Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, von der in der Schweiz mehr als 1 Million Menschen betroffen sind. Sie ist durch eine wiederkehrende Überempfindlichkeitsstörung gekennzeichnet, bei der neben dem Hauptsymptom Kopfschmerz auch Licht, Geräusche, Gerüche, Berührungen oder Bewegungen als störend empfunden werden. Gerade für weniger stark betroffene Migränepatienten sind die Hausärztinnen und Hausärzte die wichtigsten Behandlungspartner. Bei höherem Leidensdruck, insbesondere bei vermehrter Abwesenheit von Beruf und Privatleben oder unbefriedigendem Therapieerfolg, ist die Einschaltung von Neurologen oder Kopfschmerzspezialisten unbedingt zu empfehlen. Dieser Artikel gibt ein Update über die wichtigsten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten.
Migraine is a common neurological disorder that affects more than 1 million people in Switzerland. It is characterized by a recurring hypersensitivity disorder in which, in addition to the main symptom of headache, light, sounds, smells, touch or movement are also perceived as disturbing. Especially for less severely affected migraine patients, family doctors are the most important treatment partners. In case of higher suffering pressure, especially in case of increased absence from work and private life or unsatisfactory therapy success, the involvement of neurologists or headache specialists is highly recommended. This article provides an update on the most important diagnostic and therapeutic options. Key Words: migraine, hypersensitivity, diagnosis, therapy
Diagnose
Die internationale Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3) unterscheidet verschiedene Formen der Migräne (1). Einerseits wird die Migräne anhand der monatlichen Anzahl der Kopfschmerztage in eine episodische oder chronische Form eingeteilt, wobei 15 Tage als arbiträre Grenze festgelegt wurden. Vor Kurzem wurde von renommierten Kopfschmerzspezialisten vorgeschlagen, diese Grenze bereits bei 8 Tagen festzulegen, da ab dieser Häufigkeit auch die Beeinträchtigung/Behinderung im Alltag deutlich zunimmt (2). Auch wenn die Migräne zu den höchst-prävalenten neurologischen Störungen gehört und in der Schweiz schätzungsweise mehr als 1 Million Menschen betroffen sind, darf davon ausgegangen werden, dass 80-90% weniger als 4 Migränetage pro Monat haben und ausserhalb dieser kaum im Alltag eingeschränkt sind.
Die Migräne kann man als wiederkehrende Reizüberempfindlichkeitsstörung beschreiben, wobei neben dem Leitsymptom Kopfschmerzen auch Licht, Lärm, Gerüche, Berührung oder Bewegung als störend wahrgenommen werden. Etwa 1⁄6 der Patienten berichtet zudem über passagere neurologische Ausfallerscheinungen (visuell, sensorisch, motorisch, kognitiv), welche in der Regel vor den Kopfschmerzen beginnen und sich über Minuten entwickeln. Dadurch erfolgt die Einteilung in Migräne mit und ohne Aura, wobei es auch isolierte Auren gibt, die familiäre hemiplegische Migräne oder auch «Visual Snow» als Migränekomplikation.
Gewisse vorwiegend pädiatrische Migränevarianten (abdominelle Migräne, zyklisches Erbrechen) dürften auch in der Grundversorgung gelegentlich anzutreffen sein. Im Appendix der ICHD-3 wird zudem neuerdings auch die vestibuläre Migräne aufgeführt sowie eine rein menstruelle und menstruationsassoziierte Migräne unterschieden. Die Hormone, insbesondere der Östrogenabfall, sind nicht nur Trigger der Attacken, sondern generell ein wichtiger Grund, weshalb Frauen in den reproduktiven Jahren etwa dreimal so häufig betroffen sind. Hinsichtlich der Trigger gilt es sonst sicherlich zu beachten, dass teilweise auch Vorboten/-symptome der Kopfschmerzattacken, wie z.B. die Reizüberempfindlichkeit oder die Lust auf Süsses, fehlinterpretiert werden. Als Triggermanagement bietet sich entsprechend der 3E-Ansatz an: Experimentieren und dokumentieren – eindeutige Trigger Eliminieren – sich vermeintlichen Triggern Exponieren (Tab. 1). Inwieweit der Einsatz von neuen Technologien, wie mobile Apps und Wearables, einen längerfristigen Nutzen bringen oder aber einen zu starken Fokus auf das Problem setzen, ist noch nicht abschliessend geklärt.
Mechanismen
Die Pathophysiologie der Migräne ist komplex und umfasst mehrere Faktoren (3). Es wird angenommen, dass eine komplexe Wechselwirkung zwischen genetischen, neurochemischen und Umweltfaktoren sowohl zu der Krankheit, als auch zur Auslösung der einzelnen Attacken führt. Eine zentrale Funktion spielt auch das trigemino-vaskuläre System sowie verschiedene Neurotransmitter, wie das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). In den letzten Jahren gab es vor allem im Bereich der medikamentösen Prophylaxe bedeutende Fortschritte, wofür ich auch auf frühere Artikel in dieser Zeitschrift verweise (4, 5).
Akutbehandlung
Patienten wünschen sich ein rasch wirkendes Medikament, das auch das Funktionieren im (Berufs-)Alltag wieder möglich macht.
Das können Schmerzmittel, Kombinationen mit Antiemetika oder Triptane sein. Die bereits 30-jährige Präsenz der Serotoninrezeptor-Agonisten spricht sicherlich auch für ihre Sicherheit. Sie dürften allenfalls sogar gezielter und häufiger eingesetzt werden, z.B. auch in der Schwangerschaft (6), insbesondere, wenn Alternativen fehlen. Als neue spezifische Substanzklassen existieren die Ditane, wobei das Zulassungsgesuch für Lasmiditan zurückgezogen wurde. Hingegen dürfen wir weiterhin mit der Einführung der Gepante rechnen, mit Rimegepant als erstem Vertreter. Dieser kleinmolekulare CGRP-Antagonist nimmt hierbei eine Sonderstellung ein, weil er auch zur prophylaktischen Therapie eingesetzt werden kann. Da es bei den Gepanten bisher keine Hinweise gibt, dass sie bei einem Übergerbrauch zu einer Migränechronifizierung führen (MÜKs), könnte sogar die alleinige Behandlung der Attacken längerfristig die Migränefrequenz bessern (7).
Medikamentöse Prophylaxe
Die Therapieempfehlungen für primäre Kopfschmerzen der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG, www.headache.ch) werden in Kürze in der 11. Auflage erscheinen und listen neben den neuen Wirkstoffen auch die langjährig-etablierten Medikamente auf. Sicherlich sind die Nebenwirkungen letzterer eher vielfältiger und häufiger, jedoch können solche manchmal auch – gezielt eingesetzt – einen positiven Effekt haben und dadurch die Adhärenz verbessern (8).
Wie bereits erwähnt spielt das CGRP bei Migräneattacken eine Schlüsselrolle, v.a. in der Schmerzentstehung. Die in den letzten Jahren entwickelten Hemmer dieses Systems bieten Patienten eine vielversprechende Option zur Behandlung von Migräne. Erste klinische Beobachtungsstudien zeigen, dass die Wirksamkeit und Sicherheit der Zulassungsstudien reproduziert werden kann, wenn nicht sogar teilweise besser ausfällt (9). Die teuren Medikamente sind in ihrer Anwendung jedoch stark eingeschränkt und können nur von Neurologen verschrieben werden. Eine direkte Vergleichsstudie von Erenumab und Topiramat zeigte nicht nur eine bessere Adhärenz, sondern auch eine höhere Wirksamkeit, sodass nun in Deutschland der CGRP-Rezeptor-Antikörper bereits als zweitlinien Therapie eingesetzt werden kann (10).
Nichtmedikamentös
Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Schlafmuster, Stressmanagement und körperliche Aktivität können einen Einfluss auf die Häufigkeit und Schwere von Migräne haben. Es ist wichtig, dass Patienten ihre Gewohnheiten überdenken und positive Verhaltensänderungen vornehmen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie konnten wir zeigen, dass dies vor allem im Einsatz des betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) nicht nur erfolgsversprechend sein kann, sondern auch einen direkten ökonomischen Nutzen bringen kann, in Anbetracht eines «return of invest» von über 1:5 (11).
Die externe Neurostimulation des Trigeminusnerven zeigt in Studien auch duale Effekte, sowohl für die Attacke wie als Prophylaxe. Die meisten Krankenkassen beteiligen sich an den Therapiekosten und es darf sogar mit einer weiteren Anpassung der MiGeL-Kriterien durch das BAG gerechnet werden. Auch für die Vagusnervstimulation, die transkranielle Gleichstromstimulation und als neuestes sogar für die entfernte («remote») Neuromodulation gibt es kontrollierte Studien.
In Tabelle 1 sind weitere nichtmedikamentöse Möglichkeiten aufgeführt, wie Betroffene die Migräne positiv beeinflussen können.
Empfehlung
Gerade für die weniger stark betroffenen Migränepatienten sind die Grundversorger die wichtigsten Behandlungspartner. Die Diagnose kann in aller Regel rasch gestellt werden, allenfalls unter Beizug einer Checkliste für Warnsymptome (12). Ein Tagebuch kann helfen, mögliche Muster (wie z.B. hormonelle Korrelation) zu erkennen und den Leidensdruck besser einzuschätzen. Ist dieser erhöht, wobei als Faustregel 5 Migränetage pro Monat gelten, kann gemäss den SKG-Empfehlungen eine Prophylaxe begonnen werden. Bei höherem Leidensdruck, insbesondere bei vermehrten Ausfällen im Berufs- oder Privatleben oder nicht-zufriedenstellendem Therapieerfolg ist sicherlich die Involvierung der Neurologen oder Kopfschmerzspezialisten empfohlen.
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Prof. Dr. med. Andreas R. Gantenbein
Facharzt Neurologie
Neurologie am Untertor
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Die Harnentleerungsstörung bei der Frau steht selten im Fokus der Gynäkologie. Die chronische Harnretention bei der Frau umfasst asymptomatische Formen, stark symptomatische Formen bis zu Störungen, die mittelfristig zu einer lebensbedrohlichen Nieren-Insuffizienz führen können. Es macht also durchaus Sinn, die zugrundeliegenden Krankheiten zu kennen und sich für die chronische Harnretention bei der Frau (CUR-chronic urinary retention) eine Systematik anzueignen.
Urinary retention in women is rarely in the gynaecologist’s focus. Chronic urinary retention (CUR) in women includes asymptomatic forms, highly symptomatic forms, and disorders that can lead to life-threatening renal failure. It is therefore useful to be aware of the underlying diseases and to adopt a systematic approach to chronic urinary retention in women. Key Words: chronic urinary retention (CUR), underactive bladder (UB), underactive detrusor (UD), bladder outlet obstruction (BOO), detrusor-sphincter-dyssynergia (DSD)
Bei Frauen sind die Entleerungsstörungen wesentlich seltener als beim Mann. Definiert ist die chronische Urinretention durch die unvollständige Blasenentleerung und durch das Vorliegen von Resturin bei wiederholter Messung (post voiding residual – PVR).
Bei der Frau fokussieren wir uns auf die Abklärung einer Inkontinenz und versuchen zwischen Urge und Stress zu unterscheiden. Dabei vergessen wir gerne, dass auch bei der Frau eine Retention möglich ist.
