Myokarditis heutzutage – Covid-19 geht uns zu Herzen

Das neue SARS-CoV-2 verursacht zusätzlich zur viralen Pneumonie und zum ARDS eine systemische Inflammation mit Multiorganbeteiligung. Eine seltene Manifestation ist die akute Myokarditis, die vom Myokardschaden mit Troponinerhöhung multifaktorieller Ursache noch nicht klar zu differenzieren ist. Noch mehr als die akute Myokarditis bei Covid-19 beschäftigt uns die akute Myokarditis, welche nach Impfung mit einem mRNA-Vakzin gegen SARS-CoV-2 auftreten kann. Diese seltene Nebenwirkung verläuft zumeist mild, ist weniger besorgniserregend als Covid-assoziierte Komplikationen generell sind und sollte die Motivation zur Impfung nicht mindern.

Abstract: In addition to viral pneumonia and ARDS, the new SARS-CoV-2 causes systemic inflammation with multi-organ involvement. Acute Myocarditis is a rare manifestation and it cannot yet be clearly differentiated from myocardial damage with troponin elevation of multifactorial origin. More so than acute myocarditis with Covid-19, we are concerned with acute myocarditis, which can occur after vaccination with mRNA vaccine against SARS-CoV-2. This rare side effect usually has a mild course, and is of less concern than other Covid-associated complications generally are, so it should not reduce motivation to vaccinate. Key Words: Myocarditis, SARS-CoV-2, ARDS, mRNA vaccine
Keywords: Myokarditis, SARS-CoV-2, ARDS, mRNA-Vakzin

Das neue SARS-CoV-2 (severe acute respiratory distress syndrome coronavius-2) verursacht eine virale Pneumonie und bei schweren Verläufen ein ARDS (acute respiratory distress syndrome). Bald nach Ausrufen der Pandemie durch die WHO (world health organization) im März 2020 wurde klar, dass auch eine Beteiligung des kardiovaskulären Systems auftreten kann. Primär zeigt sich ein Myokardschaden mit Troponinerhöhung, wobei die pathophysiologischen Zusammenhänge bisher nur teilweise verstanden sind. Die möglichen Mechanismen und daraus resultierende Folgen, wie Covid-19 das Herz schädigt, können überlappen und sind zum Beispiel: erhöhte Thrombogenität, endotheliale Dysfunktion, Endothelialitis, mikrovaskuläre Thrombenbildung, ein epikardialer Gefässverschluss (akutes Koronarsyndrom), Lungenembolie, Hypoxie bei ARDS, Sepsis mit Hypotonie, direkte Myokardschädigung durch das Virus via ACE-2 Rezeptor, schwere systemische Inflammation mit Zytokinsturm (1). Ein direkter Myokardschaden durch Virusinvasion und -replikation sowie die Hyperinflammation mit indirekter Myokardschädigung beschreiben 2 ursächliche Vorgänge einer akuten Myokarditis. Die Differenzierung der genannten Ursachen ist nicht trivial und gelingt mitunter nicht, zumal häufig von einem multifaktoriellen Geschehen auszugehen ist.

Akute Myokarditis

Zu der Schwierigkeit der Differentialdiagnostik bei einer Troponinerhöhung im Rahmen von Covid-19 kommt hinzu, dass die Diagnosestellung einer akuten Myokarditis bereits vor Covid-19 eine Herausforderung war. Dies nicht zuletzt, weil der Phänotyp der Erkrankung von asymptomatischen Fällen über eine ACS ähnliche Präsentation mit Thoraxschmerzen, eine chronische oder akute Herzinsuffizienz bis hin zum fulminanten Verlauf mit kardiogenem Schock, Arrhyhtmien und plötzlichem Herztod reichen kann. Die Ursachen sind vielfältig. Im Vordergrund steht das Virus als Auslöser für eine akute Myokarditis mit vornehmlich mildem, selbstlimitierendem Verlauf und guter Prognose. Daneben kann es aber auch zu einem chronischen Verlauf mit Inflammation mit oder ohne Viruspersistenz und Entwicklung einer dilatativen Kardiomyopathie (DCM) in bis zu 30% der Fälle, je nach Quelle, kommen (2). Auch andere Trigger oder Medikamente können direkt durch Toxizität oder indirekt durch Autoinflammation eine Myokarditis verursachen. Spezielle Fälle sind die Riesenzellmyokarditis oder die eosinophile Myokarditis, die einer spezifischen Behandlung mittels Immunsuppression bedürfen.

In Anlehnung an die Vorgaben der Working Group on Myocardial and Pericardial Diseases of the European Society of Cardiology (ESC) (3) unterscheidet man zwischen klinisch vermuteter Myokarditis und definitiver Myokarditis. Der klinische Verdacht basiert auf den Symptomen des Patienten, erhöhten Herzenzymen und der Bildgebung. Die Echokardiographie ist immer noch ein zentrales diagnostisches Mittel, wenn auch weiterführende kardiale Bildgebung mehr an Bedeutung gewinnen. Das kardiale MRI ist der Echokardiographie unter anderem darin überlegen, auch bei fehlender Reduktion der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) den Nachweis einer akuten oder abgelaufenen Myokarditis zu erbringen. Erst kürzlich wurden die MR-Kriterien revidiert. Diese neuen Lake Louise Kriterien beinhalten die Koexistenz von T1- und T2- bezogenen Kriterien, zusätzlich zum extrazellulären Volumen (EZV) und dem late gadolinum enhancement (LGE) für myokardiale Inflammation, Nekrose und Fibrose (4). Fundamental ist daneben der Ausschluss einer koronaren Obstruktion, was bei Patienten mit höchstens mittlerem kardiovaskulärem Risiko mittels Koronar-CT geschehen kann. Trotz aller untersuchungstechnischen Fortschritte wird für die definitive Diagnose die Endomyokardbiopsie (EMB) mit Erfüllung der sogenannten Dallas Kriterien gefordert und gilt weiterhin als Goldstandard (3). In der Realität des Klinikalltages wird die EMB insbesondere bei schwerwiegenden Fällen durchgeführt, wenn sich daraus eine therapeutische Konsequenz ergibt, wie es auch von der amerikanischen Gesellschaft für Kardiologie (ACC) empfohlen wird.

Akute Myokarditis nach mRNA Impfung gegen SARS-CoV-2

Das Auftreten von Myokarditiden nach Impfungen ist ein bekanntes Phänomen und wurde in der Vergangenheit insbesondere nach der Verabreichung von Vakzinen gegen Pocken oder Influenza beobachtet.

Mehr als die akute Myokarditis im Rahmen einer SARS-CoV-2 Infektion erhält momentan die Myokarditis als Nebenwirkung der mRNA Impfung gegen das Virus die allgemeine Aufmerksamkeit. Einer der ersten Berichte über eine vermutete impfassoziierte Myokarditis nach mRNA Impfung wurde im April 2021 publiziert. Zwei Studien aus Israel bestätigten den Zusammenhang früh (5, 6). Die zeitliche Latenz zwischen der Verabreichung des Vakzins und ersten Symptomen beträgt im Mittel 3 Tage, es sind zumeist junge Männer im Alter von weniger als 30 Jahren betroffen, mehrheitlich nach Verabreichung der zweiten Impfdosis. Die Ursache ist weitgehend unklar.

Die Verabreichung von mRNA Impfstoffen führt zur Produktion von SARS-CoV-2 Spikeproteinen, welche das Ziel der gebildeten neutralisierenden Antikörper sind. Dies ist die beabsichtigte Immunantwort, welche zur Immunität gegen das Virus führt. Es wird vermutet, dass es bei entsprechender genetischer Prädisposition zu einer über die eigene adäquate Immunantwort hinausgehende Autoinflammation kommen kann. Dies kann durch die Bindung der Antikörper an körpereigene Zelloberflächenantigene zur Zerstörung von Myokardzellen führen (molekulare Mimikry). Andererseits kann es durch eine ausgelöste zytokingesteuerte Hyperinflammation zur Bildung von zirkulierenden Autoantikörpern gegen das Myokard kommen (7). Eine direkte T-Zell vermittelte Impfung-getriggerte Immunantwort gegen Kardiomyozyten wie es zum Beispiel gegen alpha-Myosin beschrieben wurde, ist eine weitere Möglichkeit. Als Trigger ist am ehesten das SARS-CoV-2 Spikeprotein verantwortlich, weniger wahrscheinlich auch eine immunologische Reaktion gegen die mRNA selbst. Zur Vermeidung einer überschiessenden Immunreaktion auf RNA Moleküle sind die Nukleoside im mRNA Impfstoff modifiziert. Ein Wechsel auf ein anderes mRNA Vakzin ist somit nur bedingt sinnvoll.

Die Verläufe sind erfreulicherweise eher mild und selbstlimitierend, wobei Daten über Prognose oder Langzeitverlauf noch nicht bestehen. In jedem Fall sollte nach einer Impfung bei Auftreten von Symptomen, die mit einer Myokarditis vereinbar sind (Tab. 1) (3), ein EKG und eine Blutentnahme mit Bestimmung der Herzenzyme sowie Entzündungsparameter und bei Auffälligkeiten eine kardiologische Beurteilung erfolgen.

Covid-19 und akute Myokarditis
Die Beschreibung von Viren als Ursache einer Myokarditis reicht in die 50er Jahre zurück und seither konnten mehrere direkt oder indirekt myokardschädigende Viren beschrieben werden.

Die klare Abgrenzung einer Myokarditis von einem Myokardschaden mit Troponinerhöhung anderer Ursache im Rahmen einer SARS-CoV-2 Infektion ist nicht trivial. Unter Berücksichtigung anderer Ursachen für den Myokardschaden ist die akute Myokarditis bei Covid-19 klinisch-epidemiologischen Daten zufolge selten respektive wird selten festgestellt. Einerseits ist die Differentialdiagnostik ohnehin schwierig, andererseits kommt es häufig überhaupt nicht erst zur Durchführung der notwendigen Untersuchungen. Grund hierfür ist meist, dass der begleitende Myokardschaden für die Therapie eines generell schwerwiegenden Verlaufes im Rahmen von Covid-19 kaum eine Rolle spielt, weder für die Therapie noch für die Prognose der Erkrankung.

Die Kenntnisse über die akute Myokarditis bei Covid-19 sind daher wenige, beschränken sich auf Fallberichte und über die Richtigkeit von Ursache und Therapie überwiegen Vermutungen. Hinzu kommt, dass wir bei den bisher durchgeführten Untersuchungen auf Diskrepanzen stossen. Zwar ist bekannt, dass SARS-CoV-2 via ACE-2 Rezeptor in die Kardiomyozyten eintreten kann, doch wurde bisher kein definitiver Virusnachweis in einer Endomyokardbiopsie (EMB) bei vermuteter Covid-19 assoziierter Myokarditis erbracht noch in Autopsien nach Tod durch Covid-19. Daher wird postuliert, dass es sich um einen immunologisch getriggerten Prozess handelt. Allerdings konnte in entsprechenden klinischen Verdachtsfällen mittels EMB nie ein typisches lymphozytäres Infiltrat (Abb. 1) oder Myokardnekrosen gefunden werden (7, 8). So auch nicht in dem Fall aus unserer Klinik, einer 25jährige Patientin mit kardiogenem Schock bei fulminanter Myokarditis bei SARS-CoV-2 Infektion, in deren histopathologischen Präparaten aus 7 Myokardstücken nur vereinzelt Lymphozyten, wenige Eosinophile und ebensowenig Nekrosen nachweisbar waren (Abb. 2). Somit erscheint die akute Myokarditis bei Covid-19 nicht einer Myokarditis wie bisher bekannt zu entsprechen, sondern vielmehr einem myokarditisähnlichem Bild mit noch unklarem Pathomechanismus. Aus diesem Grund bleibt die Prognose, insbesondere im Langzeitverlauf, noch unklar und die Therapieansätze sind rein empirisch. Glucokortikoide gelten vorläufig als Mittel der Wahl. Daneben sind bisher NSAR, Immunglobuline und die antivirale Therapie zusätzlich zur klassischen Herzinsuffizienztherapie bis hin zur mechanischen Kreislaufunterstützung und antiarrhythmischen Behandlung zum Einsatz gekommen.

