieversuch mit erhöhter Hydratation und nichtsteroidalen Entzündungshemmern unternommen werden (Guideline SSI).

Risikofaktoren für rezidivierende HWI

2012 kam es zum Paradigma-Wechsel: Urin ist auch bei gesunden Frauen nicht steril (15, 16). Überhaupt scheinen gewisse E. coli und Enterokokken einen protektiven Effekt zu haben (17). Wenn die antibiotische Therapie also nicht immer zielführend und mitunter kontraproduktiv ist, dann wären nicht-antibiotische Optionen sinnvoll. Ein wichtiger Ansatz ist somit die Reduktion von Risikofaktoren. Diese variieren für Frauen vor und nach der Menopause (Abb. 2). Zu den anatomischen Risikofaktoren zählen die periurethralen Schleimhäute, die kurze Urethra sowie die Abstände ihrer äusseren Mündung zu Vagina und Anus, was die Exposition gegenüber den meist der Darmflora entstammenden uropathogenen Keimen und deren Aufstieg in die Harnwege und damit HWIs begünstigt (18, 19). Und je kürzer diese Abstände, desto eher kommt es zu Rezidiven. Prämenopausale Risikofaktoren sind v.a. Geschlechtsverkehr, die Anwendung von Spermiziden, ein neuer Sexualpartner, wenn die eigene Mutter rezidivierende HWIs in der Anamnese hat, HWIs in der Kindheit sowie die Behandlung einer asymptomatischen Bakteriurie. Postmenopausale Risikofaktoren sind die atrophe Kolpitis infolge des Östrogenmangels, eine Zystozele und erhöhte Restharnmengen (20). Der Östrogenmangel und das dadurch veränderte Urothel mit verändertem urogenitalem Mikrobiom bzw. «Urobiom» erhöhen das Risiko für HWIs (21, 22).

Postmenopausale Frauen mit wiederkehrenden HWIs und täglicher Antibiotikaeinnahme zeigen ein verändertes Urobiom mit vermehrt anaeroben Bakterien im Vergleich zu Frauen ohne HWIs (23). Vermutlich ist aber nicht ein einzelner spezifischer Mikroorganismus im Urobiom mit rezidivierenden HWIs assoziiert, sondern vielmehr ein verändertes Gleichgewicht und Verhältnis bestimmter Lactobacillus-Arten zu den anaeroben Bakterien. Antibiotika beeinflussen das Mikrobiom negativ und erhöhen damit wiederum das Risiko für HWIs. Zukünftige therapeutische Strategien könnten auf die Beeinflussung des Urobioms abzielen.

Diagnostik

Bei rezidivierenden HWIs ist eine gynäkologische oder urogynäkologische Abklärung indiziert. Zur Basisabklärung gehören Anamnese (Beginn der HWIs, auslösende Faktoren, Begleiterkrankungen und Risikofaktoren), die Urinanalyse (Urinteststreifen, Urinsediment sowie Urinkultur mit Resistenzprüfung), die Erhebung des gynäkologischen Status (Beurteilung eines allfälligen Genitaldeszensus, der Trophik und des Nativpräparats) und die (sonographische) Restharnbestimmung. Die Sonographie des Harntrakts dient dem Ausschluss anatomischer Anomalien (Urethraldivertikel, Urolithiasis). Bei Risikofaktoren oder schmerzloser Hämaturie ist eine Zystoskopie im infektfreien Intervall indiziert. Zur Abgrenzung einer überaktiven Blase oder eines Blasenschmerzsyndroms bzw. einer interstitiellen Zystitis dienen die urodynamische Untersuchung und der Uroflow.

Therapie- und Prophylaxeoptionen

Akute HWIs können nach Möglichkeit in den ersten Tagen symptomatisch und antibiotikafrei behandeln werden (24). Bis zu 50 % der unkomplizierten HWIs heilen damit ab, es dauert dafür einige Tage länger (25, 26). Grosse Angst vor einem aufsteigenden Infekt muss man trotzdem nicht haben: Nur 0.4 bis 2.6 % der unkomplizierten HWIs entwickeln sich unbehandelt zu einer Pyelonephritis (27), welche sich typischerweise mit Fieber oder Flankenschmerzen zeigt. Zur Linderung von Blasenbeschwerden und zur Förderung der Heilung empfiehlt es sich, genügend zu trinken, was die Ausschwemmung der Bakterien begünstigt. Zusätzlich können nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder auch Phytotherapeutika helfen (26, 28). Letztlich sind Antibiotika den NSAR bei unkomplizierten Harnwegsinfekten überlegen, da sie auch eine bessere bakterielle Eradikation erzielen. Bei rezidivierenden HWIs wiederum stehen die Prophylaxe und das Erkennen und Reduzieren der Risikofaktoren im Vordergrund. Ausgewählte evidenzbasierte Massnahmen sind in Tab. 1 zusammengefasst.

PD Dr. med. David Scheiner 1, 2, 3
PD Dr. med. Daniele Perucchini 1
Dr. med. Olivia Ziviello 1
Dr. med. Rebecca Zachariah 2, 3
Dr. med. Sören Lange 2, 3
Dr. med.Nicole Keller 2, 3, 4
Prof. Dr. med. Cornelia Betschart 2, 3
1 Blasenzentrum Zürich, Gottfried Keller-Strasse 7, 8001 Zürich
2 Klinik für Gynäkologie, Universitätsspital Zürich, Frauenklinikstrasse 10, 8091 Zürich
3 Universität Zürich, Rämistrasse 71, 8006 Zürich
4 Gynäkologie und Geburtshilfe, Spital Grabs, Spitalstrasse 44, 9472 Grabs

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus info@gynäkologie 04/2025

PD Dr. med. David Scheiner 

Blasenzentrum Zürich
Gottfried Keller-Strasse 7
8001 Zürich

Klinik für Gynäkologie, Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10
8091 Zürich

Universität Zürich
Rämistrasse 71
8006 Zürich

Universität Zürich
Rämistrasse 71
8006 Zürich

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Die wachsende Problematik der Antibiotikaresistenzen ­erfordert die Anwendung und Entwicklung alternativer, nicht-antibiotischer Ansätze zur Prävention rezidivierender Harnwegsinfektionen.
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen sind definiert als ­mindestens zwei Infektionen innerhalb von sechs Monaten oder drei innerhalb von zwölf Monaten.
  • Anatomische und funktionelle Risikofaktoren unterscheiden sich bei prä- und postmenopausalen Frauen und beeinflussen die Anfälligkeit für Harnwegsinfektionen sowie die therapeu­tischen Massnahmen.
  • Bei akuten Harnwegsinfektionen kann zuerst eine symptomatische Behandlung ohne Antibiotika versucht werden.