Prinzipiell kann man zwischen einer Retention auf Grund einer Detrusormuskelschwäche (detrusor underactivity DU) oder auf Grund einer Obstruktion (infravesikales Hindernis) (bladder outlet obstruction BOO) unterscheiden. Weiter kann man jeweils in neurologisch bedingte und nicht neurologisch bedingte Harnentleerungsstörungen (dysfunctional voiding) unterteilen.
Die möglichen therapeutischen Antworten auf eine chronische Harnretention sind, wenn überhaupt möglich, relativ einfach und uniform – dennoch macht es Sinn, sich durch die Ursachen und durch die Physiopathologie zu denken (Abb. 1). Beim hypo- oder akontraktilen Detrusor gelingt es kaum, die Kontraktilität der Blase wiederherzustellen und man muss sich bei symptomatischen Formen meist damit begnügen, eine Strategie für die Entleerung zu finden, während man bei der BOO die Ursache zwischen funktionell und mechanisch erkennen und bei Vorliegen eines infravesikalen Hindernis beseitigen muss.
Symptome
Irritative Miktionsbeschwerden wie Urgency und Urgeinkontinenz definieren die (idiopathische) überaktive Blase (overactive bladder (OAB)). Eine Urininkontinenz, welche durch eine Urethralinsuffizienz bei erhöhtem intravesikalem oder intraabdominalem Druck auftritt, definiert die Belastungsinkontinenz (stress urinary incontinence (SUI)). Symptome wie der abgeschwächte Harnstrahl, das Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung, der verzögerte Start der Miktion, die lang dauernde Miktion, die mehrzeitige (Stakkato-) Miktion oder das Nachtröpfeln treten bei chronischer Harnretention auf. Diese Symptome können sowohl durch eine infravesikale Obstruktion wie auch durch eine Detrusorschwäche resp. eine dysfunktionale Miktion verursacht sein und sind diesbezüglich nicht spezifisch. Symptome wie Pollakisurie, Nykturie, Stressinkontinenz oder Dauerinkontinenz bzw. Überlaufinkontinenz (typisch) teilen sich die Blasenentleerungsstörung mit den funktionell «gegenteiligen» Krankheitsbildern wie der OAB oder der SUI. Die Anamnese kann einen hier fehlleiten. Auch beklagen sich Frauen mit Harnretention seltener darüber und man tut gut daran, bei Patientinnen mit urogynäkologischen Problemen die Symptome der Entleerungsstörung mindesten einmal spezifisch abzufragen. Die chronische Harnretention kann auch asymptomatisch sein.
Abklärung
Formal ist die Diagnose an eine vollständige Urodynamik mit Zystoskopie gebunden, die auch die Miktionsphase mit Elektromyogramm (EMG) und eine Videourodynamik beinhalten kann, um in Druckflusskurven bei der BOO den reduzierten Flow bei erhöhtem Detrusordruck während der Miktion zu demonstrieren, das Verhalten der Beckenbodenmuskulatur während der Miktion zu zeigen und um Stenosen oder Reflux und Öffnen des Blasenhalses darzustellen. Umgekehrt erkennt man bei der UB die fehlenden Detrusorkontraktionen und den dadurch reduzierten Flow oder die reine Pressmiktion.
Allerdings untersucht man ein meist älteres Kollektiv, das ohnehin schon Probleme mit Wasserlösen hat. Die Messung der Miktion mit einem liegenden Katheter in der Urethra in unphysiologischer Position «en public» ist dadurch fehleranfällig oder gar unmöglich.
Einfache klinische Untersuchungen wie der gynäkologische Status zur Beurteilung eines Genitaldeszensus (POP-Q, Quetschhahn, kinking?), die Urethrakalibrierung mit Bougies oder Hegarstifte (Urethralstenose?), die freie Uroflowmetrie (Beurteilung des Flows ohne zwischen einer Detrusorschwäche und einem erhöhten Auslasswiderstand unterscheiden zu können) und die vaginale/perineale und abdominale Sonographie (Sanduhrzystocele, Blasenkapazität, Resturinbestimmung, Urethraldivertikel, Veränderung des urethrovesikalen Winkels beim Pressen, Fremdmaterial, Beurteilung der oberen ableitenden Harnwege) werden einem Kollektiv mit neurologischen Störungen natürlich nie gerecht, der durchschnittlichen gynäkologischen oder geriatrischen Patientin in der Praxis aber schon.
Behandlung
Sehr wichtig und als erstes zu indizieren, ist eine Physiotherapie mit Beckenbodenrelaxation und Biofeedback.
Medikamentös (Tab. 1): Medikamentöse Therapien gibt es, diese sind aber häufig nicht effektiv und robuste Daten bei der Frau fehlen sowohl für Medikamente, die den Auslasswiderstand senken, wie auch für α-1-Rezeptorenblocker. Cholinergika werden aufgrund der Nebenwirkungen nicht mehr empfohlen. Baclofen ist eine Option bei vermehrter EMG-Aktivität. Für Sildenafil ist die Evidenz schwach.
Falls konservative Massnahmen nicht helfen, kann eine sakrale Nervenstimulation oder intrasphinkterische Botox-Injektion indiziert werden.
Selbstkatheterisieren (clean intermittend self-catherisation (CIC)), Dauerableitung (indwelling catheter): Bei chronischer Harnretention auf Grund einer UB ist der CIC häufig die Therapiemethode der Wahl, aber gerade bei betroffenen betagten Menschen häufig nicht realisierbar, ist doch die Fingerfertigkeit zum Beispiel durch rheumatologische Krankheiten oder durch eine Parkinsonkrankheit verloren gegangen, so dass man auf eine Dauerableitung – einen Foley Katheter oder einen suprapubischen Katheter – zurückgreifen muss.
Ein hypokontraktiler Detrusor ist per definitionem ein Zustand mit niedrigem intravesikalen Druck, so dass auch höhere Restharnmengen akzeptiert werden dürfen. Die oberen Harnwege sind in den allermeisten Fällen nicht durch einen Reflux resp. Hochdruck gefährdet.
Eine asymptomatische Bakteriurie soll man nicht antibiotisch behandeln, auch wenn die Restharnmengen erhöht sind oder der CIC durchgeführt wird. Bei liegendem Katheter ist der Urin fast immer besiedelt.
Hohe Restharnmengen können symptomatische Harnwegsinfekte triggern, dann ist man im therapeutischen Zugzwang. Zur Prophylaxe von Harnwegsinfekten stehen lokale Östrogene, D-Mannose, Urovaxom zur Verfügung. Antibiotische Therapien soll man vermeiden.
Ursachen der BOO bei der Frau (Tab. 2) – die Krankheitsbilder im Einzelnen
Nicht neurogene Detrusorschwäche (myogen)
(hypo – oder akontraktiler Detrusor) (bladder underactivity)
Die UB ist ebenso häufig wie die OAB. Die UB ist häufig im Alter, bei gebrechlichen Patientinnen oder Patientinnen mit Komorbiditäten (1, 2). Chronische Ischämie der Blasenwand durch Gefässveränderung, durch Arteriosklerose und Fibrose führen nicht nur zu der häufigen Instabilität, sondern auch zur Hypokontraktilität oder auch zur Kombination von beidem (3, 4). Die Kontraktionskraft nimmt ab und der Resturin nimmt zu (5).
Insofern ist die Detrusorschwäche nicht wirklich als gegenteilige Störung zur idiopathischen OAB zu verstehen, sondern allenfalls als Krankheitsbild mit gleicher Ursache.
Die Ursache der Detrusorschwäche lässt sich weder durch die gynäkologische und sonographische Untersuchung des kleinen Beckens noch durch die urodynamische Untersuchung erkennen. Hier hilft nur die Anamnese, die sorgfältig geführte hausärztliche Diagnoseliste und auch der Allgemein- und neurologische Status.
Neurogen bedingte Detrusorschwäche
Infrasakrale Läsionen: Läsionen unter dem sakralen Miktionszentrum S2 – S4 führen zur Denervation der Blase und zum akontraktilen Detrusor.
Autonome Polyneuropathie: typischerweise verursacht durch einen länger bestehenden oder schlecht eingestellten Diabetes mellitus (6). Afferente und efferente Bahnen werden gestört, die Sensibilität für die Blasenfüllung geht verloren, die Blasenkontraktion kann nicht mehr ausgelöst werden. Die gestörte Blasenentleerung kann auch mit Symptomen der Blaseninstabilität kombiniert sein.
Chirurgie im kleinen Becken mit Denervation der Blase: Die Störung der autonomen peripheren Innervation der Blase und die daraus resultierende, definitive und persistierende Blasenatonie (7) ist eine mögliche typische Komplikation nach «destruktiven» Operationen im kleinen Becken. Die parasympathische Versorgung der Blase geschieht über die nervi splanchnici pelvici (S2-S4), welche in der Tiefe der Sakrouterinligamente zum plexus hypogastricus inferior verlaufen. Die parasympathische und sympathische autonome Innervation besteht aus feinen Nervengeflechten, diese werden bei infiltrativen Prozessen automatisch mitreseziert. Heute werden, wenn möglich, Nerven schonende OP-Techniken angewendet (8). (Abb. 2)
Cauda aequina Läsion: Bei einer tiefen Querschnittläsion (spinal cord injury (SCI)) oder einer medialen lumbalen Diskushernie kann es ebenfalls zu einer infrasakralen Läsion kommen. Die Blasenatonie mit Harnretention ist die «red flag» der medialen lumbalen Diskushernie. Da die cauda aequina auch die somatische Innervation beinhaltet, gehört die Reithosen Anästhesie mit beidseitigem Sensibilitätsverlust der sakralen Dermatome zum klinischen Bild.
Läsion des Conus / Läsion der sakralen Segmente des Rückenmarkes: Analog führt auch eine Läsion auf Höhe der sakralen Rückenmarksegmente zu einer Blasenatonie, wie dies beispielsweise eine tiefe Querschnittläsion oder ein tief gelegener MS Herd oder auch eine Wirbelsäulen-Operation verursachen kann.
Die postpartale Harnretention: Ob die postpartale Harnretention als neurogene Störung verstanden werden muss, ist schwierig zu sagen. Für somatische Nerven (n. rectalis inferior des n. pudendus) hat man im Modell eine gegen dreissigprozentige Überdehnung durch die «second stage» der Geburt berechnet. Dies ist deutlich mehr, als nervöse Strukturen ohne Schaden tolerieren (9). Vielleicht darf man das auf das autonome Nervensystem im kleinen Becken übertragen? Risikofaktoren für die postpartale Harnretention sind lange «second stage», PDA, Primiparität oder instrumentelle vaginale Geburtshilfe. Resturin nach der Geburt ist sehr häufig und die Lattenhöhe für therapeutische Massnahmen ist grosszügig hoch anzusetzen: Einige Autoren tolerieren postpartal Resturin bis 500ml (10). Bei sehr hohen Resturinmengen ist der CIC oder der suprapubische Katheter dem Dauerkatheter vorzuziehen, die Patientin wird damit schneller zur Normalität zurückfinden.
Beruhigend: Die postpartale Harnretention ist quasi immer transient. Die Blasenentleerung erholt sich über die Zeit und es sind keine uro-gynäkologischen Langzeitfolgen beschrieben (11).
