SGAIM Frühjahrestagung: Abklärung und Therapie der Demenz

Prävalenz der Demenz

Die Prävalenz der Demenz nimmt mit dem Alter zu. Bei 65 bis 69-Jährigen beträgt sie 3%, bei 70 bis 79-Jährigen 9% und bei 80 bis 84-Jährigen 18% wie Prof. Dr. med. Andreas Schönenberger, Chefarzt Medizinische Klinik Kantonsspital Münsterlingen, feststellte. Die Diagnosekriterien sind auch mit den neuen ICD-11 Code nach wie vor gleichgeblieben. Wichtigstes Kriterium ist die Gedächtnisstörung, die zwingend vorhanden sein muss. Zusätzlich muss mindestens eine weitere kognitive Störung vorhanden sein, z.B. Aphasie, Apraxie, Agnosie oder eine Störung der Exekutivfunktion. Weitere wichtige Kriterien sind Alltagsrelevanz, Verschlechterung über Zeit, kein Delir oder andere Störung. Gemäss ICD-11 zusätzlich: Dauer mindestens 6 Monate.

Grundprinzipien der Testung

  • Domäne (Kurzzeit-)Gedächtnis: Wortliste zum Merken, Aufgabe zum Ablenken, Abrufen der Wortliste.
  • Domäne Aufmerksamkeit: Von 20 rückwärts zählen, Monate rückwärts aufsagen, von 100 in 7er-Schritte rückwärts zählen.
  • Domäne Orientierung: Zeit, Ort, Person.
  • Domäne Visuokonstruktion, Exekutivfunktionen. Würfel zeichnen, Uhr zeichnen, Pentaeder zeichnen.

Standardtests

Minimental Status

  • Vorteile: Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, Sprache abgedeckt. Limitatio für Acetylcholinesterase-Inhibitoren (AChEI)/Memantin basierend auf MMSE
  • Nachteile: Exekutivfunktionen/Visuokonstruktion untergewichtet, Aufmerksamkeitstestung bildungsabhängig, einfach / langweilig, geschützt. Zeitbedarf 8-10 Minuten.

Montreal Cognitive Assessment (MOCA)

  • Vorteile: Schwieriger/unterhaltsamer als MMSE. Exekutivfunktionen / Visuokonstruktion abgedeckt, Aufmerksamkeit ausführlicher und weniger bildungsabhängig als im MMSE, nicht geschützt
  • Nachteile: Noch nicht akzeptiert als Limitatio für AChEI
  • Zeitbedarf 8-10 Minuten

Mini Cog

  • Vorteile: Gedächtnis und Visuokonstruktion abgedeckt, rasch durchführbar
  • Nachteile: Keine weiteren Domänen (z.B. Orientierung, Aufmerksamkeit)
  • Zeitbedarf 2-3 Minuten

Von der Testung zur Diagnose

  • Testung und (Fremd-)Anamnese
  • Prüfung der Testkriterien, Ausschluss von Differentialdiagnosen
  • Ätiologische Zuordnung der Demenz, Einschätzung des Schweregrades

(Fremd-)Anamnese unter Einbezug von Angehörigen oder Betreuern

Beginn und zeitlicher Verlauf und deren Auswirkungen im Alltag, die Schulbildung, nicht-kognitive Symptome der Gedächtnisschwierigkeiten sollen erfragt werden, sowie Fragen nach Schlaf (Tag-Nacht-Umkehr), Familienanamnese bezüglich Demenz und Parkinsonsymptome und Fragen nach autonomen Symptomen
(Inkontinenz, Orthostase).

(Fremd-)Anamnese: auch nicht kognitive Symptom abfragen

Gemäss einer Studie aus dem Jahre 2002, die im JAMA publiziert wurde, wurde Aggressivität in 30.3%, Depression in 20.1%, Wahn in 18.0%, Apathie in 14.7%, Reizbarkeit in 14.7%, Schlafstörung in 13.8%, Halluzinationen in 10.5% Essstörung in 10.4%, Angst in 9.9% und Enthemmung in 3.1% gefunden. (Laketsos CG et al. JAMA. 2002;288(12):1475-1483).

Ausschluss von Differentialdiagnosen

Diagnosekriterien Delir: Akuter Beginn, flukturierender Verlauf, Aufmerksamkeitsstörung prädominant, aber auch andere kognitive
Domänen gestört (z.B. Orientierung, Gedächtnis), verändertes
Bewusstsein (hypo- oder hyperalert).

Ausschluss von Differentialdiagnosen (weitere DDs)

  • Depression, andere psychiatrische Leiden
  • Metabolische/endokrine Störungen: B12-Mangel, Folsäure­mangel, Hypo-/Hyperkalzämie, Hypo-/Hypernatriämie, Hypo-/Hyper­thyreose
  • Hirnorganische Veränderungen: Hydrocephalus (inkl. Normaldruckhydrocephalus), Tumoren, Subduralhämatom)
  • Infektionen: HIV, JC Virus, Lues, Enzephalitis

Polypharmazie-Check: Medikamente, die kognitive Störungen verursachen können

  • Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Trimipramin)
  • Neuroleptika mit starker anticholinerger Wirkung (z.B. Levomepropazin, Clozapin)
  • Alte Antiparkinsonika mit starker anticholinerger Wirkung (z.B. Benzatropin)
  • Alle Antihistaminika (z.B. Hydroxyzin)
  • Alte Uro-Spasmolytika mit systemischer anticholinerger Wirkung (z.B. Trospiumchlorid)
  • Antikonvulsiva mit sedierender Wirkung (z.B. Phenytoin, Levetiracetam, Carbamazepin)
  • Sedativa / Benzodiazepine
  • Opiate (insbeso. Pethidin)
  • Antibiotika (insbesondere Cephalosporine, Chinolone, Makrolide, Penicilline)
  • Antiarrhythmika (z.B. Amiodaron, Betablocker)

Diagnosestellung

Diagnosekriterien prüfen, wobei das wichtigste Kriterium das Vorliegen einer Gedächtnisstörung ist (muss zwingend vorhanden sein). Zusätzlich muss mindestens eine weitere kognitive Störung existieren, z.B. Aphasie, Apraxie, Agnosie, Störung Exekutivfunktion. Weitere wichtige Kriterien sind die Alltagsrelevanz, eine Verschlechterung über Zeit, kein Delir oder andere Störung. Gemäss ICD-11 zusätzlich: Dauer mind. 6 Monate.

Nach der Diagnosestellung

Ätiologische Zuordnung

Alzheimer-Demenz 60%, Lewy-Body-Demenz 15%, Vaskuläre Demenz 15, Frontotemporale Demenz 5%, andere Demenzen 5%.

Primärprävention
Antihypertensive Therapie. «Eine Heilung des Gedächtnisschwunds ist noch immer nicht in Sicht, aber das Demenzrisiko lässt sich halbieren», so der Referent.

Nicht-pharmakologische Therapie

  • Organisation eines sozialen Netzwerks
  • Stärkung vorhandener Ressourcen
  • Organisation einer Tagesstruktur
  • Anpassung der räumlichen Umgebung

Milieutherapie: Organisation einer Tagesstruktur

  • Tagesklinik
  • Stärkung vorhandener Ressourcen
  • Kognitives Training und körperliche Aktivität Gewisse Evidenz aus Studien ist vorhanden, dass durch kognitives Training und körperliche Aktivität der kognitive Abbau gebremst werden kann.

Pharmakologische Therapie: Aducanumab

In den Phase III-Studien ENGAGE und EMERGE wurden Patienten mit MCI oder früher Alzheimer-Demenz der monoklonale Antikörper Aducanumab monatlich i.v. appliziert. Beide Studien wurden vorzeitig gestoppt da kein Nutzen erkennbar war. Nur in der EMERGE-Studie wurde nach 1.5 Jahren in der Gruppe mit hoher Dosis wurde eine leichte klinische Verbesserung festgestellt (MMSE Score +0.6 Punkte). Die Behandlungskosten beliefen sich auf ca. 50’000 US$ pro Jahr. Der Wirkstoff von Biogen ist der erste, er den Krankheitsverlauf bei Alzheimer abbremsen soll. Mit seiner Zulassung setzte die FDA sich über die Empfehlung ihrer externen Beratungskommission hinweg. Die FDA knüpft die Zulassung an die Durchführung einer Phase-4-Studie. Sie muss in den nächsten Jahren den Beweis erbringen, dass das Mittel auch den klinischen Zustand der Patienten verbessert

Memory Clinic

Der Referent erwähnte zum Schluss die Bedeutung der Memory Clinic. Sie wird eingesetzt zur sicheren Diagnosestellung bei Unklarheit/Unsicherheit, zur ätiologischen Klärung der Demenzdiagnose, sowie zur Indikationsstellung einer medikamentösen Therapie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Operative Therapie der Endometriose – bestimmt das Ziel die Radikalität?

