Wichtigste Resultate und Ausblick anlässlich des SABCS 2020

Welche Resultate/Erkenntnisse am SABCS 2020 haben Sie überrascht? Positiv oder negativ?

Schon am ESMO 2020 wurden die ersten Daten der beiden Adjuvantstudien mit CDK4/6-Inhibitor vorgestellt. Die Pallaststudie zeigte ein bis jetzt negatives Resultat, die MonarchE-Studie ein signifikant positives, aber im sehr frühen Verlauf. In San Antonio wurde nun von dieser MonarchE-Studie schon die nächste Interimsanalyse vorgestellt mit wenigen Monaten mehr Follow-up. Der Unterschied zugunsten des CDK4/6-Inhibitors persistiert mit noch mehr Events.
Gleichzeitig wurde aber auch das finale Resultat der Penelope-B-Studie vorgestellt. Diese Studie untersucht ebenfalls die adjuvante Gabe von Palbociclib, jedoch nur über ein Jahr und mit einem anderen Design. Randomisiert wurden nur Frauen, bei denen keine pCR erreicht wurde nach neoadjuvanter Chemotherapie. Das Interessante daran ist nun, dass der Unterschied nach 2 Jahren zugunsten des CDK4/6-Inhibitors in etwa gleich gross war wie in der MonarchE-Studie, die Kurven aber nach 4 Jahren wieder zusammengekommen sind.
Insgesamt war dies eine negative Studie, mit deutlich weniger Patientinnen und dadurch Power als die MonarchE-Studie. Dadurch steht die Frage im Raum, ob das frühe positive Resultat der MonarchE-Studie dadurch zustande kommt, dass in dieser Hochrisikopopulation vor allem früh metastasierte Patientinnen mit der Kombination besser behandelt wurden. Diese Frage bleibt offen, bis wir einen längeren Follow-up haben werden.
Positiv überrascht hat mich die kritischere Beurteilung gegenüber den molekularen Signaturen Mammaprint und Recurrence Score als Entscheidungshilfen für adjuvante Chemotherapien. Im 8-Jahres Follow-up der Mindact-Studie zeigten sich bei den beiden diskordanten Gruppen (klinisch high-risk/genomisch low-risk und klinisch low-risk/genomisch high-risk) keine signifikanten Unterschiede bezüglich Prädiktion des Effektes der Chemotherapie, numerisch sogar leichte Vorteile für die klinisch high risk/genomisch low-risk-Gruppe. Und dies in Anbetracht der sehr rudimentären klinischen Einteilung, die auf die Parameter T- und N-Stadium sowie das Grading beschränkt war. Der Expressionsgrad von ER und PgR, Ki-76 und LVI wurde nicht einbezogen in diese klinische Beurteilung. Es scheint, dass die (deutlich billigere) qualitätskontrollierte Pathologie nicht schlechter abschneidet als der molekulare Test.
In die gleiche Richtung geht die Präsentation des neu entwickelten und validierten RSClin, dabei wird die molekulare Signatur Recurrence Score zusammengefügt mit klinischen Parametern. Auch hier wurde gezeigt, dass die Prädiktion des Benefits einer adjuvanten Chemotherapie mit Zusatz des T-Stadiums, des Gradings und dem Alter deutlich besser ist als mit dem OncotypeDX alleine.
Für uns gilt deshalb weiterhin primär qualitätskontrollierte, konventionelle Pathologie, bei Unsicherheit Hinzunahme einer molekularen Gensignatur. Der integrierte RSClin ist zur Zeit bei uns nicht verfügbar.

Welches sind Bereiche mit noch grösstem Forschungsbedarf?

Der grösste «need» besteht sicherlich bei Frauen mit Metastasen eines triple-negativen Mammakarzinoms. Die Checkpoint Inhibitoren sind zwar neu als Therapieoption hinzugekommen, haben aber beim Mammakarzinom im Gegensatz zu anderen Tumoren nur einen Effekt in einem sehr kleinen Segment. Die Hoffnung beruht nun hier auf neuen Substanzen wie z.B. dem am ESMO 2020 gezeigten Antikörper-Drug-Konjugat «Sacituzumab Govitecan», welches an TROP-2 bindet und schon in einer Phase-III-Studie bei stark vorbehandelten Patientinnen mit TNBC eine Verdoppelung des Überlebens gezeigt hat. Am SABCS wurde demonstriert, dass die TROP-2-Expression nicht prädiktiv ist für das Ansprechen.

Ihre Eindrücke zum virtuellen SABCS?

Das virtuelle SABCS wurde technisch sehr gut durchgeführt. Leider ist der Service für die Teilnehmer aber deutlich weniger geworden. Die Präsentationen der Referenten konnten nicht wie üblich nach erfolgtem Referat als PDF heruntergeladen werden. Für die nachfolgenden Weiterbildungen in der Schweiz musste jedes Slide einzeln aus der jeweiligen Präsentation herauskopiert werden. Dies schmälert natürlich die Strahlkraft eines solchen Meetings enorm, da die wenigsten Leute sich die Zeit nehmen können, über mehrere Tage alle Präsentationen anzuschauen. Post-SABCS-Meetings, wo alles in konzertierter Art aufbereitet präsentiert und diskutiert wird, werden deshalb in der Ära der rein virtuellen Meetings umso wichtiger, auch für die Verbreitung des neuen Wissens.

Welche Probleme hat die Sars-CoV-2-Pandemie für Ihre persönliche Arbeit mit den Patienten gebracht?

Für die eigentliche Behandlung der Patientinnen hat es eher wenig Einfluss. Der Diskussionsbedarf aufgrund von Corona, Risiken, Impfung etc. hat aber deutlich zugenommen und nimmt nun oft einen erheblichen Teil der Sprechstunde ein.

Eleonore E. Droux

droux@medinfo-verlag.ch

VZI Symposium 2021

Am 27.01.2021 wurde das jährliche VZI Symposium nicht in den üblichen Räumen der Universität Irchel, sondern remote ausgetragen. Die Technik war gut koordiniert, so dass diese Fortbildung auch als «Bildschirm only»-Anlass reibungslos funktioniert hat. Die beiden VZI-Gastgeber-Kollegen, Dr. med. Barbara Himmelmann, Klinik Hirslanden, Zollikon und Dr. med. Stephan Vavricka, Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie AG, Zürich haben mit viel Esprit und interessanten Inputs bis zum Schluss durch das attraktive Programm geführt. Es würde hier den Rahmen sprengen, alle tollen Referate, auch ganz aktuell zum Thema COVID-19, zu erwähnen, aber gerne führe ich ein paar spannende Details aus dem interdisziplinären Hauptreferat aus.

Das allen bestens bekannte und in der Praxis manchmal kräfteraubende Symptom Husten wurde sowohl aus dem Blickwinkel der Allgemeinen Inneren Medizin als auch aus fachärztlicher Sicht der ORL, Allergologie und Pneumologie «zerlegt» und «aufgeräumt».
Eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung bilden wie immer den ersten Schritt und eine wichtige Basis für die weitere Betreuung. Sofern keine «redflags» vorliegen, darf ruhig mit aufwändigen Abklärungen acht Wochen zugewartet werden. In den ersten zwei Wochen sind pflanzliche Präparate vorzuziehen und bei der Therapiewahl spielt es keine Rolle, ob der Husten produktiv oder unproduktiv bzw. trocken ist.

Chronischer Husten – die drei Hauptursachen

Als Auslöser eines mehr als acht Wochen dauernden und somit chronischen Hustens werden vor allem «the big three» – das Postnasal-Drip-Syndrom (oder Upper-airway-cough-Syndrom, UACS), das Cough-variant Asthma (CVA) und der gastroösophageale bzw. laryngopharyngeale Reflux – allgemein diskutiert. In der neueren Literatur wird vermutet, dass eher nur in 50% der Fälle auf diese drei bekannten Ursachen zurückgegriffen werden kann. Auch betreffend UACS besteht eine gewisse Unsicherheit, nur 21% der Patienten mit Postnasal Drip weisen einen Husten auf.

Aus der Perspektive der ORL ist eine einmalige sorgfältige endoskopische Inspektion der Atemwege zu empfehlen, um eine ursächliche chronische Rhinosinusitis oder seltene Ursachen wie eine Thornwaldzyste nicht zu verpassen.

Eine aufwändige radiologische Bildgebung sollte nicht routinemässig, sondern nur mit klarer Indikation von einem ORL-Spezialisten veranlasst werden. Der Säuregehalt des Refluxes scheint für das Auslösen des Hustenreflexes eher keine Rolle zu spielen. Ein Therapieversuch mit PPI 2x 40 mg täglich, flankierend zu den bekannten Anpassungen des Lebensstils, müssen für mindestens sechs Wochen (aus pneumologischer Sicht eher acht bis 12 Wochen) konsequent durchgeführt werden.