Nicht neurogen bedingtes infravesikales Hindernis: anatomische Obstruktion
Genitaldeszensus (pelvic organ prolaps (POP)): Der Genitaldeszensus kann durch Abknicken (kinking) der gesenkten prolabierenden Blase zu einer Entleerungsstörung und zu Restharn führen (12). Man weiss ohne zusätzliche Urodynamik nicht, ob nicht zusätzlich eine Detrusorschwäche oder eine instabile Blase vorliegt. Es ist auch schwierig vorherzusagen, ob die Entleerungsstörung durch die Korrektur des Deszensus mit Pessar oder Operation verschwinden wird – meistens jedoch schon (13, 14)! Auch kann man präoperativ mit keinem Test eindeutig klären, ob durch die chirurgische Korrektur der Zystozele eine de novo Belastungsinkontinenz auftreten wird. Es ist aus diesen Gründen ratsam, Deszensusoperationen nicht mit Inkontinenzoperationen zu kombinieren, sondern diese erst bei Bedarf zweizeitig durchzuführen.
Iatrogene Obstruktion durch suburethrale Bänder: Die iatrogene Obstruktion zählt zu den häufigsten Ursachen einer anatomischen BOO. Die akute postoperative Retention mit massiv behinderter Miktion ist offensichtlich. Schwieriger ist es, die sich langsam entwickelnde Retention als durch eine suburethral gelegte Schlinge verursacht zu verstehen. Die Anamnese ist wegweisend: War die Miktion vor der Bandeinlage problemlos und die Entleerung nach der Bandeinlage gestört und ist dieser zeitliche Zusammenhang klar gegeben, ist das Band obstruktiv. Resturin muss nicht immer von Beginn an vorhanden sein, ein gesunder Detrusormuskel vermag den erhöhten Widerstand zuerst einmal zu überwinden. Die Antwort der Blase auf Obstruktion ist die stärkere Kontraktion und das kann wiederum eine Detrusorinstabilität verursachen: DeNovo OAB. Auch rezidivierende Harnwegsinfekte können die Folge sein.
Das Band lässt sich während 7 bis maximal 10 Tagen noch einfach senken, ohne den Kontinenz-Effekt zu gefährden. (Abb. 3)
Realisiert man die Obstruktion erst verspätet, muss das Band komplett durchtrennt werden. Die obstruktiven Symptome kann man so chirurgisch in den allermeisten Fällen beheben (15, 16). Je nach dem aber wie lange die Obstruktion angedauert hatte, werden die OAB-Symptome trotz aufgehobener Obstruktion persistieren (17). Mit einer Rezidiv-Inkontinenz ist durch Bandspaltung in 30 bis 50% zu rechnen. Nur ein Teil dieser Patientinnen (14%) werden sich in der Folge auf eine erneute Inkontinenzoperation einlassen (18, 19). (Abb. 4)
Urethralstrikturen: Urethralstrikturen sind bei Frauen häufig iatrogen durch prolongiertes Katheterisieren, Radiatio oder nach chirurgischen Eingriffen verursacht.
Nicht neurogen bedingtes infravesikales Hindernis: funktionelle Obstruktion
Die funktionellen Obstruktionen sind vielleicht am schwierigsten zu verstehen: weil eine klare und nachvollziehbare Krankheitsursache fehlt und weil sie negativ definiert sind, nämlich durch das Fehlen einer zugrundeliegenden neurologischen Krankheit. Auch braucht es für die Diagnose eine komplexe Videourodynamik der Miktionsphase mit EMG und sollte neuro-urologisch abgeklärt werden.
Die dazugehörenden Subtypen sind in der Tabelle 3 unter «funktionell» gelistet.
Neurogen bedingtes infravesikales Hindernis:
DSD – Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Kommt es zu einer Störung vom koordinierenden pontinen Miktionszentrum im Stammhirn zu den basalen Reflexzentren des Rückenmarkes in den lumbalen und sakralen Segmenten resultiert eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD): ein Fehlen der zeitgleichen Relaxation des urethralen Rabdomyosphinkters bei der Kontraktion des Detrusormuskels. Folgen dieser Massenreflexe sind exorbitant hohe intravesikale Drücke, damit Reflux in die oberen ableitenden Harnwege und sukzessive Zerstörung des Nierenparenchyms.
Bei jungen Patientinnen mit unerklärten OAB-Symptomen und evt. zusätzlich Resturin, sollte eine sorgfältige Anamnese zu neurologischen Symptomen erhoben werden: z.Bsp schubweise aufgetretene fokale Sensibilitäts- oder motorische Störungen, Schwindel, Störungen im Gleichgewicht oder Sehstörungen, die nicht beachtet, verdrängt oder nicht zugeordnet wurden (20). Die Diagnose der DSD gelingt mit der Video-Urodynamik mit EMG. Hier sollte unbedingt eine Zuweisung zu einem Neurourologen erfolgen.
Therapie der DSD: Kombination von hohen Botulinumtoxin Dosen in den Sphincter urethrae und getimtes Selbstkatheterisieren (CIC).
Parkinson – Pseudo-Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: Die Parkinsonkrankheit ist eine suprapontine Läsion und macht eine neurogene Detrusorhypereflexie, eine neurogen bedingte OAB. Nicht selten findet man dennoch auch relevante Resturinmengen, die nicht zu einem unkontrollierten und überaktiven Detrusor passen. Die durch Parkinson bedingte Bradykinesie erklärt die verzögerte Relaxation der Urethra, welche der Blasenkontraktion hinterherhinkt und so eine vollständige Blasenentleerung verunmöglicht.
Und selbstverständlich können vor allem bei älteren Patientinnen verschiedene Störungen gleichzeitig vorliegen, was es schwierig machen kann, therapeutische Konzepte zu etablieren.
Stadtspital Triemli, Klinik für Urologie
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich
Dr. med. Daniel Passweg
Frauenklinik Stadtspital Weid und Triemli
Birmensdorferstrasse 501
8063 Zürich
daniel.passweg@triemli.zuerich.ch
Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Die Messung des postmiktionellen Resturins ist eine ganz simple
aber auch ganz zentrale Basisuntersuchung der urogynäkologischen Abklärung.
◆ Bei der chronischen Urinretention unterscheidet man grundsächlich und ursächlich zwischen einer Detrusorschwäche (DU) und einer infravesikalen Obstruktion (BOO).
◆ Während man die Ursache der infravesikalen Obstruktion erkennen muss und häufig beheben kann, hat man bei der Detrusorschwäche unabhängig der Ätiologie begrenzte therapeutische Möglichkeiten. Wenn symptomatisch, muss die Patientin den Selbstkatheterismus erlernen.
◆ Bei multipler Sklerose können nicht nur im Gehirn, sondern auch im Rückenmark demyelinisierende Herde auftreten und eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie triggern, dies mit fatalen Folgen für den oberen Harntrakt.
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Vor 111 Jahren prägte der polnische Biochemiker Kazimierz Funk den Begriff «Vital-Amine» oder kurz «Vitamine» für Nahrungsmittelbestandteile, die für das Leben wichtig sind (1). Diese erhielten Buchstaben in der Reihenfolge ihrer Entdeckung; als viertes Vitamin wurde 1922 von Elmer McCollum das Vitamin D beschrieben, eine Substanz, welche die Rachitis bekämpfen konnte (2). Seit dieser ersten Publikation wird über Vitamin D geforscht und publiziert, es werden Thesen zu Wirkungen erhoben und wieder verworfen, Richtlinien aufgestellt und wieder geändert. Die Zahl der Artikel zu Vitamin D, die in PubMed gelistet sind, ist in den letzten 100 Jahren von einer einzigen Publikation im Jahr 1922 auf über 5500 im Jahr 2022 gestiegen. Im nachfolgenden Artikel wird versucht, aus der Fülle der Informationen einige in der Praxis relevante Punkte herauszugreifen.
111 years ago, the Polish biochemist Kazimierz Funk coined the term «vital amines» or «vitamins» for food components that are important for life (1). These were given letters in the order of their discovery; the fourth vitamin to be described was vitamin D, a substance that could combat rickets, by Elmer McCollum in 1922 (2). Since this first publication, vitamin D has been researched and published, theses on effects have been raised and rejected, guidelines have been established and changed again. The number of articles on vitamin D listed in PubMed has increased over the past 100 years from a single publication in 1922 to over 5500 in 2022. The following article attempts to pick out some points relevant in practice from the wealth of information. Key Words: Vitamine D, bone health, serum concentration
Die systematische Review und Metanalyse und die daraus abgeleiteten klinischen Empfehlungen vom Februar 2023 des American College of Physicians (APF; 1) kommen zum Schluss, dass Bisphosphonate, Denosumab, Abaloparatid, Teriparatid und Romosozumab klinische Frakturen bei postmenopausalen Frauen mit Osteoporose vermindern. In diesen neuesten Guidelines zur Frakturprävention werden die Estrogene nicht erwähnt. Hingegen schliesst die North American Menopause Society (NAMS) in ihren Empfehlungen von 2021 und 2022 (2, 3) unter den von der FDA (wie auch von der Swissmedic) bei erhöhtem Frakturrisiko zugelassenen Optionen Estrogene und SERM ein. Dies deckt sich auch mit der Sicht der europäischen Menopausengesellschaften. Raloxifen ist heute primär eine Alternative zu MHT bei Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko. Es bietet zwar einen gesicherten osteoprotektiven Schutz an der Wirbelsäule, doch liegt keine direkte Evidenz für eine protektive Wirkung am Schenkelhals und am übrigen nicht-vertebralen Skelett vor. Aus Platzgründen muss hier auf eine weitere Diskussion der SERMs verzichtet werden (4).
Warum werden in internistischen klinischen Empfehlungen selektive Estrogen-Modulatoren wie Raloxifen und Bazedoxifen empfohlen, wogegen natürliche Estrogene, die auch das nicht-vertebrale Frakturrisiko signifikant senken (Tab. 1), nicht erwähnt werden?
Der eine Hauptgrund dafür ist, dass Osteoporosespezialisten in der Regel erst bei der älteren postmenopausalen Frau zur Behandlung einer etablierten Osteoporose beigezogen werden, bei welcher Estrogene nicht mehr die beste Option sind.
Endokrinologen und Gynäkologen geht es dagegen meist um die Frakturprävention bei der peri- und früh postmenopausalen Frau mit noch normaler oder nur leicht verminderter Knochendichte. Genau in dieser Altersgruppe ist der Platz der natürlichen Estrogene.
Der zweite Hauptgrund dafür mag sein, dass die SERMs für die rheumatologisch orientierten Verschreiber und auch die meisten Anwenderinnen als «Medikamente» gelten, während E2 und EV als «Hormone» eingestuft werden und daher seit der Women’s Health Initiative Studie (WHI-Studie) zu Unrecht immer noch suspekt sind. Dazu werden oft mögliche Estrogen-Nebenwirkungen wie vaginale Blutungen oder Mastodynien gescheut, da hier Nicht-Gynäkologen die Erfahrung fehlt.
