Der Schaden von COVID-19 an der Wissenschaft

Unerwartet hat die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus im März 2020 zu einer weltweiten Gesundheitskrise geführt. Um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen, wurden drastische gesellschaftliche Massnahmen ergriffen. Die Coronakrise hat auch zu einer Flut von medizinischen Publikationen geführt, welche zum Teil auf neuen und unerprobten Plattformen publiziert wurden. Die wissenschaftliche Qualität mancher Publikation war besorgniserregend schlecht. Gleichzeitig hat die Laienpresse scheinbar wichtige Nachrichten auch aus fragwürdigen Publikationen schnell verbreitet und die Social Media beluden sie mit Emotionen. Die Probe im Spannungsfeld vom Wunsch nach schnellen gültigen medizinischen Antworten auf die COVID-Krankheit und langsamer sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit hat die Wissenschaft nur zum Teil bestanden. Der angerichtete Schaden ist vor allem ein Verlust an Glaubwürdigkeit.

Unexpectedly, the spread of the SARS-CoV-2 virus in March 2020 has led to a global health crisis. Drastic societal measures were taken to slow the spread of the pandemic. The corona crisis also led to a flood of medical publications, some of which were published on new and unproven platforms. The scientific quality of some publications was worryingly poor. At the same time, the lay press quickly disseminated seemingly important news, even from questionable publications, and social media loaded them with emotion. The test in the tension between the desire for quick valid medical answers to COVID disease and slow careful scientific work was only partially passed by science. The damage done is above all a loss of credibility.
Key Words: SARS-CoV-2, ARDS, myocarditis, mRNA vaccination, endothelitis

Am 1. Dezember 2019 ist der erste Patient an einer neuen Form ei­ner viralen Pneumonie erkrankt. Am 15. Februar hat die WHO den Erreger als SARS-CoV-2 bezeichnet und der Krankheit den Namen COVID-19 gegeben. Am 22. Februar 2020 starben in Italien die ersten zwei europäischen Patienten. Am 11. März 2020 erklärte die WHO die COVID-19-Krankheit zur weltweiten Pandemie. Das schwere ARDS, das durch SARS-CoV-2 ausgelöst wird mit den anfänglich hohen Todesraten, wie wir sie im Falle von Italien und zum Teil dem Tessin hautnah miterlebt haben, veranschaulichte die Ernsthaftigkeit der Krankheit, machte Angst und resultierte in weitgehenden gesellschaftlichen Massnahmen, um die Ausbreitung der Pandemie zu bremsen. Die unerwartete Krise der Weltgesundheit hatte eine Flut von medizinischen Fachpublikationen in kurzer Zeit ausgelöst. So hat in den ersten sechs Monaten von 2020 die Zeitspanne vom Einreichen bis zur Publikation eines Artikels zur COVID-Krankheit in 16 renommierten Zeitschriften inklusive Nature oder Nature Medicine von 119 auf 20 Tage abgenommen (1). Zusätzlich sind Plattformen, welche eine Pre-Publication ohne Peer-review-Prozess erlaubten, z.B. MedRxiv oder researchsquare, rege genutzt worden. Selbstredend litt darunter die wissenschaftliche Qualität. So wurden viele Fallstudien und monozentrische retrospektive Kohortenstudien mit kleinen Patientenzahlen publiziert. Eine statistische Analyse der Daten wurde manchmal nur rudimentär durchgeführt und unvollständige Daten wurden zur Formulierung von neuen Hypothesen gebraucht. Verständlicherweise hatte die Bevölkerung ebenfalls das Bedürfnis, möglichst schnell, möglichst viel über COVID-19 zu erfahren. Die Laienpresse nahm deshalb jede scheinbar wichtige Nachricht auf, verbreitete sie global und machte eine Sensation daraus. Die Social Media haben das ihre dazu beigetragen, diese Nachrichten mit Emotionen zu beladen.

Einfache Antworten versus wissenschaftliche Sorgfalt

Es stellt sich die Frage, ob diese Kombination aus nachlässiger Wissenschaft und Hunger nach Informationen die Bewältigung der COVID-Krise erschwert und das Vertrauen der Bevölkerung in die medizinische Forschung und die Medizin reduziert hat. Denn betroffen war in der einen oder anderen Weise jeder von uns. Zum Beispiel hat das BAG auf Empfehlung der Fachgesellschaften PatientInnen mit Diabetes und Hypertonie oder mit kardiovaskulären Vorerkrankungen als HochrisikopatientInnen eingestuft und schon früh zu Home Office verpflichtet. Auf welcher Evidenz beruhte diese Empfehlung im März 2020?

Die ersten Kohortenstudien aus China im Frühjahr 2020 berichteten, dass vermehrt PatientInnen in hohem Alter an COVID-19 erkrankt oder gestorben seien. Diese PatientInnen litten auch vermehrt an Hypertonie, Diabetes und kardiovaskulären Vorerkrankungen. Die Schlussfolgerungen waren, dass Hypertonie, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen die Anfälligkeit für COVID-19 erhöhten und für schwere Verläufe der Krankheit zuständig seien. Viele Nachfolgestudien haben diese Assoziation weitergetragen, ohne dass eine Gewichtung der Risikofaktoren mittels einer multivariaten Analyse vorgenommen wurde, wie es sonst der Standard bei Beobachtungsstudien ist. Dabei hatte bereits die erste Metaanalyse aus China keine erhöhte Prävalenz dieser Vorerkrankungen in COVID-19-Patient­Innen im Vergleich zur Prävalenz in der nicht erkrankten Population gefunden (2). In einer der seltenen multivariaten Analysen blieb denn auch nur das Alter als prädisponierender Faktor übrig (3). Von der unglaublichen Anzahl an Publikationen zu diesem Thema und deren fragwürdiger Qualität zeugt eine Übersichtsanalyse (Umbrella Review) von 84 Metaanalysen (4). Nur eine dieser 84 Metaanalysen war von guter Qualität, während zwei Drittel qualitativ schlecht bis äusserst schlecht waren. Diese schlechten Daten scheinen zu belegen, dass Hypertonie, Diabetes und kardiovaskuläre Vorerkrankungen die Mortalität bei einer COVID-19-Erkrankung erhöhen (4). Die Autoren der Übersichtsanalyse warnen vor dieser Schlussfolgerung. Die nötigen multivariaten Analysen mit den adäquaten Variablen wie Alter, Ethnizität etc. waren nicht gemacht worden. Im Übrigen erinnern sie daran, dass «Beobachtungsstudien immer Evidenz mit wenig Gewicht liefern und niemals eine Kausalität beweisen können». Inzwischen ist bekannt, dass die immunologische Antwort und damit der Schweregrad der Covid-19-Erkrankung nicht nur durch das Alter (immunologische Seneszenz!), sondern auch durch mehrere genetische Faktoren bestimmt wird (5, 6, 7). Diese Faktoren sind der wahrscheinlichere Schlüssel zur Frage, warum die einen PatientInnen an COVID-19 sterben und die anderen mit den gleichen Risikofaktoren einen milden Verlauf erleben.

Hypothesen auf der Basis unvollständiger Daten

Zu Beginn der Pandemie wurden aufgrund von unvollständigen Daten Hypothesen bezüglich des Gefässbefalls und des myokardialen Schadens aufgestellt. Der direkte Befall des Endothels und des Myokards durch das Coronavirus und die daraus entstehende Endothelitis und Myokarditis wurde als grosse Gefahr dargestellt (8, 9). Insbesondere die mittels kardialem MRI festgestellten myokarditisähnlichen Veränderungen haben in der Presse ein nie dagewesenes Echo ausgelöst und zu grosser Verunsicherung, zu vielen unnötigen MRI-Untersuchungen und in Amerika fast zum Erliegen des Mittelschul- und Hochschulsports geführt. Da hat es auch nicht geholfen, dass kurz nach der Publikation die MRI-Studie über die Myokarditis wissenschaftlich in Frage gestellt wurde, die Autoren schliesslich die Aussagen korrigieren mussten und nun von nur geringen myokardialen Veränderungen nach COVID-19 sprachen. Ein Vergleich mit anderen ARDS-PatientInnen zeigte in der Folge, dass der myokardiale Schaden bei schwerer COVID-19 sich nicht von dem myokardialen Schaden bei anderen Formen des ARDS unterscheidet (10). Sorgfältige pathologische Studien und MRI-Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass eine Myokarditis durch eine Corona-infektion sehr selten ist und praktisch nie zu einem klinisch relevanten Myokardschaden führt (11, 12, 13). Zudem konnte bis jetzt nie ein Befall der Myozyten durch das Coronavirus nachgewiesen werden (14). Die seltenen virusnegativen Myokarditiden könnten, wie die Myokarditis nach der mRNA-Impfung, durch immunologische Prozesse vermittelt sein (14).

Bezüglich der Endothelitis als wichtigem pathophysiologischem Faktor ist es ebenso im Verlauf der Pandemie zu einer Relativierung gekommen. Eine Studie fand, dass das SARS-CoV-2-Virus die Endothelzellen nicht befallen kann, weil Endothelzellen keine ACE-2-Rezeptoren aufweisen (15). Die Endothelitis-Hypothese wurde nach der Untersuchung von drei (!) PatientInnen aufgestellt (8). Die Autoren mussten in einer Nachfolgestudie eingestehen, dass sich in grossen Gefässen und den Kranzarterien keine Endothelitis fand (16).

Betrügereien in den Studien zu Ivermectin und Hydroxychloroquin

Es ist nicht verwunderlich, dass der Wunsch nach schnellen Antworten und die Vernachlässigung der Peer Review zu Betrügereien geführt hat. Diese haben enormen Schaden nicht zuletzt bei Patient­Innen verursacht. Als Beispiel seien die Betrügereien in den Studien zu Ivermectin und Hydroxychloroquin aufgeführt. Alle Studien, welche einen Behandlungserfolg mit Ivermectin zeigten, sind entweder vollständig erfunden, oder die Studien sind mit extremen Fehlern behaftet und die Resultate unglaubwürdig (17). Obwohl die Evidenz für einen Nutzen von Ivermetin in keiner Weise gegeben ist, sind aufgrund der fehlerhaften und betrügerischen Studien hunderttausende PatientInnen in Südamerika und Afrika mit Ivermectin bei COVID-19-Infektionen behandelt und potentiell gefährdet worden.