Am 10.-11. Februar fand am Universitätsspital Zürich der 9. Internationale Kongress für Gynäkologie, organisiert durch die Klinik für Gynäkologie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Gabriel Schär, statt. Nationale und internationale Experten präsentierten in 4 Symposien aktuelle Daten in den Gebieten Allgemeine Gynäkologie, Gynäkologische Onkologie, Senologie und Urogynäkologie. Im Folgenden wird über ein Referat aus der allgemeinen Gynäkologie berichtet.

Zu den Grundprinzipien in der Therapie der Endometriose äusserte sich PD Dr. med. Dimitri Sarlos, Aarau, wie folgt: Die Endometriose ist eine chronische Erkrankung. Es gibt keine kausale Therapie. Das Therapiekonzept muss verschiedene Aspekte miteinbeziehen (Beschwerden, Kinderwunsch, Alter, Begleiterkrankungen, vorausgegangene Therapien und Operationen). Die Wahl der Therapie und mögliche Folgen (Komplikationen) sind mit der Patientin genau zu besprechen.

Chirurgische Therapie der Endometriose

Die Laparoskopie ist Gold-Standard in der Therapie der Endometriose (EM). Die Exzision von peritonealen EM-Herden führt zu einer deutlichen Verbesserung der Schmerzsymptomatik. Bei symptomatisch tief infiltrierender EM sollte eine makroskopische komplette Resektion erfolgen. Ziele der chirurgischen Therapie sind: Festlegen des Ausmasses der Erkrankung (Staging), histologische Bestätigung und Ausschluss einer Malignität (Ovar), Verbesserung der Lebensqualität/Fertilität. Das Begleittrauma ist möglichst klein zu halten (Fertilität/Funktionalität). Der Referent machte die folgenden Statements: Es gibt ein Dilemma zwischen Radikalität und Funktionserhaltung. Die Endometriose ist kein Tumor. Die Frage stellt sich, von welcher Läsion die Beschwerden kommen. Eine inkomplett operierte tief infiltrierende Endometriose sollte vermieden werden.

Endometriome

Der Referent nannte die folgenden Massnahmen: Histologische Klärung und Verbesserung der Schmerzsituation, Erhaltung/Verbesserung der Fertilität (der AMH-Wert ist bei Endometriomen signifikant tiefer und die Chirurgie traumatisiert die Ovarialreserve. Bei geplanten IVF die Endometriome <2-4cm belassen.

Chirurgie der Endometriose

Einfluss der Operation auf die Ovarialreserve: Einflussgrössen sind die Grösse des Endometrioms und die Bilateralität, das Rezidivendometriom; die Naht ist besser als die Koagulation. Die Erfahrung des Operateurs spielt eine Rolle. Die Zystektomie ist besser als die Ablation (Strom, Laser, Argon) betreffend Rezidiv und Schmerz. Ist eine IVF/ICSI-Behandlung geplant, verbessert die Zystektomie die Schwangerschaftsrate nicht. Aus der S2K-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Endometriose 2020 ergeben sich die folgenden Massnahmen: Operation vor allem bei symptomatischen Patientinnen, AMH muss präoperativ bestimmt werden. Zystektomie, danach keine Koagulation aber Adaptation. Suspension zur Rezidivprophy­laxe. Wenn IVF geplant ist: nicht operieren (<4cm), sofern schmerzfrei. Im Rezidivfall Vorsicht mit Zystektomie, vor allem bei Infertilität.

Tief infiltrierende Endometriose (DIE)

Sie wurde von Rokitansky 1860 erstmals beschrieben. Sie kann grundsätzlich überall auftreten (rektovaginal, vesikouterin, parametran) Es existieren verschiedene Klassifizierungssysteme (Keckstein J, 2017, Koninckx PR, 2012). Histologisch ist sie charakterisiert durch Entzündung und Fibrose. Die Fibrose führt zu veränderter Anatomie, fehlenden Schichten.

Grundsätze zur Chirurgie der rektovaginalen (RV) Endometriose

Die komplette Resektion der DIE und ein möglichst kleiner Kollateralschaden (Funktionalität) sind anzustreben. Es sollte in Arealen, wo keine Endometriose besteht, begonnen werden und die zu schonenden Strukturen sollten vor der Resektion dargestellt werden.Die Radikalität bei der Therapie der RV Endometriose ist wichtig, weil die Komplettresektion die Schmerzen, die Dyspareunie, die Dyschezie und die Lebensqualität verbessert. Rezidive sind bei inkompletter Resektion häufig, Rezidivoperationen sind schwierig, Fibrose der Endometriose und postoperative Fibrose. Der Effekt auf die Fertilität ist unklar. Risiken der Radikalität bei RV Endometriose sind RV Fisteln, Nahtinsuffizienzen (5-14%), persisitierende Realharnbildung (3-5%), Hypästhesien am Genitale und an Oberschenkeln. Nervenläsionen der rektovaginalen Endometriose können vermieden werden durch nervenerhaltende Operation. Die relative Risikoreduktion für Restharn postoperativ gegenüber konventioneller Chirurgie beträgt 0.19. Allerdings cave Peritektomie (Nervi hypogastrici), cave Pararektale laterale Resektion (Nn Splanchnici). Der Operateur muss die Anatomie der Beckennerven gut kennen.

Kolorektale Endometriose: Prinzipiell existieren drei mögliche chirurgische Behandlungsmethoden bei kolorektaler Endometriose: «rectal shaving», diskoide Resektion und Segmentresektion des Rektums. Der Vergleich der Segmentresektion versus Shaving oder Diskoide Exzision ergibt die folgenden Resultate: Anastomoseinsuffizienzen nach Segmentresektion in 3-5%. «Low anterior resection syndrome» bis zu 30%. Shaving ergibt weniger Komplikationen als Diskoide Exzision, Diskoide Exzision gibt weniger Komplikationen als Segmentresektion.

Indikationen für Segmentektomie: Dazu gehören mehrsegmentale Läsionen, Stenosen, grosse Noduli (ab 3-4cm), breitflächige Infiltration (ab 30% der Zirkumferenz).

Vermeiden der schweren Komplikationen bei Operationen der RV Endometriose: Der Referent empfiehlt Shaving, Diskoide Exzision statt Segmentresektion, cave darmnahe Koagulation, seromuskuläre Rektumnaht nach Darmwandexzision, Dichtigkeitsprobe. Darm nicht unnötig devaskularisieren, bei sehr tiefer Anastomose (<5-6cm) protektives Ileostoma.

Fazit

  • Die operative Therapie der Endometriose ist komplex. Die Operation muss individualisiert durchgeführt werden.
  • Bei Endometriomen scheint die endokrine Zystektomie Methode der Wahl zu sein.
  • Rektovaginale EM sollte komplett exzidiert werden. Für rektovaginale EM ist Shaving besser als Diskoide Exzision/Segmentektomie. Nervenanatomie und Nerve-Sparing Surgery sind zu beachten. Selbstverständlich bestimmt das Ziel die Radikalität.

Quelle: 9. Gynäkologie-Kongress, Universitätsspital Zürich, 10.-11. Februar 2022

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Reaktive Arthritis

Am 6. Januar fand eine Online-Workshop zu rheumatologischen Themen unter der Leitung von Prof. Dr. med. Oliver Distler, Klinikdirektor der Klinik für Rheumatologie am USZ, statt. Die Themen waren Kryoglobulinämie-Vaskulitis, MR-Neurographie, Abklärung von Creatinkinase-Erhöhungen, «Reaktive» Arthritis und Fasciitis plantaris. Dieser Bericht fasst die Ausführungen von Prof. Ciurea zur reaktiven Arthritis zusammen.

Prof. Dr. med. Oliver Distler

Reaktive Arthritis

Prof. Dr. med. Adrian Ciurea

Die Einteilung der Arthritis ist ein nomenklatorisches Chaos: Infektiöse Arthritis, septische Arthritis, Infekt-assoziierte Arthritis, post-infektiöse Arthritis, para-infektiöse Arthritis, reaktive Arthritis, HLA-B27-assoziierte Arthritis, nicht HLA-B27 assoziierte, reaktive Arthritis, bakterielle Arthritis; virale Arthritis, stellte Prof. Dr. med. Adrian Ciurea, Stv. Chefarzt Klinik für Rheumatologie USZ, eingangs fest.

Der Referent präsentierte zunächst eine historische Einteilung aus dem Jahre 1974, gefolgt von einer vorübergehenden Einteilung und der letzten Definition aus dem Jahre 1999.

