Sarkome sind sehr seltene, bösartige Tumoren des Stütz- oder Bindegewebes. In der Schweiz werden jährlich ca. 300 Weichteilsarkome und 100 Knochensarkome diagnostiziert. Obwohl das Wissen über Sarkome in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat, ist die Prognose für die Betroffenen nach wie vor schlecht. Entscheidend für die Heilungssausichten sind die Vorstellung an einem interdisziplinären Sarkomboard und die Operation in einem Referenzzentrum. Um die Versorgungsqualität zu verbessern, ist eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen medizinischen Onkologen mit Sarkom-Schwerpunkt anzustreben. In diesem Artikel soll ein Blick auf die Betreuungssituation in der Schweiz, sowie in der französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes geworfen werden.
Sarcomas are very rare, malignant tumors of the supporting or connective tissue. In Switzerland, approximately 300 soft tissue sarcomas and 100 bone sarcomas are diagnosed annually. Although knowledge about sarcomas has increased significantly in recent years, the prognosis for those affected is still poor. Presentation to an interdisciplinary sarcoma board and surgery at a referral center are crucial for cure prospects. To improve the quality of care, constructive collaboration among medical oncologists with a sarcoma focus is desirable. This article will take a look at the care situation in Switzerland, as well as in the French region Auvergne-Rhône-Alpes. Key Words: sarcomas, sarcoma board, tumors, whoops lesions
Sarkome sind sehr seltene Tumoren des Stützgewebes und des Bewegungsapparats. In Europa beträgt die Sarkom Inzidenz 4-9/100’000/Jahr (1). Somit werden in der Schweiz mit derzeit 8.7 Millionen Einwohnern jährlich ca. 300 Weichteilsarkome und 100 Knochensarkome diagnostiziert (2). Zur Seltenheit von Sarkomen kommt hinzu, dass in der 2020 publizierten WHO-Klassifikation ca. 150 Sarkom Subtypen Erwähnung finden, viele sind also ultrarare Tumoren gemäss Definition der WHO (3, 4). Es ist für alle Beteiligten im Gesundheitswesen eine Seltenheit, Patienten mit einem Sarkom zu begegnen. Die Prognose von Sarkomen ist schlecht: die 5-Jahres Mortalität liegt bei 35-40% (5, 6, 7). Tumoren mit lokal aggressivem Verhalten können ausserdem zu einer relevanten Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.
Zwar haben die diagnostische Sicherheit und das Wissen über die Molekularbiologie der Sarkome in den letzten Jahren deutlich zugenommen (8), diese übersetzen sich jedoch noch nicht in bessere Heilungsraten und damit eine wesentliche Verbesserung der Prognose.
Seit langem ist klar und auch mittlerweile wissenschaftlich gut belegt, dass die ersten Schritte bei der Diagnosestellung und Behandlung – Vorstellung an einem interdisziplinären Sarkomboard und Operation in einem Referenzzentrum – entscheidend sind für:
Heilungsaussichten,
Funktionelles Ergebnis,
Verhinderung wiederholter Eingriffe (welche Patienten und Gesundheitswesen belasten),
Vermeidung von Komplikationen (9, 10).
Trotz dieses Wissens gelingt es nicht, die Rate ungeplanter Sarkom Resektionen (sogenannte Whoops Prozeduren) relevant zu reduzieren. Diese liegt seit Jahren international bei ca. 20 – 40% (11).
Sarkomboard
Schon beim Verdacht auf ein Sarkom, sollten Patienten an ein Zentrum mit einem speziellen Sarkomboard überwiesen werden. Diese Überweisung muss also vor einer Biopsie und vor einer Operation initiiert werden. Hierbei sind Grundversorger, niedergelassene Chirurgen und Orthopäden, jedoch auch Organspezialisten gefordert, denn Sarkome können überall im Körper auftreten.
Ein Sarkom sollte in Betracht gezogen werden bei:
Tumoren ≥3cm (12)
raschem Wachstum
Schmerzen
Eine wichtige Aufgabe des Sarkomboards ist die primäre Einschätzung eines pathologischen Weichteil- oder Knochenbefunds. Mit Hilfe der Anamnese und des Bildmaterials wird die Entscheidung zur Biopsie mit Festlegung des Biopsiewegs getroffen, alternativ zur primären Resektion oder auch Beobachtung. Nur ein Teil der besprochenen Patientenfälle erweist sich schlussendlich als Sarkom, daneben werden Lipome, Schwannome, Knochenzysten, Karzinom Metastasen, Lymphome etc. diagnostiziert.
Betreuungssituation in der Schweiz
Die Patientenorganisation Sarkom Schweiz weist auf ihrer Internetseite 11 Standorte für die Sarkom Behandlung in der Schweiz aus (13). Es gibt einen Zusammenschluss von Orthopäden, welche einen Schwerpunk bei der Behandlung und Erforschung von Sarkomen haben (14). Und es gibt das «Swiss Sarcoma Network», welches jedoch entgegen dem Namen nicht die gesamte Schweiz umfasst (15).
Die Betreuungslandschaft von Sarkomen in der Schweiz ist unübersichtlich und teilweise von Konkurrenz geprägt.
Bislang gibt es keine Regulierung bezüglich der Behandlung erwachsener Sarkom Patienten. Es wird jedoch die Aufnahme von Sarkom Operationen in die Liste der Hochspezialisierten Medizin erwartet, welche Leistungsaufträge für komplexe stationäre Interventionen erteilt (16). Damit kann ggf. sichergestellt werden, dass zukünftig nur noch erfahrene Chirurgen und Orthopäden Sarkome operieren und eine qualitätssichernde jährliche Fallzahl erreichen. Dem Umstand, dass die kritische Betreuungsphase von Sarkom Patienten bereits vor der Diagnosestellung beginnt, wird hiermit jedoch nicht Rechnung getragen.
Betreuungssituation in Auvergne-Rhône-Alpes
Es lohnt ein Blick über die Landesgrenze nach Frankreich. Dort wurde 2010 ein klinisches Referenznetzwerk für Sarkome gebildet (NetSarc), dieses umfasst 28 Referenzzentren für Weichteilsarkome und 14 für Knochensarkome (17). NetSarc ist um die Vereinheitlichung der Sarkom-Therapie bemüht, reguliert den Versand von Tumorgewebe an Referenz-Pathologie-Institute, führt ein Register, koordiniert Projekte und erleichtert die Teilnahme an klinischen Studien. Eines der NetSarc-Referenzzentren ist das Centre Léon Bérard in Lyon (18). Lyon mit 523’000 Einwohnern ist die Hauptstadt der Region Auvergne-Rhône-Alpes, in der etwas mehr als 8 Millionen Menschen leben (19). Das Sarkomboard des Centre Léon Bérard hat 2021 427 neue und insgesamt 2’683 Patienten diskutiert. Die Bewältigung dieser Fallzahlen ist durch Spezialisierung und Fokussierung möglich: mehrere Radiologen, Pathologen, medizinische Onkologen, Chirurgen, Orthopäden, Radioonkologen, spezialisierte Pflegefachpersonen und Forschungsteams widmen sich ganz der Sarkom Diagnostik und Behandlung. Es bedarf jedoch zudem der regionalen und überregionalen Zusammenarbeit, der Mitwirkung von Zuweisern und lokalen Fachpersonen des Gesundheitswesens.
Dr. Fadila Farsi, Direktorin des regionalen Krebsnetzwerks Auvergne-Rhône-Alpes ONCO AURA (20), nennt 6 Leitmotive:
Kultur
Überzeugung
Vertrauen
Transparenz
Expertise
Hingabe
Über Jahre ist eine Kooperation entstanden, welche die Versorgungsqualität in der Region verbessert hat und exemplarisch ist für andere französische Referenzzentren.
Sarcoma Medical Oncology Exchange
Auch in der Schweiz gelingt eine konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe medizinischer Onkologen mit Sarkom Schwerpunkt aus allen Landesteilen (Abb. 1, Tab. 1): jede Woche findet eine Online-Konferenz statt, in deren Rahmen Patientenfälle diskutiert, klinische Studien in den einzelnen Zentren ausgetauscht und gemeinsame Projekte besprochen werden. Dieser «Sarcoma Medical Oncology Exchange» ist ein offenes Format und lädt ein, Patienten vorzustellen oder über diese Plattform einem Sarkomzentrum zuzuweisen. Die involvierten medizinischen Onkologen sind auch bei der SAKK Sarcoma Working Group aktiv und bemüht, die klinische Studienaktivität auszubauen (21).
Perspektive
Eine unserer Ambitionen ist es, zukünftig Whoops-Prozeduren in der Schweiz durch Vigilanz von Grundversorgern, Chirurgen, Orthopäden und Organspezialisten zu vermeiden, und andrerseits die Leitmotive in der Zusammenarbeit unter Sarkom-Experten erkennbar werden zu lassen: Kultur, Überzeugung, Vertrauen, Transparenz, Expertise und Hingabe.
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PD Dr. med. Christian Rothermundt
Leitender Arzt / Leitung Ambulatorium St. Gallen & Rorschach
Kantonsspital St. Gallen
Klinik für Med. Onkologie/Hämatologie
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen
Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
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21. https://www.sakk.ch/de/krebsarten/sarkome-0
Die moderate regionale Hyperthermie wird in der Schweiz als Radiosensitizer in Kombination mit der Radiotherapie angewandt. Mit dem technologischen Fortschritt, zunehmender klinischer Evidenz sowie der erhöhten Nachfrage für Therapieoptionen bei Rezidivsituationen rückt sie erneut in den Fokus. In der Schweiz besteht seit 2017 eine Kostenübernahmepflicht für spezifische Indikationen. Die standardisierte, qualitativ hochstehende Anwendung der Hyperthermie wird durch das Schweizer Hyperthermie Netzwerk und das entsprechende, wöchentliche Hyperthermie-Tumorboard sichergestellt. Die erhöhte Nachfrage führte zu einer breiteren Verfügbarkeit der Hyperthermie in der Schweiz.
Moderate regional hyperthermia is concurrently applied with radiotherapy and thereby acts as a radiosensitizer. Due to advances in technology, increasing preclinical and clinical evidence and the increasing need for additional treatment options for cancer recurrences, hyperthermia is attracting interest in the oncologic society. Since 2017 granted reimbursement for several indications exists. Standardized and high-quality application of hyperthermia is ensured by the Swiss Hyperthermia Network and the corresponding weekly hyperthermia tumorboard. The increased demand for this treatment modality led to a broader availability of hyperthermia in Switzerland. Key Words: Moderate, regionale hyperthermia, Radiosensitizer, Radiotherapy, Swiss Hyperthermia Network
Die Applikation von Wärme im Bereich der Onkologie, zusammengefasst unter dem Begriff «thermal medicine», hält verstärkt Einzug in die onkologischen Therapiekombinationen. Mögliche Gründe sind die neuen technologischen Errungenschaften mit der Möglichkeit zur präziseren Anwendung und eine erhöhte Nachfrage für Therapieoptionen bei Rezidivsituationen. Dies spiegelt sich einerseits in einer vermehrten Anzahl an registrierten klinischen Studien wider. Beispielsweise haben wir 2015 im Studienregister «ClinicalTrials.gov» 23 registrierte Studien zur Evaluation der Hyperthermie (HT) analysiert (1), wobei das 5-Jahres-Update eine Verdoppelung mit 44 registrierten Studien (+95.6%) zeigt (2). Andererseits führte das steigende Interesse in der Schweiz zur Bildung des Schweizer Hyperthermie Netzwerks (SHN) (3) mit wachsender Anzahl an HT anbietenden Spitälern (4) (Abb. 1).