Eine eher seltenere Ursache und daher wichtig, wieder daran zu denken, ist die Laryngeale Sensorische Neuropathie (LSN). Neben dafür möglichen Auslösern wie stattgehabte virale Infekte oder eine mechanische Irritation durch Intubation lohnt es sich, eine mögliche Struma in Betracht zu ziehen.

Pricktests und neue CHIP-Technologie in der Hausarztpraxis

Aus dem allergologischen Blickwinkel ist die sorgfältige Anamnese zentral, damit weitere Abklärungen mittels Hauttests oder Serologie vernünftig eingegrenzt werden können. Neben den naheliegenden saisonalen, örtlichen und zeitlichen Korrelationen lohnt es sich auch, an Zimmerpflanzen und Tiere inkl. Fischaquarium und die rote Mückenlarve im Fischfutter zu denken.
Eine Abklärung mittels Prick-Tests kann auch in der Hausarztpraxis durchgeführt werden. Gut zu wissen: Die Test-Sets können relativ kostengünstig bezogen werden! Praktische Tipps für die korrekte Durchführung sind auf der Website: www.ck-care.ch zusammengefasst. Als neue In-vitro-Möglichkeit der Allergieabklärung wird die CHIP-Technologie vorgestellt, welche bei unklarem Auslöser mit kleinsten Mengen von Serum eine breite Allergen-Suche ermöglicht, insbesondere auch um Sensibilisierungsmuster und Kreuzreaktionen festzulegen. Die Interpretation dieser breiten Suche braucht Erfahrung, kann aber in gewissen Fällen effizienter als eine multiple spezifische IgE-Suche sein, die Kosten werden ca. ab 8-10 spezi schen IgE günstiger.

Eosinophile Bronchitis oder Asthma bronchiale?

Klinisch lässt sich die eosinophile Bronchitis kaum von einem Asthma bronchiale abgrenzen. Bei der eosinophilen Bronchitis liegt eine normale Lungenfunktion und keine bronchiale Hyperreagibilität vor. Die Diagnose wird durch das Vorhandensein von >3% Eosinophile im Sputum gestellt, allerdings ist dies technisch nicht immer einfach, so dass eine Schleimhautbiopsie mittels Bronchoskopie hinweisend sein kann. Die eosinophile Bronchitis spricht gut auf inhalative Steroide an, so dass sich ein Therapieversuch bei einer solchen Verdachtsdiagnose lohnt.

Betreffend ACE-Hemmer als auslösendes Moment ist die zeitliche Korrelation der Symptome nicht immer klar, in ca. 16% der Fälle entwickelt sich ein chronischer Husten mit einer Latenz von Stunden bis über ein Jahr. Bei Verdacht sollte eine entsprechende Therapie gestoppt werden. Mit einem Abklingen des Hustens kann nach einer (bis zu 40!) Wochen gerechnet werden.

Eine häufig verkannte Ursache des Hustens stellt das OSAS dar. Bei einem Drittel der OSAS-Patienten liegt ein chronischer Husten vor. Bei 70% der Fälle hat die CPAP-Therapie auch auf das Symptom Husten einen günstigen Einfluss.

Am Ende der Abklärungs-Kaskade befindet sich das eher neu definierte Krankheitsbild des idiopathischen bzw. refraktären Hustens (Cough Hypersensitivity Syndrome, CHS). Merkmale sind unter anderem ein Reizgefühl im Larynx und schwer kontrollierbare Hustenanfälle auf Trigger wie Sprechen, Lachen, Singen oder thermische/chemische Auslöser (z.B. kalte Luft, Gerüche, Sprays). Verantwortlich dafür scheint eine Über-empfindlichkeit des hustenauslösenden Reflexbogens zu sein, ähnlich einem neuropathischen Schmerz. So kann auch eine Therapie mit der gleichen Medikamenten-Gruppe hilfreich sein (Amitriptylin, Gabapentin). Gefaxipant, ein neu entwickelter P2X3-Rezeptor-Antagonist, könnte sich bei diesen Patienten positiv auf die Hustenfrequenz auswirken.

Pneumologischer Tipp für die AllgemeinpraktikerIn

Für den Praxis-Alltag praktisch erscheint mir auch der folgende Vorschlag: Bei Abwesenheit von expliziten Hinweisen auf eine maligne oder infektiöse Ursache, welche eine unverzügliche Abklärung erfordern, ist aus pneumologischer Sicht empfohlen, die drei grossen möglichen Ursachen (UACS, Asthma/eosinophile Bronchitis, GERD) nicht sequenziell, sondern parallel zu behandeln. D.h. topische Steroide für die oberen und unteren Atemwege zu verordnen sowie PPI gleichzeitig zu etablieren, da diese drei Krankheitsbilder oft überlappend vorliegen. Sollte der Patient auf diesen 8- bis 12-wöchigen Therapieversuch nicht ansprechen, ist eine Überweisung an einen Spezialisten zu überlegen. Als persönliche Bemerkung möchte ich anfügen, dass bei einer mehrwöchigen hochdosierten PPI-Therapie nach Absetzen das Risiko einer Rebound-Hyperazidität besteht und daher die Indikation zur probatorischen Therapie trotz allem sorgfältig gestellt werden muss.

Quelle: VZI-Symposium online, 27.01.2021, Referate von Dr. med. Renate Albrecht, PD Dr. med. Martina Broglie Däppen, Prof. Dr. med. Peter Schmid-Grendelmeier und Dr. med. Alexander Turk.
Gastroenterology 2009-137: 80-87, Ch. Reimer et al., Proton-Pump Inhibitor Therapy Induces Acid-Related Symptoms in Healthy Volunteers After Withdrawal of Therapy

Dr. med.Vera Stucki-Häusler

Aerzteverlag medinfo AG
Dr. med. Vera Stucki-Häusler
Seestrasse 141
8703 Erlenbach

stucki@medinfo-verlag.ch

Update Refresher Endokrinologie

Am Update Refresher Innere Medizin in Lausanne vom 12.02.2021 referierten Spezialisten des CHUV über Erkrankungen der Schilddrüse, der Hypophyse und der Nebennieren, Behandlung des Diabetes Typ 2 sowie über Diagnostik und Behandlung von diabetischen Komplikationen. Dieser Bericht widmet sich den diabetischen Komplikationen.

Die Komplikationen betreffen das Herz-Kreislauf-System, die Nieren, die Augen, die Neuropathie, die Füsse und die Leber», so eröffnete Dr. med. Laura Marino, Service d’Endocrinologie, Diabétologie et Métabolisme, CHUV ihre Präsentation. Für jedes dieser Organe zeigte die Referentin, wie man die Komplikationen erkennt, behandelt und wie man sie verhindern kann.
Komplikationen im Zusammenhang mit Diabetes kommen im Wesentlichen von der Hyper-glykämie, was zu vaskulären, hämodynamischen und inflammatorischen Komplikationen führt, sowohl mit den Produkten der fortgeschrit-tenen Glykosylierung als auch der Aktivierung anderer Mechanismen wie der Proteinkinase, mit mikro-/makrovaskulärer Auswirkung. Es kann sich um eine Erhöhung der Gefäss- oder der endothelialen Steifigkeit, um eine Vasokonstriktion oder um eine Abnahme der Erholungs- sowie Reparaturkapazitäten auf endothelialer Ebene wie auch um eine chronische Entzündung handeln.
Abgesehen von der Hyperglykämie kommen auch andere Faktoren ins Spiel: Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Lipide und genetische Faktoren, die nicht unbedingt im Detail für alle Komplikationen im Zusammenhang mit Diabetes bekannt sind. Sie können aber gelegentlich erklären, warum zwei Patienten mit der gleichen glykämischen Kontrolle über die gleiche Anzahl von Diabetes-Jahren nicht das gleiche Spektrum an Komplikationen haben, sofern sie überhaupt solche aufweisen.

Kardiovaskuläre Erkrankung

Bluthochdruck
Screening bei allen Konsultationen (evtl. MAPA). Der Cut-off, der als pathologisch angesehen wird, liegt bei 140 / 90 mmHg. Bei hohem kardiovaskulärem Risiko (≥ 15%) sollte ein Zielwert von < 130 / 80 mmHg in gemeinsamer Entscheidung unter Berücksichtigung von Hypotonie, Alter und anderen Faktoren festgelegt werden. Wenn das Risiko niedrig ist (mittleres Risiko < 15%), sollte ein Zielwert von < 140 / 90 mmHg in Betracht gezogen werden. In Bezug auf die Therapie ist eine Änderung des Lebensstils der Eckpfeiler jeder Behandlung.
ACE-Hemmer/ARBs wenn ACR↑ (3,4-30mg/mmol) sind dringend empfohlen wenn ACR >30mg/mmol und/oder eGFR < 60ml/min. Wenn keine Hypertonie besteht, ACR < 3,4mg/mmol beträgt und die eGFR in der Norm ist, besteht keine Indikation für ACE-Hemmer/ARBs. Überwachen Sie Kreatinin und Kalium.
Keine Kombination von ACE-Hemmern mit ARB!