Einige Tage nach Ausbruch von COVID-19 in Frankreich behauptete im März 2020 der Mikrobiologe Didier Raoult, aufgrund einer kleinen klinischen Studie, Hydroxychloroquin sei 100% wirksam gegen COVID-19 (Abb. 1). Präsident Macron besuchte ihn in Marseille und der brasilianische und amerikanische Präsident deklarierten Hydroxychloroquin zum Heilmittel, das die Pandemie zum Stillstand bringen werde. Zwei Monate später, im Mai 2020 publizierte The Lancet eine Studie der Surgisphere-Datenbank mit 96 032 PatientInnen, von denen angeblich 14 888 mit Hydroxychloroquin behandelt worden waren (18). In dieser Studie brachte Hydroxychloroquin nicht nur keinen Nutzen, sondern führte zu einem Anstieg der Mortalität. Aufgrund der negativen Resultate in dieser riesigen Beobachtungsstudie wurden sofort alle klinischen Studien zu Hydroxychloroquin, die dessen Wirkung in randomisierter Weise untersuchten, unterbrochen. Dumm und peinlich war, dass die gesamte Surgisphere-Studie mit allen Resultaten frei erfunden war. Der Editor-in-Chief des Lancet sprach von einem «monumentalen Betrug». Mit Daten aus der gleichen Surgisphere-Datenbank war bereits vorher eine Beobachtungsstudie zu kardiovaskulären Vorerkrankungen und deren Einfluss auf die Mortalität bei COVID-19 im New England Journal of Medicine publiziert worden (19). Auch hier war der Betrug offensichtlich und die Studie musste am 4. Juni 2020 zurückgezogen werden (Abb. 2). Damit war der Schaden, den diese Publikation der Wissenschaft zugefügt hatte, aber nicht behoben. Der im New England Journal zurückgezogene Artikel wurde im Verlauf des nächsten Jahres noch 652-mal zitiert (20). Nur 18% der Zitationen erwähnten den Rückzug. In den anderen Publikationen wurde dessen Schlussfolgerung zur Bestätigung einer eigenen Beobachtung gebraucht und in 17 Artikeln wurden die gefälschten Daten gar für eine neue Analyse eingesetzt (20).

Warum diese Verletzung der Integrität der medizinischen Literatur?

Über die Gründe der im Rahmen der Coronapandemie zum Teil so eklatant verletzte Integrität der medizinischen Literatur kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich wurde die Publikationswelle von der Angst vor dem unvorhersehbaren Verlauf der Pandemie getrieben und dem Verlangen, diese unbekannte Krankheit und deren Bedrohung zu verstehen. Dies erklärt aber nicht, warum einige, aber lange nicht alle, wissenschaftlichen Zeitungen den Peer-review-Prozess praktisch aufhoben und die üblichen wissenschaftlichen Standards nicht eingefordert haben. Wollte man lieber schnelle und vielleicht fehlerhafte Antworten als keine Antworten auf brennende Fragen haben? Fehlte der Mut einzugestehen, dass man gewisse Aspekte der Krankheit schlicht noch nicht wissen konnte, weil der gesellschaftliche und politische Druck auf die «Wissenschaft» zu gross war? Die akademische Welt, welche ja von Natur aus nicht unumstössliche Fakten liefern kann, sondern durch das Überprüfen von verschiedenen Hypothesen eine Annäherung an mögliche Wahrheiten suchen muss, ist in der Coronapandemie in ein Spannungsfeld von Wunsch nach schnellen, gültigen Fakten und langsamer, sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit gekommen. Sie hat die Krise nicht ohne Schaden überstanden, wobei der teilweise Verlust der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft der offensichtlichste ist.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in «info@herz+gefäss» 01-2022 erschienenen Originalartikels.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Franz R. Eberli

Stadtspital Zürich Triemli
Klinik für Kardiologie
Birmensdorferstrasse 497
8063 Zürich

franz.eberli@triemli.zuerich.ch

Der Autor deklariert, keine Interessenskonflikte im Zusammnehang mit diesem Artikel zu haben.

1. Barakat AF, Shokr M, Ibrahim J, Mandrola J, Elgendy iY. Timeline from receipt to online publication of COVID-19 original research articles. MedRxiv June 26,2020 DOI.org.10.1101/2020.06.22.20137653
2. Yang J et al. Int J Infect Dis. 2020 Mar 12;94:91-95. doi: 10.1016/j.ijid.2020.03.017
3. Zhou F, Yu T, Du R et al. Clinical course and risk factors for mortality of adult inpatients with COVID-19 in Wuhan, China: a retrospective cohort study. Lancet 2020;395:1054-1062
4. Harrison SL et al. Eur Heart J Qual Care Clin Outcome 2021;7:330-339
5. The Severe COVID-19 GWAS Group NEJM 17June2020 DOI:10.1056/NEJMoa2020283
6. Pairo-castineura E et al. Nature 2021;591:92-98
7. Qian Zjang et al. Science 2020;370:422. Doi.org/10.1126/science.abd4570
8. Varga Z, Flammer AJ, Steiger P et al. Endothelial cell infection and endotheliitis in COVID-19. Lancet 2020;395:1417-1418.
9. Puntmann V, et al. JAMA Cardiology. 2020;5:1265-73
10. Metkus et al. Circulation 2021;143:553-565
11. Halushka MK, Vander Heide RS. Myocarditis is rare in COVID-19 autopsies:
cardiovascular findings across 277 postmortem examinations. Cardiovasc Pathol 2020;50:107300
12. Daniels CJ, et al. JAMA Cardiol.Pub online May 27, 2021. doi:10.1001/jamacardio.2021.2065
13. Joy G et al. JACC Cardiovasc Imaging 2021;14:2155-2166
14. Caforio et al. Clinically Suspected and Biopsy-Proven Myocarditis Temporally Associated with SARS-CoV-2 Infection. Annu Rev Med 2022. 73: 10.1-10.18.
15. McCracken JR, Circulation 2021;143:865-68
16. Maccio U et al. EBioMedicine 2021;63:103182
17. Lawrence JM et al Nature Medicine 2021. Doi.org/10.1038/s41591-021-01535-y
18. Mehra MR, Desai SS, Ruschitzka F, Patel AN. Lancet 2020: doi.org/1016/S0140-6736(20)31180-6
19. Mehra MR et al. Cardiovascular diesease, drug therapy, and mortality in Covid-19. N Engl J Med 2020;382:e102
20. Lee RC et al. JAMA Internal Medicine 2021. Doi:10.1001/jamainternmed.2021.4112

Thrombozytopenie als Zufallsbefund: Artefakt, erworben oder hereditär?

Die Vorgänge der Blutgerinnung werden durch ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Zahl und Funktion der Blutplättchen und der plasmatischen Gerinnungskaskade bestimmt. Blutungsbilder in der Praxis sind häufig. Thrombozytopenien können häufig erworben oder selten angeboren sein, sich über Monate abzeichnen oder aber praktisch über Nacht zutage treten. Ein präanalytisches Problem soll neben den klinischen differentialdiagnostischen Überlegungen immer in Erwägung gezogen werden. In jedem Fall gilt es, sich eine Übersicht des gesamten Blutbildes zu verschaffen. Der Ort der Blutung (Haut, Schleimhaut), der auslösende Faktor (inadäquates Trauma oder spontan), die Form der Blutungsmanifestation (Petechien als Zeichen) und der Zeitfaktor (pathologisch verlängerte Blutung, Alter) lassen an eine thrombozytopenische Blutung denken.

The processes of blood coagulation are determined by a fascinating interplay between the number and function of platelets and the plasmatic coagulation cascade. Thrombocytopenias may be often acquired or in rare cases congenital, may become apparent over months, or may appear virtually overnight. A preanalytical problem should always be considered as a causative factor beside the clinical differential diagnosis. In any case, it is important to obtain an overview of the complete blood count and morphology. Bleeding patterns in practice are common. Site of bleeding (skin, mucosa), precipitating factor (inadequate trauma or spontaneous), form and signs of bleeding (purpura) and time factor (pathologically prolonged bleeding, age) suggest thrombocytopenic bleeding.
Key Words: Thrombocytopenia, autoimmune thrombocytopenia, congenital thrombocytopenia, hemostasis disorder, acquired and congenital bleeding tendency.

Erworbene Thrombozytopenien

Pseudothrombozytopenie / Satellitenbildung

Thrombozyten neigen in vitro dazu, Aggregate zu bilden. Begünstigend auf dieses Phänomen wirken Aktivierung der Plättchen durch traumatische Venenpunktionen, wobei auch die Art des Antikoagulans, mit dem das Blutröhrchen versehen ist, von Bedeutung ist. Plättchenklumpen können bei sämtlichen Monovetten vorkommen, sind im Citratblut aber um ein Vielfaches seltener als im üblicherweise für Blutbilder verwendeten EDTA-Röhrchen. Dieses Verklumpen führt zu falsch tiefen Plättchenzahlen in automatisierten Analysegeräten und geschieht unabhängig von dem gewählten Hämatologie-Analysesystem: Im Impedanzmessprinzip, wie es in den meisten Praxen Verwendung findet, werden Blutbestandteile in einer Volumenverteilungskurve aufgetragen, mit dem Nachteil, dass besonders grosse oder eben verklumpte Thrombozyten fälschlicherweise als kleine Erythrozyten oder als Lymphozyten registriert werden. In der hydrodynamischen Fokussierung mit Durchflusszytometrie (grosse Blutbildautomaten), wie sie in Spitälern angewendet werden, finden sich zwar integrierte Regelwerke, die auf eine mögliche Pseudothrombopenie durch Verklumpung hinweisen, aber der verlässlichste Weg, den Verdacht zu bestätigen, ist und bleibt die mikroskopische Beurteilung.

Die Satellitenbildung ist ein weiteres In-vitro-Phänomen, wie es hauptsächlich im EDTA-Blut vorkommt: Rosettenartig lagern sich dabei die Plättchen an die Membran der Neutrophilen (Abb. 1) mit folglich falsch tiefen Thrombozytenwerten.