Wie weiter mit der Impfung

Die primäre Sorge vor einer impfassoziierten Myokarditis ist bei Patienten und Ärzten aufgrund der vorliegenden Fallberichte gross. Es muss hier wiederholt und betont werden, dass es sich um eine insgesamt seltene unerwünschte Nebenwirkung handelt und das Risiko für schwere Verläufe einer Myokarditis nach Impfung viel geringer einzuschätzen ist als schwere Verläufe einer Covid-19 vermittelten kardialen Beteiligung zu erwarten sind. Der Nutzen der Impfung überwiegt also bei weitem gegenüber dem leichtgradigen Risiko einer mehrheitlich mild verlaufenden Myokarditis.

Es stellt sich die Frage nach dem weiteren Vorgehen bezüglich der mRNA Impfung nach einer durchgemachten Myokarditis nach Impfung mit einem SARS-CoV-2 mRNA Impfstoff.

Grundsätzlich gibt es nur wenige Ausnahmen für Einschränkungen bezüglich der Verabreichung von mRNA Impfstoff. Eine ehemals durchgemachte Myokarditis gehört nicht dazu, im Gegenteil sollte der betroffene Patient vor einer SARS-CoV-2 in Zukunft geschützt sein. Eine Ausnahme betrifft aktuell die Boosterimpfung nach akuter Myokarditis nach mRNA Impfung, die zumeist nach der zweiten Dosis auftritt. Hier wird vom Bundesamt für Gesundheit ein expektatives Vorgehen in Erwartung neuer Empfehlungen im folgenden Jahr empfohlen (9).

Konklusion

Die Diagnose der akuten Myokarditis stellt grundsätzlich eine Herausforderung dar. Im Rahmen von Covid-19 ist die Troponinerhöhung zu differenzieren von einem Myokardschaden anderer Ursache und zumeist multifaktoriell bedingt. Die akute Myokarditis bei SARS-CoV-2 Infektion wie nach mRNA Impfung ist immunologisch verursacht. Beide Formen der Myokarditis sind selten und betreffen vor allem junge Männer. Der Nutzen des Schutzes vor einer Coronainfektion mit allen Komplikationen inklusive eines schwerwiegenden Verlaufes einer möglichen Myokarditis und Long-Covid Verläufen überwiegt das Risiko einer seltenen impfassoziierten Myokarditis mit zumeist mildem Verlauf bei Weitem.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Zweitabdruck des in «der informierte arzt» 01-2022 erschienenen Originalartikels.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Maryam Pavlicek-Bahlo

Inselspital, Universitätsspital Bern
Universitätsklinik für Kardiologie
Herz Gefäss Zentrum
Freiburgstrasse 20
3010 Bern

Die Autorin hat keinen Interessenskonflikt in Zusammenhang mit diesem Artikel.

◆ Myokarditis nach Covid-19 und mRNA Impfung gegen SARS-CoV-2 ist selten, Verläufe zumeist mild und die Impfung wird allen empfohlen.
◆ Zumeist betroffen von einer akuten Myokarditis sind junge Männer, nach Impfung mit einer Latenz von 3 Tagen und höchster Rate nach der zweiten Impfdosis. Dann empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit vorerst ein Zuwarten mit der Boosterimpfung.
◆ Die Ursache ist am ehesten eine autoinflammatorische Immunantwort als Reaktion auf die SARS-CoV-2 Spikeproteine.
◆ Bei Thoraxschmerzen, EKG-Veränderungen, Troponinerhöhung
auch an Myokarditis denken und für weiterführende Untersuchungen kardiologisch zuweisen.

 

1. Fajgenbaum DC, June CH. Cytokine Storm. NEJM 2020; 383: 225-73.
2. Caforio et al. A prospective study of biopsy-proven myocarditis: prognostic relevance of clinical and aetiopathogenetic features at diagnosis. Eur Heart J 2007;28:1326–1333.
3. Caforio et al. Current state of knowledge on aetiology, diagnosis, management, and therapy of myocarditis: a position statement of the European Society of Cardiology Working Group on Myocardial and Pericardial Diseases. Eur Heart J 2013; 34:2636-48.
4. Ferreira et al. Cardiovascular Magnetic Resonance in Nonischemic Myocardial Inflammation. JACC 2018; 3158-76.
5. Witberg et al. Myocarditis after Covid-19 Vaccination in a Large Health Care Organization. NEJM 2021; 385: 2139-9.
6. Barda et al. Safety of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine in a Nationwide Setting. NEJM 2021; 385: 1078-90.
7. Bozkurt et al. Myocarditis with Covid-19 mRNA Vaccines. Circulation 2021; 44: 471-484.
8. Caforio et al. Clinically Suspected and Biopsy-Proven Myocarditis Temporally Associated with SARS-CoV-2 Infection. Annu Rev Med 2022. 73: 10.1-10.18.
9. Bundesamt für Gesundheit und Eidgenössische Komission für Impffragen EKIF. Impfempfehlung für mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 (Stand 21.12.2021).

Herz und Gene – Grundlagen der Kardiogenetik

Viele kardiologische Leitlinien und Guidelines beziehen genetische Daten in die Empfehlungen für die Diagnose und das personalisierte klinische Management ein. Daher sind die Grundprinzipien der kardiovaskulären Genetik für klinische Kardiologen hochrelevant. Sie müssen erkennen, bei welchen Patienten eine genetische Grunderkrankung vorliegen könnte und diese gegebenenfalls zur genetischen Testung überweisen. In diesem Übersichtsartikel werden die Grundprinzipien der medizinischen Genetik zusammengefasst. Ein besonderer Fokus liegt auf einem praktischen Ansatz für klinische Gentests konzentriert auf die folgenden drei Kategorien von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Aortopathien, Kardiomyopathien und Herzrhythmusstörungen.

Abstract: Many cardiology guidelines incorporate genetic data into recommendations for diagnosis and personalized clinical management. Therefore, the basic principles of cardiovascular genetics are highly relevant to clinical cardiologists. They need to identify which patients may have an underlying genetic disease and refer them for genetic testing when appropriate. This review article summarizes the basic principles of medical genetics. A particular focus is on an approach to clinical genetic testing focused on the following three categories of cardiovascular disease: aortopathiy, cardiomyopathies, and cardiac Arrhythmias.

Key Words: cardiogenetics, cardiac arrhythmia, cardiomyopathy, aortopathy

In den letzten zehn Jahren wurden zunehmend genetische Ursachen für viele Arten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkannt. Dies hat je nach genetischer Erkrankung erhebliche Auswirkungen auf die Behandlung der Patienten.

Genetische Diagnosen waren früher schwierig. Die Technik der massiv parallelen DNA-Sequenzierung, sowie kommerzielle Grosslabors haben Kosten- und Verfügbarkeitsproblematik von genetischen Tests, Gen-Panels und gar Exom- und Genom-Sequenzierung aber beseitigt. Dutzende bis hunderte von Genen, die von Interesse sind, können heute zu geringeren Kosten und viel schneller sequenziert werden, so dass klinische Tests leichter zugänglich sind als je zuvor.

Wen soll man testen?

Ein zentraler Grundsatz der klinischen Genetik besteht darin, bei einem eindeutig betroffenen Patienten (dem sogenannten Indexfall) mit der genetischen Untersuchung zu beginnen. So wird die Wahrscheinlichkeit der Identifizierung einer pathologischen Variante (PV) maximiert. Wenn mehr als ein Familienmitglied betroffen ist, sollte in der Regel derjenige Patient untersucht werden, bei dem die Krankheit in einem jüngeren Alter ausgebrochen ist oder der keine störenden Umweltfaktoren aufweist, die zu einem ähnlichen klinischen Bild führen könnten. Wenn der Indexfall bei der Autopsie identifiziert wird, kann eine postmortale Blut- oder Gewebeprobe für die DNA-Analyse entnommen werden.

Steht kein betroffener Patient für die Untersuchung zur Verfügung, kann eine kardiale Phänotypisierung von Verwandten ersten Grades mit Bildgebung, EKG, Belastungstests usw. sinnvoll sein, wenn es eine Familienanamnese für eine potenziell vererbte kardiogenetische Erkrankung gibt.

Wird durch Gentests eine PV identifiziert, die zu den klinischen Merkmalen passt, wird eine Kaskadenuntersuchung von Familienmitgliedern empfohlen. Durch die Untersuchung beider Elternteile kann die risikobehaftete Seite der Familie identifiziert werden. Wenn beide Elternteile negativ getestet werden, könnte die PV beim Probanden de novo aufgetreten sein. Ein sogenannter Mosaizismus in einem nicht betroffenen Elternteil kann zu mehreren betroffenen Nachkommen führen. Deshalb werden Gentests für Geschwister angeboten, auch wenn die Tests der Eltern negativ sind.

Jedes Kind eines Patienten mit einer autosomal dominant vererbten Herzerkrankung hat ein 50%iges Risiko, das pathogene Allel geerbt zu haben, und ein 50%iges Risiko, das normale Allel geerbt zu haben. Ein Geschwisterkind oder ein Kind, das negativ auf eine bekannte familiäre PV getestet wurde, ist nicht gefährdet, die Krankheit zu entwickeln, muss nicht weiter untersucht werden und kann die Krankheit nicht an Kinder weitergeben.

Fallbeispiel 1: Long-QT Syndrom

22-jährige Patientin wird wegen rezidivierenden epileptischen Anfällen trotz antikonvulsiver Medikation in einer neurologischen Abteilung stationär abgeklärt. Während die Patientin im Rahmen der Routinediagnostik ein Langzeit-EKG trägt, erleidet sie erneut einen epileptischen Anfall. Nachträglich ergibt die Auswertung des Langzeit-EKG eine Torsade-des-Pointes-Tachykardie zum Zeitpunkt des vermeintlichen epileptischen Anfalls, die spontan terminiert. Daraufhin fällt erstmalig im Ruhe-EKG eine verlängerte QTc-Zeit von 485 ms auf. Es wird die Diagnose eines LQTS gestellt und es erfolgt die Implantation eines Defibrillators. Nachbetreuende Kardiologe überweist die Patientin im Verlauf in eine Humangenetik, wo der Nachweis einer KCNH2-Mutation und somit eines LQT 2 erfolgt.
Daraufhin folgt nochmals eine gezielte Anamneseerhebung, in der die Patientin erstmalig von durch Schulterklopfen oder Erschrecken ausgelöste Synkopen im Teenageralter berichtet. Die Patientin kann daraufhin über die für das LQT 2 typischen Auslösemechanismen aufgeklärt werden.

Fallbeispiel 2: Arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie

In einer Familie mit 3 Söhnen traten beim ältesten Sohn im Alter von 17 Jahren wiederholte Synkopen im Rahmen von ventrikulären Tachykardien auf. Die durchgeführten bildgebenden Untersuchungen ergaben dabei keinen Hinweis auf eine strukturelle Herzerkrankung.
Unter der Annahme einer idiopathischen rechtsventrikulären Ausflusstrakt-Tachykardie wurden mehrfach Versuche einer interventionellen Ablation vorgenommen. Diese waren erfolglos, sodass dem Patienten ein Defibrillator implantiert wurde. Nach Implantation traten gehäuft durch Arrhythmien getriggerte adäquate Schocks auf, die sich wiederum nur schwer mit Antiarrhythmika kontrollieren liessen und so zu einer starken Traumatisierung des Patienten und seiner Familie führten. Bis zum Alter von 30 Jahren stellte sich jedoch eine relative elektrische Ruhe mit seltenen Ereignissen ein. Der zweite Sohn dieser Familie stellte sich im Alter von 24 Jahren mit dem klinischen Bild einer Myokarditis in einer kardiologischen Klinik vor. Während der akuten Phase mit erhöhten kardialen Markern wurde eine ventrikuläre Tachykardie dokumentiert. Die Echokardiografie, rechtsventrikuläre Angiografie und das kardiale MRT ergaben keinen Hinweis auf eine Arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVC). Aufgrund der Familienanamnese erfolgte jedoch die Vorstellung in einem tertiären Zentrum zur weiteren Abklärung. Wenige Tage nach Vorstellung erlitt der zweite Sohn einen plötzlichen Herztod. Erst später erfolgte eine molekulargenetische Untersuchung: eine in der Literatur mehrfach beschriebene Mutation im Plakophilin-2-Gen (PKP2) und somit der Nachweis einer ARVC. In der daraufhin erfolgten Durchsicht alter Befunde des ältesten Sohnes fanden sich dann Hinweise auf strukturelle Auffälligkeiten des rechten Ventrikels. Die erneute Ansicht des externen MRT des zweiten Sohnes ergab ebenfalls strukturelle Auffälligkeiten im rechten Ventrikel.

