Berufsasthma: Zum Antigenkatalog beruflicher Inhalationsallergene (Teil 1)

Der Antigenkatalog gewerblicher Inhalationsallergene ist sehr umfangreich. In diesem Artikel wird eine Auswahl der Allergene, die zu gewerblichen Inhalationsallergien führen können, unter Berücksichtigung der Beiträge der Allergiestation Zürich zu dieser Thematik, aufgeführt. Es werden das Berufsasthma durch Proteasen in der Waschmittelindustrie, Berufsallergien auf Enzyme in der Pharmaindustrie und im medizinischen Bereich sowie in nichtmedizinischen Berufen wie in der Nahrungsmittelindustrie und das Berufsasthma bei Gärtnern, Blumenzüchtern, Floristen und Gewächshausarbeitern besprochen.

The antigen catalog of occupational inhalation allergens is very extensive. This paper lists a selection of allergens that can lead to occupational inhalation allergies, taking into account the contributions of the Zurich Allergy Station on this topic. Occupational asthma caused by proteases in the detergent industry, occupational allergies to enzymes in the pharmaceutical industry, in the medical sector, and in non-medical professions such as the food industry, as well as occupational asthma among gardeners, flower growers, florists, and greenhouse workers are discussed.
Key words: Occupational asthma, Occupational inhalant allergens, Proteolytic enzymes, Bacillus-subtilis-Protease

Die Zahl der Antigene, die zu gewerblichen Inhalationsallergien führen können, nimmt im Gewerbe und in der Industrie ständig zu. Der Antigenkatalog ist so umfangreich, dass eine Einzelaufzählung in dieser Arbeit nicht erfolgen kann. Bei den sog. Mischantigenen können häufig larvierte Zusätze und obligate Verunreinigungen zu einer professionellen Sensibilisierung führen, was bei der Diagnostik berücksichtigt werden muss. Tabelle 1 zeigt eine aktuelle Aufstellung der Berufe und ihre möglichen Allergieauslöser (1). In der Folge werden die Beiträge der Allergiestation Zürich zu dieser Thematik aufgeführt, unter Berücksichtigung weitergehender Literaturzitate.

Berufsasthma durch Proteasen in der Waschmittelindustrie

Gleichzeitig zu Flindt (2) und Pepys et al. in England (3) konnten wir 1969 über schwere Fälle von Berufsasthma in der sogenannten biologischen Waschmittelproduktion berichten, verursacht durch das neu eingesetzte proteolytische Enzym Bacillus-subtilis-Protease in Pulverform (4). Es gelang uns mittels Prausnitz-Küstner-Test (5) die reaginische Pathogenese nachzuweisen (6), während Pepys einen Mechanismus durch Präzipitine annahm. Wir konnten beweisen, dass Präzipitine auf die Protease lediglich ein Epiphänomen darstellten. Wir forderten eine rigorose Prophylaxe zur Verhütung weiterer Erkrankungsfälle, da sich das Tragen einer Filtermaske als ungenügend erwies, und dass Proteasen als neues berufliches Antigen in die Liste gemäss Verordnung des Bundesrates über Berufskrankheiten aufgenommen werden sollten. Tatsächlich veranlassten die Waschmittelhersteller nach Bekanntmachung weiterer Fälle (Übersicht in (7)) wirksame prophylaktische Massnahmen wie Ventilations- und Schutzvorrichtungen in den Fabriken, aber insbesondere die Verwendung von Enzymgranulaten oder von flüssiger Proteasen-Zubereitung. Trotzdem kam es noch bei Verbrauchern, insbesondere bei Hausfrauen, beim Hantieren mit enzymhaltigen Waschmitteln zu Respirationsallergien. Aus diesem Grund empfehlen wir, bei der allergologischen Diagnostik von Bronchialasthma und perennaler allergischer Rhinitis den Enzymzusatz zu berücksichtigen (7). Auch beim Verbraucher im Haushalt wurde immer wieder über Hautschäden berichtet (8-9). Sogar nach Exposition mit flüssiger Waschmittelprotease (Maxatase) kam es bei einem 50-jährigen Waschmittelfabrikarbeiter mit einer chronischen asthmoiden Emphysembronchitis zu einem akuten Asthmaanfall (10).

Nach der Beschreibung von Berufsallergien durch proteolytische Enzyme aus Bacillus subtilis in der Waschmittelindustrie wurde auch bei einem Labortechniker im medizinischen Bereich über eine Allergie auf Protease berichtet (11) sowie bei einer Mitarbeiterin in einer Grossbäckerei, die in der Abteilung Labor-Abwägerei arbeitete (12). Sie musste Protease-Pulver (Protease P, Pfizer) in Beuteln abfüllen. Nach Auskunft des Arbeitgebers wurde in fortschrittlichen Grossbetrieben der Dauerbackwarenindustrie vermehrt Proteasen eingesetzt. Dabei erzielt man eine Verbesserung der Dehnbarkeit des Teiges sowie eine Minderung der Teigelastizität und eine günstige Änderung der Backeigenschaften.

Berufsallergien auf Enzyme in der Pharmaindustrie und im medizinischen Bereich

Inhalierbare Enzym-Zubereitungen sind aggressive Allergene (13). Der Umgang mit pulverförmigen Enzymen kann auch bei Nicht-Atopikern zu Sensibilisierung und Allergie führen; so wurde bei Angestellten in der pharmazeutischen Produktion sowie im medizinischen Bereich häufiger über allergische Reaktionen aufgrund von beruflicher Exposition gegenüber anderen Enzymen wie z.B. Pepsin, Zellulose, Xylanase, Peptidase und anderen berichtet.

Die ersten Mitteilungen über proteolytische Enzyme als Inhalationsallergene stammten nicht aus der Waschmittelindustrie, sondern aus dem Gesundheitswesen. Schon 1945 berichtete Osgood über eine Patientin mit allergischem Asthma auf Papain, das in einem Pulver zur Zahnreinigung enthalten war (14). Beecher teilte den Fall eines Drogisten, der mit Asthma und Rhinitis reagierte, wenn er mit «digestiven Enzymen» hantierte. Ein Pricktest war auf Papain stark positiv. Er berichtete über drei weitere Fälle, die mit Asthma auf Caroid, eine industrielle Präparation von Papain, reagierten (15). Dieses Risiko ist keineswegs gebannt, finden doch Enzyme weiterhin breite Anwendung in verschiedenen Arzneimitteln (16).

In dieser Arbeit (16) werden zwei Patienten dargestellt, beide Nicht-Atopiker, die nach Kontakt mit enzymhaltigen Arzneimitteln an Asthma bronchiale litten. Ein 34-jähriger Krankenpfleger klagte wiederholt über Asthma­anfälle, zunächst ohne eruierbare Abhängigkeit. Im weiteren Verlauf kam es beim Verdrücken verschiedener Medikamente zu einem massiven Quincke-Ödem der Augenlider und später nach Anwendung von Trypure zu asthmatischen Beschwerden. Eine 63-jährige Patientin mit Ulcera cruris erlitt 30 Minuten nachdem die Wunde mit dem trypsinhaltigen Trypure versorgt wurde einen Hustenanfall, dann rasch progrediente Dyspnoe, wurde zyanotisch und musste schliesslich mit Maske und Beutel bis auf dem Weg zur Notfallstation beatmet werden. Bei beiden Patienten konnten Trypsin und beim zweiten noch Amylase und Pepsin als relevante Allergene im Hauttest und RAST ermittelt werden.

Baur et al. (17) berichteten über fünf Patienten, bei denen die Exposition mit Pankreaspräparaten allergische Atemwegserkrankungen hervorrief. Vier von ihnen waren Nicht-Atopiker. Mittels RAST und RAST-Inhibition konnte in vier Fällen α-Amylase und in zwei Fällen Trypsin als ursächliches Allergen identifiziert werden. Zusätzlich gelang der Nachweis einer immunologischen Kreuzreaktion zwischen Schweinepankreatin und Rinderpankreatin, die offensichtlich auf die beiden Tierspezies strukturell weitgehend identischen Enzyme α-Amylase und Trypsin zurückzuführen ist (17).

Berufsasthma auf das proteolytische Enzym Papain wurde 1979 von Baur et al. beschrieben (18). Bei 7 von 11 dem Papain-Staub ausgesetzten Arbeitern traten allergische Symptome auf, vor allem Rhinitis und Asthma. Es gelang ihnen der Nachweis spezifischer IgE im RAST, während die asymptomatischen Exponierten negativ waren. Papain ist ein Enzym, das natürlich in hoher Konzentration in der noch grünlichen Schale und den Kernen der Obstfrucht Papaya vorkommt und daraus gewonnen wird. Es ist unentbehrlich für die Pflanze bei der Abwehr von Schädlingen (19). Das Enzym hat eine breite eiweissspaltende Wirkung und gehört zur Gruppe der Cysteinproteasen. Es wird in der Küche als Zartmacher für Fleisch verwendet. In der Textiltechnik wird Papain als Hilfsmittel bei der Herstellung von Wolle und Seide zur Verhinderung des Verfilzens und Schrumpfens verwendet.

Eine 58-jährige pharmazeutische Angestellte litt regelmässig an Asthma und Rhinitis, wenn sie dem Bromelain, einer gereinigten Protease aus der Ananasfrucht (Ananas comosus) ausgesetzt war. Die allergologische Abklärung (Pricktest und RAST) zeigte eine starke Sensibilisierung auf das Enzym. Ein inhalativer Provokationstest mit 0.03 mg Bromelain verursachte eine bronchospastische Reaktion und eine orale Provokation mit 190 g Ananasfrucht eine asthmatische Reaktion und gastrointestinale Symptome (20). Fünf der sechs Mitarbeiter waren im Pricktest und RAST auf Bromelain positiv. Zwei davon entwickelten auch eine asthmatische Reaktion im inhalativen Provokationstest. Immunologisch zeigte sich eine Kreuzsensibilisierung auf zwei pflanzliche Proteasen, Bromelain und Papain (20).

Eine 23-jährige Apothekengehilfin mit Frühjahrspollinose litt an rezidivierenden, arbeitsabhängigen Rhinokonjunktivitiden und Asthma, wenn sie Kräutertees abfüllte. Modifizierte Pricktests mit verschiedenen Tee-Arten waren negativ, ausser mit Samen der Mariendistel, wobei nach starker Sofortreaktion innerhalb von 30 Minuten Rhinokonjunktivitis und Asthma auftraten. Ein RAST war positiv in der Klasse 4 (21). Das Allergen der Mariendistel (Silybum marianum L.) ist in den Samen und nicht in den Pollen lokalisiert. Die grösste Herausforderung in den 80er- und 90er-Jahren im Gesundheitswesen stellte die Latexallergie dar (22). Da ihre Problematik und ihre Lösungsansätze weitgehend bekannt sind, wird hier auf weitere Ausführungen verzichtet.

Berufsasthma in der Nahrungsmittelindustrie

De Weck und Mitarb. berichteten von einer bei Käsearbeitern auftretenden Pneumopathie, die auf Inhalation von Schimmelpilzen der Spezies Penicillium zurückzuführen war, welche sich auf der Oberfläche der gelagerten Käselaiber entwickelten. Nach dem Salzbad werden die Käselaiber in feuchten Kellern bei konstanter Temperatur ­gelagert und dabei wird der Käse regelmässig gewendet, gebürstet, gewaschen und mit Salzlacke eingeschmiert. Die «maladie des laveurs de fromage» (Käsewäscherkrankheit) zeigt Symptome ähnlich der Farmerlunge, die eine exogen-allergische Alveolitis durch IgG-Antikörper gegen Sporen von thermophilen Aktinomyceten darstellt (23). Die Autoren konnten bei den erkrankten Käsern präzipitierende IgG-Serum-Antikörper gegen Schimmelpilzextrakte, vor allem von Penicillium casei, aus der Käserinde nachweisen, während das Ergebnis auf Thermopolyspora polyspora negativ war (24).

Wir beschrieben hingegen einen Käser und Milchhändler, der unter Asthma-bronchiale-Anfällen litt. Diese traten anlässlich von Aufenthalten im feuchten, muffigen Raum auf, in dem die Käse gelagert wurden sowie durch die Tätigkeit des Käsewaschens. Die allergologische Abklärung (Haut- und Inhalationstests) ergab eine Überempfindlichkeit vom Soforttyp auf den Schimmelpilz Penicillium. Im Sputum gelang mehrmals der Nachweis von Penicillium casei. Im Gegensatz zu der «Käsewäscherkrankheit» konnten präzipitierende Antikörper jedoch nicht gefunden werden (25). In Analogie wurde das Krankheitsbild als «Käsewäscherasthma» bezeichnet.

Ein 33-jähriger, nicht atopischer Patient, der seit 9 Jahren in der Entwicklungsabteilung eines Aroma- und Riechstoffunternehmens gearbeitet hatte, kam mit akuten Asthmasymptomen, verstopfter Nase, Konjunktivitis und geschwollener Zunge in die Notaufnahme des Universitätsspitals Zürich. Zuvor hatte er zum ersten Mal mit einem pulverförmigen proteolytischen Enzympräparat aus Aspergillus oryzae mit hoher Peptidase- und Proteinase-Aktivität (Umamizyme, Amano Enzyme Inc., Nagoya, Japan) gearbeitet. Der Prick-Test und IgE-CAP (die spezifische IgE-Bestimmung wurde mit dem von uns gelieferten Enzym-Produkt von der Firma MIAB, Schweden, durchgeführt) waren eindeutig für Umamizyme positiv. Spezifische IgE-Bestimmungen gegen Enzyme, die in der Waschmittelindustrie angewandt werden (Maxatase, Alkalase, Savinase), oder gegen Proteasen pflanzlichen Ursprungs (Bromelain, Papain) waren jedoch negativ (26). Unseres Wissens war dies der erste Fall, bei dem Serum-IgE-Antikörper gegen dieses proteolytische Enzym mit hoher Peptidase-Aktivität und ohne Kreuzreaktivität gegen andere Proteasen auftraten.
In einer weiteren Arbeit wurden erstmals zwei Fälle von allergischem Berufsasthma gegen das bei der Früchte­verwertung gebräuchliche pektolytische Enzym Pektinase, das aus Aspergillus niger gewonnen wird, beschrieben (27). Der erste Patient arbeitete als Mechaniker in einem Abfüllbetrieb für Substanzen aller Art in den sogenannten «Reinraumabteilungen». Bei der Abpackserie des Enzyms Ultrazym kam es durch den Abrieb im Raum zu einer starken Staubentwicklung. Bei einer 43-jährigen Sekretärin des Pektinase-produzierenden Betriebs kam es zu asthmatischen Beschwerden, wenn die Trockner in der Produktion ausgeladen wurden. Das Abflussrohr der Produktion endete in der Nähe ihres Bürofensters. In beiden Fällen konnte im Skarifikationstest mit dem nativen Enzymstaub die starke Sensibilisierung und im RAST spezifische IgE nachgewiesen werden.