Beide Phänomene (Pseudothrombozytopenie und/oder Satellitenbildung) beruhen auf folgendem Mechanismus. EDTA als Kalzium-Chelator entnimmt Kalzium-Ionen aus der tertiären Struktur des Fibrinogenrezeptors GPIIb/IIIa auf der Plättchenmembran. Dies verändert die Symmetrie des Rezeptors so weit, dass ein kryptisches Epitop aufgedeckt wird. Dieses wird von zufälligen sonst nicht pathogenen Autoantikörpern (IgG-Moleküle) erkannt und gebunden, was zur Aneinanderhaftung der Plättchen (Plättchenaggregate) oder zu den Neutrophilen (Satellitenbildung) führt.

Autoimmunthrombopenie (ITP)

Die Immunthrombozytopenie, ITP auch Morbus Werlhof, wird im Kindesalter oft als vorübergehende Begleiterscheinung eines Infekts beobachtet. Mit zunehmendem Alter werden chronische Verlaufsformen häufiger (Prävalenz 1:10 000). Ursächlich zeichnen eine Vielzahl immunologischer Dysregulationen verantwortlich für diese Form des Plättchenmangels. Es handelt sich in der Regel um eine isolierte, nicht selten mittelschwer- bis schwergradige Thrombozytopenie, die durchaus mit Blutungskomplikationen einhergehen kann. Die ITP ist praktisch eine Ausschlussdiagnose und wird meistens erfolgreich medikamentös behandelt. Es haben sich diverse Neuerungen im Bereich der medikamentösen Therapie (Steroid-Stoss-Therapie, Thrombopoietin-Rezeptor-Agonisten) durchgesetzt, so dass eine Splenektomie als Behandlung sich nur in äusserst refraktären Fällen anbietet.

Medikamentenbedingte Thrombozytopenien

Zahlreiche Medikamente wurden als Auslöser einer Thrombozytopenie beschrieben. Am häufigsten wurden Reaktionen mit Chinidin, Chinin-haltigen Produkten, Penicillinen, Ranitidin, Methyl­dopa, Procainamid berichtet. Das Medikamentenmolekül wird durch Opsonisierung zum Antigen und ruft Antikörper hervor. Letztere erkennen zufällig Epitope auf den Membranrezeptoren der Plättchen, welche dann als «innocent bystanders» in der Peripherie schneller eliminiert werden. Das Absetzen des Medikamentes korrigiert die Thrombozytopenie und die Wiederaufnahme führt zu einem Rezidiv.

Die Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) ist nach wie vor ein häufig anzutreffendes Phänomen im Klinikalltag und wird Antikörper-mediiert hervorgerufen, in der Regel durch das dort geläufigere unfraktionierte Heparin. Seltener, sind es niedermolekularen Heparine, die eine HIT auslösen können. Diagnostisch wird als erstes der spezifische 4T-Score für die Schätzung der klinischen Vortestprobalilität errechnet. Labortechnisch wird die Diagnose durch den Nachweis von anti-PF4/Heparin Antikörpern bestätigt. Therapeutisch wird auf alternative Antikoagulanzien wie Argatroban (Argatra®), danaparoid (Orgaran®), Fondaparinux (Arixtra®) oder direkte orale Antikoagulanzien (DOAC) umgestellt.

Andere Ursachen

Weitere Formen erworbener Thrombozytopenien stellen der Hypersplenismus bei Leberzirrhose, die Schwangerschaftsthrombopenie, die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC), die mikroangiopathischen Thrombozytopenien (thrombotisch thrombozytopenische Purpura TTP, hämolytisch urämisches Syndrom HUS), wie auch maligne hämatologische Erkrankungen und die Tumor-spezifischen Chemotherapien dar (Tab. 1). Bei den mikroangiopathischen Thrombozytopenien besitzt die morphologische Erkennung der Fragmentozyten oder Schistozyten in der mikroskopischen Beurteilung des peripheren Blutausstriches grossen diagnostischen Wert.

Hereditäre Thrombozytopenien

Das Erkennen angeborener Formen der Thrombozytopenie ist von grosser Wichtigkeit, zum einen, um korrekte therapeutische Massnahmen (z.B. perioperative Gerinnungskontrolle) zu definieren, zum anderen, um die Betroffenen vor unnötigen diagnostischen Schritten oder unsachgemässen Therapieversuchen zu bewahren: Fälle von als «einfache» Immunthrombopenie verkannten angeborenen Thrombozytopenien mit folglich langjähriger Gabe immunsupressiver Agenzien bis hin zur infausten Splenektomie sind beschrieben (Tab. 1).

Makrothrombozytopenien

Bei der sogenannten Makrothrombozytopenie kann bereits aufgrund der mikroskopischen Analyse eines Blutausstrichs der Verdacht darauf geäussert werden: diverse Gendefekte im MYH9 Gen (Myosin-Gen, in den meisten Fällen autosomal dominant vererbt) führen zu verfrühtem Übertritt der Thrombozyten vom Knochenmark ins periphere Blut, mit sichtbaren Riesenthrombozyten und gegebenenfalls charakteristischen zytoplasmatischen Inklusionen in den Leukozyten. Im maschinellen Blutbild fällt das pathologisch erhöhte mittlere Plättchenvolumen (MPV) auf.

Zu den MYH9-assoziierten Makrothrombozytopenien gehören die May-Hegglin-Anomalie mit charakteristischen zytoplasmatischen Inklusionskörperchen in den Neutrophilen (Döhle Bodies), das Epstein-Syndrom, das sich mit Innenohrschwerhörigkeit und Nephritis klinisch äussert, das Fechtner-Syndrom, mit zusätzlicher Neigung zu präsenilem Katarakt, und das Sebastian-Syndrom. In den genannten Formen erreicht die Thrombozytenzahl in der Regel Werte zwischen 30 und 100 G/L. Klinisch dominieren entsprechend eher Blutergüsse, Ekchymosen und übermässige Regelblutungen.

Petechien sind untypisch. Nicht selten sind die Indexpatientinnen einer Familie mit hereditärer Makrothrombozytopenie junge Frauen in Abklärung eines Eisenmangels. Die vermehrte Blutungsneigung resultiert aus einem instabilen Plättchenthrombus. Der unauffällige zytomorphologische und histopathologische Befund im Knochenmark (durchreifende, allenfalls leicht gesteigerte Megakaryopoiese) ist mitunter Grund für Fehldiagnosen wie die der Immunthrombozytopenie. Eine Knochenmarkpunktion ist entsprechend nicht zielführend. Die Mikroskopie des peripheren Blutausstrichs ist umso mehr ein unerlässliches Mittel zum Screening. Zudem geben moderne Blutbildgeräte das mittlere thrombozytäre Volumen (MPV) erhöht an. In manchen Geräten werden die grossen Plättchen fälschlicherweise den Erythrozyten oder den Leukozyten zugeordnet. Plättchenfunktionstests (Plättchenaggregation nach Born), wie sie an grösseren Laboratorien angeboten werden, zeigen keine Auffälligkeiten bei MYH9-assoziierten Makrothrombozytopenien.

Bernard Soulier Syndrom (BSS)

Auf andere Weise kommt es beim BSS zu einer Blutungsneigung: Durch den fehlenden Glykoprotein Ib/IX-Rezeptor auf den Plättchen sind diese nicht dazu in der Lage, über den von Willebrand Faktor an das verletzte Gefässendothel anzuheften (Adhäsion). Die Plättchengrösse kann erhöht sein, die Thrombozytopenie ist aber eher mild mit 100 bis 120 G/L. Plättchenfunktionstests erlauben die Unterscheidung von MYH9-bedingten Makrothrombozytopenien (normale Funktion) und von Willebrand Syndromen (abnorme Funktion). Die Diagnose wird durchflusszytometrisch als Fehlen der GPIb/IX-Komplexe auf der Plättchenmembran bzw. molekulargenetisch bestätigt. Besonders tückisch sind die heterozygoten Formen, weil sie wegen der normalen Plättchenfunktion fälschlicherweise als ITP diagnostiziert werden können, wenn nicht gezielter abgeklärt wurde.

Gray platelet Syndrom

Diese wie das BSS autosomal rezessiv vererbte Thrombozytopenie will an dieser Stelle erwähnt sein, um den Stellenwert des Blutausstrichs noch einmal speziell hervorzuheben. Die vergrösserten und in ihrer Anzahl verminderten Plättchen sind vollständig degranuliert, was das charakteristische blassgraue Erscheinungsbild und die entsprechende Namensgebung erklärt. Vorsicht ist hier geboten, dem seltenen Artefakt eines «pseudo-gray platelet syndroms», welches durch Degranulierung der Plättchen wegen prolongierter Wirkung des EDTA im Blutentnahmeröhrchen hervorgerufen wird. Meistens sind aber diese Plättchen nicht derart vergrössert wie im echten Syndrom.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Wege zur Optimierung der Hämostase bei hereditären Thrombozytopenien im Sinne eines Konzepts bei Bedarf, reichen von rein prophylaktischen Massnahmen (Verzicht auf Plättchenaggregations-hemmende Medikamente) über supportive und medikamentöse Möglichkeiten (Desmopressin zur Steigerung der Koagulabilität, Tranexamsäure zur Aufhebung der endogenen und lokalen Fibrinolyse).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Adrian Bachofner

Klinik für Hämatologie, Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

adrian.bachofner@usz.ch

Prof. Dr. med. Dimitrios A. Tsakiris

 SYNLAB Suisse SA
Alpenquai 14
6002 Luzern

dimitrios.tsakiris@usb.ch

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Die isolierte Thrombozytopenie ist ein erklärungsbedürftiger Befund.
◆ Eine «Pseudothrombozytopenie» soll immer proaktiv ausgeschlossen werden.
◆ Die Autoimmunthrombozytopenie ITP, eine nicht seltene Form der Thrombozytopenie im Alltag, ist praktisch eine Ausschlussdiagnose.
◆ Neben zahlreichen benignen erworbenen Gründen kann die Thrombozytopenie auch Erstmanifestation einer malignen hämatologischen Erkrankung sein.
◆ Die seltenen hereditären Makrothrombozytopenien werden manchmal als Autoimmunthrombozytopenien verkannt und entsprechend unnötigerweise als solche behandelt.