Bei der HT wird eine moderate Temperaturerhöhung von 39-43°C erzeugt und in enger zeitlicher Beziehung mit einer Radiotherapie (RT) oder Chemotherapie (ChT) angewendet. Sie wirkt nicht primär direkt zytotoxisch auf die Krebszellen, sondern sensibilisiert sie für die Angriffspunkte der RT- oder ChT (Radio-Sensitizer und Chemo-Sensitizer).
Die HT führt zu einer verbesserten Perfusion des Tumors mit besserer Oxygenierung des Gewebes und Reduktion der intrazellulären Azidose. Durch den Sauerstoffeffekt kann die in engem Zeitintervall mit der HT applizierte RT mehr DNA-Doppelstrangbrüche induzieren. Durch die temperaturabhängige Hemmung der DNA-Reparaturmechanismen (z.B. homologe Rekombination und nicht-homologe Rekombination) werden diese weniger effizient repariert. Diese stellen die Hauptmechanismen der HT-induzierten Radiosensibilisierung dar (5).
Wärme kann mit intrakavitärer, hyperthermer, lokaler ChT wie z.B. HIPEC oder von extern mittels radiativer, regionaler HT appliziert werden (6, 7). Die Überlegenheit der kombinierten RT+HT im Vergleich zur alleinigen RT wurde in randomisierten Phase-III-Studien insbesondere bei lokal fortgeschrittenen HNO-Tumoren, lokal fortgeschrittenen Zervixkarzinomen und Mammakarzinom-/Thoraxwandrezidiven gezeigt (8-10). Es änderte sich hingegen zeitgleich der Behandlungsstandard von alleiniger Radiotherapie zur kombinierten Radio-Chemotherapie, womit die Aussagekraft dieser Studien eingeschränkt wurde. Der konkomitierenden Chemotherapie mit ihrer wesentlich einfacheren Applikation und breiteren Verfügbarkeit wurde im klinischen Alltag trotz der höheren Toxizität den Vorzug gegeben. Im vorliegenden Artikel befassen wir uns ausschliesslich mit der regionalen HT, deren Geschichte und den häufigsten Indikationen hierzu in der Schweiz.
Geschichte und Entwicklung der regionalen Hyperthermie in der Schweiz
Die Radio-Onkologie des Kantonsspital Aarau gilt als Pionier der HT in der Schweiz. 1981 wurde das erste Oberflächenhyperthermie-Gerät (OHT) in Betrieb genommen, worauf 1988 ein Tiefenhyperthermie-Gerät (THT) und kurz darauf die erste HT-Publikation in der Schweiz folgte (11). Von 2004 an wurden die HT-Aktivitäten am Kantonsspital Aarau unterbrochen und die OHT ab 2005 an der Radio-Onkologie La Chaux-de-Fonds angeboten. Ab 2006 respektive ab 2010 wurde die OHT und THT am Kantonsspital Aarau wieder mit neuen Gerätschaften relanciert. Seit 2016 wird die OHT an der Radio-Onkologie Lindenhofspital Bern anstelle der Radio-Onkologie La Chaux-de-Fonds angeboten.
Für die HT in Kombination mit RT (RT+HT) musste vor jeder HT ein individuelles Kostenübernahmegesuch bei der Krankenkasse erfolgen. 2015 wurden Metaanalysen für die Indikationen Mammakarzinom (9), HNO Tumore (10) und das lokal fortgeschrittene Zervixkarzinom (12) erstellt, wobei sich ein signifikant besserer lokaler Effekt der Kombination HT+RT gegenüber der RT alleine, beim Zervixkarzinom zusätzlich ein Benefit im Gesamtüberleben zeigte.
Zur Vereinfachung der HT-Zuweisungen und Koordination von Forschungstätigkeiten wurde 2017 das Schweizer Hyperthermie Netzwerk (SHN) gegründet und die HT national organisiert. Dazu gehörte ein wöchentliches, virtuelles HT-Tumorboard. Zusätzlich kam es im selben Jahr zur Aufnahme von 4 OHT und 5 THT-Indikationen in den Pflichtleistungs-Katalog (OKP)(3). Bis zu diesem Zeitpunkt erfolgte noch keine erwähnenswerte Kooperation zwischen nationalen und internationalen HT-Gesellschaften. Dies änderte sich, als im November 2019 ein erstes Treffen des SHN, der Deutschen Hyperthermie-Gesellschaft sowie der European Society of Hyperthermia in Oncology (ESHO) zur Planung von gemeinsamen Studien und Förderprogrammen erfolgte. Ein Durchbruch gelang 2020, als das von den Niederlanden aus initiierte, internationale «HYPERBOOST» Projekt zur Förderung der Evidenzschaffung in der HT mit einem European Horizon 2020 Grant von 3.7 Mio Euro mit 14 PhD-Kandidaten ausgestattet wurde (13). Dieses Projekt erforscht die biologischen Aspekte der HT, entwickelt und validiert Therapieplanungs-Modelle und führt klinische Studien durch. Ab 2019 wurden die vier OHT-Indikationen definitiv in den Pflichtleistungskatalog aufgenommen, worauf dann 2021 auch zwei THT-Indikationen folgten. Zeitgleich wurden hingegen drei THT-Indikationen, namentlich Rektumkarzinom, Blasenkarzinom und Pankreaskarzinom, nicht mehr als Pflichtleistungen verlängert, da für diese Indikationen noch keine Level 1B Evidenz vorlag. Die Kostenübernahme der THT in Kombination mit RT muss für diese Indikationen erneut wieder per Kostengutsprachegesuch beantragt werden. Mittlerweile wurden aber insbesondere für die Behandlung des fortgeschrittenen Rektumkarzinoms zwei Phase-II-Studien publiziert (14, 15); eine nachfolgende internationale Phase-III-Studie ist in Planung. Die Nachfrage nach der regionalen HT in der Schweiz stieg, was sich in den aktuell vorhandenen 10 HT-Standorten in der Deutschschweiz, der Romandie und im Tessin zeigt. Die THT wird an 6 dieser Standorten angeboten (Abb. 2).
Eine Patterns-of-care Analyse der in der Zeitspanne von 2017 bis Mitte 2021 zur Evaluation einer RT+THT am Schweizer Hyperthermie Tumorboard vorgestellten und dann mit RT+THT behandelten Patienten zeigte über die Jahre eine leichte kontinuierliche Steigerung der Fallzahlen. Ca. 2/3 der Patienten wurden von externen Spitälern zur THT zugewiesen, wobei die häufigsten Indikationen Lokalrezidive mit Kompressionssymptomatik (20%), Rektum- (14.7%) und Blasenkarzinome (13.7%) waren.
Ca. 50% der Patienten wurden in kurativer Intention, 42% im Rahmen einer Re-Bestrahlung und 30% innerhalb oder analog eines laufenden Studienprotokolls behandelt (4).
Indikationen für eine kombinierte RT+HT
Die Effektivität der Kombination aus RT+HT wurde in einer Tumorentitäten-übergreifenden Metaanalyse von 3400 Patienten in 38 randomisierten und nicht-randomisierten 2-Arm Studien gezeigt. Die Kombination RT+HT führte dabei zu einer signifikanten Verbesserung der kompletten Ansprechrate um 15% (54.9% vs. 39.8% mit alleiniger RT; p < 0.001) ohne zusätzliche Grad 3-4 Nebenwirkungen (16).
Die kombinierte RT+HT ist somit insbesondere bei fortgeschrittenen Tumorsituationen, bei denen eine alleinige Radiotherapie wenig erfolgsversprechend ist, sinnvoll. Dies kann einerseits bei intrinsisch strahlenresistenten Tumoren wie z.B. Weichteilsarkomen sein oder in Situationen bei denen die benötigte RT-Dosis wegen angrenzenden gesunden Gewebe nicht appliziert werden kann; z.B. bei Re-Bestrahlungen oder wenn eine definitive RT mit dem Ziel des Organerhalts (z.B. tiefsitzendes Rektumkarzinom) notwendig ist.
Bei der Re-RT fördert die HT die Durchblutung des radiogen vorbelasteten und fibrosierten Gewebes und somit die lokale Verfügbarkeit von Sauerstoff (Reoxygenierung) (17).
In der Schweiz wird die moderate, regionale Hyperthermie meist mit elektromagnetischen Wellen gemäss den internationalen Richtlinien (18, 19) appliziert. Je nach Frequenz wird zwischen Radiofrequenz (3 Hz – 300 MHz), Mikrowellen (300 MHz – 300 GHz) und Infrarot (300 GHz – 430 THz) differenziert, welche sich insbesondere in der unterschiedlichen Eindringtiefe unterscheiden (6). Die radiativen und kapazitiven THT-Geräte verwenden eine Frequenz von 13.56 MHz, 70 MHz und 100-120 MHz und werden für Tumore in einer Tiefe von > 4 cm ab Körperoberfläche verwendet. Die radiativen OHT-Geräte verwenden 434 MHz und 915 MHz und können Tumore bis 4 cm ab Körperoberfläche erwärmen. Die OHT mit wasserfiltriertem Infrarotlicht (wIRA) kann grosse Hautoberflächen erwärmen (20), hat dabei aber eine eingeschränkte Eindringtiefe von ca. 1,5cm (21). Entsprechend der Flächen- und Tiefenausdehnung des Tumors wird die entsprechende HT-Technik am Schweizer Hyperthermie Tumorboard diskutiert.
In den Tabellen 1 und 2 sind die häufigsten Indikationen in der Schweiz für die Kombination RT+HT nach OHT und THT mit der entsprechenden Krankenkassen-Vergütung und entsprechenden Referenzen zusammengefasst.
Zusammenfassung und Diskussion
Unter Führung des Kantonsspitals Aarau konnte durch die strukturierte Zusammenstellung der Evidenz und die Bestrebungen einer nationalen Organisation im Rahmen des Schweizer Hyperthermie Netzwerks die Basis für eine strukturierte Anwendung der HT und Aufnahme einzelner Indikationen als Pflichtleistung in das OKP geschaffen werden. Das wöchentliche SHN-Tumorboard bildet die Grundlage für eine qualitativ hochwertige Indikationsstellung und anschliessende Durchführung der HT in der Schweiz (4). Diese Organisationsstruktur in der HT ist weltweit einzigartig und stellt einen Grund für die nun breitere lokale Verfügbarkeit dieser effektiven und zudem nebenwirkungsarmen onkologischen Therapieoption dar.