Lipide
Erstellen des Lipidprofils zum Zeitpunkt der Diagnose. Bei Personen unter 40 Jahren alle 5 Jahre wiederholen, bei Personen über 40 Jahren jährlich mit jährlicher Risikoberechnung. Abschätzung des kardiovaskulären Risikos (Primärprävention), Risiko-Score für Myokardinfarkt oder koronares Ereignis innerhalb von 10 Jahren nach PROCAM CH (GSLA-Score). Mortalitäts-Score nach ESC.
Diabetes-Risiko unter Statin-Therapie: 1 von 255 Patienten während 4 Jahren Behandlung, aber 5,4 vermiedene vaskuläre Ereignisse.
Die Risikokategorien und die entsprechenden Zielwerte für LDL-Cholesterin wurden nach den neuen ESC-Leitlinien 2019 vorgestellt.

Aspirin
Verschreibung in der Sekundärprävention. In der Primärprävention bei erhöhtem kardiovaskulärem Risiko (erhöhtes Risiko für GI-Blutungen). 50-70 Jahre: DM + 1 Hauptrisikofaktor (Hypertonie, Dyslipidämie, Rauchen, Niereninsuffizienz) ohne Blutungsrisiko. Im Alter von über 70 Jahren überwiegen die Risiken den Nutzen. Unter 50 Jahre: Wenn keine Risikofaktoren vorhanden sind, ist Aspirin nicht notwendig, wenn mehrere Risikofaktoren vorhanden sind, gibt es keine ausreichende klinische Evidenz.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Screening und Behandlung

Wenn der diabetische Patient asymptomatisch ist, wird kein routinemässiges Screening auf koronare Herzkrankheiten mehr durchgeführt. Man behandelt die kardiovaskulären Risikofaktoren. Das Screening verbessert die Ergebnisse nicht. Jedoch wird ein Screening in Betracht gezogen, wenn die folgenden atypischen Symptome vorliegen: unerklärliche Dyspnoe, Anzeichen/Symptome einer Gefässerkrankung (Karotisgeräusch, TIA, PAVK, EKG-Abweichung).
Andere Risikofaktoren (Rauchen, Bluthochdruck, Lipide) werden gezielt behandelt. Man wird auch auf den Blutzuckerspiegel abzielen, namentlich mit zwei weiteren Behandlungsmöglichkeiten: SGLT-2-Inhibitoren und die GLP-1-Agonisten.
Seit 2008 besteht eine Verpflichtung zum Nachweis der kardiovaskulären Sicherheit bei anti-diabetischen Therapien. Die DPP-4-Inhibitoren erwiesen sich in den Studien SAVOR TIMI, Examine, TECOS, CARMELINA als neutral. Die SGLT-2-Inhibitoren zeigten in den Studien EMPA-REG, CANVAS (CANVAS R), CREDENCE, DECLARE-TIMI für CANA/DAPA/EMPAgliflozin eine Reduktion der kardiovaskulären Ereignisse. Die GLP-1-Agonisten zeigten in den Studien LEADER, ELIXA, SUSTAIN 6/PIONEER 6, EXSCEL, HARMONY und REWIND für Lira-/Semaglutid und Dulaglutid ebenfalls eine Reduktion der kardiovaskulären Ereignisse.

Bei Herzinsuffizienz sollten keine Thiazolidindione verwendet werden. Für den DPP-4-Hemmer Saxagliptin wurde ein Anstieg der Krankenhauseinweisungen festgestellt. Die GLP-1 RA haben keinen Einfluss auf die Herzinsuffizienz. Die SGLT-2-Inhibitoren zeigten eine 35%ige Abnahme der Hospitalisierungen in EMPA-REG OUTCOME, CANVAS, SAVOR TIMI, CREDENCE. Sie zeigten auch einen eindrücklichen Nutzen bei Herzinsuffizienz und Nierenerkrankungen. SGLT-2-Inhibitoren und GLP-1 RA haben vergleichbare Effekte bei der Reduktion schwerer atherosklerotischer kardiovaskulärer Ereignisse. Bei T2DM mit atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung sollten deshalb SGLT-2-Inhibitoren oder GLP-1 RA eingesetzt werden. Bei Herzinsuffizienz oder Nierenerkrankungen werden SGLT-2-Inhibitoren bevorzugt.

Chronische Nierenerkrankung

Sie ist charakterisiert durch ein gestörtes Albumin-Kreatinin-Verhältnis (ACR) und/oder eine verminderte eGFR ohne andere Anzeichen/Symptome einer Nierenerkrankung anderen Ursprungs.
Eine chronische Nierenerkrankung liegt bei 20%-40% der Patienten mit Diabetes vor. Bei Typ 1 wird die Diagnose nach 10 Jahren gestellt, bei Typ 2 zum Zeitpunkt der Diagnose. Diabetes ist die Hauptursache für Nierenerkrankungen im Endstadium. Nierenerkrankungen erhöhen zudem das kardiovaskuläre Risiko.
Zur Bestimmung werden zwei Urinspots für die Albumin/Kreatinin-Dosierung beurteilt. Kreatinin und glomeruläre Filtration nach CKD-EPI, einmal jährlich für T1DM ab 5 Jahren, für T2DM ab Diagnose (CAVE Fieber, Bluthochdruck, Menstruation, körperliche Belastung).
In Bezug auf die Behandlung ist bekannt, dass eine Blutzuckerkontrolle das Fortschreiten der Nierenerkrankung verlangsamt, allerdings mit Verzögerung (ACCORD, DCCT/EDIC). Der Blutdruck wird auf < 140/90 mmHg (< 130/80 entsprechend Risiko/Nutzen) optimiert. Es stehen aber auch andere Moleküle zur Verfügung: ACE-Hemmer/ARBs wenn ACR ↑ (3,4-30mg/mmol) werden dringend empfohlen, wenn ACR > 30mg/mmol und/oder eGFR < 60ml/min. Falls keine Hypertonie, ACR < 3,4mg/mmol und die eGFR normal ist, sind ACE-Hemmer nicht indiziert. R-Mineralokortikoid-Antagonisten nicht vergessen (verringern Albuminurie, haben kardiovaskuläre Vorteile).
SGLT-2i sind eine ausgezeichnete Wahl. Sie sind dafür bekannt, dass sie die Abnahme der Nierenfunktion verringern. Sie haben einen Einfluss auf die eGFR und auch auf die Albuminurie. Für GLP-1 RA wissen wir noch nicht, ob sie einen Effekt auf die eGFR haben, aber sie haben einen Effekt auf die Albuminurie.

Retinopathie

Die Retinopathie ist die häufigste Ursache für Erblindung bei Erwachsenen. Sie steht im Zusammenhang mit der Dauer des Diabetes und der glykämischen Kontrolle. Die Retinopathie ist auch mit Glaukom und Katarakt verbunden. Zur Diagnose gehört eine Augenhintergrund-Untersuchung 5 Jahre nach der Diagnose von T1DM und zum Zeitpunkt der Diagnose für T1DM und T2DM. Der Augenarzt kann eine optische Kohärenztomographie durchführen. Wenn keine Retinopathie und eine gute glykämische Kontrolle vorliegt, kann die Nachuntersuchung alle zwei Jahre durchgeführt werden. CAVE: eine zu schnelle Verbesserung der Glykämie verschlechtert den okulären Status.

Polyneuropathie

Periphere Polyneuropathie
Zuerst kleine Fasern (Schmerz und Dysästhesie), dann grosse Fasern mit Anästhesie und Verlust der Empfindung und des Schutzes.
Autonome Neuropathie
Es sollte nicht vergessen werden, auf eine autonome Neuropathie zu testen, vor allem, wenn mikrovaskuläre Komplikationen vorhanden sind. Unempfindlichkeit gegen Hypoglykämien, Ruhetachykardie, orthostatische Hypotonie, Obstipation, Diarrhoe, Diaphorese, erektile Dysfunktion.
Kardiale Neuropathie
Unabhängiger Sterblichkeitsfaktor. Ruhetachykardie, orthostatische Hypotonie.
GI-Neuropathie
Kann auch den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Verstopfung/Durchfall, Dysmotilität, Inkontinenz. Diagnose: OGD/Bariumtransit, Messung der Magenentleerung während 4h mittels 13C-Oktansäure-Atemtest, Magenszintigraphie (markierte Testmahlzeit)
GU Neuropathie
Erektile Dysfunktion, Blasendysmotilität, retrograde Ejakulation, verminderte Lubrikation.
Die Diagnose wird bei T1DM ebenfalls 5 Jahre nach der Diabetesdiagnose gestellt, bei T2DM zum Zeitpunkt der Diagnose, danach einmal jährlich. Immer eine Ausschlussdiagnose.
Schmerzen bei Neuropathien können mit Pregabalin (30-50% Wirkung), das zu titrieren ist, Gabapentin oder Duloxetin 60-120mg/d behandelt werden.