 

1. Nagler M, Keller P, Siegrist D, Alberio L. A case of EDTA-dependent pseudothrombocytopenia: simple recognition of an underdiagnosed and misleading phenomenon. BMC Clin Pathol 2014;14:19.
2. Noris P, Pecci A. Hereditary thrombocytopenias: a growing list of disorders. Hematology Am Soc Hematol Educ Program 2017(1):385-399
3. Kumar R, Kahr W. Congenital Thrombocytopenia: Clinical Manifestations, Lab- oratory Abnormalities, and Molecular Defects of a Heterogeneous Group of Conditions. Hematol Oncol Clin N Am 2013; 27:465–494
4. Provan D, et al. Updated international consensus report on the investigation and management of primary immune thrombocytopenia Blood Advances Nov 3;2019(22): 3780-3817
5. Bakchoul T, Marini I. Drug-associated thrombocytopenia. Hematology Am Soc Hematol Educ Program. 2018. Nov 30;2018(1):576-583
6. Neunert C, et al. American Society of Hematology 2019 guidelines for immune thrombocytopenia. Blood Advances Dec 3; 2019 (23): 3829-3866

Aktuelles zur Nahrungsmittelallergie

Für die Abklärung einer Nahrungsmittelallergie sind IgE-Bestimmungen auf rekombinante Allergene, nebst der Anamnese und den Prick-Hauttesten, nicht mehr wegzudenken. Für den Spezialisten bedeutet der Einsatz der ISAC-Technologie, welche die spezifischen IgE-Antikörper gegen 103 Allergen-Komponenten im Serum bestimmt, eine neue Ära. Diese Methode ermöglicht einen detaillierten Einblick in das Sensibilisierungsprofil des Patienten und liefert Informationen über spezifische und kreuz­reaktive Sensibilisierungen, die die Diagnose, die Risikoeinschätzung und die Therapieempfehlung erleichtern. Im EU-Projekt EuroPrevall konnten Sensibilisierungsmuster auf die wichtigsten Nahrungsmittel in Europa, inklusive der Schweiz (Zürich), ermittelt werden sowie Faktoren, welche die Entwicklung einer Nahrungsmittelsensibilisierung begünstigen oder hemmen. Neuere Studien konnten lokale Mechanismen identifizieren, welche beim Reizdarm (Colon irritabile) die gastro-intestinale Symptomatik bei sonst negativer allergologischer Abklärung erklären, was neue therapeutische Möglichkeiten bei diesen Patienten erlauben würde.

For the clarification of a food allergy, IgE determinations to recombinant allergens, in addition to the anamnesis and the prick skin tests, can no longer be thought away. For the specialist, the use of ISAC technology, which determines the specific IgE antibodies against 103 allergen components in serum, represents a new era. This method allows a detailed insight into the sensitisation profile of the patient and provides information about specific and cross-reactive sensitisations, which facilitate diagnosis, risk assessment and therapy recommendations. The EU project EuroPrevall has identified sensitisation patterns to major foods in Europe, including Switzerland (Zurich), and factors that promote or inhibit the development of food sensitisation. Recent studies have identified local mechanisms that explain the gastrointestinal symptoms of irritable bowel syndrome (colon irritabile) in the case of otherwise negative allergological clarification, which would allow new therapeutic options in these patients.
Key Words: food allergy, IgE determinations, ISAC technology, EuroPrevall

Bekanntlich begann Anfangs der siebziger Jahre eine neue Ära für die Allergologie, insbesondere für die Diagnostik der Nahrungsmittelallergie, mit der Einführung des «Radio Allergo Sorbent Test» (RAST) für die Bestimmung der allergen-spezifischen Serum IgE. Auch wurde in diesen Jahren die Hauttestung mit der Prick-Methode mit nativen Nahrungsmitteln (insbesondere Früchte und Gemüse) eingeführt. In den achtziger Jahren wurden die verschiedenen Syndrome der pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien, insbesondere das «Beifuss-Sellerie-Gewürz-Syndrom», beschrieben. In den skandinavischen Ländern war die Allergie auf Frischobst und Frischgemüse mit einer Birkenpollensensibilisierung assoziiert und das klinische Bild entsprach häufig einem «Oralen Allergiesyndroms». In der Dekade 1990-2000 wurde als neues Phänomen eine ganze Serie von tödlichen allergischen Reaktionen auf Nahrungsmittel publiziert, auch Einzelfälle in der Laienpresse. Diagnostisch etablierte sich als «gold standard» die doppelblinde, Placebokontrollierte orale Nahrungsmittelprovokation (DBPCFC). Viele, auch bedrohliche allergische Reaktionen auf «versteckte» Allergene in der Nahrung oder als ungewöhnliche Auslösewege konnten ermittelt werden, z.B. durch Küssen oder beim Geschlechtsverkehr. Allgemein zeigte sich, parallel zur Zunahme der Pollenallergie, auch eine Zunahme der pollen-assoziierten Nahrungsmittelallergien.

Nahrungsmittelallergien in den letzten zwei Dekaden

In den Jahren ab 2000 erfolgte die molekulare Charakterisierung von Pollen- und Nahrungsmittel-Allergenen (Epitope) und somit die molekulare Basis von Kreuzreaktivitäten (Abb. 1 und 2) (1-5).

IgE-Bestimmungen gegen rekombinante Allergene der Leitpollen von Birke und Gräser sind heute für die Einleitung einer spezifischen Immuntherapie nicht mehr wegzudenken (6), das gleiche gilt für die Diagnostik der Nahrungsmittelallergie (7). Einen weiteren grossen Fortschritt für die Allergiediagnostik bedeutete die Einführung der ISAC-Technologie (Immuno Solid-phase Allergen Chip) (8).
Dieses Verfahren ermöglicht die Messung von spezifischen IgE-Antikörpern gegen 103 Allergen-Komponenten mit nur einem Tropfen Serum, Plasma oder Kapillarblut. Es handelt sich dabei um den ersten In-Vitro-Test, der ausschliesslich mit hochaufgereinigten nativen und rekombinanten Allergenkomponenten arbeitet. Der Nutzen von ISAC konnte bei einem breiten Spektrum allergischer Erkrankungen demonstriert werden (9, 10). Diese Methode ermöglicht Ärzten einen detaillierten Einblick in das Sensibilisierungsprofil des Patienten und liefert Informationen über spezifische und kreuzreaktive Sensibilisierungen, die die Diagnose, die Risikoeinschätzung und die Therapieempfehlung erleichtern (11). Das breite Allergenspektrum auf dem Allergenchip kann unerwartete Sensibilisierungen gegen Allergene aufdecken, die nicht Bestandteil der Routinediagnostik sind, aber Symptome verursachen oder mit einem Risiko für schwere Reaktionen assoziiert sind (12-13).

Das EU-Projekt EuroPrevall

Ende der ersten Dekade dieses Jahrhunderts startete das ambitiöse EU-Projekt EuroPrevall (The prevalence, cost and basis of food allergy across Europe), an welchem für die Schweiz auch Frau Prof. Barbara Ballmer-Weber teilnimmt. Dieses Projekt hat als Ziel, Formen und Häufigkeit von Lebensmittelallergien bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen in Europa zu ermitteln, verbesserte Methoden zur Diagnose zu entwickeln, um die Notwendigkeit von Provokationstests zu reduzieren und Auswirkungen von Lebensmittelallergien auf die Lebensqualität zu bestimmen sowie die dadurch verursachten Kosten für die Betroffenen selbst, ihre Familien, die Arbeitgeber und das Gesundheitssystem zu vermindern. Die neuen Erkenntnisse sollen die notwendigen Informationen und Instrumente für Politik und Lebensmittelindustrie liefern, um die Lebensqualität der Lebensmittelallergiker in Europa zu verbessern (14, 15). Im EuroPrevall Projekt konnten Sensibilisierungsmuster in Europa, inklusive der Schweiz (Zürich), ermittelt werden (16) (Abb. 3 und 4). Serologisch getestet wurden Fisch, Hühnerei, Soya, Linsen, Buchweizen, Sesam, Roggen, Crevette, Weizen, Kiwi, Karotten und Pfirsich, nicht aber Sellerie. Bei Pfirsich besteht eine Kreuzsensibilisierung mit Birkenpollenallergenen Betv1 und Betv2, deshalb die hohe Prävalenz in Zürich (Abb. 3). Überhaupt zeigt Zürich gegenüber den anderen EU-Zentren (insgesamt 18%) mit 24% die höchste Quote von Nahrungsmittelsensibilisierungen (Abb. 4). In dieser Statistik wurde auch Knollensellerie (Celeriac) mit einer Prävalenz von 12% berücksichtigt.

Eine weitere Studie beschäftigte sich mit der Prävalenz der «self-reported food allergy» (SRFA), der Nahrungsmittelsensibilisierung (NMS) und der wahrscheinlichen Nahrungsmittelallergie (wNMA) bei Kindern (17). Die Prävalenz der SRFA variierte von 6.5% (95% CI) in Athen bis zu 24.6% (22.8-26.5) in Lodz; die Prävalenz der NMS erstreckte sich von 11.0% (9.7-12.3) in Reykjavik bis zu 28.7% (26.9-30.6) in Zürich. Die Prävalenz der wNMA rangierte von 1.9% (0.8-3.5) in Reykjavik bis zu 5.6% (3.6-8.1) in Lodz. In allen Zentren hatten primär die meisten Probanden mit einer NMS keine kreuzreaktive Sensibilisierung mit Inhalationsallergenen, ausser in Nord-Zentral-Europa, wo eine Kreuzsensibilisierung mit Birkenpollen im Vordergrund stand. Eine wNMA auf Milch und Hühnerei ist gewöhnlich für Europa, auf Fisch und Garnele vor allem in den Mediterranen Zentren und in Reykjavik. Haselnuss, Apfel, Karotte und Sellerie waren prädominant in Nord-Zentral-Europa, während Linsen und Walnuss in den mediterranen Zentren vorherrschen.