Berufsasthma durch Antibiotika

Auch die berufliche Exposition mit Antibiotika kann zu asthmatischen Beschwerden führen, wie von Davies et al. bei drei Patienten mit Asthma bronchiale vom Intermediärtyp auf Penicilline beschrieben (28). Bei einer 58-jährigen Mitarbeiterin einer Firma, die Antibiotika produziert, traten arbeitsplatzabhängige asthmatische Beschwerden mit abendlichen Fieberschüben und einer Beeinträchtigung des Allgemeinzustands auf. Obwohl die Hauttests mit Antibiotika, inklusive Penicillin, Penicilloypolylysin und Ampicillin, negativ ausfielen, konnte durch die Inhalation von Antibiotikastäuben, die mittels eines Spinhaler-Turbo-Inhalators appliziert wurden, eine verzögerte asthmatische Reaktion ausgelöst werden. Diese äusserte sich durch einen Abfall der 1-Sekunden-Kapazität um 42 % sechs Stunden nach Ampicillin-Provokation sowie durch Allgemeinsymptome. Es gelang auch der Nachweis spezifischer Anti-Benzyl-Penicillin-Antigen-IgG-Antikörper (29).

Berufsasthma bei Gärtnern, Blumenzüchtern, Floristen und Gewächshausarbeitern

Im Jahre 1985 wiesen Axelsson et al. (30) erstmals auf Ficus benjamina als Inhalationsallergen bei zwei Gärtnern hin (Abb. 1). Bei der Untersuchung von 84 beruflich exponierten Gärtnern und Angestellten der Pflanzenverleihfirmen stellte sich heraus, dass bei stark gegenüber Ficus benjamina exponierten Individuen 16 (27%), bei wenig exponierten 2 (11%) sensibilisiert waren. Davon waren 7 Atopiker und 11 Nicht-Atopiker (31). Es wurden aber auch nicht beruflich exponierte Atopiker identifiziert, die durch Kontakt mit der Pflanze sensibilisiert wurden und entsprechende respiratorische Symptome aufwiesen (32). Das Allergen ist in der Latexmilch der Pflanze lokalisiert und wird entweder beim Schneiden von Blättern und Ästen freigesetzt oder auch durch Ausscheidungen an die Blattoberfläche abgegeben, wo es sich an dem darauf liegenden Staub bindet. So ist es nicht erstaunlich, dass wegen der ubiquitären Verbreitung der modischen Zierpflanze es auch bei nicht beruflich exponierten Personen zu Sensibilisierung und entsprechend zu respiratorischen Symptomen kam, sogar bei Nicht-Atopikern (32, 33, 34).

Aber nicht nur bei Ficus benjamina, sondern auch bei anderen ornamentalen Pflanzen, wie Spathiphyllum floribundum (35), Tradescantia (Abiifloxia) (36), Schefflera (37) oder Philodendron bipennifolium (38) wurden bei häuslichem Kontakt allergische Reaktionen beschrieben. Spathiphyllum, die Schneeblume oder Friedenslilie, ist eine blühende Pflanze aus der Familie der Araceae (Aronstabgewächse) (35) (Abb. 2). Tradescantia, Dreimasterblumen, auch Gottesaugen genannt, ist eine Pflanzengattung der Familie der Commelinagewächse (36) (Abb. 3). Schefflera, Strahlenaralien, gehört einer Pflanzengattung der Familie der Araliengewächse (Araliaceae) (37) (Abb. 4) an. Philodendron ist eine immergrüne, ausdauernde krautige Pflanze, zu Deutsch «Baumfreund», die einzige Gattung der Tribus Philodendreae, innerhalb der Pflanzenfamilie der Aronstabgewächse (Araceae) (38) (Abb. 5).

Yuccas aus der Familie der Agavaceae (Agavengewächse) sind heute beliebte Zimmerpflanzen. Es wird vor allem die Art aloifolia gezüchtet, deren scharfe Blattspitzen gefährlich sind (Abb. 6). Yuccas eignen sich für grössere Gefässe und Hydrokultur. Kanerva et al. (20) beschrieben eine beruflich ausgelöste allergische Kontakturtikaria, die durch Yucca, Ficus benjamina und Spathiphyllum verursacht wurde.

Vorschau

In der zweiten Arbeit zur Thematik des Berufsasthmas werden berufsbedingte respiratorische Erkrankungen durch organische Stäube, in der Landwirtschaft, durch Kontakt mit Tieren und Tierfutter, durch Chemikalien sowie in der Metall- und in der Backwarenindustrie besprochen. Das Bäckerasthma ist die häufigste allergische Berufskrankheit.

Historischer Exkurs über das Berufsasthma

(Für diesen Abschnitt werden keine SGAIM-Kernfortbildungspunkte vergeben.)

Es folgt ein Rückblick auf historische Beschreibungen des Berufsasthmas seit Ramazzini (1633–1714). Mit seiner detaillierten Beschreibung des Bäckerasthmas gilt Ramazzini als der Begründer der Arbeitsmedizin. Er erklärte die Entstehung jedoch rein mechanisch durch eine Verstopfung der Atemwege infolge einer aus dem Mehlstaub gebildeten «Paste». Englische Ärzte berichteten über Asthmaanfälle bei Müllern, Tucharbeitern, Steinhauern, Friseuren, Flachsarbeitern, Mälzern und Chemikern. Boissier de Sauvages fasste all diese unter der Bezeichnung «Asthma pulverulentorum» zusammen. Bei Apothekern traten Atemstörungen, Augenreizungen, Nasenbluten und sogar Hämoptoe beim Zerstossen der Ipeca-Wurzeln (Brechwurzel) auf (Ipecacuana-Asthma). Das «Rosenfieber» war häufig eine Berufskrankheit der Apotheker bei der Zubereitung rosenhaltiger Arzneien.

«Wenn ein Arzt das Haus eines Arbeiters besucht, so soll er mit einem dreibeinigen Schemel zufrieden sein, wenn dort kein vergoldeter Stuhl vorhanden ist, um sich zu setzten, und er soll sich für seine Untersuchungen Zeit nehmen; und zu den von Hippokrates empfohlenen Fragen soll er weitere mehr hinzufügen: Was ist dein Beruf?»
Bernardo Ramazzini (1633-1714)

Die Mehlallergie ist die älteste und noch immer die häufigste berufliche Respirationsallergie. 1713 verfasste Bernardino Ramazzini (Abb. 1) seine berühmte Monographie «DE MORBIS ARTIFICUM DIATRIBA» (1) (Abb. 2) (Über die Krankheiten der Gewerbetreibenden), die 1780 auch in Deutsch erschien (2) und 1998 neu von Paul Goldmann übersetzt wurde (3). Nach Ramazzini ist das «Mehlasthma» in den Schriften des Laurentius Pignorius (1571–1631) (4) schon 2400 Jahre vor Chr. bei mehlverarbeitenden Sklaven erwähnt worden, welche als Schutz vor dem Mehlstaub Tücher vor dem Mund zu tragen und ihre Hände mit Handschuhen zu bedecken hatten (Abb. 3):

«Man sieht aus dem schönen Werk des Pigniorius von den Sklaven der Alten (…), aus einer Stelle, wobey er den Athenåus anführt, dass die Becker schon im Althertum ein Tuch vor dem Mund gebunden, und ihre Lungen dadurch gegen das Eindringen des Mehles einigermassen geschützet haben».

Ramazzini stellte das Bäckerasthma als typische Berufskrankheit klar heraus. Er erklärte seine Entstehung jedoch noch rein mechanisch durch Verstopfung der Atemwege infolge einer aus dem Mehlstaub gebildeten «Paste». Ramazzini schreibt: «Dass sie nicht die herumliegenden Teilchen des Mehls einatmen, welche mit dem Speichel aufgären und nicht nur den Mund, sondern auch den Magen und Lunge verstopfen; daher sie leichtlich den Husten bekommen, schwer atmen, heiser und endlich engbrüstig werden» (5). Umfassende Monographien zu den Respirationsallergien bei Bäckern aus neuster Zeit stammt von H. Thiel und W. T. Ulmer (6) sowie von A. L: Hartmann (7).

Weitere Beschreibungen von Berufsasthma nach Ramazzini

Der englische Arzt Robert Bree (1759–1839) machte darauf aufmerksam, dass Müller, Tucharbeiter, Steinhauer und Frisöre öfters asthmatisch werden können (8). Auch ein weiterer britischer Arzt, Thomas Wither (1750–1809), berichtete über Asthmaanfälle bei Müllern, Flachsarbeitern, Mälzern und Chemikern und hielt diese Berufe für besonders disponiert (9). Boissier de Sauvages fasste unter der Gruppe «Asthma pulverulentorum» alle derartigen Fälle bei Steinhauern, Gipsern, Maurern und Sandarbeiten zusammen und schuf damit eine Voraussetzung für eine gemeinsame Betrachtung dieser Erscheinungsformen und die Aufklärung ihrer Ätiologie (10) (zit. nach Schadewaldt (11)). Diese Fälle entsprechen, im Gegensatz zu den allergischen Asthmaformen, wie dem Bäckerasthma, den chemisch und physikalisch irritativen Asthmaformen, welche später von Wilhelm Gronemeyer (1912–1990) herausgehoben wurden (12) (siehe unten).

Berufsallergie der Apotheker
In seinem «Apparatus Medicanimum» vom Jahr 1776 teilte Johann Andreas Murray (1740–1791) mit, dass sich bei Apothekern beim Zerstossen der Ipeca-Wurzeln (Brechwurzel) Atemstörungen, Augenreizungen, Nasenbluten, ja sogar Hämoptoen eingestellt hätten (13). Die Brechwurzel Psychotira ipecacuanha (Cephaelis ipecacuanha) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae). Sie ist auch unter ihrem portugiesischen Namen Ipecacuanha oder spanisch Ipecacuana bekannt. Ihre Wurzel wird in der Medizin verwendet, um Ipecacuana-Sirup – ein starkes Brechmittel – herzustellen. Die Pflanze wurde 1672 von einem Südamerika-Reisenden namens Legros nach Paris gebracht. Ein Händler namens Garnier erwarb 1680 rund 68 kg davon und berichtete dem Arzt Helvetius von ihren Qualitäten in der Behandlung von Ruhr. Helvetius erhielt von Ludwig XIV. das Alleinvertriebsrecht, verkaufte das Rezept dann jedoch an die französische Regierung, die es 1688 veröffentlichte. Ipecacuana ist sehr giftig (blutige Durchfälle und Krämpfe bis zum Schock bzw. Koma). Es enthält die Alkaloide Emetin und Cephaelin. Das Arzneimittel ist nützlich, wenn es darum geht, Erbrechen auszulösen. Es wurde früher auch als Hustenmittel im Anfangsstadium einer Bronchitis verwendet, doch gibt es dafür bessere Alternativen. Als Darreichungsform wird ein Sirup gewählt. (Alle Angaben in (14)). Der bedeutende englische Kliniker William Cullen (1712–1790) sah Asthmaanfälle bei einer Apothekergattin immer dann auftreten, wenn ihr Mann diese Wurzel für die Herstellung der Arzneimittel aufbereitete (15). Armand Trousseau (1801–1867) hob klar hervor, wie schwerwiegend diese «Idiosynkrasie» sein konnte, denn sie zwang den Apotheker oft genug, ganz auf die Herstellung ipecahaltiger Arzneien zu verzichten oder wenigstens sein Labor und seine Offizin während der Konfektionierung solcher Drogen zu verlassen (16).

Auch das «Rosenfieber» war eine häufige Berufskrankheit von Apothekern, die rosenhaltige Arzneien zubereiteten. Entsprechende Hinweise finden sich schon bei Ramazzini («wunderbare Macht der Gerüche») (2). Robert Boyle (1627–1691) berichtete über einen Pharmazeuten, der stets, wenn grössere Mengen Rosenblüten im Haus waren, an Husten, Heiserkeit und Augenbeschwerden erkrankte. Boyle führte diese Erscheinungen auf eine «colliquatio humorum» im Gehirn zurück (17). Auch der Schweizer Autor Antoine Rodolphe Duvoisin (1680–1759) berichtete in seiner Monographie «De Antipathia humana» (Yverdon 1701) über einen Basler Apotheker, der während der Rosenpräparation in seinem Laboratorium an Niesreiz, Kopfschmerzen und Nasenkatarrh litt (18).

Literatur «Historischer Exkurs»
1.Ramazzini B. „De morbis artificum diatriba“. Padua 1713 (Faksimile Druck Rom 1953, Erstauflage Modena, 1700).
2. Ramazzini B. Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker. „De morbis artificum diatriba“. Neu bearbeitet von J. Chr. G. Ackermann, Stendal 1780; 124-135.
3. Ramazzini B. Die Krankheiten der Handwerker. Paul Goldmann (Übers.) 1998, 208 Seiten. ISBN: 978-3-8260-1491-8.
4. Pignorius L. De fervis veterum. I. II. (zitiert nach (2): 2. Abschn. I. Kap. Von den Krankheiten, S. 126 «») Fussnote.
5. Ackermann J Chr G. Bernhard Ramazzini‘s ehemaligen Professor primarius der Arzneywissenschaft zu Padua Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker. Stendal bey D.C. Franzen und J.C. Grosse 1780. München, Bayerische Staatsbibliothek, Path. 1010 c-1/2 In: II. Abschnitt. Von den Krankheiten der staubigen Handwerker S. 220 Erster Kapitel Von den Krankheiten der Becker und Müller S. 126.
6. Thiel H., Ulmer W.T. Respirationsallergien bei Bäckern. Bücherei des Pneumologen Band 8. Thieme, Stuttgart – New York, 1982.
7. Hartmann A.L. Berufsallergien bei Bäckern. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, München-Deisenhofen, 1986
8. Bree R. Practical inquiry on disordered respiration, distinguishing convulsive asthma, their causes and indications of cure. Birmingham 1797m, p. 77ff. Praktische Untersuchungen über krankhaftes Atemholen. Dtsch. Übersetzung. Leipzig 1800: 14ff.
9. Wither Th. A treatise on the asthma. London 1786. Abhandlungen von der Engbrüstigkeit und den Heilkräften der Zinkblüten nebst Krankheitsfällen und Bemerkungen. Dtsch. Übersetzung. Leipzig 1787: 43f.
10. Sauvages B.F. de. Nosologia methodica. Amsterdam 1763.
11. Schadewaldt H. Allergisch bedingte Erkrankungen in zeitgenössischen Kasuistiken des 15.-18. Jahrhunderts. Int. Arch. Allergy 1963;22:187-204.
12. Gronemeyer W. Das gewerbliche Asthma. Dtsch Med Wschr 1958;83:390-39.
13. Murray J.A. Apparatus medicanimum tam simplicium quam praeparatorum et compositorum. Bd. 1. Dieterich, Göttingen, 1776 bis 1792.
14. https://de.wikipedia.org/wiki/Brechwurzel
15. Cullen W. Anfangsgründe der praktischen Arzneykunst. Fritsch, Leipzig, 1789.
16. Trousseau A. Clinique médicale de l‘Hôtel de Dieu de Paris. Baillière, Paris 1865.
17. Boyle R. De exercitatione et utilitate philosophiae naturalis experimentalis. Lib. 5, Cap. 13, p. 310 (Hecten, Lindau 1692).
18. Duvoisin A.R. In : Zwingers Fasciculus dissertationum medicarum selectiorum, p. 24, (Koenig, Basel 1710).