Dr. med. Emanuel Stutz 1* Dr. med. Markus Notter 2* Dr. med. Emsad Puric 3* Dr. med. Boris Hübenthal 4* Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold 1 Prof. Dr. med. Oliver Riesterer 3#
1 Universitätsklinik für Radio-Onkologie Inselspital, Universität Bern
2 Radio-Onkologie, Lindenhofspital, Bern
3 Radio-Onkologie-Zentrum KSA-KSB, Kantonsspital Aarau
4 Zentrum für Integrative Onkologie, Zürich
* SHN Vorstand
# SHN Präsident
Danksagung: Ein grosser Dank gebührt den Pionieren der Hyperthermie in der Schweiz, Dr. Markus Notter, Dr. Emsad Puric und Prof. Stephan Bodis, die mit ihrem visionären Ideen und deren praktischen Umsetzungen die Hyperthermie in der Schweiz entscheidend weitergebracht haben.
Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Emanuel Stutz
Oberarzt Radio-Onkologie
Universitätsklinik für Radio-Onkologie Inselspital
Freiburgstrasse
3010 Bern
emanuel.stutz@insel.ch
Prof. Dr. med. Oliver Riesterer
SHN Präsident
Radio-Onkologie-Zentrum KSA-KSB
Kantonsspital Aarau, Tellstrasse 25
5001 Aarau
Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Die konkomitierende, regionale Hyperthermie wirkt als Radiosensitizer und verbessert den Effekt der Radiotherapie
◆ Für spezifische Indikationen konnte dieser Effekt in randomisierten Studien nachgewiesen werden
◆ In der Schweiz wird die Hyperthermie bei verschiedenen Indikationen von den Krankenkassen bezahlt
◆ Aufgrund erhöhter Nachfrage wird die Hyperthermie nun an mehreren Standorten angeboten mit somit breiterer Verfügbarkeit in der Schweiz.
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Obwohl die Krebsinzidenz mit dem Alter zunimmt und ihren Höhepunkt erst nach dem 50. Lebensjahr erreicht, wird jedes Jahr auch bei Tausenden von jungen Frauen und Männern Krebs diagnostiziert (1). So wird allein in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) bei mehr als 70.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 39 Jahren ein Krebs diagnostiziert. Die Krebsinzidenz bei Kindern unter 15 Jahren beträgt ebenfalls etwa 10.000 Fälle pro Jahr (2). Moderne Krebsbehandlungen haben zu einer deutlichen Senkung der Sterblichkeit und dadurch indirekt auch zu einer Zunahme der unerwünschten Nebenwirkungen wie einer verminderten Fruchtbarkeit geführt.
Although cancer incidence increases with age, peaking after the age of 50, thousands of young women and men are also diagnosed with cancer each year (1). In the United States of America (USA) alone, more than 70,000 adolescents and young adults between the ages of 15 and 39 are diagnosed with cancer. The incidence of cancer in children under the age of 15 is also about 10,000 cases per year (2). Modern cancer treatments have led to a significant reduction in mortality, and thus indirectly to an increase in adverse side effects such as reduced fertility. Key Words: cancer incidence, modern cancer treatments, reduced fertility
In Kombination mit einem höheren Alter bei der Geburt ihrer Kinder nehmen immer mehr Krebsüberlebende fruchtbarkeitserhaltende Massnahmen in Anspruch, um später ihre Familie vervollständigen zu können (3).
Die Bedrohung oder Erfahrung einer behandlungsbedingten Unfruchtbarkeit kann zu einer psychischen Belastung führen. Viele Patienten sind zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose an der Aufrechterhaltung der Fruchtbarkeit und der zukünftigen Fortpflanzungsfähigkeit interessiert. Darüber hinaus können Bedenken hinsichtlich der gefährdeten Fruchtbarkeit auch ihre Behandlungsentscheidungen erheblich beeinflussen (4–6).
Nationale und internationale Leitlinien zeigen, dass Ärzte so früh wie möglich mit allen Patientinnen im gebärfähigen Alter ihr Risiko einer Unfruchtbarkeit aufgrund der Krankheit und/oder Behandlung und ihren Wunsch, nach einer Krebserkrankung Kinder zu bekommen, besprechen und die Patientin bei der fundierten Entscheidung zur Erhaltung der Fruchtbarkeit unterstützen sollten (7, 8). Wie von der American Society of Clinical Oncology (ASCO) und der European Society for Medical Oncology (ESMO) empfohlen, stellen heute die Kryokonservierung von Spermien/Eizellen und/oder Embryonen die beiden Standardstrategien zur Erhaltung der Fertilität bei männlichen bzw. weiblichen Patienten dar (9).
Behandlungskosten
Die Patientinnen und Patienten sollten darüber aufgeklärt werden, dass seit 01.07.2019 Behandlungen zum Erhalt der Fertilität gemäss dem Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) unter spezifischen Bedingungen vergütet werden (siehe Expertenbrief Nr. 59 der SGGG, Aktualisierung September 2020)). Der genaue Beitrag der Rückvergütung (CHF) aber ist noch in Diskussion.
Diese Übernahme der Kosten gilt unter folgenden Bedingungen:
bei postpubertären Jugendlichen (weiblich und männlich) sowie weiblichen und männlichen Erwachsenen bis zum vollendeten 40. Lebensjahr (d.h. bis zum letzten Tag vor dem 40. Geburtstag). Die Fertilitätserhaltung bei präpubertären Kindern wird nicht rückerstattet.
bei malignen Erkrankungen, die eine gonadotoxische Therapie erfordern, welche mit einem Risiko einer behandlungsinduzierten persistierenden Amenorrhoe/Azoospermie von über 20 % (d.h. mittleres bis hohes Risiko) einhergeht.
bei nicht-malignen Erkrankungen, die eine gonadotoxische Therapie erfordern, welche mit einem Risiko einer behandlungsinduzierten persistierenden Amenorrhoe/Azoospermie von über 20 % (d.h. mittleres bis hohes Risiko) einhergeht.
Bei Frauen und Männern, die eine Stammzelltransplantation erhalten.
Die Kosten folgender Behandlungen im Rahmen des Fertilitätserhaltes werden rückerstattet:
Frauen: Ovarielle Stimulation mit Oozytenentnahme und Kryokonservierung von unbefruchteten Oozyten. Resektion und Kryokonservierung von Ovarialgewebe, sowie spätere Retransplantation bei persistierender II° Amenorrhoe. Ovarielle Downregulation mit GnRH-Analoga.
Männer: Kryokonservierung von Spermien, testikuläre Spermienextraktion (TESE) und deren Kryokonservierung.
Lagerung: Die Lagerung von Keimzellen (Oozyten/Spermien) und Gonadengewebe wird für bis zu 5 Jahre übernommen. Bei persistierender Ovarialinsuffizienz/Azoospermie werden die Kosten für die Lagerung für weitere 5 Jahre übernommen. Die Kostenübernahme einer weiteren Depotverlängerung erfolgt nur bei weiter bestehender Ovarialinsuffizienz bzw. Azoospermie auf vorgängige besondere Gutsprache des Versicherers, der die Empfehlung des Vertrauensarztes oder der Vertrauensärztin berücksichtigt.
Fertilitätserhalt
Fertilitätserhaltende Massnahmen bei Frauen vor Krebstherapie
Die Inzidenz von Brustkrebs nimmt zwar vor allem mit dem Alter zu, doch ist er auch die am häufigsten diagnostizierte bösartige Erkrankung bei Frauen im gebärfähigen Alter. Frauen unter 45 Jahren erkranken in 10,5 % pro Jahr neu an Brustkrebs (12) (Abb. 1). Jüngere Frauen stellen sich häufiger mit einer aggressiveren Art des Brustkrebses vor, der eine gonadotoxische Chemotherapie und anschliessende endokrine Therapie beim Hormonrezeptor-positiven Brustkrebs erfordert, was die zukünftige Fertilität erheblich beeinträchtigen kann (13).
Während der Schwangerschaft ist die Diagnose Krebs eher ungewöhnlich. Brust-, Melanom- und Gebärmutterhalskrebs werden am häufigsten während der Schwangerschaft diagnostiziert, gefolgt von hämatologischen Malignomen (14, 15). Gewisse Studien deuten darauf hin, dass offensichtlich bei Frauen, die mittels ovariell stimulierenden Medikamenten gegen Unfruchtbarkeit behandelt werden, ein erhöhtes Risiko an Brustkrebs zu erkranken bestehen könnte (16–18). Demgegenüber aber steht eine Studie von Brinton et al. (19), die die Langzeitwirkung von den Medikamenten Clomifen oder Gonadotropinen untersuchte, welche zur ovariellen Stimulation verwendet werden. Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 30 Jahren entwickelten 749 von 9.892 Frauen (7.6%), die auf Unfruchtbarkeit untersucht wurden, Brustkrebs. Jegliche Anwendung von Clomifencitrat war nicht mit einem höheren Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, verbunden. Ein signifikant erhöhtes Risiko wurde jedoch bei Frauen beobachtet, die sowohl eine hohe kumulative Dosis als auch mehrere Stimulationszyklen erhielten. Dies steht einer generellen Wahrscheinlichkeit von 12.5% gegenüber, mit welcher eine Frau im Laufe ihres Lebens einen Brustkrebs entwickelt (58). Trotz dieser Resultate aus Studien mit Sterilitätspatientinnen, die sich einem In-vitro-Fertilisations-Verfahren (IVF) unterziehen, ist Vorsicht geboten, da es schwierig ist, das schlussendliche Brustkrebsrisiko in diesem Umfeld einzuschätzen. Ein erheblicher Anteil der Patientinnen mit einer Krebsdiagnose im gebärfähigen Alter (ca. 50 %) wünscht sich zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose eine Schwangerschaft. Krebsüberlebende haben jedoch aufgrund der zytotoxischen Therapie niedrigere Fruchtbarkeitsraten als die allgemeine Bevölkerung (20).