Die Peri- und frühe Postmenopause:
Platz der Estrogene
Tiefe endogene Estrogene führen zu einem Knochenverlust und einem Anstieg des Frakturrisikos (Abb. 1). In der Peri- und frühen Postmenopause ist somit der korrekte pathophysiologische Ansatz zur Frakturprävention die Gabe von natürlichen Estrogenen. Für Frauen in dieser Altersgruppe gibt es keine solide Evidenz und keine Langzeiterfahrungen zum Einsatz von medikamentös-pharmakologischen Therapieprinzipien wie Bisphosphonate oder Denosumab. Hingegen zeigen RCTs wie die Women’s Health Initiative (WHI) (Tab. 1) und die Danish Osteoporosis Prevention Study (DOPS) (5-12; weiterführende Literatur in 13), Metaanalysen und grosse Beobachtungsstudien unter Estrogenen eine signifikante Reduktion klinischer Frakturen. Darauf basieren die Empfehlungen der menopausalen Hormontherapie (MHT) als einer Methode der ersten Wahl zur Frakturprävention bei der Frau unter 60 Jahren. Sie kann seit über 30 Jahren bei der Frau als gesichert gelten. Der Begriff MHT umfasst auch eine Behandlung mit Tibolon (1,25 mg per os/Tag), einem synthetischen Steroid, dessen Metaboliten estrogene, androgene und gestagene Partialwirkungen besitzen. Tibolon senkt das Risiko von vertebralen und nicht-vertebralen Frakturen signifikant (14) (siehe Übersicht von Kloosterboer (15)).
Der WHI-Trial mit konjugierten equinen Estrogenen (CEE) bleibt der einzige bisher bei einer Normalpopulation durchgeführte RCT zur Effizienz einer MHT mit CEE allein oder kombiniert mit einem Gestagen zur Senkung des Frakturrisikos. Bei Frauen ohne Frakturrisiko wird das Auftreten von Knochenbrüchen an der Wirbelsäule, am Schenkelhals und am gesamten non-vertebralen Skelett signifikant gesenkt. (Tab. 1; 8-11). Diese Resultate sind mit allen anderen älteren und neueren Daten zur Frakturprävention mit Estrogenen konsistent (12, 13). Dagegen wurden alle RCTs mit SERMs, Bisphosphonaten, Denosumab, Parathormonen oder Romosozumab bei älteren Risikopopulationen mit vorbestehender Osteoporose oder Osteopenie durchgeführt.
Im WHI-Trial kann die Wirksamkeit einer MHT als Anzahl Frauen ausgedrückt werden, deren Frakturen über eine 5-Jahres-Periode verhindert werden konnten. Unter Estrogenen allein repräsentiert dies 27,1 Frauen per 1000 über 5 Jahre, unter Estrogen+Gestagen 21,8 Frauen. In der PERF-Studie liegt die benötigte Anzahl der mit Estradiol zu behandelnden Frauen zur Verhinderung einer Fraktur bei 7 (16). Die Frakturprävention mittels MHT ist kostenwirksam. Eine MHT senkt zudem im Gegensatz zu allen nicht-hormonalen Therapieprinzipien das Frakturrisiko nicht nur über den Knochenstoffwechsel, sondern auch über eine Verbesserung der Muskelkraft und der «Stossdämpferfunktion» der Zwischenwirbelscheiben (17, 18).
Für die systemische MHT sind in der Schweiz einzig 17-beta-Estradiol (E2) und Estradiol-Valerat (EV) zugelassen (Tab. 2). Ethinylestradiol (EE) und damit die «Pille» soll bei der postmenopausalen Frau wegen des bei EE metabolisch ungünstigen Nutzen-Risiko-Profils nicht verwendet werden.
Niedrig oder ultra-niedrig dosierte MHT zur Frakturprävention?
Die Standarddosis zur Behandlung des klimakterischen Syndroms beträgt pro Tag peroral 2mg E2 oder transdermal 50 µg E2 (Tab. 2; 19). Zu dessen erfolgreichen Behandlung ist oft auch eine niedrig oder ultra-niedrig dosierte Estrogengabe wirksam (Abb. 2).
Bei den meisten der so therapierten Frauen reicht diese Dosis auch zum Schutz des Knochens aus (20, 21; weiterführende Literatur in 13), doch erhöht sich mit der Senkung der Estrogene unter die Standarddosis der Prozentsatz der sogenannten Non-Responders (>2% Knochenverlust an der Wirbelsäule innert 26 Lunarmonaten trotz Therapie). Unter einer ultra-niedrigen Estradiol-Gabe (0,5 resp. 0,25 mg E2 per os/Tag) steigt die Anzahl der Non-Responders auf 13% resp. 22% an, in der Placebo-Gruppe hatten 51% einen Knochenverlust >2% (21). Es wird daher empfohlen, die Wirksamkeit einer niedriger als Standard dosierten Estrogengabe durch die Bestimmung von Knochenmarkern (nach ca. 3 Monaten) und 1-2 Jahre nach Beginn der MHT durch eine Bestimmung der Knochendichte mittels DXA zu überprüfen, wenn das Ziel der MHT die Frakturprävention ist.
Erhaltener Nutzen am Skelett nach Beendigung einer MHT?
Das Absetzen einer MHT führt zu einem jährlichen Knochenverlust, der innert 2 Jahren mit 3% bis 6% demjenigen in der frühen Menopause gleicht (22, 23). In der WHI führte das Absetzen der MHT zu einem bei Frauen in der Placebogruppe vergleichbaren Frakturrisiko (24).
Der unter der MHT erreichte präventive Gewinn bleibt deswegen erhalten, weil der wiedereinsetzende beschleunigte Knochenverlust bei einem höheren Ausgangswert einsetzt. In der PERF Studie (16) ist der erworbene Vorteil bis 15 Jahre nach dem Stopp der MHT nachweisbar, indem die Odds Ratio (OR) für Frakturen bei den früheren Estrogenanwenderinnen im Vergleich zu Placebo noch bei 0.48 (VI 0.26-0.88) liegt.
Bei Frauen mit POI ohne Estrogen-Kontraindikationen besteht mindestens bis zum Erreichen des normalen Menopausenalters eine Indikation für eine Substitution mit Estrogenen. Frauen mit POI benötigen für ihre klimakterischen Beschwerden meist höhere Dosierungen als ältere Frauen (≥2mg 17β-Estradiol pro Tag). Damit ist auch der Knochenbedarf abgedeckt.
Eine Indikation besteht auch für die Substitution mit E2 oder EV bei der primären Amenorrhöe und bei jeder längerdauernden sekundären Amenorrhöe (>6 Monate). Bei einer sekundären Amenorrhöe können bei Kontrazeptionsbedarf auch kombinierte hormonale Ovulationshemmer eingesetzt werden.
Nebenwirkungsprofil einer MHT
Bei der Diskussion der WHI-Studie wird heute leider oft vergessen, dass in der ersten Publikation nur zwei Resultate signifikant waren: der Anstieg des Thrombose-Risikos unter der oralen MHT als einzige ungünstige Nebenwirkung und die Reduktion des Frakturrisikos als einzigem Nutzen. Alle andern im Medien-Hype nach 2002 hochgespielten möglichen Gefahren waren nicht-signifikante Spekulationen.
Die Analyse des kumulativen Follow-Ups der WHI-Studie nach 13 Jahren (Tab. 3; 26) zeigt bei korrekt indizierter MHT für die alleinige Estrogen-Gabe einzig einen nicht-signifikanten Anstieg des Risikos für Lungenembolie (relatives Risiko (RR), 1.21; 95% CI, 1.06-1.38,). Dieses Risiko lässt sich zudem vermeiden, wenn statt oralem Estrogen transdermales Estradiol in normaler Dosierung eingesetzt wird (2, 6, 13, 25).
Alle übrigen im WHI-Trial untersuchten Todesursachen sind erniedrigt, insbesondere auch das kardiovaskuläre Risiko. Unter einer Kombination von E2/EV mit mikronisiertem Progesteron oder Dydrogesteron verschlechtert sich dieses Risikoprofil im Gegensatz zur Gabe von anderen Gestagenen nicht. Auch das Brustkrebsrisiko steigt im WHI-Trial unter CEE allein nicht an (weiterführende Literatur siehe in 2, 6, 13, 25, 26). Gemäss der Internationalen Menopausegesellschaft (IMS) ist das mögliche Risiko eines mit einer MHT assoziierten Mammakarzinoms klein und wird auf weniger als 0.1% per Jahr oder auf eine Inzidenz von <1.0 per 1000 Frauen pro Anwendungsjahr geschätzt (6).
Die vorhandene Evidenz zeigt, dass innerhalb des «günstigen Fensters» der Nutzen einer MHT die Risiken überwiegt (25-27).
Schlussfolgerung
Die Verschreibung einer MHT zur primären Prävention von Fragilitätsfrakturen muss Teil einer globalen Strategie sein. Bei peri- und frühen postmenopausalen Frauen mit erhöhtem Frakturrisiko innerhalb des therapeutisch «günstigen Fensters» (<60 Jahre oder <10 Jahre von der Menopause entfernt) gehört eine MHT zu den Therapien der ersten Wahl für die Prävention und die Therapie von Fragilitätsfrakturen und eignet sich zur Prävention der ersten vertebralen Fraktur, die unbedingt vermieden werden muss (Abb. 3), da diese das Risiko für weitere Frakturen signifikant steigert. Es gibt keine arbiträre Alterslimitierung für die Fortführung einer MHT (5, 6, 13), vorausgesetzt, dass die MHT nach den Bedürfnissen und persönlichen Risikofaktoren der Patientin individualisiert ist.
Vom Beginn einer MHT nach dem Alter von 60 Jahren mit der alleinigen Indikation einer Osteoporosetherapie wird hingegen abgeraten und auf die medikamentösen Alternativen verwiesen.
Zweitabdruck aus «der informierte arzt» 03-2023
Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG
Prof. em. Dr. med. Martin Birkhäuser
Gartenstrasse 67
4052 Basel
martin.birkhaeuser@bluewin.ch
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Eine MHT (inklusive Tibolon) senkt das Frakturrisiko an allen vertebralen und nicht-vertebralen Lokalisationen inklusive des Schenkelhalses signifikant um 25–40%.
◆ Im Gegensatz zu allen nicht-hormonalen Alternativen vermindert eine individualisierte MHT auch bei Frauen einer Normalpopulation ohne erhöhtes Frakturrisiko die Inzidenz aller mit einer Osteoporose im Zusammenhang stehenden Frakturen.
◆ Eine MHT senkt das Frakturrisiko nicht nur durch ihre Wirksamkeit am Knochen, sondern auch über andere Wirkungsmechanismen an der Muskulatur und an den Zwischenwirbelscheiben.
◆ Hinsichtlich Knochendichte und Frakturprävention bestehen keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Estrogenen oder der
oralen und der transdermalen Verabreichungsform, doch besitzt transdermales Estradiol bei normaler Dosierung kein erhöhtes Thromboembolie- oder Schlaganfallrisiko.
◆ Bei gesunden peri- und postmenopausalen Frauen mit erhöhtem
Frakturrisiko unter dem Alter von 60 Jahren oder innerhalb der ersten 10 Jahre nach der Menopause darf die MHT als eine Therapie der ersten Wahl für die primäre Prävention und Behandlung Osteoporose-bezogener Frakturen an allen Skelettlokalisationen gelten. Innerhalb dieses «Window of Opportunity» überwiegt der Nutzen einer MHT die Risiken.
◆ Bei Frauen über 60 Jahren oder solchen mit einer Kontraindikation gegen MHT sind nicht-hormonale anti-resorptive Therapien wie
Bisphosphonate oder Denosumab die Therapie der ersten Wahl.