Was soll man testen?

Wenn bei einem Familienmitglied eine PV identifiziert wurde, ist es wichtig, einen weiteren genetischen Bericht zur Bestätigung einzuholen und zu überprüfen. Wurde ein Gen-Panel durchgeführt und ein einzelner PV identifiziert, können die Kaskadentests für Familienmitglieder auf den einzelnen PV beschränkt werden. Wurden keine Gentests durchgeführt oder waren sie nicht diagnostisch, ist eine genetische Untersuchung des Herzens am effizientesten und wirtschaftlichsten, wenn ein Multigen-Panel bestellt wird. Die Gene, die in einem bestimmten Panel enthalten sind (z. B. Kardiomyopathie oder Aortopathie), variieren von Labor zu Labor, die Anzahl der Gene variiert im Laufe der Zeit und es ist zu berücksichtigen, ob der Test eine Deletions-/Duplikationsanalyse umfasst. Bei der Bestellung grosser Panels oder der Exom-Sequenzierung wird die Konsultation eines klinischen Genetikers oder genetischen Beraters empfohlen. Es hat sich gezeigt, dass die Überprüfung genetischer Testbestellungen vor der Testdurchführung durch einen genetischen Berater im Labor den Anteil unangemessener Tests um 26 % reduziert.

Wann sollte getestet werden?

Einige der häufigsten Indikationen für eine genetische Untersuchung des Herzens sind: Kardiomyopathien, plötzlicher Herzstillstand bei jungen Menschen, vererbte Herzrhythmusstörungen, Muskeldystrophien oder Friedreich-Ataxie in Verbindung mit Kardiomyopathie, Aortopathien, angeborene Herzkrankheiten und vererbbare Fettstoffwechselstörungen. Ein jüngeres Erkrankungsalter und eine positive Familienanamnese erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine genetische Ätiologie zu identifizieren. Die Erstellung eines Familienstammbaums über drei Generationen ist ein Standardbestandteil der genetischen Untersuchung und kann wichtige Anhaltspunkte für die Diagnose liefern und aufzeigen welche Familienmitglieder gefährdet sind. Kardiovaskuläre genetische Störungen bei Kindern können autosomal rezessiv, autosomal dominant, X-chromosomal oder mitochondrial vererbt werden. Im Erwachsenenalter auftretende kardiovaskuläre genetische Störungen werden in der Regel autosomal-dominant vererbt.

Phänotypische, kardiale Merkmale

Syndromale genetische Erkrankungen umfassen Merkmale in mehreren Organsystemen und werden häufig in der Kindheit diagnostiziert. Bei Erwachsenen können phänotypische Merkmale, die auf eine genetische Erkrankung hindeuten, auf der Anamnese, der körperlichen Untersuchung oder bildgebenden Befunden beruhen. Zu den Merkmalen einiger Patienten mit Marfan-Syndrom gehören zum Beispiel Hochwuchs, Arachnodaktylie und eine Verlagerung der Augenlinse nach oben. Patienten mit Loeys-Dietz-Syndrom können einen Hypertelorismus und ein bifides Zäpfchen aufweisen. In der Bildgebung ist die Form der Aortensinus und der sinotubulären Kreuzung bei einer genetischen Aortopathie typischerweise ganz anders als bei einer hypertensiven Gefässerkrankung.

Fallbeispiel 3: Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (HOCM)

40-jähriger Mann mit bekannter familiärer HOCM stellt sich zur genetischen Abklärung der Erkrankung vor. Wenige Jahre zuvor erfolgreiche interventionelle Septumablation mit Alkoholinjektion (TASH: transkoronare Ablation der Septumhypertrophie). Der Sohn des Patienten ist im Alter von 13 Jahren aufgrund eines plötzlichen Herztods verstorben. Zuvor war bei ihm bereits ebenfalls eine HOCM bekannt. Weitere Familienanamnese war bis auf einen unklaren plötzlichen Todesfall im Alter von 33 Jahren bei einem Onkel mütterlicherseits bland. Genetische Diagnostik: Nachweis einer Splice-Mutation im Gen für das myosinbindende Protein C (MYBPC3). Diese Mutation wurde auch bei den beiden Töchtern (22 und 19 Jahre) nachgewiesen, wobei die ältere Tochter im Kardio-MRT grenzwertige Wandstärken aufwies. Beim klinisch asymptomatischen älteren Bruder des Indexpatienten wurde ebenfalls die Mutation nachgewiesen, gleichzeitig fand sich in Echokardiografie und MRI der Nachweis einer nicht obstruktiven HCM.

Fazit: Früher an die Genetik denken

Leider werden viele Patienten mit einer genetischen Erkrankung erst nach einem akuten klinischen Ereignis, wie z. B. einem wiederbelebten Herzstillstand, einer Aortendissektion oder einer akuten Herzinsuffizienz, medizinisch betreut. Andere kardiovaskuläre Ereignisse, die potenziell auf eine genetische Grunderkrankung hindeuten, sind z. B. die Dissektion der Halsschlagader, Synkopen bei körperlicher Anstrengung oder strukturelle Anomalien, die bei bildgebenden Verfahren oder bei der Autopsie festgestellt werden.

Ein wünschenswertes Beispiel dafür, wie sich Gentests auf die Prävention und Behandlung von Herzrhythmusstörungen auswirken könnten:

  • Derzeitiges Modell: Patienten werden wegen unspezifischer Beschwerden wie Schwindel, Herzklopfen oder Synkopen von verschiedenen Fachärzten untersucht. Ein Herzstillstand kann der erste Kontakt mit einem Kardiologen sein.
  • Zukunftsmodell: Patienten mit erhöhtem Risiko können durch Gentests und Familienanamnese identifiziert werden. Kardiale Bildgebung und Elektrophysiologie könnten bei dieser Untergruppe eine frühe Erkrankung erkennen. Durch die Kombination von Gentests und kardialer Phänotypisierung können Patienten mit hohem, mittlerem und niedrigem Risiko für personalisierte Empfehlungen stratifiziert werden. Zu den Patienten mit hohem Risiko gehören Patienten mit Synkopen in der Vorgeschichte (QTc ≥500 ms) und plötzlichem Herztod in der Familien­anamnese.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Dr. iur. Thomas D. Szucs

Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen
Pharmazeutische Medizin
Klinik Hirslanden
Witellikerstrasse 40
8032 Zürich

personalisierte.medizin@hirslanden.ch

Der Autor hat keinen Interessenskonflikt in Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Klinische Gentests sind heute für verschiedene Arten von kardiovaskulären Erbkrankheiten zugänglich.
◆ Pathogene Varianten sind Nukleotidveränderungen, die zu einer veränderten Produktion oder Funktion des von dem betreffenden Gen kodierten Proteins führen, was sich in klinischen Manifestationen äussert.
◆ Die klinische und bildgebende Untersuchung auf phänotypische Merkmale und eine ausführliche Familienanamnese sind die ersten Schritte bei der Untersuchung von Patienten, die möglicherweise eine kardiovaskuläre Erkrankung aufgrund einer genetischen Ursache haben.
◆ Ein zentraler Grundsatz der klinischen Genetik besteht darin, die genetische Untersuchung bei einem eindeutig betroffenen Patienten (dem Indexfall oder Probanden) zu beginnen, um die Wahrscheinlichkeit der Identifizierung einer pathologischen Variante zu maximieren.
◆ Wurde eine pathologische Variante identifiziert, sollten die Gentests bei anderen Familienmitgliedern auf das einzige pathogene Gen beschränkt werden.
◆ Häufige Gründe für Gentests in der klinischen Kardiologie sind phänotypische Merkmale, ein klinisches Ereignis oder eine Familienanamnese, die auf eine Erbkrankheit bei Patienten mit Aortopathie, Kardiomyopathie oder Herzrhythmusstörungen hinweisen.
◆ Die Identifizierung einer pathogenen Variante ändert häufig das klinische Management in Bezug auf die Notwendigkeit und den Zeitpunkt einer bildgebenden Überwachung, die optimale Wahl der medizinischen Therapie, Empfehlungen zu Lebensstil und Bewegung, Familienplanung und Schwangerschaftsrisiko sowie Zeitpunkt und Art eines chirurgischen Eingriffs.
◆ Die Identifizierung einer Variante mit unklarer Signifikanz sollte keinen Einfluss auf die klinische Entscheidungsfindung haben, und die Tests sollten nicht betroffenen Familienmitgliedern zur Risikobewertung angeboten werden.

1. Musunuru K et al. Genetic Testing for Inherited Cardiovascular Diseases. A Scientific Statement From the American Heart Association. Circ Genom Precis Med. 2020;13:e000067. DOI: 10.1161/HCG.0000000000000067
2. Moog U., Riess O. Medizinische Genetik für die Praxis. Thieme Stuttgart 2014

Real-time interaktive Analyse der Behandlungs-Qualität von Sarkom-Patienten

Sarkome sind bösartige Tumore des Binde- und Stützgewebes, machen lediglich ca. 1% aller Krebsformen aus, und gehören so zu den seltenen Erkrankungen. Molekular werden fast 200 verschiedene biologische Entitäten unterschieden, und die Behandlung erfolgt ausgesprochen transdisziplinär. Die Weiterentwicklung von neuen Therapieformen für Sarkom Patienten gestaltet sich als sehr schwierig, da es einerseits keine prospektiven, longitudinalen Datenerfassungen -und schon gar nicht in Echtzeit und durch den Patienten definierte Parameter- gibt, und weil diese in der Regel auch nicht transdisziplinär erfasst werden. Zudem müssen immer neue Herausforderungen gemeistert werden.

Abstract: Sarcomas are malignant tumors of the connective and supporting tissues, account for only about 1% of all cancers, and thus belong to the rare diseases. Molecularly, nearly 200 different biological entities are distinguished, and treatment is distinctly transdisciplinary. The further development of new forms of therapy for sarcoma patients is very difficult, because on the one hand there is no prospective, longitudinal data collection – and certainly not in real time and patient-defined parameters – and because these are usually not collected in a transdisciplinary manner. In addition, new challenges must always be mastered.
Key Words: Sarcoma, MDT, real-time/real-world data, predictive outcome analysis

Seit Januar 2020 müssen alle Krebsdiagnosen per Gesetz gemeldet werden, wofür aber keine einheitliche digitalisierte Lösung zur Erfassung von strukturierten Daten besteht. Zudem führte die Schweiz im April 2021 ein Gesetz zur Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin ein, obwohl die eigentliche Qualität noch nicht wirklich definiert ist. Darüber hinaus müssen wir uns immer grösseren Herausforderungen in unserem Gesundheitswesen stellen, wo die Kostenexplosion ungebremst zunimmt, und immer neue Sparmassnahmen definiert werden, ohne aber die effektiven Kosten abbilden zu können und dadurch der Spielraum der Akteure an der Front immer weiter eingeengt wird («Silo-Mentalität»).