Prof. em. Brunello Wüthrich

Langjähriger Leiter der Allergiestation
der Dermatologischen Klinik,
Universitätsspital Zürich,
Im Ahorn 18, 8125 Zollikerberg

bs.wuethrich@bluewin.ch

Der Autor hat keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Der Autor hat keine Interes

  • Die Zahl der Antigene, die zu gewerblichen Inhalationsallergien führen können, nimmt im Gewerbe und Industrie ständig zu.
  • Klagt ein Arbeiter über berufsabhängige Atemwegsbeschwerden ist eine sorgfältige allergologische Abklärung absolut notwendig, um die auslösende Ursache festzustellen.
  • Larvierte Zusätze und obligate Verunreinigungen können
    zu einer professionellen Sensibilisierung führen, was bei der Diagnostik berücksichtigt werden muss.
  • Proteolytische Enzyme in Waschmitteln und weitere ­Inhalierbare Enzyme-Zubereitungen, z.B. in Arzneimitteln, sind aggressive Allergene.
  • Auch die berufliche Exposition mit Antibiotika kann zu ­asthmatischen Beschwerden führen.
  • Ornamentalen Pflanzen, wie z.B. Ficus benjamina, können nicht nur bei Gärtnern und Floristen, sondern auch bei ­häuslichem Kontakt allergische Reaktionen verursachen.

senkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

1. www.gesundheit.gv.at/krankheiten/atemwege/asthma/berufskrankheit.html
2. Flindt MLH. Pulmonary disease due to inhalation of derivatives of Bacillus subtili containing proteolytic enzymes. Lancet 1969/I, 1177.
3. Pepys J, Haergreave FH, Longbottom JL, Faux J. Allergic reactions of the lungs to enzymes of Bacillus subtilis. Lancet 1969/I, 1181.
4. Wüthrich B, Ott F. Berufsasthma durch Proteasen in der Waschmittelindustrie. Schweiz Med Wochenschr 1969:99:1584-1586.
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6. Wüthrich B, Schwarz-Speck M. Asthma bronchiale nach beruflicher Exposition mit proteolytischen Enzymen (Bacillus-subtilis-Proteasen). Schweiz Med Wochenschr 1970; 100:1908-1914.
7. Rosemeyer G, Wüthrich B. Inhalationsallergien auf Waschmittelprotease bei Verbrauchern. Berufsdermatosen 1974;22:107-116.
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10. Würsch T, Wüthrich B. Anaphylaktische Reaktion nach Reibtest mit flüssiger Waschmittelprotease. Allergologie 1984.7:464-466.
11. Kempf W, Oman H, Wüthrich B. Allergy to proteases in medical laboratory technicians new occupational disease? J Allergy Clin Immunol 1999;104:700-701.
12. Wüthrich B. Zum Allergenkatalog beruflicher Inhalationsallergien – Asthma bronchiale auf in synthetisches Labferment, Rhinitis allergica auf Protease und Rhinoconjunctivitisallergica auf Puppe des Falters Galleria mellonella. Berufsdermatosen 1976;24:123-131.
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19. https://de.wikipedia.org/wiki/Papain
20. Baur X, Fruhmann G. Papain-induced asthma: diagnosis by skin test, RAST and bronchial provocation test. Clin Allergy 1979; 9: 75. doi: 10.1111/j.1365-2222. 1979.tb01525.x
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Von BCG zur Next-Generation-Therapie: Fortschritt beim nicht-muskelinvasiven Blasenkarzinom

Nicht-muskelinvasiver Blasenkrebs (NMIBC) macht rund 75 % aller Blasenkrebs-Neudiagnosen aus und ist durch hohe Rückfall- und relevante Fortschreitungsraten gekennzeichnet. Trotz der etablierten transurethralen Resektion der Blasentumoren (TURB) und intravesikaler Bacillus-Calmette-Guérin-Instillation (BCG) bestehen Limitationen, insbesondere bei BCG-Versagen, -Unverträglichkeit und eingeschränkter Verfügbarkeit. Die radikale Zystektomie bleibt eine wirksame Salvage-Option, ist jedoch mit hoher Morbidität und funktionellen Einbussen verbunden. Seit 2014 ermöglicht die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Zulassungen über einarmige Phase-II-Studien für Patienten mit BCG-Versagen. Seither wurden organerhaltende Ansätze wie virale und nicht-virale Immuntherapeutika, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, photodynamische Verfahren und intravesikale Freisetzungssysteme entwickelt. Präparate wie Nadofaragen Firadenovec (Adstiladrin™), N-803 plus BCG (Anktiva™) und Kombinationen mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren zeigen vielversprechende Ergebnisse. Diese Fortschritte eröffnen effektive, funktions- und organerhaltende Therapiealternativen beim NMIBC.

Non-muscle-invasive bladder cancer (NMIBC) accounts for around 75% of all new bladder cancer diagnoses and is characterized by high recurrence and progression rates. Despite the established transurethral resection of bladder tumors (TURB) and intravesical Bacillus Calmette-Guérin (BCG) instillation, there are limitations, particularly in cases of BCG failure, intolerance, and limited availability. Radical cystectomy remains an effective salvage option, but is associated with high morbidity and functional impairment. Since 2014, the US Food and Drug Administration (FDA) has allowed approvals based on single-arm phase II studies for patients with BCG failure. Since then, organ-preserving approaches such as viral and non-viral immunotherapies, antibody-drug conjugates, photodynamic therapies, and intravesical delivery systems have been developed. Preparations such as nadofaragen firadenovec (Adstiladrin™), N-803 plus BCG (Anktiva™), and combinations with immune checkpoint inhibitors are showing promising results. These advances open up effective, function- and organ-preserving treatment alternatives for NMIBC.
Keywords: Nicht-muskelinvasiver Blasenkrebs (NMIBC), Intravesikale Immun- und Gentherapien, Organerhaltende Therapieinnovationen

Einführung

Der nicht-muskelinvasive Blasenkrebs (NMIBC) repräsentiert etwa 75 % aller Neuerkrankungen an Urothelkarzinomen der Harnblase und ist durch hohe Rezidiv- (50–70 %) sowie relevante Progressionsraten zum muskelinvasiven Karzinom (MIBC) oder zur metastasierten Erkrankung (bis zu 30 % bei T1 Tumoren) charakterisiert. Die risikoadaptierte Kombination aus transurethraler Resektion (TUR-B) und adjuvanter intravesikaler Instillationstherapie mit Bacillus Calmette-Guérin (BCG) beim intermediate- (IR) und high-risk (HR) NMIBC gilt seit Jahrzehnten als therapeutischer Standard. Allerdings zeigt sich in bis zu 40 % der Fälle ein Therapieversagen; zusätzlich ist bei rund 20 % der Patienten ein Abbruch aufgrund von Nebenwirkungen erforderlich.

Die radikale Zystektomie stellt zwar eine onkologisch wirksame Salvage-Option dar, ist jedoch mit substanzieller Morbidität und oft relevanter Beeinträchtigung der Lebensqualität assoziiert. Der ausgeprägte Wunsch vieler Patienten nach Organerhalt sowie die seit 2012 bestehenden globalen Engpässe in der BCG-Verfügbarkeit unterstreichen den dringenden Bedarf an effektiven und alternativen organerhaltenden Therapiestrategien.

Während initiale therapeutische Innovationen primär auf das BCG-unresponsive (BCGu)(1) NMIBC fokussierten, adressieren neuere Wirkstoffe zunehmend auch BCG-naive HR und IR NMIBC. Parallel rückt die invasive Therapiedeeskalation bei niedriggradigen Tumoren (LG), welche etwa 50 % aller NMIBC ausmachen, zunehmend in den Fokus. Angesichts der Limitationen repetitiver TUR-B – einschliesslich kumulativer Morbidität mit potentiellem Funktionsverlust – gewinnen daher bei den LG Tumoren Konzepte wie chemotherapeutische oder immunologische Ablationsstrategien an Bedeutung (2).

Im Folgenden werden vielversprechende therapeutische Ansätze vorgestellt, die das Management des NMIBC revolutionieren können. Eine Übersicht zentraler Studienergebnisse findet sich in Tabelle 1. Eine schematische Darstellung der Subklassen neuer intravesikaler Medikamente bietet Abbildung 1.

Neue intravesikale Medikamente

Intravesikale Immunotherapien

Die virale Gentherapie stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Steigerung der Wirksamkeit intravesikaler Behandlungen dar, indem rekombinante Proteine mittels viraler Vektoren direkt in urotheliale Zellen eingebracht werden. Nadofaragen-Firadenovec (Adstiladrin™), ein rekombinanter Adenovirus, der für den Transport und die intrazelluläre Produktion des Gens Interferon alfa-2b konstruiert wurde, war die erste solche Therapie, die im Jahre 2022 von der FDA mit 3 und 12 Monats complete -response-Raten (CR) von 53 % und 24 % zur Behandlung von BCGu NMIBC mit Carcinoma in situ (CIS) zugelassen wurde (3). Im Jahr 2024 wurden die Fünfjahresdaten publiziert, wobei nach 57 Monaten immer noch 13 % der Patienten kein high-grade (HG) Rezidiv erlitten.

Eine weitere vielversprechende virale Therapie stellt Cretostimogene Grenadenorepvec (CG0070) dar, ein modifizierter Adenovirus, der darauf ausgelegt ist, maligne Blasenzellen mit defizienter oder mutierter Expression des Retinoblastom-Tumorsuppressorgens gezielt anzugreifen. In der Phase-III-Studie BOND-003 Studie konnte CG007 eine CR nach einem Jahr von 46 % bei BCGu NMIBC Patienten mit CIS +/- HG Ta/T1 erreichen. Im Rahmen der Phase-3-PIVOT-006 sowie Phase-2-CORE-008-Studien wird CG0070 weiter untersucht.

Ein nichtvirales Therapieverfahren ist Nogapendekin Alfa-inbakicept (N-803) (AnktivaTM), ein Interleukin-15 Superagonist, der zusammen mit BCG intravesikal appliziert wird. N-803 wirkt über eine Verstärkung der Aktivierung natürlicher Killerzellen und T-Zellen. Im Rahmen der QUILT 3.032 Studie erreicht N-803 in Kombination mit BCG eine CR von 45 % nach 12 Monaten und wurde in einem beschleunigten Verfahren im April 2024 durch die FDA zugelassen (4), neuerdings auch in Kombination mit dem rekombinanten BCG VPM1002BC (5), im Falle, dass nicht genügend BCG Tice in den US zur Verfügung stehen sollte.

Über eine synergistische Stimulation der angeborenen sowie der adaptiven Immunantwort wirkt das nicht eiweisshaltige und nichtvirale, ebenfalls intravesikal verabreichte DNA Plasmid Detalimogene Voraplasmid (EG-70), wobei über Aktivierung des RIG-I Rezeptor natürliche Killerzellen stimuliert werden und IL-12 zu einer T-Zell abhängigen Zytokinantwort führt. Erste Resultate der Phase-II-LEGEND-Studie können bei einer CR nach 6 Monaten von 60 % als vielversprechend gewertet werden.

Die intravesikale Verabreichung von Durvalumab (Imfinzi™) wurde im Rahmen einer Phase II Studie bei BCG failure Patienten durch die Hellenic GU Cancer Group untersucht und erreichte eine CR nach 12 Monaten von 39 % (6).

Intravesikale Photodynamische Therapien

Belzupacap sarotalocan (bel-sar, AU-011) ist ein Konjugat aus Nanopartikeln des Humanen Papillomavirus (HPV-NPs) und wirkt über Infrarotlicht aktivierbare fluoreszendierende Tinte IR-700. Nach Injektion in die Tumorbasis bindet HPV-NP an Heparansulfatierte Proteoglykane, welche durch die Tumorzellen überexprimiert werden. Über Infrarotlicht erfolgt die Aktivierung von IR-700 mit Freisetzung freier Sauerstoffradikale mit Schädigung der Tumorzellmembranen. Zudem führt HPV-NP zusätzlich zu einer Immunreaktion. Im Rahmen einer Phase-I-Studie (NCT05483868) konnte bei vier von fünf Patienten mit einem IR-NMIBC in der TUR-B, die sieben bis zwölf Tage nach der Applikation durchgeführt wurde, kein vitales Tumorgewebe mehr nachgewiesen werden.

Über die Freisetzung freier Sauerstoffradikale wirkt ebenfalls TLD-1433, welches nach intravesikaler Instillation durch die Überexpression des Transferrin Rezeptors vermehrt in Tumorzellen aufgenommen und mittels 520nm Laser aktiviert wird. In einer Phase-II-Studie (NCT03945162) konnte in der BCGu Gruppe eine CR von 38 % nach 12 Monaten erreicht werden.

Neue intravesikale Chemotherapien/Chemotherapien mit prolongierter Wirkstoffadhärenz/ADC

Die sequenzielle intravesikale Kombinationstherapie mit Gemcitabin und Docetaxel (GemDoce) hat als alternative off-label Behandlungsoption für Patientinnen und Patienten als Ersatz für BCG oder mit BCGu NMIBC zunehmend an Bedeutung gewonnen. Gem/Doce, das die zytotoxischen und antitumoralen Eigenschaften beider Wirkstoffe nutzt, wurde zunächst als Salvage-Therapie beim BCGu eingesetzt, wobei hier CR-Raten von 57 % nach 12 Monaten erreicht werden können (7).

In retrospektiven Studien scheint Gem/Doce zumindest gleichwertig wie BCG zu wirken, und da Gemcitabin alleine beim BCGu NMIBC der BCG Re-Induktion überlegen ist, ist zu erwarten, dass Gem/Doce möglicherweise noch besser wirkt. Resultate der aktuell laufenden randomisierten BRIDGE-Studie, welche BCG versus GemDoce in BCG-naiven Patienten untersucht, sind frühestens 2030 zu erwarten (8).

Bei Oncofid-P-B handelt es sich um ein neues, wasserlösliches Konjugat aus Hyaluronsäure und dem Zytostatikum Paclitaxel zur intravesikalen Administration. Die spezifische Bindung der Hyaluronsäure an den auf Blasentumorzellen überexprimierten CD44-Rezeptor erlaubt eine selektive Paclitaxel-Aufnahme und eine 800-fach erhöhte intrazelluläre Konzentration gegenüber der alleinigen intravesikalen Applikation von Paclitaxel. In der Phase-I-Studie konnte beim BCGu NMIBC eine CR von 40 % nach 15 Monaten erreicht werden. Aktuell wird Oncofid-P-B im Rahmen der Phase-III-Studie Orion-BC untersucht.