Historische Einteilung von Infektion und Arthritis: WHO+Arthritis Rheumatism Research Council 1974

Es werden insgesamt 4 Gruppen definiert:
Gruppe I: Diese Gruppe umfasst septische oder infektiöse Arthritis, bei der der verursachende Organismus in den Gelenken als Folge einer Infektion an anderer Stelle im Körper nachgewiesen wird.
Gruppe II: Diese Gruppe umfasst die postinfektiöse Arthritis, bei der bakterielle Antigene in den Gelenken nachgewiesen werden.
Gruppe III: Zu dieser Gruppe gehört die reaktive Arthritis (ReA), bei der die Infektion aus dem urogenitalen oder gastrointestinalen System stammt und eine entzündliche Gelenkerkrankung im Gelenk nachgewiesen wird
Gruppe IV: Diese umfasst die durch Mikroben ausgelöste entzündliche Arthritis, bei der weder der Organismus noch sein Produkt oder Antigen im Gelenk nachgewiesen wird.

Vorübergehende Definition der reaktiven Arthritis

Sterile, immunvermittelte Gelenkentzündung nach extraartikulärer Infektion mit einem bakteriellen Erreger, welcher nicht aus der Synovia kultiviert werden kann. Die Immunantwort ist entweder durch intra-artikuläre persistierende, sich replizierende Bakterien und/oder immunogene bakterielle Antigene ausgelöst und ist teilweise genetisch determiniert (HLA-B27).

Die letzte Definition der reaktiven Arthritis nach Consensus-Meeting 1999 bezieht sich vielmehr auf die «klassische» HLA-B27-assoziierte Form der ReA

Asymmetrische, nicht infektiöse Oligoarthritis und Systemmanifestation nach klinisch und/oder mikrobiologisch dokumentierter intestinaler oder urogenitaler Infektion. Vorausgehende Infektion ist oft nicht fassbar.

Eine Anekdote

Während der ersten Reise nach Kanada, zelebrierte Papst Johannes Paul II. am 15. September 1984 eine Messe vor Zehntausenden von Gläubigen in Midland, Ontario. Die Sicherheit wurde von 1608 Polizisten gewährleistet. Sie wurden mit einem Sandwich mit Sauce béarnaise verpflegt, welche mit Salmonellen kontaminiert war. 423 Polizisten litten unter einer Gastroenteritis, 27 unter einer reaktiven Arthritis und 18 unter einer chronischen Arthritis (5 Jahre).

Reaktive Arthritis

Epidemiologie: Inzidenz 30-40/100’000 pro Jahr. Typisches Manifestationsalter 20-40 Jahre, Geschlechtsverteilung F:M: postenteritisch 1:1, posturethritisch 1:20. Assoziation mit HLA-B27 60-80%. Verlauf in der Regel mit spontaner Besserung innert Wochen, Monaten, ca. 30% rezidivierend oder chronisch.

Muskuloskelettale Manifestationen: Asymmetrische Mono-/Oligoarthritis grosser Gelenke, vorwiegend an unteren Extremitäten. Befall des Achsenskeletts möglich (radiologisch ähnlich wie PsA: Parasyndesmophyten), Daktylitis/Enthesitis.

Extra-artikuläre Manifestatinen: Konjunktivitis, Keratitis, Uveitis, Balanitis, Sterile Urethritis, Erythema nodosum; Keratoderma blemorrhagicum (Fuss-Sohle); Schleimhautulzerationen (oral, genital)

Bakteriologische Erregerdiagnostik bei Verdacht auf reaktive Arthritis

1. Keine Hinweise auf eine vorangehende Infektion
Borrelienserologie
Chlamydia trachomatis-PCR im Morgenurin
PCR für Borrelien und Chlamydia trachomatis aus Synovia
2. Vorausgehende Infektion
a) Urethritis/Zervizitis
Borrelienserologie
Chlamydia-trachomatis-PCR im Morgenurin
PCR für Borrelien und Chlamydia trachomatis aus Synovia
b) Diarrhoe
Borrelienserologie, allenfalls Enterobakterienserologie
Chlamydia-trachomatis-PCR im Morgenurin
Stuhlkultur bei persistierender Diarrhoe oder serologischer
Hinweis auf Salmonellen Infektion
PCR für Borrelien und Chlamydia trachomatis aus Synovia
c) Respiratorischer Infekt
Borrelienserologie und Chlamydia trachomatis pneumoniae
Serologie
Anti-Streptolysin-Titer bei Racheninfekt
Chlamydia trachomatis PCR im Morgenurin
PCR für Borrelien und Chlamydia trachomatis aus Synovia
d) Zeckenstich/Erythema migrans
Borrelienserologie

Fallpräsentation 1:
30-jähriger Jurist: 1996 Salmonellen-Gastroenteritis; 2 Wochen später Gonarthritis links; im weiteren Verlauf Omarthritis und entzündliche Lumbosakralgien. 2005: 1. Uveitis-Schub, im Verlauf rezidivierend.

Basistherapien: SSZ 3/05-12/09, MTX 8/09-3/10, Infliximab seit 11/09, konnte inzwischen gestoppt werden.

Fallpräsentation 2:
21-jähriger Elektromonteur: 3/2010 akute Knie- und OSG-Schmerzen bds.; 3 Tage stationär (extern), DD viraler Infekt. 10/2010: Wechselhaft Hüft-, Knie- und OSG Schmerzen. Dysurie. 1. Morgenurin: Chlamydien-PCR positiv. Antibiotische Behandlung (inkl. Partnerin)

Coxitis bds. Punktion (Zellzahl 500,700, 2700, 1000/µl. Chlamydien-PCR negativ, Steroidinfiltration, Basistherapie mit Sulfasalazin Komplikation im Verlauf: Beidseitige Hüftnekrose; TP bds.

Kurzzeitige antibiotische Behandlung der extraartikulären Infektion

Chlamydia trachomatis: Azithromycin 1g p.o. Einzeldosis oder Doxycyclin 100mg 2x/Tag für 7 Tage. Gleichzeitige Therapie des Partners/Partnerin.

Gastrointestinale Infektion: In der Regel keine antibiotische Behandlung notwendig. Keine Auswirkung auf eine mögliche spätere Arthritis.

Fallpräsentation 3:
30-jährige kaufm. Angestellte: 11/21: Knieschmerzen re. anlässlich einer 5-stündigen Wanderung vor 2 Wochen und Persistenz seither; bereits seit 2 Jahren intermittierende Knieschmerzen rechts nach Sport, keine sonstigen Manifestationen. Keine vorgängigen Infektionen oder Stiche.

Klinisch: Gonarthritis rechts mit Erguss, aber ohne Rötung und Überwärmung
Labor: BSR 34mm/h, CRP 4.9 (<5), leichte Thrombozytose, RF- und ACPA-neg.
Synovialanalyse: Zellzahl 1’330µl, 63% mononukleäre Zellen, keine Kristalle.
PCR-Untersuchungen im Punktat:

  • Chlamydia trachomatis neg.
  • Tropheryma whipplei neg.
  • Borrelia burgdorferi pos.

Therapie: Doxycyclin 2x100mg für 30-60 Tage
Klinische Kontrolle 28.12.2021: Beschwerdefrei, Knie rechts mit minimalem Erguss (2ml): Zellzahl 477/µl, Borrelien-PCR negativ. Entscheid, die Antibiotikatherapie für weitere 30 Tage fortzuführen.

Fallpräsentation 4:
51-jähriger Gipser (aus Portugal stammend)
Zuweisung bei bekannter Spondyloarthritis mit therapieresistenter Polyarthritis.
ED vor 7 Jahren, ISG-Arthritis beidseits (MRI vor 7 Jahren).
Polyarthirits; rezidivierend erhöhte humorale Aktivität.

Bisherige Therapien: Systemische Steroide seit 7 Jahren, Methotrexat für 5 Jahre (Ineffektivität); Leflunomid für 3 Jahre (Ineffektivität); Etanercept für 4 Monate (Ineffektivität); Infliximab für 4 Monate (Ineffektivität); Golimumab für 2 Jahre (Ineffektivität); zuletzt Sandimmun für 2 Jahre (Ineffektivität). Inzwischen Prednison 20mg, Tramal 2x100mg, Inflamac 2x75mg, Dafalgan 2-3g.

Klinisch: Synovitiden beider Handgelenke, MCP II-V bds. PIP II-V rechts und II-IV links, Kniegelenke beidseits, OSG rechtsbetont.
Labor: BSR 36mm/hm CRP 33mg/l. Synovialanalyse Knie rechts: Zellzahl 350/µl, einzelne CPPD-Kristalle, viele Hydroxyapatitkristalle,

Analyse Knie rechts: PCR Borrelia burgdorferi negativ, PCR Chlamydia trachomatis negativ, PCR Tropheryma whipplet posititv.
Diagnosen: Morbus Whuipple, PCR-Nachweis Synovia und Duodenalbiopsie, Polyarthritis, St.n. ISG-Arthritis. Chronisches lumbovertebrales Syndrom bei erosiver Osteochondrose LS/S1
Therapie: Ceftriaxon i.v. für 2 Wochen, danach Bactrim forte 2×1 für 12 Monate.