Swiss Sarcoma Network (SSN)

Das SSN wurde vor 3 Jahren als Verein gegründet. Mitglieder sind die Institutionen, welche sich verpflichten, alle transdisziplinären Patienten prospektiv im wöchentlichen multidisziplinären Sarkom-Tumorboard (MDT-SB) vorzustellen und die Daten im Register zu teilen. Das definierte Ziel beabsichtigt die transparente Erfassung der Qualität der Behandlung von Sarkom Patienten. Grundsätzlich steht das SSN allen Institutionen offen, die zu dieser transparenten Qualitätserfassung bereit sind.
Um dies zu erreichen, werden die Prinzipien der value-based health care (VBHC) verfolgt. Strukturierte, klinisch-metrische Daten werden longitudinal über den gesamten Behandlungsablauf für jeden einzelnen Patienten erfasst.
Zur Beschreibung des Aufbaus sowie der Zielsetzung des SSN können die Qualitätsdimensionen nach Donabedian angewandt werden: Prozessqualität, Strukturqualität und Ergebnisqualität. Prozessqualität erfasst das SSN zum Beispiel dadurch, dass der Zeitpunkt dokumentiert wird, an welchem diagnostische Untersuchungen und therapeutische Schritte durchgeführt werden, um so zeitliche Prozesse abzubilden. Weitere Parameter der Prozessqualität, wie z.B. das Einhalten der Leitlinien während Sarkomboard Entscheiden, werden ebenfalls dokumentiert. Strukturqualität stellt das SSN allein schon durch seinen Aufbau sicher: Das SSN besteht organisatorisch aus drei Hauptpfeilern: nebst dem wöchentlich stattfindenden MDT-SB ist das SwissSarcoma­Registry zu erwähnen, sowie die Forschung und Fort- und Weiterbildung. Letztere wird unter www.sarcoma.academy zusammengefasst. Hierbei werden monatlich internationale Webinars organisiert, in denen abwechslungsweise ein Hauptthema durch einen weltweit anerkannten Sarkomexperten vorgestellt wird, und Fallbesprechungen stattfinden mit einem internationalen Expertenpanel. Mittlerweile loggen sich jeweils Teilnehmer aus allen fünf Kontinenten ein.
Das SSN ist international eingebettet, einerseits durch das International Advisory Board bestehend aus 4 Exponenten, die das Netzwerk im Aufbau direkt beraten und für konkrete Patientenfragen aus dem MDT-SB direkt zur Verfügung stehen. Andererseits ist das SSN Mitglied von SELNET, einem Horizon2020 geförderten internationalen Sarkom-Netzwerk Programm. Dies integriert das SSN in die international vernetzte Grundlagen- und translationale Forschung. Im SwissSarcomaRegistry sind aktuell die Daten von knapp 4000 Patienten erfasst, was mit dem erwähnten Set-up exzellente Möglichkeiten für die Versorgungsforschung erlaubt.
Ergebnisqualität als letzte Kategorie der Donabedian Kriterien wird durch regelmässige systematische Erhebungen von Patienten berichteten Ergebnissen (PROMs) sowie Patienten berichteten Erfahrungen (PREMs) direkt vom Patienten, sowie durch Bestimmung von «harten» Qualitsindikatoren, wie z.B. Rezidivrate oder Überleben, sichergestellt. Da strukturierte Daten erfasst werden, wird es ebenfalls möglich sein, jedem diagnostischen und therapeutischen Schritt ein entsprechendes «Preisschild« zuzuordnen, wodurch die effektiven Kosten einer Sarkombehandlung ermittelt werden können.

Definition von Qualitätsindikatoren (QI) der Sarkombehandlung

Um die Qualität der Sarkom Behandlung überhaupt erfassen zu können, muss diese zuerst definiert werden. Das Internationale Advisory Board des SSN mit vier weltweit anerkannten Sarkom­experten (Jean-Yves Blay, Lyon; Axel LeCesne, Paris; Javier Martin-Broto, Madrid; Alessandro Gronchi, Milan) definierte zu diesem Zweck Qualitätsindikatoren für die Abklärung und Behandlung von Patienten mit Sarkom. Diese können in 6 Kategorien eingeteilt werden (Tab. 1):

Real-time and real-world (RTWD) Datenerfassung

Selbstverständlich kann eine solche Fülle von klinischen Parametern und komplexen Daten nicht mit herkömmlichen Methoden abgebildet und erfasst werden. Zudem stellt die «Datenexplosion» in der Medizin ein zunehmend ernstes Problem dar, dem wir uns stellen müssen. Die Herausforderung kann zusammengefasst werden mit den 5V’s of big data, nämlich: Geschwindigkeit,
Volumen, Variabilität, Korrektheit und Wertigkeit. Die zukünftige Herausforderung besteht darin, Daten nicht nur zu berichten, sondern durch analytische Verfahren neues Wissen zu generieren, welches in Zukunft einen Krankheitsverlauf oder sinnvolle Therapie­entscheidungen für jeden einzelnen Patienten voraussagen kann. Dadurch kann eine deskriptive Analyse in eine prädiktive und präskriptive Analyse weiterentwickelt werden. Die Möglichkeiten der digitalen Transformation werden uns dies ermöglichen. Um in einem ersten Schritt RTWD zu generieren, entschloss sich das SSN, das SwissSarcomaRegistry mit dem MDT-SB zu koppeln. Somit kann der Moment, an dem sich alle Vertreter der Fachdisziplinen einmal wöchentlich austauschen und offene Fragen zur Abklärung und Behandlung der Sarkompatienten diskutieren, im Register festgehalten werden. Weiterhin erfolgt die Eingabe von Daten somit zeitgleich zum klinischen Ablauf und interdisziplinär.

IT Platform und interaktive Frontside-Website

Eine integrierte IT-Plattform zur Erfassung von strukturierten Daten bildet die Grundvoraussetzung, um RTWD unabhängig von der Geografie und gleichzeitig aus mehreren Institutionen abzubilden. Das SSN kooperiert mit Adjumed Services Zurich, ein digitaler Anbieter mit jahrzehntelanger Erfahrung, der die Standards der Datensicherheit erfüllen und verantworten kann. Das AdjumedCollect bildet die Basis, aufgrund derer die Analysen auf einer interaktiven Website (IAW) abgebildet werden können. Unter einer IAW verstehen wir eine Website, auf der der Sarkom Experte eine Auswahl von definierten Parametern betreffend eines spezifischen Kollektivs frei wählen kann und sich die entsprechende Grafik der korrespondierenden Datenanalyse im Form eines Diagrammes sofort darstellt, mit direktem Zugang zu den Rohdaten zur Kontrolle und Überprüfung (Abb. 1).
Um die Korrektheit der Daten zu überprüfen, wurde eine IAW für fehlende Daten konstruiert. Damit können potentiell fehlende Daten sofort identifiziert und komplettiert werden. Das Herzstück bildet die IAW für die oben aufgeführten Qualitätsindikatoren. Hierbei können auf Knopfdruck deskriptive Analysen von Qualitätsindikatoren eines Kollektivs nach Zeitperiode, nach Dignität, Diagnose, anatomische Lokalisation, Erst- und follow-up Vorstellung, geplante versus ungeplante Resektionen sowie nach Institutionen dargestellt werden. Eine weitere IAW wird für die Kostenerfassung erstellt. Hierbei kann für jede Intervention und z.B. MDT-SB Vorstellung ein «Kostenschild» zugeordnet werden, wodurch die effektiven Kosten für die medizinische Leistung für jeden einzelnen Patienten über den gesamten Behandlungszyklus ermittelt werden können. Zudem wurde eine IAW für PROMS/PREMS erstellt, auf der aktuell insgesamt 9 Fragebogen digital erfasst sind und welche die Patienten z.B. vorgängig zu einer Konsultation auf einem iPad ausfüllen können. Mittlerweile verwenden wir diese routinemässig im Alltag und erfassen alle konsekutiven Patienten. Eine weitere IAW wurde aufgebaut, auf der ein Cockpit erlaubt, eine RTWD Darstellung der PROMS z.B. in Form eines Radar charts direkt zu visualisieren. Selbstverständlich sind alle diese Information mit den Daten des SwissSarcoma­Registry verknüpft, sodass eine holistische Analyse mit allen klinischen metrischen Parametern verknüpft erfolgen kann.

Erwartungen

Die konsekutive, transparente Erfassung eines kompletten Kollektivs von Sarkom Patienten in Form von strukturierten Daten von Qualitätsindikatoren longitudinal über den gesamten Behandlungsverlauf in Echtzeit eröffnet bisher unvorstellbare Möglichkeiten. Diese erlauben, die verschiedenen Abklärungs- und Behandlungsarten in absoluter Zahl zu erfassen, wodurch die Wertigkeit einer Therapie bezogen auf den einzelnen Patienten erstmals definiert und zudem finanziell in Relation zur Behandlungsqualität ausgewiesen werden kann. Dies wird nicht-optimale oder unnötige Behandlungen eliminieren und die Qualität der Behandlung zu definierten Kosten verbessern.
Strukturierte Daten der Behandlung von Sarkompatienten bilden die Grundlage für eine prädiktive Analyse. Mit Hilfe von Machine Learning Algorithmen sowie statistischen Methoden erlauben sie im Kollektiv grundsätzlich eine Aussage betreffend Prognose für einen einzelnen Patienten. Darüber hinaus wird es möglich sein, für jeden Einzelfall Analysen einzelner Therapieschritte zu generieren und aufgrund derer den bestmöglichen Therapieweg für den einzelnen Patienten gezielt auszuwählen. Darauf wird schlussendlich die personalisierte Medizin begründet werden können.

Prof. Dr. med. et Dr. sc. nat. Bruno Fuchs

fuchs@sarcoma.surgery

Philip Heesen

Eine RTWD-interaktive Analyse und Monitoring der Qualität der Behandlung von Sarkompatienten ist für alle zugänglich, die bereit sind, Daten zu teilen. Eine solche Datengrundlage bildet die Basis für prognostische und prädiktive Outcome Analysen, welche in naher Zukunft für Sarkompatienten die «precision medicine» Realität werden lässt.

Auf Anfrage beim Verfasser.

Angeborene Herzfehler im Erwachsenenalter

Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern sind eine rasch wachsende, neue und komplexe Patientengruppe in der Erwachsenenkardiologie. Auch nach erfolgreicher chirurgischer Reparatur der Herzfehler im Kindesalter sind diese Patienten nicht geheilt. Zu den häufigsten Komplikationen im Erwachsenenalter gehören die Herzrhythmusstörungen (vor allem das
atypische Vorhofflattern) und die infektiöse Endokarditis. Eine gute Patientenedukation trägt zur frühen Diagnose und Behandlung dieser Komplikationen bei und vermindert damit Morbidität und Mortalität. Gelegentlich werden Herzfehler erst im Erwachsenenalter entdeckt. Zu solchen Herzfehlern gehören die Vorhofseptumdefekte, die Aortenisthmusstenose und die kongenital korrigierte Transposition der grossen Arterien.

Abstract: Adults with congenital heart defects are a rapidly growing, new and complex patient group in adult cardiology. Even after successful surgical repair of heart defects in childhood, these patients are not cured. The most common complications in adulthood include cardiac arrhythmias (especially atypical atrial flutter) and infective endocarditis. Good patient education contributes to early diagnosis and treatment of these complications, thus reducing morbidity and mortality. Occasionally, heart defects are not discovered until adulthood. Such heart defects include atrial septal defects, aortic coarctation and congenitally corrected transposition of the great arteries.
Key Words: congenital heart defects, cardiac arrhythmias, infective endocarditis

Hintergrund und Übersicht

Angeborene Herzfehler sind die häufigsten Geburtsdefekte. Etwa 1/100 Lebendgeborenen ist betroffen und etwa 6/1000 Babys haben einen komplexen angeborenen Herzfehler (1). Bis zur Entwicklung der modernen Herzchirurgie, insbesondere der Herz-Lungen-Maschine in den 1950er Jahren starben die meisten betroffenen Patienten im frühen Kindesalter. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Heute gehen wir davon aus, dass über 90% der Kinder mit einem angeborenen Herzfehler – auch jene mit komplexen Defekten – das Erwachsenenalter erreicht (2). Diese Entwicklung führt dazu, dass die Kohorten der Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern rasch wachsen und die Zahl der Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern jene der betroffenen Kinder bereits bei Weitem übersteigt (3, 4).

Bezeichnung und Begriffe

Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern sind eine neue Disziplin in der Erwachsenen-Kardiologie. Über die letzten Jahrzehnte sind verschiedene Bezeichnungen und Abkürzungen für diese Patientengruppe entstanden. In Europa wurden die Patienten lange als ‘GUCH-Patienten’ (grown up congenital heart disease patients) bezeichnet, während sich im Rest der Welt die Abkürzung ACHD (adult congenital heart disease) etablierte, die sich nun auch in Europa durchsetzt. In Deutschland wird gelegentlich die Abkürzung EMAH (Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern) verwendet. Das Spektrum einzelner angeborener Herzfehler und der verschiedenen Reparaturtechniken ist riesig und eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Entitäten sprengt den Rahmen einer solchen Übersichtsarbeit. Oft hilft eine schematische Darstellung von Herzanatomie und Operationstechnik zum besseren Verständnis der modifizierten Anatomie des individuellen Patienten. Eine ausgezeichnete Ressource ist die Bildsammlung des New Media Center der Universität Basel (www.congenital-heart-disease.ch), die allen Interessierten gratis zur Verfügung steht.