1. Foxman B. Epidemiology of urinary tract infections: incidence, morbidity, and economic costs. Am J Med. 2002;113 Suppl 1A:5S-13S.
2. Wawrysiuk S, Naber K, Rechberger T, Miotla P. Prevention and treatment of uncomplicated lower urinary tract infections in the era of increasing antimicrobial resistance-non-antibiotic approaches: a systemic review. Arch Gynecol Obstet. 2019;300(4):821-8.
3. Bevölkerungsumfrage zu Antibiotikaresistenzen 2020. Schlussbericht im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG: Demo SCOPE AG; [updated 30.9.2020. Available from: https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/63835.pdf.
4. Ahmed H, Davies F, Francis N, Farewell D, Butler C, Paranjothy S. Long-term antibiotics for prevention of recurrent urinary tract infection in older adults: systematic review and meta-analysis of randomised trials. BMJ Open. 2017;7(5):e015233.
5. Zeng G, Zhu W, Lam W, Bayramgil A. Treatment of urinary tract infections in the old and fragile. World J Urol. 2020;38(11):2709-20.
6. Price JR, Guran LA, Gregory WT, McDonagh MS. Nitrofurantoin vs other prophylactic agents in reducing recurrent urinary tract infections in adult women: a systematic review and meta-analysis. Am J Obstet Gynecol. 2016;215(5):548-60.
7. S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI). AWMF Leitlinien-Register. 2024.
8. O‘Neill J. Tackling Drug-Resistant Infections Globally: Final Report and Recommendations. London: Wellcome Trust & UK Government Review on Antimicrobial Resistance; 2016.
9. Antimicrobial Resistance C. Global burden of bacterial antimicrobial resistance in 2019:a systematic analysis. Lancet. 2022.
10. FDA. Novel Drug Approvals for 2025 2025 [Available from: https://www.fda.gov/drugs/novel-drug-approvals-fda/novel-drug-approvals-2025.
11. Linhares I, Raposo T, Rodrigues A, Almeida A. Incidence and diversity of antimicrobial multidrug resistance profiles of uropathogenic bacteria. Biomed Res Int. 2015;2015:354084.
12. Strategie Antibiotikaresistenzen Bereich Mensch 2024 [Available from: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitsstrategien/strategie-antibiotikaresistenzen-schweiz.html.
13. Frey N, Bircher A, Bodmer M, Jick SS, Meier CR, Spoendlin J. Antibiotic Drug Use and the Risk of Stevens-Johnson Syndrome and Toxic Epidermal Necrolysis: A Population-Based Case-Control Study. J Invest Dermatol. 2018;138(5):1207-9.
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32. Huttner A, Kronenberg A, Hasse B, Galperine TK. Harnwegsinfekt (HWI). 2025.

Aktuelle Empfehlungen des Zürcher Gesprächs­kreises (ZGK) zur hormonalen Kontrazeption

Die hormonale Kontrazeption zählt zu den zuverlässigsten Methoden der reversiblen Empfängnisverhütung. Zusätzliche therapeutische und präventive Wirkungen sind ebenso wie unerwünschte Nebenwirkungen abhängig von der Art und Dosis der Estrogen- bzw. Gestagenkomponente, der Applikationsweise und der individuellen Disposition.

Grundsätzlich sind vor der Verschreibung von hormonalen Kontrazeptiva (Pille, Vaginalring, Pflaster, Spritze, Implantat, Hormonspirale) eine ausführliche Eigen- und Familienanamnese zu erheben und Risikofaktoren, z. B. Thrombophilie, Lebererkrankungen, maligne Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Rauchen, Adipositas, Alter, Hypertonie, psychische Erkrankungen und Ko-Medikation zu bewerten, vor allem bei der Erstverordnung.

Für die Auswahl der kombinierten Ovulationshemmer (KOH) sind Typ und Dosis der Estrogen- und Gestagenkomponente Orientierungshilfen. Es stehen Kombinationen mit Ethinylestradiol, mit Estradiolvalerat, Estradiol und Estetrol zur Verfügung. Klinisch relevante Partialwirkungen der verschiedenen Gestagene können sich individuell bemerkbar machen und erfordern ein empirisches Vorgehen. Dafür ist eine exakte Anamneseerhebung vor bzw. während der Anwendung erforderlich (z. B. Blutungsstörungen, Hautreaktionen, körperliche und psychische Befindlichkeit). Primär ist die Verordnung möglichst niedrig dosierter KOH – bezogen auf die jeweilige Estrogenkomponente – angezeigt. Es gibt grosse individuelle Unterschiede in der Pharmakologie der kontrazeptiven Steroide, wobei sowohl die Disposition als auch äussere Einflussfaktoren eine Rolle spielen (Nahrung wie z. B. Grapefruit, Medikamente etc.).

Aufgrund der bereits sehr unterschiedlichen gestagenen Wirkungen (z. B. Ovulationshemmdosis, Transformationsdosis) und der vielfältigen organabhängigen Partialwirkungen ist eine Einteilung in allgemeine Gestagenpotenzen nicht möglich. Das Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil wird von der verwendeten Gestagenkomponente beeinflusst. Voraussetzung für die kontrazeptive Sicherheit ist die korrekte Einnahme, denn die meisten ungewollten Schwangerschaften beruhen auf Einnahmefehlern. Aber auch Arzneimittelwechselwirkungen müssen berücksichtigt werden. Daher ist eine sorgfältige Beratung besonders bei der Erstverordnung erforderlich. Die erstmalige Einnahme oraler Präparate sollte am ersten Tag der Regelblutung erfolgen. Die Verlängerung des vorgegebenen hormonfreien Intervalls sowie das Vergessen von Tabletten im Folgezyklus innerhalb der ersten sieben Tage erhöhen das Risiko für das Eintreten einer Schwangerschaft.