Fallpräsentation 5:
48-jähriger Koch. Notfallkonsultation Freitagnachmittag: Seit 7 Tagen Exanthem an den unteren Extremitäten, zudem Schmerzen in Knie, Ellbogen und Schulter bds.; Halsschmerzen, kein Fieber. Bekannte HIV-Infektion (Erstdiagnose vor 6 Jahren).
Klinisch: Synovitis OSG bds. und Knie rechts, palpable Purpura an unteren Extremitäten.
Labor: BSR 74mm/h, CRP53mg/l.

Synovialanalysen: Zellzahl 300/µl, keine Kristalle.
Befund: Oligoarthritis und V.a. leukozytoklastische Vaskulitis
Procedere:
Punktat: PCR auf Chlamydien, Gonokokken, Borrelien, Whipple, Breitband-PCR, Labor inkl. Immunologie, ANCA, HBV/HCV-Serologien, Lues. Dermatologische Vorstellung des Patienten.

Serologie: Treponema pallidum (EIA) positiv, Partikelagglutination 1:2560.

Hautbiopsie: Bild einer leukozytoklastischen Vaskulitis mit Gefässobliterationen, fibrinoider Gefässwandverquellung, Leukozytoklasie und Erythrozytenextravasaten, Treponema Pallidum Färbung: Darstellung von reichlich hautständigen Spirochäten. Histologische Diagnose: Lues mit leukozytoklastischer Kleingefässvaskulitis.

Procedere:
Neurokonsilium und Liquorpunktion: Falls Neurolus, Hospitalisation und Penicillin i.v., ansonsten 3x Penicillin i.m. und ambulante Behandlung.

Liquor: Zellzahl 24µl.
Diagnose einer Neurolues und Start Penicillin 6×4 Mio i.v. über 14 Tage (zwingend i.v.), 30mg Prednison p.o. zur Verhinderung einer Jarisch-Herxheimer-Reaktion.

Fallpräsentation 6
56-jährige Hausfrau (aus Haiti, seit 26 Jahren in CH). Zuweisung 2014 wegen seit 2 Wochen bestehenden Schmerzen und Schwellungen an Händen, Füssen, Knien, OSG links.

Gutes Ansprechen auf 50mg Prednison für 3 Tage (HA). War in Haiti vor 1 Monat. Bei einem früheren Besuch dort habe sie Dengue-Fieber gehabt.

Klinisch: Synovitiden Handgelenke bei MCPII-III bds, Schulter rechts.

Labor: BSR 12mm/h, CRP <5mg/l, ANA 1:80, RF negativ, anti CCP-AK negativ, Blutbild mit leichter Lymphopenie.
Synovia-Analyse Knie links: Zellzahl 1450µl, keine Kristalle. PCR auf Chlamydien und Borrelien negativ. Parvovirus und HIV-/HBV-/HCV-Serologie negativ. Chikungunya-Virus IgG 1:640, Chikungunya-Virus IgM 1:40, Dengue IgG 64.8 (<8.5), Dengue IgM 8.5.

Diagnose: Virale Polyarthritis (Chukungunya), St.n. Dengue-Infekt (DD : Kreuzreaktion) (<8.5).

Kann SARS-CoV-2 eine reaktive Arthritis auslösen?
Der Referent präsentierte 6 Studien mit Patienten beider Geschlechter und variablen Alters (16-73) und verschiedenen Komorbiditäten. Fünf hatten einen positiven Nasal RT-PCR-Test, einer hatte eine Serologie. Die klinische Manifestation einer reaktiven Arthritis erfolgte mit einer Verzögerung von 8 Tagen bis 3 Wochen. Die rheumatologischen Lokalisationen waren Daktylitis rechter Fuss, linker Fuss und rechtes Knie; Gelenkarthritis und Achilles-Enthese rechts; Daktylitis 2, 4, 5 rechter Fuss, Arthritis rechter Ellbogen und Hautpsoriasis; Arthritis rechte Schulter, linkes Kniegelenk.

Quelle: Online-Rheumaworkshop USZ, 06.01.2022

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Risiko einer QTc-Verlängerung bei Patienten mit Diabetes mellitus

Diabetes mellitus betrifft gegen 10% der erwachsenen Bevölkerung weltweit, mit einer stetigen Zunahme. Patienten mit Diabetes mellitus haben ein zwei- bis zehnmal höheres Risiko für einen plötzlichen Herztod als die Allgemeinbevölkerung. Die zugrunde liegende Pathophysiologie ist noch ungeklärt. Eine tödliche Herzrhythmusstörung wird als hauptsächliche Ursache angenommen, wobei die Verlängerung des QT-Intervalls ein quantifizierbares Mass für das Risiko darstellt. Eine kürzlich publizierte Übersichtsarbeit befasste sich mit dem Management des QTc-Risikos bei Patienten mit Diabetes (1).

Das QT-Intervall beinhaltet die komplette Depolarisation und Repolarisation und repräsentiert damit die gesamte intraventrikuläre Erregungsdauer. Klinisch wird das QT-Intervall in erster Linie zur Beschreibung der myokardialen Erregungsrückbildung (Repolarisation) verwendet. Dies setzt eine normale QRS-Dauer (<110 ms) voraus. Das QT-Intervall variiert ja bekanntlich mit der Herzfrequenz.

Eine QTc-Verlängerung (> 440ms) tritt bei 18%-44% der Typ-I- und II-Diabetes-mellitus Patienten auf (2, 3). Das QTc-Intervall kann durch zelluläre, hormonelle, inflammatorische, neuropathische und physiologische Prozesse beeinflusst werden, wie experimentelle Tier- und klinische Studien bei Typ I und Typ II Diabetes gezeigt haben. Dabei wird der Sammelbegriff «diabetisches Myokard» (2) verwendet, um die chronischen physiologischen Veränderungen im Myokardgewebe zu beschreiben, die durch Langzeitdiabetes induziert werden. Diese Veränderungen scheinen durch eine systemische Entzündungsreaktion vermittelt zu werden, wobei die Entzündungsfaktoren IL-1b und TNF-alpha eine Rolle spielen, wie in Tiermodellen gezeigt wurde (4).

Die Berücksichtigung des QTc-Risikos bei Diabetes, insbesondere bei der Verschreibung von Medikamenten, ist ein wichtiger kardiovaskulärer Aspekt des Diabetes-Managements.

Das allgemeine Bewusstsein der Kliniker für das spezifische Arrhythmierisiko in dieser Kohorte ist allerdings gering, und eine entsprechende bessere Wahrnehmung ist zur Behandlung modifizierbarer Risikofaktoren ausschlaggebend.

Erfassung und Kontrolle des QTc-Risikos bei Patienten mit Diabetes

Der erste Schritt zur Steuerung des QTc-Risikos bei Diabetes ist die angemessene Quantifizierung des QTc. Während viele 12-Kanal-EKGs QTc gemäss Bazett-Formeln aufzeichnen, gibt es andere genauere Methoden, einschliesslich Framingham und Hodges, wobei Fridericia am engsten mit der 30-Tage-Mortalität assoziiert ist (5). Folglich verwenden die Autoren QTc korrigiert durch Fridericia (QTcF) in allen QTc-Forschungen und empfehlen eine klinische Anwendung dieser als Präferenz. Die Bazett Formel sollte nur bei einer HF im SR von 60-80/min und einem QRS <110ms verwendet werden (vgl. www.QTc-Rechner.de).

Zweitens ist die Quantifizierung von QTc über einen längeren Zeitraum, um die täglichen Schwankungen und Auswirkungen alltäglicher Aktivitäten wie Mahlzeiten zu berücksichtigen, wichtig um das Risiko genau zu quantifizieren. Daher sollte der QTcF nach Möglichkeit über mindestens 3 zeitlich getrennte EKG-Aufzeichnungen gemessen und überprüft werden (Abl. II, V5). Eine vollständige Aufarbeitung der Familienanamnese, langes QT und angeborene Herzfehler sollte bei allen Frauen mit einem QTc > 470ms und bei allen Männern > 450ms durchgeführt werden. Es ist wichtig, alle EKGs auf Konsistenz dieser Diagnose zu überprüfen.

Sobald ein Patient von einer QTc-Verlängerung bedroht ist, hilft die Kategorisierung der Patienten in relativ niedrige, moderate und hohe Risikogruppen, das Management abzugrenzen. Verschiedene Cut-offs in der Literatur wurden verwendet, um die QTc-Verlängerung zu definieren, und die Autoren empfehlen eine einfache Struktur für Patienten mit niedrigem Risiko (< 450 ms) und hohem Risiko (>500 ms) für eine torsade de pointes (tdp) mit einer Zwischengruppe dazwischen. Das Risiko eines Patienten für eine QTc-Verlängerung oder eine tdp hängt in fast allen Fällen nicht nur vom eingenommenen Arzneistoff ab, sondern wird ganz wesentlich durch individuelle und äussere Einflüsse mitbestimmt (Tab. 1)

In einer Analyse von insgesamt 77 Fällen medikamentenassoziierter tdp bestanden in 85 % zwei oder mehr zusätzliche Risikofaktoren: Herzerkrankung (77 %), Alter > 65 Jahre (54 %), weibliches Geschlecht (69 %) und Hypokaliämie (30 %) (8).
Die Berücksichtigung der wichtigsten veränderbaren Risikofaktoren ist die Hauptstütze des Managements.