Herausforderungen im Erwachsenenalter

Geflickt ist nicht geheilt! Obwohl das Überleben ins Erwachsenenalter heute die Regel ist, haben betroffene Erwachsene ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen und viele auch ein erhöhtes Sterberisiko als junge Erwachsene (4-7). Mehrere Studien konnten zeigen, dass eine spezialisierte Betreuung von Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern durch multidisziplinäre Teams das Risiko für Komplikationen vermindert und das Überleben verbessert (8, 9).

Für Patientengruppen mit sehr hoher Komplexität, zum Beispiel Patienten mit univentrikulären Herzen, nicht operierten zyanotischen Herzfehlern oder Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz ist eine exklusive Betreuung an einem spezialisierten Zentrum sinnvoll (www.sgk-watch.ch). Da in der Schweiz ein Netz an gut ausgebildeten niedergelassenen Kardiologen besteht, hat sich für Patienten mit weniger komplexen Herzfehlern die gemeinsame Betreuung in enger Zusammenarbeit von spezialisierten Zentren mit niedergelassenen Kardiologen sehr bewährt (10).

Ziel dieses Artikels:

  • Diskussion wichtiger Langzeitkomplikationen (die sich bei Herzfehlerpatienten zuweilen atypisch präsentieren!)
  • Neudiagnose von Herzfehlern im Erwachsenenalter – ein Überblick
  • Behandlungsstrategien zur Vermeidung von Komplikationen

Langzeitkomplikationen

Herzrhythmusstörungen

Arrhythmien sind die mit Abstand häufigste Langzeitkomplikation bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern. Bis zum 50. Altersjahr sind mehr als 50% aller Patienten davon betroffen (11). Hauptursache der Arrhythmien sind myokardiale Narben, oft entstanden bei chirurgischen Reparatureingriffen. Hämodynamische Residuen, wie Klappeninsuffizienzen oder Stenosen, sowie Myokardinsuffienz / Herzinsuffizienz können Arrhythmien zusätzlich begünstigen.

Aufgrund der modifizierten Herzanatomie präsentiert sich das atypische Vorhofflattern (auch intra-atriale Reentry-Tachykardie oder kurz IART genannt) oft ungewöhnlich und wird deshalb nicht selten anfangs verpasst. Insbesondere bei Patienten mit deutlich vergrösserten Herzvorhöfen präsentiert sich das Vorhofflattern mit 2:1-Überleitung oft mit ungewöhnlich tiefer Ventrikelfrequenz (Abb. 1). Gerade der raschen Erkennung des Vorhofflatterns mit 2:1-Überleitung kommt grosse Bedeutung zu! Bei starrer Herzfrequenz über Stunden oder Tage kommt es bei den betroffenen Patienten oft rasch zur Ausbildung einer ausgeprägten Tachy-Myopathie mit schwer eingeschränkter Ventrikelfunktion. So erleben wir im Alltag immer wieder Situationen, bei denen sich wegen der verzögerten Diagnose eines Vorhofflatterns, aus einer eigentlich banalen, gut beherrschbaren Herzrhythmusstörung, ein lebensbedrohlicher Zustand entwickelt. Diesbezüglich kommen einer guten Patientenedukation und einer raschen Abklärung bei Auftreten von Symptomen eine hohe Bedeutung zu.

Auch ventrikuläre Arrhythmien und der plötzliche Herztod treten bei Patienten mit angeborenen Herzfehlern gehäuft auf. Aufgrund der Heterogenität der einzelnen Herzfehler (selbst innerhalb einzelner Entitäten!), der unterschiedlichen Operationstechniken und der spezifischen hämodynamischen Residuen des individuellen Patienten ist die Abschätzung des Risikos im Einzelfall schwierig und bedarf der Integration aller Befunde.

Zur Behandlung von Arrhythmien kommt das gesamte Spektrum der modernen Rhythmologie zum Einsatz. Insbesondere interventionelle Ablationsbehandlung kommen bei rezidivierenden Herzrhythmusstörungen immer häufiger zum Einsatz. Die Fortschritte der interventionellen Techniken, insbesondere durch verbesserte Bildgebung und damit besserer Navigation der Ablationskatheter bei komplexer Herzanatomie haben die Erfolgsraten stetig verbessert. Aufgrund des oft komplexen arrhythmischen Substrates mit multiplen Myokardnarben sind die Erfolgsraten aber weiterhin deutlich tiefer als bei Patienten mit vergleichbaren Rhythmusstörungen und strukturell normalem Herzen.

Endokarditis

Durch die zunehmende Verwendung prothetischer Klappensubstitute und transvenöser Schrittmacher- und Defibrillator-Elektroden stieg in den vergangenen Jahren die Zahl der Herzfehler-Patienten, die eine infektiöse Endokarditis erlitten stetig an. Insbesondere die häufige Implantation prothetischer Pulmonalklappen trägt zu diesem Anstieg bei. Das Risiko einer Pulmonalklappen-Prothesen-Endokarditis beträgt – je nach Klappenprothese – bis zu 3% pro Patientenjahr und manifestiert sich zudem häufig atypisch. Auch bei der Endokarditis gilt, dass eine gute Patientenedukation und eine rasche Abklärung bei Auftreten von Symptomen die Morbidität und Mortalität dieser schwerwiegenden Komplikation vermindert.

Aneurysmen / Pseudoaneurysmen

Patienten mit vorgängigen Operationen der Aorta haben ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung von Aneurysmen und Pseudoaneurysmen. Dies gilt insbesondere für Patienten mit Bindegewebeerkrankungen (Marfan-Syndrom, Loeys-Dietz-Syndrom, etc.), aber auch Patienten mit reparierter Aortenisthmusstenose (Abb. 2).

Bei diesen Patienten sind regelmässige Schnittbilduntersuchungen zur frühzeitigen Erkennung dieser Komplikation wichtig. Die Frequenz der Schnittbilduntersuchung richtet sich nach dem individuellen Risiko, insbesondere der verwendeten Operationstechnik der Aortenisthmusstenose und sollte je nach Situation mindestens alle 5-10 Jahre erfolgen.

Schwangerschaft

Je nach Art des Herzfehlers und residueller Läsionen kann das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen während einer Schwangerschaft erhöht sein. Wenn immer möglich sollte vor einer Schwangerschaft eine umfassende Abklärung und Beratung erfolgen. Das Management während Schwangerschaft und peripartal muss individuell festgelegt werden. Eine besondere Herausforderung bezüglich des Schwangerschaftsmanagements stellen Frauen mit mechanischen Herzklappen dar. Diese Frauen und andere Frauen mit erhöhtem und hohem Schwangerschaftsrisiko profitieren von einer Betreuung durch spezialisierte, multidisziplinäre Teams.

Neudiagnose eines Herzfehlers im Erwachsenenalter

Zuweilen werden Herzfehler erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Am häufigsten sind dies Vorhofseptumdefekte und bicuspide Aortenklappen. Seltener werden auch Aortenisthmusstenosen oder eine kongenital korrigierte Transposition der grossen Arterien erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.

Vorhofseptumdefekte

Ein Vorhofseptumdefekt wird gelegentlich erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Grund für die Abklärung sind oft abnormale klinische und paraklinische Untersuchungen (Herzgeräusch, abnormales EKG) oder das Auftreten von Komplikationen (Vorhofflattern, Vorhofflimmern, paradoxe Embolien, pulmonale Hyper­tonie, progrediente Tricuspdialinsuffizienz).

Bei der kardiologischen Abklärung fällt häufig primär die Vergrösserung der rechtsseitigen Herzhöhlen bei der Echokardiographie auf. Der eigentliche Defekt ist bei Erwachsenen manchmal schwierig zu erkennen, insbesondere bei Sinus venosus-Defekten. Bei Verdacht auf eine intra-kardiale Shuntverbindung ist die Bubble-Kontrast-Echokardiographie ein einfacher, günstiger und sensitiver Test und sollte grosszügig eingesetzt werden. Zur genaueren Charakterisierung des Defektes ist oft eine transösophageale Echokardiographie nötig, insbesondere zur Beurteilung der Möglichkeit eines interventionellen Device-Verschlusses. Dabei ist es entscheidend, dass die Gewebesäume (rims) über die ganze Zirkumferenz des Defektes sorgfältig dargestellt werden. Bei Zweifeln bezüglich hämodynamischer Relevanz von Defekten kann eine kardiale Magnetresonanz-Untersuchung mit Messung der rechtsventrikulären Volumina und Bestimmung der pulmonalen Flusswerte hilfreich sein. Die Schnittbilduntersuchung erlaubt auch die Darstellung und Quantifizierung allfälliger falsch mündender Lungenvenen.

Aortenisthmusstenose

Die Diagnosestellung einer Aortenisthmusstenose erst im Erwachsenenalter ist selten. 50-80% der betroffenen Patienten haben zusätzlich eine bicuspide Aortenklappe. Die Diagnose einer Aortenisthmusstenose als sekundäre Ursache einer systemischen arteriellen Hypertonie darf aber nicht verpasst werden! Echokardiographisch findet sich oft eine Flussbeschleunigung über den Aortenisthmus und ein langsamer, kaum pulsatiler Fluss in der Aorta abdominalis mit typischem diastolischem Vorwärtsfluss. Insbesondere bei schwerer / subatretischer Aortenisthmusstenose fehlt aber häufig das typische Doppler-Signal von suprasternal! Die Diagnose lässt sich klinisch ganz einfach stellen mit Messung des Blutdrucks an Armen und Beinen. Dabei findet sich die typische Arm-Bein-Blutdruckdifferenz. Die Diagnose wird mit Magnet-Resonanz-Angiographie oder Computertomographie bestätigt. Die Schnittbilduntersuchungen sind auch wichtig zur Therapieplanung.

Kongenital korrigierte Transposition der grossen Arterien

Die Ursache der kongenital korrigierten Transposition der grossen Arterien ist eine fehlerhafte «Faltung» des Herzschlauches während der Embryonalentwicklung. Durch den L-loop kommt es physiologisch zur «Ventrikelinversion». Das heisst, der rechte Vorhof
konnektiert zum morphologisch linken Ventrikel, der linke Vorhof zum morphologisch rechten Ventrikel. Die Pulmonalarterie entspringt dem subpulmonalen linken, die Aorta dem subaortalen rechten Ventrikel (Abb. 3). Wenn zusätzliche Defekte vorliegen (am häufigsten sind Ventrikelseptumdefekte und die Pulmonalstenose) erfolgt die Diagnose meist im Kindesalter. Bei Fehlen zusätzlicher
Defekte wird die Diagnose gelegentlich erst im Erwachsenenalter gestellt. Dann meist bei Auftreten von Komplikationen (progrediente Tricuspidalinsuffizienz, Herzinsuffizienz oder atrioventrikulärer Block). Die Betreuung solcher Patienten sollte in Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Zentrum erfolgen.

Prävention

Wie oben erwähnt kommt der Patientenedukation grosse Bedeutung zu. Über den Dachverband www.herznetz.ch wurden über die letzten Jahre verschiedene Edukationstools entwickelt, die zur Unterstützung eingesetzt werden können. Im Alltag als sehr hilfreich und effektiv hat sich ein kleines Faltblatt erwiesen, das die wichtigsten Komplikationen und die einschlägigen Vorsichtsmassnahmen zusammenfasst. Wir verwenden dies als Unterstützung der mündlichen Patienten-Edukation (Abb. 4). Dieses Faltblatt steht in deutscher, englischer und italienischer Sprache zur Verfügung (www.herznetz.ch/service/mini-kg).

Auch die neuen schweizerischen Endokarditisrichtlinien, die 2020 erarbeitet und publiziert wurden, unterstreichen die Wichtigkeit der Patientenedukation zur frühzeitigen Erkennung einer Endokarditis. Gemeinsam mit der Schweizerischen Herzstiftung wurde auch für die Endokarditis ein Edukations-Flyer entwickelt (www.endocarditis.ch).