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Eine Cerclage ist der operative Verschluss der Zervix zur Verhinderung eines Spätabortes oder einer Frühgeburt. Eine Tabaksbeutelnaht wird in die Zervix gelegt, um eine vorzeitige Dilatation zu verhindern. Trotz der teils widersprüchlichen Resultate von retrospektiven Studien bezüglich der Indikationen der Operation wird dieses Verfahren als Bestandteil einer systematischen Behandlung sowohl zur Prävention als auch zur Therapie der Frühgeburtlichkeit angewendet.
A cerclage is the surgical closure of the cervix to prevent late abortion or premature birth. A purse-string suture is placed in the cervix to prevent premature dilatation. Despite the sometimes conflicting results of retrospective studies regarding the indications for surgery, this procedure is being used as part of a systematic treatment for both prevention and treatment of preterm birth. Key Words: cerclage, cervix, surgical closure
Geschichte
Die erste zervikale Operation zur Behandlung von rezidivierenden Aborten wurde 1902 von Herman dokumentiert. Er beschrieb damals seine Erfahrung mit nur drei Frauen, welche eine Trachelorhaphie nach Emmet bei rezidivierenden Aborten bekommen hatten (1). In den 1950er-Jahren entwickelte zuerst Shirodkar und später McDonald eine operative Technik zur Behandlung der Zervixinsuffizienz (2). Die letzten werden bis heute nach geringfügiger Modifikation weiterhin im klinischen Alltag durchgeführt.
Zervixinsuffizienz
Die Zervixinsuffizienz ist die schmerzfreie Erweichung und Verkürzung der Zervix (<25mm) in der Folge mit Eröffnung des Zervixkanals, welche im 2. oder 3. Trimester auftritt. Aufgrund der oft fehlenden Symptomatik ist sie mit erhöhten Spätabort- oder Frühgeburtsraten und deren Folgen assoziiert.
Goldstandard zur Diagnose der Zervixinsuffizienz ist die sonographische Messung der Zervixlänge entweder transvaginal oder transabdominal. Neben der Zervixlänge können auch weitere Charakteristika wie die Weichheit der Zervix oder die Präsenz einer Trichterbildung mitbeurteilt werden.
Falls keine relevanten Risikofaktoren wie zum Beispiel Status nach Spätabort oder Frühgeburt bestehen, ist die erste reguläre Messung der Zervixlänge im Rahmen der zweiten Ultraschalluntersuchung zwischen der 20. und 23. Schwangerschaftswoche empfohlen.
Falls anamnestisch ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Zervixinsuffizienz vorliegt, ist eine sonographische Messung der Zervix bereits mit 16 Schwangerschaftswochen empfohlen. Ebenfalls sollte regelmässig eine sorgfältige klinische Untersuchung mit Ausschluss einer urogenitalen Infektion durchgeführt werden. Ähnliches Vorgehen ist bei Auftreten von Symptomen wie Unterleib- oder Rückenschmerzen, vaginalen Blutungen oder sonstigen vaginalen Beschwerden unabhängig von der geburtshilflichen Anamnese empfohlen.
Die optimale Betreuung von Schwangeren sowohl mit positiver Anamnese von Zervixinsuffizienz/Frühgeburt in vorangehenden Schwangerschaften als auch mit Zervixinsuffizienz in der aktuellen Schwangerschaft besteht aus der Kombination von medikamentösen und falls indiziert, operativen Massnahmen (Abb. 1).
Indikationen der Cerclage
Es gibt gemäss FIGO 2021 drei Indikationen zur Anlage einer Cerclage (3):
1. Eine prophylaktische Cerclage sollte Schwangeren mit Einlingsgravidität angeboten werden, welche Status nach 3 Frühgeburten und/oder Spätaborten in der Anamnese erlitten haben. Gemäss Literatur wurden die Frühgeburtsraten vor der 33. Schwangerschaftswoche in dieser Gruppe deutlich reduziert (15% mit versus 32% ohne Cerclage) (4). Eine prophylaktische Cerclage sollte am Anfang des zweiten Trimenons (zwischen der 13. Und 16. Schwangerschaftswoche) angelegt werden.
2. Eine therapeutische Cerclage sollte Schwangeren mit Einlingsgravidität angeboten werden, bei welchen eine Zervixinsuffizienz in der aktuellen Schwangerschaft (Zervixlänge <25mm) vor der 24.Schwangerschaftswoche diagnostiziert wurde und der Status nach einer oder mehr Frühgeburten oder Spätaborten in einer vorangehenden Schwangerschaft besteht (5). Bei Schwangeren mit einer Zervixinsuffizienz in der aktuellen Schwangerschaft ohne positive Anamnese einer Frühgeburt oder Spätabort ist eine therapeutische Cerclage gemäss der aktuellen Literatur nicht empfohlen. In dieser Situation kann jedoch eine Operation nach individueller Beurteilung der Risikosituation und ausführlicher Beratung der Schwangeren in Erwägung gezogen werden (6).
3. Eine notfallmässige Cerclage sollte bei Schwangeren mit einer prolabierenden Fruchtblase durch eine Dilatation der Zervix vor der 24. Schwangerschaftswoche in der aktuellen Schwangerschaft angeboten werden. Ein systematisches Review zeigte eine deutlich erhöhte Überlebensrate der Neugeborenen nach einer notfallmässiger Cerclage-Anlage (7).
Durchführung der Cerclage
Methoden der Wahl für die Durchführung einer transvaginalen Cerclage sind nach McDonald und nach Shirodkar benannt. Alternativ kann in bestimmen Situationen ein laparoskopisches, abdominales Vorgehen bevorzugt werden (siehe unten). Präoperativ muss eine urogenitale Infektion bzw. Amnioninfektionssydrom ausgeschlossen werden. Für die Operation wird die Patientin in Steinschnittlage im Operationssaal gelagert. Eine perioperative intravenöse Antibiotikumprophylaxe ist empfohlen. Eine transvaginale Sonographie wird zur Beurteilung der Zervixlänge ggf. Trichterbildung und zur Darstellung umliegender anatomischer Strukturen wie beispielsweise die Blasenumschlagsfalte direkt präoperativ durchgeführt. Ebenfalls erfolgt prä- und postoperativ die Überprüfung der Vitalität des Feten. Die Operation kann entweder in Regionalanästhesie oder Intubationsnarkose durchgeführt werden.
1. Methode nach McDonald
Nach Desinfektion der Vagina werden die vordere und hintere Muttermundslippe mit atraumatischen Organfasszangen gefasst und die Blasenumschlagsfalte wird dargestellt. Es folgt das Einstechen mit dem Ethibondfaden bei 12 Uhr im Bereich der Blasenumschlagsfalte und zirkuläre, subepitheliale Führung der Nadelspitze im Gegenuhrzeigersinn mit Ein- und Ausstichen bei 9, 6 und 3 Uhr im Sinne einer Tabaksbeutelnaht um die äussere Zervix (8). Anschliessend wird ein Knoten des Fadens bei 12 Uhr nach digitaler Kontrolle gelegt. Optimal kann zusätzlich ein Luftknoten für die einfachere Entfernung der Cerclage gelegt werden. (Abb. 2.)
2. Methode nach Shirodkar
Nach der Desinfektion der Vagina werden die vordere und hintere Muttermundslippe mit atraumatischen Organfasszangen gefasst. Dann erfolgt die vordere Kolpotomie unterhalb der Blasenumschlagsfalte und die Harnblase wird stumpf distanziert. Es folgt das Eingehen mit dem armierten Mersilene-Band durch die Kolpotomie und das subepitheliale Durchziehen des Bandes unter Ein- und Ausstichen bei 9, 6 und 3 Uhr. Anschliessend wird ein Knoten des Fadens sowie ein Luftknoten gelegt. Die vordere Kolpotomie wird mit absorbierbarem Faden reepithelialisiert (Abb.3).
Die Methode nach Shirodkar zeigt sich im Vergleich zu der nach McDonald effektiver in der Senkung der Frühgeburtsraten (9).
Notfallcerclage (Abb. 4.)
Im Falle einer prolabierenden Fruchtblase durch eine eröffnete Zervix (bis maximal 3 cm) wird die Patientin präintraoperativ in einer Kopftieflage gelagert. Damit kann die Fruchtblase besser reponiert werden. Nach Einstellen der Portio wird die Fruchtblase mit einem Foley Katheter vorsichtig zurückgedrängt. Der Katheter wird mit 10-20 ml NaCl gefüllt. Die Cerclage Anlage kann mit einer der oben beschriebenen Methoden erfolgen, je nach Erfahrung des Operateurs. Die vaginal angelegte Cerclage kann in der 37. Schwangerschaftswoche ohne Anästhesie entfernt werden. Falls keine anderen Kontraindikationen vorliegen, ist eine vaginale Entbindung nach der Entfernung der Cerclage möglich.
3. Abdominale Cerclage
Bei Versagen der vaginalen Methode in einer vorangehenden Schwangerschaft oder bei deutlich verkürzter Portio postoperativ kann alternativ ein abdominales Verfahren angewendet werden. Die Cerclage kann entweder per Laparotomie oder Laparoskopie eingelegt werden (Abb. 5). Bei Schwangeren wird auf die Einlage eines Uterusmanipulators verzichtet. Bei nicht Schwangeren wird ein 10 mm Hegar Stift intrauterin gelegt. Das ermöglicht eine bessere Mobilisation des Uterus und verhindert, dass die Naht zu fest angezogen wird. Für die Cerclage-Anlage wird zuerst das Peritoneum der Excavatio vesicouterina eröffnet. Danach werden die Parametrien auf beiden Seiten unmittelbar oberhalb der Uteringefässe präpariert. Dorsal wird das Peritoneum der Hinterwand oberhalb der Ligamentum sacrouterinum eröffnet und vorgeschoben. Danach wird ein Ethibond 6 Faden zirkulär angelegt und ventral geknotet. Anschliessend erfolgt die Retroperitonealisierung des Cerclagefadens mit einer fortlaufenden Naht Vicryl 3-0 dorsal und ventral.
Falls eine Cerclage abdominal angelegt wird, sollte als Geburtsmodus eine Sectio caesarea durchgeführt werden. Falls weiterhin Kinderwunsch besteht, kann die Cerclage in situ belassen werden für eine nächste Schwangerschaft.
Das abdominale Verfahren ist mit tieferen Frühgeburtsraten assoziiert. Dies am ehesten bedingt durch die proximale Lokalisation der Cerclage im Bezug zum Os internum, sowie der Absenz des vaginalen Fremdkörpers. Das laparoskopische Vorgehen scheint ein besseres perinatales Outcome zu haben, abhängig auch von der Erfahrung des Operateurs. Im Gegensatz dazu gehen die abdominalen Verfahren mit erhöhter mütterlicher Morbidität im Vergleich zu den transvaginalen Techniken einher (10).
Komplikationen
Die peri- und postoperative Komplikationsrate einer Cerclage-Anlage beläuft sich generell auf ca. 6% der Fälle. Die häufigsten davon sind die iatrogene Frühgeburt, der vorzeitige Blasensprung, die Chorioamnionitis, die vorzeitige Wehentätigkeit oder selten eine zervikovaginale oder vesikovaginale Fistelbildung.
Kontraindikationen
Kontraindikationen für die Durchführung einer Cerclage(-Anlage) sind vorzeitige Kontraktionen, vaginale (uterine) Blutungen oder ein vorzeitiger Blasensprung. Zusätzlich ist von einer Operation bei Verdacht auf urogenitalen Infekt bzw. Amnioninfektsyndrom abzuraten.