UGN-102 (VesiGel™) ist eine Mitomycin-haltige reverse-thermal-Gel-Formulierung, die gekühlt flüssig ist und sich bei Körpertemperatur verfestigt. Dadurch verlängerte sich die intravesikale Wirkstoffexposition von 1–2 Stunden auf 4–6 Stunden. Es handelt sich hierbei um einen neuartigen Verabreichungsmechanismus für einen in der Blasenkrebstherapie bereits etablierten Wirkstoff. Im Rahmen der Phase-III-ENVISION-Studie wurde die primäre Chemoablation von LG NMIBC untersucht. Eine CR nach 15 Monaten konnte bei 61 % der Patienten beobachtet werden.
Phase-I-Studien mit reverse-thermal Hydrogel welche Imiquimod (TLR-7 Agonist) (UGN-201) und Zalifrelimab (CTLA-4 Antikörper) (UGN-301) enthalten, laufen aktuell.

Das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) Enfortumab / Vedotin (EV) hat die Therapie des lokal fortgeschrittenen, nicht resezierbaren sowie metastasierten Urothelkarzinomes revolutioniert. Die intravesikale Verabreichung von EV bei BCGu NMIBC wird im Rahmen der Phase-I-Studie EV-104 untersucht. Ergebnisse, mit Ausnahme der Tolerabilität und zum Sicherheitsprofil, welche keine unerwünschten Arzneimittelwirkungen ≥Grad 3 zeigten, sind aktuell noch ausstehend.

Intravesikale Wirkstofffreisetzungssysteme

TAR-200 (InlexzoTM) stellt eine neuartige und innovative intravesikale Applikation beim NMIBC dar. Die Platzierung des TAR-200 Devices in der Harnblase erfolgt transurethral im Rahmen eines ambulanten Eingriffs und ermöglicht eine kontinuierliche, über 3 Wochen dauernde lokale Freisetzung von Gemcitabin ohne Notwendigkeit der wiederholten Katheterinstillation. Dieses System adressiert zentrale Limitationen bisheriger intravesikaler Behandlungen, wie kurze Verweilzeiten von 1–2 Stunden und anschliessendes Entleeren der Blase, was eine gleichmässige und langanhaltende Exposition gegenüber dem Wirkstoff verhindert. Die Sicherheit und Wirksamkeit von ­TAR-200 in verschiedenen Settings des NMIBC – sowohl als Monotherapie als auch in Kombination mit Immuncheckpoint-Inhibitoren – werden im Rahmen des randomisierten SunRISe-Studienprogramms untersucht. In der Kohorte 2 (TAR-200 Monotherapie, CIS +/- papillary disease) der Ende Juli publizierten Phase-2b-Studie SunRISe-1 erreichte TAR-200 eine Gesamt-CR von 82.4 % und eine CR von 45.9 % nach 12 Monaten bei einer medianen Responsedauer von 25.8 Monaten. Therapiebedingte Nebenwirkungen ≥ Grad III traten bei 12.9 % der Patienten auf, ein Therapieunterbruch war bei 31.8 % notwendig, nebenwirkungsbedingt musste die Therapie bei 3.5 % der Patienten abgebrochen werden (9). Anfang Semptember 2025 wurde TAR-200 durch die FDA zur Behandlung von BCGu NMIBC mit CIS +/- papilläre Tumoren zugelassen.

Den gleichen Prinzipien wie TAR-200 folgt TAR-210, wobei hier eine kontinuierliche Freisetzung des Pan-FGFR3 Tyrosin Kinase Inhibitors Erdafitinib erfolgt. Die Evaluation erfolgt im Rahmen der Phase-3-MoonRISe-1 Studie beim IR NMIBC bei Patienten mit einer FGFR3-Alteration. Als Vergleichsarm dient allerdings nicht BCG als aktuelle Standardtherapie, sondern eine intravesikale Chemotherapie mit Mitomycin oder Gemcitabin.

Systemische Therapien / Kombinationstherapien

2020 wurde Pembrolizumab (Keytruda™) als intravenöse Immuncheckpoint-Inhibitor (ICI) Therapie basierend auf den Resultaten der Keynote-057-Studie zur Behandlung des BCGu NMIBC als erstes Medikament aufgrund einer nicht randomisierten Phase-2-Studie durch die FDA zugelassen. Die relativ geringe CR von 19 % nach 12 Monaten und die vergleichsweise hohe Toxizität unterstrich allerdings den Bedarf einer Therapieweiterentwicklung. Eine Reihe von Studien untersucht die Kombinationstherapie zwischen systemischem ICI und intravesikalem BCG in verschiedenen Settings des NMIBC.

Pembrolizumab wird aktuell im Rahmen der Keynote-676-Studie in Kombination mit BCG untersucht. Die Kohorte A vergleicht die Kombinationstherapie gegenüber der alleinigen Fortführung der BCG-Therapie bei HG-Rezidiv/Persistenz nach adäquater BCG-Induktion beim HG-NMIBC (papillary disease +/- CIS). Kohorte B vergleicht die alleinige BCG-Therapie gegenüber der Therapie mit Pembrolizumab + BCG mit voller und reduzierter Erhaltungstherapie bei BCG-naiven Patienten. Resultate werden in naher Zukunft erwartet.

Die ALBAN-Studie untersucht die Kombination des PD-L1-Inhibitors Atezolizumab (Tecentriq™) in Kombination mit BCG bei BCG-naiven Patienten. Resultate werden nicht vor 2028 erwartet.

Kürzlich wurden im Nature Medicine die Resultate der CREST Studie veröffentlich, welche die subkutane Verabreichung von Sasanlimab (anti-PD1 Antikörper) mit intravesikalem BCG (Induktion (I) + Erhaltung (M) (Arm A) oder nur Induktion (Arm B)) mit der alleinigen BCG-Therapie (Arm C) beim BCG-naiven HR-NMIBC verglich. In Bezug auf das eventfreie Überleben (high-grade Rezidiv, Progression, CIS Persistenz, Tod) zeigte der Interventionsarm A ein 7.3 % geringeres Risiko gegenüber dem Vergleichsarm C (10). Dies bei einer allerdings 4.6x höheren Rate an Grad ≥ III Nebenwirkungen (6.3 % (BCG I&M) vs. 29.1 % (Sasanlimab + BCG I&M)). Wird Sasanlimab nur mit einer BCG-Induktion ohne Erhaltung verabreicht, zeigte sich kein signifikanter Unterschied gegenüber der BCG-Monotherapie mit Induktion und Erhaltung.

Über das praktisch gleiche, dreiarmige Studiendesign verfügte die POTOMAC-Studie, wobei als ICI Durvalumab fungiert. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung des Herstellers zeigt eine Interim-Analyse ein «statistisch signifikantes und klinisch relevantes längeres krankheitsfreies Überleben» im Interventionsarm. Daten wurden bisher noch nicht veröffentlicht (11).

Kombinationstherapien von ICI und viralen Gentherapien wurden im Rahmen der CORE-001-Studie (Pembrolizumab + GC0070) beim BCGu NMIBC sowie im Rahmen der ABLE-22-Studie (Pembrolizumab + Nadofaragen-Firadenovec) untersucht. Während in der publizierten Phase-II-Studie CORE-001-Studie eine CR nach 24 Monaten von 51.4 % erreicht werden konnte, sind die Resultate der ABLE-22-Studie noch ausstehend.
Die multi-arm, multi-stage Studie ADAPT-BLADDER untersucht die Kombination von intravenösem Durvalumab mit BCG, Radiotherapie, Gem/Doce allein oder in zusätzlicher Kombination mit Tremelimumab (CTLA-4 Inhibitor) (Imjudo™). Erste Resultate der Kohorte 4 (Durvalumab + GemDoce) wurden am diesjährigen ASCO GU Meeting präsentiert, eine CR konnte nach 12 Monaten in knapp 70 % der 37 Patienten beobachtet werden.

Die systemische Verabreichung von Erdafitinib (Balversa™) beim BCGu NMIBC mit FGFR-Alteration wurde im Rahmen der THOR-2-Studie im Vergleich zu einer intravesikalen Chemotherapie mit Mitomycin C oder Gemcitabin untersucht. Nach einem Jahr betrug das rezidivfreie Überleben in der Interventionsgruppe 77 % vs. 41 %. Aufgrund von Nebenwirkungen mussten allerdings 29 % der Patienten der Interventionsgruppe die Therapie abbrechen, gegenüber 0 % in der Vergleichsgruppe.

Ein möglicherweise revolutionärer Therapieansatz könnte die Anwendung von Nanorobotern darstellen. So konnte im Mausmodell eine Reduktion des Tumorvolumens um 90 % nach einmaliger Instillation von mit Harnstoff betriebenen Nanorobotern beobachtet werden. Die Nanoroboter werden in die Blase instilliert und bewegen sich dann durch Verstoffwechselung des sich im Urin befindlichen Harnstoffes selbständig in Richtung Urothel. Aus bisher noch nicht geklärten Gründen findet im Tumorgewebe eine deutlich höhere Anreicherung statt. Die Zerstörung des Tumorgewebes findet über sich auf der Oberfläche der Nanoroboter befindliche Radioisotope statt (12).

Radiotherapie beim NMIBC

Während sich die Radiotherapie beim MIBC im Rahmen der Trimodaltherapie als fester Therapiebestandteil etablieren konnte, könnte sie in Zukunft auch vermehrt beim NMIBC zum Einsatz kommen. Basierend auf den Resultaten des 2024 veröffentlichten Phase-II-Protokolls NRG Oncology/RTOG 0926 fand sie bereits als Bestandteil der Trimodaltherapie bei rezidivierenden T1 NMIBC Eingang in die NCCN-Guidelines. Die kürzlich eröffnete Nachfolgestudie NRG-GU014 vergleicht die Radiotherapie nach vorausgehender TUR-B beim rezidivierenden T1 NMIBC in Kombination mit einer systemischen Chemotherapie mit einer systemischen ICI-Therapie mit Pembrolizumab. Weitere Studien, welche die Radiotherapie im Setting des NMIBC untersuchen, sind die beiden Phase-II-Studien PREVERT und HOPE-04 sowie die Kohorte 3 der Phase-I-Studie ADAPT-BLADDER.

Zusammenfassung

Die Therapielandschaft des NMIBC befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel. Bis zum Jahr 2020 standen als adjuvante Therapien fast ausschliesslich BCG und intravesikale Chemotherapien zur Verfügung. Erste FDA-Zulassungen von, Nadofaragen-Firadenovec , TAR-200 und CG0070 plus BCG (alle beim BCGu NMIBC) unterstreichen diesen Wandel und haben das Therapiespektrum substanziell erweitert. Bisher wurden diese Substanzen bis auf Pembrolizumab, welches als Monotherapie keinen überzeugenden Therapie-Effekt hat, in der Schweiz noch nicht zugelassen. Eine Vielzahl weiterer innovativer Wirkstoffe mit dem Potential, die Therapie des NMIBC weiter zu verbessern, befindet sich aktuell in verschiedenen Studienphasen in Erprobung. Nebst der Entwicklung neuer Therapien wird in Zukunft auch der Validierung prädiktiver Biomarker ein hoher Stellenwert zukommen, um effizient und kosteneffektiv die optimale Therapie für betroffene Patienten zu finden.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Fabian J. Aschwanden

Klinik für Urologie
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

Prof. Dr. med. Cyrill A. Rentsch, MD-PhD

Klinik für Urologie
Universitätsspital Basel
Spitalstrasse 21
4031 Basel

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Hohe Rezidiv- und Progressionsraten beim NMIBC sowie BCG-Versagen und -Unverträglichkeit erfordern neue Therapiekonzepte. Der Wunsch nach Blasenerhalt und die BCG-Knappheit verstärken den Bedarf an effektiven, organerhaltenden Alternativen zur radikalen Zystektomie.
  • Eine Vielzahl innovativer intravesikaler Immun- und Chemotherapien befindet sich in unterschiedlichen Stadien der klinischen Prüfung. Dazu zählen virale Gentherapien wie Nadofaragen-Firadenovec und CG0070, Immunmodulatoren wie N-803 sowie kombinierte Chemotherapeutika wie Gemcitabin/Docetaxel.
  • Medikamentenhaltige Reverse-Thermal-Gele und intravesikale Medikamentenapplikationssysteme wie UGN-102 und TAR-200 ermöglichen eine verlängerte Medikamentenexposition. Diese neuen Technologien haben das Potential herkömmliche intravesikale Therapien zu verbessern.
  • Kombinationstherapien mit Immuncheckpoint-Inhibitoren werden intensiv untersucht. Erste Resultate in Kombination mit BCG zeigen Vorteile, welche aber gegen die stark erhöhten Nebenwirkungen der Kombinationstherapie versus BCG alleine abgewogen werden müssen.
  • Zukünftige Therapieansätze wie nanotechnologische Plattformen oder hochspezifische Wirkstofffreisetzungssysteme (z. B. FGFR-gerichtetes TAR-210) könnten die Behandlung weiter revolutionieren. Erste präklinische und klinische Daten sind vielversprechend, ihre Rolle im Therapiestandard bleibt jedoch durch weitere Studien zu evaluieren.

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Kardiale Amyloidose: Ein Update

Die kardiale Amyloidose entsteht durch die Ablagerung fehlgefalteter Proteine in Form von Amyloidfibrillen. Die beiden häufigsten Formen mit Herzbeteiligung sind die Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose (AL) und die Transthyretin-Amyloidose (ATTR), die entweder als Wildtyp (ATTRwt) oder als hereditäre Variante (ATTRv) vorkommt. In den letzten Jahren hat sich im Bereich der kardialen Amyloidose viel getan: Ein besseres Verständnis der Pathophysiologie, Fortschritte in der Bildgebung und die Entwicklung neuer Therapien haben diese Krankheitsbilder stark verändert. Was einst als seltene Krankheit mit einer sehr ungünstigen Prognose galt, hat sich mittlerweile zu einer Krankheit entwickelt, die viel häufiger auftritt als bisher angenommen und für die zunehmend mehr Therapien zur Verfügung stehen.

Cardiac amyloidosis results from the deposition of misfolded proteins in the form of amyloid fibrils. The two most common subtypes affecting the heart are light-chain (AL) amyloidosis and transthyretin (ATTR) amyloidosis, which occurs either in the wild-type form (ATTRwt) or in a hereditary variant (ATTRv). In recent years, major advances have been made in the field of cardiac amyloidosis: a better understanding of the pathophysiology, progress in imaging, and the development of new therapies have profoundly changed this field. What was once considered a rare disease with a devastating prognosis has now developed into a disease that occurs much more frequently than previously thought and for which more treatment strategies are available.
Keywords: Kardiale Amyloidose, Transthyretin, Herzinsuffizienz

Die kardiale Amyloidose galt lange als seltene, kaum behandelbare Erkrankung mit schlechter Prognose. Durch Fortschritte in Diagnostik und Therapie hat sich das Bild jedoch gewandelt: Die Erkrankung wird heute häufiger und in früheren Stadien erkannt, und neue Wirkstoffe verändern den klinischen Verlauf nachhaltig. Diese Übersicht zeigt, wie sich Diagnostik, Bildgebung und Therapieansätze in den letzten Jahren weiterentwickelt haben und welche Herausforderungen nun im Vordergrund stehen.