Zweitabdruck aus «info@herz+gefäss» 06-2021

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Matthias Greutmann

Abteilung für Angeborene Herzfehler
Kardiologie
Universitäres Herzzentrum Zürich, Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Mit der modernen Herzmedizin hat sich das Überleben der
Patienten mit angeborenen Herzfehlern stark verbessert und
die Zahl erwachsener Patienten mit Herzfehlern nimmt rasch zu.
◆ Diese erwachsenen Patienten sind nicht geheilt!
◆ Die häufigsten Komplikationen im Erwachsenenalter sind Herz-
rhythmusstörungen, die Endokarditis und die Herzinsuffizienz.
◆ Eine gute Patientenedukation ist wichtig und vermindert Morbidität und Mortalität

1. Hoffman JI, Kaplan S. The incidence of congenital heart disease. Journal of the American College of Cardiology. 2002;39(12):1890-900.
2. Moons P, Bovijn L, Budts W, Belmans A, Gewillig M. Temporal trends in survival to adulthood among patients born with congenital heart disease from 1970 to 1992 in Belgium. Circulation. 2010;122(22):2264-72.
3. Marelli AJ, Ionescu-Ittu R, Mackie AS, Guo L, Dendukuri N, Kaouache M. Lifetime prevalence of congenital heart disease in the general population from 2000 to 2010. Circulation. 2014;130(9):749-56.
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5. Diller GP, Kempny A, Alonso-Gonzalez R, Swan L, Uebing A, Li W, et al. Survival Prospects and Circumstances of Death in Contemporary Adult Congenital Heart Disease Patients Under Follow-Up at a Large Tertiary Centre. Circulation. 2015;132(22):2118-25.
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9. Cordina R, Nasir Ahmad S, Kotchetkova I, Eveborn G, Pressley L, Ayer J, et al. Management errors in adults with congenital heart disease: prevalence, sources, and consequences. European heart journal. 2018;39(12):982-9.
10. Bouchardy J. GM, Schwerzmann M., Attenhofer Jost C., De Pasquale G. Oxenius A., Rutz T., Wustmann K., Balmer C., Tobler D. Grown-up congenital heart disease: Recommendations for standards of care. Cardiovascular Medicine. 2015;18(4):144-5.
11. Bouchardy J, Therrien J, Pilote L, Ionescu-Ittu R, Martucci G, Bottega N, et al. Atrial arrhythmias in adults with congenital heart disease. Circulation. 2009;120(17):1679-86.

Bedeutung von zirkadianen Rhythmen in der Pathogenese der chronischen Erkrankungen

Die zirkadiane Rhythmik wird von der modernen Gesellschaft weitgehend ignoriert. Als Folge nehmen die chronischen Erkrankungen weiter zu. Es ist bekannt, dass die Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen in Abhängigkeit von der Tageszeit variiert und desynchronisierte Nahrungszufuhr und ein unregelmässiger Schlafrhythmus Risikofaktoren für Gewichtszunahme und Typ-2-Diabetes sind. Die Verwendung einer Aufwachhilfe gilt als erster klinischer Indikator für Desynchronisation und entsprechendes Krankheitsrisiko.

Abstract: Circadian rhythms are largely ignored by modern society. As a result, chronic diseases continue to increase. It is well known that the frequency of cardiovascular events varies according to the time of day and desynchronised food intake and an irregular sleep rhythm are risk factors for weight gain and type 2 diabetes. The use of a wake-up aid is considered the first clinical indicator of desynchronisation and corresponding disease risk.
Key Words: Circadian rhythm, sleep-wake rhythm, food jet lag

Brauchen Sie einen Wecker zum Aufwachen am Morgen? Letzteres ist eine immer noch unterlassene Frage in der Anamnese während einem Check-up-Gespräch oder generell bei der Betreuung von medizinischen Patienten.

Seit Menschengedenken dreht sich die Erde während gut 24h um ihre eigene Achse und führt damit zu einem steten Wechsel von Licht und Dunkelheit. Diese Rhythmik hat während Jahrtausenden das menschliche Dasein bestimmt: Während der Lichtphase war Aktivität, in der Dunkelphase Ruhe angezeigt. Dies sicherte die Überlebenschancen. Dieser natürlicher 24h-Rhythmus spiegelt sich u. a. auch in der metabolischen Aktivität und Flexibilität, in der Genexpression, den Tageschwankungen der Körpertemperatur, des Hormonspiegels oder auch der Plasma-Glukose-Konzentration. Die Mehrheit der physiologischen Regelkreise, Organ- respektive Zellsysteme unterliegt dieser zirkadianen Rhythmik. Im klinischen Alltag hat sich diese im Rahmen der Interpretation von 24h-Blutdruckmessungen schon etabliert und der nächtliche Blutdruckabfall stellt ein zentrales Kriterium in der Beurteilung eines 24h-Blutdruckprofils dar. So ist ein fehlender nächtlicher Abfall des Blutdrucks mit einem höheren kardiovaskulären Risiko verbunden (1, 2).

Der rhythmische Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit steuert die gesamte lebende Materie auf Erden, im Besonderen auch Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen (3,  4). Das heutige Genom des Menschen entstand während Tausenden von Jahren und war für das Überleben entscheidend. Seit der Erfindung der Glühbirne durch Joseph Swan und deren Perfektionierung durch Thomas Edison wurde die Nacht zum Tag und das uralte Genom des Menschen zum gesundheitlichen Handicap. Die pathophysiologischen Auswirkungen dieser Erfindung auf den Lebensstil kennen wir bestens von unseren Patienten.

Historische «Erinnerungshilfen»

Seit es Menschen gibt, waren diese «ungewollt» der zirkadianen Rhythmik unterworfen. In der heutigen, hektisch-profitorientierten Welt wird diese Rhythmik ignoriert, um nicht zu sagen mit Absicht verdrängt bzw. ein Nichtbeachten derselben dem Menschen aufgezwungen. Aufgrund der heutigen Erkenntnisse kann angenommen werden, dass der Mensch nur dank dieser Rhythmik und seiner Anpassung an diese Rhythmik bis heute so gut überlebt hat (5). Als Erinnerungshilfe sollen ein paar geschichtliche Fakten und Kuriositäten erwähnt werden: dass physiologische Regelkreise durch Licht beeinflusst werden ist seit langem bekannt und wurde in der Medizin seit Jahrtausenden berücksichtigt, wie z.B. in der chinesischen oder auch indischen Medizin. So ist die «Harmonie zwischen Mensch und Natur» ein zentrales Konzept in der traditionellen chinesischen Medizin und das grundlegende «Licht-Dunkelheit» Prinzip spiegelt sich auch seit Jahrtausenden in der graphischen Darstellung vom Yin und Yang (6).

Auch Alexander der Grosse beobachtete, dass sich die Äste des Tamarind-Baumes in der Nacht «entspannen» und sich sozusagen zum nächtlichen Ausruhen und Entspannen nach unten senken (7). Diese Astbewegungen von Bäumen, wie z.B. bei einer bestimmten Palme in Faridpur (Bangladesh) mit einem extremeren zirkadianen Bewegungsmuster der Äste, wurden als Wunder betrachtet und man interpretierte – ohne das heutige Wissen zu haben – , dass die Palme «betet». Diese Palme ist entsprechend als «The Praying Palm of Faridpur» bekannt. Auch Darwin beschrieb diese Bewegungen der Blätter und Äste. Diese Bewegungen können heute mit Lasertechnologie genau erfasst werden und man weiss, dass diese Bewegungsmuster unter anderem von der geographischen Lage (i.e. der Intensität des Lichtes / Lichteinfalls) abhängig sind und in einer vor kurzem publizierten Arbeit wird erwähnt, dass auch Bäume «schlafen» müssen (8,  9). Die Ursache für diese Ast- respektive Blattbewegungen liegt wahrscheinlich in der zirkadianen Variation des Wasserdruckes in der Pflanze und Blättern, wobei der zugrundeliegende Auslöser der Wechsel von Hell-Dunkel darstellt.

Jeder kennt die sprichwörtliche Aussage «Du bist so empfindlich wie eine Mimose». Die Blätter der Mimose reagieren auf diverse exogene Reize (u.a. Erschütterungen). Vor beinahe 300 Jahren beschrieb der französische Physiker und Astronom Jean Jacques d’ Ortous de Mairan (1678-1771) rhythmische Bewegungen der Fiederblätter der Mimose und postulierte damit als einer der Ersten die Existenz von zirkadianen Rhythmen (7). Es verstrichen allerdings fast 100 Jahre bis der Genfer Botaniker und Forscher Augustin-Pyrame de Candolle (1778-1841) feststelle, dass die Mimose eine endogene Tagesrhythmik aufweist und sich die Blätter mit einer approximativen Freilaufzeit von ca. 24 Stunden öffnen und schliessen (7). Weitere Jahre verstrichen bis im Jahre 1972 nachgewiesen wurde, dass bei Tieren mit abladierten Nucleus Suprachiasmaticus eine Desynchronisation verschiedenster Körperfunktionen resultierte. Somit war die Existenz einer zentralen inneren Uhr erwiesen. Im Jahre 1998 konnte der damals in Genf tätige Schweizer Chronobiologe Ueli Schibler erstmalig zeigen, dass auch periphere Zellen einen endogenen zirkadianen Rhythmus aufweisen und sich deren Genexpression zirkadian verändert (10). Mittlerweile sind verschiedene Zeitgeber (wie z.B. Licht, Nahrungszufuhr, körperliche Aktivität u.a.) identifiziert worden, die diese natürlichen endogenen Rhythmen positive oder negativ beeinflussen können. Trotz dem enormen Gesundheitspotential werden diese Rhythmen zunehmend auf gesellschaftlicher und individueller Ebene ignoriert.

Menschen (viele sind bereits durch diese Mechanismen zu Patienten mutiert) sind auf Störungen dieser Rhythmik um einiges empfindlicher als Mimosen. Im Folgenden sollen ein paar ausgewählte Aspekte für unseren Praxis­alltag näher angesprochen werden.

Die Mechanismen der zirkadianen Rhythmik

Trotz vielseitiger Kenntnis der regulativen Mechanismen der zirkadianen Rhythmik, ist nach wie vor vieles noch im «Dunkeln». Der Wechsel von Helligkeit-Dunkelheit werden durch spezifische nicht visuelle Rezeptoren auf der Retina registriert und gezielt an den Nukleus Suprachiasmaticus (SCN) weitergeleitet (3). Dieser im ventralen Hypothalamus liegender Kern stellt die «Innere Uhr» (Master-Clock) dar, und ist der Hauptzeitgeber für eine Vielzahl von endogenen physiologischen Rhythmen. Es handelt sich dabei um eine relativ kleine Anzahl von Zellen, welche die retinalen «Licht-/Dunkel-Signale» erhalten, verarbeiten und durch eine Signalkaskade via diverse andere Hirnkerne zu den peripheren Zellen und Organsystemen weiterleiten. Eine lokale Läsion des SCN oder die Nicht-Respektierung der exogenen Licht-Dunkel Rhythmik, führt zu einer Desynchronisation verschiedenster Körperfunktionen und zu Krankheit. Die Helligkeit-/Dunkelheit-Signale führen zu einer rhythmischen Aktivierung und Deaktivierung von Transkriptions-Translations-Feedback Schlaufen im SCN und stellen die molekulare Grundlage der Verarbeitung der Lichtimpulse und der daraus resultierenden Signalkaskade dar (11, 12). Für den Nachweis dieser Mechanismen wurde 2017 der Medizin Nobelpreis vergeben (13).

Die Master-Clock ist hierarchisch organisiert und der wichtigste Zeitgeber stellt der natürliche Wechsel von Hell und Dunkel infolge der Erdrotation dar. Die Nahrungszufuhr hat ebenfalls eine kritische Bedeutung als Zeitgeber, wobei im Besonderen die in den peripheren Geweben lokalisierten Uhren im Sinne eines Resettings beeinflusst werden (14). Wenn die zentrale Master-Clock und die peripheren Clocks eine «unterschiedliche Zeit» aufweisen, sind Probleme vorprogrammiert. Chronobiologische Aspekte der Nahrungszufuhr / Substratzusammensetzung bekommen somit eine zunehmende präventivmedizinische und therapeutische Bedeutung.