Dabei haben Brustkrebspatientinnen die niedrigste Schwangerschaftsrate unter den Krebsüberlebenden. Bei Ihnen ergibt sich eine um insgesamt 67% geringere Wahrscheinlichkeit, nach der Krebsbehandlung ein Kind zu bekommen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (21). Es zeigte sich jedoch auch, dass Brustkrebspatientinnen, die nach Diagnose und Behandlung schwanger wurden, ein um 41 % geringeres Sterberisiko hatten als Frauen, die nicht schwanger wurden (22). Zu den Hauptsorgen jüngerer Patientinnen im fortpflanzungsfähigen Alter nach einer Krebstherapie zählen auch mögliche Komplikationen für ihren Nachwuchs. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass sich die Ergebnisse von Neugeborenen sowohl bei männlichen wie auch bei weiblichen Überlebenden nach einer Krebsdiagnose nicht von den Ergebnissen der gesunden Bevölkerung unterscheiden (23, 24). Allerdings ist bei Patientinnen, die nach der Brustkrebsdiagnose schwanger wurden, eine hohe Rate von Schwangerschaftsabbrüchen zu beobachten (25). Ebenso konnte eine höhere Inzidenz von Geburtskomplikationen (z.B. Kaiserschnitt, Frühgeburt, Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht) bei Patientinnen nach einer Krebstherapie im Vergleich zu Kontrollen beobachtet werden. Bei Frauen, die sich einer Beckenbestrahlung unterziehen mussten, kann es zu Gebärmutterschäden mit einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten, Frühgeburten und niedrigem Geburtsgewicht kommen (26, 27). Krebsbehandlungen (Operation, Strahlentherapie, zytotoxische Chemotherapie und endokrine Therapie) können die männliche und weibliche Fertilität vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigen (8). Eine Operation kann einen direkten Einfluss auf die Fertilität haben und anatomische oder vaskuläre Probleme verursachen (z.B. retrograde Ejakulation oder beeinträchtigte Ejakulation, Veränderungen der Anatomie von Gebärmutter, Gebärmutterhals oder Vagina). Chemotherapie und Strahlentherapie haben eine direkte gonadotoxische Wirkung, indem sie bei der Frau die Ovarialfollikel und damit den ovariellen Reservepool zerstören und beim Mann die Anzahl, Beweglichkeit, Morphologie und DNA-Integrität der Spermien beeinträchtigen (28, 29). So ist die onkologische Beratung bezüglich Fruchtbarkeit stets von Frau zu Frau zu individualisieren und diese persönlich auf ihren Fall spezifisch zu beraten. Dabei ist auch zwischen dem absoluten Nutzen der vorgeschlagenen Krebstherapie und dem Risiko einer dauerhaften Unfruchtbarkeit abzuwägen (30). Die Wahrnehmung des Risikos für eine Kinderlosigkeit ist immer individuell und auch der eigene Wunsch der Frau ist zu berücksichtigen. Auch ist zu beachten, dass bei Behandlungen mit einer eigentlich nur geringen Gonadotoxizität (z.B. Doxorubicin, Bleomycin, Vinblastin, Dacarbazin bei Hodgkin-Lymphompatientinnen) die ovarielle Reserve je nach individueller Ausgangslage (weibliches Alter, Ovarielle Reserve) trotzdem reduziert und die Fertilität beeinträchtigt werden kann (31).
Möglichkeiten fertilitätserhaltender Massnahmen bei Frauen
In der 20. Woche der Embryogenese erreichen Frauen mit etwa sechs bis sieben Millionen potenziellen Eizellen, dem sogenannten Primordialfollikelpool, die maximale Anzahl von Keimzellen in ihren Genitalien. Im weiteren Verlauf kommt es zu einem stetigen atretischen Untergang von Eizellen, sodass bei Geburt noch gut eine Million und bei Eintritt der Pubertät noch ca. 400.000 Eizellen vorhanden sind. Diese Zahl an Eizellen, die sogenannte ovarielle Reserve, nimmt in der fruchtbaren Lebensphase der Frau weiter stetig ab und erreicht zum Zeitpunkt der Menopause, d.h. nach insgesamt ungefähr 450 monatlichen Ovulationszyklen und dem atretischen Zugrundegehen der allermeisten Eizellen, einen Wert von 0 bis 1.000 Eizellen (32). Die Erhaltung der ovariellen Reserve mit ihrer Hormonproduktion bei einer prämenopausalen Frau ist aber auch notwendig, um die allgemeine Gesundheit der Frau zu erhalten. Sie spielt nicht nur bei der Entwicklung der Eizelle im Rahmen der Fruchtbarkeit eine wichtige Rolle, sondern auch durch die Hormonproduktion in anderen Hormonsystemen wie dem Herz-Kreislauf-System und dem Knochenstoffwechsel. Der Grad der Erschöpfung der ovariellen Reserve und damit der Verlust der hormonellen Funktion, unterscheidet sich zwischen Chemotherapie und Strahlentherapie. Die Auswirkung einer Chemotherapie variiert je nach weiblichem Alter (je jünger die Frau, desto geringer das Risiko einer Ovarialinsuffizienz), dem verwendeten Chemotherapeutikum, der Dauer sowie Anzahl der Behandlungszyklen. Eizellen sind sehr empfindlich gegenüber Strahlen. Eine Strahlenbelastung von 20–30Gy im Bereich des Beckens oder eine Ganzkörperbestrahlung von 15Gy führen bereits zum kompletten Verlust der Ovarialfunktion (33). Mittels einer fertilitäterhaltenden Massnahme soll versucht werden, Eizellen/Ovarialgewebe vor einer Chemotherapie/Radiotherapie extrakorporell zu erhalten und sie nicht der zytotoxischen Therapie auszusetzen.
Kryokonservierung von befruchteten Eizellen. d.h. Embryonen
Die Kryokonservierung von Embryonen ist eine weit verbreitete und zuverlässige Methode. Frauen werden einer kontrollierten ovariellen Stimulation mit Gonadotropin-Injektionen unterzogen, um ein multifollikuläres Wachstum zu erreichen. Nach ca. 10 – 14 Tagen Stimulation erfolgt die Eizellentnahme mittels transvaginaler ultraschallgesteuerter Nadelaspiration und normalerweise unter Analgosedierung (10). Heutzutage werden die Eizellen im IVF-Labor grösstenteils unbefruchtet und denudiert vitrifiziert (Schock-Gefriemethode auf -196° in flüssigem Stickstoff). Eher selten und bei Wunsch des Paares kann bei stabiler Partnerschaft auf deren Wunsch auch eine Befruchtung (Fertilisierung wird nicht von der OKP übernommen) erfolgen, um die dann entstehenden Embryonen im Blastozystenstadium zu vitrifizieren (7, 32, 34). Eine hormonelle ovarielle Stimulation kann dabei zu jedem Zeitpunkt des weiblichen Zyklus erfolgen, sowohl in der frühen Follikelphase (32) als auch in der präovulatorischen oder lutealen Zyklusphase. Es gibt drei Hauptverfahren zur Kryokonservierung: langsames Einfrieren (slow freezing), ultraschnelles Einfrieren und Vitrifikation (7). Langsames Gefrieren beinhaltet eine schrittweise programmierte Temperaturabnahme, wobei ein Gefriergleichgewicht aufgrund des Austauschs der extra- und intrazellulären Flüssigkeiten erreicht wird, ohne bedeutende osmotische und zelluläre Deformationseffekte zu verursachen. Innerhalb der Eizelle können sich jedoch Eiskristalle bilden, die beim Auftau zur Lyse der Zelle führen können. Die Vitrifikation wandelt die Eizelle mit grossem Wassergehalt in feste glasähnliche Zellen um und vermeidet so die Bildung von Eiskristallen, sowohl intrazellulär als auch extrazellulär (7). Die Vitrifikation wird heutzutage als Standardmethode bevorzugt.
Kryokonservierung von unbefruchteten Eizellen
Als Alternative zur Kryokonservierung von Embryonen, ist diese Technik die heute bevorzugte Option für postpubertäre und jugendliche Frauen. Dank der Vitrifikation von unbefruchteten Eizellen können diese später ohne Lyse aufgetaut und mit dem zukünftigen Partner befruchtet werden. So kann sich die Frau ihre Fortpflanzungsautonomie für später bewahren. Eine solche ovarielle Stimulation ist jedoch nicht geeignet für Patienten, die eine sofortige Krebsbehandlung benötigen und somit die Zeit für die Stimulation fehlt, oder bei Frauen mit hormonsensitivem Krebsleiden, da hier ein fragliches Risiko durch die hormonelle Stimulation auf das Verhalten des Primärtumors bestehen könnte. Eizellen können als reife Eizellen oder auch als unreife Eizellen vitrifiziert werden. Unreife Eizellen sind eine mögliche Option für Frauen mit hormonsensitiven Krebserkrankungen, wo keine hormonelle Stimulation möglich ist. Dies ermöglicht eine sofortige Krebsbehandlung (7, 32) ohne Zeitverzögerung. Die Daten bezüglich der Schwangerschaftsraten mittels dieser unreifen Eizellen sind aber aufgrund fehlender Expertise und mangelhafter Technik sehr ernüchternd und die entsprechenden Schwangerschaftschancen sind sehr gering.
Kryokonservierung von Ovarialgewebe
Die Methode der Kryokonservierung von Eierstockgewebe zur späteren Retransplantation ist mittlerweile von einem experimentellen Stadium zu einem Standardprozedere geworden. Nach der S2-Richtlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) ist sie mittlerweile sogar eine etablierte Methode zur temporären Wiederherstellung der Fertilität nach einer Krebstherapie bei Frauen (7). Diese Methode kann unabhängig vom Zyklus sowie auch schon vor der Menarche bei präpubertären Mädchen durchgeführt werden. Eine relevante Verzögerung der Krebstherapie ist somit nicht nötig. Es ist jedoch zu bedenken, dass zur Entnahme des Ovarialgewebes eine Intubationsnarkose erforderlich ist und der allgemeinzustand der Frau diese erlauben muss. Eine grosse Sorge bei diesem Verfahren ist die Möglichkeit einer potentiellen Retransplantation karzinogener Zellen oder eine mögliche nachfolgende bösartige Transformation des Eierstockgewebes (7, 35). Das Risiko ovarieller Metastasen ist für keine Tumorentität auszuschliessen. Ein diesbezüglich bekanntes erhöhtes Risiko besteht bei Leukämien, Neuroblastomen, Burkitt-Lymphomen und malignen Ovarialtumoren (7).
Transposition der Ovarien
Die Zahl der Fälle von Gebärmutterhalskrebs bei jungen Frauen nimmt zu. Dies zeigen diverse Studien aus verschiedenen Nationen. So stieg die Inzidenz von Gebärmutterhalskrebs z.B. bei Frauen im Alter von 20–24 Jahren in Neuseeland in den Jahren von 1985 bis 2013 signifikant an (36). In Korea stiegen die Inzidenz- und Mortalitätsraten von Gebärmutterhalskrebs bei jungen Frauen unter 30 Jahren von 1993 bis 2012 signifikant an (37). Laut Statistiken aus dem Jahr 2010 traten in China fast 15,7 % der Fälle von Gebärmutterhalskrebs bei Frauen unter 40 Jahren auf (38). Bei Frauen, bei denen ein lokal fortgeschrittener Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wurde, beinhaltet die Standardbehandlung die gleichzeitige Strahlentherapie und Chemotherapie des Beckens. Die Bestrahlung des weiblichen Beckens kann in einem hohen Prozentsatz zu einem kompletten Versagen der Eierstockfunktion führen. Eine erloschene Ovarialfunktion kann nicht nur zu menopausalen Symptomen führen, sondern auch Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Urogenitalatrophie verursachen (39). Die ovarielle Transposition hat sich als gute Empfehlung für den Erhalt der Ovarialfunktion bei Patientinnen mit malignen Erkrankungen des Beckens vor Radiotherapie erwiesen. Zu den chirurgischen Ansätzen gehören die intra- und retroperitoneale Transposition auf oder lateral des Psoas-Muskels, die perkutane Nadeltransposition der Eierstöcke und die Exteriorisation in das subkutane Fettgewebe. Hier ist zu erwähnen, dass Ovarien und Tuben am Uterusansatz abgesetzt werden müssen. Nach einer späteren Ovar-Reposition müssen dann entweder die Tuben refertilisiert werden, um eine spontane Konzeption wieder zu ermöglichen, oder aber es muss eine IVF/ICSI-Therapie durchgeführt werden. Mittlerweile hat sich die Methode der ovariellen Transposition als eine zuverlässige Methode herausgestellt (40, 41). Die Methodik der ovariellen Transposition ist beschränkt auf junge Patientinnen mit operablen zervikalen Tumoren im Frühstadium, die eine primäre oder adjuvante Strahlentherapie benötigen. Sie kann zusätzlich bei ovariellen Dysgerminomen, Vaginalkarzinomen, aber auch nicht- gynäkologischen Malignomen wie Ependymome, Morbus Hodgkin, Sarkomen und Rektumkarzinomen durchgeführt werden (42).