Veränderung der Studienpopulation

Die Patienten mit kardialer Amyloidose, die wir im klinischen Alltag sehen, haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Dank des erhöhten Bewusstseins der Kardiologen für das Krankheitsbild und der verbesserten Diagnosemöglichkeiten wird die kardiale Amyloidose immer früher erkannt. Eine kardiale Amyloidose wird zunehmend bei der Abklärung von Patienten mit Herzinsuffizienz und erhöhter Wanddicke (über 12 mm) aber auch in anderen klinischen Szenarien (z. B. low-flow low-gradient Aortenstenose, hypertrophe Kardiomyopathie oder bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion) vermutet. Patienten mit beidseitigem Karpaltunnelsyndrom als Ausdruck von frühen Amyloid-Ablagerungen werden systematischer auf eine zugrundeliegende Amyloidose untersucht, und Zufallsbefunde bei Biopsien oder typische Muster im Herz-MRI tragen ebenfalls zur früheren Diagnose bei. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass Patienten mit kardialer Amyloidose heute meist in einem früheren Krankheitsstadium diagnostiziert werden. Dies widerspiegelt sich auch in den aktuelleren klinischen Studien, bei denen die Erkrankung weniger fortgeschritten ist als in früheren Studien. Wie Tab. 1 zeigt, unterscheiden sich die Studienpopulationen der grossen klinischen Studien. Neuere Studien haben zunehmend Patienten in früheren Krankheitsstadien mit niedrigerer Mortalität eingeschlossen. Nichtsdestotrotz: Die Studien bestätigen auch ein besseres Therapieansprechen in früheren Krankheitsstadien (z.B. NYHA Klasse 1 und 2 oder NT-proBNP < 2000 ng/L) (1).

Fortschritte in der Bildgebung

Fortschritte in der Bildgebung haben das Feld bereits grundlegend verändert. So ermöglicht die SPECT mit knochenaffinen Tracern (99mTc-DPD, -PYP, -HMDP) eine frühzeitige und verlässliche nicht-invasive Diagnose der kardialen ATTR-Amyloidose, wodurch eine Endomyokardbiopsie (EMB) in den meisten Fällen überflüssig geworden ist. Wenn man mittels Serum- und Urin-Immunfixation sowie freier Leichtketten im Serum eine AL-Amyloidose ausgeschlossen hat – und das ist zentral bei jedem Verdacht auf eine kardiale Amyloidose –, erhält man mit einem Perugini-Grad 2 oder 3 eine 100 %ige Spezifität zur Diagnostik der ATTR-Amyloidose (2). In sehr frühen Krankheitsstadien nimmt die Sensitivität jedoch leicht ab: Oftmals wird dann ein Perugini-Grad 1 gefunden, der weiter abgeklärt werden muss (z.B. mittels Herz-MRI oder EMB). Abb. 1 illustriert diese Herausforderung. Der exemplarische Fall zeigt frühe Hinweise für eine kardiale Amyloidose in der Bildgebung und, dass auch ein milder, fokaler Uptake in der SPECT/CT eine weiterführende Diagnostik erfordert. Diese Fälle repräsentieren oft frühe Amyloidablagerungen ohne manifeste Amyloidose, deren natürlicher Verlauf bislang wenig verstanden ist (3). Besonders bei sehr früher Erkrankung hat das Amyloid-PET eine höhere Sensitivität (4). Im Gegensatz zu den knochenaffinen SPECT-Radiotracern sind PET-Radiotracer speziell dafür entwickelt worden, direkt an Amyloidfibrillen zu binden. Dadurch ermöglichen sie eine sehr genaue Diagnose und eine Quantifizierung der Krankheitslast. Ursprünglich für die Alzheimer-Diagnostik entwickelt, werden diese Tracer zunehmend auch für die kardiale Amyloidose erprobt, sind jedoch für diese Indikation bislang noch nicht zugelassen. In zwei Phase-3-Studien werden die Genauigkeit und der Nutzen von 124I-Evuzamitide (REVEAL, NCT06788535) und 18F-Florbetaben (CArdiag, NCT05184088) aktuell getestet. Neben der Diagnostik spielt die Bildgebung eine immer wichtigere Rolle beim Monitoring des Therapieansprechens. Während die Echokardiographie als kostengünstiges und breit verfügbares Verfahren strukturelle und funktionelle Veränderungen abbilden kann, zeigen sich Veränderungen hier frühestens nach 18 Monaten. Demgegenüber können das kardiale MRI oder das Herz-PET bereits frühe Veränderungen unter Therapie visualisieren (5, 6).

Technologische Entwicklungen

In den vergangenen Jahren wurde die künstliche Intelligenz (KI) trainiert und validiert, um eine kardiale Amyloidose im EKG, der Echokardiographie, dem kardialen MRI, der Szintigraphie und in der Pathologie mit hoher diagnostischer Genauigkeit zu erkennen (7). So konnte in einer kürzlichen Studie die kardiale Amyloidose mittels KI im EKG und in der Echokardiographie um bis zu 3 Jahre früher erkannt werden (8). Das kann den Patienten potentiell einen schnelleren Zugang zur Therapie ermöglichen und die Krankheit früher stabilisieren. Neben den KI-basierten Verfahren zeigen auch automatisierte Auswertungen von elektronischen Gesundheitsakten Potenzial. So konnte ein Scoring-System, das unter anderem auf ICD-10-Diagnosen und Laborwerten basiert, Patienten mit erhöhtem Risiko für kardiale Amyloidose identifizieren (9). Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse ist die Evidenzlage für den Einsatz solcher KI-gestützten und datenbasierten Tools bislang gering (10). Es gibt noch keine prospektiven Studien und auch kaum Daten zur Umsetzung im klinischen Alltag. Diese Lücken müssen geschlossen werden vor einer breiten klinischen Einführung dieser Tools.

Neue Therapieansätze

Aktuelle Behandlungen der kardialen Amyloidose setzen bei den Amyloidvorläuferproteinen an. Bei der AL-Amyloidose sind dies Therapien, die gegen Plasmazellen im Knochenmark gerichtet sind und somit die amyloidogenen Leichtketten reduzieren. Bei der ATTR-Amyloidose zielen die Therapien dagegen auf das Transthyretin-Protein ab. Im Folgenden liegt der Fokus auf der ATTR-Kardiomyopathie (CM), da die AL-Amyloidose in enger Kooperation mit der Hämatologie behandelt wird und spezifischen Therapieprinzipien folgt. Für die ATTRwt-Amyloidose sind aktuell in der Schweiz Tafamidis und Vutrisiran zugelassen – letztere Substanz wird jedoch noch nicht vergütet. Aktuell befinden sich mehrere Medikamente im Zulassungsverfahren oder in Phase 3 klinischen Studien. Bei der ATTR-Amyloidose werden drei Therapieprinzipien unterschieden: Stabilisatoren, Suppressoren und Depletoren (Tab. 2).

Als Stabilisator bereits zugelassen ist Tafamidis (11). Acoramidis ist ein weiterer Stabilisator, der in der Phase-3-Studie (ATTRibute-CM) die Mortalität und kardiovaskuläre Ereignisse reduziert hat und in der Schweiz nun im Zulassungsverfahren ist (12). Zu den Suppressoren zählen Gen-Silencing-Therapien wie Patisiran und Vutrisiran (small interfering RNA). In der Phase-3-Studie (HELIOS-B) zeigte Vutrisiran bei ATTR-CM eine Reduktion von Mortalität und kardiovaskulären Ereignissen und ist nun zugelasssen, aber noch nicht auf der Spezialitätenliste (13). Inotersen, ein weiterer Suppressor, wird in der Schweiz nicht mehr angewendet, während Eplontersen mit günstigerem Nebenwirkungsprofil für die ATTRv-PN bereits zugelassen ist. Zusätzlich läuft die Phase-3-Studie (CARDIO-TTRansform, NCT04136171) für den Einsatz von Eplontersen bei ATTR-CM. Andererseits zählt zu den Suppressoren auch ein Gen-Editing-Ansatz, der auf der CRISPR-Cas9-Technologie basiert und ebenfalls in einer Phase-3-Studie (MAGNITUDE, NCT06128629) getestet wird. Die dritte Klasse, die Depletoren, beinhaltet beispielsweise den monoklonalen humanen Antikörper Cliramitug, welcher auf die direkte Entfernung von Amyloidfibrillen abzielt und sich derzeit in einer Phase-3-Studie befindet (DepleTTR-CM, NCT06183931).

Die Therapie der AL-Amyloidose unterscheidet sich grundlegend. Hier hat die Einführung wirksamer Therapien, die gegen Plasmazellen oder reife B-Zellen gerichtet sind, die Behandlung deutlich verändert. Ein besonderer Fortschritt war der Einsatz monoklonaler Antikörper gegen das Oberflächenprotein CD38, wie Daratumumab, der mit relativ wenigen Nebenwirkungen die Prognose der Patienten deutlich verbessert hat. Zusätzlich wurde der antifibrilläre Antikörper Anselamimab in einer Phase-3-Studie (CAEL-101) geprüft, konnte jedoch die primären Endpunkte nicht erreichen, sodass der klinische Nutzen derzeit unklar bleibt (14, 15).

Herausforderungen für die Zukunft

Trotz enormer Fortschritte in Diagnostik und Therapie bestehen weiterhin Herausforderungen. Die derzeit für die ATTRwt-CM zugelassenen Behandlungen können die Krankheit nicht rückgängig machen, und bei etwa 30–40 % der Patienten kommt es trotz Therapie weiterhin zu einem kardiovaskulären Ereignis oder sogar zum Tod. Vor diesem Hintergrund und der gleichzeitig wachsenden Anzahl an Therapieoptionen stellen sich zunehmend neue Fragen. Welche initiale Therapie ist für welchen Patienten am besten geeignet? Wie lässt sich das Ansprechen auf die Therapie zuverlässig beurteilen? Wann und unter welchen Bedingungen sollte von einem Wirkstoff auf einen anderen gewechselt werden? Und in welchen Situationen ist es sinnvoll, eine Therapie abzusetzen? Um diese Fragen beantworten zu können, sind grössere, multizentrische Studien mit langen Beobachtungszeiträumen notwendig. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Register, wie sie beispielsweise vom Schweizerischen Amyloidose-Netzwerk mit dem Schweizer Amyloidose Register (SAR) aufgebaut und kontinuierlich erweitert werden, da sie die Generierung grosser Mengen an Real-World-Daten ermöglichen (16). Diese Studien und Register müssen funktionelle Tests, Biomarker, patientenberichtete Outcomes sowie bildgebende Verfahren beinhalten, um Schwellenwerte für das Fortschreiten der Krankheit wie auch das Therapieansprechen festzulegen. Schlussendlich wird ein multimodaler Ansatz, der klinische Parameter, Biomarker und Bildgebung kombiniert, entscheidend sein, um personalisierte Therapiestrategien zu entwickeln und die Versorgung von Patienten mit kardialer Amyloidose weiter zu verbessern (17).

Korrigendum und Nachtrag zur Publikation „Kardiale Amyloidse: Ein Update“ vom Dezember 2025: Zum Zeitpunkt der Publikation war Eplontersen für die Indikation ATTRv-Polyneuropathie zugelassen und auf der Spezialitätenliste seit 01.07.2025 (Tabelle 2). Als Nachtrag möchten wir ergänzen, dass neu (Stand 01.04.2026) sowohl Acoramidis als auch Vutrisiran für ATTR-CM zugelassen und auf der Spezialitätenliste sind.

Amely Walser 1
Prof. Dr. med. Andreas J. Flammer 2
Dr. med. Rahel Schwotzer 3
PD Dr. med. Dominik C. Benz 1,2,4
1 Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, 8091 Zürich
2 Klinik für Kardiologie, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich
3 Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, Universitätsspital Zürich, Rämistrasse 100, 8091 Zürich
4 Advanced Clinician Scientist Programm, Universitäre Medizin Zürich (UMZH)

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Amely Walser

Klinik für Nuklearmedizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Dr. med. Dominik C. Benz

- Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsspital Zürich,
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
- Klinik für Kardiologie, Universitätsspital Zürich,
Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich
- Advanced Clinician Scientist Programm,
Universitäre Medizin Zürich (UMZH)

dominik.benz@usz.ch

Stipendien: Dr. Benz gibt an, ein Karrierestipendium des Advanced Clinician Scientist Programms der Universitären Medizin Zürich (UMZH) zu erhalten.

Amely Walser berichtet über keine Interessenkonflikte.
Dr. Flammer berichtet über Forschungsförderung von AstraZeneca und Novartis sowie Honorare von Alnylam, AstraZeneca, Bayer, Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer, Roche und Vifor. Er ist nationaler Koordinator der DepleTTR-CM-Studie (Alexion/AstraZeneca).
Dr. Schwotzer berichtet über Forschungsförderung der Mach-Gaensslen-Stiftung; Förderung des Swiss Amyloidosis Registry durch Alnylam, AstraZeneca, SOBI und Pfizer; sowie Beratungshonorare von Alnylam, AstraZeneca und Johnson & Johnson.
Dr. Benz berichtet über Forschungsförderung der Olga Mayenfisch-Stiftung und der Immanuel-und-Ilse-Straub-Stiftung; investigator-initiierte Forschungsförderung von AstraZeneca und Life Molecular Imaging; sowie Beratungshonorare von Pfizer, Alnylam, Bayer Healthcare und AstraZeneca.

  • Durch verbesserte Diagnostik und erhöhtes klinisches Bewusstsein werden Patienten heute in früheren Krankheitsstadien erkannt, wodurch der klinische Verlauf günstiger wird.
  • Die Entwicklung von KI-Modellen und insbesondere von amyloidbindenden PET-Tracern wird uns in Zukunft erlauben, die Pathologie vor der Erkrankung zu entdecken.
  • Für die kardiale ATTR-Amyloidose sind derzeit Tafamidis und Vutrisiran zugelassen, und Acoramidis befindet sich im Zulassungsverfahren. Weitere Therapien befinden sich in Phase-3-Studien und werden das Behandlungsspektrum künftig erweitern.
  • Mit der zunehmenden Zahl an Therapieoptionen wird die klinische Entscheidungsfindung komplexer. Ein multimodaler, personalisierter Ansatz unter Einbezug von Klinik, Biomarkern und Bildgebung ist entscheidend, um Therapieplanung und Monitoring individuell zu optimieren.

1. Maurer MS, Witteles RM, Garcia-Pavia P, Sheikh FH, Morbach C, Rodriguez Duque D, et al. Impact of Heart Failure Severity on Vutrisiran Efficacy in Transthyretin Amyloidosis With Cardiomyopathy. J Am Coll Cardiol. 2025;85(20):1927-39.
2. Gillmore JD, Maurer MS, Falk RH, Merlini G, Damy T, Dispenzieri A, et al. Nonbiopsy Diagnosis of Cardiac Transthyretin Amyloidosis. Circulation. 2016;133(24):2404-12.
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17. Gonzalez-Lopez E, Maurer MS, Garcia-Pavia P. Transthyretin amyloid cardiomyopathy: a paradigm for advancing precision medicine. Eur Heart J. 2025;46(11):999-1013.

Micro-RNA als Tumormarker beim Hodenkrebs: Ready for prime time?