1 Estrogene und Gestagene hemmen in synergistischer Weise die Ovulation. Die kontrazeptive Wirkung wird in erster Linie durch das Gestagen gewährleistet, so dass sich bei ausreichender Gestagendosierung eine sichere Kontrazeption erzielen lässt. Einen Anhaltspunkt für die adäquate Dosierung der Gestagenkomponente stellt die jeweilige Ovulationshemmdosis dar.

Wird Desogestrel oder Levonorgestrel ohne Estrogen verabreicht, ist die kontinuierliche Anwendung für eine sichere Kontrazeption notwendig. Bei Drospirenon mono Anwendung ist eine sichere Kontrazeption auch bei zyklischer Einnahme (24+4) gewährleistet.

Eine adäquate Kombination mit einem geeigneten Estrogen ist vor allem für die Zykluskontrolle wesentlich.

Werden Tabletten vergessen, steigt das Risiko für Zwischenblutungen und ungewollte Schwangerschaften; dies gilt besonders für die erste Einnahmewoche. Zwischenblutungen treten vor allem während der ersten drei Einnahmezyklen auf und gehen bei Fortführung der Einnahme zurück. Ein Präparatewechsel oder Abbruch wegen Zwischenblutungen ist deshalb in den ersten drei Monaten meist nicht sinnvoll.

2 Durch ihren Einfluss auf die Follikelreifung reduzieren KOH die endogene Estrogenproduktion. Bei oraler Applikation ist normalerweise EE in einer Dosierung von 20–30 µg bzw. Estradiol oder Estradiolvalerat in einer Dosierung von 1.5–2.0 mg ausreichend, um Estrogenmangelerscheinungen zu verhindern. Dies gilt möglicherweise nicht für junge Frauen mit eingeschränkter endogener Estradiolproduktion (z. B. durch Leistungssport, Anorexia nervosa), da auch niedrig dosierte KOH die Ovarien supprimieren und so das Erreichen der Peak-Bone-Mass gefährden können, was auch für parenteral verabreichte KOH und Gestagen-Monopräparate anzunehmen ist. Für Estetrol liegen noch keine Langzeitdaten bezüglich der Prävention von Estrogenmangelerscheinungen vor. Für die Zykluskontrolle spielt das Verhältnis zwischen Estrogen- und Gestagenwirkung eine Rolle. Die Anwendung von reinen Gestagenpräparaten ist häufig – zumindest während der ersten Monate – mit unregelmässigen Blutungen verbunden.

3 Hormonale Kontrazeptiva und andere Medikamente können sich durch pharmakologische Interaktionen in ihrer Wirkung abschwächen oder verstärken (z. B. Enzyminduktion oder -hemmung in der Leber und im Intestinaltrakt, Störung des enterohepatischen Kreislaufs). Derartige Effekte können auch nach Absetzen der Medikation bis zu einigen Wochen persistieren. Bei langfristiger Anwendung von Medikamenten, welche die kontrazeptive Sicherheit bzw. die Blutungsstabilität beeinträchtigen können, ist eine Einnahme im Langzyklus bzw. eine kontinuierliche Einnahme von monophasischen Kombinationspräparaten empfehlenswert. Bei einer kurzfristigen medikamentösen Therapie (z. B. gewisse Antibiotika), welche die Wirksamkeit hormonaler Kontrazeptiva abschwächen könnte, sind zusätzliche nicht-hormonale kontrazeptive Massnahmen anzuraten. Auch der Wirkverlust durch Diarrhöen und Emesis sollte beachtet werden.

4 Ernsthafte Nebenwirkungen treten unter der Anwendung hormonaler Kontrazeptiva selten auf und sind meistens von der individuellen Disposition abhängig. Vor der Erstverordnung sind eine sorgfältige Anamnese und Allgemeinuntersuchung incl. Blutdruckmessung erforderlich. Zu diesem Zeitpunkt sollte eine HPV-Impfung thematisiert werden. Die gynäkologische Untersuchung einschliesslich der Brust und ggf. der Entnahme einer Zervixzytologie/HPV-Testung im Verlauf sind anzuraten. Bei der Anamnese sind zu beachten: familiäre Häufung von thromboembolischen und anderen vaskulären Erkrankungen, maligne Erkrankungen; in der Eigenanamnese: zusätzliche Risikofaktoren wie z. B. Übergewicht, Rauchen, Hypertonie, entzündliche Darmerkrankungen, längere Immobilisierung und psychische Erkrankungen. Die Patientin sollte über die Symptome schwerwiegender Komplikationen (z. B. Thrombose, Lungenembolie, Depression) informiert werden. Eine regelmässige jährliche Überprüfung der Risikofaktoren (z. B. thrombo-embolische Anamnese, Hypertonie, Rauchen, Gewichtsveränderungen, neu aufgetretene Grunderkrankungen und/oder Medikamenteneinnahme) ist obligat, speziell eine Kontrolle des Blutdrucks und ggf. der Zervixzytologie/HPV-Testung. Bei Hinweisen auf eine entsprechende Disposition ist eine fachspezifische Abklärung zu empfehlen, z. B. des Hämostasesystems, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels. Ohne Vorliegen anamnestischer Hinweise ist ein solches Screening nicht gerechtfertigt. Das Risiko für arterielle wie auch für venöse Erkrankungen steigt mit dem Alter signifikant an und wird durch Rauchen und Adipositas erhöht. Die Anwenderin sollte angehalten werden, bei Auftreten von schwerwiegenden Nebenwirkungen umgehend den/die Arzt/Ärztin zu kontaktieren.

5 KOH dürfen nicht verordnet werden u.a. bei thromboembolischen Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und anderen Erkrankungen mit manifesten sekundären Gefässschäden, schwer behandelbarem Bluthochdruck und ausgeprägter Hypertriglyzeridämie, akuten und chronisch progredienten Lebererkrankungen, Störungen der Gallensekretion, intrahepatischer Cholestase, vorausgegangenen oder bestehenden Leberadenomen, -angiomen und -karzinomen sowie Mamma- und Endometriumkarzinomen. Die Fokal Noduläre Hyperplasie stellt keine Kontraindikation dar.