Totaler Muttermundsverschluss
Im Rahmen einer prophylaktischen Cerclage bietet die Durchführung eines gleichzeitigen totalen Muttermundsverschlusses eine zusätzliche Option zur Prolongation der Schwangerschaft durch eine Barrierefunktion gegen eine transzervikal aufsteigende Infektion.
Systematische Behandlung
Die Anlage einer Cerclage sollte nicht als einzelne prophylaktische oder therapeutische Massnahme durchgeführt werden, sondern als Bestandteil einer systematischen Behandlung angewendet werden. Die Behandlung besteht neben der fortlaufenden, lokalen Infektionsprophylaxe zusätzlich in einer vaginalen Applikation von Progesteron 200mg täglich als Unterstützung der Zervix bis zur 36. Schwangerschaftswoche. Bei Frühgeburtsbestrebungen zwischen der 24+0 und 33+6 Schwangerschaftswoche ist zusätzlich eine antenatale Steroidtherapie empfohlen. In dieser Situation wäre ebenfalls die Verlegung der Schwangeren in ein Perinatalzentrum zur interdiszipliären Betreuung in Erwägung zu ziehen.
Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Stylianos Kalimeris
Universitätsspital Zürich
Rämistr.100
8091 Zürich
Dr. med. Carolin Blume
Chefärztin Geburtshilfe Kantonsspital Graubünden
Frauenklinik Fontana
Departement Gynäkologie und Geburtshilfe
Lürlibadstrasse 118
7000 Chur
carolin.blume@ksgr.ch
Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Die Zervixinsuffizienz stellt ein häufiges geburtshilfliches Krankheitsbild dar, welches potenziell mit erhöhter perinataler Morbidität und Mortalität assoziiert ist
◆ Die Cerclage ist eine operative Technik zur Verminderung des Risikos von Frühgeburt bzw. Spätabort durch den Verschluss der Zervix mit einem nicht absorbierbaren vaginal oder transabdominal gelegten Faden.
◆ Die Cerclage kann im Rahmen einer systematischen Betreuung entweder als prophylaktische oder therapeutische Massnahme appliziert werden.
◆ Eine ausführliche und individuelle Beratung der Schwangeren (der Eltern) über die Möglichkeit der Cerclage-Anlage sowie über den Ablauf, Nutzen und potenzielle Komplikationen der Methode sollte, falls indiziert, präoperativ stattfinden.
1. Herman, G. Ernest. „Note on Emmet’s Operation as a preventive of abortion.“ BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology 2.3 (1902): 256-257.
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Die pulmonale Hypertonie (PH) ist eine pathophysiologische Entität, welche bei vielen Krankheiten auftritt und zu schwerwiegenden pulmonalen und kardiovaskulären Symptomen führen kann. Durch gute Achtsamkeit kann eine PH rechtzeitig vermutet, die entsprechenden Abklärungen durchgeführt und eine, für die verschiedenen Ätiologien gezielte Therapie eingeleitet werden. Diesem Umstand tragen die neuen Richtlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie und der europäischen Respiratory Society Rechnung, indem sie einen Hauptschwerpunkt auf die Erkennung und den Algorithmus zur Diagnose legen (1). Weitere wichtige Neuerungen hat es in den hämodynamischen Definitionen, der Klassifikation und der Risikostratifizierung der Patienten mit PH gegeben. Eine Aktualisierung der gegenwärtigen verfügbaren Therapien und auch deren empfohlener Einsatz sind in den Richtlinien dargestellt. Insgesamt bringen die neuen Richtlinien viele Neuheiten. Auf die wichtigsten davon will dieser Artikel hinweisen.
Pulmonary hypertension (PH) is a pathophysiological entity that occurs in many diseases and can lead to serious pulmonary and cardiovascular symptoms. With good awareness, PH can be suspected and in due time the necessary workup performed and the appropriate therapy initiated for the various etiologies. The new guidelines of the European Society of Cardiology and the European Respiratory Society take this into account by placing a major emphasis on detection and the algorithm for diagnosis (1). There have been other important innovations in hemodynamic definitions, classification, and risk stratification of patients with PH. An update of currently available therapies and also their recommended use are presented in the guidelines. Overall, the new guidelines bring many novelties. This article aims to point out the most important of them. Key Words: pulmonary hypertension, ESC guidelines
Neue hämodynamische Definition der pulmonalen Hypertonie
Eine der wichtigsten Neuerungen ist die neue hämodynamische Definition der PH. Die Schwelle von 25 mmHg für den mittleren pulmonalen Druck (mPAP) wurde auf 20 mmHg gesenkt (Tab. 1). Diese Definition wurde am sechsten Weltsymposium für PH erarbeitet und jetzt von den Fachgesellschaften in ihre Richtlinien übernommen (2). Diese tiefere Grenze des (mPAP) von <20 mmHg wird damit begründet, dass ein normaler pulmonaler Druck noch tiefer liegt und dass eine Erhöhung des mittleren PA-Druckes >20 mmHg zu einer schlechten Prognose im Langzeitverlauf bei der idiopathischen und der chronisch thrombo-embolischen pulmonalen Hypertonie führt. Die prä-kapilläre und die post-kapilläre PH werden unterschieden aufgrund des mittleren pulmonalarteriellen Wedge Druckes (PAWP) und des pulmonalvaskulären Widerstands (PVR) gemessen mittels Wood Units (PVR in WU= mittlerer pulmonaler Druck – PAWP geteilt durch das Herzzeitminutenvolumen). Beträgt der PAWP ≤15 mmHg und der PVR >2 Woods Units handelt es sich um eine präkapilläre PH. Beträgt der PAWP >15 mmHg und der PVR ≤2 Wood Units, so liegt eine post-kapilläre PH vor. Gegenüber 2015 wird also der PVR wieder zur Klassifikation der PH verwendet. Hingegen ist die noch in den 2015 verwendete Identifizierung der reinen präkapillären PH mittels des diastolischen Druckgradienten (diastolischer pulmonal-arterieller Druck – mittlerer PAWP) von 7 mmHg fallen gelassen worden. Die kombinierte prä- und post-kapilläre pulmonale Hypertonie wird neu mit einem PVR von >2 WU definiert (Tab. 1). Wichtig ist zu bemerken, dass die neue Schwelle für die Definition einer PH die Empfehlungen für den Therapiebeginn nicht beeinflusst haben. Es gibt nämlich keine Evidenz für die Wirksamkeit einer spezifischen Therapie bei mPAP-Werten <25 mmHg.
Neu sind erstmals auch diagnostische Kriterien für die belastungsabhängige PH definiert worden. Es muss der mittlere PA-Druck (mPAP) und das Herzzeitminutenvolumen (HZV) in Ruhe und unter Belastung gemessen werden. Wenn der Anstieg des Quotienten mPAP/HZV von Ruhe zu Belastung >3 mmHg beträgt, spricht man von einer belastungsabhängigen pulmonalen Hypertonie. Praktisch bedeutet dies, dass bei vermuteter belastungsabhängiger PH ein Rechtsherzkatheter in Ruhe und unter Belastung durchgeführt werden muss. Das ist ein grosser Aufwand, aber dürfte insbesondere bei PatientInnen mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion hilfreich sein bei der Evaluation der Ursachen der Dyspnoe.
Klassifikation der pulmonalen Hypertonie
Die Grundstruktur der klinischen Klassifikation der PH in fünf Gruppen wurde beibehalten (Tab. 2). Mit Abstand am häufigsten wird die PH durch eine Linksherzinsuffizienz verursacht, gefolgt von der PH assoziiert mit Lungenkrankheiten. Alle anderen Ätiologien sind selten. Bei der Gruppe 1, dh. der pulmonal-arteriellen Hypertonie wird bei der Untergruppe idiopathische pulmonal-arterielle Hypertonie neu unterschieden zwischen «Responders» und der «Non-responders» aufgrund der Testung der Vasoreaktivität. «Responders» können initial mit Kalziumanatagonisten behandelt werden und haben eine etwas bessere Prognose. Des Weiteren wurde die veno-okklusive Ätiologie neu der pulmonal-arteriellen Hypertonie (Gruppe 1) als Untergruppe zugeteilt.
Diagnostische Abklärung
a. Verdachtsdiagnose und allgemeines Vorgehen
Die Empfehlungen für die Abklärung bei Verdacht auf eine PH sind vollkommen neu strukturiert worden und folgen dem in der klinischen Praxis gängigen Patientenpfad. Die Empfehlungen stellen die Echokardiografie ganz in den Vordergrund der Abklärung. Bei Patienten mit Dyspnoe sollte der erstuntersuchende Arzt an eine PH als seltene Ursache der Dyspnoe denken (Abb. 1). Bei Verdacht auf eine PH soll, wie bei Verdacht auf eine kardial bedingte Dyspnoe, der Patient dem Kardiologen für eine Echokardiografie zugewiesen werden. Ergibt die Echokardiografie die mögliche oder wahrscheinliche Diagnose einer PH soll eine umfassende Abklärung, die alle Spezialuntersuchungen, welche zur Evaluation der Ätiologie nötig sind, erfolgen. In den allermeisten Fällen gehört zur Sicherung der Diagnose auch eine invasive Messung der Hämodynamik im Rechtsherzkatheter. Ebenfalls soll bei Patienten, bei denen eine pulmonale Krankheit als Ursache der Dyspnoe vermutet wurde, einer Echokardiografie durchgeführt werden. Umgekehrt sollen Patienten, bei denen aufgrund der Echokardiografie die Wahrscheinlichkeit für eine PH tief ist, den Pneumologen zur weiteren Abklärung überwiesen werden (Abb. 1, Tab. 4). Die chronische thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) soll frühzeitig gesucht werden, mit einem Perfusionsbild, z.B. V/Q Szintigraphie, SPECT-CT oder CT-Thorax mit i.v. Kontrastmittel und Dual-Energy Protokoll. Risikofaktoren für eine CTEPH sind Lungenembolie oder Thrombose in der Vorgeschichte, Tumorerkrankung, Splenektomie und hämatologische Erkrankungen.
b. Abklärung mittels Echokardiografie
Es gibt aufgrund der multiplen Ätiologien für eine PH keinen einzelnen echokardiografischen Parameter, aufgrund dessen die Diagnose einer PH zweifelsfrei gestellt werden kann. Vielmehr erlaubt die Echokardiografie mittels Messen der Flussgeschwindigkeit des trikuspidalen Regurgitationsjets (TVR) und einer sorgfältigen Suche der indirekten Zeichen einer PH die Wahrscheinlichkeit der Diagnose PH anzugeben (Tab. 4 und 5). Geschwindigkeiten <2,8 m/s sprechen gegen und Geschwindigkeiten >3,4 m/s für das Vorliegen einer PH (Tab. 4). Aus der TVR lässt sich der systolische pulmonale Druck abschätzen (TVR2x4). Dazu müsste aber der rechts-atriale Füllungsdruck bekannt sein, respektive abgeschätzt werden. Da die Abschätzung des Füllungsdrucks sehr variable Werte ergibt, empfehlen die Guidelines, dass nicht der geschätzte systolische Pulmonaldruck, sondern alleine die Geschwindigkeit des TVR zur Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer PH verwendet wird.