Keimzelltumoren des Hodens sind die häufigsten malignen Tumoren junger Männer. Klassische Tumormarker wie AFP, β-HCG und LDH sind nur bei etwa 50 % der Patienten erhöht. Zirkulierende MicroRNAs, insbesondere miR-371a-3p, haben sich in den letzten Jahren als vielversprechende neue Biomarker etabliert. Sie eignen sich für Primärdiagnostik, Therapiemonitoring, Beurteilung postchemotherapeutischer Residualtumoren und die frühzeitige Rezidiverkennung. Erste prospektive Studien bestätigen einen klinischen Nutzen von miR-371a-3p. Die Integration in Leitlinien erfordert jedoch weitere Standardisierung und Validierung.

Testicular germ cell tumors are the most common malignancies in young men. Conventional tumor markers such as AFP, β-HCG, and LDH are elevated in only about 50% of patients. Circulating microRNAs, particularly miR-371a-3p, have recently emerged as promising new biomarkers. They show strong potential in primary diagnosis, therapy monitoring, evaluation of post-chemotherapy residual tumors, and early relapse detection. First prospective studies confirm the clinical utility of miR-371a-3p. Broader guideline integration, however, requires further standardization and validation.
Keywords: MicroRNA-371a-3p, Testicular germ cell tumor, Biomarker, RPLND, Active surveillance

Einleitung

Keimzelltumoren des Hodens sind die häufigsten malignen Tumoren junger Männer. Die bisherigen Standard-Tumormarker (α-Fetoprotein (AFP), humanes Choriongonadotropin (β-HCG), Laktatdehydrogenase (LDH)) sind bei Diagnosestellung nur bei etwa 50 % der Patienten erhöht (1). Zirkulierende Mikro-RNAs, insbesondere miR-371a-3p, haben sich in den letzten Jahren als vielversprechende neue Biomarker etabliert, da sie mit Ausnahme von reinen Teratomen eine hohe Sensitivität und Spezifität bei der Detektion makroskopischer Keimzelltumoren aufweisen (2).

Was sind microRNAs?

Die Entdeckung der embryonalen MicroRNAs des 371–373-Clusters stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Entwicklung neuer Biomarker für Keimzelltumoren dar. Seit der ersten Beschreibung im Jahr 2006 konnte in zahlreichen klinischen Studien gezeigt werden, dass insbesondere miR-371a-3p derzeit der vielversprechendste Biomarker für Hodentumoren ist, sowohl in Gewebeproben als auch in Blutproben (3) (Abb. 1).

MicroRNAs sind kurze, nicht-kodierende RNA-Moleküle, welche die Genexpression auf epigenetischer Ebene regulieren, ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Gerade bei Keimzelltumoren, die nur wenige genetische Veränderungen aufweisen und bei denen epigenetische Mechanismen in der Keimzellentwicklung und Embryogenese eine zentrale Rolle spielen, gewinnen epigenetische Biomarker zunehmend an Bedeutung (4).

Besonders attraktiv sind MicroRNAs als Tumormarker aufgrund ihrer hohen Stabilität im Blut, ihrer kurzen Halbwertszeit (31/2 bis 7 Stunden) und der Möglichkeit, sie mit weit verbreiteten, kostengünstigen und schnellen Methoden wie PCR-basierten Techniken nachzuweisen. Dies erlaubt eine zeitnahe Diagnostik und Verlaufskontrolle, ohne dass aufwendige oder teure Spezialanalysen erforderlich werden (5).

Potenzielle Einsatzgebiete

Die potenziellen Einsatzgebiete von zirkulierendem miR-371a-3p bei Keimzelltumoren sind vielfältig und umfassen sowohl diagnostische als auch therapeutische Entscheidungssituationen. In der Primärdiagnostik könnte der Marker einen entscheidenden Vorteil bringen. In Situationen, in denen sonographisch ein kleiner intratestikulärer Tumor entdeckt wird und die klassischen Tumormarker negativ sind, ist es oft unklar, ob es sich um eine maligne oder benigne Veränderung handelt. MiR-371a-3p kann hier mit einer hohen Sensitivität und Spezifität von > 90 % zur Differenzierung beitragen und so die Indikationsstellung zur Orchiektomie präzisieren (6, 7).

Ein weiteres wichtiges Einsatzfeld ist das Therapiemonitoring. Während der systemischen Chemotherapie spiegeln die miR-371a-3p-Konzentrationen die Tumorlast oft genauer und schneller wider als klassische Marker. Rasche Veränderungen im Spiegel können ein Ansprechen oder ein Ausbleiben des Therapieerfolgs anzeigen und somit eine frühzeitige Anpassung der Behandlung ermöglichen (6).

Auch bei der Beurteilung postchemotherapeutischer Residualtumoren bietet miR-371a-3p relevante Informationen. Nach abgeschlossener Chemotherapie bleibt häufig ein Resttumor im Retroperitoneum oder in anderen Lokalisationen zurück. Die Differenzierung zwischen vitalem Tumor, Teratom und Nekrose ist für das weitere Vorgehen entscheidend. Da miR-371a-3p vor allem vitale Keimzelltumorkomponenten anzeigt, könnte der Marker helfen, unnötige Resektionen zu vermeiden oder Operationen gezielter zu planen (8). Der Nachweis von Teratomen bleibt jedoch eine Limitation, da dieser Subtyp miR-371a-3p-negativ ist.

In der Nachsorgephase schliesslich eröffnet miR-371a-3p die Möglichkeit, Rezidive früher als mit herkömmlichen Verfahren zu erkennen. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass der Marker oft Wochen bis Monate vor bildgebenden Befunden oder klinischen Symptomen ansteigt (9). Dies könnte zu einer deutlichen Reduktion der Strahlenbelastung durch CT-Untersuchungen führen, da Intervalle der Bildgebung verlängert oder Untersuchungen gezielter eingesetzt werden können. Gleichzeitig besteht das Potenzial, die psychologische Belastung der Patienten zu reduzieren, indem unnötige diagnostische Massnahmen vermieden werden.

Wo stehen wir in der Schweiz?

In der Schweiz wird der Einsatz von microRNA-371 während der Nachsorge im Rahmen einer prospektiven, multizentrischen Studie (NCT02229916 (microRNA-TARGET)) untersucht. Beteiligt sind aktuell 11 Schweizer Zentren, die gemeinsam Patienten mit lokalisiertem Hodenkrebs im Stadium I nach Orchiektomie unter aktiver Überwachung rekrutieren. Neben den etablierten Tumormarkern AFP, β-HCG und LDH wird bei jedem Nachsorgetermin ein CE-zertifizierter qRT-PCR-Test auf microRNA-371 durchgeführt. Bei zwei konsekutiv erhöhten und steigenden Werten erfolgt eine gezielte bildgebende Abklärung. Erste Zwischenergebnisse bestätigen eine frühere Rezidiverkennung und eine höhere Sensitivität, Spezifität sowie positiven und negativen Vorhersagewert gegenüber den klassischen Markern. Anfang 2026 ist die Publikation der ersten Studienergebnisse geplant. Zudem kann microRNA-371 auch für die anderen oben genannten Einsatzgebiete verwendet werden. Ausserhalb von Studien müssen die Kosten aktuell jedoch vom Patienten getragen werden, da die Krankenkassen diesen Test bisher noch nicht übernehmen.

Was verspricht die Zukunft

Die Entwicklung und klinische Validierung von miR-371a-3p stehen aktuell an einem entscheidenden Punkt. Mehrere grosse, prospektive Multicenter-Studien (NCT02229916, NCT04435756, NCT04914026) untersuchen derzeit die optimale Einbindung des Markers in bestehende diagnostische und therapeutische Abläufe. Ziel ist es, robuste Daten zu generieren, die den Weg in die internationalen Leitlinien ebnen und eine flächendeckende Implementierung ermöglichen. Eine zentrale Herausforderung bleibt die Standardisierung der Testmethoden. Unterschiedliche Präanalytik- und Analyseschritte können die Vergleichbarkeit der Ergebnisse einschränken, weshalb harmonisierte Protokolle unabdingbar sind.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Definition klinisch relevanter Cut-offs und Testintervalle. Um den Marker zuverlässig einsetzen zu können, muss klar definiert sein, bei welchen Werten Handlungsbedarf besteht und in welchem zeitlichen Abstand Messungen sinnvoll sind. Dies betrifft nicht nur die Nachsorge, sondern auch die Primärdiagnostik und das Therapiemonitoring.

Langfristig könnte miR-371a-3p zu einem Schlüsselelement einer stärker personalisierten Medizin werden. Denkbar ist beispielsweise eine risikoadaptierte Nachsorge, bei der Patienten mit persistierend negativen miR-371a-3p-Werten seltener bildgebend untersucht werden, während bei positiven Befunden eine intensivere Diagnostik und Therapieeinleitung erfolgen. Im Falle der Chemotherapie nach Orchiektomie wäre ebenfalls ein personalisierter Ansatz möglich, bei welchem die Anzahl der Chemotherapie-Zyklen bei gutem Ansprechen mit raschem Abfall der miR-371a-3p-Werte reduziert werden könnte.

Nach abgeschlossener Chemotherapie könnte miR-371a-3p ebenfalls helfen, optimale Kandidaten für eine retroperitoneale Lymphadenektomie (RPLND) zu definieren. Da miR-371a-3p vor allem vitale Keimzelltumorkomponenten anzeigt und das Rezidivrisiko bei vitalem Tumor (> 10%) signifikant erhöht ist, könnten Patienten mit positivem miR-371a-3p gezielt für eine radikale RPLND mit bilateralem Full-Template ohne Nerven- und Lumbalgefässschonung selektioniert werden, um die häufigen Rezidive zu minimieren. miR-371a-3p-negativen Patienten könnte hingegen eine nervenschonende Resektion mit oder ohne unilaterale Resektion angeboten werden (10).

Auch die primäre RPLND etabliert sich zunehmend als Alternative bei Keimzelltumoren im Stadium II. Ein wesentlicher Vorteil liegt im Verzicht auf die potenziellen Langzeitnebenwirkungen einer Chemotherapie oder Strahlentherapie. Mit Hilfe von miR-371a-3p eröffnet sich zudem die Möglichkeit, selbst kleinvolumige retroperitoneale Tumormanifestationen zuverlässig zu identifizieren, was die Indikationsstellung stützt, um die pN0-Rate und somit eine Übertherapie zu minimieren (11, 12).

Dadurch liessen sich nicht nur Chemotherapien, Strahlenexposition und Kosten reduzieren, sondern auch die Patientenselektion für chirurgische Eingriffe präziser gestalten.

Insgesamt verspricht die Zukunft der microRNA-basierten Diagnostik beim Hodenkrebs eine deutliche Verbesserung der Patientenversorgung. Die Schweiz nimmt hierbei durch die eigene microRNA-TARGET-Studie eine zentrale Rolle ein. Wenn es gelingt, die verbleibenden methodischen und klinischen Fragen zu beantworten, könnte miR-371a-3p in naher Zukunft vom Forschungsinstrument zu einem festen Bestandteil der Routineversorgung werden und damit die Diagnostik und Nachsorge von Keimzelltumoren nachhaltig verändern.

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Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Ernest Kaufmann

Klinik für Urologie
Luzerner Kantonsspital
Spitalstrasse
6000 Luzern 16

Prof. Dr. med. Richard Cathomas

Klinik für Onkologie/Hämatologie
Kantonsspital Graubünden
Loëstrasse 170
7000 Chur

richard.cathomas@ksgr.ch

Prof. Dr. med. Christian Fankhauser

Kantonsspital Luzern
Klinik für Urologie
Spitalstrasse
6000 Luzern

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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11. Antonelli L, Heidenreich A, Bagrodia A, Amini A, Baky F, Branger N, et al. (2025) Primary retroperitoneal lymph node dissection in clinical stage 2a/b non-seminomatous germ cell tumour. BJU international; 135:621-8.
12. Sigg S, Rothermundt C, Fankhauser CD (2025) Surgical management of testicular cancer with limited retroperitoneal disease. Current opinion in urology; 35:178-88.

Orale Tumortherapie: Patientensicherheit, Adhärenz und Qualitätssicherung

Orale Tumortherapien sind nicht neu. Bereits Ende der 1940er- und Anfang der 1950er- Jahre kamen Antifolate, Thiopurine, sowie alkylierende Substanzen in oraler Form zum Einsatz und Tamoxifen seit den 1960er-Jahren (1). Jedoch steigt weltweit die Zahl der zugelassenen oralen Tumortherapien erheblich. In der Schweiz sind derzeit weit über 100 solcher Medikamente, einschliesslich Generika, zugelassen. Diese Entwicklung hat zu einem Wandel der Behandlungsparadigmen geführt: von der meist parenteralen Verabreichung der Medikamente in Spitälern und Ambulatorien hin zur Selbstverabreichung der Tumortherapien durch die Patientinnen und Patienten zu Hause oder im Pflegezentrum. Die Wirksamkeit, Sicherheit und Adhärenz oraler Tumortherapien hängen wesentlich davon ab, wie gut Patienten ihre Therapie verstehen und wie gut sie z. B. mit unerwünschten Wirkungen umgehen können, sowie von ihrer Fähigkeit, die Therapie selbst zu verabreichen.

Oral tumor therapies are not new. Antifolates, thiopurines, and alkylating agents in oral form were already in use in the late 1940s and early 1950s, and tamoxifen has been in use since the 1960s (1). However, the number of approved oral tumor therapies is increasing significantly worldwide. In Switzerland, well over 100 such drugs, including generics, are currently approved. This development has led to a shift in the treatment paradigm, from the mostly parenteral administration of drugs in hospitals and outpatient clinics to self-administration of tumor therapies by patients at home or in care centers. The efficacy, safety and adherence of oral tumor therapy can be significantly influenced by patients’ understanding of the therapy, how well they can manage e.g. side effects, and their ability to administer it themselves.
Keywords: orale Tumortherapie, Adhärenz, Sicherheit, Selfmanagement, Verein Orale Tumortherapie

Einleitung

Peroral eingenommene Medikamente mit zytotoxischen, antihormonellen, immunmodulierenden und zielgerichteten Wirkmechanismen sind heute wichtige Bestandteile in der Therapie diverser Tumorkrankheiten.

Seit Jahren wird mangelnde Adhärenz von Patientinnen und Patienten in wissenschaftlichen Arbeiten als wesentliches Sicherheitsproblem bei oralen Tumortherapeutika erkannt.

Für eine optimale Adhärenz zum Behandlungsplan benötigen die Patientinnen und Patienten ausreichend Informationen zu den Präparaten u.a. bezüglich Galenik, Einnahmemodus sowie erwünschten und unerwünschten Wirkungen. Oftmals sind auch Angehörige und ambulante Pflegefachpersonen in die Betreuung involviert. Sie benötigen ebenfalls sehr gute, verständliche Informationen und Kenntnisse rund um die Anwendung der oralen Tumortherapeutika (2).