Die Füsse

Ulzera, Amputationen sind die Hauptursache für Mortalität/Morbidität bei T2DM. 25% der Diabetiker entwickeln ein Ulkus. 85% der nicht-traumatischen Amputationen sind auf eine Perforation zurückzuführen. Risikofaktoren sind schlechte glykämische Kontrolle, PNP mit Verlust des Schutzgefühls, Rauchen, Deformitäten, Kallus/Hyperkeratose, trockene Haut, Ulkusamputation, PAVK, Retinopathie, Niereninsuffizienz.
Massnahmen sind eine sorgfältige Inspektion der Haut, der Füsse (Schwielen/Hyperkeratose, Läsionen, verminderte Schweissbildung, trockene Haut). Achten Sie auf Verformungen der Füsse, Zehen (steife Grosszehen, Krallenzehen, Schwielen), Pilze.

Checkliste für den diabetischen Fuss
Die Referentin stellte die Checkliste mit den verschiedenen Massnahmen nach Risikoklassen vor, die folgende Elemente beinhalten: Entlastung, Wundausschneidung, polymikrobielle Antibiotikatherapie (Staph/Strep). Wenn keine Weichteil- oder Knochenbeteiligung vorliegt erfolgt keine Antibiotika-Gabe. Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum. Anpassung des Schuhwerks.
Tägliche Nagel- und Hautpflege (Trocknen, Befeuchten…), tägliche Inspektion, Vermeidung von Risikoverhalten (barfuss gehen), geeignetes Schuhwerk, Podologie, bei Wunden schnell Spezialisten konsultieren.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

FOMF Update Refresher Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetes, Lausanne 12.02.2021.

Fazit

  • Fokus auf Prävention ab dem Zeitpunkt der Diagnose von Diabetes
  • Beurteilung des Spektrums möglicher Komplikationen jährlich neu oder häufiger bei bestehendem Diabetes.
  • Umfassende Nutzung des Therapieangebots nicht nur hinsichtlich Blutzucker, sondern auch zur Verhinderung von Komplikationen.
  • Priorisierung der Behandlungen mit nachgewiesener kardiovaskulärer/renaler Wirksamkeit.

COPD 2020 Leitlinien – Was ist neu und warum?

Das neue Jahr bricht mit neuen Leitlinien an. Die Global Initiative for Obstructive Lung Disease (GOLD 2020) hat einige grosse und wenige kleine Änderungen für das Management der COPD zu bieten. Zu den wesentlichen Änderungen gehören die Definition der Rolle von inhalativen Kortikosteroiden (ICS) und der Vitamin-D-Spiegel (1).

Definition

Die Definition bleibt unverändert: «Die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) ist eine häufige, vermeidbare und behandelbare Erkrankung, die durch anhaltende Atemwegssymptome und eine Einschränkung des Luftstroms gekennzeichnet ist, die auf Anomalien der Atemwege und/oder der Alveolen zurückzuführen sind, die in der Regel durch eine signifikante Exposition gegenüber schädlichen Partikeln oder Gasen verursacht werden.»
Es kann jedoch auch eine signifikante Lungenpathologie (Emphysem) vorliegen, ohne dass eine Atemwegsobstruktion vorliegt, was eine detaillierte Beurteilung rechtfertigt. Dies geht auf das alte Konzept von GOLD 0 zurück, bei dem es zwar strukturelle Veränderungen, aber keine Obstruktion gab. Da dies ein klinisch häufiges Szenario ist, wurde die Entität des Emphysems ohne Obstruktion wieder eingeführt.

Epidemiologie

Die für 2030 prognostizierte Sterblichkeit von 4,5 Mio. Todesfällen pro Jahr durch COPD und verwandte Erkrankungen wurde bis 2060 auf über 5,4 Mio. Todesfälle pro Jahr extrapoliert (2). Unter den Risikofaktoren ist die dokumentierte Pseudomonas-Infektion ein Neuzugang. Hintergrund ist eine grosse Beobachtungsstudie, die dokumentiert, dass eine Besiedlung mit Pseudomonas aeruginosa ein erhöhtes Risiko für einen Krankenhausaufenthalt wegen Exazerbation und Gesamtmortalität vorhersagt (3).
Die Nützlichkeit von Biomarkern bei COPD hat einen neuen Kommentar. Die Leitlinien befürworten die Verwendung von Serum-C-reaktivem Protein (CRP) und Procalcitonin bei der Einschränkung des Antibiotikaeinsatzes während Exazerbationen (1). Die beobachtete Sputumfarbe bleibt jedoch hochsensitiv und spezifisch für eine hohe bakterielle Belastung während solcher Episoden. Die SUMMIT-Studie konnte den Nutzen der Verwendung von CRP, SPD, sRAGE, CC-16 und Fibrinogen zur Vorhersage der Abnahme des forcierten expiratorischen Volumens in der ersten Sekunde (FEV1), der Hospitalisierung oder der Exazerbation nicht zeigen (4). Es ist weiterhin eine vorsichtige und realistische Interpretation der Rolle von Biomarkern bei der Behandlung von identifizierten klinischen Merkmalen erforderlich.
In den neuen Leitlinien wird Vorsicht bei der Verwendung von E-Zigaretten mit dem Hinweis auf einen Mangel an Sicherheitsdaten erwähnt. Eosinophile Pneumonien, akute Lungenverletzungen, diffuse alveoläre Blutungen und respiratorische Bronchiolitis wurden mit dem Gebrauch von E-Zigaretten in Verbindung gebracht (5). Die CDC und die FDA untersuchen dies. Bis Oktober 2019 wurden rund 1604 Erkrankungen und 34 Todesfälle gemeldet. Einige Länder, darunter Indien, haben kürzlich die Verwendung von E-Zigaretten mit dem Hinweis auf ein unbewiesenes Sicherheitsprofil verboten.

Diagnose und Behandlungsplan

Der Behandlungsalgorithmus legt den Schwerpunkt auf die Verwendung der ABCD-Beurteilung, um nur die Erstbehandlung zu bestimmen. Bei der Folgebehandlung wird der Managementzyklus je nach Dyspnoe oder Exazerbation geändert, ähnlich wie in den Leitlinien von 2019. Die Behandlung von anhaltender Dyspnoe mit zusätzlichen Bronchodilatatoren und von rezidivierenden Exazerbationen mit zusätzlichen inhalativen Steroiden ist identisch mit den GOLD-Leitlinien 2019 (1).
Die Rolle von inhalativen Steroiden (ICS) in den GOLD 2020-Leitlinien wurde geklärt. Die Anamnese von ≥ 2 moderaten Exazerbationen oder Hospitalisation(en), die auf eine Exazerbation zurückzuführen sind, Eosinophilie (> 300 Zellen/µL) oder begleitendes Asthma sind Faktoren, die den Einsatz von ICS stark unterstützen. Die Faktoren, die für den Einsatz von ICS ungünstig sind, sind rezidivierende Lungenentzündungen, eine Mykobakterieninfektion in der Vorgeschichte und Eosinophilie (< 10 ng/mL oder < 25 nM), gefolgt von einer Supplementierung, falls erforderlich. Das Grundprinzip ist ähnlich wie bei allen chronischen Erkrankungen.
Die Vitamin-D-Spiegel sind bei COPD niedriger als bei Gesundheit. Eine kürzlich durchgeführte Meta-Analyse zeigte, dass eine Vitamin-D-Supplementierung die Exazerbationsrate bei Patienten mit niedrigem Ausgangs-Vitamin-D-Spiegel reduziert (8). Bei ungesunden Patienten ist der Rückgang jedoch nicht dokumentiert.
Der Einsatz von Theophyllin bei COPD hat eine unveränderte Empfehlung. Eine Studie aus dem Jahr 2018, in der Theophyllin in niedriger Dosierung eingesetzt wurde, fand keinen Nutzen bei der Reduktion der Exazerbationsrate, und daher bleibt die Wirksamkeit für dieselbe zweifelhaft (9). Die Leitlinien weisen auf die Bedeutung der Phänotypisierung von COPD-Patienten hin. Vier Phase-3-Studien untersuchten die Wirksamkeit von Mepolizumab und Benralizumab bei Patienten mit schwerer COPD. Die Einschlusskriterien waren rezidivierende Exazerbationen und der Nachweis einer eosinophilen Entzündung im peripheren Blut trotz hochintensiver inhalativer Therapie. Es zeigte sich eine 15-20%ige Reduktion der Rate an schweren Exazerbationen, die jedoch in den vier Studien und den jeweiligen Dosierungen variierte. Es gab keinen Effekt auf FEV1 oder Lebensqualitäts-Scores und keinen konsistenten Zusammenhang zwischen dem Ansprechen auf die Behandlung und der Anzahl der Eosinophilen im peripheren Blut. Eine Post-hoc-Analyse der Mepolizumab-Studie zeigte einen signifikanteren Vorteil gegenüber mit oralen Kortikosteroiden behandelten Exazerbationen (10, 11). Somit besteht die Möglichkeit, dass diese Behandlung eine Rolle in einer ausgewählten Untergruppe von Patienten mit eosinophiler COPD und häufigem Bedarf an oralen Kortikosteroiden gewinnt. Weitere Studien sind erforderlich, um dies zu untersuchen.