Empfehlungen für die Praxis

Glukosekontrolle: Wie detailliert beschrieben, sind sowohl eine Hypo- als auch Hyperglykämie Risikofaktoren für eine QTc-Verlängerung, wobei ein mögliches Vorherrschen der Hyperglykämie von grösserer Bedeutung ist. Die «glykämische Variabilität» (6) wurde auch mit einer erhöhten QTc-Verlängerung in Verbindung gebracht, was bedeutet, dass Schwankungen von hohen zu niedrigen Blutzuckerspiegeln oder umgekehrt ebenfalls das Risiko erhöhen können. Die Blutzuckerkontrolle sollte daher darauf ausgerichtet sein, HbA1c zu reduzieren, aber auch die tägliche Konsistenz des Blutzuckers so weit wie möglich aufrechtzuerhalten, was sowohl diätetische als auch verschreibungspflichtige Änderungen erfordern kann. Wird eine Blutzuckerkontrolle bei Diabetespatienten in Betracht gezogen, gilt es auch den Grad der linksventrikulären Dysfunktion zu berücksichtigen. Es hat sich gezeigt, dass die Verschreibung eines SGLT2-Inhibitors beispielsweise das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien bei Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) reduziert (7). Ob dies einen direkten Einfluss auf die Blutzuckerkontrolle, das Myokard, die Flüssigkeitsüberladung oder alles oben Genannte hat, ist unklar, aber klinische Beweise deuten zunehmend auf ein besseres Ergebnis für Patienten mit HFrEF hin. Die Zugabe von Insulin zu einem bestehenden antidiabetischen Arzneimittelregime bei Typ-II-Diabetes mellitus kann auch die Glukosekontrolle verbessern und das Arrhythmierisiko reduzieren, muss jedoch sorgfältig gegen das Risiko einer Hypo­glykämie abgewogen werden.

Bewertung der Medikamente: Es sollte eine Baseline-Bewertung der aktuellen Medikamente des Patienten anhand einer anerkannten Datenbank von QTc-Verlängerungseigenschaften (z. B. www.crediblemeds.org) durchgeführt werden, wobei insbesondere auf Antiarrhythmika, Antidepressiva und Antipsychotika, Nicht-Penicillin-Antibiotika, Malariamittel, Antiemetika und Demenzmedikamente (Donepezil) zu achten ist. Wenn möglich, sollten reguläre Medikamente gegen gleichwertige Nicht-QTc-verlängernde Medikamente ausgetauscht werden. Zu berücksichtigen sind auch Elektrolytstörungen mit Hypo-kaliämie, -magnesiämie, -kalzämie, welche die QT-Zeit verlängern – daher in solchen Situationen regelmässige EKG und Elektrolytkontrollen.
Chemotherapeutika und Anästhetika bergen auch ein besonders hohes Risiko für eine torsade de pointes, und in bestimmten Situationen (z. B. bevorstehende Operation oder Erwägung einer Krebsbehandlung) sollte eine zusätzliche Prüfung durchgeführt werden. Dem Hochrisikopatienten (QTc > 500ms) mit Diabetes sollte geraten werden, in zukünftigen Situationen, in denen neue Medikamente verschrieben werden, mit seinem Arzt zu sprechen, insbesondere auch im Zusammenhang mit einer Infektion/Sepsis, bei der die Kombination einer Dysglykämie und einem neuen Medikament oder einer Elektrolytstörung das Arrhythmierisiko durch eine QTc-Verlängerung erheblich erhöhen könnte.

Lifestyle-Massnahmen: Ein erhöhter BMI ist ein anerkannter Risikofaktor für die QTc-Verlängerung (5) bei Diabetes mellitus im Allgemeinen, so dass die Gewichtsabnahme immer im Interesse des Patienten liegt. In ähnlicher Weise kann die Verringerung grosser Schwankungen der Glukose-kontrolle durch die Vermeidung grosser Mahlzeiten oder Lebensmittel mit hohem glykämischen Index auch das Risiko verbessern.

Fazit der Autoren

  • QTc-Verlängerung ist ein häufiger Befund bei Diabetes mellitus.
  • Diese Gruppe hat ein signifikant erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod.
  • Die QTc-Verlängerung ist multifaktoriell aufgrund akuter und chronischer diabetesbedingter Veränderungen in der Physiologie.
  • Von den veränderbaren Faktoren ist die Glukosekontrolle, insbesondere die Vermeidung einer Hyperglykämie, der wichtigste Faktor.
  • Die Wirkung von QTc-verlängernden Medikamenten kann bei Diabetes verstärkt sein und sollte mit Vorsicht verschrieben werden.

Quelle: Taubel J und Pimenta D. Beurteilung des Risikos Risiko einer QTc-Verlängerung bei Patienten mit Diabetes mellitus. e-Journal der kardiologischen Praxis 2022; Band 22; No 8. – 6. April 2022

Dr. med. Urs N. Dürst

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u.n.duerst@ggaweb.ch

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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1. Taubel J und Pimenta B. Beurteilung des Risikos einer QTc-Verlängerung bei
Patienten mit Diabetes . e-Journal der kardiologischen Praxis 2022; Band 22;
No 8 – 6. April 2022
2. Giunti S, Bruno G, Lillaz E, Gruden G, Lolli V, Chaturvedi N, Fuller JH, Veglio M, Cavallo-Perin P; EURODIAB IDDM Complications Study Group. Inzidenz und
Risikofaktoren eines verlängerten QTc-Intervalls bei Typ-1-Diabetes: die EURODIAB Prospective Complications Study. Diabetes-Pflege. 2007;30:2057-63.
3. Ninkovic VM, Ninkovic SM, Miloradovic V, Stanojevic D, Babic M, Giga V, Dobric M, Trenell MI, Lalic N, Seferovic PM, Jakovljevic DG. Prävalenz und Risikofaktoren für verlängertes QT-Intervall und QT-Dispersion bei Patienten mit Typ-2-Diabetes. Acta Diabetol. 2016;53:737-44.
4. Zayas-Arrabal J, Alquiza A, Tuncay E, Turan B, Gallego M, Casis O. Molekulare und elektrophysiologische Rolle von Diabetes-assoziierten zirkulierenden Entzündungsfaktoren beim Umbau von Herzrhythmusstörungen in einem metabolisch-induzierten Modell der diabetischen Ratte Typ 2. Int J Mol Sci. 2021;22:6827.
5. Vandenberk B, Vandael E, Robyns T, Vandenberghe J, Garweg C, Foulon V,
Ector J, Willems R. Welche QT-Korrekturformeln sind für die QT-Überwachung zu verwenden? J Am Heart Assoc. 2016;5:E003264
6. Su JB, Yang XH, Zhang XL, Cai HL, Huang HY, Zhao LH, Xu F, Chen T, Cheng XB, Wang XQ, Lu Y. Die Assoziation von langfristiger glykämischer Variabilität gegenüber anhaltender chronischer Hyperglykämie mit herzfrequenzkorrigiertem QT-Intervall bei Patienten mit Typ-2-Diabetes. PloS Eins. 2017;12:E0183055
7. Curtain JP, Docherty KF, Jhund PS, Petrie MC, Inzucchi SE, Køber L, Kosiborod MN, Martinez FA, Ponikowski P, Sabatine MS, Bengtsson O, Langkilde AM, Sjöstrand M, Solomon SD, McMurray JJV. Wirkung von Dapagliflozin auf ventrikuläre Arrhythmien, wiederbelebten Herzstillstand oder plötzlichen Tod bei DAPA-HF. Eur Herz J. 2021;42:3727-38.
8. Wenzel-Seifert K, Wittmann M, Haen E: QTc prolongation by psychotropic drugs and the risk of torsade de pointes. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(41): 687–93. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0687

17. Cardio Update 2022 – Teil 2

Auch dieses Jahr fand wieder ein ausgezeichnetes DGK CARDIO UPDATE in Mainz resp. Berlin statt. Der zweite Teil des Berichts zum 17. Cardio Update der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist den Themen konservative und interventionelle Klappentherapie, der primären Mitralinsuffizienz und der invasiven Therapie der KHK gewidmet.

Zum Thema konservative und interventionelle Klappentherapie von Prof. Dr. St. Baldus aus Köln können folgende Punkte speziell erwähnt werden: Die neuen AHA Klappen-Guidelines und zwei neuere Studien zum Thema asymptomatische AK-Stenose zeigen, dass eine frühere Intervention prognostisch deutlich günstiger ist. Gemäss RECOVERY Trial: Klappenöffnungsfläche ≤0,75cm2 + vmax ≥4,5m/sec oder dp mean ≥50mmHg; so zeigt sich ein sign. Vorteil über 4 Jahre mit einer NNT von 20 bezüglich operativer resp. kardiovaskulärer Mortalität. Die Frage TAVI vs. chirurgischer Therapie bei diesem Patientenkollektiv kann mit 2 Studien erst 2024 beantwortet werden. Das heutige Fazit: Eine IIa-Empfehlung zur frühzeitigen AKE ab einer Vmax von 5 m/s unabhängig von der LVEF (Abb. 1).