Folgendes ist bekannt

Faktoren, welche die Therapie-Adhärenz beeinflussen können:
• Falsche Vorstellungen der Patientinnen und Patienten über die orale Tumortherapie.
• Motivation der Patientin/des Patienten zur Durchführung der Therapie.
• Ängste und Befürchtungen im Zusammenhang mit der Behandlung.
• Komplexe Dosierungsschemata, insbesondere in Bezug auf den Zeitpunkt der Dosis und zur Nahrungsaufnahme.
• «Polypharmazie» und Komorbiditäten (mögliche Inkompatibilitäten).
• Auftreten von unerwünschten Wirkungen.
• Sozioökonomische Faktoren inkl. einer zunehmenden älteren Bevölkerung.
• Gesundheitskompetenz (z.B. Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Packungsbeilagen).
• Erhöhte Eigenverantwortung bei häuslicher Pflege oder in
Pflegeeinrichtungen.
• Hohe Preise der Medikamente (z.B. weggeworfene Medikamente, keine Kostenübernahme durch die Krankenversicherung).

Mögliche Folgen einer unzureichenden Adhärenz

• Geringere Wirksamkeit der Therapie.
• Verkürzte Überlebenszeit; Fortschreiten der Krankheit.
• Verstärkte und/oder zunehmende unerwünschte Wirkungen und Toxizitäten.
• Häufigere Besuche in der Notaufnahme und Spitaleinweisungen.
• Beeinträchtigte Kommunikation mit dem Behandlungsteam
• Reduzierte Lebensqualität.

PROJEKT: Verein Orale Tumortherapie

Zielsetzung des Vereins Orale Tumortherapie

Bereits 2010 wurde die Projektgruppe «Adhärenz und Sicherheit bei Oraler Tumortherapie» lanciert. Im Jahr 2022 wurde ein unabhängiger, multidisziplinärer Verein gegründet, für den die Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Onkologie (SGMO) und die Onkologiepflege Schweiz (OPS) das Patronat übernommen haben.

Die Hauptziele des Vereins sind:
• Förderung und Verbesserung der Adhärenz bei der Einnahme oraler Tumormedikamente.
• Förderung gemeinsamer Entscheidungsfindung.
• Erhöhung der Sicherheit und Verträglichkeit bei der Einnahme von oralen Tumormedikamenten (Management der unerwünschten Wirkungen).
• Verbesserung der individuellen Information und Beratung der Patientinnen und Patienten.
• Entwicklung der Selbstmanagementfähigkeiten der Patientinnen und Patienten.

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Erstellung von Patienten-Informationsblättern. Angesichts der oft begrenzten Zeit, die Behandlungsteams für Gespräche mit den Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht, sind leicht/klar verständliche Informationen zu den verordneten Medikamenten ein wichtiges Instrument/Hilfsmittel, um das Verständnis zu fördern.

Es ist bekannt, dass viele Patientinnen und Patienten und deren Betreuende die Beipackzettel nicht oder nur unzureichend lesen. Die häufigsten Schwierigkeiten liegen im Nichtverstehen des medizinischen Fachjargons, der Liste möglicher unerwünschter Wirkungen sowie der kleinen Schriftgrösse der Packungsbeilagen.

Durch die Merkblätter können die Patientinnen und Patienten orale Tumortherapeutika gemäss Verordnung korrekt und sicher einnehmen und unterscheiden, welche unerwünschte Wirkungen sie selbst korrekt behandeln können und welche der Aufmerksamkeit des Behandlungsteams bedürfen.

Polypharmazie ist ein bekanntes Problem. Durch das Beifügen eines Fotos des Medikaments und der Packung kann der Patient die Tumortherapie erkennen und von seinen anderen Medikamenten unterscheiden. Die Merkblätter dienen als Ergänzung und nicht als Ersatz für die Patienteninformationen in den Packungsbeilagen.

Medikamenten-Merkblätter

Über 100 Merkblätter mit Informationen zu den in der Schweiz verfügbaren oralen Tumortherapeutika sind auf der Website (www.oraletumortherapie.ch; www.anticancereuxoraux.ch; www.terapieoraliinoncologia.ch) in deutscher, französischer und italienischer Sprache kostenlos verfügbar.
Die gedruckte Information besteht aus einer zweiseitigen A4-Seite mit einem Bild des verschriebenen Medikaments.
Diese Merkblätter zum Ausdrucken können im persönlichen Beratungsgespräch bei der Medikamentenabgabe, ob in der Klinik, Praxis oder Apotheke, an die Patientinnen oder den Patienten und betreuende Personen ausgehändigt werden, um die Adhärenz und Sicherheit bei der Einnahme der entsprechenden oralen Tumortherapie gezielt zu fördern. (Beispiel eines Merkblatts, siehe Abb. 1).

Gegenwärtiges Projekt – Durchführung einer Nutzerumfrage

Zu Beginn des Projekts im Jahr 2012 wurde eine Patientenbefragung durchgeführt, um die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten, die die Merkblätter nutzen, besser zu verstehen.

Um den Stellenwert der Merkblätter nach Ansicht der Patientinnen und Patienten nochmals zu untersuchen, wird dieses Jahr eine zweite Qualitätssicherungsstudie in Zusammenarbeit mit Prof. David Schwappach, Universität Bern, Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) durchgeführt. Patientinnen und Patienten mit einer oralen Tumortherapie werden befragt. Diese Umfrage soll helfen, die Medikamenten-Merkblätter inhaltlich, sprachlich und visuell zu optimieren.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Mark Haefner

Verein Orale Tumortherapie
Speerstrasse 22
8038 Zürich

info@oraletumortherapie.ch

Anita Margulies, BSN

Fachexpertin Onkologiepflege
Verein Orale Tumortherapie
Speerstrasse 22
8038 Zürich

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Um eine optimale Adhärenz und Sicherheit der Therapien zu gewährleisten, ist es entscheidend, dass die Patientinnen und Patienten die Informationen über die Tumortherapie verstehen.
  • Ein erstes Informationsgespräch mit dem Onkologen/der Onkologin sowie der Pflegefachperson oder der Apothekerin/dem Apotheker unterstützt das Verständnis der Inhalte des Medikamenten-Merkblattes.
  • Die Merkblätter sind in leicht verständlicher Sprache verfasst und enthalten die wichtigsten Informationen für das Selbstmanagement.
  • Bei allfälliger Polypharmazie lässt sich das orale Tumortherapeutikum leicht anhand des Bildes auf dem Merkblatt identifizieren.
  • Für medizinisches Fachpersonal sind die Merkblätter kostenlos und unkompliziert abrufbar.
  • Um den Stellenwert der Merkblätter aus Sicht der Patientinnen und Patienten zu überprüfen, wird derzeit eine Nutzerumfrage durchgeführt.

1. DeVita VT et al. A History of Cancer Chemotherapy. Cancer Res 2008; 68: (21). November 1, 2008.
2. Stäuble C et al. Apothekerinnen und Apotheker können die Adhärenz und Sicherheit gezielt fördern. pharmaJournal 12.2024; 12-13.

Zum weiterlesen (Auswahl – 2022-2025)
– Di Nitto, M et al. Self-care behaviors in patients with cancer treated with oral anticancer agents: a systematic review. Supportive Care in Cancer 2022; Vol. 30, , 8465–8483
– Waseem H et al. Interventions to Support Adherence to Oral Anticancer Medications: Systematic Review and Meta-Analysis. Onocology Nursing Forum 2022; July Vol. 49, NO. 4
– McGrady M et al. Barriers to medication adherence among adolescents and young adults with cancer. Pediatr Blood Cancer 2023 March; 70(3): e30186.
– Masiero M et al. Adherence to oral anticancer treatments: network and sentiment analysis exploring perceived internal and external determinants in patients with metastatic breast cancer. Supportive Care in Cancer 2024; 32:458.
– Hester A et al. What are the needs in oral antitumor therapy? An analysis of patients’ and practitioners’ preferences. Front. Oncol. 2024; 14:1388087.
– Cuba L et al. Implications for medication safety and adherence in dermato-oncology: The AMBORA care program for oral antitumor therapeutics. J Dtsch Dermatol Ges 2025; Jul 17. doi: 10.1111/ddg.15809.
– Chen Y et al. „These Drugs Are Going to Save Our Lives“ A Mixed Methods Study on the Role of Medication Perceptions in Adherence to Oral Anticancer Agents Among Patients With Gastrointestinal Tract Cancer. Psychooncology 2025; Jul;34(7):e70213.
– Angus F et al. The effect of healthcare professional‑implemented interventionson adherence to oral targeted therapy in patients with cancer: a systematic review and meta‑analysis. Supportive Care in Cancer 2025; 33:110.

Hypertensive Notfälle: Update 2025

Hypertensive Notfälle (HN) sind durch einen deutlichen Anstieg des Blutdrucks (BD) in Verbindung mit einer akuten Zielorganschädigung (ZOS) gekennzeichnet, die eine schnelle und kontrollierte Blutdrucksenkung erfordern. Sie müssen von schwerer arterieller Hypertonie (AHT) ohne ZOS unterschieden werden, die in akuten Situationen häufig auftritt und oft kontextabhängig ist und keine sofortige intravenöse Behandlung erfordert. Die Erstuntersuchung basiert auf der Bestätigung der AHT, der Identifizierung klinischer oder paraklinischer Anzeichen einer ZOS und der Suche nach einem auslösenden Faktor. Die Behandlung der HN umfasst eine titrierbare intravenöse Therapie, die an den klinischen Kontext angepasst ist, sowie eine kontinuierliche hämodynamische Überwachung. Im Gegensatz dazu wird eine schwere, unkomplizierte AHT meist ambulant mit oraler Medikation und engmaschiger Überwachung behandelt. Dieser Artikel bietet eine praktische Zusammenfassung der aktuellen europäischen und nordamerikanischen Empfehlungen.

Hypertensive emergencies (HE) are characterized by a significant increase in blood pressure (BP) in conjunction with acute target organ damage (AOTD), which requires rapid and controlled BP reduction. They must be distinguished from severe arterial hypertension (AH) without ZOS, which often occurs in acute situations and is often context-dependent and does not require immediate intravenous treatment. The initial examination is based on confirmation of AH, identification of clinical or paraclinical signs of ZOS, and search for a triggering factor. Treatment of HN includes titratable intravenous therapy tailored to the clinical context and continuous hemodynamic monitoring. In contrast, severe uncomplicated AH is usually treated on an outpatient basis with oral medication and close monitoring. This article provides a practical summary of current European and North American recommendations.
Keywords: Hypertensiver Notfall, Schwere Hypertonie, Zielorganschädigung (ZOS), Intravenöse Blutdrucksenkung

Einführung

Arterielle Hypertonie (AHT) ist weltweit der wichtigste veränderbare Risikofaktor für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität (1). In akuten Situationen kann ein starker Anstieg des Blutdrucks (BD) zu einer Schädigung von Zielorganen (ZOS) – Gehirn, Herz, Nieren, Augen, Gefässe oder Blut – führen oder diese verschlimmern, was kurzfristig lebensbedrohlich sein kann.

Diese Situationen, die unter dem Begriff hypertensive Notfälle (HN) zusammengefasst werden, erfordern eine sofortige Behandlung im Krankenhaus mit einer intravenösen blutdrucksenkenden Therapie, die auf die Ätiologie und den klinischen Kontext abgestimmt ist. Sie müssen von schweren Blutdruckanstiegen ohne ZOS unterschieden werden, die eine nicht dringende Therapieoptimierung erfordern und nicht unbedingt einen längeren Krankenhausaufenthalt notwendig machen. Die schnelle Erkennung eines akuten Koronarsyndroms, die Interpretation des Kontextes und die Beherrschung der Empfehlungen sind unerlässlich, um sowohl Behandlungsverzögerungen als auch potenziell schädliche, unangebrachte Eingriffe zu vermeiden.

Definition

Die Klassifizierung schwerer Blutdruckanstiege basiert auf dem Vorliegen oder Nichtvorliegen einer organischen Schädigung. Die aktuellen Empfehlungen verschiedener Fachgesellschaften betonen die Abschaffung bestimmter historischer Begriffe, die zu Verwirrung führen, und die Einführung einer standardisierten Terminologie, die in Tab. 1 dargestellt ist (2–4).

Epidemiologie

Weltweit sind etwa 1.3 Milliarden Erwachsene von Bluthochdruck betroffen, wobei die Blutdruckkontrolle insgesamt sehr unzureichend ist: Fast die Hälfte der Patienten weiss nichts von ihrer Erkrankung, weniger als jeder Zweite wird behandelt und nur 20 % erreichen die therapeutischen Ziele (8). Diese ohnehin schon hohe Prävalenz dürfte mit der Alterung der Bevölkerung und der Veränderung der Lebensgewohnheiten weiter zunehmen.

In der klinischen Praxis machen schwere Blutdruckerhöhungen 4 bis 5 % der Gründe für Notaufnahmen aus (9). Echte Notfälle, die bei bekannten Bluthochdruckpatienten häufiger auftreten, sind jedoch selten und machen nur etwa 0.6 % der Notaufnahmen aus (10). Im Laufe ihres Lebens erleben etwa 1–2 % der hypertensiven Patienten eine Episode von hypertensiver Krise (11). Dieser Anteil scheint seit mehreren Jahrzehnten stabil zu sein oder sogar zu steigen, während die Krankenhaussterblichkeit zurückgegangen ist, was die Fortschritte in der Patientenversorgung widerspiegelt und heute je nach Serie zwischen 0.2 % und 11 % liegt (11–13). Der eingeschränkte Zugang zur Gesundheitsversorgung, anhaltende und unkontrollierte Hypertonie (sehr oft verbunden mit einer mangelnden Therapietreue) sowie bestimmte klinische Faktoren wie fortgeschrittenes Alter, männliches Geschlecht, chronische Niereninsuffizienz und vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankungen sind die wichtigsten Risikofaktoren oder Faktoren für eine schlechte Prognose im Zusammenhang mit einer HN (14–16).

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie der HN ist nach wie vor unzureichend charakterisiert. Sie ist das Ergebnis einer komplexen, multifaktoriellen Kette von Ereignissen, deren Hauptelemente wie folgt lauten: Die am weitesten verbreitete Hypothese basiert auf einem akuten Versagen der vaskulären Autoregulationsmechanismen, was zu einem plötzlichen Anstieg des systemischen Gefässwiderstands führt. Diese Kaskade führt zu diffusen mikrozirkulatorischen Läsionen, einer übermässigen Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS), einer ausgeprägten Vasokonstriktion sowie einer druckinduzierten Natriurese, was zu einem Volumenmangel führt. All dies ist Teil eines sich selbst verstärkenden Teufelskreises, der für einen raschen und anhaltenden Anstieg des Blutdrucks verantwortlich ist (17).
Im Gehirn führt eine längere Exposition gegenüber unkontrollierter Hypertonie zu einer strukturellen und funktionellen Umgestaltung der arteriellen Gefässwände, wodurch die obere Schwelle der Autoregulation auf höhere Werte verschoben wird. So können bestimmte Patienten einen deutlich über den physiologischen Werten liegenden mittleren Blutdruck ohne unmittelbare klinische Symptome tolerieren. Diese Anpassung, die mittelfristig unter Behandlung reversibel ist, stellt ein grosses Problem dar, da sie das Risiko einer Hypoperfusion und Ischämie bei einer zu schnellen Blutdrucksenkung, insbesondere im Gehirn und im Herzen, erklärt (18–21).