Zusätzlich zur Flussgeschwindigkeit des TVR Jets geben die indirekten Zeichen für eine PH Hinweise für die Wahrscheinlichkeit einer PH. Neu wird die Bewegung des Trikuspidalanulus als Mass für die Kontraktion des rechten Ventrikels, als indirektes Zeichen in die Empfehlungen aufgenommen. Dabei wird die tricuspidal anulus plane systolic excursion (TAPSE) gemessen und dem systolischen Pulmonaldruck gegenübergestellt. Wenn das Verhältnis TAPSE/sPAP <0.55mm/mm beträgt, spricht das für das Vorliegen einer PH (Tab. 5).
Zu beachten ist, dass, im Gegensatz zur hämodynamischen Neudefinition der PH aufgrund der invasiven Messung (mPAP >20 mmHg), der Wert von >2.8 m/s der TVR als Schwelle für die Verdachtsdiagnose für eine PH nicht verändert wurde. Es hat sich nämlich gezeigt, dass eine TVR >2.8 m/s bei 25%-35% der Allgemeinpopulation und bei >45% der aus klinischen Indikationen durchgeführten Echokardiografien vorliegt (3). Die leicht erhöhten pulmonal-arteriellen Drücke werden durch erhöhte links-atriale Füllungsdrücke, Steifigkeit der Pulmonalarterien, und Remodeling der Pulmonalgefässe, wie sie insbedondere im Alter, bei Frauen und bei metabolischen Krankheiten vorkommen, verursacht (3). Der systolische Pulmonaldruck steigt mit dem Alter an und Werte bis 36 mmHg (dh. eine TVR bis 3 m/s) sind bei Personen >60 Jahre normal (4).
c. Bestätigung mittels Rechtsherzkatheter
Die Rechtsherzkatheteruntersuchung bleibt der Goldstandard für die Diagnose und Klassifikation der PH (Tab. 1). Wenn mittels Echokardiografie die Verdachtsdiganose einer PH gestellt ist, sollte eine Rechtsherzkatheruntersuchung an einem Zentrum durchgeführt werden. Die invasive Untersuchung muss eine sorgfältige Messung der Hämodynamik und der Sättigungen im pulmonalen und systemischen Kreislauf beinhalten. Eine Prüfung der Vasoreaktivität ist nur bei Patienten mit pulmonal-arterieller Hypertonie (Gruppe 1) angezeigt, um diejenigen Patienten zu finden, welche mittels Kalziumantagonisten behandelt werden können. Bei den anderen Ätiologien ist eine Vasoreaktivität nicht zu erwarten und hätte keine therapeutischen Konsequenzen. Bei Patienten mit Dyspnoe und Verdacht auf eine PH aber normaler Hämodynamik in Ruhe empfehlen die Guidelines neu eine Rechtsherzuntersuchung unter Belastung durchzuführen. Dies wird am ehesten bei Patienten mit einer Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion hilfreich sein. Eine Rechtsherzuntersuchung unter Belastung kann auch prognostische und funktionelle Informationen bei Patienten mit Verdacht auf eine pulmonal-arterielle Hypertonie (Gruppe 1) oder bei der CTEPH liefern.
Risikostratifikation
Einhergehend mit der Diagnosestellung in der Spezialsprechstunde für PH muss die Ätiologie durch verschiedene Spezialuntersuchungen eruiert werden. Im Anschluss daran soll eine Risikostratifizierung erfolgen (Tab. 3). Die Risikostratifizierung ist in den neuen Guidelines verfeinert und ausgedehnt worden. Diese Risikostratifizierung ist gut validiert für Patienten mit pulmonal-arterieller Hypertonie (Gruppe 1). Für die anderen Ätiologie besteht keine vergleichbare zuverlässige Risikoabschätzung. Es wird zwischen einem tiefen (Mortalitätsrisiko innerhalb eines Jahres <5%), einem mittleren (Mortalitätsrisiko 5-20%) und einem hohen Risiko (Mortalität >20% innert einem Jahr) unterschieden. Neben den klinischen Symptomen und Zeichen wird das Risiko mittels der funktionellen Tests (6-Minuten-Gehtest, Spiroergometrie), dem natriuretischen Peptid, der invasiv gemessenen Hämodynamik und neu auch mittels der Befunde im MRI festgelegt. Von den echokardiografischen Parametern (5) werden neu auch die Werte der systolischen Auslenkung des Trikuspidalanulus (TAPSE) einbezogen. Das Risiko an der PH zu versterben, bestimmt die Intensität der initialen Behandlung.
Behandlung
Die Behandlung der PH richtet sich nach deren Ätiologie (Tab. 2). Für die Patienten mit pulmonal-arterieller Hypertonie der Gruppe 1 (idiopathische PH, vererbte PH, PH assoziiert mit Medikamenten, Drogen, anderen Krankheiten) stehen die spezifischen vasodilatierenden Medikamente, welche über die Endothelin, die NO oder die Prostazyklin vermittelte Vasodilatation wirken, zur Verfügung. Neu wird die Therapie aufgrund des Vorliegens von anderen kardiopulmonalen Komorbiditäten modifiziert. Wenn andere kardiopulmonale Erkrankungen vorliegen, wird primär eine Monotherapie eingesetzt, wenn nicht, wird empfohlen die PH-Medikamente von Anfang an in einer Zweierkombination zu verabreichen. Beim Vorliegen eines hohen Risikos soll rasch eine Dreiertherapie begonnen werden (mit zusätzlich i.v. oder subkutan Prostazyklin Analogen). Nach 3-6 Monaten soll die Therapie überprüft und angepasst werden aufgrund einer neuen Risikoevaluation, welche die Veränderung der Dyspnoe, des 6-Minuten-Gehtests und des natriuretischen Peptids beinhaltet.
Eine orale Antikoagulation wird nicht mehr generell empfohlen. Die diuretische Therapie spielt eine wichtige Rolle in der Rechtsherzinsuffizienz, welche mit einer Hypervolämie, reduzierter renaler Durchblutung und der Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron Systems assoziiert ist. Dabei können die Schleifendiuretika gut mit anderen Diuretika, insbesondere Spironolactone kombiniert werden. Die chronische Hypoxämie verschlechtert die PH durch die zusätzliche hypoxische Vasokonstriktion. Deshalb wird eine Dauersauerstoffstherapie bereits bei einem PaO2 von <8 kPa empfohlen.
Die Empfehlungen bei Patienten mit CTEPH folgen den Entwicklungen der interventionellen und medikamentösen Therapien. Bei diesen Patienten ist eine lebenslange Antikoagulation nötig. Eine Beurteilung der Operabilität und Empfehlung für die Therapie soll im Rahmen einer interdisziplinären Besprechung stattfinden, in der Schweiz wurde vor mehreren Jahren ein nationales CTEPH Board eingeführt, welches online monatlich die Fälle diskutiert.
Wenn der Patient operabel ist, dann soll er im Hinblick auf eine pulmonale Endarteriektomie evaluiert werden. Eine solche ist möglich, wenn proximale fibrotische Obstruktionen vorliegen. Bei distalen fibrotischen Obstruktionen soll eine Ballonangioplastie der befallenen Pulmonalarterien evaluiert werden. Die Operation wird in Zürich (USZ) durchgeführt, die Ballonangioplastie in Genf (HUG), Bern (Inselspital) und Zürich (USZ).
Für Veränderungen im mikrovaskulären Bereich stehen die spezifischen vasodilatierenden Medikamente zur Verfügung. Die beste Evidenz hat Riociguat, das via Stimulation der löslichen Guanylatzyklase die NO vermittelte Vasodilatation fördert. Schwächere Evidenz hat der Endothelinantagonist Macitentan und wird deshalb erst konditionell als Erstmedikament empfohlen. Die medikamentöse Therapie wird multimodal eingesetzt mit der chirurgischen oder interventionellen Behandlung der CTEPH.
Bei allen anderen Formen der PH wird die Behandlung der Grundkrankheit ohne Einsatz der vasodilatierenden Medikamente empfohlen. Einzig bei der schweren Form der PH aufgrund einer Lungenkrankheit empfehlen die Guidelines den vorsichtigen Einsatz spezifischer Medikamente, am besten im Rahmen von klinischen Studien. Es ist allerding anzumerken, dass in der klinischen Praxis sich zunehmend ältere Patienten (>70 Jahre) mit PH präsentieren. Bei ihnen ist oft eine genaue Unterscheidung in eine ätiologische Gruppe nicht möglich, wie zum Beispiel bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit gemischt prä- und postkapillärer Hypertonie. Evidenz für einen Nutzen der PH-Medikamente bei solchen Patienten fehlen und wir müssen entsprechende Studien abwarten. Dies gilt insbesondere für die grösste Patientengruppe mit PH assoziiert mit Linksherzinsuffizienz. Bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion hat sich Sildenafil jedenfalls als nicht hilfreich erwiesen (5). Bei Patienten mit Herzinsuffizienz bleibt die Guideline empfohlene Herzinsuffizientherapie die optimale Behandlung.
Stadtspital Zürich Triemli
Klinik für Kardiologie
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich
franz.eberli@triemli.zuerich.ch
Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Die neue hämodynamische Definition setzt den mittleren pulmonalen Druck (mPAP) auf > 20mmHg als Definition der pulmonalen Hypertonie (PH).
◆ Die echokardiographische Messung der Flussgeschwindigkeit des trikuspidalen Regurgitationsjets (TVR) und die Suche der indirekten Zeichen einer PH ergibt die Wahrscheinlichkeit der Diagnose PH und die Notwendigkeit für weitere Abklärungen (insbesondere pneumologische) und die Durchführung einer Rechtsherzkatheteruntersuchung.
◆ Die Bestätigung der PH erfolgt mit der Rechtsherzkatheteruntersuchung. Die spezifische PH-Therapie wird nur bei der PH Gruppe 1 und 4 eingesetzt und folgt einem komplexen Algorithmus mit regelmässigen Reevaluationen.
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Die Zusammensetzung der Reiseapotheke ist abhängig vom Reiseziel, der Reiseart und der reisenden Person. Neben einer allfällig vorbestehenden Medikation inkl. der ggf. erforderlichen Bescheinigung sollte sie verschiedene Medikamente und Mate-rialien enthalten, die während einer Reise zum Einsatz kommen könnten. Dazu gehören ein guter Mückenschutz, prophylaktische Medikamente (z.B. gegen Malaria), Therapien für gängige wie auch reisespezifische Erkrankungen sowie Materialien und Utensilien für den Notfall. Die Reiseapotheke wird während der Reiseberatung zusammen mit der reisenden Person besprochen und an die geplante Reise angepasst.