Weitere Studien im Rahmen des EuroPrevall-Netzwerkes beschäftigten sich mit der Erdnuss-Allergie insbesondere mit dem Sensibilisierungsmuster (Erdnussallergene rAra h 1–3, 6, 8–9, Profilin und CCD). Die Sensibilisierung auf Ara h 1, 2 and 3 wird in der Regel in der Kindheit erworben. Ein IgE-Wert auf Ara h 2 ≥ 1.0 kUA/l ist signifikant assoziiert mit dem Auftreten einer generalisierten anaphylaktischen Reaktion auf Erdnuss (18).

Eine weitere Studie setzte sich mit den Faktoren auseinander, die die Entwicklung einer NMS begünstigen oder hemmen (19). Die Haltung eines Hundes in der früheren Kindheit war umgekehrt assoziiert mit der NMS (odds ratio, 0.65; 95% CI, 0.48-0.90) sowie ein höheres Alter bei der Geburt (odds ratio, 0.93(95% CI, 0.87-0.99). Ein jüngeres Schwangerschaftsalter und ein männliches Geschlecht waren mit einer höheren Inzidenz einer NMS bei Erwachsenen assoziiert (odds ratio, 0.97 (95% CI, 0.96-0.98). Es wurde keine signifikante Assoziation zwischen anderen Umgebungsfaktoren und einer NMS bei Kindern oder Erwachsenen gefunden und – entgegen den heutigen Empfehlungen – auch nicht zwischen einer Säuglingsdiät und einer kindlichen NMS, obwohl eine frühere Einführung einer soliden Nahrung ein Trend bezüglich Prävention einer NMS zeigte (19).

ein lokal-allergisches Geschehen?

Sucht ein Patient einen Arzt auf, um seine chronische Magendarmbeschwerden, wie Durchfälle, Blähungen, Koliken, usw., abzuklären, ist er häufig der Meinung, dass die Ursache dafür eine Allergie auf Nahrungsmittel sei. Bei Beschwerden, die vorwiegend den Darmtrakt betreffen, ist aber tatsächlich eine Nahrungsmittelallergie selten im Spiel. Sind organische Magendarmleiden ausgeschlossen, ist an enzymatischen Intoleranzen, wie an Laktose- oder Fruktose-Intoleranz, an Zöliakie oder an Reizdarm («irritable bowel syndrome») zu denken (20-22). Der Patient mit einem Reizdarm ist dann häufig enttäuscht, dass man schulmedizinisch «seine» Nahrungsmittelallergie nicht herausfinden konnte und sucht deshalb Hilfe bei ungeprüften, alternativen Diagnose-Methoden!

Ein neuer, wichtiger pathogenetischer Aspekt bei gastrointestinaler Nahrungsmittelintoleranz (Beschwerdefreiheit bzw. Linderung der Magen-Darm-Symptomatik bei spezifischer Ausschlussdiät und negativen Haut- und IgE-Bestimmungen, Zöliakie ausgeschlossen), an welcher schätzungsweise bis zu 20% der Bevölkerung leidet, ergibt sich aus einer zu Beginn des Jahres 2021 veröffentlichten tierexperimentellen und humanen Studie (23, 24). Die Autoren um J. Aguilera-Lizzarraga, Leuven, BE, konnten an Mäusen zeigen, dass bakterielle Infektionen und bakterielle Toxine eine lokale Immunantwort triggern können, welche zur Produktion Antigen-spezifischer IgE-Antikörper führen, welche nur in der Darm-Mucosa lokalisiert bleiben. Nach oraler Reexposition mit dem spezifischen Nahrungsmittel kommt es zum IgE-abhängigen, Mastzellenmediierten Mechanismus mit entsprechenden gastro-intestinalen Beschwerden. Auch die Applikation des entsprechenden Nahrungsmittelantigens (Gluten, Weizen, Soja oder Milch) in die rektosigmoidale Schleimhaut von Patienten mit Reizdarm (irritable bowel syndrome) löste ein lokales Ödem und eine Mastzell-Aktivierung aus. Die Autoren konnten somit einen lokalen Mechanismus identifizieren, der die gastro-intestinale Symptomatik bei sonst negativer allergologischer Abklärung erklärt, was neue therapeutische Möglichkeiten bei Patienten mit Reizdarm erlaubt.

Verdankungen: Der Autor dankt Frau Prof. Barbara K. Ballmer-Weber für die Hinweise auf die EuroPrevall-Studie, an welcher das Zentrum Zürich beteiligt ist und für die Überlassung der Abb. 2, 3 und 4.
Herr Frank Feistle, Dustri-Verlag GmBH sei gedankt für die Erlaubnis eine modifizierte Teilpublikation aus dem Artikel «Sechs Dekaden Nahrungsmittelallergie» in der Zeitschrift Allergologie. 2021; 44/7: 551-588.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. em. Brunello Wüthrich

Langjähriger Leiter der Allergiestation
der Dermatologischen Klinik,
Universitätsspital Zürich,
Im Ahorn 18, 8125 Zollikerberg

bs.wuethrich@bluewin.ch

Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel bestehen. .

◆ IgE-Bestimmungen auf rekombinante Allergene stehen heute für die Abklärung einer Nahrungsmittelallergie im Vordergrund.
◆ Microarray-basierte Allergenchips (ISAC) erlauben die simultane
Testung eines ganzen Panels von Allergenen um die für den jeweiligen Patienten relevanten Allergene zu identifizieren.
◆ Einsatzmöglichkeiten von ISAC bestehen v. a. bei polysensibilisierten Patienten, bei komplexen Nahrungsmittelallergien oder bei Anaphylaxie unklaren Ursprungs.
◆ Im EuroPrevall Projekt wurden Sensibilisierungsmuster in Europa, inklusive der Schweiz (Zürich), erfasst.
◆ Zürich zeigt mit 24% die höchste Quote von Nahrungsmittelsensibilisierungen, auf Sellerie mit 12%.
◆ Ein IgE-Wert auf die Erdnusskomponente Ara h 2 von ≥ 1.0 kUA/l ist signifikant assoziiert mit dem Auftreten einer generalisierten anaphylaktischen Reaktion auf Erdnuss.
◆ Lokale Immunmechanismen könnten die gastro-intestinale Sympto­matik bei sonst negativer allergologischer Abklärung bei Patienten mit Reizdarm erklären.

 

1. Lüttkopf D, Ballmer-Weber B, Wüthrich B, Vieths S. Celery allergens in patients with positive double-blind placebo-controlled food challenge. J Allergy Clin Immunol 2000; 106: 390-399.
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3. Schmid-Grendelmeier P, Crameri R. Recombinant allergens for testing and immumnotherapy. Int Arch Allergy Immunol 2001; 125: 96-111.
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8. www.ImmunoCAP ISAC (immunocapexplorer.com) /de-AT/tests-testsysteme/immunocap-isac.
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11. Valenta R, Lidholm J, Niederberger V, et al. The recombinant allergen-based concept of component-resolved diagnostics and immunotherapy (CRD and CRIT). Clin Exp Allergy. 1999; 29: 896-904.
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13. Gassner M, Gehrig R, Schmid-Grendelmeier P. Hay Fever as a Christmas Gift. N Engl J Med. 2013;368(4):393-4.
14. Fankhänel S. EuroPrevall. Prävalenz, Kosten und Ursachen von Lebensmittelallergien in Europa. Ernährung – Wissenschaft und Praxis 2008; 2: 22–25.
https://doi.org/10.1007/s12082-008-0125-8
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19. Lyons SA, Knulst AC, Burney PGJ, Fernandez-Rivas M, Ballmer-Weber BK et al. Predictors of Food Sensitisation in Children and Adults across Europe. J Allergy Clin Immunol Pract. 2020; 8: 3064-3073.
20. Wüthrich B. Unverträglichkeitsreaktionen nach Nahrungsaufnahme (Teil 1).
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24. Brierley SM. Food for thought about the immune drivers of gut pain. News & views Nature 2001; 1-2. doi: https://doi.org/10.1038/d41586-020-03661-y

Long Covid – Erfahrungen aus der interprofessionellen Sprechstunde

Seit Mai 2021 werden am Stadtspital Zürich Waid Long Covid-Patienten in einer spezialisierten internistisch geführten Sprechstunde gesehen. Die Patienten werden interprofessionell betreut und abgeklärt. Erfahrungen aus dieser Sprechstunde und der aktuelle Wissensstand zu Long Covid sollen hier diskutiert und ausgeführt werden.

Since Mai 2021 Internal Medicine Stadtspital Zurich Waid runs a specialized out-patient clinic for Long Covid Patients. In an interprofessional setting are patients cared for. Experiences from this work and the current state of knowledge on this syndrome will be discussed here.
Key Words: Fatigue, Post-Exertional Malaise (PEM), interprofessionelle Therapie, Energie- und Pausenmanagement, Pacing

Nach einer durchgemachten milden Covid-Infektion kommt es häufig zu Symptomen, die Wochen bis Monate andauern: über Müdigkeit, Belastungsintoleranz, kognitive Probleme, Schmerzen etc. wird berichtet. Umgangssprachlich wird dieses Syndrom als «Long Covid» bezeichnet. Eine neue Erkrankung, die auch gerne als «Pandemie nach der Pandemie» bezeichnet wird. Was wissen wir darüber? Und wie können diese Patienten sinnvoll abgeklärt und betreut werden?

Begriffserklärung

Es hilft in der Betreuung der Patienten einige Begriffsdefinition zu kennen, um damit die Patienten optimal zu triagieren. Die WHO definiert die Erkrankung als «Post Covid Condition» und spricht dabei von anhaltenden Beschwerden > 4 Wochen nach akutem Infekt. Die NICE Guidelines unterteilen im zeitlichen Verlauf feiner (1): es wird die Definition «Ongoing symptomatic Covid» vom «Post-Covid-19 Syndrome» abgegrenzt. Erstere beschreibt eine anhaltende Symptomatik 4 bis 12 Wochen nach akutem Infekt, wohingegen der Begriff «Post-Covid-19 Syndrome» verwendet wird, wenn nach 12 Wochen noch Symptome vorliegen. Diese zeitliche Unterteilung der Erkrankung macht Sinn, denn die Erfahrung zeigt, dass die Symp­tomenlast über die ersten 12 Wochen abnehmen kann (2).