Bei niedrig Risikopatienten (PARTNER 3 Studie) ist eine TAVI über 2 Jahre klar im Vorteil. Der Entscheid Klappenchirurgie oder TAVI liegt beim Heart-Team. Patienten ≤75 Jahre mit einem tiefen oder intermediärem Operationsrisiko erhalten eher eine Klappen-Chirurgie, Patienten ≥75 Jahre oder und ein höheres Operationsrisiko eher eine TAVI. Eine OAK mit NOACs bei VHFLi bei einer Klappenproblematik (AS, AI; MI) ist eine II A Indikation. Ebenso 3 Monate nach Einlage einer Bioprothese. Ohne eine Indikation für eine OAK ist die lebenslange Gabe eines Plättchenhemmers, Aspirin Monotherapie, nach TAVI eine I A Indikation.

Eine asymptomatische AI geht bei LV-Dilatation und/oder Einschränkung der systolischen LV-Funktion mit einer eingeschränkten Prognose einher und sollte hier daher frühzeitig operativ versorgt werden.

Da eine moderate bis schwere primäre Mitralinsuffizienz auch ohne Symptomatik eine schlechtere Prognose hat, gilt: Eine asymptomatische primäre MI geht bei LV-Dilatation, Einschränkung der systolischen LV-Funktion, Vorhofflimmern, pulmonaler Hypertonie oder LA-Dilatation mit einer eingeschränkten Prognose einher, und sollte daher frühzeitig operativ versorgt werden (Abb. 2).

Die COAPT-Kriterien helfen bei einer sekundären mittel-schweren MI nach einer optimalen medikamentösen HI-Therapie und eventuell einem CRT den Zeitpunkt der Mitral-Klappenintervention nicht zu verpassen und die Prognose signifikant zu verbessern. Diese sind: EF >20%; LVESD <70mm; mehr als eine moderate Rechtsherzinsuffizienz, keine schwere TI, PAPs <70mmHg; keine hämodynamische Instabilität. So kann die Gesamtmortalität um 43% gesenkt werden. Eine Kathetertherapie einer symptomatischen sekundären schweren TI ist bei inoperablen Patienten eine IIb C Indikation.

Im Vortrag «Der herzchirurgische Patient» von Prof. Dr. T. Doenst, Jena, war das Highlight die Erklärung zum Vorteil der ACBP im Langzeitverlauf. Durch die Bypassoperation kommt es zu weniger Herzinfarkten im Verlauf, dies im Gegensatz zur PCI. 90 % aller Herzinfarkte resultieren aus Koronarläsionen, die nicht flussrelevant sind (Abb. 3).

Daher ist auch die Rolle einer optimalen medikamentösen Therapie (Pl. Hemmer, Statin, ACE-H, Betablocker) nach einer ACBP-Operation für die Langzeitprognose entscheidend. Auch wurde nochmals betont, wie wichtig eine kardiale Rehabilitation und eine optimale medikamentöse Therapie nach einer invasiven KHK-Therapie ist mit sign. Verbesserung der Langzeitprognose!

Im letzten Abschnitt möchten wir noch einige Highlights aus verschiedenen Vorträgen erwähnen.

Zur Hypertonie: Eine strengere BD-Einstellung (130-140/70-80mmHg) ist auch bei älteren (>65J.) biologisch jüngeren Patienten möglich. Die STEP-Studie zeigt, dass eine intensive Blutdruckein-stellung mit einem Zielblutdruck von <130mmHg auch bei älteren, körperlich fitten Patienten möglich ist. Eine intensive Blutdruckeinstellung war mit einer niedrigeren Rate an kardiovaskulären Ereignissen (inklusive Schlaganfall) assoziiert, die Gesamt- und kardiovaskuläre Sterblichkeit blieben unbeeinflusst. Sicherlich sollte sich die Entscheidung für eine intensive Blutdruckeinstellung nach dem biologischen und nicht nach dem chronologischen Alter der Patienten richten. Ein Salzersatz durch Kalium reduziert kardio-vaskuläre Ereignisse. Konsequente Lebensstiländerungen können bei einer therapieresistenten Hypertonie günstige Auswirkungen auf den BD haben – Gewicht zu verlieren und die körperliche Aktivität zu steigern, wodurch der Blutdruck gesenkt werden kann.
Eine frühe initial niedrig dosierte Mehrfachtherapie ist einer Monotherapie deutlich überlegen. Sacubitril/Valsartan kann bei einer Therapieresistenz den BD senken. Das Medikament ist dafür aber aktuell nicht zugelassen. Chlorthalidon ist ein Thiazid-ähnliches Diuretikum, das aufgrund seiner langen Halbwertszeit und der positiven Outcome-Studien im Bereich der Hypertonie präferenziell eingesetzt werden sollte. Chlorthalidon ist auch bei einer GFR von 15-30ml/min als Antihypertensivum wirksam. BD-Senkung von bis zu 15mmHg. Cave NW wie: Hypokaliämie; Anstieg von Kreatinin, Bz, Harnsäure; vermehrter Schwindel. In einer grossen, methodisch gut gemachten Meta-Analyse zeigte sich keine überzeugende Evidenz für ein erhöhtes Karzinomrisiko unter einer Therapie mit Erstlinien Antihypertensiva (ACE-Hemmer, ARBs, Betablocker, Kalziumkanalblocker und Thiazide).

Zum Thema Prävention: Neu im Fokus sind spezifische Faktoren der Arteriosklerose bei Frauen und die Effekte von Umweltveränderungen. Kein Effekt von e-Zigaretten auf die Nikotin Rückfallrate. Bei einem Diabetes II und einer atherosklerotischen Gefässerkrankung bedarf es heute einem GLP1-RA oder einem SGLT2-Hemmer um das kardiovaskuläre und kardiorenale Outcome signifikant zu verbessern. Die Kombination beider Substanzen hat signifikante additive Effekte: Senkung des CV Todes, Myokardinfarkt, Stroke von -30%. Nach einer Studie aus Südkorea (HOST-EXAM) mit 5530 Patienten ist nach einer unkomplizierten koronaren modernen DES-Einlage nach einer DAPT von 6-18 Monaten eine Clopidogrel Monotherapie bezüglich kardiovaskulären Events und Blutungen besser als eine Aspirin Monotherapie (HR: 0.73) und möglicherweise zu präferieren. Eine Grippeimpfung nach einem Herzinfarkt senkt die kardiovaskuläre und die Gesamtmortalität um je 41%.

Red-Flags bei Patienten mit Mitralklappenprolaps bezüglich plötzlichem Herztod (SCD) sind Synkope, höhergradige ventrikuläre Arrhythmien, T-Negativierung, Bi-Leaflet Prolaps, Fail Leaflet durch Chorda Abriss, hochgradige MI, Mitral Annular Disjunction (≥ 5mm). Diese Veränderung findet man gemäss einer Mayo-Studie bei 595 Pat. mit MKP in 31%. Diesen Befund einer MAD allein darf man nicht überschätzen.

Dr. med. Urs N. Dürst

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Behandlung der Harnwegsinfekte heute

Am 10.-11. Februar fand am Universitätsspital Zürich der 9. Internationale Kongress für Gynäkologie, organisiert durch die Klinik für Gynäkologie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Gabriel Schär, statt. Nationale und internationale Experten präsentierten in 4 Symposien aktuelle Daten in den Gebieten Allgemeine Gynäkologie, Gynäkologische Onkologie, Senologie und Urogynäkologie. Im Folgenden wird über ein Referat aus der Urogynäkologie berichtet.

Bei Praxisbeginn habe er wenig von Harnwegsinfektionen verstanden, doch damals war punkto Therapie des Harnwegsinfekts alles klar:
«Antibiotika, was sonst!», berichtete PD Dr. med. Daniele Perucchini, Zürich, eingangs seines Referates. Damals war alles noch in Ordnung. Normaler Urin war steril. Man konnte damit im Militär sogar Wunden reinigen. Heute sind wir wegen der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen viel kritischer, was die Behandlungen mit Antibiotika anbelangt. Ein wesentlicher Grund ist die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen. 2015 warnte der Ökonom Jim O’Neill, der im Auftrag der britischen Regierung einen Bericht erstellte, dass bis 2050 jährlich mit 10 Millionen Todesopfern zu rechnen ist, also mehr Personen, als derzeit an den Folgen von Krebs sterben.