Nicht-medizinisches Management

Interventionelle Verfahren sind z.B. Endobronchialklappen, die bei entsprechender Indikation empfohlen werden. Die Rationale ergibt sich aus der EMPROVE-Studie, die von einem signifikanten Nutzen in Bezug auf FEV1, Hyperinflation, Dyspnoe und Gesundheitsstatus berichtet (12). Die Möglichkeit eines beträchtlichen Pneumothorax rechtfertigt jedoch, dass das Verfahren nur in Expertenzentren durchgeführt werden sollte. Die aktuellen Leitlinien dokumentieren die zusätzliche Rolle der pulmonalen Rehabilitation bei der Reduzierung von Angst und Depression.
Die Klassifizierung und das Managementprotokoll der akuten Exazerbationsepisoden sind unverändert. Der klinische Verdacht und die Erhebung der Differentialdiagnose einer Exazerbation sind in den vorliegenden Leitlinien aufgeführt. Bei der Diagnose steht die Bewertung systemischer Erkrankungen und Komorbiditäten somit explizit im Vordergrund.
Klinische Auswirkungen und zukünftige Richtlinien
Das GOLD 2020 Dokument stellt eine globale Ressource als evidenzbasierte Übersicht und Leitfaden für die Diagnose, das Management und die Prävention der COPD dar. Die Bedeutung der COPD wird durch die zunehmende globale Belastung durch diese Krankheit mit einer geschätzten erhöhten Sterblichkeit bis 2060 noch verstärkt. Die neuen Richtlinien anerkennen die Rolle von ICS als eine individuelle Entscheidung mit einer detaillierten Bewertung von Risiken und Nutzen. Die Position der inhalativen Dreifachtherapie, der Biologika, der Lungenvolumenreduktion, der Notwendigkeit von Biomarkern und der Beurteilung des Vitamin-D-Mangels wurden explizit genannt. Auch wenn diese Unterschiede subtil sind, geben sie die zukünftige Richtung der Forschung vor. Zu den Einschränkungen gehört die Vorgabe, dass für die Diagnosestellung persistierende Symptome erforderlich sind, was dazu führt, dass ambulante Patienten von Tag zu Tag unterschiedliche Merkmale aufweisen. Zusätzliche Aktualisierungen in Bezug auf keine pharmakotherapeutischen Optionen, den Asthma-COPD-Überlappungsphänotyp, Empfehlungen zum Umgang mit E-Zigaretten und weitere Leitlinien für die Überweisung zur Lungentransplantation sind ein Bedarf für die Zukunft.

Quelle: Gupta N et al. COPD 2020 Guidelines – what is new and why?
Adv Respir Med. 2020;88:38-40.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

1. Global Strategy for Diagnosis, Management and Prevention of COPD. The Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Diseases (GOLD). 2020 report. Available from: https://goldcopd. org/gold-reports/ [Access: 01.01.2020].
2. World Health Organization. Projections of mortality and causes of death, 2016 and 2060. Available from: www.who.int/ healthinfo/global_burden_disease/projections/en/ [Access: 14.10.2019].
3. Eklöf J et al. Pseudomonas aeruginosa and risk of death and exacerbations in patients with chronic obstructive pulmonary disease: an observational cohort study of 22 053 patients. Clin Microbiol Infect. 2020; 26(2): 227–234.
4. Celli BR et al. Serum biomarkers and outcomes in patients with moderate COPD: a substudy of the randomised SUMMIT trial. BMJ Open Respir Res. 2019.
5. Layden JE et al. Pulmonary illness related to e-cigarette use in Illinois and Wisconsin — preliminary report. N Engl J Med. 2020 indexed in Pubmed PMID 31491072.
6. Cazzola M et al. Triple therapy single and dual long-acting bronchodilator therapy in COPD: a systematic review and meta-analysis. Eur Respir J. 2018; 52(6).
7. Lipson DA et al. Once-daily single-inhaler triple versus dual therapy in patients with COPD. N Engl J Med. 2018; 378(18): 1671–1680.
8. Jolliffe DA et al. Vitamin D to prevent exacerbations of COPD: systematic review and meta-analysis of individual participant data from randomised controlled trials. Thorax. 2019; 74(4): 337–345.
9. Devereux G et al. Effect of theophylline as adjunct to inhaled corticosteroids on exacerbations in patients with COPD: a randomized clinical trial. JAMA. 2018; 320(15): 1548–1559.
10. Pavord ID et al. Mepolizumab for eosinophilic chronic obstructive pulmonary disease. N Engl J Med. 2017; 377(17): 1613–1629.
11. Criner GJ et al. Benralizumab for the prevention of COPD exacerbations. N Engl J Med. 2019; 381(11): 1023–1034.
12. Criner GJ et al. Improving lung function in severe heterogenous emphysema with the spiration valve system (EMPROVE). A multicenter, open-label randomized controlled clinical trial. Am J Respir Crit Care Med. 2019; 200(11): 1354–1362.

Gemeinsames Symposium der Frauenkliniken Aarau und Frauenfeld

Das gemeinsame Symposium der Frauenkliniken Aarau und Frauenfeld fand dieses Jahr in Folge der COVID-19 Pandemie online aus dem Kantonsspital Aarau statt. Der Organisator, Prof. Dr. med. Gabriel Schär, hatte einmal mehr ein äussert attraktives Programm zusammengestellt, das Themen wie Altersgynäkologie, Mikrobiom, Inkontinenzschlingen, Stammzellen für Belastungsinkontinenz, Urogynäkologische Sonographie, Prolapsoperationen, Physiotherapie der betagten Frauen, physiotherapeutische Diagnostik, Sexualität und Beckenboden, umfasste. Der folgende Bericht enthält eine Auswahl aus den verschiedenen Präsentationen.

Urogynäkologie der alten Frau – eine Übersicht


Die Lebenserwartung nimmt seit dem 19. Jahrhundert stetig zu. Im Jahre 2050 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Damit müssen wir umgehen können und dabei sollten wir viele Dinge wissen, stellte Prof. Dr. med. Gabriel Schär, Direktor der Klinik für Gynäkologie, UniversitätsSpital Zürich, eingangs fest. Der Alterungsprozess tut uns allen weh – es gibt sichtbare Dinge, die sehen wir im Gesicht und es gibt Dinge, die sehen wir nicht aber die spüren wir, wir haben Symptome, weil unser Organismus die Altersringe spürt. Dass wir dies beeinflussen können durch gesündere Lebensweise wissen wir, nur müssen wir es unter die Menschen bringen. Das Ziel von uns allen ist gesund zu sterben, so der Referent.

Bereits im Jahre 1980 hat T. Rud mit Hilfe eines Mikro-Tip-Katheters Urethradrucke gemessen und hat eine lineare Beziehung zwischen dem Urethraverschlussdruck und dem Alter zeigen können. Der Grund ist eine altersabhängige Abnahme der Muskelfasern, wie die Zusammenarbeit einer Gruppe um Daniele Perucchini mit einer Gruppe aus Ann Arbor bei der auch der Referent mitwirkte, zeigen konnte (Perucchini D et al Am J Obstet Gynecol. 200; 186: 356-60). Mit dem Verlust der Muskelfasern sinkt auch der Druck. Mit diesen Veränderungen steigt die Inzidenz der Harninkontinenz an. Es ist wichtig zu wissen, dass 80-90jährige Frauen eine Inzidenz an Harninkontinenz von 40-45% haben werden. Das Leben mit Harninkontinenz geht mit einer erheblichen Komorbidität an psychischen Störungen einher. So sind Depressionen 2.5-fach häufiger, und Angsterkrankungen 3.5-fach häufiger als in der Normalbevölkerung. Sie korrelieren positiv mit dem Ausmass der Inkontinenz und der sozialen Beeinträchtigung. Depressionen bei Dranginkontinenz sind stärker als bei Stressinkontinenz.
Diagnostik bei der betagten Patientin Mit Anamnese, Miktionskalender und klinischer Untersuchung können 90% der Diagnosen gestellt werden. Es braucht keine komplexe Diagnostik. Mit Besprechung, Miktionskalender und Hustentest kann festgestellt werden, ob es eine Belastungsinkontinenz, eine überaktive Blase oder eine Mischform ist. Mit dem Alter steigen aber sog. «einfache» Störfaktoren an, wie Harnwegsinfektionen, die Kolpitis und die Genitalatrophie. Diagnostik und Therapie sind hier einfach. Etwas schwieriger wird es bei den «komplexen» Störfaktoren. Aus Untersuchungen weiss man, dass die Miktionsstörungen häufiger werden. Die Blase degeneriert und die Restharnbildungen nehmen zu. Häufig sind die Frauen voroperiert und haben Rezidive, Blasenschmerzen und komplizierende Grunderkrankungen. Da braucht es manchmal eine spezialisierte Diagnostik und da sind Beckenbodenzentren und Blasenzentren oft gefordert.