Den umgangssprachlich gebräuchlichen und vor allem von den Betroffenen selber geprägte Überbegriff «Long Covid» wird in der zeitlichen Definition nicht einheitlich benutzt. Dieser Begriff wird häufig für Patienten verwendet, die nach einer milden akuten Erkrankung noch Wochen unter Symptomen leiden. Davon abzugrenzen sind «Post-akut-Covid-Patienten», die nach einem schweren Covid-Infekt strukturelle Veränderungen (Lunge, Herz etc.) zeigen. Diese Unterscheidung anhand (nicht-) nachzuweisender somatischer Pathologien und akutem Verlauf macht Sinn, da die Patienten von unterschiedlichen Betreuungssettings profitieren. Gerade nach mildem Verlauf wird häufig über persistierende Symptome berichtet: rund 39% der nicht-hospitalisierten Patienten kämpfen auch nach 7 – 9 Monate noch mit einem oder mehr Symptomen (3) und es gibt Hinweise, dass Patienten mit mildem Verlauf sogar ein erhöhtes Risiko haben, ein Long Covid zu entwickeln (4).

Im Sinne dieser Definitionen wird hier ausschliesslich über das «Post-Covid-19 Syndrome» nach mildem Verlauf berichtet und entsprechend der Begriff «Long Covid» verwendet – an diese Patienten wendet sich auch unsere Sprechstunde.

Symptome

Bereits früh in der Pandemie zeigte sich die Symptomenvielfalt einer Long Covid Erkrankung. Prädominant wurden die Symptome Fatigue, Schmerzen (inkl. Thoraxschmerzen), Husten und Atemnot im 2020 beschrieben (5). Die in Tabelle 1 zusammengestellten Symptome sind die häufig genannten in unserer Sprechstunde und können in der Literatur (allerdings mit grosser Streubreite, je nach Studiendesign) objektiviert werden.

Eine einheitliche Definition der Erkrankung anhand der Symptome existiert nicht. Viel eher muss die Diagnose anhand verschiedener Symptomencluster, für die es keine andere Erklärung gibt, vermutet werden.

Die FATIGUE als Leitsymptom wird gemäss CDC (im Zusammenhang mit ME/ CFS) folgendermassen definiert:

  • Eine substantielle Verschlechterung des möglichen Aktivitäts­levels im Vergleich zur Zeit vor der Erkrankung
  • Post - Exertional Malaise (PEM)
  • Nicht erholsamer Schlaf

In diesem Zusammenhang muss die Definition der POST-EXERTIONAL MALAISE (PEM) bekannt sein. Wir nutzen dazu die Definition des Institute of Medicine (IOM) von 2015:

  • Verschlechterung der Symptome nach physischer, mentaler oder emotionaler Anstrengung, die vor der Erkrankung keine Beschwerden verursacht hätte
  • PEM ist ein Rückfall, der Tage, Wochen oder noch länger anhalten kann
  • Auch eine Überreizung (Licht und Lärm) kann PEM induzieren
  • Der Rückfall manifestiert sich meist 12 bis 48 Stunden nach der Aktivität oder der Exposition

Viele Patienten beklagen auch KOGNITIVE DEFIZITE wie «Brain Fog», Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen und Unfähigkeit zu Multitasking. Abklärungen diesbezüglich mittels Lumbalpunktion sind nicht wegweisend (8) wie auch in der Bildgebung und der kognitiven Testung bei nicht-hospitalisierten Patienten selten grosse Auffälligkeiten gefunden werden (9). Eine Art Neuroinflammation wird als Ursache postuliert. Diese Defizite sollten in der Betreuung mindestens teilweise im Rahmen einer kognitiven Fatigue gewertet und entsprechend behandelt werden.

Kann die Fatigue mit PEM herausgearbeitet werden, liegen neue und unklare Symptomencluster wie Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Atembeschwerden, Hautveränderungen etc. vor, sind keine somatischen Ursachen auszumachen und entspricht der zeitliche Verlauf den obgenannten Kriterien, kann die Diagnose Long Covid gestellt werden.

Epidemiologie/ Risikofaktoren

Zur Prävalenz gibt es divergierende Angaben von 2% bis 80% je nach Studiendesign (Art der eingeschlossenen Patienten, Befragungszeitraum, Befragungsart etc). Eine grosse Schweizer Kohorte publiziert im Herbst 2021 berichtet von rund 25% vornehmlich jungen Betroffenen – wobei auch hier zu beachten ist, dass die Befragungsgruppe heterogen war und nicht alle Patienten gleich stark betroffen sind (10).

In der Prävention geht es darum, akute Infekte zu verhindern. Auch gibt es Hinweise, dass die Impfung einen protektiven Effekt hat: geimpfte Patienten scheinen, trotz durchgemachtem Infekt, ein tieferes Risiko zu haben (11).

Risikofaktoren wie Übergewicht, Hypertonie, weibliches Geschlecht, psychiatrische Vorerkrankung (6) aber auch Anosmie, tieferer Antikörperspiegel und Durchfall während des akuten Infektes werden als Risikofaktoren diskutiert (12). Ob sich die Omikronvariante hinsichtlich Risikofaktoren und Häufigkeit ähnlich präsentieren wird, bleibt abzuwarten.

Abklärungen/ Betreuung der Patienten

Anhand der NICE Guidelines (1) findet sich in Abbildung 1 einen möglichen Abklärungs- resp. Betreuungsalgorithmus. In erster Linie müssen andere Ursachen (schlafassoziierte Atemstörungen, Diabetes, kardiale Erkrankungen, Asthma bronchiale etc.) ausgeschlossen resp. optimal eingestellt werden. Trotz grosser subjektiver und auch zu objektivierender (Fatigue – Score, 6 Minuten Gehtest) Symptomenlast kann in den somatischen Abklärungen (Laborwerte, Bildgebung, EKG, Lungenfunktion etc.) mehrheitlich keine Pathologie gefunden werden.

Bei Diagnose eines Long Covid, wird gemäss NICE Guidelines ein ärztlicher Approach mit Empathie, Zeitreserven, Shared Decision Making und regelmässigen (symptomenunabhängigen) Konsultationen empfohlen. Es geht darum, die Patienten ernst zu nehmen und auszuhalten, dass fundierte Erkenntnisse zu Mechanismus und Therapie fehlen. Zudem, dies eine Erfahrung aus unserer Sprechstunde, sollen die Patienten bereits früh angeleitet werden, dosiert mit den eigenen Energiereserven (physisch und kognitiv) umzugehen, bewusst Pausen einzuschalten und Entlastung im Alltag zu organisieren – ein zu hohes Aktivitätslevel wirkt sich kontraproduktiv auf die Fatigue/ PEM und den weiteren Verlauf aus. Ziel sollte sein, die Patienten möglichst im hausärztlichen Lead zu betreuen und anzuleiten, ein interprofessionelles Therapiesetting zu etablieren und die spezialisierten (Long Covid) Sprechstunden nur bei Bedarf (Zweitmeinung, weiteren Abklärungen, Versicherungsfragen) miteinzubeziehen.

Da aktuell keine kausale Therapie zur Verfügung steht, bleibt das interprofessionelle Therapiesetting im Sinne einer Patientenedukation der vielversprechendste Ansatz (1). Dabei werden die Patienten physiotherapeutisch, ergotherapeutisch, psychologisch und ärztlich begleitet (Tab. 2). In unserer Sprechstunde machen wir auch sehr gute Erfahrungen mit dem Angebot aus der ambulanten Pflege (psychosoziale Spitex) zur Unterstützung und Anleitung zuhause.

Für die in der Öffentlichkeit diskutierten und von den Betroffenen häufig eingeforderten Therapien wie Antihistaminika, Montelukast, Naltroxen, Hämapharese, BC007 gibt es (noch) keine fundierte Evidenz. In unserer Sprechstunde besprechen wir die Anwendung/ Nebenwirkungen von zum Beispiel Antihistaminika (Hypothese eines Mastzellaktivierungssyndrom) (13), sind in der Verschreibung aber zurückhaltend und beobachten damit auch nicht eine deutliche Verbesserung der Symptomatik. In Tabelle 1 sind einige symptomenbezogene Therapien aufgezeigt.

Die Ursache der Entwicklung eines Long Covid ist unklar. Es gibt verschiedene Hypothesen über Persistenz des Virus, Autoimmun, Durchblutungsstörungen. Dass eine psychische Komponente ursächlich mitspielt, ist nicht erwiesen – allerdings entwickeln viele der Patienten aufgrund des hohen Leidensdruckes depressive Symptome.

Zusammenfassend muss das Long Covid Syndrom als bio-psychosoziales Event mit weitreichenden Einschränkungen für die Betroffenen und das Umfeld gesehen werden. Es bestehen auch gesellschaftliche Implikationen: es werden über Fehltage an der Arbeit bis zu 50% noch nach 6 Monaten berichtet (14). Obwohl nun einige Studien anlaufen, wird es noch lange dauern bis medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung stehen – bis dahin braucht es empathische interprofessionelle Unterstützung/Anleitung, solide somatische Abklärungen und symptomatische Therapie je nach Symptomencluster – dies in individueller Konsensfindung mit den Betroffenen.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

KD Dr. med. Elisabeth Weber

Chefärztin Klinik Innere Medizin Waid
Stadtspital Zürich
Tièchestrasse 99
8037 Zürich

elisabeth.weber@stadtspital.ch

Die Autorin hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Mit der typischen Anamnese (zeitlicher Verlauf nach Covid-Infekt, Fatigue, PEM, neue Symptomencluster) und dem Ausschluss somatischer Erkrankungen, kann die Diagnose Long Covid in den meisten Fällen auch in der Hausarztpraxis gestellt werden.
◆ Fundierte Evidenz für medikamentöse Behandlung gibt es bis heute nicht. Ein interprofessioneller Therapieansatz, symptomatische Behandlung und empathische ärztliche Begleitung sind nach heutigem Wissenstand die wichtigsten Punkte in der Betreuung der Patienten.
◆ Die Patientenedukation bezüglich Umgang mit Fatigue/ PEM (Energie- und Pausenmanagement «Pacing») ist zentral und sollte bereits früh im Krankheitsverlauf durch alle Therapeuten und Ärzte instruiert werden.