Bei relativen Kontraindikationen (z. B. Nikotinabusus > 15 Zigaretten/d oder BMI ≥ 35) muss über die Erst- bzw. ggf. Folgeverordnung individuell auf der Basis des aktuellen Wissensstandes entschieden werden. Bei thromboembolischen Erkrankungen können Gestagen-mono-Präparate angewendet werden. Depot-Medroxyprogesteronacetat ist jedoch ungeeignet. Frauen können niedrig dosierte KOH bis zur Menopause weiter einnehmen, wenn keine gesundheitlichen Risiken vorliegen. Über Alternativen soll die Patientin beraten werden und Nutzen und Risiko sollen individuell abgewogen werden.

6 KOH erhöhen das relative Risiko thromboembolischer Erkrankungen, insbesondere im ersten Einnahmejahr. Das thromboembolische Risiko wird durch den Estrogentyp und die Estrogendosis entscheidend beeinflusst. Gestagene modulieren diesen Effekt in unterschiedlichem Ausmass. Das thromboembolische Risiko bei der Anwendung des kontrazeptiven Pflasters oder Vaginalrings ist im Vergleich zur kombinierten Pille nicht vermindert. Das bei Langstreckenflügen erhöhte Thromboserisiko lässt sich durch geeignete Präventivmassnahmen reduzieren.

Eine aktuelle Meta-Analyse von 4 RCT hat gezeigt, dass das VTE-Risiko mit E2(V)-haltigen KOH mit einem signifikant niedrigeren Risiko im Vergleich zu EE-haltigen KOH verbunden ist. Für Estetrol/Drospirenon liegen noch keine Langzeitdaten hinsichtlich des thrombo-embolischen Risikos vor. Bei erhöhtem Thromboserisiko kann die Anwendung oraler Gestagen-Monopräparate, subkutaner Implantate oder eines Hormon- oder Kupfer-IUD in Erwägung gezogen werden.

7 Bei jungen, nicht adipösen Frauen, die nicht rauchen, sind vaskuläre Erkrankungen unter der KOH-Einnahme sehr selten. Für die Entstehung arterieller Erkrankungen (z. B. Hypertonie, koronare Herzerkrankungen) ist die individuelle Disposition von Bedeutung. Bei Vorliegen von Gefässschäden können KOH dieses Risiko – vor allem durch die vasokonstriktorische Wirkung der Gestagenkomponente – erhöhen. Bei bestehenden Gefässschäden können KOH akute Ereignisse (z. B. durch Destabilisierung vorhandener atherosklerotischer Plaques, Blutdruckerhöhung) auslösen. Die Entwicklung einer Atherosklerose wird durch die Einnahme von KOH nicht gefördert.

8 Anamnestisch vorbestehende Leberzelladenome und Leberangiome stellen eine Kontraindikation für hormonale Kontrazeptiva, einschliesslich der Gestagenmono-Präparate, dar. Hingegen sind Fokal-Noduläre Hyperplasien keine Kontraindikationen, sollten aber regelmässig sonographisch überwacht werden. Bei der Entstehung der extrem seltenen Leberzellkarzinome spielen andere Faktoren, wie z. B. Hepatitis B und C, eine Rolle. Bei Leberzellkarzinomen sind KOH kontraindiziert.

9 Es gibt keine Beweise, dass hormonale Kontrazeptiva Mammakarzinome induzieren. Ob sie das Brustkrebsrisiko beeinflussen, bleibt auch nach aktueller Datenlage kontrovers. Dem möglicherweise in absoluten Zahlen gering erhöhten Risiko für eine Brustkrebsdiagnose unter der Behandlung mit Kombinationspräparaten stehen zahlreiche gesicherte günstige Effekte gegenüber. Hierzu zählen das signifikant verminderte Risiko für Ovarial-, Endometrium- und kolorektale Karzinome sowie eine signifikant verminderte Gesamtmortalität. Der protektive Effekt nimmt mit der Anwendungsdauer zu.

Auch Frauen mit familiär erhöhtem Risiko für gynäkologische Tumoren (z. B. BRCA1/2-Mutationen) können KOH ohne weitere Risikosteigerung hinsichtlich des Mammakarzinoms einnehmen. Ebenso sinkt bei diesen Patientinnen das Risiko für Ovarialkarzinome signifikant ab.
Insgesamt steigt die Rate an Zervixkarzinomen mit der Dauer der Einnahme von KOH an. Dabei spielt das Sexualverhalten eine Rolle, da für die Entstehung von Zervixdysplasien onkogene Papillomaviren, die beim Sexualverkehr übertragen werden, verantwortlich sind. Die Bedeutung kontrazeptiver Steroide für die Pathogenese des Zervixkarzinoms ist ungeklärt. Durch regelmässige, sachgerechte Vorsorgeuntersuchungen, die auch während der Anwendung von hormonalen Kontrazeptiva obligat sind, lassen sich Zervixveränderungen frühzeitig erkennen und behandeln. Eine frühzeitige aktive Immunisierung gegen pathogene HP-Viren bietet einen weitgehenden Schutz vor der Entwicklung von Zervixdysplasien und damit auch von Zervixkarzinomen.

10 KOH sind – neben der Kontrazeption – zur symptomatischen Therapie von Zyklusstörungen, Dysmenorrhoe, Endometriose, Androgenisierungserscheinungen und katamenialen Erkrankungen, auch bei Jugendlichen, geeignet.

Ferner sind mit der Anwendung von KOH folgende günstige Wirkungen verbunden: Sie vermindern die Inzidenz verschiedener Erkrankungen wie z. B. gutartige Brustveränderungen, Ovarialzysten, aszendierende bakterielle Genitalinfektionen, Blutungsstörungen sowie Dysmenorrhoe. Zusätzlich reduzieren sie die Beschwerden bei verschiedenen zyklusabhängigen Erkrankungen, insbesondere bei Anwendung des Langzyklusschemas.