Therapie – Spezifische Problemstellung «Alter»

Bei der Therapie sind wir darauf angewiesen, mit dem Umfeld Kontakt zu halten. Es sind die Familienmitglieder, die unterstützen, es sind die Ärzte, die uns die eingenommenen Medikamente und die Frage der Polypharmazie melden. Auch bei alten Frauen ist eine konservative Therapie möglich. Dazu braucht es kognitive Kompetenz und Kooperation. Beckenbodentherapie und körperliche Ertüchtigung verbessern die Kontinenz und erhöhen die Lebensqualität. Aufmerksamkeitstraining und Unterstützung zum Toilettengang reduzieren Urinverlust.
Pessare werden leider bei den betagten Frauen selten angewendet. Pessare werden gut toleriert. Sie verbessern das Senkungsgefühl und die Lebensqualität und können Miktions- und Defäkationsprobleme verbessern. Komplikationen sind minimal und können gut behandelt werden. Kontinuierliche Pessarträger-Betreuung ist wichtig und verhindert bedeutendere Komplikationen wie aus einer Studie von Griebling (Curr. Opin. Urol. 2016) hervorgeht. Auch die Wahl des Pessars ist wichtig. Dabei helfen die unverzichtbaren Fachfrauen der Urogynäkologie.
Ein weiteres Thema ist die vaginale Oestrogentherapie. Sie wird oft wegen Thromboembolien und Brustkrebs als gefährlich angesehen. Das ist aber nicht richtig, stellte der Referent fest. Es gibt evidenzbasierte Informationen, dass die vaginale Oestrogentherapie wirksam ist bei Harnwegsinfektionen, sie verbessert die Belastungsinkontinenz, aber nur wenn sie vaginal appliziert wird und verbessert nachweislich die Trophik. Sie ist damit eine wichtige Vorbedingung für die Pessartherapie. Die Cochrane Database äussern keine Bedenken wegen Sicherheit und attestieren der Therapie Wirksamkeit und Sicherheit. Dasselbe sagt die Nurses’ Health Study. Die Gefahren für die kardiovaskulären Nebenwirkungen sind nicht vorhanden, wenn topisch behandelt wird. Die Therapie kann auch durchgeführt werden bei Frauen, die Brustkrebs hatten. Diese Sicherheit ist gegeben. Bei Patientinnen die gerade einen Aromatasehemmer erhalten, gibt es andere Therapieoptionen. Es ist zu beachten, dass es verschiedene lokale Oestrogene gibt. Wenn die Patientin Schmerzen hat, muss eine andere Form gewählt werden. Prof. Schär beginnt nie mit Ovula, die Trägersubstanzen haben, die oft zu Schmerzen führen. Er verwendet zunächst Crèmen. Ferner muss daran gedacht werden, dass Anticholinergika das Risiko für dementielle Erkrankungen erhöhen.
Die grösste Gefahr besteht durch das Oxybutinin, das direkt durch die Blut-Hirnschranke gehen kann. Es hat deutlich mehr zentrale Nebenwirkungen. Die Angehörigen müssen orientiert werden, um Demenzen zu verhindern. Alternativ kann ein Antimimetikum gegeben werden, wovon es nur eines gibt, Betmiga®. Bei der Therapie mit Betmiga® sollte der Blutdruck überwacht werden. Zehn Prozent der Patientinnen entwickeln unter Betmiga® eine Hypertonie, die sie sonst nicht hätten.
Die operative Therapie beinhaltet ein 13mal höheres Mortalitätsrisiko bei über 80jährigen. Hier gibt es einen guten Screeningwert auf rein anamnestischer Basis für die kardiopulmonale Belastbarkeit. Im Falle eines erhöhten Risikos muss eine weitere Abklärung erfolgen.
Zuallerletzt erinnert der Referent daran, dass es nachgewiesen ist, dass alte Menschen ein erhöhtes Risiko für Hauterkrankungen haben. Eine der schwierigsten Stellen ist der Genitaltrakt. Deshalb sollten die Patientinnen entsprechend instruiert werden. Es sollten keine aggressiven Seifen, gar keine oder pH-neutrale Seifen verwendet werden und immer eine Rückfettung erfolgen Es ist unsere Aufgabe, die alten Menschen zu begleiten damit sie eine gute Lebensqualität haben. Die Altersgynäkologie kann hier viel sehr gute Dinge tun, wenn wir auch wissen was wir tun, so die Schlussworte des Referenten.

Ernährung des alten Menschen – «Muskel-Food» für den Beckenboden


Ist es überhaupt möglich, nur mit Ernährungsmassnahmen die Muskulatur bei älteren Menschen zu stärken? So die initiale Frage von Prof. Dr. med. Reto W. Kressig, Basel. 80% antworteten mit Ja. In grossen Kohortenstudien wurde gezeigt, wie die Muskelkraft bis zum 70. Lebensjahr abnimmt und dies beginnt bereits im Alter von 30 Jahren. Nach 75 Jahren erfolgt ein starker Knick zu weiterem Abfall in der Muskelkraft und ein Abbau der Muskelmasse. Rund ein Drittel der Muskelmasse geht zwischen 30 und 80 Jahren verloren, so der Referent. Wir unterscheiden langsame und schnelle Muskelfasern, Typ 1 und Typ 2. Im Alterungsprozess sind vor allem die schnellen Muskelfasern betroffen, die für schnelle Kompensationsbewegungen, etwa bei Stürzen, wichtig sind. Man spricht von einer krank machenden Muskelerkrankung, wenn eine funktionelle Einschränkung besteht. Eine sehr einfache Messung dazu ist die Messung der Ganggeschwindigkeit: wenn sie geringer ist als 80cm/s spricht man von einer Sarkopenie. Als Beispiel dazu ist die Grünphase bei der Strassenüberquerung. Bei einer Ganggeschwindigkeit von 120cm/s schafft man die Überquerung bei grün. Es gibt auch mehrere andere Verfahren wie die Handschlusskraftmessung oder der «Timed Up and Go»-Test zur Beurteilung der Muskelkraft. Zur Abklärung einer Sarkopenie gehört nicht nur die Bestimmung der Masse, sondern immer auch eine funktionelle Messung.
Mittlerweile gibt es gute Evidenz, dass parallel zur Sarkopenie auch Urininkontinenzsymptome auftreten. Training funktioniert bei allen Muskeln auch im Beckenboden. Ein körperliches Training ist aber bei sehr alten Personen, insbesondere wenn kognitive und kräftemässige Probleme vorhanden sind, häufig schwierig.
Ernährungsmässig wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Man braucht im Alter weniger Kalorien, aber gleichzeitig gleich viel Nährstoffe, d.h. nährstoffdichter essen oder weniger Kalorien aber mehr Proteine. Die neuesten Empfehlungen der Ernährungskommission lauten: Bei gesunden Senioren ab Alter 65 1-1.2g Protein/kg Körpergewicht. Das bedeutet, dass jemand, der 75kg schwer ist, 90g Protein pro Tag konsumieren muss. 90g Protein ist nicht gleich 90g Fleisch, sondern entspricht ungefähr 450g Fleisch. Dies ist fast nicht erreichbar. Eine grosse Studie zeigt aber, dass man bei 1.2g Protein/kg Körpergewicht viel weniger Muskelmasse verliert als bei 0.8g Protein/kg Körpergewicht. In der Schweiz konsumiert gemäss der menuCH Studie nur jeder zweite über 65jährige genügend Protein. Jüngere konsumieren mehr als die empfohlene Fleischmenge, während bei den über 65jährigen das umgekehrte Verhältnis beobachtet wird. Protein findet sich glücklicherweise nicht nur im Fleisch, sondern auch in anderen Lebensmitteln. Beispielsweise enthalten Nüsse mehr Protein als Fleisch, aber auch Milch und Milchprodukte enthalten Protein und diese werden zudem um fast 20% besser verwertet als Fleisch. Man kann sich also sogar vegan mit genügend Protein ernähren. Letztlich braucht es, wenn man wirksam an der Muskelmasse arbeiten will, auch die körperliche Aktivität. In einer amerikanischen Studie bei 90jährigen wurde gezeigt, dass nur mit Training allein innerhalb von 10 Wochen sich die Kraft verdoppelte und wenn noch zusätzlich mit Protein supplementiert wurde (in der Studie war es Soja-protein), nochmals ein um 30% oder 40% zusätzlicher Kraftgewinn verzeichnet wurde.