1. NICE Guidelines. COVID-19 rapid guideline: managing the long-term effects of COVID-19. 2020 Dec 18, 1.14 published on 1.3.2022
2. Goertz JMY et al. Persistent symptoms 3 months after a SARS-CoV-2 infection: the post-COVID-19 syndrome? ERJ Open Res. 2020;6(4)
3. Nehme M. Prevalence of Symptoms More Than 7 months after Diagnosis of Symptomatic COVID-19 Infection in Outpatient Setting. Ann Intern Med 2021; 174(9): 1252
4. Mohamed-Hussein AAR et al. Non-hospitalised Covid-19 patients have more frequent long COVID-19 symptoms. Int J Tuberc Lung Dis. 2021; 25 (9): 732-737).
5. Carfi et al. Persistent symptoms in Patients After Acute Covid-19 Infection. JAMA 2020; 324(6): 603
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8. Jarius S et al. Cerebrospinal fluid findings in COVID-19: a multicenter study of 150 lumbar punctures in 127 patients. J Neuroinflammation 2022; 19(1): 19
9. Bungenberg J et al. Long COVID-19: Objectifying most self-reported neurological symptoms. Ann Clin Transl Neurol 2022; 9(2): 141)
10. Menges D et al. Burden of post – COVID – 19 syndrom and implications for healthcare service planning: A population – based cohort study. PLoS One 2021; 16(7): e0254523
11. Antonelli M et al. Risk factors and disease profile of post-vaccination SARS-CoV-2 Infection in UK users of the covid app. Lancet Infect Dis. 2022; 22 (1): 43
12. Augustin M et al. Post-COVID syndrome in non-hospitalised patients with COVID-19: a longitudinal prospective cohort study. Lancet Reg Health Eur 2021; 6
13. Glynne P et al. Long Covid following mild SARS-CoV Infection: Characteristic
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14. Vaes AW et al. Recovery from COVID-19: a sprint or marathon? 6 months follow-up data of online long COVID-19 support group members. ERJ Open Res 2021

Wie behandle ich diesen Patienten mit Diabetes mellitus ?

Bei einem 33-jährigen Patienten wird bei klassischen Symptomen ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert und der Patient wird mit einer Insulinpumpe behandelt. Das HbA1c, das damit erreicht wird, ist mit 6.5-7.0% sehr gut. 7 Jahre später werden neue Untersuchungen durchgeführt und die Insulinpumpentherapie wird durch ein Basis-Bolus-System ersetzt. Die Frage, die sich Ihnen heute stellt, ist: Handelt es sich wirklich um einen Typ-1-Diabetes und was ist die beste Therapie bei diesem jetzt 48-jährigen Patienten?

Wichtiges aus der persönlichen Anamnese

Diagnose Diabetes mellitus vor 15 Jahren und Beginn mit Insulinpumpe.
9 Jahre später Basis-Bolus mit Tresiba und NovoRapid.
Vor 8 Jahren Glukagonstimulationstest und Antikörper-Unter­suchung: Stimuliertes C-Peptid 2800 pmol/l und anti-GAD 0.2 E/l und anti-IA 2 0.0 U/ml (beide negativ).
Vor 4 Jahren wurde Vitamin B-12-Mangel diagnostiziert.

Fragestellungen

  • Um was für einen Diabetestyp handelt es sich hier?
  • Welche Untersuchungen braucht es noch, um die beste Therapie einzuleiten?

Vorgeschlagene Massnahmen und Therapie

Beginn mit CGMS (Freestyle Libre 3): Bessere Beurteilung der Diabeteseinstellung und des Blutzuckerverlaufs.
Therapie mit Xigduo XR 10/1000 1-0-0, evt. später 5/1000 1-0-1 (kardiovaskulärer Schutz).
Vereinfachung der Insulintherapie durch Ryzodeg 20 E zu den beiden Hauptmahlzeiten als Ersatz für Basis-Bolus-Insulinschema (2 statt 4 Injektionen).

Kombination Statin und Ezetimib (Ezetimib Rosuvastatin 10/20 mg 1-0-0, statt 20 mg Atorvastatin).

Schlussfolgerungen

7 Jahre nach Diagnose von Diabetes spricht ein stimuliertes C-Peptid von 2800 pmol/l eindeutig für einen Typ-2-Diabetes (Typ-1-Diabetes hätte < 200 pmol/l).

Wiederholung dieses Glukagonstimulationstests, um die Notwendigkeit einer Insulintherapie zu bestätigen oder zumindest eine Vereinfachung der Insulintherapie zu ermöglichen sowie die besten Medikamente für das Management des Typ-2-Diabetes mellitus einzuführen.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med.Roger Lehmann

UniversitätsSpital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zurich

Roger.Lehmann@usz.ch

Der Autor deklariert Teilnahme an Advisory Boards und Referentenhonorare von Novo Nordisk, Sanofi, MSD, Boehringer Ingelheim, Servier und Astra Zeneca.

Sport nach Covid-19-Erkrankung

Nach einer überstandenden COVID-19-Erkrankung wird bei Sportlern, kardiovaskulären Risikopatienten und Patienten mit schweren Krankheitsverläufen eine ärztliche Risikobeurteilung vor Wiederbeginn einer körperlichen oder sportlichen Aktivität empfohlen. Nach einem mindestens 5-tägigen Sportverzicht sollte eine stufenweise Steigerung der körperlichen Aktivität mit individuellen Zielvorgaben zur Wiedererlangung des ursprünglichen Leistungsniveaus erfolgen.

(Aktualisierter Online-Beitrag: Nach der Drucklegung des Artikels «Sport nach Covid-19-Erkrankung» sind die Empfehlungen von Swiss Olympic am 01.05.2022  aktualisiert worden. Statt 10-14 Tage Sportverbot gilt nun bei Beschwerdefreiheit nur noch «mindestens 5 Tage» Sportverbot. Die Print-Version des Artikels weicht daher in diesm Punkt von der Online-Version ab.)

A medical risk assessment regarding returning to sports after COVID-19 should be performed in all athletes, cardiovascular high-risk patients and patients with a severe course of COVID-19. After abstaining from sport for at least 5 days, a gradual increase in physical activity with individual targets to regain the original level of performance is recommended.
Key Words: rehabilitation, SARS-CoV-2, virus, return to sport, return to play, exercise

Körperliche Bewegung und Sport tragen wesentlich zur Erhaltung der kardiovaskulären Gesundheit und dem psychischen Wohlbefinden in unserem Alltag bei. Die COVID-19-Pandemie führte jedoch in den letzten zwei Jahren, einerseits durch staatlich angeordnete Kontaktbeschränkungen und Restriktionen sowie andererseits durch teils gesundheitliche Folgen nach überstandener SARS-CoV-2-Infektion, bei zahlreichen Personen zu erheblichen Einschränkungen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit.

Zwar ist ein gesunder und sportlicher Lebensstil mit einem tendenziell niedrigeren Risiko für einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf assoziiert, dennoch sind auch bei jungen und sportlich aktiven Menschen vereinzelt schwere Infektionen möglich (1). Insbesondere kardiale oder pulmonale Organmanifestationen können das Risiko für eine langfristige Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit erheblich erhöhen. Zudem können im Rahmen der sogenannten «Post-COVID-19-Erkrankung» bzw. dem «Long-COVID-Syndrom» anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden, typischerweise in Form von schwerer Fatigue, Belastungsintoleranz, Muskelschmerzen oder neurokognitive Einschränkungen über eine Dauer von 12 Wochen hinaus auftreten (2). Ärzte aus verschiedenen Fachdisziplinen werden zunehmend mit der Frage konfrontiert, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Intensität eine körperliche oder sportliche Aktivität nach einer COVID-19-Infektion wieder begonnen werden kann. Während ProfisportlerInnen meist auf ein spezialisiertes Team aus Ärzten und Physiotherapeuten für eine schrittweise Rückkehr zum Wettkampfsport zurückgreifen können, sind Freizeitsportler­Innen in der Regel auf die Empfehlungen ihres Allgemeinmediziners angewiesen. Hierbei sollte einerseits frühzeitig zu einem Bewegungstraining mit positiven Effekten auf die muskuloskelettale und kardiovaskuläre Gesundheit motiviert werden, andererseits müssen auch die potenziellen Risiken nach einer COVID-19-Infektion, insbesondere bei zusätzlich bestehenden kardiovaskulären Grunderkrankungen, berücksichtigt werden.

Diagnostische Massnahmen zur Risikobeurteilung

Bevor nach einer überstandenen COVID-19-Erkrankung mit einer intensiveren körperlichen Belastung begonnen wird, sollte zunächst eine ärztliche Risikobeurteilung erfolgen. Dies betrifft vor allem Wettkampfsportler, kardiovaskuläre Risikopatienten sowie Patienten mit schweren Krankheitsverläufen. Es wird nach Hinweisen für eine Myokard- bzw. Lungenschädigung (z.B. Brustschmerzen, schwere Atemnot, Herzrasen, Herzinsuffizienzzeichen oder Synkopen) oder kardiopulmonalen Vorerkrankungen gefahndet. Aufgrund der breiten Variabilität der Krankheitsausprägung ist hierbei ein symptomorientiertes und abgestuftes Vorgehen zu empfehlen (3, Abb. 1). Speziell für Athleten wurden gemeinsam von Sport & Exercise Medicine Switzerland (SEMS), Swiss Olympic und der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Zürich mehrere Flowcharts erarbeitet, welche basierend auf der aktuellen Studienlage eine Orientierungshilfe für die Rückkehr in den Trainings- und Wettkampfbetrieb darstellen (4).