Am 14. September 2021 beschloss das eidgenössische Parlament, aufgrund einer Motion von Maya Graf, den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen zu verstärken. Mittlerweile hatte sich auch ein Paradigmenwechsel ereignet: Urin ist nicht steril. In der gesunden Blase einer asymptomatischen Frau finden sich (fast) immer Bakterien («Kernmikrobiom»). Es gibt «gute» Bakterien, die wahrscheinlich «schlechte» Bakterien unter Kontrolle halten. Es stellen sich daher folgende Fragen: Welche Bakterien sind «Feinde» und welche «Freunde»? Ist es sinnvoll, «krankmachende» Bakterien zu bekämpfen und gleichzeitig auch «gute» Bakterien zu vernichten oder sollen «freundliche» Bakterien vermehrt werden?

Der Referent zeigte eine Studie an Patientinnen mit Restharn, die eine Blasenentzündung hatten. Die Inokulation mit E. coli 83972 schützt vor Harnwegsinfekten durch uropathogene E. coli. Umgekehrt kann eine intraurethrale Inokulation von Gardnerella-Bakterien einen Harnwegsinfekt mit E. coli triggern, wie eine Studie an Mäusen gezeigt hat. Die Kritik gegen Antibiotika fusst also auf 3 Prinzipien: 1. Antibiotikaresistenzen, 2. Paradigmenwechsel Mikrobiom, 3. Antibiotika machen «Kollateralschäden».

Was ist ein Harnwegsinfekt?

Symptome bei jungen Frauen sind Dysurie, Algurie, Pollaki­s­urie, evtl. Makrohämaturie. Mit zunehmendem Alter ändern sich die Symptome. Postmenopausal sind es Brennen nach Miktion, Nykturie, Drangbeschwerden, Inkontinenz (Relatives Risiko ca. 6), Unwohlsein, Unterbauch-/Rückenschmerzen, Frösteln und Nausea. Fakt ist: es gibt keinen Zusammenhang zwischen Symptomausprägung und Bakteriurie. Das ist wichtig zu wissen, so der Referent. Negative Urinkulturen gibt es auch bei symptomatischen Patientinnen, Bakterienwachstum auch bei asymptomatischen Patientinnen («asymptomatische Bakteriurie»). Bei Patientinnen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten kann eine persistierende, asymptomatische Bakteriurie vor Rezidiven schützen, wenn keine Antibiotika gegeben werden, wie in einer wegweisenden Studie an 673 Frauen mit asymptomatischer Bakteriurie gezeigt wurde. Nach einem Jahr hatten 47% der Patientinnen, die mit Antibiotika behandelt wurden, einen symptomatischen Harnwegsinfekt und nur 13 % der Patienteninnen ohne Behandlung. Die asymptomatische Bakteriurie sollte nicht gesucht werden und auch nicht behandelt werden, hielt der Referent fest.

Häufigkeit der Harnwegsinfektionen

50% aller Frauen haben einen Harnwegsinfekt im Leben, 20 % davon haben einen weiteren Harnwegsinfekt, 80 % davon haben immer wieder Harnwegsinfekte, das sind 2.4 % aller Frauen. Eine spontane Heilung tritt in 25-50 % ein.

Unterer vs. oberer Harnwegsinfekt, unkomplizierter Harnwegsinfekt: Mehr als 97 % der Infektionen bleiben auf die unteren Harnwege beschränkt. Die Symptome sind akut auftretend, Dysurie, Algurie, Pollakisurie, Schmerzen im Unterleib. Für die Behandlung einer unkomplizierten unteren Harnwegsinfektion sind Antibiotika nicht zwingend notwendig.

Die Symptome beim oberen Harnwegsinfekt sind (klopf-)dolente Nierenlogen, stark reduzierter Allgemeinzustand, Fieber, Schüttelfrost, Kreislaufprobleme. Antibiotika (evtl. intravenös und teilweise Hospitalisation) sind indiziert. In weniger als 3 % der Fälle tritt eine Pyelonephritis auf.

Pathophysiologie von Harnwegsinfekten

Man muss unterscheiden zwischen Prä- und Postmenopause.

Die Scheide vor der Menopause weist eine geringe Biodiversität auf, Sie wird besiedelt durch Laktobazillen, die die Vagina ansäuern und antibakteriell wirkendes H2O2 und Bacteriocine (toxische Peptide/Proteine) produzieren. Laktobazillen heften sich and die Vaginalwände und schützen vor Invasion.

Die Scheide nach der Menopause zeigt eine Zunahme der Biodiversität. Laktobazillen fehlen, wodurch die Scheide basisch wird (pH7). Dies begünstigt Blaseninfekte. Es existiert kein Schutzschild an den Vaginalwänden.

Noch immer werden Antibiotika für eine unkomplizierte Harnwegsinfektion verschrieben – warum?
Viele Frauen glauben, ohne Antibiotika gehe es nicht (dies sei gefährlich), es herrscht Angst vor einer Nierenbeckenentzündung.

Therapieoptionen bei Harnwegsinfekten

  • Komplizierte Infekte: Antibiotika
  • Unkomplizierte Infekte: NSAR (z.B. Ibuprofen), D-Mannose,
  • Bärentraubenblätter, Senföle, pflanzliche Dreierkombination.
  • Prophylaxe: Verhaltensmassnahmen, D-Mannose, Cranberry/Preiselbeersaft? Senföle, Östrogene (vaginal), Immunisierung.

Die deutsche Leitlinie HWI 2017 empfiehlt: Die Diagnose einer Harnwegsinfektion und die Indikation zu einer Antibiotikatherapie sollten kritisch gestellt werden, um unnötige Therapien zu vermeiden und Resistenzentwicklungen zu reduzieren (Empfehlungsgrad B).

Sie erlässt folgendes Statement: Bei der Therapie der unkomplizierten Zystitis geht es im Wesentlichen darum, die klinischen Symptome rascher zum Abklingen zu bringen (Evidenzgrad V).

Sie empfiehlt bei der akuten unkomplizierten Zystitis eine antibiotische Therapie. Bei Patientinnen mit leichten/mittelgradigen Beschwerden kann die alleinige symptomatische Therapie als Alternative zur antibiotischen Behandlung erwogen werden. Eine partizipative Entscheidungsfindung mit den Patientinnen ist notwendig (Empfehlungsgrad B, Evidenzgrad Ib).

Antibiotika-sparende Therapie: SSI-Leitlinie

Untere Harnwegsinfektionen: Bis zur Hälfte der Harnwegsinfektionen heilen spontan ab. Antibiotika beschleunigen den Heilungsprozess um 1-2 Tage. Eine unbehandelte Zystitis scheint das Risiko einer Progression zur Pyelonephritis nicht signifikant zu erhöhen.

Für ausgewählte Patientinnen können zuerst Antibiotika-sparende Ansätze versucht werden: Keine Vorgeschichte einer Pyelonephritis, Symptomdauer ≤5 Tage.

37% der Frauen mit unkompliziertem Harnwegsinfekt waren in einer Arbeit vom Jahre 2013 bereit, initial auf ein Antibiotikum zu verzichten. Es existiert ein hoher Bedarf an therapeutischen Alternativen.

  • Belidorn 2014: Alleinige Therapie mit NSAR: Eine Pilotstudie mit Ciprofloxacin (3 Tage) vs. Ibuprofen (3×400 mg ergab die folgenden Resultate: 65 % der Ibuprofen-Gruppe hatte eine Heilung ohne Antibiotika, 33 % mit Antibiotika innert einer Woche. Am Tag 4 Ibuprofen mit weniger Beschwerden, keine Pyelonephritis.
  • 2015 Gàgyor: Ibuprofen 3x400mg vs. Fosfomycin. Ibuprofen: 67% ohne Antibiotika, aber mehr und länger Beschwerden. Symptomfrei nach einer Woche: Ibuprofen 70% vs. Fosfomycin 82%. Weniger Nebenwirkungen mit Nausea oder Diarrhoe, aber 1x gastrointestinale Blutung. Pyelonephritis in 5 Fällen (2%) vs. 0.4% mit Fosfomycin. Eine Nachbefragung nach 6 Monaten ergab: Verzicht auf Antibiotika hatte keinen negativen Einfluss auf HWI-Rezidivrate (5.8% Ibuprofen vs. 11.1% AB).
  • 2017 Kronenberg: Diclofenac 2×75 mg vs. Norflaxin 2×400 mg; Diclofenac: 38% ohne Antibiotika, aber mehr und länger Beschwerden. Beschwerdefreiheit, Median: 2 Tage Norflaxin vs. 4 Tage Diclofenac. Pyelonephritis in 6 Fällen (5 %) mit Diclofenac vs. 0 Fälle mit Norfloxacin.
  • 2018 Vik: Ibuprofen (3×600 mg) vs. Pivmecillinam. Ibuprofen: 53% ohne Antibiotika, aber mehr und länger Beschwerden. Pyelonephritis in 7 Fällen (4 % vs. 0 mit Antibiotikum).