The composition of the travel pharmacy-kit depends on the journey type and destination, as well as on the travelling person. Alongside eventually pre-existing medications and necessary medical certificates, the pharmacy-kit should include medications and products that may be needed during the journey. This includes products for effective vector-control, chemoprophylaxis (e.g. against Malaria), medications for the treatment of common as well as travel-specific diseases and instruments and materials for the first-aid. The composition of the travel pharmacy-kit is discussed during the travel medicine consultation and should be tailored to the planned journey. Key Words: travel, travel pharmacy-kit, malaria
Die Reiseapotheke gehört zu jeder Reise dazu. Ihre Zusammensetzung kann jedoch variieren, abhängig von der Reise (Ziel, Dauer und Art) und der reisenden Person (Alter, Vorerkrankungen, Allergien). Nach einer Abnahme während der COVID-19-Pandemie ist die Anzahl der Reisenden 2022 international wieder auf insgesamt 900 Millionen angestiegen (1). Auch ältere Personen mit entsprechenden chronischen Vorerkrankungen reisen häufiger als früher und haben ein höheres Risiko, während der Reise zu erkranken. Hausärztinnen und Hausärzte werden somit oft nach Empfehlungen für die Reiseapotheke gefragt. Der vorliegende Artikel fasst zusammen, welche Medikamente und Produkte in eine gute Reiseapotheke gehören und erörtert die wichtigsten Indikationen und Besonderheiten. Für bestimmte Zielgruppen, wie z.B. Schwangere, Kinder, ältere Personen und Personen mit chronischen Erkrankungen, sind diese Überlegungen besonders wichtig. Es gelten einige allgemeine Empfehlungen: Die Reiseapotheke gehört ins Handgepäck, damit sie während der Reise nicht verloren gehen kann. Sie soll vor jeder Reise auf Vollständigkeit und Ablaufdaten überprüft werden. Der Inhalt der Reiseapotheke wird im Artikel nach den wichtigsten Kategorien geordnet. Mit den folgenden Tipps können die meisten Fragen der Reisenden beantwortet werden. In komplexen Fällen empfiehlt sich die individuelle Beratung in einer spezialisierten reisemedizinischen Sprechstunde.
Vorbestehende Medikation
Personen, welche auf eine Dauermedikation und/oder Bedarfsmedikation angewiesen sind, müssen diese auch während der Reise zuverlässig einnehmen können. Es wird empfohlen, die entsprechende Menge an Medikamenten für die Dauer der Reise plus eine zusätzliche kleinere Menge als Notvorrat mitzunehmen. Dabei sollten die Medikamente zwischen dem Handgepäck und dem grösseren Gepäck aufgeteilt werden, als Back-up bei Verlust eines Gepäckstücks. Für das Mitführen von Arzneimitteln mit kontrollierten Substanzen oder grösseren Mengen verschreibungspflichtiger Medikamente wird je nach Land ein ärztliches Zeugnis benötigt. Insbesondere Reisenden unter Antikoagulation, mit insulinpflichtigem Diabetes mellitus oder Epilepsie wird empfohlen, einen entsprechenden Ausweis mitzunehmen. Spezielle Therapien und ihre Anpassung während der Reise sollten Patienten vorgängig mit der jeweiligen ärztlichen Fachperson besprechen.
Insektenschutz
In tropischen und subtropischen Ländern können eine Vielzahl von Infektionskrankheiten durch Insekten übertragen werden, wie z.B. Malaria und Dengue-Fieber. Mit den richtigen Schutzmassnahmen kann das Risiko von Insekten-übertragenen Erkrankungen minimiert werden. Repellentien (so genannte «Mückensprays») werden auf die unbedeckte Haut aufgetragen. Wirksame Repellentien enthalten beispielsweise den Wirkstoff DEET (Diethyltoluamid), in einer Konzentration von circa 30% (z.B. Anti Brumm® forte, Kik Active®, Nobite Extreme®) (2). DEET-basierte Repellentien gehören zu den bestuntersuchten und wirksamsten Insektenschutzmitteln und können auch für Kinder ab 2 Monaten sowie bei Schwangeren benutzt werden (3). Alternativ kommen Mittel mit den Wirkstoffen Icaridin (z.B. Bayrepel®, Anti Brumm® Kids sensitive) oder EBAAP® (Ethyl-Butylacetylaminopropionate) in Frage. Die Wirkdauer dieser Repellentien hängt von der Wirkstoffkonzentration sowie individuellen Faktoren wie Schwitzen oder Abrieb ab. Unter tropischen Bedingungen ist von einer Schutzdauer von 2-4 Stunden auszugehen. Repellentien werden durch die Haut aufgenommen, entsprechend sind Ganzkörperanwendungen nicht empfohlen (nur exponierte Stellen, kombiniert mit langer Kleidung). Hände und Gesicht sollten ausgespart werden, insbesondere bei Kindern, um eine orale Aufnahme möglichst zu vermeiden. Insektizide, die auf Textilien aufgetragen werden, bieten einen zusätzlichen Schutz. Sie enthalten meistens Permethrin oder Pyrethrum (z.B. Nobite textile®, KIK Textile®) und können für die Imprägnierung von Kleidern und Moskitonetzen verwendet werden.
Malaria-Medikamente
1. Malaria-Prophylaxe
Bei Reisen in Hochrisiko-Gebiete für Malaria ist zusätzlich zum Insektenschutz eine medikamentöse Prophylaxe empfohlen. Verschiedene Optionen stehen zur Verfügung (Tab. 1). Das am häufigsten verwendete Medikament ist Atovaquon/Proguanil (Malarone®). Es eignet sich für die meisten Reisenden, wird täglich eingenommen und hat ein günstiges Nebenwirkungsprofil. Für eine optimale Verträglichkeit sollte es mit dem Essen eingenommen werden. Aufgrund fehlender Daten ist Malarone für Schwangere, Kinder unter 5 kg Körpergewicht und während der Stillzeit nicht empfohlen.
Mefloquin (Mephaquin®) hat eine vergleichbare Wirksamkeit wie Atovaquon/Proguanil (Malarone®) und wird aufgrund der Einnahme-Modalitäten (1 x wöchentlich, teil- und mörserbar) oft als Alternative bei Kindern und für längere Aufenthalte in Hochrisikogebieten bevorzugt. Zu den potentiellen Nebenwirkungen gehören Nausea, Dyspepsie, Schwindel und seltener das Auftreten von psychischen Veränderungen wie Insomnie, Konzentrationsstörung und Stimmungsschwankungen. In sehr seltenen Fällen kann es zu Angststörungen, Depression, Krampfanfällen und Psychosen kommen. Aus diesem Grund ist die Einnahme von Mefloquin bei Personen mit vorbekannten psychischen Problemen nicht empfohlen. Bei Kindern ist die Nebenwirkungshäufigkeit geringer als bei Erwachsenen. Die meisten Nebenwirkungen, die zu einem Abbruch der Prophylaxe führen, treten innerhalb der ersten zwei bis drei Gaben auf (4). Es wird empfohlen, die Einnahme 2-3 Wochen vor Abreise zu beginnen, sodass die Toleranz des Medikamentes getestet werden kann, um das Präparat gegebenenfalls vor Abreise noch austauschen zu können. Mefloquin ist als Prophylaxe auch die erste Wahl während der Schwangerschaft.
Doxycyclin stellt eine weitere Option für die Malaria-Prophylaxe dar, wobei die Photosensibilisierung zu den häufigen Nebenwirkungen zählt. Dies macht gerade in tropischen Ländern einen sehr gewissenhaften Sonnenschutz notwendig. Frauen sollten zudem informiert werden, dass Doxycyclin mit einem erhöhten Risiko für Candida-Vulvovaginitis assoziiert ist.
2. Notfallmässige Malaria-Selbstbehandlung
Die Indikation für die Mitnahme einer sogenannten notfallmässigen Selbstbehandlung für Reisen in Gebieten mit geringem Malariarisiko wurde in den letzten Jahren eingegrenzt (5). Da sich die medizinische Infrastruktur in den Reiseländern deutlich verbessert hat, ist eine zeitnahe Malariadiagnostik und -therapie in den allermeisten Fällen gut erreichbar. Daten weisen zudem darauf hin, dass die Notfall-Einnahme nur von einem sehr kleinen Anteil der Reisenden korrekt umgesetzt wurde (6). Die Mitnahme von Notfallmedikamenten wird daher nur noch in speziellen Risikosituationen empfohlen, zum Beispiel bei Reisen in entlegene ländliche Gebiete, wenn eine medizinische Einrichtung nicht innerhalb von 48 Stunden erreichbar ist. Unabhängig von den verfügbaren medikamentösen Strategien ist es wichtig, allen Reisenden in Malaria-Risikogebiete das Bewusstsein für das Malariarisiko und die Wichtigkeit eines optimalen Mückenschutzes zu vermitteln. Bei Auftreten von Fieber während oder auch erst Monate nach einer Reise, muss an eine Malaria gedacht werden.
Diarrhoe
Die akute Reisediarrhoe gehört zu den häufigsten Krankheiten bei Reisenden (7). Die Symptomatik ist in den meisten Fällen nach wenigen Tagen selbstlimitierend, sodass eine spezifische Behandlung mit Antibiotika in der Regel nicht indiziert ist. Eine adäquate Flüssigkeitszufuhr mit Elektrolytsubstitution ist die wichtigste Massnahme. Dafür können vorgefertigte Elektrolytlösungen wie z.B. Normolytoral® benutzt werden, insbesondere bei Kindern. Darmmotilitätshemmer wie Loperamid (z.B. Imodium®) können bei fehlenden Warnzeichen (Fieber, Dysenterie) bei Erwachsenen und bei Kindern ab 6 Jahren eingesetzt werden.
Fieber/Schmerzen
Zur analgetischen und antipyretischen Therapie auf Reisen ist Paracetamol (z.B. Dafalgan®) zu bevorzugen. Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin®) oder andere nicht-steroidale antiinflammatorische Medikamente (NSAR) sollten vermieden werden, da dadurch das Risiko von Blutungskomplikationen im Fall einer Dengue-Virus-Infektion erhöht wird (8). Bei Kindern ist die gewichtsadaptierte Dosierung von Paracetamol und die orale Einnahme zu beachten. Suppositorien sind ungeeignet, da sie bei warmen Temperaturen schmelzen und dann nicht mehr verabreicht werden können. Ein Fieberthermometer ist ein wichtiges Utensil in jeder Reiseapotheke, da, wie schon beschrieben, bei Fieber sofort eine Malariadiagnostik in die Wege geleitet werden sollte.
Verschiedenes
Weitere Medikamente und Produkte, die während einer Reise hilfreich sein können, finden sich in Tabelle 2. Bei komplexen Reisesituationen empfiehlt sich eine individuelle Beratung in einer reisemedizinischen Sprechstunde. Weitere hilfreiche Tipps und länderspezifische Informationen finden Sie auf www.healthytravel.ch.
Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG
Simone Toppino
Reisemedizin, Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen
Dr. med. Anita Niederer
Reisemedizin, Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen
Dr. med. Sabine Haller
Reisemedizin, Klinik für Infektiologie/Spitalhygiene
Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen
Die Autorinnen/der Autor haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Im Falle einer vorbestehenden Medikation können je nach Reiseziel eine Anpassung, ein Zollformular oder ein Ausweis notwendig sein.
◆ Repellentien (z.B. DEET-, Icaridin- oder EBAAP®-basiert) und Insektizide (z.B. Permethrin) sind die wichtigsten Produkte für den Insektenschutz.
◆ Atovaquon/Proguanil, Mefloquin und Doxycyclin sind Medikamente
für die Malaria-Prophylaxe. Die Wahl hängt von der Reise (Ziel, Art, Dauer), der reisenden Person, und dem Nebenwirkungsprofil ab. Die notfallmässige Selbstbehandlung ist selten indiziert.
◆ Die Reisediarrhoe benötigt in der Regel keine Antibiotika, sondern eine symptomatische Therapie (Elektrolytlösung, Loperamid).
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