Bei Kontrazeptionsbedarf und ausgeprägter Akne, Hirsutismus, androgenetischer Alopezie oder Seborrhoe sind KOH, insbesondere mit antiandrogen wirksamen Gestagenen (Chlormadinonacetat, Dienogest, Drospirenon) in Kombination mit EE zu empfehlen. Cyproteronacetat mit EE ist nicht primär zur Kontrazeption zugelassen, wenngleich eine sichere Ovulationshemmung gegeben ist. Es ist zur Behandlung von schweren klinischen Androgenisierungserscheinungen nach Versagen von topischen Therapien indiziert.

Treten nach Absetzen der KOH unregelmässige Zyklen oder Amenorrhoe auf, so sind diese nicht Folge der vorherigen Behandlung. Auch eine prämature Ovarialinsuffizienz (POI) kann durch eine KOH- Einnahme maskiert werden. Bei perimenopausalen Frauen verhindern sie gleichzeitig einen durch Estrogenmangel bedingten Knochendichteverlust.

11 Angesichts französischer Registerdaten wird diskutiert, ob Gestagene der Pregnan- und Norpregnangruppe mit einer erhöhten Inzidenz von Meningeomen assoziiert seien. Bisher wurde kein kausaler Zusammenhang für die in KOH enthaltenen gering dosierten Gestagene (z. B. Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat, Nomegestrolacetat) bewiesen. Unabhängig davon gilt, dass hormonale Kontrazeptiva bei vorbestehenden Meningeomen kontraindiziert sind.

12 Auch durch eine langfristige Anwendung von KOH wird die Fertilität nach Absetzen nicht beeinträchtigt. Allerdings kann der Eintritt einer Schwangerschaft um einige Wochen verzögert werden. Nach Absetzen von Depot-Medroxyprogesteronacetat kann die Fertilität bis zu einem Jahr oder länger reduziert sein.

Hormonale Kontrazeptiva haben keine nachteiligen Auswirkungen auf den Verlauf einer nachfolgenden Schwangerschaft (z. B. Abortrisiko, Fehlbildungsrate), selbst wenn diese unmittelbar nach Absetzen eintritt. Es gibt keine Hinweise auf teratogene Effekte hormonaler Kontrazeptiva bei Einnahme während einer nicht erkannten Frühschwangerschaft.

Zürcher Gesprächskreis (in alphabetischer Reihenfolge): Martin Birkhäuser (Basel), Bettina Böttcher (Innsbruck), Ariane Germeyer (Heidelberg), Peyman Hadji (Frankfurt), Bruno Imthurn (Zürich), Alfred O. Mueck (Tübingen/Peking), Joseph Neulen (Aachen), Petra Stute (Bern), Christian Thaler (München), Inka Wiegratz (Frankfurt), Ludwig Wildt (Innsbruck) / www.zuercher-kreis-hormone.eu

Anmerkung: Der Zürcher Gesprächskreis (ZGK; www.zuercher-kreis-hormone.eu) ist ein Forum ausgewählter deutschsprachiger Expertinnen und Experten aus dem Bereich der gynäkologischen Endokrinologie. Er tagt zweimal jährlich und veröffentlicht industrieunabhängig Empfehlungen und Statements zur hormonalen Kontrazeption und zur Hormontherapie in der Peri und Postmenopause. Die vorliegende Zusammenfassung beruht auf aktueller Literatur und persönlicher Expertise des Gremiums, wobei keine einzelnen Referenzen zitiert werden. Sie spiegelt die Einschätzung des Gremiums zur jeweiligen Thematik wider und hat keinen Leitliniencharakter, sondern soll eine Hilfestellung im klinischen Alltag bieten. Die Treffen des Zürcher Gesprächskreises werden von den teilnehmenden Mitgliedern vollständig selbst finanziert. Dies beinhaltet Reise-, Unterkunfts-, Verpflegungs- und Raumkosten. Ein Sponsoring, z. B. durch die pharmazeutische Industrie, ist ausgeschlossen.

Inflammation als Risikofaktor bei Patienten mit etablierter atherosklerotischer Erkrankung

Atherosklerotische Erkrankungen bleiben trotz Kontrolle klassischer Risikofaktoren eine Hauptursache kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität, u. a. wegen eines entzündlich bedingten Restrisikos (RIR). Chronische subklinische Inflammation
fördert über das NLRP3-Inflammasom und die IL-1β/IL-6-Achse Plaque-Wachstum, -Instabilität und Thrombogenität. Biomarker wie hs-CRP und IL-6 korrelieren unabhängig von LDL-C mit Ereignissen und können zur Risikostratifikation beitragen. In der CANTOS-Studie senkte Canakinumab kardiovaskuläre Endpunkte, war jedoch mit mehr schweren Infektionen assoziiert. Niedrig dosiertes Colchizin reduziert nicht-tödliche Ereignisse moderat, ohne Mortalitätsvorteil, während Methotrexat wirkungslos blieb. Zukünftig könnten personalisierte, kombinierte lipid- und entzündungsmodulierende Therapien an Bedeutung gewinnen, sofern Langzeitsicherheit und Kosten-Nutzen stimmen.

Despite control of classic risk factors, atherosclerotic diseases remain a major cause of cardiovascular morbidity and mortality, partly due to residual inflammatory risk (RIR). Chronic subclinical inflammation promotes plaque growth, instability, and thrombogenicity via the NLRP3 inflammasome and the IL-1β/IL-6 axis. Biomarkers such as hs-CRP and IL-6 correlate with events independently of LDL-C and can contribute to risk stratification. In the CANTOS study, canakinumab reduced cardiovascular endpoints but was associated with more serious infections. Low-dose colchicine moderately reduces non-fatal events without mortality benefit, while methotrexate remained ineffective. In the future, personalized, combined lipid- and inflammation-modulating therapies could gain importance, provided that long-term safety and cost-benefit are appropriate.
Keywords: Colchizin/Canakinumab, Entzündungsrisiko, NLRP3-Inflammasom, kardiovaskulären Risikostratifikation

Hintergrund

Obwohl wir mittlerweile ein grosses Verständnis für die Pathobiologie und das Management atherosklerotischer Erkrankungen – einschliesslich der koronaren Herzkrankheit (KHK), zerebrovaskulärer Durchblutungsstörungen und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit – besitzen, zählen diese weltweit weiterhin zu den führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität (1–3). Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig ändern (3).