Diagnostische Beurteilung bei Vermutung eines hypertensiven Notfalls

Die Untersuchung eines Patienten mit stark erhöhtem Blutdruck (Hypertonie Grad III), sei es in der Arztpraxis oder in der Notaufnahme, muss unbedingt mit der Bestätigung beginnen, dass es sich tatsächlich um eine echte Hypertonie handelt. Tatsächlich kann ein schwerer Blutdruckanstieg aufgrund verschiedener kontextbezogener Faktoren wie technische Fehler bei der Blutdruckmessung, einer stressigen Umgebung, Schmerzen oder dem Weisskittel-Effekt häufig in akuten Situationen beobachtet werden (3). In der Notaufnahme treten solche Blutdruckanstiege häufig auf, und obwohl sie mit einem erhöhten langfristigen kardiovaskulären Risiko verbunden sind, stellen sie in den meisten Fällen keinen echten lebensbedrohlichen Notfall dar (22). Daten zeigen sogar, dass ein erheblicher Teil der in der Notaufnahme festgestellten Blutdruckerhöhungen nach 30 Minuten Ruhe spontan abklingt (23). Eine randomisierte Studie hat sogar gezeigt, dass eine zweistündige Ruhepause den Blutdruck um etwa 30 mmHg senkt, ein Ergebnis, das mit einer blutdrucksenkenden Behandlung vergleichbar ist (24). In Übereinstimmung damit haben kleinere Studien gezeigt, dass Anxiolytika wie Diazepam, aber auch Entspannungsmassnahmen (Achtsamkeit, langsame Atmung) ebenfalls den Blutdruck senken, was die Rolle von Stress und kontextbezogener Angst bei diesen Blutdruckanstiegen unterstreicht, obwohl dieses Thema weiterhin umstritten ist (25).

Aus diesen Gründen betonen die aktuellen Empfehlungen nachdrücklich die Notwendigkeit, die Messungen nach einer Ruhephase zu wiederholen, eine standardisierte Methodik (angepasste Manschette, korrekte Position, Patient seit ≥ 15 min in Ruhe) und, wenn möglich, eine automatisierte, unbeaufsichtigte Messung zu verwenden, um den Einfluss des Pflegepersonals zu begrenzen (2).

Sobald eine schwere und anhaltende Hypertonie bestätigt ist, besteht der zweite Schritt darin, eine echte HN von einer schweren Hypertonie ohne ZOS zu unterscheiden, was für die Behandlungsstrategie und die Prognose entscheidend ist (Abb. 1). Eine hypertensive Krise erfordert nämlich eine sofortige Krankenhausaufnahme, die Einleitung einer titrierbaren intravenösen blutdrucksenkenden Behandlung, die an die Art der hypertensiven Krise angepasst ist, sowie eine kontinuierliche hämodynamische Überwachung. Eine schwere Hypertonie ohne ZOS kann hingegen in den meisten Fällen ambulant behandelt werden, mit einer schrittweisen Senkung des Blutdrucks durch orale Medikation und einer engen Überwachung durch den behandelnden Arzt.

Zu diesem Zweck muss ein diagnostischer Ansatz verfolgt werden, der auf einer gezielten Befragung und einer systematischen klinischen Untersuchung basiert, um Anzeichen oder Symptome zu identifizieren, die auf eine neurologische, kardiovaskuläre, renale oder ophthalmologische Beeinträchtigung hindeuten. Die wichtigsten Elemente sind in Tab. 2 zusammengefasst. Es müssen auch dringende, dem Kontext angepasste Zusatzuntersuchungen durchgeführt werden, um eine ZOS zu bestätigen und eine auslösende Ursache zu identifizieren, deren Details in Tab. 3 dargestellt sind.

Behandlung von hypertensiven Notfällen

Allgemeine Grundsätze

Bei Vorliegen einer ZOS muss der Blutdruck in den meisten Fällen (ausser bei ischämischem Schlaganfall) schnell gesenkt werden, vorzugsweise intravenös mit titrierbaren Wirkstoffen (z. B. Labetalol, Nicardipin) und unter kontinuierlicher hämodynamischer Überwachung (Notaufnahme, Intermediate Care oder Intensivstation). Die Geschwindigkeit und das Ausmass der Senkung hängen vom Kontext ab: schnelle Senkung bei Lungenödem oder Aortendissektion, äusserste Vorsicht bei ischämischem Schlaganfall, individueller Ansatz bei intrakranieller Blutung (27). Wie oben erwähnt, muss bei diesen Behandlungen stets das Risiko einer Hypoperfusion aufgrund einer übermässigen Senkung berücksichtigt werden, was die Einhaltung der Prinzipien der zerebralen und renalen Autoregulation erfordert (19). Tatsächlich zeigen mehrere Studien, dass eine übermässige (> 50 % des mittleren Blutdrucks) und/oder zu schnelle Senkung des Blutdrucks, insbesondere in Situationen mit zentraler Beeinträchtigung (hypertensive Enzephalopathie oder ischämischer Schlaganfall), mit einem erhöhten Risiko für ischämischen Schlaganfall, Erblindung und Mortalität korreliert (28, 29).

Spezifische Behandlung je nach Art des hypertensiven Notfalls

Tab. 4 fasst die empfohlenen Blutdruckziele und die Geschwindigkeit der Blutdrucksenkung je nach Art des hypertensiven Notfalls sowie die Erstlinienbehandlungen auf der Grundlage der neuesten Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Hypertonie aus dem Jahr 2023 zusammen (2). Diese Elemente bilden die Grundlage für die Behandlung und ermöglichen es, die Therapie an jeden klinischen Kontext anzupassen.

Auswahl des Therapeutikums

Die Wahl der blutdrucksenkenden Mittel hängt stark vom klinischen Kontext und der lokalen Verfügbarkeit ab. Am häufigsten wird Labetalol (α- und β-Blocker) verwendet, das oft als erste Wahl bevorzugt wird, insbesondere bei neurologischen Notfällen und Aortendissektionen, sowie Nicardipin, ein weit verbreiteter und gut verträglicher Kalziumkanalblocker, der auch bei Niereninsuffizienz eingesetzt werden kann. Weitere Optionen sind Esmolol (ein sehr kurz wirksamer β-Blocker), Nitroglycerin (insbesondere bei Lungenödem oder akutem Koronarsyndrom) oder Natriumnitroprussid, dessen Verwendung bei intrakranieller Hypertonie vermieden werden sollte, können je nach Indikation in Betracht gezogen werden. In der Praxis hängt die Auswahl des Wirkstoffs von der klinischen Situation, den Begleiterkrankungen, der Fachkompetenz des behandelnden Teams und den Überwachungsmöglichkeiten ab. Die pharmakologischen und praktischen Eigenschaften der einzelnen Wirkstoffe sind Tab. 5 zu entnehmen.

Behandlung von schwerer arterieller Hypertonie ohne akute Zielorganbeschwerden

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass unabhängig von einer akuten Schädigung eines Zielorgans eine Episode schwerer Hypertonie mit einer erhöhten langfristigen kardiovaskulären Mortalität einhergeht und nicht bagatellisiert werden darf (30). Darüber hinaus sind schwere Blutdruckerhöhungen in der Notaufnahme oder in der Arztpraxis sehr häufig und bieten eine einzigartige Gelegenheit, eine bisher unerkannte chronische Hypertonie zu erkennen, die bei fast der Hälfte der Patienten auftritt, die wegen eines schweren Blutdruckanstiegs die Notaufnahme aufsuchen (31). Nachdem eine hypertensive Krise ausgeschlossen wurde (siehe oben), besteht der zweite Schritt darin, die Wahrscheinlichkeit einer zugrunde liegenden chronischen Hypertonie zu beurteilen: Diese ist umso wahrscheinlicher, je länger der Blutdruckanstieg bei wiederholten Messungen in Ruhe, mit einer geeigneten Manschette und korrekter Positionierung, anhält. Es ist zu beachten, dass die Nichteinhaltung der verschriebenen blutdrucksenkenden Behandlung eine sehr häufige Ursache für schweren Bluthochdruck ist. Bei hoher Wahrscheinlichkeit einer chronischen zugrunde liegenden Hypertonie, insbesondere bei Patienten, bei denen eine Nachsorge unwahrscheinlich ist oder die keinen Hausarzt haben, sollte die Einleitung einer blutdrucksenkenden Behandlung in Betracht gezogen und eine engmaschige ambulante Nachsorge organisiert werden (17). Bei Patienten, die sich nicht an die Therapie halten, kann die Behandlung unter Berücksichtigung der Gründe für die Nicht-Compliance (Nebenwirkungen, Unverträglichkeit usw.) erneut begonnen werden. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums ist dabei unerlässlich.

Wie oben erwähnt, gibt es in solchen Situationen in der Literatur keinen klar definierten Blutdruckgrenzwert, ab dem eine sofortige Senkung des Blutdrucks erforderlich wäre. Es scheint jedoch klar zu sein, dass eine schnelle Senkung des Blutdrucks in der Notaufnahme ohne akutes Koronarsyndrom keinen klinischen Nutzen hat und sogar schädliche Auswirkungen haben kann, indem sie die Durchblutung der Organe beeinträchtigt (32, 33). Dies wurde insbesondere mit sublingualem Nifedipin nachgewiesen, dessen Anwendung zu unvorhersehbaren, manchmal gefährlichen Blutdruckabfällen (Schlaganfall oder akute Erblindung) führt, ohne dass ein dokumentierter prognostischer Nutzen vorliegt. Ausserhalb geburtshilflicher Situationen (Präeklampsie/Eklampsie) wird seine Verwendung von wissenschaftlichen Gesellschaften mittlerweile nicht mehr empfohlen, obwohl es immer noch zu oft als Erstbehandlung eingesetzt wird (34). Gleiches gilt für schnell wirkende Antihypertensiva wie bestimmte Vasodilatatoren.

Es stellt sich daher die Frage nach der Wahl der Therapie in der Notaufnahme. Derzeit gibt es keine klar festgelegten Empfehlungen speziell für diesen Kontext. Dennoch scheint die Einleitung oder Anpassung einer Behandlung in der Notaufnahme sicher und wirksam zu sein: In der Studie von Brody et al. ist die Verschreibung in der Notaufnahme mit einem signifikanten Rückgang des systolischen Blutdrucks bei der kurzfristigen ambulanten Nachsorge verbunden, ohne dass es zu einer Zunahme von Nebenwirkungen oder zu einer Blutdrucksenkung über potenziell schädliche Schwellenwerte hinaus kommt (35). In Ermangelung spezifischer Empfehlungen werden die Behandlungsprinzipien aus der Behandlung der chronischen Hypertonie in Übereinstimmung mit den aktuellen Empfehlungen abgeleitet (2).

Diesen Empfehlungen zufolge müssen diese Patienten in der Regel nicht stationär aufgenommen werden. Die Senkung des Blutdrucks muss oral, schrittweise über 24–48 Stunden erfolgen, entweder durch die Wiedereinführung oder Intensivierung der vorherigen Behandlung oder durch die Einführung eines neuen Behandlungsschemas. Bei einem unbehandelten Patienten wird ein langwirksamer Kalziumkanalblocker vom Dihydropyridin-Typ als Erstbehandlung empfohlen (wenig Kontraindikationen, beeinträchtigt die Untersuchung auf sekundäre Hypertonie nicht). Es ist auch möglich, andere langwirksame orale Kombinationen zu verabreichen, beispielsweise einen Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Blocker mit einem langwirksamen Kalziumkanalblocker und/oder einem Thiaziddiuretikum. Wie bereits erwähnt, sollten intravenöse Behandlungen oder schnell wirkende orale Wirkstoffe in diesem Zusammenhang nicht angewendet werden. Eine kurze Überwachungsphase auf der Beobachtungsstation vor der Entlassung ist in der Regel angezeigt. Da der Blutdruck nach der Entlassung aus der Notaufnahme weiterhin erhöht sein kann, sind weitere Messungen in der Praxis und ausserhalb der Praxis (ABPM) erforderlich. Eine engmaschige ambulante Nachsorge ist daher von grundlegender Bedeutung, um die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Therapietreue zu beurteilen. Da es sich um eine schwere Hypertonie handelt, sollte schliesslich auch eine Untersuchung auf sekundäre Hypertonie gemäss den aktuellen Empfehlungen organisiert werden.

Fazit

Die unverzügliche Unterscheidung zwischen einer echten HN und einer schweren Hypertonie ohne ZOS bleibt entscheidend. Ersteres erfordert eine schnelle, kontrollierte und titrierbare intravenöse Blutdrucksenkung mit auf den klinischen Kontext abgestimmten Zielen. Letzteres erfordert eine vorsichtige und strukturierte Strategie: Bestätigung des Blutdruckanstiegs, Bewertung des Risikos einer chronischen zugrunde liegenden Hypertonie, schrittweise Senkung des Blutdrucks mit langwirksamen oralen Medikamenten. Notfälle bieten daher eine hervorragende Gelegenheit, eine unerkannte chronische Hypertonie zu erkennen, eine Behandlung einzuleiten oder zu optimieren und die Kontinuität der Versorgung im ambulanten Bereich sicherzustellen. Schliesslich gibt es nur wenige randomisierte Studien zur Behandlung schwerer Hypertonie in der Notaufnahme, was die Notwendigkeit zusätzlicher Daten zur Orientierung in der klinischen Praxis unterstreicht.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Maxime Berney

Abteilung für Innere Medizin
Ensemble Hospitalier de La Côte
Hôpital de Morges
Chem. du Crêt 2
1110 Morges

Prof. em. Dr. med. Michel Burnier

Fakultät für Biologie und Medizin,
Universität Lausanne

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Hypertensive Notfälle sind durch einen schweren Blutdruckanstieg in Verbindung mit einer akuten Schädigung eines Zielorgans definiert und nicht allein durch die Blutdruckwerte.
  • Die Wahl der Behandlung, die Geschwindigkeit und das Ausmass der Blutdrucksenkung müssen an die Art des betroffenen Organs und den klinischen Kontext angepasst werden.
  • Intravenös verabreichte, titrierbare Antihypertensiva sind nur in hypertensiven Notfällen unter kontinuierlicher hämodynamischer Überwachung angezeigt.
  • Eine schwere Hypertonie ohne Zielorganschädigung rechtfertigt keine intravenöse Behandlung; eine schrittweise orale Behandlung auf ambulanter Basis wird empfohlen.
  • Eine engmaschige Nachsorge nach einer Episode schwerer Hypertonie mit oder ohne Organbeteiligung ist unerlässlich, um die Blutdruckkontrolle sicherzustellen und langfristige kardiovaskuläre Komplikationen zu verhindern.

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4. Kulkarni S, Glover M, Kapil V, Abrams SML, Partridge S, McCormack T, et al. Management of hypertensive crisis: British and Irish Hypertension Society Position document. J Hum Hypertens. 22. November 2022;37(10):863‑79.
5. Domek M, Gumprecht J, Lip GYH, Shantsila A. Maligne Hypertonie: Gibt es sie noch? J Hum Hypertens. Jan. 2020;34(1):1‑4.
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