Blutdruck und zirkadiane Rhythmik

Ein erhöhter Blutdruck und unkontrollierte Hypertonie gehören zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für Herzkreislauf­erkrankungen. Seit langem ist bekannt, dass die Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen in Abhängigkeit von der Tageszeit variiert. So treten – wie wir alle aus unserem Alltag wissen – Myokardinfarkte oder auch Schlaganfälle mehrheitlich in den frühen Morgenstunden auf (15). Nebst anderen Faktoren spielt für diese tageszeitliche Häufung die Blutdruck-Variabilität im Verlaufe eines Tages eine nicht zu unterschätzende Rolle: nach dem nächtlichen Absinken des Blutdrucks (sogenanntes Dipping) steigt der systolische und der diastolische Blutdruck in den frühen Morgenstunden vor dem Aufwachen an, dies entspricht dem sogenannten «morning surge». Dieser Anstieg korreliert mit dem erhöhten morgendlichen Risiko für das Auftreten eines Myokardinfarktes. So sind nicht nur klinisch manifeste Ereignisse in den frühen Morgenstunden am häufigsten, sondern auch stumme Infarkte. Ein Grossteil der Hypertonie-Patienten zeigen kein Dipping. Nebst genügend Schlaf mit regelmässigen Schlafzeiten stellt auch die abendliche Gabe eines blutdrucksenkenden Medikaments eine erfolgversprechende Massnahme zur Optimierung des Blutdrucks (mit erneuter Etablierung eines Dippings) dar (16).

Die Blutdruck Tagesrhythmik ist auch während der Schwangerschaft erhalten und verschwindet typischerweise in Abhängigkeit vom Schweregrad einer Präeklampsie. Entsprechend ist die Blutdruck Messung mittels 24h-ABPM gerade auch während der Schwangerschaft, im Besonderen bei Hinweisen auf eine Risikoschwangerschaft, indiziert (17). Die optimale Berücksichtigung des zirkadianen Rhythmus während der Schwangerschaft ist pathophysiologisch von hoher Bedeutung (18), u.a. wird dadurch auch das Risiko einer postpartalen Depression deutlich reduziert (19). Die Nicht-Beachtung der zirkadianen Rhythmik beeinflusst auch das Risiko für die Entwicklung eines Gestationsdiabetes (20). So erhöht sich das Risiko für einen Gestationsdiabetes bei Kurz-Schläferinnen, aber auch bei Schwangeren mit einem späten «Midpoint of Sleep» (unabhängig von der Schlafdauer) (21). Die Desynchronisation während der Schwangerschaft beeinflusst nicht nur die mütterliche Gesundheit, sondern auch das Krankheitsrisiko der Kinder (18,  22).

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass wir ein hohes Potential hätten, den Gesundheitszustand der Mutter und ihrer Nachkommen zu beeinflussen. Dies – wohlbemerkt – kostenfrei. Weil es kostenlos ist, werden diese Massnahmen kaum gefördert und unsere Gesellschaft akzeptiert und fördert einmal mehr pathophysiologisch hochrelevante Risikofaktoren.

Herzmuskelzellen und zirkadiane Rhythmik

Eine optimale Funktion der Herzmuskulatur wird als Selbstverständlichkeit betrachtet und eine Ischämie des Muskels stellt ein meist unerwartetes fatales Ereignis dar. Aufgrund der kontinuierlichen Kontraktion des Herzmuskels ist dieser wie kaum ein anderes Organ auf eine kontinuierliche optimale Versorgung mit Energiesubstraten angewiesen. Die Herzmuskelzellen produzieren den grössten Teil ihrer Energie durch die mitochondriale Oxidation von freien Fettsäuren (FFA) (ca. 70% der Energie für die Herzmuskelzellen stammen aus der FFA Oxidation). Auch wenn es noch viele offene Fragen bezüglich des Energiestoffwechsels der Herzmuskelzellen gibt, wissen wir, dass die Verfügbarkeit der Energiesubstrate, deren Metabolite und auch der metabolische Flux / metabolische Flexibilität je nach Tageszeit unterschiedlich sind. Diese Variabilität hängt zum Teil von der Nahrungszufuhr, Schlafmuster und auch Muster der körperlichen Aktivität ab. Wie in anderen Organen zeigt auch die Herzmuskelzelle eine zirkadiane intrinsische Rhythmik des Stoffwechsels, im Besonderen auch des Energiestoffwechsels. Eine Störung oder auch aktive Missachtung dieser zirkadianen Rhythmik (z.B. bei Schichtarbeitern oder auch als Folge von sozialem Jetlag) führen früher oder später zu verschiedensten Störungen des kardialen Energie-Stoffwechsels und Herzerkrankungen (von Rhythmusstörungen bis hin zu den bekannten MACE Endpunkten) (23). Neue tierexperimentelle Daten zeigen, dass die Substratoxidationsraten am Herzen tageszeitlich variieren und der Zeitpunkt der Zufuhr von grösseren Mengen an verzweigtkettigen Aminosäuren (d.h. Leucin, Isoleucin und Valin) je nach Funktionszustand der Herzmuskelzellen u.U. negative Effekte haben können. So zeigte eine Forschungsgruppe von der University Birmingham (USA), dass die abendliche Zufuhr einer proteinreichen Nahrung mit einem hohen Anteil an verzweigtkettigen Aminosäuren (mehrheitlich im Fleisch, Nüsse, Eier oder auch Fisch zu finden) bei herzinsuffizienten Tieren eine dramatische Verminderung der Kontraktilität bewirkte und das Fortschreiten der Herzinsuffizienz förderte (24). Falls sich diese Resultate bestätigen, müsste bei Herzinsuffizienz Patienten die proteinreiche Nahrungszufuhr auf den Morgen verlegt werden. Die morgendliche Zufuhr von Aminosäuren hatte keine negativen Effekte auf das kardiale Remodelling und ist in Einklang mit chronomedizinischen Empfehlungen die Hauptnährstoffzufuhr in der ersten Tageshälfte zu machen. Diese neuen Arbeiten erlauben einen faszinierenden Einblick und Ausblick in die Bedeutung der zirkadianen Rhythmik für die Herzgesundheit. In Einklang mit dieser Beobachtung zeigten Studien mit kurzwirksamen ACE-Hemmern lediglich bei abendlicher Einnahme (im Gegensatz zur morgendlichen) einen günstigen Effekt auf das kardiale Remodelling (dies bei identischer Blutdrucksenkung). Dies würde bedeuten, dass die meisten hochprozessierten Frühstückszerealien und abendliche Proteindrinks (zur Prävention der Sarkopenie) für Patienten mit Herzinsuffizienz mit grosser Wahrscheinlichkeit obsolet sein sollten. Auch die Kohlenhydrate und Fette zeigen bezüglich der kardialen Verstoffwechselung eine ausgeprägte Tagesrhythmik, die aber hier nicht im Detail diskutiert werden soll.

«Eating-Jetlag» vermeiden

Auch der Energieverbrauch, die Substartoxidationsraten und auch der Appetit unterliegen einer zirkadianen Rhythmik. Eine desynchronisierte Nahrungszufuhr («Essen on the Go» oder auch eine riesige Hauptmahlzeit abends oder am späteren Abend /   Nacht) und / oder ein unregelmässiger Schlafrhythmus, gelten als etablierter Risikofaktor für eine Gewichtszunahme und Übergewicht / Adipositas oder auch Diabetes Type 2. Ein sozialer Jetlag und auch ein «Food-Jetlag» (oder «Eating Jetlag») erhöhen das Risiko für Übergewicht oder auch Diabetes mellitus Typ 2 (25). Auch gesunde Menschen sind in der Nacht «insulinresistenter» und entsprechend ist bei langdauerndem (meist lebenslänglichem) Konsum der Hauptmahlzeit abends das Diabetes Risiko unabhängig vom Körpergewicht deutlich erhöht.

Wirksame Prävention und zirkadianer Rhythmus

Wir sprechen in allen Bereichen der modernen Gesellschaft von Nachhaltigkeit, heutzutage gerade auch bezüglich der Klima- und Umweltveränderungen. Nachhaltigkeit sollte aber auch Aspekte der eigenen Gesundheit betreffen. Diese Nachhaltigkeit beginnt in der Beibehaltung der zirkadianen Rhythmik. Die präventiven Ernährungs-Empfehlungen beinhalten nur qualitative und quantitative Aspekte. Von ähnlich hoher Bedeutung wäre aber auch der Zeitpunkt des Essens (siehe oben). Letzteres ist in den letzten Jahren in Zusammenhang mit dem intermittierenden Fasten ins Zentrum des Interesses gerückt. Aufgrund der zirkadianen Komponenten der physiologischen Regelkreise des Essens (sogar des Appetits), Verdauung und Substratmetabolismus sollte immer zu demselben Zeitpunkt des Tages gegessen werden (allerdings mit Minimierung des CHO Anteil abds). Der konstante Zeitpunkt der Nahrungszufuhr gewährleistet eine optimale Funktion der verschiedenen Aspekte der Verdauung und Substratverarbeitung. Dies ist auch von Bedeutung, da die Atherosklerose mehrheitlich ein postprandiales Phänomen darstellt. Dies bedeutet, dass man nicht zu häufig Essen sollte und dass man nur bei Gewährleistung einer optimalen Substratverarbeitung essen solle. Die moderne Gesellschaft isst mehrheitlich «on the go» und entsprechend sind viele Menschen bis zu 80% des Tages postprandial, also in einem proatherogenen metabolischen Zustand. Kein Wunder, dass die atherosklerotischen Herzkreislauferkrankungen immer noch die wichtigste Morbiditäts- und Mortalitätsursache darstellen.

Das propagierte und stark beworbene Snacking ist aus naheliegenden Gründen obsolet. An arbeitsfreien Tagen wird meist noch unregelmässiger gegessen, was einen sogenannten «eating jet lag» am Weekend bewirkt, der dann anfangs Woche metabolische Störungen potenziert. Man spricht auch von einer metabolischen Desynchronisierung. Es ist keine Überraschung, dass durch die zeitliche Diskrepanz der Nahrungszufuhr zwischen Wochentagen und dem Weekend, zusammen mit der Verschiebung von Schlafrhythmus und Schlafhygiene, die Blutzucker Einstellung von Diabetikern anfangs Woche am schlechtesten ist (26). Der erste Schritt zur Kontrolle von metabolischen Störungen und des Gewichts stellt die konsistente Respektierung der zirkadianen Rhythmik dar.

Copyright Aerzteverlag medinfo

Prof. Dr. med. Paolo M. Suter

Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100
8044 Zürich

paolo.suter@usz.ch

Der Autor hat deklariert, keine Interessenskonflikte mit diesem Artikel zu haben.

◆ Die moderne Gesellschaft ignoriert die zirkadiane Rhythmik, da jegliche Form von Konsum zur Profitgenerierung möglichst weit in die Nacht
ausgedeht werden muss.
◆ «The business must go on», auch wenn dies auf Kosten der Gesundheit geht. Eine weitere Zunahme der Patienten mit den klassischen chronischen Erkrankungen ist somit (leider) «sichergestellt».
◆ Wir diskutieren die Bedeutung der translationalen Forschung und Medizin, damit wir gesünder werden, ignorieren dabei aber Grundkonzepte der
Physiologie und Beschränken unsere Empfehlungen weiterhin auf kostenpflichtige Massnahmen.
◆ So werden die meisten von uns weiterhin in zunehmenden Mass eine
Aufwachhilfe in Form eines Weckers benötigen.
◆ Die Verwendung einer Aufwachhilfe gilt als erster feiner klinischer Hinweis auf Desynchronisation und Misalignement und somit Krankheitsrisiko.
◆ Falls Sie auch einen Wecker benötigen, dann sollten sie sich mit dem
zirkadianen Rhythmus erneut «befreunden».

 

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Konservative Behandlung der Gonarthrose

Etwa 40% der über 60-Jährigen sind von Gonarthrose betroffen. Werden die vielen Register der konservativen Therapie gezielt gezogen, gelingt es oft, die Schmerzen suffizient zu reduzieren und die Gelenkfunktion über viele Jahre zu erhalten. Im Management verlagert sich der Trend von den medikamentösen zu den nicht medikamentösen Massnahmen. Die ersten Therapieschritte umfassen die Patientenschulung, ein Übungsprogramm und bei Bedarf eine Gewichtsreduktion.

Abstract: About 40% of people over 60 are affected by knee osteoarthritis. If all the stops of conservative therapy are pulled out in a targeted manner, it is often possible to reduce pain sufficiently and to maintain joint function for many years. In the management, the trend is shifting from drug to non-drug measures. The first therapy steps include patient education, an exercise program and, if necessary, weight reduction.
Keywords: knee osteoarthritis, NSAIDs, glucosamine/chondroitin, intra-articular therapy

Abklärungen vor Therapie

Das Krankheitsbild der Gonarthrose ist vielgestaltig. Vor der Behandlungsplanung gilt es abzuklären, in welchem Ausmass die einzelnen Gelenkkompartimente betroffen sind. Dafür sind die klinische und konventionell-radiologische Untersuchung oft ausreichend. Letztere ist nicht zwingend, zumal oft eine starke Diskrepanz zwischen der Klinik und den Röntgenbefunden besteht (Abb. 1). Zur radiologischen Beurteilung des femorotibialen Gelenkes eignen sich Aufnahmen im Einbeinstand am besten. Die Beinachse, die ligamentäre Stabilität und die muskuläre Führung sind immer mitzubeurteilen. Klinisch soll zudem geprüft werden, ob eine Aktivierung besteht, welche durch Ruheschmerzen, Schwellung, Erguss und Überwärmung charakterisiert ist. Auch die Erfassung einer sich durch myofasziale Druckdolenzen äussernden Periarthropathie ist wichtig. Gegenüber dem Röntgen erlaubt das MRI eine differenziertere Beurteilung des Knorpelschadens, des Zustandes der Menisken und nicht zuletzt auch des subchondralen Knochens. Vor allem bei plötzlichen starken Schmerzen und konventionell-radiologisch nur gering ausgeprägten Veränderungen hat das MRI einen hohen Stellenwert zur Erfassung osteochondraler Defekte, denen unter anderem subchondrale Insuffizienzfrakturen, die Osteochondritis dissecans oder auch die avaskuläre Osteonekrose zugrundeliegen können (Abb.2a - c). Manche dieser Pathologien erfordern spezifische therapeutische Massnahmen, insbesondere Entlastung. Das MRI ist auch bei Blockierungsphänomenen indiziert.

Vor der Therapieplanung gilt es, die Patientenpräferenzen zu erfassen wie z.B. die Bereitschaft für ein Übungsprogramm oder eine Medikamenteneinnahme.

Es sind diverse Guidelines zur Therapie publiziert; in der Praxis erweisen sich diese aber oft als nur wenig hilfreich, weil sie der Heterogenität des Krankheitsbildes der Gonarthrose und den individuellen Patientenbedürfnissen nicht genügend Rechnung zu tragen vermögen.

Physiotherapie

In der Erstversorgung der Gonarthrose zeichnet sich ein Trend ab weg von den medikamentösen hin zu den nicht medikamentösen Massnahmen (Abb. 3). Physiotherapeutisch ist auch bei eingeschränkter Funktion ein gut dosiertes Übungsprogramm erste Wahl. Passive Interventionen mit manuellen Techniken, Triggerpunkt- oder anderen Weichteilbehandlungen sollen nur wenn nötig und zusätzlich zum spezifischen Training erfolgen.

Ein Guideline-basiertes Management hat bislang gefehlt. Das GLA:D®-Arthroseprogramm schliesst diese Lücke (Tab. 1). GLA:D® (Good Life with osteoArthritis Denmark) wird international implementiert. In Dänemark gibt es seit 2013 über 55’000 Teilnehmende, in der Schweiz seit 2019 rund 3000. Die ersten Schweizer Ergebnisse zeigen, dass eine substantielle Verbesserung von Schmerzen, Analgetikakonsum, Gehfähigkeit und Lebensqualität auch ein Jahr nach Absolvieren des Programms noch anhält.

Gewichtsreduktion

Die Gewichtsabnahme gehört zu den wirksamsten Massnahmen zur Schmerzverminderung und Funktionsverbesserung. Es gibt auch Hinweise, dass die Arthroseprogression durch eine Gewichtsreduktion verlangsamt wird; entsprechend hat die Gewichtsabnahme als bislang einzige Therapiemassnahme das Potenzial, bei der Gonarthrose krankheitsmodulierend zu wirken. Alle übergewichtigen Patienten sollen deswegen diätetisch beraten werden.

Bandagen

Elastische Kniebandagen sind vor allem beim Gehen auf unebenem Terrain nützlich, um über eine Verbesserung der Propriozeption die muskuläre Stabilisierung des betroffenen Gelenkes zu verbessern. Eine eigentliche Schienung ist nur dann sinnvoll, wenn eine starke Instabilität besteht.

Einlagen- und Schuhversorgung

Obschon der Effekt keilförmiger medialer bzw. lateraler Ferseneinlagen bei der lateralen bzw. medialen femorotibialen Arthrose nur gering ist, kann sich ein Versuch damit vor allem bei Achsenfehlstellungen durchaus lohnen. Bestehen Fussdeformitäten, sind diese bei der Einlagenversorgung natürlich zu berücksichtigen. Beim Schuhwerk soll auf eine gute Schockabsorptionsfähigkeit der Sohlen geachtet werden.

Hilfsmittel

Der Effekt einer Stockentlastung wird oft unterschätzt: Die Nutzung eines kontralateralen Stockes vermag die Gewichtsbelastung des Kniegelenkes um mehr als 50% zu vermindern.

Analgetika-Therapie

Hauptpfeiler der analgetischen Therapie sind Paracetamol (allenfalls auch Metamizol) und die nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Paracetamol wirkt weniger analgetisch als die NSAR, und bei Aktivierungen ist es meistens ungenügend. Da die Gonarthrose typischerweise eine Erkrankung fortgeschrittenen Alters ist, gilt es beim Einsatz von NSAR den häufig damit verbundenen Risiken bzw. den Komorbiditäten Rechnung zu tragen. Die Minimierung des gastrointestinalen Risikos herkömmlicher NSAR mittels Protonenpumpenhemmer ist durchwegs als Standard etabliert. Weniger berücksichtigt wird in der Praxis aber die Erhöhung des kardiovaskulären Risikos, welche mit gewissen NSAR wie Diclofenac und den Cox-2-Hemmern verbunden ist. Bei Risikopatienten sind deswegen Substanzen mit gutem kardiovaskulärem Sicherheitsprofil wie Naproxen, Ibuprofen oder niedrigdosiert Celecoxib zu empfehlen. Bei Antikoagulation sind die Cox-2-Hemmer eine gute, oft zu wenig genutzte Option. Opioide haben nur bei kurzzeitigem Einsatz einen Stellenwert; neuere Studien belegen, dass sie bei längerfristigem Einsatz obigen Analgetika nicht überlegen sind, aber mehr Nebenwirkungen haben. Bei einer Periarthropathie (myofasziale Druckdolenzen) lassen sich auch schmerzmodulierende Substanzen wie Duloxetin anwenden.

Topische Therapie

Lokal aufgebrachte NSAR können sich bei Patienten mit dünnem Hautmantel als nützlich erweisen. Eine weitere Möglichkeit ist Capsaicin, insbesondere falls eine neuropathische Schmerzkomponente besteht.

Intraartikuläre Therapie

Steroidinjektionen sind bei einer Aktivierung indiziert. Wegen ihrer viel zu kurzen Wirkdauer ist von löslichen Präparaten wie Dexamethason abzuraten. Als kristalline Substanz hat sich Triamcinolon besonders bewährt; am längsten wirksam ist Triamcinolon-Hexacetonid. Für eine optimale Wirkung empfiehlt es sich, vor der Injektion den gesamten Erguss zu aspirieren und danach das Gelenk bis am folgenden Morgen soweit möglich zu entlasten. Repetitive intraartikuläre Steroidinjektionen beschleunigen leider die Knorpeldegeneration, was kürzlich für Triamcinolon-Acetonid 40 mg viermal pro Jahr nachgewiesen worden ist. Zudem haben Steroide mit ihrer systemischen Wirkung oft eine erhebliche Toxizität. Entsprechend macht es Sinn, nach Abklingen der Aktivierung andere intraartikuläre Therapiemodalitäten wie die Viscosupplementation und Plättchen-reiches Plasma (PRP) heranzuziehen (Tab. 2). Solche haben ihren Stellenwert vor allem bei einem leichten bis mässigen Grad der Gonarthrose. Bei der Viscosupplementation wird Hyaluronsäure ins Gelenk eingebracht. Die Wirkung tritt später als bei den Steroiden ein, hingegen hält sie wesentlich länger an, typischerweise 2-4 Monate. Hyaluronsäure-Präparate werden in der Schweiz nicht von den Krankenkassen übernommen, da sie als «Device» bzw. «Medizinprodukt» fungieren. Aufgrund ihrer prolongierten Wirkung muss allerdings von einem pharmakologischen Effekt ausgegangen werden. Auch bei der Hyaluronsäure-Injektion ist vorgängig eine vollständige Aspiration des Ergusses wichtig, weil sich die Wirkung dadurch verbessert. Hyaluronsäure lässt sich mit einem kristallinen Steroid kombinieren, was eine rasch eintretende und lange anhaltende Schmerzabnahme mit einer einzigen Injektion erlaubt. Hyaluronsäure kann problemlos repetitiv angewandt werden. Etwa ähnlich wirksam ist Plättchen-reiches Plasma (PRP). Dieses muss jeweils aus Eigenblut zubereitet werden und wird ebenfalls nicht von den Kostenträgern übernommen. Die Applikation soll ohne Lokalanästhetika erfolgen, damit die eingebrachten Thrombozyten nicht gehemmt werden. Eine Kombination mit kristallinen Steroiden ist nicht sinnvoll. Auch PRP kann repetitiv angewandt werden. Leider gibt es keine Prädiktoren, ob bei einem individuellen Patienten Hyaluronsäure oder PRP besser wirksam ist.

Chondroitin/Glucosamin

Für diese sogenannten Chondroprotektiva ist bei langfristiger Anwendung vor allem in höheren Dosierungen ein milder analgetischer und funktionsverbessernder Effekt belegt. Ein eigentlicher krankheitsmodulierender Effekt im Sinne einer Verlangsamung der Arthroseprogression ist bislang aber nicht erwiesen. Da diese Substanzen gut verträglich sind, kommen sie bei Patienten zur Anwendung, welche eine kontinuierliche Einnahme akzeptieren.

Phytotherapeutika

Die analgetische Wirkung von Phytotherapeutika ist im Vergleich zu herkömmlichen Analgetika geringer; bei Patientenpräferenz haben aber Substanzen wie z. B. Harpagophytum durchaus ihren Stellenwert, zumal ihre Wirkung ausreichend belegt ist.

Edukation

Für den Erfolg obiger Massnahmen ist eine gute Patientenedukation unabdingbar. Zum Selbstmanagement kann unter anderem die Applikation von Wärme (vor allem bei periarthropathischen Schmerzen geeignet) und Kälte (vor allem bei Aktivierung geeignet) empfohlen werden.

Je multimodaler, umso erfolgreicher

Die Wirksamkeit der meisten obigen Einzelmassnahmen ist wissenschaftlich recht gut belegt; insgesamt sind die Effektgrössen aber nur gering. Bei der kombinierten Anwendung lassen sich in der Praxis aber oft sehr zufriedenstellende Ergebnisse erzielen; erfahrungsgemäss ist die Therapie umso erfolgreicher, je multimodaler sie gestaltet wird. Auch wenn sich der Nutzen multimodaler Therapiekonzepte naturgemäss wissenschaftlich kaum belegen lässt, sollen in der Praxis also sämtliche beim einzelnen Patienten zur Verfügung stehenden Register bestmöglich auf seine Bedürfnisse abgestimmt gezogen werden.

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Dr. med. Adrian Forster

Rheumatologie und Rehabilitation
Schulthess Klinik
Lengghalde 2
8008 Zürich

adrian.forster@kws.ch

Der Autor hat im Zusammenhang mit diesem Artikel keine Interessenskonflikte deklariert.

◆ Eine Diskrepanz zwischen den Symptomen und dem strukturellen Ausmass der Arthrose ist nicht selten.
◆ Im Management geht der Trend weg von den medikamentösen hin zu den nicht medikamentösen Massnahmen.
◆ Physiotherapeutisch ist ein gut dosiertes Übungsprogramm die erste Wahl.
◆ Eine Gewichtsreduktion kann krankheitsmodulierend sein.
◆ Beim Einsatz von NSAR ist das kardiovaskuläre Risiko zu beachten.
◆ Intraartikuläre Steroide wirken am besten bei Aktivierungen; längerfristig sind Hyaluronsäure und plättchenreiches Plasma (PRP) oft
besser geeignet.
◆ Je multimodaler die Therapie, umso erfolgreicher ist sie.

Auf Anfrage beim Verfasser.