Weitere Fertilitätsprotektive Massnahmen
Ein weiterer Ansatz zur Erhaltung der Fertilität besteht darin, die ovarielle Aktivität während einer onkologischen Behandlung durch die Gabe von möglicherweise protektiven Medikamenten zu schützen. Dies kann durch die Anwendung von Gonadotropin-Releasing-Hormone Agonisten (GnRHa), die optimal mind. 7 Tage vor Beginn der Chemotherapie verabreicht werden, versucht werden. GnRH- Analoga führen nach initialer Hyperstimulation zu einer Downregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse und hemmen die ovarielle Aktivität, indem sie die Gonadotropin-Spiegel unterdrücken. Der Nutzen der GnRH-Analoga wird seit Jahren kontrovers diskutiert. In einer Cochrane-Analyse basierend auf der Auswertung von 4 randomisierten Studien aus den Jahren 1987 bis 2007 zeigten die Autoren, dass die Patientinnen von der Verwendung von GnRH-Analoga profitieren. Es konnten erhöhte Menstruations- (RR 1,90, 95%-KI 1,30 – 2,79) und Ovulationsraten (RR 2,70, 95%-KI 1,52 – 4,79) nach abgeschlossener Chemotherapie gezeigt werden. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2011 konnte ebenfalls einen protektiven Effekt durch GnRH-Analoga auf die ovarielle Funktion nachweisen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015 untersuchte insgesamt 1231 prämenopausalen Mammakarzinompatientinnen. Die temporäre Suppression der Ovarialfunktion durch GnRH-Analoga war mit einem geringeren Risiko eines preterm ovarian failure (POF) assoziiert (OR 0,36, 95%-KI 0,23 – 0,57; p < 0,001). Bei der PROMISE-GIM6-Studie kommt es bei Mammakarzinompatientinnen zur Schlussfolgerung, dass von einem Schutz der Ovarialfunktion durch GnRH- Analoga bei gleichzeitig unveränderter Prognose ausgegangen werden kann. Zu einem anderen Resultat kamen die Autoren Elgindy und Mitarbeiter im Jahr 2015. Die Daten von 907 Patientinnen gingen in die Metaanalyse ein. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den zusätzlich mit GnRH-Analoga und den allein mittels Chemotherapie behandelten Patientinnen (68,4 vs. 59,9%). Die Patientinnen profitierten weder hinsichtlich des FSH-Spiegels (p = 0,27), des Anti- Müller-Hormons (p = 0,40), noch bez. der Antralfollikelzahl (p = 0,17) von der GnRH-Analoga-Gabe. Vor diesem Hintergrund der widersprüchlichen Aussagen bez. der Wirksamkeit von GnRH-Analoga sollte der Einsatz mit der Patientin kritisch und ausführlich diskutiert werden (43,44,45,46,47,48).
Allerdings kommt die AWMF (7) zu dem Ergebnis, dass GnRHa alleine zur Fertilitätsprotektion derzeit nicht ausreichend zu sein scheinen.
Kryokonserviertes Ovarialgewebe von präpubertären Mädchen enthält unreife Primordialfollikel, die später aktiviert werden müssen, um eine hormonelle Produktion und eine Eizellentwicklung bei der pubertären jungen Frau zu erreichen. Dies wird in vivo oder auch in vitro vor der Autotransplantation durch Aktivierung der Phosphatidylinositol-3-Kinase (PI3K)/Phosphatase und Tensin-Homolog (PTEN)/Proteinkinase B (AKT) versucht (49). Die Möglichkeit eines artifiziellen Ovars für eine Transplantation wird ebenfalls zur Wiederherstellung der Fertilität in Erwägung gezogen. Beide Techniken befinden sich aber derzeit noch im tierexperimentellen Stadium (50). Ebenfalls in der Entwicklung sind Nanopartikel und fertilitätsprotektive Wirkstoffe. Das Ziel wäre, die Ovarialzellen während gonadotoxischer onkologischer Behandlungen zu schützen (28, 33, 51)
Fertilitätserhaltende Massnahmen beim Mann
Bei Männern, die sich einer gonadotoxischen Behandlung unterziehen, sind derzeit sowohl die Spermien- als auch Hodengewebe-Kryokonservierung verfügbar. Vor einer zytotoxischen Therapie ist die Kryokonservierung von ejakulierten Spermien die empfohlene Technik für erwachsene Männer und pubertierende Jungen, die Spermien im Ejakulat produzieren und zur Ejakulation befähigt sind. Für Männer, die eine Strahlentherapie erhalten, kann eine Gonadenabschirmung eine Option sein, wenn eine Spermiengewinnung nicht möglich ist. Bei der Spermienabgabe sind individuell ca. 1-3 Samenproben nach einer Abstinenzzeit von optimal 48 Stunden zwischen den Proben sinnvoll (7). Im Falle eines Ejakulationsversagens oder wenn keine Spermien im Ejakulat gefunden werden, können Spermien durch epididymale oder/und testikuläre Spermienextraktion, selten auch durch Elektrostimulation, gewonnen werden (52,53). Präpubertäre Knaben durchlaufen noch keine Spermatogenese und haben daher keine reifen Spermien in ihren Hoden. Daher ist hier die Kryokonservierung von Spermien nicht möglich. Die einzige Möglichkeit ist die Kryokonservierung von noch unreifem Hodengewebe, das spermatogone Stammzellen enthält. Analog zur Kryokonservierung von Ovarialgewebe bei präpubertären Mädchen kann das Hodengewebe durch eine Hodenbiopsie gewonnen und in Form von Spermatogonien oder in Form von Hodengewebe, beides momentan noch rein experimentell, unter Verwendung von Slow-Freeze- oder Ultra-Rapid-Techniken, kryokonserviert werden (54).
Schlussfolgerungen
Die onkologische Gesundheitsversorgung ist heute weit davon entfernt, nur den Krebs zu heilen. Die Hoffnung auf zukünftige Fruchtbarkeit nach einer onkologischen Behandlung erhöht die Lebensqualität der Patienten erheblich und hilft ihnen, die Krebserkrankung emotional besser zu bewältigen. Der Erhalt der Fertilität ist heute sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen onkologischen Patienten möglich und sollte in die onkologische Betreuung integriert werden. Es gibt verschiedene Techniken zum Fertilitätserhalt, wobei die am besten geeignete für den jeweiligen Patienten gewählt werden soll, je nachdem ob dieser weiblich oder männlich und präpubertär oder postpubertär ist. Die Spermienasservierung gilt heute als erste Option zum Erhalt der Fertilität beim Mann. Die Vitrifikation der Eizellen gilt derzeit als Erstlinienoption für postpubertäre Frauen, wenn die entsprechende Zeit zur ovariellen Stimulation trotz Grunderkrankungen vorhanden ist. Sollte aus zeitlichen Gründen diese Stimulation nicht möglich sein, gilt die Kryokonservierung von Ovargewebe als heute etablierte Therapie der Wahl. Die Kryokonservierung von Embryonen gerät beim Erhalt der Fertilität in einen ethischen Konflikt, da das Ziel der autonome Fertilitätserhalt der Frau sein soll. So werden heute nur noch selten Embryonen des Paares als Fertilitätserhalt für die Frau vitrizifiert. Zudem bestätigt der wachsende Erfolgt der Vitrifikationstechnik bez. Sicherheit und Effizienz, dass die Vitrifikation von unbefruchteten Eizellen bevorzugt werden sollte. Der Vorteil der Kryokonservierung von Ovarialgewebe wiederum ist, dass so eine spätere spontane intrakorporelle Fertilisierung möglich gemacht wird, welche gemäss aktueller Datenlage eine selbige kumulative Schwangerschaftsrate von 30 – 35% pro Gewebetransfer (55) erbringt wie diejenige mit Verwendung vitrifizierter Eizellen. Vitrifizierte Eizellen wiederum können später nur mittels einer künstlichen Befruchtung verwendet werden.
Abkürzungen: ASCO American Society of Clinical Oncology, AWMF Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, ESMO European Society for Medical Oncology, IVF In-vitro-Fertilisation, GnRH Gonadotropin-Releasing-Hormon
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Dr. med. Nina Köhler
Frauenklinik, Kantonsspital St. Gallen
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Dr. med. Vera Hungerbühler
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Dr. med. univ. Natalia Jozsa
Frauenklinik
Kantonsspital St. Gallen
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9007 St. Gallen
Die Autorinnen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
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Das molekulare Tumorboard ist eine organübergreifende, interdisziplinäre Tumorkonferenz. Das Board hat die Aufgabe, zusätzliche zielgerichtete Therapiemöglichkeiten für Patient*innen nach Ausschöpfung der leitliniengerechten Behandlung aufzuzeigen. Hierzu werden molekularpathologische Untersuchungen auf mögliche prädiktive Biomarker analysiert. Die klinische Klassifikation der Mutationen hilft, rationale, evidenzbasierte, molekular-pathologisch gestützte Behandlungsentscheidungen abzugeben.
The molecular tumourboard is a non-organ-specific, interdisciplinary tumour conference. The board has the task of identifying additional targeted therapy options for patients after guideline-based treatments have been exhausted. For this purpose, molecular pathological examinations are analysed for possible predictive biomarkers. The clinical classification of mutations helps to make rational, evidence-based, molecular pathologysupported treatment decisions. Key Words: molekulares Tumorboard, ESCAT, Variante, Mutation, Klassifikation
Seit Anfang der 2000er Jahre hat die Onkologie ausserordentliche Veränderungen erfahren. Die Entschlüsselung der menschlichen Genomsequenzen, deren erster Entwurf im Jahr 2001 veröffentlicht wurde, gab der Forschung einen wichtigen Impuls. Seitdem wurden viele Gene, Proteine und Signalwege identifiziert, die an der Krebsentwicklung beteiligt sind. Die Fortschritte beim Verständnis der Krebsbiologie und die technologischen Innovationen erleichtern und beschleunigen fortlaufend die Suche nach Mutationen. Heutzutage können wir mit dem «next generation sequencing» (NGS) 20 bis 500 Gene gleichzeitig untersuchen, die auf Grund ihrer diagnostischen, therapeutischen und prognostischen Bedeutung ausgewählt wurden. Die molekularpathologischen Untersuchungen dienen in erster Linie dazu, prädiktive Biomarker für zugelassene Therapien nachzuweisen. Es ist jedoch unvermeidbar, dass man auch mit Varianten konfrontiert wird, die zwar als prädiktive Biomarker vielversprechend gelten, jedoch für eine Zulassung noch nicht genügend geprüft sind. Es kann zudem vorkommen, dass eine Mutation an Tumorzellen auf eine zugrundeliegende Keimbahnmutation hinweist. Je nach Literatur werde bei der NGS-Untersuchung von Tumoren bei bis zu 15% der Patienten solche pathogene Keimbahnvarianten gefunden (1,2). Die Bestätigung einer hereditären Veranlagung erfolgt dann separat in der Sprechstunde für genetische Beratung.