Molkenprotein, Leucin und «Pavé du Soleil»

Wichtig ist, wie schnell diese Proteine im Muskel ankommen. Der Referent zeigte, dass das Molkenprotein diesbezüglich das schnellste ist. Das Molkenprotein enthält zudem viel Leucin, welches für die Stimulation der Muskelsynthese entscheidend ist. Beim älteren Menschen braucht es mehr Leucin zur Stimulation als bei jüngeren. Ältere brauchen 5g Leucin. Leucin kommt in Erdnüssen vor, auch der Parmesankäse enthält viel Leucin. Mit Hilfe von mit Leucin verstärkter Molke kann Muskelmasse gewonnen werden. Ein Produkt mit so viel Leucin gab es bisher nicht, da Leucin bitter schmeckt. Der Referent hat mit einer Start Up Firma 2 Produkte kreiert: Eine Linie, Moltein, enthält 5g Leucin und Low carb, die andere Linie enthält 5 g Leucin und auch Kohlenhydrate (Moltein plus). Sie ist vom BAG als Nahrungsmittel zugelassen.
Zum Schluss wandte sich Prof. Kressig noch dem Vitamin D zu. Vitamin D lässt die Muskelkraft ansteigen. Es hat einen positiven Effekt auf die schnellen Muskeln. Prof. Kressig hat zusammen mit einem Confiseur in Interlaken und einem Apotheker ein Produkt kreiert, welches Vitamin D enthält. Er nennt es «Pavé du Soleil».
Der Referent hielt zum Schluss fest:

  • Muskelgesundheit im Alter braucht Proteine und körperliche Aktivität.
  • Milchprodukte und Eier sind ausgezeichnete Proteinquellen (bereits zum Frühstück), «gute Zwischenmahlzeiten» sind Nüsse (40g Nüsse enthalten 10g reines Protein).
  • Molkenprodukte (Ziger/Ricotta) sind schnelle und hochwirksame «Muskelproteine». Für den spezifischen Muskelaufbau im Alter (in
  • Kombination mit oder ohne körperliche Aktivität) ist Leucin-verstärkte Molke empfohlen.
  • Vitamin D Supplementierung im Alter dient zur verbesserten Sturzreduktion.
  • Wichtig für die Funktionalität im Alter ist Training von Muskelschnellkraft, Gleichgewicht und Koordination (T’ai Chi, Rhythmik, Tanz).

Stammzellen zur Therapie der Belastungsinkontinenz


MUS.I.C. – Neustart der Stammzellentherapie nach dem Absturz.
Weltweit sind etwa 423 Mio. Personen von einer Belastungsinkontinenz betroffen, vorwiegend Frauen. 55% leiden an Stressurininkontinenz oder gemischter Urininkontinenz, stellte Prof. Dr. Dr. med. Daniel Eberli, Zürich eingangs fest. Die Folgen sind Depression, Angst, Scham und Verlust des Selbstwertgefühls.
Allgemeine Therapien umfassen Bulking-Agenzien, Suspensions- und Schlingen-Chirurgie, künstliche Schliessmuskel, die alle Mängel aufweisen (kurzlebig, Arrosion, Infektion) und die Stammzelltherapie.

Bioengineering mit Stammzellen

Der Referent stellte eine eigene Studie zur funktionellen Wiederherstellung des Schliessmuskels mit autologen Muskelvorläuferzellen (MPCs) als injizierbare, zellbasierte Therapie vor. Durch mikrochirurgische Entfernung eines Teils des Schliessmuskels bei 24 Hunden wurde ein Hundemodell einer Harnschliessmuskelinsuffizienz erstellt. Es wurden autologe MPCs gewonnen, in Kultur expandiert und in den geschädigten Schliessmuskel von 12 Tieren injiziert. Die Tiere wurden bis zu 6 Monate nach der Injektion verfolgt. Es wurden urodynamische Studien, funktionelle Organstudien, ultrastrukturelle und histologische Untersuchungen durchgeführt. Tiere, die MPC-Injektionen erhielten, wiesen Schliessmuskeldrucke von etwa 80% der Normalwerte auf, während die Drucke bei den Kontrolltieren ohne MPC-Injektionen bei 20% der Normalwerte blieben. Die histologische Analyse zeigte, dass die implantierten Zellen überlebten und Gewebe, einschliesslich neuer innervierter Muskelfasern, innerhalb der injizierten Sphinkterregion bildeten. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass autologe Muskelvorläuferzellen in der Lage sein könnten, die ansonsten irreversibel geschädigte Funktion des Harnschliessmuskels klinisch wiederherzustellen.
Das MUS.I.C Projekt (MUS.I.C. – Multisystem Cell Therapy for Improvement of Urinary Continence)
Das MUS.I.C. Konsortium plant die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Behandlungsansatzes für Patientinnen mit Harninkontinenz zu untersuchen. Dabei werden körpereigene Muskelvorläuferzellen aus dem Unterschenkel in den Schliessmuskel der Blase verpflanzt, mit anschliessendem Training des Beckenbodens. Parallel dazu werden im Konsortium neue Methoden etabliert, um diesen Ansatz noch effizienter zu gestalten. Die klinische Studie am Universitätsspital Zürich hat im Januar 2020 begonnen.

Die Darm-Hirn-Connection


Die Darm-Hirn-Achse ist die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Darm und dem Gehirn, die über mehrere Wege erfolgt, zu denen hormonelle, neuronale und Immunmediatoren gehören. Die Signale entlang dieser Achse können vom Darm, vom Gehirn oder von beiden ausgehen, mit dem Ziel, eine normale Darmfunktion und ein angemessenes Verhalten aufrechtzuerhalten. Die Rolle, die dem Darmmikrobiom bei der Bestimmung der normalen Darmphysiologie und -immunität und als Modulator des Wirtsverhaltens («Mikrobiota-Darm-Gehirn-Achse») zukommt, hat vermehrte Aufmerksamkeit erweckt. Seit langem ist bekannt, dass die Exposition gegenüber Stressoren die Anfälligkeit für und den Schweregrad von Magen-Darm-Erkrankungen erhöht, so Prof. Dr. med. Gregor Hasler, Fribourg,

Zwischen depressiven und gesunden Patienten gibt es deutliche Unterschiede im Darmbakterien-Mix und die Transplantation von Darmbakterien von MDD (major depression disorder)-Patienten in Mäuse machen diese depressiv. Probiotikum dagegen, macht Mäuse mutiger. Die Myelinisierung von Nervenzellen wird durch das Mikrobiom beeinflusst. Darmbakterien als Ursache und Therapie gegen Schizophrenie? Das Mikrobiom ist bei der Maus essentiell für die soziale Entwicklung. Es stellt sich die Frage ob Darmbakterien Ursache und Therapie für Autismus und soziale Phobie sind.
Bei Autismus im Menschen hat man eine geringere Bakterienvielfalt festgestellt. Bei Mäusen wurde ein geringeres soziales Interesse und mehr Angstverhalten nach Stuhltransplantation von autistischen Menschen beobachtet.
Der Referent zeigte ausserdem Beispiele zur Ernährung und ihren Folgen. Die Schäden bei Darmbakterien durch schlechte Diät (wenig Faserstoffe, viel Zucker und Fett) sind nur teilweise reversibel. Übermässiger Zuckerkonsum führt zu Insulin-Resistenz, auch im Gehirn und zu einer Abnahme der Nervenwachstumssignale, sowie einer Abstumpfung des Hirnbelohnungssystems, wie bei einer Sucht. Das Depressionsrisiko wird erhöht und die Darmflora verändert.

Mediterrane Diät als Weg aus der Depression

Die möglichen therapeutischen Auswirkungen von Ernährungsumstellungen auf bestehende psychische Erkrankungen sind weitgehend unbekannt. Anhand eines randomisierten, kontrollierten Studiendesigns wurde die Wirksamkeit eines Programms zur Ernährungsumstellung bei der Behandlung schwerer depressiver Episoden untersucht (Jacka FN et al. BMC Med 15, 23 (2017). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Verbesserung der Ernährung eine wirksame und zugängliche Behandlungsstrategie für die Therapie von psychischen Störungen darstellen könnte.