Die klassischen Risikofaktoren wie Dyslipidämie, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Nikotinkonsum und auch Adipositas lassen sich häufig durch Lebensstilveränderungen sowie ein breites Spektrum pharmakologischer Therapien wirksam beeinflussen. Dennoch besteht häufig ein relevantes Restrisiko für erneute kardiovaskuläre Ereignisse beziehungsweise das Fortschreiten der atherosklerotischen Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease, ASCVD) – ein Risiko, das durch die etablierten therapeutischen Massnahmen allein nicht vollständig kontrolliert werden kann. Ein wesentlicher Anteil dieses Restrisikos ist entzündlicher Natur beziehungsweise durch (subklinische) inflammatorische Prozesse bedingt. Entsprechend wurde von verschiedenen Experten und Konsortien der Begriff des residualen inflammatorischen Risikos (engl. Residual Inflammatory Risk, RIR) etabliert.

Chronische, subklinische, Inflammation spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung, Progression und klinischen Manifestation atherosklerotisch bedingter Erkrankungen. Verschiedene zelluläre und humorale inflammatorische Prozesse sind sowohl in den Frühphasen (z. B. endotheliale Dysfunktion, Lipidakkumulation) als auch in den Spätphasen (z.B. Plaque-Instabilität, Thrombogenität) der Atherosklerose massgeblich beteiligt (1).

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Pathobiologie, klinische Evidenz, praktischen Implikationen sowie antiinflammatorische Therapieansätze bei ASCVD-Patient/-innen und bietet eine aktuelle Zusammenfassung laufender Studien und neuer therapeutischer Entwicklungen.

Pathophysiologische Grundlagen

Atherosklerose wird grundsätzlich bereits in frühen Stadien durch eine endotheliale Dysfunktion initiiert. Diese entsteht infolge klassischer Risikofaktoren wie oxidiertem Low-Density-Lipo­protein (oxLDL) respektive Dyslipidämie, arterieller Hypertonie oder Hyperglykämie. OxLDL induziert die Expression von Adhäsionsmolekülen wie VCAM-1 und ICAM-1 auf Endothelzellen und fördert dadurch die Rekrutierung von Monozyten in die Intima (1). Dort differenzieren sich diese zu Makrophagen und entwickeln sich weiter zu Schaumzellen (1, 2, 4). Diese sezernieren proinflammatorische Zytokine wie IL-1β, IL-6 und Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), welche die Entzündung in der Gefässwand verstärken und aufrechterhalten (1, 2, 4). Diese chronische Inflammation trägt wesentlich zur Plaque-Entwicklung und -Progression bei.

In diesem Zusammenhang ist besonders das NLRP3-Inflammasom hervorzuheben – ein zellulärer Proteinkomplex, der eine zentrale Rolle in der angeborenen Immunabwehr und bei Entzündungsreaktionen spielt. Nach seiner Aktivierung fördert es die Reifung und Freisetzung von IL-1β, das wiederum die Produktion von IL-6 induziert (1, 2, 4). Letzteres stimuliert die hepatische Synthese von Akut-Phasen-Proteinen, wie dem C-reaktiven Protein (CRP). Hierdurch wird das entzündliche Geschehen weiter vorangetrieben.

Parallel fördern die freigesetzten Entzündungsmediatoren die Expression von Tissue Factor, hemmen die endotheliale NO-Synthese, fördern die Migration glatter Muskelzellen sowie die Aktivierung von Matrix-Metalloproteinasen. Diese Prozesse begünstigen die Plaque-Destabilisierung und erhöhen die Thrombogenität (1, 2, 4).

Die Abb. 1 illustriert die Pathobiologie der Atherosklerose und verdeutlicht den Einfluss inflammatorischer Prozesse.

Inflammatorische Biomarker und Risikostratifikation

Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass inflammatorische Biomarker wie hs-CRP, IL-6 und Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2 (Lp-PLA₂) direkt mit dem Risiko für atherosklerotische Ereignisse korrelieren, dem residualen kardiovaskulären Risiko – unabhängig vom Lipidstatus und der Glukosehomöostase (4).

Besonders hervorzuheben sind zwei grosse Beobachtungsstudien – die Framingham Heart Study und die Women’s Health Study –, in denen erhöhte hs-CRP-Werte als Prädiktor für Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod identifiziert wurden – unabhängig von LDL-C. Diese Assoziation scheint robust über Altersgruppen und Geschlechter hinweg und bestätigt die unabhängige Risikodimension «Inflammation». Die klinische Relevanz dieser inflammatorischen Achse wurde zudem durch mehrere Interventionsstudien mit gezielter Immunmodulation bestätigt (siehe unten).

Die punktuelle Messung von humoralen Entzündungswerten, namentlich des hs-CRP, wird mittlerweile auch in den Richtlinien der europäischen Gesellschaft für Kardiologie bei ASCVD Patient/-innen empfohlen. Wobei dies jedoch insbesondere bei Hoch-RisikoPatient/-innen und zur Standortbestimmung respektive Optimierung der Sekundärprävention erwogen werden sollte. Hierzu ist anzumerken, dass die Messung des hs-CRP relativ einfach ist, und bei Patient/-innen bestimmt werden soll, welche keinen akuten Entzündungszustand haben (beispielsweise akute Infektion, Gichtschub oder aufflammende rheumatologische Erkrankung). Sofern dieser Wert im Abstand von mehreren Wochen repetitiv erhöht ist (≥2 mg/l), kann dies mit einem erhöhten residualen inflammatorischen Risiko (RIR) gleichgesetzt werden. Man sollte vorgängig auch sicherstellen, dass das Lipidprofil optimiert und der LDL-C-Wert im Zielbereich ist. Sofern verfügbar, ist im Einzelfall auch eine Bestimmung von IL-6 zu erwägen. In der CANTOS-Studie (siehe unten) korrelierte dessen Senkung mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko.

Antiinflammatorische Substanzen bei ASCVD-Patient/-innen

Canakinumab

Interleukin-1β (IL-1β) spielt eine zentrale Rolle in der Regulation inflammatorischer Prozesse und ist massgeblich an der Aktivierung der Interleukin-6 (IL-6)-Signalkaskade beteiligt. Canakinumab ist ein monoklonaler Antikörper, der IL-1β spezifisch bindet und dadurch ausgeprägte antiinflammatorische Effekte entfaltet. Diese wurden bislang vor allem in der Therapie verschiedener rheumatischer Erkrankungen genutzt (5).
Die CANTOS-Studie (Canakinumab Anti-Inflammatory Thrombosis Outcomes Study), in der über 10 000 Patient/-innen mit vorangegangenem Myokardinfarkt und erhöhtem hs-CRP-Wert (≥2 mg/l) alle drei Monate randomisiert Canakinumab (50 mg, 150 mg oder 300 mg) oder Placebo erhielten, konnte zeigen, dass die 150 mg-Dosis das Risiko für den primären kombinierten Endpunkt (Myokardinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) um 15 % senkte (6).

Bemerkenswert war, dass das Ausmass der IL-6-Reduktion unter der Therapie mit Canakinumab prädiktiv für den klinischen Nutzen war (6). Allerdings war die Behandlung auch mit einem erhöhten Risiko für schwerwiegende, teils tödlich verlaufende Infektionen assoziiert. Ungeachtet dessen bleibt CANTOS eine der ersten randomisierten Interventionsstudien, die einen direkten Zusammenhang zwischen gezielter Entzündungshemmung – unabhängig von lipidsenkenden Massnahmen – und der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse belegen konnte.

Colchizin

Die am besten untersuchte antiinflammatorische Substanz bei ASCVD-Patient/-innen ist Colchizin – ein Alkaloid, das aus der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) entstammt (5, 7, 8). Colchizin hemmt nicht nur die Mikrotubuli-Polymerisation, wodurch die Aktivität der Neutrophilen unterbunden wird. Es beeinflusst auch das NLRP3-Inflammasom und die nachfolgende Freisetzung von Interleukin-1β, wodurch die Entzündungskaskade gehemmt wird. Obschon die Resultate verschiedener grosser randomisierter Studien etwas divergent waren, haben wir Evidenz dafür, dass Colchizin in niedriger Dosis (z. B. 0.5 mg täglich) zu einer moderaten Reduktion von nicht-tödlichen kardiovaskulären Ereignissen, wie Myokardinfarkten, wiederholten koronaren Revaskularisationen und ischämischen Schlaganfällen, führt, wenn es zusätzlich zur Standardtherapie bei ASCVD-Patient/-innen eingesetzt wird (9). Dies wurde von einer grossen, kürzlich publizierten Meta-Analyse unterstrichen (9). Jedoch gilt es zu betonen, dass keine Senkung der kardiovaskulären oder Gesamtmortalität gezeigt werden konnte und die Number Needed to Treat (NNT) (4) mit 114 hoch ist (9).

Nebenwirkungen, insbesondere gastrointestinale Beschwerden, aber auch Interaktionen mit anderen Medikamenten treten gehäuft auf, weshalb eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich ist. Die aktuellen Leitlinien sprechen eine vorsichtige Empfehlung aus: Klasse IIa bei stabiler respektive chronischer Erkrankung und Klasse IIb in bestimmten Situationen (beispielsweise nach Myokardinfarkt), jeweils mit dem höchsten Evidenzniveau (A) aufgrund mehrerer randomisierter Studien und Meta-Analysen (7, 10).

Methotrexat

Auch Methotrexat, welches seit Jahrzehnten als immunmodulierendes Medikament breit eingesetzt wird, wurde als mögliches Medikament zur Risikomodulation bei ASCVD-Patient/-innen untersucht (7, 11). Methotrexat zeigte jedoch weder lipidsenkende noch inflammationshemmende Effekte in Studien und brachte keinen kardiovaskulären Vorteil. Im Cardiovascular Inflammation Reduction Trial führte eine niedrig dosierte Methotrexat-Therapie (Zieldosis 15–20 mg einmal wöchentlich) bei 4786 Patient/-innen mit zurückliegendem Myokardinfarkt oder koronarer Mehrgefässerkrankung sowie zusätzlichem Diabetes mellitus oder metabolischem Syndrom nicht zu einer Reduktion des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulärem Tod, nicht-tödlichem Myokardinfarkt, nicht-tödlichem Schlaganfall oder revaskularisierenden Massnahmen aufgrund instabiler Angina pectoris (11). Die Studie musste vorzeitig (mittlere Nachbeobachtungszeit 2.3 Jahre) wegen fehlender Wirksamkeit beendet werden (11). Schlussendlich könnte diese Erkenntnis hinweisend sein, dass eine zielgerichtete Immunmodulation – beispielsweise durch IL-1 oder IL-6 Hemmung – gegenüber einer unspezifischen Immunmodulation, wie mit Methotrexat, vielversprechender bei ASCVD-Patient/-innen sein könnte (11).

Sicherheit von antiinflammatorischen Therapien

Im Allgemeinen gilt es anzumerken, dass sämtliche etablierten und in Erprobung stehenden antiinflammatorischen Pharmazeutika für Patient/-innen mit atherosklerotischen Erkrankungen weitreichende Nebenwirkungen zur Folge haben können, welche im direkten Zusammenhang mit der Inhibition des Immunsystems stehen. Hervorzuheben ist hier das Risiko für opportunistische Infektionen (z.B. unter IL-1β-Blockade) (4, 6).
Unter Therapie mit Colchizin treten häufig gastrointestinale Nebenwirkungen (~10 %), wie Diarrhö und Nausea auf, welche regelmässig zu einem frühzeitigen Absetzen des Medikaments führen. Weiter ist auch das Risiko für die Entwicklung von Myopathien (v.a. bei Interaktionen/Niereninsuffizienz) erhöht (4, 8).

Es ist auch wichtig zu beachten, dass Colchizin ein Substrat von CYP3A4 und P-Glykoprotein (P-GP) ist und somit mit einer beachtlichen Zahl von Medikamenten, u. a. mit Makroliden, Azolen und bestimmten Kalziumantagonisten, direkt interagieren kann (8). Patient/-innen im fertilen Alter sollten auf mögliche teratogene Effekte von Colchizin hingewiesen werden.

Generell besteht ein gewisser Respekt vor weitreichenden Off-target-Effekten bei der langfristigen Entzündungshemmung mit den aktuellen und in Erprobung stehenden Therapien (5). Grundsätzlich möchte man eine systemische Immunsuppression vermeiden, und lediglich eine gezielte Modulation der Inflammation mittels niedrig-dosierter pharmakologischer Strategien erreichen (5).

Zukunftsperspektiven und offene Fragen

Es ist zu erwarten, dass der klinische Stellenwert von Inflammation in der kardiovaskulären Risikostratifikation und im Management von ASCVD-Patient/-innen in naher Zukunft weiter zunimmt. Grund hierfür ist die stetig wachsende Evidenzlage, welche die Bedeutung entzündlicher Prozesse nicht nur als Risikofaktor, sondern auch als potenzielles therapeutisches Ziel aufzeigt.

Neben der routinemässigen Bestimmung des Lipidprofils – inklusive Lipoprotein(a) – werden zunehmend auch sensitive inflammatorische Biomarker wie hs-CRP und IL-6 in die klinische ­Praxis Einzug halten (4). Darüber hinaus könnten molekular-genetische Tests sowie hochauflösende bildgebende Verfahren (z. B. PET-CT zur Identifikation entzündlich aktiver Hochrisiko-Plaques) eine zunehmend wichtige Rolle in der individuellen Risikoabschätzung spielen.

Auch therapeutisch rückt die Inflammationsmodulation stärker in den Fokus. Derzeit befinden sich mehrere Substanzen, die gezielt entzündliche Signalwege adressieren, in klinischer Erprobung – teils in frühen Phasen, teils bereits in Phase III (4). Tab. 1 gibt einen Überblick über die wichtigsten abgeschlossenen und laufenden Studien. Untersucht werden unter anderem Interventionen gegen die IL-1-, IL-6- und TNF-Signalwege sowie Inhibitoren des NLRP3-Inflammasoms.

Kombinierte Therapieansätze, die sowohl das Lipidprofil verbessern als auch inflammatorische Prozesse gezielt modulieren, könnten synergistische Effekte erzielen und das kardiovaskuläre Risiko bei atherosklerotischen Erkrankungen signifikant senken. Hierfür sind jedoch umfangreichere klinische Daten erforderlich. Zudem sind bei neuen antiinflammatorischen Therapien insbesondere Langzeitdaten essenziell, um die Sicherheit über mehrere Jahre hinweg beurteilen zu können. Dabei müssen potenzielle Risiken – wie eine erhöhte Anfälligkeit für opportunistische Infektionen oder die Entstehung von Malignomen – sorgfältig evaluiert werden, bevor ein breiter klinischer Einsatz erfolgen kann.

Nicht zuletzt wird auch der Kosten-Nutzen-Faktor massgeblich (4) entscheiden, ob und in welchem Umfang sich neue Medikamente zur Inhibition inflammatorischer Signalwege in der Therapie der Atherosklerose etablieren können. Die Abb. 2 fasst zusammen, wie im klinischen Alltag das residuale inflammatorische Risiko (RIR) zu erfassen ist und entsprechend therapeutische Massnahmen ergriffen werden können.

Fazit

Chronische Inflammation ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten der Atherosklerose. Insgesamt stellt Entzündung ein zunehmend mehr beachtetes therapeutisches Ziel bei atherosklerotisch bedingten kardiovaskulären Erkrankungen (ASCVD) dar. In der Klinik kann die Bestimmung inflammatorischer Biomarker – wie hs-CRP und IL-6 – hilfreich sein, um das residuale inflammatorische Risiko (RIR) abzuschätzen und die Risikostratifikation bei ASCVD Patient/-innen zu verbessern.

Klinische Studien haben gezeigt, dass eine gezielte Entzündungshemmung – insbesondere mit Canakinumab und Colchizin – das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Atherosklerose, zumindest im chronischen Krankheitsstadium, unabhängig von lipidsenkenden Massnahmen reduzieren kann. Bisher kann einzig der Einsatz von niedrig dosiertem Colchizin (0,5 mg/Tag) bei auserwählten Hochrisiko-ASCVD-Patient/-innen in Erwägung gezogen werden – vorausgesetzt, eine optimale Behandlung der übrigen Risikofaktoren ist sichergestellt, und es gibt Anhaltspunkte für ein erhöhtes inflammatorisches Risiko. Eine sorgfältige Aufklärung und engmaschige Überwachung dieser Patient/-innen ist jedoch unerlässlich. Zukunftsweisend könnten personalisierte Behandlungsstrategien sein, die eine Kombination aus lipidsenkender und entzündungshemmender Therapie verfolgen.

Abkürzungsverzeichnis
ACS Akutes Koronarsyndrom
ASCVD Atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankung (engl. Atherosclerotic Cardiovascular Disease)
Hs-CRP hochsensitives C-reaktives Protein
ICAM-1 Intercellular Adhesion Molecule 1
IL-1 Interleukin-1
IL-6 Interleukin-6
Lp-PLA2 Lipoprotein-assoziierte Phospholipase A2
MI Myokardinfarkt
oxLDL oxidiertes Low-Density-Lipoprotein
TNF- Tumornekrosefaktor-α
RIR Residuales inflammatorisches Risiko (engl. Residual Inflammatory Risk)
VCAM-1 Vascular Cell Adhesion Molecule 1

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Matthias Bossard

– Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern
- Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin
Universität Luzern
Frohburgstrasse 3
6002 Luzern

Dr. med. Urs Jeker

Klinik für Kardiologie, Herzzentrum
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern

Funding: Die Autoren erhielten für diese Arbeit keine finanzielle Unterstützung.
Disclosures: MB hat Beratungs- und Vortragshonorare von Abbott Vascular, Abiomed/ J&J MedTech, Amgen, Astra Zeneca, Bayer, Biosensors, Cordis, Daichii, MedAlliance, Novartis, NovoNordisk, OM Pharma, SIS Medical und Vifor erhalten.

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