Diskussion: Antibiotische Therapie ist die beste Behandlung, wir können Behandlung mit Ibuprofen allein nicht empfehlen.
Eine Metaanalyse über 5 Studien ergab, dass bei erwachsenen Frauen
mit Harnwegsinfektionen Antibiotika nachweislich wirksamer sind als NSAR, was das Abklingen der Symptome und Komplikationen betrifft.

D-Mannose: E.-Coli-Bakterien suchen Kontakt zu zuckerhaltigen Andockstellen am Urothel. D-Mannose gaukelt den Bakterien Andockstellen vor, was zur Ausscheidung der Bakterien mit dem Urin führt. Die Leitlinie der DGU, AWMF von 2017 empfiehlt bei häufig rezidivierender Zystitis der Frau D-Mannose. Alternativ können verschiedene Phytopharmaka (z.B. Präparate aus Bärentraubenblättern (max. 1 Monat) Kapuzinerkressekraut, Meerrettichwurzel erwogen werden (Empfehlungsgrad C, Evidenzgrad Ib). In einer Studie zur Prophylaxe bei rezidivierendem Harnwegsinfekt wurde D-Mannose mit Nitrofurantoin und mit keiner Therapie verglichen. 80 % der Patientinnen unter D-Mannose oder unter Nitrofurantoin hatten keinen Harnwegsinfekt vs. 40 % der Patientinnen ohne Therapie. Die wesentlichen Resultate von 8 systematischen Reviews und 3 Studien in einer Metaanalyse zu D-Mannose ergaben, dass D-Manose protektiv für wieder­kehrende Harnwegsinfektionen gegenüber Placebo ist, mit einer ähnlichen Wirksamkeit wie präventive Antibiotika. D-Mannose scheint gut verträglich mit minimalen ungünstigen Nebenwirkungen zu sein.

Therapiestrategien

Verzögerter Antibiotikabeginn mit der Absicht, den Antibiotikaverbrauch zu minimieren oder reduzieren:
1. Antibiotikaverschreibung in Reserve («Standby Treatment»).
2. Verzögerte empirische Antibiotikaverschreibung («Delayed Prescription»)

Ganz auf Antibiotika kann nicht immer verzichtet werden. Die Patientin ist in den Therapieplan miteinzubeziehen (Partizipative Entscheidungsfindung).

Der Referent erwähnt ferner, dass Patientinnen mit Harnwegssymptomen einen negativen Uricult aufweisen können.

Alternative Phytotherapien: Die Therapieoptionen bei komplizierten Harnwegsinfekten (Antibiotika), bei unkomplizierten Infekten (Antibiotika, NSAR, D-Mannose, Bärentraubenblätter, Senföle, pflanzliche Dreierkombination) und zur Prophylaxe (Verhaltensmassnahmen, D-Mannose, Cranberry/Preiselbeersaft (?), Senföle, Östrogene vaginal, Immunisierung) wurden bereits erwähnt.

Bärentraubenblätter: In der REGATTA-Studie wurde untersucht, ob die Erstbehandlung mit Bärentraubenblättern eine sichere und wirksame alternative Behandlungsstrategie für Frauen mit Harnwegsinfektionen darstellt und ob die derzeitige Behandlungsstrategie in der Allgemeinpraxis geändert werden könnte, indem sie eine verzögerte Verschreibung von Antibiotika und eine Verringerung des Antibiotikaeinsatzes in der Primärversorgung fördert. Die Studie zeigte, dass bei Frauen mit unkomplizierten Harnwegsinfektionen die Erstbehandlung mit Bärentraubenblättern zu einem geringeren Antibiotikaverbrauch führt, aber zu einer höheren Symptombelastung und mehr Sicherheitsbedenken als mit Fosfomycin.

Senföle: Die Therapie mit dem pflanzlichen Arzneimittel Angocin® in den Indikationen akute Sinusitis, akute Bronchitis und akute Harnwegsinfektion ist hinsichtlich ihrer Wirksamkeit vergleichbar mit der Standardantibiotika-Behandlung. Die Anwendung von unterstützenden Massnahmen und die Verabreichung von Begleitmedikamenten waren in der mit dem pflanzlichen Arzneimittel behandelten Gruppe weniger ausgeprägt. Bei den oben genannten Indikationen zeigte die mit dem pflanzlichen Arzneimittel behandelte Gruppe ein deutlich vorteilhafteres Sicherheitsprofil als die mit Standardantibiotika behandelte Gruppe.

Pflanzliche Dreierkombination: Eine weitere Therapieoption ist das Gemisch aus mehreren Pflanzeninhaltsstoffen (Kombination aus Rosmarinblättern, Tausengüldenkraut und Liebstöckel­wurzel), ein traditionelles Arzneimittel, das in der Schweiz seit 2021 auf dem Markt ist. Es wirkt antiphlogistisch, analgetisch, antinozizeptiv und spasmolytisch. Eine multizentrische Studie mit 659 Patientinnen ergab, dass 83,5 % Patientinnen in der Canephron-Gruppe und 89,8 %
Patienten in der Fosfomycin-Gruppe keine zusätzlichen Antibiotika benötigten. Bei einer Nichtunterlegenheitsspanne von 15% war Canephron der Fosfomycingruppe bei der Behandlung von Harnwegsinfektionen nicht unterlegen. Die Raten unerwünschter Ereignisse waren bei beiden Gruppen ähnlich, mit höheren Raten an gastrointestinalen Störungen in der Fosfomycin-Gruppe und Pyelonephritis in der Canephron-Gruppe.

Canephron® kann dazu beitragen, die ambulante Verordnung von Antibiotika bei unkompliziertem Harnwegsinfekt zu reduzieren.

Ein Vergleich der Symptombewertung mit dem Acute Cystitis Symptom Score (ACSS) ergab eine vergleichbare Linderung der typischen Symptome einer unkomplizierten Harnwegsinfektion beim Vergleich von Canephron mit Monouril.

Intravesikale Instillationen: Intravesikale Instillationen mit Hya­luronsäure und Chondroitinsulfat bauen die Glykosaminglykan (GAG) Schicht der Blase auf und können als prophalyktische Behandlung der rezidivierenden Harnwegsinfektion eingesetzt werden. Hyaluronsäure schützt die Blasenschleimhaut und Chondroitinsulfat bindet sich an das Urothel und stellt so die Undurchlässigleit wieder her. Die Behandlung mit ialuril®Prefill wurde im SGGG-Expertenbrief «Akute und rezidivierende Harnwegsinfekte» mit dem Evidenzlevel Ia ausgezeichnet. Die Intravesikalen Instilla­tionen mit ialuril®Prefill erfolgen wie folgt: Während des ersten Monats eine Instillation pro Woche, während des zweiten Monats eine Instillation alle zwei Wochen. Ab dem dritten Monat eine Instillation pro Monat bis zur dauerhaften Beschwerdefreiheit. Eine Metaanalyse von 8 kontrollierten klinischen Studien hat ergeben, dass ialuril®Prefill die Anzahl Harnwegsinfektionen um durchschnittlich 2.56 /Jahr reduziert. In einer weiteren Studie konnte gezeigt werden, dass unter iauril® signifikant weniger Patientinnen Harnwegsinfektionen aufwiesen als unter Fosfomycin (p < 0.01).

Prävention: Verhalten

Präventive Massnahmen sind ausreichende Flüssigkeitszufuhr, postkoitale Miktion innerhalb einer Stude, Vermeiden von Spermiziden (Kondome) zur Antikonzeption, korrekte Analtoilette, keine Desinfektionsmittel und intravaginale Spülungen, Vermeiden von Unterkühlung (kalte Füsse etc.).

Das orale Immunstimulans OM-89 (Uro-Vaxom®) enthält abgetötete fraktionierte Bakterienextrakte aus 18 verschiedenen uropathogenen Stämmen des Darmbakteriums E. coli, das für über 75 % aller Harnwegsinfekte verantwortlich ist. Eine Metaanalyse über 5 doppelblinde plazebokontrollierte Studien ergab, dass OM-89 (Uro-Vaxom) unter den Bedingungen der täglichen Praxis wirksam war.

Fazit

  • Aufgrund zunehmender Antibiotikaresistenz gewinnen antibiotikafreie Therapien an Bedeutung.
  • Intravasale Instillationen, Hyalronsäure und Chondroitinsulfat bauen die Glykosaminglykan-Schicht der Blase auf und können als prophylaktische Behandlung der rezidivierenden Harnwegsinfekte eingesetzt werden.
  • Die Behandlung mit ialuril ®Prefil wurde im SGGG-Expertenbrief «Akute und rezidivierende Harnwegsinfekte» mit dem Evidenzlevel Ia ausgezeichnet.
  • Probiotika ergeben dagegen keinen Rückgang von Harnwegsinfekten, wie eine Cochrane Datenanalyse zeigte.

Quelle: 9. Internationaler Kongress Gynäkologie Update 2022, Universitätsspital Zürich, 10.-11. Februar 2022

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