Als Basisdiagnostik sollte bei allen Athleten und erwähnten Risikopatienten zunächst eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung sowie ein Ruhe-EKG und eine Laboruntersuchung (Hämatogramm, CRP, Elektrolyte/Kreatinin, Transaminasen, NT-proBNP, hsTroponin T/I, Gesamt-CK) erfolgen. Hierbei muss beachtet werden, dass teils auch bei sportlicher Aktivität in den vorangegangen 48 Stunden erhöhte kardiale Biomarker nachweisbar sein können (5). Im Falle von auffälligen Befunden oder bei anhaltend symptomatischen Patienten ist anschliessend eine erweiterte Diagnostik mittels thorakaler Bildgebung (Thorax-Röntgen, ggf. Thorax-CT), Echokardiographie oder einem Herz-MRI, idealerweise nach fachärztlicher kardiologischer oder pneumologischer Konsultation, zu erwägen. Eine Lungenfunktionsdiagnostik oder Spiroergometrie sollte hingegen erst nach vollständigem Abklingen der pulmonalen Infektzeichen bzw. nach abgeheilter Myokarditis durchgeführt werden. Abhängig vom Krankheitsverlauf müssen vor Wiederbeginn einer körperlichen Aktivität allenfalls zusätzliche Funktionseinschränkungen durch muskuloskelettale, neurologische oder psychologische Folgen einer COVID-19-Erkrankung berücksichtigt werden.

Wiederbeginn der körperlichen Aktivität

Bei einem überwiegend asymptomatischen oder milden Infektionsverlauf sollte bis zum vollständigen Abklingen der Symptome und für mindestens 5 Tage nach positivem Testresultat auf eine intensive körperliche Belastung verzichtet werden. Im Falle einer nachgewiesenen Pneumonie verlängert sich die Sportkarenz je nach klinischem Verlauf auf 4 bis 6 Wochen und bei einer Myokarditis, mit Vorhandensein der typischen Myokarditis-Kriterien im Herz-MRI, auf 3 bis 6 Monate (6). In diesen Fällen sollte vor einer anschliessenden Sportfreigabe eine erneute pneumologische bzw. kardiologische Untersuchung erfolgen.

Nach Risikobeurteilung und Ausschluss möglicher Krankheitsfolgen können die Patienten schrittweise wieder mit körperlicher Aktivität oder einem sportlichen Training beginnen. Aufgrund der hohen Krankheitsvariabilität werden auch hierbei abgestufte, individualisierte und auf der Grundlage der subjektiven Verträglichkeit angepasste Trainingsvorgaben empfohlen. Hochintensive körperliche Belastungen sollten zu Beginn vermieden werden. Stattdessen wird in der Regel zunächst die Häufigkeit, dann die Dauer und schliesslich die Intensität der körperlichen Aktivität gesteigert (7). Sportmediziner können auch in diesen Fällen auf ein speziell für Athleten angepasstes «Graduated return to play»-Protokoll zurückgreifen, welches eine stufenweise Steigerung der sportlichen Aktivität bis hin zur vollen Sporttauglichkeit nach einer COVID-19-Infektion beschreibt (8). Bei schweren Krankheitsverläufen, insbesondere mit notwendiger stationärer oder intensivmedizinischer Behandlung, ist meist eine strukturierte und medizinisch überwachte Wiedereingliederung in einer spezialisierten Rehabilitationseinrichtung notwendig.

5-Phasen-Modell

Ein möglicher, nicht nur speziell für Sportler entworfener Stufenplan zur Wiederaufnahme der körperlichen Aktivität nach einer COVID-19-Erkrankung wird im «5-Phasen-Modell» von Salman et al. beschrieben (9, Abb. 2). Als Hilfsmittel zur Einschätzung des subjektiven Belastungsempfindens dient hierbei die «Borg Rating of Perceived Exertion (RPE)»-Skala mit Werten von 6 (überhaupt keine Anstrengung) bis 20 (maximale Anstrengung).

  • In Phase 1 werden zunächst Aktivitäten mit extrem leichter Intensität (RPE-Skala 6-8), u.a. leichtes Gehen sowie Atem-, Dehnungs-, Flexibilitäts- und Gleichgewichtsübungen empfohlen. Das Ziel ist die Bewältigung von Alltagsaktivitäten ohne Anstrengung.
  • In Phase 2 werden die Aktivitäten (z.B. Spazierengehen, leichte Haushalts-/Gartenarbeiten) auf eine leichte Intensität (RPE-Skala 6-11) und längere Dauer ausgebaut. Nach Abschluss dieser Phase sollte ein 30-minütiges Gehen mit leichter Anstrengung möglich sein.
  • Phase 3 umfasst ein moderates aerobes Ausdauer- und Krafttraining (u.a. zügiges Gehen, Treppensteigen, Laufen, Schwimmen oder Radfahren), welches sich zunächst in 5- bis 10-Minuten-Intervallen mit Erholungsphasen abwechselt. Das Ziel ist eine 30-minütige moderate Aktivität, bei der problemlos eine Konversation möglich ist (RPE-Skala 12-14).
  • In Phase 4 wird die Häufigkeit und Dauer dieser Aktivitäten zunehmend gesteigert und mit Koordinations- und Gleichgewichtsübungen ergänzt. Das Ziel sind regelmässige Trainingseinheiten (RPE-Skala 12-14) ohne anhaltendes Erschöpfungsgefühl.
  • In Phase 5 sollte die Person wieder zu ihrem ursprünglichen Leistungsniveau zurückkehren können und höhere Belastungsintensitäten (RPE-Skala > 15) ohne anhaltendes Erschöpfungsgefühl möglich sein.

Die Dauer jeder durchlaufenen Phase sollte mindestens sieben Tage umfassen und ein Aufstieg in die nächsthöhere Phase nur bei Wohlbefinden und Erreichen der Zielvorgaben erfolgen. Eine Überlastung, die zur Zunahme der Beschwerden führt, muss (insbesondere bei einer Post-COVID-19-Erkrankung) in jeder Phase grundsätzlich vermieden werden. Bei Auftreten von übermässiger Erschöpfung, Atemnot oder hohen Herzfrequenzen nach dem Training sollte zu der vorangegangenen Phase zurückgekehrt und allenfalls eine erneute ärztliche Beratung stattfinden.

Schutz durch COVID-19-Impfung

In vielen Fällen ist eine Rückkehr zur ursprünglichen maximalen körperlichen Leistungsfähigkeit nach einer COVID-19-Erkrankung möglich. Um allfällige Überlastungen oder Folgeerkrankungen zu vermeiden, sollte jeder Patient oder Sportler jedoch frühzeitig über die sehr individuelle Dauer bis zur vollständigen Wiedererlangung der Leistungsfähigkeit, welche teils Wochen oder Monate betragen kann, aufgeklärt werden. Es bleibt daher das vorrangige Ziel, eine schwere SARS-CoV-2-Infektion mittels Kontakt- und Hygienemassnahmen sowie einer Schutzimpfung bestmöglich zu verhindern. Bezüglich der vor allem bei Sportlern häufig erwähnten Bedenken hinsichtlich einer mRNA-Impfstoff-assoziierten Myokarditis, sollte über das nach bisherigen Kenntnissen nur sehr seltene Auftreten und über das deutlich höhere Myokarditis-Risiko im Rahmen einer COVID-19-Erkrankung informiert werden (10).

Copyright Aerzteverlag medinfo

Dr. med. Marvin Grossmann, MHBA

Facharzt Kardiologie und Allgemeine Innere Medizin,
Leitung stationäre kardiovaskuläre Rehabilitation
Zentrum für Rehabilitation & Sportmedizin
Freiburgstrasse 18
3010 Bern

PD Dr. med. David Niederseer

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert

◆ Vor Beginn einer intensiven körperlichen Aktivität sollte bei allen
Athleten, kardiovaskulären Risikopatienten oder Patienten mit schweren Krankheitsverläufen eine ärztliche Risikobeurteilung erfolgen.
◆ Ein Verzicht auf sportliche Aktivitäten sollte für mindestens 5 Tage nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion eingehalten werden. Im Falle einer pulmonalen oder kardialen Organmanifestation kann ein Sportverbot über Wochen bis Monate notwendig sein.
◆ Nach einer COVID-19-Erkrankung wird eine stufenweise Steigerung der körperlichen Aktivität mit regelmässigem Monitoring und einzelnen
Zielvorgaben zur Wiedererlangung des ursprünglichen Leistungsniveaus empfohlen.
◆ Das Risiko einer mRNA-Impfstoff-assoziierten Myokarditis wird im
Vergleich zum Risiko einer COVID-19-assoziierten Myokarditis als sehr gering eingeschätzt.

1. Niess AM, Bloch W, Friedmann-Bette B, et al. Position stand: return to sport in the current Coronavirus pandemic (SARS-CoV-2 / COVID-19). Dtsch Z Sportmed. 2020; 71: E1-E4.
2. WHO/2019-nCoV/Post_COVID-19_condition/Clinical_case_definition/2021.1.
3. Löllgen H, Bachl N, Papadopoulou T, et al. Recommendations for return to sport during the SARS-CoV-2 pandemic. BMJ Open Sport & Exercise Medicine 2020;6:e000858.
4. Schmied CM, Noack O, Betschart H, et al. Flowcharts: SARS-CoV-2 – Return to training and competition (Stand 01.12.2021, https://sems.ch/publikationen/covid-19flow-charts/)
5. Wilson MG, Hull JH, Rogers J, et al. Cardiorespiratory considerations for return-to-play in elite athletes after COVID-19 infection: a practical guide for sport and exercise medicine physicians. Br J Sports Med 2020;54:1157–1161.
6. Barker-Davies RM, O’Sullivan O, Senaratne KPP, et al. The Stanford Hall
consensus statement for post-COVID-19 rehabilitation Br J Sports Med 2020;54:949–959.
7. Halle M, Bloch W, Niess AM, et al. Exercise and sports after COVID-19-Guidance from a clinical perspective. Transl Sports Med. 2021 May;4(3):310-318.
8. Elliott N, Martin R, Heron N, et al. Infographic. Graduated return to play guidance following COVID-19 infection. Br J Sports Med, 54(19), 1174-1175.
9. Salman D, Vishnubala D, Le Feuvre P, et al. Returning to physical activity after
covid-19. BMJ 2021;372:m4721
10. Haaf P, Kuster GM, Mueller C, et al. The very low risk of myocarditis and pericarditis after mRNA COVID-19 vaccination should not discourage vaccination. Swiss Med Wkly. 2021;151:w30087.