Es entsteht somit eine grosse Menge an Daten, die auf ihre prädiktive Bedeutung interpretiert werden muss.
Das molekulare Tumorboard
Um der Komplexität der Bedeutung molekularbiologischer Veränderungen gerecht zu werden, haben die University of Michigan (USA) vor etwa 10 Jahren und danach verschiedene universitäre Kliniken weltweit das molekulare Tumorboard (MTB) eingeführt. Das Ziel des MTB ist, auf der Grundlage von molekular-pathologischen Untersuchungen alle potenziellen therapeutischen Strategien zu erkennen und zu diskutieren, die eine zusätzliche Option für den Patienten sein könnten (3,4).
Das MTB besteht aus einem fachärztlichen Kern aus Onkologen und Molekularpathologen. Dazu können auch Genetiker, medizinische Biologen und Bioinformatiker anwesend sein, wobei die personelle Zusammensetzung von Klinik zu Klinik sehr unterschiedlich sein kann. Am häufigsten werden Daten aus NGS-Analysen besprochen.Aber auch Resultate aus Whole Genome Sequencing (WGS), Whole Exome Sequencing (WES), RNA-Sequenzierung, Sanger Sequenzierung, Array Comparative Genomic Hybridization (aCGH), Immunhistochemie und Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) werden in die Diskussion miteinbezogen (3). Da ein internationaler Konsens für die Datenauswertung noch aussteht, stützen sich Interpretation und Empfehlung auf lokale Protokolle, sowie Anwendung von Datenbank- und Literaturrecherchen. Die akribische molekulare Charakterisierung der genomischen Aberrationen und die Kenntnisse über die Zuverlässigkeit der Evidenz der klinischen Studien sind unerlässlich für die therapeutische Entscheidung.
Nomenklatur und funktionelle Klassifikation einer Variante
Die Identifikation von Varianten aus einer NGS-basierten Untersuchung wird heutzutage durch Anwendung von Softwares erleichtert. Jede Variante wird in Bezug auf ihre Genposition und Auswirkung auf die Aminosäuresequenz beschrieben. Die Annotation erfolgt basierend auf einer einheitlichen Standard-Nomenklatur nach Vorgabe der Human Genome Variation Society (HGVS) (5).
Die Auswirkung einer Mutation auf die biologischen und funktionellen Eigenschaften eines Proteins bestimmt die Pathogenität. Bei der Auswertung der Pathogenität werden unter anderem Kriterien wie Häufigkeit der Mutation in der Population, ihre evolutionäre Konservierung, ihr Einfluss auf die Proteinstruktur und –funktion berücksichtigt. Für die Analyse stehen eine Vielfalt an öffentlichen, privaten oder kommerziellen Databanken und «In-silico»-Tools zur Verfügung (Tab. 1). Der Einbezug eines Bioinformatikers ist allgemein empfohlen, aber vor allem bei der Auswertung von komplexeren Varianten indiziert. Basierend auf den Ergebnissen erfolgt die Einteilung nach der international anerkannten American College of Medical Genetics and Genomics (ACMG) Klassifikation in (i) pathogen, (ii) wahrscheinlich pathogen, (iii) ungewisse Bedeutung, (iv) wahrscheinlich gutartig, oder (v) gutartig (5, 6). Lediglich die Varianten die als pathogen oder wahrscheinlich pathogen klassifiziert werden, sind auch als therapierelevant einzuschätzen. Solche Varianten müssten in jedem molekular-pathologischen Bericht aufgeführt werden.
Klassifikation einer Variante nach der klinischen Evidenz
Die funktionelle Rolle eines Proteins wird durch unzählige Einflüsse reguliert, die sehr gewebespezifisch sind. Deshalb ist die prognostische und prädiktive Relevanz einer Variante von Tumor zu Tumor sehr unterschiedlich und sie wird ausschliesslich von den publizierten genomisch-gestützten Studien bestimmt. Biomarker-assoziierte Therapien mit einem statistisch signifikanten und klinisch relevanten Überlebensvorteil in einer klinischen Studie gelten meistens als «standard of care» und werden früh in der Behandlung eingesetzt. Für alle anderen molekularen Biomarker mit einer schwächeren Datenlage gibt es keine Richtlinien für die optimale Behandlungssequenz.
Heutzutage stehen diverse Klassifikationen für die klinische Interpretation von somatischen Varianten zur Verfügung: sie klassifizieren die Varianten in Abhängigkeit der wissenschaftlichen Evidenz und des potentiell klinischen Nutzens. Das erleichtert die Datainterpretation und unterstützt die Therapieauswahl, indem diejenige mit der höchsten Evidenzlage bevorzugt wird. Zu den bekanntesten Klassifikationen zählen:
Joint Consensus Recommendation (JCR) der Association for Molecular Pathology (AMP), des American College of Medical Genetics and Genomics (ACMG), der American Society of Clinical Oncology (ASCO) und des College of American Pathologists (CAP): diese US-amerikanische Klassifikation teilt die pathogenen Varianten in 4 Evidenzlevels (engl. tiers) basierend auf den klinischen und prä-klinischen Daten von Studien und unter Berücksichtigung der FDA (Federal Drug Administration) Zulassung ein (7).
ESMO Scale for Clinical Actionability of Molecular Targets (ESCAT): diese Klassifikation wurde 2018 von der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) eingeführt (8).
OnkoKB (Precision Oncology Knowledge Base), die erste FDA-anerkannte Tumormutationsdatenbank, die durch das Memorial Sloan Kettering Cancer Center kuratiert wird und die Varianten basierend auf der klinischen Bedeutung und Resistenzstufe einteilt (9).
NCT-Klassifikation, die für die MTBs innerhalb des Deutschen Krebskonsortiums (DKTK) entwickelt wurde und am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und anderen deutschen Spitälern angewandt wird (10, 11).
Trotz unterschiedlicher Einstufung sind die Klassifikationssysteme vergleichbar (Tab. 2). Von besonderem Interesse ist der ESCAT Score, weil die Einteilung lediglich auf dem klinischen Evidenzgrad und unabhängig vom internationalen Zulassungsstatus aufgebaut ist. Zum Beispiel, eine PIK3CA-Hotspot-Mutation wird bei Brustkrebs als ESCAT I-A, bei Prostatakrebs als ESCAT II-A und bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) als ESCAT III-A eingestuft.
Obwohl dieser Score weltweit zunehmend eingesetzt wird, ist seine Anwendung durch das Fehlen eines interaktiven Portals erschwert. Sowohl die Klassifizierung der Varianten als auch die dazugehörige Literatur müssen individuell recherchiert werden, was mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden ist.
In-Label/Off-Label Therapien und klinische Studien
Sowohl die Verfügbarkeit als auch die Kosten müssen bei der therapeutischen Empfehlung im Rahmen des MTB berücksichtigt werden. Bei zielgerichteten Therapien mit nachgewiesenem klinischem Vorteil (z.B. ESCAT I) sind die betroffenen Medikamente im Allgemeinen zugelassen und werden von der Krankenkasse rückvergütet. Für gezielte Therapien mit niedrigerer Evidenzlage (z.B. ab ESCAT II) kann es sein, dass die Substanz nur im «off-label»-Einsatz verfügbar ist. In diesem Fall ist der Patient auf die Gutwilligkeit der Krankenkasse oder der Pharmafirma angewiesen.
Die Teilnahme an klinischen Studien ist grundsätzlich sinnvoll. Auf diese Weise wird die klinische Evidenz erhärtet und der Zugang zu vielversprechenden aber noch nicht erhältlichen Medikamenten kann gewährleistet werden.
Das molekulare Tumorboard ermöglicht unseren Patienten nach Ausschöpfung der Standarttherapien zusätzliche Therapieoptionen. Patient*innen und Therapeut*innen setzen oft viel Hoffnung auf solche Behandlungen, und effektiv scheinen Empfehlungen der MTBs, die klinischen Ergebnisse für Krebspatienten zu verbessern (12–14).
Zusammenfassung
Die klinische Klassifizierung der molekularen Varianten unterstützt die Entscheidungsfindung am molekularen Tumorboard: sie ermöglicht rationale, evidenzbasierte, molekular-pathologisch gestützte Behandlungsempfehlungen abzugeben und bei Vorliegen von mehreren Möglichkeiten die Therapie mit der höchsten Evidenzlage zu bevorzugen.
Die Autorin hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Die therapeutischen Entscheidungen am molekularen Tumorboard beruhen auf der molekularen Charakterisierung und der klinischen Klassifizierung der molekularen Varianten
◆ Für die Auswertung der Pathogenität stehen diverse öffentliche
«In-silico»-Tools zur Verfügung
◆ Die klinische Klassifikation der molekularen Variante ermöglicht,
die therapeutischen Entscheidungen nach der besten Evidenzlage zu steuern
◆ Beim ESCAT-Score basiert die Einteilung ausschliesslich auf dem klinischen Evidenzgrad, unabhängig vom internationalen Zulassungsstatus
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Der frühe vorzeitige Blasensprung oder PPROM (Preterm prelabor rupture of membranes) vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit und neonatale Morbidität und Mortalität. Eine Verlängerung der Schwangerschaft mit dem Ziel des Erreichens der 34+0 SSW und darüber hinaus verringert nachweislich die kindliche Morbidität und Mortalität. Gleichzeitig nimmt man durch Zuwarten maternale und fetale Risiken in Kauf wie Triple I (Inflammation und Infektion, Amnioninfektsyndrom), maternale Sepsis, vorzeitige Plazentalösung und fetale bzw. neonatale Infektionen. Das Management beinhaltet die Sicherung der Diagnose, die stationäre Überwachung im Geburtszentrum, die Organreifeinduktion mit Glukokortikoiden, eine auf den Zeitraum der Lungenreifung limitierte Tokolyse und eine prophylaktische Antibiose. Gerade bei drohender sehr früher Frühgeburt ist der Konflikt zwischen Verlängerung der Schwangerschaft und Vermeidung eines kindlichen Infektes eine grosse Herausforderung für den Kliniker. Ein drohendes oder manifestes Triple I wird am besten durch Beurteilung mehrerer mütterlicher (C-reaktives Protein, Leukozytose, Fieber, purulenter vaginaler Ausfluss) und kindlicher Parameter (Tachykardie) diagnostiziert.
Preterm prelabor rupture of membranes (PPROM) before the completed 37th week of pregnancy is one of the main risk factors for preterm birth and neonatal morbidity and mortality. Prolonging the pregnancy with the goal of reaching 34+0 weeks of gestation and beyond reduces infant morbidity and mortality. Expectant management however also implies acceptance of maternal and fetal risks such as Triple I (ascending infection, „amniotic infection syndrome“), maternal sepsis, premature placental abruption and fetal or neonatal infections. Management of PPROM includes securing the diagnosis, monitoring in a stationary setting, corticosteroids for pulmonary maturation, tocolysis limited to the period of lung maturation and prophylactic administration of antibiotics. The conflict between prolonging the pregnancy and avoiding an infection poses a major challenge for the clinician, especially in very early PPROM. Impending Triple I is best diagnosed by a combination of maternal (C-reactive protein, leukocytosis, fever, purulent discharge) and fetal parameters (tachycardia). Key Words: Preterm prelabor rupture of membranes, PPROM, preterm delivery, Triple-I, amniotic infection syndrome
Ein früher vorzeitiger Blasensprung (Preterm prelabor rupture of membranes, PPROM) betrifft ca. 3% aller Schwangerschaften und insgesamt 0,5% der Schwangerschaften vor der abgeschlossenen 27. Schwangerschaftswoche (SSW) (4). Die Risikofaktoren für einen PPROM sind dabei im Wesentlichen die gleichen wie für eine Frühgeburt im Allgemeinen. Ein PPROM in der Eigenanamnese ist mit einem relativen Risiko von 3.3 ein zusätzlicher relevanter Faktor für einen erneuten PPROM (5). Der PPROM selbst ist wiederum ein signifikanter Risikofaktor für eine bald folgende Frühgeburt. Die kumulative Entbindungsrate betrug in einer Studie 27% nach 48h, 56% nach 7 Tagen und 76% nach 14 Tagen (7).
Das primäre Konzept des Managements eines PPROM besteht aus dem konservativen Vorgehen zur Verlängerung der Schwangerschaft bei gleichzeitiger Minimierung fetaler oder maternaler Komplikationen. Die Balance zwischen Risiko und Chance ist dabei die eigentliche Herausforderung in dieser Hochrisikosituation. Für die Mutter liegt das Risiko für eine Chorioamnionitis oder eine postpartale Infektion bei 15-20% (6, 8). Besonders bei Quer- oder Beckenendlage besteht die Gefahr eines Nabelschnurvorfalls. Eine vorzeitige Plazentalösung tritt in 2-5% der Fälle auf, im Falle rezidivierender Blutungen oder eines schweren Oligohydramnions deutlich häufiger (8, 9). Keimaszension und Chorioamnionitis, aber auch sterile inflammatorische Reize bedeuten für den Feten die Gefahr einer systemischen inflammatorischen Reaktion (fetal inflammatory response syndrome, FIRS) bis hin zur neonatalen Sepsis (3, 28). Für das sog. Amnioninfektionssyndrom hat sich international die Bezeichnung Triple I eingebürgert (Intrauterine Inflammation oder Infektion oder beides), welche die unterschiedlichen Stadien einer intrauterinen Infektion berücksichtigt (Tab. 1, 14). Diese Definition zentriert stark auf dem Vorhandensein von maternalem Fieber und hat sich in der Schweiz in der geburtshilflichen Terminologie noch nicht durchgesetzt, kann aber evidenzbasiert Hilfe bei der Diagnosestellung geben.
Vor Erreichen der Lebensfähigkeit bzw. vor dem interdisziplinären Entschluss zur neonatalen Maximalversorgung liegt der Fokus auf der Überwachung der mütterlichen Gesundheit. Mit Erreichen dieser Grenze wird auch das Kind engmaschig überwacht und wenn nötig aus kindlicher Indikation entbunden.
Die Grenze der Lebensfähigkeit wird international sehr unterschiedlich zwischen 22+0 und 26+0 SSW interpretiert. Ein sehr früher PPROM vor 22+0 SSW stellt trotz schlechterer Prognose keinen Grund für einen Abbruch dar, jedoch ist eine sehr frühzeitige interdisziplinäre Information der Eltern zwingend. Die Grenzen des neonatologisch Machbaren, aber auch des ärztlicherseits Versuchten haben sich im Trend der letzten Jahrzehnte nach vorne verschoben. In der Schweiz äussert sich dazu der Expertenbrief der SGGG No. 56 (24) unter Berücksichtigung der Empfehlungen der AG Limit of Viability (1, 2). Dieser Expertenbrief weist darauf hin, dass die Lungenreifung – mit dem Zwecke einer Maximalversorgung des Kindes bei Geburt – vor 23+0 SSW keinen neonatalen Benefit gezeigt hat. Ab 23+0 SSW kann demnach aber unter günstigen Rahmenbedingungen (kein Verdacht auf fetale Infektion, zeitgerecht entwickelter Fetus ohne schwere Fehlbildung, abgeschlossene LRI) bei entsprechendem Elternwunsch eine Maximalversorgung des Kindes erwogen werden. Sobald eine Maximalversorgung des Kindes geplant ist, ändert sich auch das geburtshilfliche Vorgehen mit fetaler Überwachung per CTG und Entbindung bei fetaler Indikation. Essenziell ist in diesen sehr frühen Wochen eine vorgängige interdisziplinäre Beratung der Eltern durch Neonatologen und Geburtshelfer, in der mütterliche wie fetale Risiken und Chancen erörtert werden (1). Ab 24+0 SSW dürften die allermeisten zur Maximalversorgung ausgestatteten Geburtszentren internationaleine kindliche Überwachung und die Versorgung quo ad vitam für das Kind anbieten und empfehlen. Ab der 25+0 SSW würde nur in Fällen mit mehreren prognostisch ungünstigen Zusatzfaktoren im Einzelfall von einer intensivmedizinischen Versorgung eines Kindes Abstand genommen werden (1).
Diagnose
Die Diagnose des PPROM stellt sich häufig schon aus der Klinik. Selbst bei klinisch eindeutigem Bild muss aber per steriler Speculumeinstellung ein Status erhoben und ein vaginaler mikrobiologischer Abstrich sowie ein vaginal-rektaler Abstrich auf Streptokokken der Gruppe B abgenommen werden. Typisch ist die Ansammlung von Fruchtwasser im hinteren Scheidengewölbe (pooling), welche durch einen Hustentest provoziert werden kann. Ist klinisch der Blasensprung bereits als absolut sicher anzunehmen, muss kein weiterer Test durchgeführt werden. Bei Unklarheiten sollte ein biochemischer Test zum Einsatz kommen. Dabei werden entweder IGFP-1, PAMG-1 oder eine Kombination aus AFP und IGFP-1 nachgewiesen, die Sensitivität und Spezifität liegt bei weit über 90% (11, 12). Bei starker Kontamination mit Blut ist die Aussagekraft der Tests dagegen eingeschränkt.
Eine sonographisch reduzierte Fruchtwassermenge oder eine chorioamniale Separation alleine sind suggestiv, aber nicht beweisend für einen PPROM. In einer prospektiven Studie hatten nur 67% der Patientinnen bei Diagnose einen AFI <5cm (10). Andersherum würde eine «normale» Fruchtwassermenge ebenso wenig einen PPROM ausschliessen.
Eine vaginale pH-Testung zur Diagnose eines PPROM kann ergänzend durchgeführt werden, hat aber eine relevante Rate an falsch-positiven wie falsch-negativen Resultaten und ist als einziges diagnostisches Kriterium nicht ausreichend (16, 20). Der mikroskopische Test auf ein Farnkrautphänomen ist den biochemischen Tests ebenso klar unterlegen und dürfte kaum noch Anwendung finden. Die diagnostische Indigocarmininstillation per Amniocentese und vaginale Tupfereinlage («Blauprobe») dürfte nur noch absoluten Einzelfällen vorbehalten sein.
Nicht oft genug wiederholt werden kann, dass auf eine digitale vaginale Untersuchung verzichtet werden soll, solange keine direkten Geburtsbestrebungen bestehen, da durch Einbringen von Bakterien die weitere Dauer der Schwangerschaft verkürzt wird (13). Es gibt keine ausreichende Datenlage zu Sicherheit und Risiken des transvaginalen Ultraschalls, ideal sollte die Cervix uteri nur per Speculum und per transabdominalem Ultraschall beurteilt werden.
Management
Ist der PPROM gesichert, soll die Patientin unbedingt spätestens in der 23+0 SSW, unabhängig von drohenden Geburtsbestrebungen, in ein dafür geeignetes Geburtszentrum mit angeschlossener neonatologischer Intensivstation verlegt werden (1, 2). Die weitere Betreuung erfolgt primär stationär. Einzelne Zentren, darunter auch Luzern, setzen beim klinisch stabilen PPROM in stabiler Situation alternativ auf ein ambulantes Management. Die Kriterien für ein homecare-Vorgehen wurden von der Gruppe um Céline Petit in Lille 2018 gut zusammengefasst (31).
Die antenatale Applikation von Steroiden zur Lungenreifungsinduktion (LRI) ist bei PPROM zwischen 24+0 SSW und 33+6 SSW klar indiziert und reduziert die kindliche Morbidität wie Mortalität signifikant (24). Auch vor 24+0 SSW kann eine LRI durchgeführt werden, wenn eine Maximaltherapie für das Kind besprochen wurde. Zwischen 22+0 und 23+6 SSW würde jedoch nur die neonatale Mortalität reduziert, einen signifikanten positiven Einfluss auf die Morbidität beweist die Datenlage in diesem Gestationsalter nicht (6, 15). Der Expertenbrief der SGGG hält entsprechend so auch fest, dass eine LRI vor 23+0 SSW nicht mit gesichertem kindlichen Benefit einhergeht (24).
Für den Zeitraum der LRI darf und sollte eine Tokolyse gegeben werden. Nach Ablauf dieser 48h sollte die Tokolyse gestoppt werden (6). Eine evidenzbasierte Empfehlung zum Einsatz eines favorisierten Medikaments ist nicht möglich, die Auswahl richtet sich nach den üblichen Kriterien bei drohender Frühgeburtlichkeit. Bei klinischem Bild eines Triple I oder in bereits fortgeschrittener Eröffnungsperiode ist jeder Versuch, eine Geburt tokolytisch «verhindern» zu wollen, entweder mit einem erhöhten Risiko eines neonatalen Infekts assoziiert oder schlicht frustran und soll unterbleiben. Interessant ist dabei die Datenlage zum Einsatz der Tokolyse bei PPROM: gemäss Cochrane-Analyse lässt sich bei eher tiefer Studienqualität zwar die Rate an Geburten innert der ersten 48h um 45% senken, jedoch fanden die Autoren keine signifkante Verbesserung der kindlichen Mortalität und Morbidität (19).
In allen Situationen, in denen eine Maximaltherapie gewünscht wird, soll nach Diagnose des PPROM ein einmaliger Antibiosezyklus von 5-10 Tagen gegeben werden (6). Die signifikanten Vorteile für Mutter und Kind sind klar evidenzbasiert. Sowohl das Risiko einer Chorioamnionitis (RR= 0,66), als auch einer Geburt binnen 48h (RR= 0,71) und für eine neonatale Infektion (RR= 0,67) kann hierdurch reduziert werden (21). Schwieriger ist die Frage nach dem optimalen Antbiotikum, da die Studienlage kein favorisiertes Antibioseschema ermitteln konnte (23). Gute Daten gibt es für den Einsatz von u.a. Ampicillin gefolgt von Amoxicillin, Pencillin G, Erythromycin, Cefuroxim oder der Kombination aus Clindamycin und Gentamicin. Die Kombination aus Amoxicillin und Clavulansäure wird bei PPROM wegen erhöhter Raten an Nekrotisierender Enterocolitis in der ORACLE-I-Studie nicht mehr empfohlen (21, 22). Eine Einmalgabe eines Makrolids (z.B. 1g Azithromycin) erweitert das Spektrum auf Chlamydien und Mykoplasmen.
Eine Neuroprotektion mit intravenösem Magnesium ist erst dann indiziert, wenn zwischen 24+0 und 32+0 SSW eine Geburt unmittelbar bevorsteht und damit nicht obligater Bestandteil der Initialtherapie.
Vaginales oder rektales Progesteron und 17-Hydroxyprogesteroncaproat i.m. verlängern die Latenzzeit nach PPROM nicht (18). Eine bereits begonnene vaginale Progesterongabe sollte bei PPROM beendet werden. Eine therapeutische serielle Amnioninfusion ist nicht empfohlen (6, 25). Genauso wenig ist die diagnostische Amniocentese zur Diagnostik auf Triple I mit z.B. Bestimmung des Interleukin-6 (IL-6) derzeit für die Routine geeignet. Auch der interessante Ansatz der Messung der IL-6-Konzentration im Vaginal-sekret bedarf weiterer Untersuchungen in Studien (26).
Die maternale und fetale Überwachung variiert sicher nach «Hausstandard». Empfehlenswert sind engmaschige Kontrollen des CTG (1-2x/d mit Fokus auf Anstieg der baseline über 160 bpm oder um mehr als 15%), der mütterlichen Temperatur und von mütterlichen Symptomen (Wehen, uterine Druckdolenz, Beschaffenheit der Fruchtwasserabgänge) und Laborkontrollen (Blutbild, CRP). Die Wertigkeit des CRP ist dabei kritisch zu diskutieren, ein isolierter CRP-Anstieg sollte nicht zur Entbindungsindikation führen (28).
Entbindungszeitpunkt
Generell ist bei PPROM bis 33+6 SSW ein exspektatives Vorgehen der internationale Standard (6, 16, 17). Tabelle 2 zeigt die Ergebnisse einer Metaanalyse, welche die Resultate einer geplanten frühen Entbindung mit dem abwartenden Vorgehen verglichen hat. Zuwarten trägt demnach – wie der klinischen Erfahrung entsprechend – ein höheres Risiko einer neonatalen Sepsis, reduziert aber die kindliche Mortalität und die Beatmungsnotwendigkeit (27).
Bei Anzeichen auf ein Triple I, fetalen distress, vorzeitige Plazentalösung oder drohenden Nabelschnurvorfall besteht die Indikation zur sofortigen Entbindung. Die grösste klinische Herausforderung besteht bei der sehr frühen Frühgeburtlichkeit im rechtzeitigen Erkennen eines drohenden Amnioninfekts. Hier sollte nicht aufgrund eines einzelnen Parameters entbunden werden, sondern aufgrund einer Kombination maternaler (CRP, Fieber, Leukozytose, purulenter Fluor) und fetaler (Tachykardie) Faktoren. Kommt es weder zu einer unmittelbaren fetalen oder maternalen Gefährdung noch zu einem spontanen Wehenbeginn, darf zugewartet werden. Ab der 34+0 SSW kann entbunden werden. Die Cochrane-Analyse von 2017 hat hierzu gezeigt, dass die Ergebnisse eines exspektativen Vorgehens unabhängig sind vom Zeitpunkt des Blasensprungs vor oder nach 34 SSW (27). Daher dürfte prinzipiell bei Blasensprung vor 34 SSW – ähnlich wie beim PPROM >34+0 SSW unter der Voraussetzung eines negativen GBS-Abstrichs – weiter zugewartet werden bis maximal 37 SSW, um die Folgen der late-preterm-Geburt für das Kind zu minimieren (27, 29, 30).
Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.
◆ Beim frühen vorzeitigen Blasensprung (SSW) ist das primäre Ziel die Fortsetzung der Schwangerschaft unter engmaschiger maternaler und fetaler Überwachung an einem Zentrum mit entsprechend ausgestatteter Neonatologie.
◆ Pfeiler des Managements sind ein an die Schwangerschaftswoche angepasstes Vorgehen, in sehr frühen Wochen der Einbezug des Elternwunsches per informed consent und die Minimierung maternaler und fetaler Risiken durch intensive maternale und fetale Überwachung, Lungenreifungsinduktion und Antibiose.
◆ Tokolyse sollte nur für den Zeitraum der Lungenreifung gegeben werden.
◆ Der Entscheid zur Entbindung bei V.a. Chorioamnionitis/Triple I sollte nicht aufgrund einzelner, sondern aufgrund einer Kombination maternaler und fetaler Faktoren erfolgen (CRP, Leukozytose, purulenter
Fluor, Fieber, fetale Tachykardie).
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Nach der negativ verlaufenen Studie SYMPLICITY HTN-3 gab es beim Thema «renale Denervation» zunächst eine mehrjährige Pause, bevor der Stellenwert des Verfahrens schrittweise durch besser designte Studien mit umfassenderen, solideren und strengeren Protokollen neu untersucht wurde mit dem Ziel, das Vertrauen in dieses Verfahren wiederherzustellen.
Trotz guter Medikamente ist die Hälfte aller Hypertoniker unzureichend eingestellt. Da lag es vor zwölf Jahren nahe, einen neuen interventionellen Lösungsansatz für die Hochdrucktherapie zu finden. Bei der renalen Denervierung werden mit einem spiralförmigen Katheter die überaktiven sympathischen Nervenfasern, die in der Adventitia der Nierenarterien und im perivaskulären Fettgewebe verlaufen, gezielt deaktiviert, genauer gesagt verödet, und zwar mittels thermischer (durch Applikation von Radiofrequenz- oder Ultraschallenergie) oder chemischer (durch Mikroinjektion neurotoxischer Substanzen) Applikation.
Die erste Studiengeneration (SYMPLICITY HTN 1 und HTN 2) zeigte dann auch bei therapierefraktären Hochrisiko-Patienten eine signifikante Blutdrucksenkung durch die renale Denervierung von durchschnittlich 22 mm Hg bzw. bzw. 33 mm Hg nach sechs Monaten. Die Ergebnisse der SYMPLICITY HTN 3-Studie, bei der erstmals die renale Denervierung mit einem Scheineingriff verglichen wurde, waren dann aber sehr enttäuschend. Im Vergleich mit einer Scheinbehandlung brachte die renale Denervierung keinen signifikanten Vorteil bei der Blutdrucksenkung.
Redesign bei Studien der zweiten Generation
Die kritische Prüfung dieser Studie führte zu einem Umdenken und Redesign bei Studien der zweiten Generation. Es wurden vor allem Patienten mit kombinierter und nicht mit isolierter systolischer Hypertonie eingeschlossen. Statt der Praxis-Messung wurde die 24-h-Langzeitmessung zur Therapiekontrolle eingeführt. Auch wurde das Prozedere optimiert und zwar durch eine verbesserte Kathetertechnik, mit der auch die distal liegenden peripheren Gefäße erfasst werden können. Ein Problem der ersten Studien war auch die fehlende medikamentöse Therapietreue. «Mittlerweile liegen eine Reihe von randomisierten, schein-kontrollierten Studie vor, die die Wirksamkeit mittels Radiofrequenz- bzw. Ultraschallenergie bei Patienten mit und ohne begleitende antihypertensive Therapie bestätigen», so Prof. Thilo Burkhard, Basel. Die erste Studie, in die diese methodischen Überlegungen Eingang gefunden hatten, war die SPYRAL HTN-OFF MED-Studie, in die 115 Patienten mit einem niedrigen Risiko ohne Begleitmedikation eingeschlossen wurden. Wiederum wurde in dieser Studie randomisiert eine renale Denervierung mit einer Scheinbehandlung verglichen.
Die renale Denervierung funktioniert
Nach drei Monaten zeigte sich ein signifikanter Vorteil für die echte Intervention. Der Blutdruck bei der 24-h-Messung sank nach 3 Monaten um 9,5 mm Hg während im Schein-Arm nur eine Abnahme von 3,5 mm Hg nachgewiesen werden konnte. Daraufhin wurde das Verfahren in der SPYRAL HTN-ON MED-Studie bei 80 Niedrig-Risiko-Patienten mit einem bis drei Begleitmedikamenten ebenfalls in einem randomisierten Design versus einer Scheinbehandlung untersucht. Nach sechs Monaten ergab sich bei der renalen Denervierung eine signifikante Blutdrucksenkung von 12,5 mm Hg, in der Scheingruppe dagegen nur von 1,1 mm Hg. Eine Post-hoc-Analyse ergab auch eine Abnahme der Plasma-Renin-Aktivität und der Aldosteronkonzentration durch die Radiofrequenz-Denervation.
In der scheinbasierten, randomisierten RADIANCE-TRIO-Studie wurde die renale Denervation mittels Ultraschall durchgeführt. Eingeschlossen wurden Patienten, deren Hypertonie durch eine Triple-Fixkombination nicht ausreichend eingestellt werden konnte. Innerhalb von 2 Monaten sank der systolische Blutdruck bei ambulanter Messung um 8 mm Hg im Vergleich zu 3 mm Hg in der Kontrollgruppe Der Unterschied war statistisch signifikant. Bei der ambulanten 24-h-Blutdruckmessung ergab sich ein Unterschied von 4,2 mm Hg zwischen Interventions- und Kontrollgruppe.
In der Regel nicht statt Medikamente
Zwischenzeitlich liegen die Ergebnisse von 1.000 Patienten mit einem Follow-up von zwei und sechs Monaten vor. Fazit: Bei der zweiten Studiengeneration zeigt sich durchweg eine signifikante Blutdrucksenkung, von der zwei Drittel der Patienten profitieren. Dabei erwies sich das Verfahren als sicher und nebenwirkungsarm. Die renale Denervierung gilt deshalb heute als vielversprechende ergänzende Methode bei einer therapierefraktären Hypertonie. Vorher sollte allerdings die medikamentöse Adhärenz geprüft sein, da auch in der SPYRAL HTN-ON MED-Studie trotz umfangreicher Aufklärung 40 % der Teilnehmer ihre Medikation unregelmäßig einnahmen.
Zum jetzigen Zeitpunkt sollte die renale Denervierung nicht als Alternative zur primären antihypertensiven Medikation propagiert werden. Aber im Einzelfall kann sie nach den Ergebnissen der SPYRAL HTN OFF-MED-Studie aber als Ausweichstrategie für Patienten mit mehrfacher Medikamentenunverträglichkeit, vor allem bei hohem Leidensdruck oder erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse in Frage kommen.
Die Analyse der SPYRAL HTN OFF-MED-Daten zeigte auch, dass die renale Denervierung die Herzfrequenz senkt und dass Patienten mit einer hohen Herzfrequenz in Ruhe besonders stark von dem Eingriff profitieren. Somit könnte eine hohe Herzfrequenz in Ruhe ein Surrogatparameter für hohe sympathische Aktivität und eine gute Response sein.