Quelle: 20. Symposium für Urogynäkologie 2020, Kantonsspital Aarau, Kantonsspital Frauenfeld, Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie, Aarau, 23. Okt. 2020

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Preisverleihungssession

Die von Prof. Dr. med. Markus Manz und Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Wicki, Zürich, präsidierte Preisverleihungssession mit den Vorträgen der Preisträger fand wegen der COVID-19 Pandemie online statt. Von der Schweiz. Gesellschaften für Hämatologie (SGH), der Schweiz. Gesellschaft für medizinische Onkologie (SGMO), der Peter Anton und Anna Katharina Miescher Stiftung und der Jacques und Gloria Gossweiler Stiftung wurden insgesamt 6 Preise für abgeschlossene Arbeiten oder Projekte vergeben.

SGH/SGMO bestes Abstract & Award Session: Hämatologie & Onkologie

Hämostase, Transfusionsmedizin, Gefäss- und Labormedizin (SSH-Preis für Hämostase)

Der Preis ging an Dr. sc. Raja Prince Eladnani, Bern, für das Abstract «Targeting protein S using small interfering RNA is well tolerated and protects mice with hemophilia A from acute hemarthrosis»
Die Quintessenz der Arbeit von Dr. Prince Eladnani, Bern ist:

  • Ein kompletter Mangel an Protein S bringt die Homoeostase wieder ins Gleichgewicht und verhindert die akute und chronische Hämarthrose bei hämophilen Mäusen vollständig.
  • Gegen Protein S gerichtete Therapie unter Verwendung von
    GalNAc siRNA könnte ein wichtiger therapeutischer Ansatz für die Behandlung der Hämophilie sein.

Klinische Hämato-Onkologie (Lymphome, Myelom, Leukämie, Transplantation (SGH/SGMO Award für klinische Onkologie solider Tumore)

Der Preis ging an Dr. Claire Seydoux, Basel, für das Abstract
«Busulfan-Cyclophosphamide (BuCy) versus Cyclophosphamide-Busulfan (CyBu) as conditioning regimen before allogenic hematopoietic transplantation: a prospective randomized trial».
Dr. Seydouxs Arbeit führte zu den folgenden Schlussfolgerungen:
Geringere frühe Hepatotoxizität bei CyBu
– Niedrigere ALAT-Spiegel
– Geringere Frequenz von VOD Kriterien
– Tendenz zu geringer gradigen CTCAE Kriterien für Hepatotoxizität
Besseres Langzeit-Outcome mit CyBu
– geringere nicht-Rezidivmortalität
– Tendenz zu besserem Gesamtüberleben
– kein signifikanter Unterschied in der Rezidivinzidenz, sowie akuter und chronischer GvHD

Klinische Onkologie solider Tumore (SGMO Preis für klinische Onkologie solider Tumore)

Der Preis ging an PD Dr. med. Dr. phil. Sacha Rothschild, Basel, für das Abstract
«SAKK 16/14: Anti PD-L1 antibody durvalumab in addition to neoadjuvant chemo-therapy in patients with stage IIIA(N2) non-small cell lung cancer (NSCLC)»
Es handelte sich um die grösste Kohorte von Patienten mit resezierbarem Stadium IIA(N2) NSCLC, die präoperativ eine Immuncheckpoint-Therapie erhielten.
Die präoperative Zugabe von Durvalumab zur Standard­therapie mit Cisplatin/Docetaxel ist sicher, resultiert in einem ermutigenden 1-Jahres EFS-Rate, die historische Daten der alleinigen Chemotherapie übertrifft. Sie führt zu einer höheren pathologischen Ansprechrate nodalen Downstagings. Die exploratorischen Gewebs- und Biomarker-Analysen sind noch im Gange.
Die perioperative PD-L1 Inhibition zusätzlich zur neoadjuvanten Standardchemotherapie bildet das Rückgrat der nächsten Studie, die den zusätzlichen Nutzen der neoadjuvanten immunmodulatorischen Radiotherapie untersucht (SAKK16/18).

Experimentelle Hämatologie/Onkologie (SGH/SGMO Preis für experimentelle Hämatologie/Onkologie

Der Preis ging an Dr. Jan Stetka, Basel, für das Abstract
«Loss of Dnmt3a confers resistance to peg/FNα in JAK2-V617F mouse model»
Die Schlussfolgerungen aus den Untersuchungen von Jan Stetka waren
Peg-IFNα konnte ein hämatologisches Ansprechen in VF-Mäusen und VF,Dnmt3a-Mäusen induzieren
Die Anzahl von phänotypischen und funktio­nellen LT-HSC Zahlen wurde nicht gesenkt, sondern vielmehr durch peg-IFNαbei VF;Dnmt3a doppelt mutierten Mäusen erweitert.

  • Doppelt mutierte LT-HsCs waren vor IFN vermittelten DNA-Schäden geschützt.
  • LT-HSCs von VF;Dnmt3a doppelt mutierten Mäusen konnten bei sekundären und tertiären Transplantationen nicht erschöpft werden, was darauf hindeutet, dass Veränderungen durch die pegIFNα Therapie auf die LT-HSC im primären Wirt stabil an die Nachkommen vererbt wurden.
  • Die Daten deuten darauf hin, dass die Behandlung mit pegIFNα von Patienten, die die JAK2-V617F und DNMT3a Mutationen tragen, ungünstig sein kann.

Peter Anton und Anna Katharina Miescher Stiftung für die Forschung in Hämatologie


Der Preis im Wert von CHF 100 00.- wird alle 2 Jahre vergeben. Alle Gebiete der Hämatologie (Grundlagen-, klinische Hämatologie und Transfusion) sind eingeschlossen. Die Kandidaten müssen in der Schweiz arbeiten oder eine aktive Verbindung zu einer schweizerischen Institution haben, erläuterte Prof. Dr. med. Fotis Beris, Genf.

Der Gewinner des 2020/2021 Preises ist Prof. Steffen Böttcher, Zürich, für das Projekt «Hypomethylating agents in the treatment of TP53 mutant myeloid malignancies:  Elucidating the molecular mechanisms to improve clinical efficacy».


Fragen, die untersucht werden sollen sind: Sagen TP53-Mutationen HMA-induzierte Ansprechen bei myeloischen Malignomen voraus? Sagt der Typ der TP53-Mutation (missense vs. trucating) Ansprechen voraus? Ist die klinische Aktivität von HMAs, zwischen AML vs. MDS unterschiedlich? Gibt es einen funktionellen Unterschied zwischen Azacitidin und Decitabin? Was ist die mechanistische Grundlage für die HMA-Aktivität bei TP53-mutanter-AML? Können wir die thera­peutischen Strategien für TP53-mutante myeloische Malignome verbessern?

Jacques & Gloria Gossweiler Stiftung

Die Stiftung wurde 2006 ins Leben gerufen. Sie unterstützt Forschung auf den Gebieten Hämatologie, Neurologie, Impact Investments (vom Klimawandel bis zur Wasserknappheit, vom fehlenden Zugang zu Grundversorgung bis hin zu Bildung und erschwinglichem Wohnraum mit dem Ziel auch finanziell Gewinn zu machen) und wirtschaftliche und unternehmerische Themen in der Bildung, wie Marc Baumann, Bern, erklärte.
Es wurden 2 Forschungsprojekte ausgewählt:

Das Forschungsprojekt von PD Dr. med. Alexandre Theocharides, Zürich
«The role of protein degradation pathways in calreticulin-mutated myeloproliferative neoplasms»
Die Ziele des Projekts sind:
1. Aufklärung des Aktivierungsstatus von ERAD (Endoplasmic Reticulum Protein Degradation) und Autophagiepfaden Bewertung des proteasomalen und lysosomalen Durchsatzes in CALR-mutierten Zellen Expressionsanalyse von Autophagie-/ER-Phagie-Aktivierungsmarkern
2. Erforschung des therapeutischen Potenzials der dualen ERAD- und Autophagie-Hemmung

Das zweite von der Stiftung geförderte Projekt ist
«BioCAP- Platelet biotinylation for in vivo functional analysis in humans» von Prof. Dr. med. Lorenzo Alberio, Lausanne.

Die Ziele des Forschungsvorhaben von Prof. Alberio sind:

  • GMP-Protokoll zur Markierung von menschlichen Blutplättchen und Biotin zur Untersuchung ihres Verhaltens in vivo:
  • Lebensdauer
  • altersabhängige funktionelle Veränderungen, während sie in vivo zirkulieren
  • Die Auswirkungen unterschiedlicher Produktions- und Lagerungsstrategien von Thrombozyten konzentrieren sich auf das in-vivo-Überleben und die Funktion transfundierter Thrombozyten.

Abschliessend gratulierten die beiden Vorsitzenden den Preisträgern nochmals ganz herzlich und bedankten sich für die ausgezeichneten Referate.

Ein besonderer Dank ging an die Preisstifter für ihre grosszügigen Spenden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch