Kombination von Stosswellentherapie und plättchenreichem Plasma in der Schmerzmedizin

Der Artikel beschreibt die kombinierte Anwendung von Stosswellentherapie (ESWT) und plättchenreichem Plasma (PRP) in der Schmerzmedizin und Orthopädie als regenerativen, minimal-invasiven Therapieansatz für chronische muskuloskelettale Beschwerden. Die Kombination beider Verfahren schafft eine gute Voraussetzung, indem Stosswellen die Heilung anstossen und PRP diese gezielt verstärkt. Anwendungsgebiete sind vor allem chronische Tendinopathien (z.B. Rotatorenmanschette, Epikondylitis, Achillodynie, Plantarfasziitis) und frühe bis mittelgradige Arthrose und Sportverletzungen. Gegenüber medikamentöser Schmerztherapie und vielen operativen Verfahren werden der geringere Invasivitätsgrad, die gewebeschonende Regeneration, die ambulante Durchführbarkeit und die niedrigere systemische Nebenwirkungsrate hervorgehoben. Als Limitationen nennt der Artikel die noch heterogene Evidenzlage – insbesondere zur Kombination –, fehlende Standardisierung von PRP, zeitverzögerten Wirkungseintritt und das Fehlen langfristiger, hochwertiger Studien im direkten Vergleich zu etablierten invasiven Verfahren. Insgesamt wird die kombinierte ESWT-PRP-Therapie als ein vielversprechender Bestandteil, in ein stufenweises orthopädisch schmerzmedizinisches Behandlungskonzept eingeordnet.

The article describes the combined use of extracorporal shockwave therapy (ESWT) and platelet-rich plasma (PRP) in pain medicine and orthopedics as a regenerative, minimally invasive treatment approach for chronic musculoskeletal disorders. The combination of both procedures is intended to create a biological precondition in which shockwaves initiate healing and PRP specifically amplifies these processes. Main indications include chronic tendinopathies (e.g., rotator cuff disease, epicondylitis, Achilles tendinopathy, plantar fasciitis), early to moderate osteoarthritis, as well as sports injuries. Compared with pharmacological pain therapy and many surgical procedures, the approach is characterized by lower invasiveness, tissue-preserving regeneration, outpatient feasibility, and a lower rate of systemic side effects. As limitations, the article highlights the still heterogeneous evidence base – especially for the combination – lack of standardization of PRP preparations, delayed onset of action, and the absence of long-term, high-quality comparative studies versus established invasive procedures. Overall, combined ESWT–PRP therapy is presented as a promising component within a stepwise orthopedic and pain-medicine treatment concept.
Keywords: Chronische muskuloskelettale Schmerzen, Extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT), Plättchenreiches Plasma (PRP)

Einleitung

Chronische muskuloskelettale Schmerzen stellen eine erhebliche individuelle und volkswirtschaftliche Belastung dar und führen häufig zu wiederholten invasiven Eingriffen oder langandauernder Pharmakotherapie. In den letzten Jahren haben sich die extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT) und plättchenreiches Plasma (PRP) als zentrale Bausteine regenerativer, minimal-invasiver Schmerzmedizin etabliert, wobei deren Kombination das Potenzial hat, additive oder synergistische Effekte zu entfalten.

Wirkmechanismen der Stosswellentherapie

Die ESWT basiert auf der Applikation hochenergetischer Schallwellen, die extrakorporal erzeugt, im Gewebe fokussiert und über Flüssigkeiten sowie muskuläres und bindegewebiges Gewebe weitergeleitet werden. An Gewebegrenzflächen entstehen Scherkräfte, die mechanische Reize in zelluläre Signalwege übersetzen und eine Reihe von Regenerationsprozessen initiieren.

Zu den zentralen Effekten zählen die Stimulation der Mikrozirkulation und die Verbesserung der lokalen Durchblutung mit konsekutiver Aktivierung des Stoffwechsels. Gleichzeitig kommt es zur Freisetzung von Wachstumsfaktoren, zur Induktion von Neovaskularisation sowie zur Förderung von Geweberegeneration und Knochenheilung. Darüber hinaus werden entzündliche Prozesse durch eine vermehrte Ausschüttung entzündungshemmender Mediatoren moduliert. Ein weiterer wichtiger Effekt ist das Lösen myofaszialer Triggerpunkte und fixierter Aktin-Myosin-Filamente in der Muskulatur, was zu einer unmittelbaren Tonus- und Schmerzreduktion führt. Zudem können Kalk- und Verkalkungsherde, etwa bei Kalkschulter oder Fersensporn, durch lokale mechanische Fragmentierung aufgelöst werden.

Wirkmechanismen der PRP-Therapie

Plättchenreiches Plasma wird aus autologem Vollblut durch Zentrifugation gewonnen und enthält eine hohe Konzentration an Thrombozyten sowie damit assoziierte Wachstumsfaktoren und Zytokine (Abb. 1). Nach Aktivierung setzen Thrombozyten diese Faktoren frei und steuern damit zentrale Aspekte der Gewebereparatur.

Wesentliche Wirkungen von PRP sind die Stimulation von Fibroblasten, Tenocyten und chondrogenen Zellen mit Förderung der Matrixneubildung und Kollagensynthese. Zudem kommt es zur Induktion von Angiogenese und damit zu einer Verbesserung der lokalen Gewebeperfusion.

PRP wird unter Bildgebung (häufig Sonographie) gezielt in das betroffene Gewebe appliziert, etwa an Sehnenansätze, intraartikulär oder in muskulo-tendinöse Übergangsbereiche. Die schmerzreduzierenden Effekte treten typischerweise verzögert über Wochen ein, da es sich um einen klar regenerativen und nicht primär analgetischen Mechanismus handelt.

Rationale der Kombination von ESWT und PRP

Die Kombination aus ESWT und PRP adressiert sowohl die initiale Aktivierung lokaler Heilprozesse als auch deren anhaltende Modulation und Unterstützung. Stosswellen steigern Durchblutung und Gefässpermeabilität, setzen endogene Wachstumsfaktoren frei und schaffen damit ein biologisch aktiviertes Milieu. PRP ergänzt dieses Setting durch eine hohe Konzentration autologer Wachstumsfaktoren und regenerativer Signale direkt am Defekt.

Klinisch wird die Kombination beispielsweise bei Tendinopathien der Rotatorenmanschette eingesetzt, insbesondere bei Teilrupturen oder persistierenden Entzündungen trotz konservativer Therapie. Sie findet zudem Anwendung bei chronischen Sehnenansatzerkrankungen wie Epicondylitis oder Plantarfasziitis, bei denen die Stosswellentherapie bereits etabliert ist und PRP eine zusätzliche regenerative Komponente bereitstellt. Ausserdem wird die Kombination bei degenerativen Gelenkerkrankungen, zum Beispiel bei Kniearthrose, eingesetzt, wobei PRP – mit oder ohne Hyaluronsäure – direkt ins Gelenk injiziert wird.

In der Praxis wird ESWT häufig in mehreren Sitzungen appliziert (z.B. drei bis fünf Behandlungen im Wochenabstand), während PRP gezielt in ein bis wenige Injektionen nach Diagnostik und ggf. nach initialer Stosswellenserie verabreicht wird.

Praktische Einordnung

In der orthopädischen Praxis wird die Kombination ESWT + PRP vor allem bei therapieresistenten Tendinopathien, frühen Arthrosestadien und Sportverletzungen eingesetzt, häufig nach Ausschöpfen von Basismassnahmen wie Physiotherapie, NSAR und Aktivitätsmodifikation. Besonders im Sportbereich gilt sie als wichtiger Baustein, um Heilungszeiten zu verkürzen und Operationen möglichst zu vermeiden.

Sehnen- und Sehnenansatzerkrankungen

• Rotatorenmanschettenläsionen (Teilrupturen, Tendinopathien) und Impingement der Schulter, inkl. Kalkschulter, zur Schmerzreduktion.
• Epikondylitis humeri radialis/ulnaris (Tennis- und Golfer­ellenbogen) mit chronischen Sehnenreizungen am Ellenbogen.
• Patellaspitzensyndrom («Jumper’s knee») und Läuferknie bei sportassoziierten Überlastungstendinopathien.
• Achillodynie und andere Achillessehnenprobleme (Reizung, Teilrupturen) als Ergänzung zu Physiotherapie und Belastungsanpassung.
• Chronische Schmerzzustände an weiteren Sehnen­ansätzen (z.B. Plantarfasziitis/Fersensporn, Patellarsehne, proximaler Tractus iliotibialis)

Arthrose und osteochondrale Läsionen

• Früh- bis mittelgradige Gonarthrose (Kniearthrose) als konservative Option zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung, teils in Kombination von PRP mit Hyaluronsäure.
• Arthrosen anderer Gelenke (Coxarthrose, Sprung­gelenksarthrose, Rhizarthrose) in frühen Stadien zur Verzögerung invasiver Eingriffe.

Sportverletzungen

• Muskelverletzungen (Muskelfaserrisse, Zerrungen) mit verzögerter Heilung, um die Regeneration zu beschleunigen und die Rückkehr zum Sport zu fördern.
• Bandverletzungen (z.B. laterale Sprunggelenksdistorsion, Innenbandverletzungen am Knie) im Rahmen eines konservativen, funktionsorientierten Rehabilitationskonzepts (1).

Vorteile gegenüber anderen nicht invasiven Verfahren

Im Vergleich zu klassischen physikalischen Therapien und rein symptomorientierter Pharmakotherapie bietet die Kombination aus ESWT und PRP mehrere potenzielle Vorteile: Regenerativer Ansatz statt alleiniger Analgesie: Beide Verfahren zielen auf strukturelle und funktionelle Gewebeheilung (2).

Geringe Systembelastung: Es handelt sich vorwiegend um lokal wirksame Verfahren mit minimaler systemischer Exposition. Dies im Gegensatz zu NSAR oder Opioiden mit potenziellen gastrointestinalen, kardiovaskulären oder zentralnervösen Nebenwirkungen und nur kurzfristiger Schmerzlinderung.

Nachteile und Limitationen der kombinierten Therapie

Zeitverzögerter Wirkungseintritt: PRP entfaltet seine Wirkung typischerweise erst nach Wochen; Patienten müssen über den fehlenden Soforteffekt aufgeklärt werden und begleitend adäquate Schmerztherapie erhalten.

Standardisierung: Es existieren keine einheitlichen Standards zur Herstellung (Leukozytengehalt, Thrombozytenkonzentration) und Applikation von PRP, was die Vergleichbarkeit von Studien und die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen erschwert.

Ausblick

Die Stosswellentherapie in Kombination mit PRP repräsentiert einen vielversprechenden, regenerativ orientierten Ansatz in der Schmerzmedizin, der invasiven Verfahren eine zusätzliche konservative, gewebeschonende Alternative entgegenstellt. Zur endgültigen Bewertung sind jedoch weitere randomisierte, kontrollierte Studien mit klar definierten Protokollen, standardisierten PRP-Präparaten und langzeitiger Nachbeobachtung erforderlich.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med.Patrick Nordmann

Gemeinschaftspraxis Gerbergasse
Gerbergasse 6
8001 Zürich

Der Autor hat keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • ESWT und PRP wirken synergistisch: Stosswellen aktivieren lokale Heilungsprozesse und Durchblutung, PRP verstärkt diese Regeneration durch hohe Konzentrationen an Wachstumsfaktoren.
  • Die Kombination ist v. a. bei chronischen Tendinopathien, früher bis mittlerer Arthrose und sportassoziierten Muskel /Bandverletzungen als konservative, gewebeschonende Alternative zu Operationen sinnvoll.
  • Gegenüber konventioneller Schmerzmedikation und vielen operativen Eingriffen bietet die Kombination eine geringere Invasivität, ein geringeres Komplikationsrisiko und keine systemische Pharmakobelastung.

1. A comparative analysis of platelet-rich plasma alone versus combined with extracorporeal shockwave therapy in athletes with patellar tendinopathy and knee pain: a randomized controlled trial ;Knee Surg Relat Res . 2024 Dec 17;36(1):47
2. The Clinical Efficacy of Extracorporeal Shock Wave Therapy Combined With Platelet-Rich Plasma and Exercise for Lateral Epicondylitis: Prospective Randomized Sham-Controlled Ultrasonographic Study.;Arch Phys Med Rehabil 2025 Aug.106(8):1173-1182.

Kidney Care Indikatorenset zur Messung der ­hausärztlichen Nierenversorgung in der Schweiz

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) ist eine bedeutende, aber oftmals unterdiagnostizierte und unterbehandelte Erkrankung. Auf der Basis der Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Nephrologie (SGN) und Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) wurde ein evidenzbasiertes Set von 12 Indikatoren entwickelt, das die Qualität der Versorgung von Risikogruppen und CKD-Betroffenen im Hinblick auf Prozesse und Zielwerterreichung rund um die «Nierengesundheit» abbildet. Dieses Indikatorenset wurde an einem grossen Datensatz hausärztlicher Routinedaten getestet. Dabei zeigten sich sehr heterogene Ergebnisse mit teils hohen Erfüllungsraten, mit einem Median von 86.8 % bei der Nichtverschreibung von NSAR bis zu 18.3 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit arterieller Hypertonie. Insgesamt konnte gezeigt werden, dass das vorliegende Indikatorenset ein pragmatisches, evidenzbasiertes und leicht anwendbares Template darstellt, um die Qualität der Nierenversorgung von Risikopatienten und CKD-Patienten abzubilden.

Chronic kidney disease (CKD) is a significant but often underdiagnosed and undertreated condition. Based on the recommendations of the Swiss Society of Nephrology (SSN) and Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), an evidence-based set of 12 indicators was developed to map the quality of care for at-risk groups and those affected by CKD with regard to processes and target achievement related to kidney health. This set of indicators was tested on a large dataset of routine primary care data, revealing highly heterogeneous results, with some high compliance rates ranging from a median of 86.8 % for non-prescription of NSAID to 18.3 % for eGFR and albuminuria assessment in patients with arterial hypertension. Overall, it was shown that the present set of indicators represents a pragmatic, evidence-based and easily applicable template to depict the quality of kidney care of patients at risk or affected by CKD.
Keywords: Chronic kidney disease, quality indicators, primary care, kidney care, chronic care

Einleitung

Die chronische Nierenkrankheit (CKD) ist eine bedeutende gesundheitliche Herausforderung. Die WHO hat im Mai 2025 eine Resolution verabschiedet, um die chronische Nierenkrankheit als globale Gesundheitspriorität anzuerkennen und zu bekämpfen. Sie will die Länder zur stärkeren Integration der Nierenversorgung in nationale Gesundheitsstrategien sowie zur besseren Prävention, Früherkennung und Behandlung der CKD auffordern und die primären Gesundheitsdienste stärken (1).

Aktuell sind weltweit und in der Schweiz circa 10 % der erwachsenen Bevölkerung von einer CKD betroffen, wobei über zwei Drittel undiagnostiziert bleiben (2–4). CKD-Patientinnen und -Patienten haben ein höheres Risiko, frühzeitig zu versterben als eine terminale Niereninsuffizienz zu entwickeln (5). Prognosen zufolge wird die CKD bis zum Jahr 2040 weltweit die fünfthäufigste Todesursache darstellen (6). CKD-Betroffene, die das Endstadium – eine terminale Niereninsuffizienz – erreichen und ein Nierenersatzverfahren wie Dialyse oder Nierentransplantation benötigen, leiden unter einer reduzierten Lebensqualität und ­verursachen erhebliche Gesundheitskosten. In den Industrieländern entfallen derzeit schätzungsweise zwei bis drei Prozent des jährlichen Gesundheitsbudgets auf Nierenersatzverfahren wie Nierentransplantation und Dialyse (7). Mit einer wachsenden Prävalenz und steigenden Kosten stellt die CKD eine erhebliche Belastung für das öffentliche Gesundheitssystem dar. In der Schweiz wird bis 2032 ein Anstieg auf 1.03 Millionen Betroffene erwartet, was mit geschätzten Kosten von 4.2 Milliarden Franken verbunden ist (8, 9).

Diese Zahlen verdeutlichen die Notwendigkeit einer effektiven Früherkennung bei Risikogruppen sowie eines optimalen Krankheitsmanagements in der Grundversorgung, um die Mortalität und den Bedarf an Nierenersatzverfahren so weit wie möglich zu reduzieren und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
In diesem Zusammenhang hat die Schweizerische Gesellschaft für Nephrologie (SGN) einfache Empfehlungen für Fachpersonen der Allgemeinen Inneren Medizin / Hausarztmedizin zur Früherkennung einer CKD bei Risikogruppen publiziert, welche sich auf die internationalen Empfehlungen von Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) stützen (10, 11). Kernpunkt in den Empfehlungen ist ein regelmässiges Screening bei Risikopatientinnen und -patienten mit Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mittels eGFR und Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin (UACR), um eine CKD früh zu erkennen und eine Progression der Erkrankung rechtzeitig zu detektieren sowie adäquat zu behandeln.

Nach den aktuellen Empfehlungen wird eine chronische Nierenkrankheit (CKD) definiert als das Vorliegen einer strukturellen oder funktionellen Störung der Nieren, die über mehr als drei Monate besteht und Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Die Diagnose CKD kann gestellt werden, wenn mindestens eines der folgenden Kriterien für mehr als drei Monate persistiert (10, 11):
1. geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) < 60 ml/min/1.73 m2 und/oder
2. Albumin-/Kreatinin-Quotient (ACR) ≥ 30 mg/g und oder
3. morphologische Indikatoren für Nierenschäden, wie z. B. Veränderung des Urinsediments, histologische Veränderungen oder strukturelle Nierenschäden
Anhand dieser Parameter wird die CKD in fünf eGFR-Kategorien (G1 bis G5) und drei Stadien der Albuminurie (A1 bis A3) eingeteilt (Abb. 1).

Eine Analyse zur Versorgungsqualität von CKD-Patien­tinnen und -Patienten in der Grundversorgung im Rahmen des FIRE-CKD-Projekts hat jedoch deutliches Verbesserungspotenzial in Bezug auf die Umsetzung der bestehenden Empfehlungen aufgezeigt: Hierzu wurde die Erfüllung von 14 evidenzbasierten Qualitätsindikatoren zum CKD-Management über einen gewissen Zeitraum in den an das FIRE-Projekt angeschlossenen Hausarztpraxen erhoben. Auffällig war dabei der geringe Anteil an CKD-Patientinnen und -Patienten, die innerhalb von 18 Monaten Follow-up eine UACR-Messung erhielten: Dieser lag bei nur 18.1 %. Diese Erkenntnisse weisen auf Defizite in der aktuellen Praxis in der Grundversorgung hin, die adressiert werden sollten (12). Die Umsetzung der SGN-Empfehlungen in der Praxis bleibt für viele Hausärztinnen und Hausärzte eine Herausforderung, die eine systematische Hilfestellung in der Implementierung der Guidelines erfordert.

Ein vielversprechender Ansatz zur Unterstützung des Chronic-Care-Managements ist die Implementierung von Qualitätsindikatoren und Adhärenz-Scores, die helfen, evidenzbasierte Behandlungsstrategien zu quantifizieren. Qualitätsindikatoren sowie Adhärenz-Scores ermöglichen es, auf einfache und effiziente Weise die Qualität der medizinischen Versorgung zu messen, und fördern das Bewusstsein für Behandlungslücken und Optimierungspotenziale.

Der SGED-Score, der in der Schweiz als erstes Instrument zur Messung der Versorgungsqualität bei Diabetes vorgeschlagen wurde, basiert auf internationalen Standards wie dem «Diabetes Recognition Program» des National Committee for Quality Assurance (NCQA) und der American Diabetes Association (ADA) und wurde von der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED) für die Schweizer Versorgungslandschaft angepasst (13, 14). Zur Messung der Versorgungsqualität von Patientinnen und Patienten mit einem kardiovaskulären Risiko wurde der CARE-Score entwickelt, welcher zuverlässig und reproduzierbar die Performance eines Hausarztkollektivs oder individueller Hausärztinnen und Hausärzte abbilden kann (15).

Die Beispiele des SGED-Scores und CARE-Scores zeigen den Erfolg der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Fachärztinnen/Fachärzten, Fachgesellschaften und der Versorgungsforschung in der Schweiz. Diese Zusammenarbeit ist entscheidend, um Daten zur Evaluation der gegenwärtigen Praxis zu generieren, Barrieren bei der Umsetzung neuer Empfehlungen und Strategien zu überwinden sowie die Qualität der Versorgung kontinuierlich zu verbessern.

Die Autoren haben sich als Experten der Versorgungsforschung, Hausarztmedizin und Allgemeinen Inneren Medizin sowie Nephrologie in einer Arbeitsgruppe zum Ziel gesetzt, ein Set von Indikatoren zur Unterstützung der Nierenversorgung in der Schweiz anhand der Beispiele des SGED- und CARE-Scores zusammenzustellen, um die systematische Früherkennung der CKD in der Grundversorgung zu unterstützen und das Management von CKD- Patientinnen und -Patienten zu erleichtern.

Das so entstandene Kidney Care Indikatorenset wurde anschliessend genutzt, um anhand der FIRE-Datenbank deren Erfüllungsgrad für das Jahr 2024 zu berechnen und den gegenwärtigen Stand der Nierenversorgung von Risikogruppen und CKD-Betroffenen durch ein breites Hausarztkollektiv abzubilden. Das Kidney Care Indikatorenset kann als Basis für einen Adhärenz-Score zur Messung der Versorgungsqualität von Nierenpatienten dienen.

Methodik: Das Kidney Care Indikatorenset

Beginnend im Juli 2024, haben die Autoren sich in einer interdisziplinären Projektgruppe aus Experten der Versorgungsforschung, Allgemeinen Inneren Medizin und Nephrologie formiert, um anhand der Erfahrungen aus dem SGED-Score und CARE-Score ein Instrument für die Qualität der Nierenversorgung in der Schweiz zu entwickeln.

Das Ziel war es, ein pragmatisches, evidenzbasiertes Set an Qualitätsindikatoren auf akademischer Basis zusammenzutragen, das die Qualität der Versorgung von ­Risikogruppen und CKD-Betroffenen im Hinblick auf Prozesse und Zielwerterreichung rund um die «Nierengesundheit» aufzeigt und die Bestrebungen zur Reduktion einer CKD- Progression beschreibt. Grundlage für die einzelnen Indikatoren waren die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Nephrologie (SGN) und KDIGO.

Die Indikatoren sollten aus den üblichen hausärztlichen Routinedaten errechenbar sein, die im Rahmen der Betreuung von Risikopatientinnen und -patienten gemäss Leitlinien zu dokumentieren sind. Ziel des Indikatorensets ist es, dem einzelnen Arzt / der einzelnen Ärztin langfristig in einem Dashboard einen einfachen und pragmatischen Überblick über die «Performance» im Sinne einer Guideline-Adhärenz der eigenen Versorgung zu bieten. Die Ergebnisse der Kidney Care Qualitätsindikatoren können auch in Qualitätszirkeln oder in Netzwerken zu Qualitätsmassnahmen genutzt werden. Langfristig ist erstrebenswert, ein Dashboard zu haben, welches auf ­einfache Weise den Istzustand beschreibt, zu mehr Visibilität für die bislang vernachlässigte chronische Nierenkrankheit führt und eine Verbesserung der Nierenversorgung in der Schweiz über die nächsten Jahre unterstützt.
Eine Stärke des SGED- und des CARE-Scores besteht darin, nicht nur Prozesse, sondern auch klinische Outcomes wie das HbA1c oder den Blutdruck abzubilden. Es wurde daher auch Wert darauf gelegt, im Kidney Care Indikatorenset nicht nur Prozessindikatoren zu inkludieren, sondern auch mindestens einen klinisch relevanten Outcome-Parameter anzugeben.

Die Expertengruppe hat sich nach eingehender Literaturrecherche, Prüfung der bestehenden Empfehlungen und Diskussion auf nachfolgende Indikatoren geeinigt (Tab. 1). Wichtig ist anhand des Konsensus der Expertengruppe, dass das ausgewählte Set an Kidney Care Indikatoren die Versorgungsqualität für 2 Populationen abbildet, um eine aussagekräftige Orientierung zur Nierenversorgung in der Hausarztpraxis zu erhalten: Zum einen wird das regelmässige Screening zur CKD-Früherkennung für die Risikopopulationen mit Diabetes mellitus, arterieller Hypertonie und etablierten kardiovaskulären Erkrankungen gemessen, zum anderen wird das CKD-Management für Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten CKD dargestellt. Die Empfehlung der Experten ist, das Assessment der Nierenwerte bei Diabetes mellitus analog zum SGED-Score einmal jährlich durchzuführen. Das Assessment der Nierenwerte bei arterieller Hypertonie und etablierter kardiovaskulärer Erkrankung sollte laut Expertenempfehlung individuell am jeweiligen Risikoprofil orientiert sein und mindestens alle 3–5 Jahre durchgeführt werden (16–18). Bei etablierter CKD-Dia­gnose wird eine mindestens einmal jährliche Messung respektive Kontrolle der einzelnen Parameter empfohlen.

Proof of Concept: Erste Ergebnisse des ­Kidney Care Indikatorensets im FIRE-Kollektiv

Eine erste Evaluation des Kidney Care Indikatorensets wurde mit Daten aus dem FIRE-Projekt des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich durchgeführt (www.fireproject.ch) (19). Die FIRE-Datenbank besteht seit 2009 und sammelt verschiedene Komponenten der elektronischen Krankengeschichte von über 400 Deutschschweizer Hausärztinnen und Hausärzten. Insbesondere können in der FIRE-Datenbank Patientinnen und Patienten mit chronischer Nierenerkrankung anhand von Kreatinin- und Albuminurie-Messungen sowie Einträgen in den Diagnoselisten identifiziert werden. Für die vorliegende Auswertung wurden alle Mitglieder des FIRE-Projekts berücksichtigt, die im Jahr 2024 über einen Zeitraum von mindestens 10 Monaten Konsultationen bei mindestens 100 Patientinnen und Patienten aufwiesen. Für jedes dieser FIRE-Mitglieder wurde für jeden Indikator die Nennerpopulation extrahiert, die aus allen Patientinnen und Patienten bestand, welche für den jeweiligen Indikator infrage kamen. Innerhalb dieser Nennerpopulation wurde das Kollektiv bestimmt, welches das Messkriterium des jeweiligen Indikators erfüllte und somit die Zählerpopulation bildete. Anschliessend wurde eine rohe Erfüllungsrate als prozentualer Anteil der Zählerpopulation an der Nennerpopulation berechnet. Da Unterschiede in der demografischen Zusammensetzung der Patientenkollektive verschiedener Hausärztinnen und Hausärzte zu unterschiedlichen Voraussetzungen für die Erfüllung von Indikatoren führen können, haben wir diese rohen Erfüllungsraten nach Alters- und Geschlechtsverteilung standardisiert, um eine bessere Vergleichbarkeit zu ermöglichen.

Zusätzlich zu den Erfüllungsraten in den einzelnen Indikatoren wurde das Ziel verfolgt, diese zu einer Gesamterfüllungsrate zu aggregieren. Ziel ist es, mit einer einzigen Performance-Zahl einen Gesamtüberblick über die Qualität der Versorgung der chronischen Nierenkrankheit durch die einzelnen Hausärztinnen und Hausärzte geben zu können. In der Literatur finden sich verschiedene Möglichkeiten, die Erfüllungsraten von Einzelindikatoren zu Gesamtscores zu aggregieren, wobei am häufigsten die mit der Grösse der jeweiligen Nennerpopulation gewichteten Mittelwerte der Erfüllungsraten der Einzelindikatoren anzutreffen sind (20). Somit erhält jeder Indikator eine Gewichtung, die proportional zur Anzahl der interessierenden Patientinnen und Patienten ist.

Auf diese Weise haben wir eine erste Version einer aggregierten Erfüllungsrate als gewichtetes Kidney Care Indikatorenset berechnet. Obwohl diese Art der Aggregation intuitiv verständlich ist, ist sie mit einigen Nachteilen verbunden. Einerseits unterliegt die Schätzung der Versorgungsqualität bei Hausärztinnen und Hausärzten mit kleinen Patientenkollektiven starken Schwankungen, was die Genauigkeit des Scores beeinträchtigt. Andererseits wird bei dieser Art der Aggregation nicht berücksichtigt, dass ein Grossteil der Indikatoren in einem gemeinsamen Patientenkollektiv erfasst wird und Mehrfachbeobachtungen einzelner Patienten in mehreren Indikatoren möglich sind, sodass die individuellen Erfüllungsraten korreliert sein sollten. Um diese Limitationen zu umgehen, haben wir eine zweite Methode angewandt, die auf einem modellbasierten Ansatz beruht. Zu diesem Zweck haben wir ein gemischtes logistisches Regressionsmodell über den gesamten Datensatz verwendet, das neben einer Adjustierung für Alter und Geschlecht auch die Berücksichtigung von Mehrfachbeobachtungen einzelner Patienten in mehreren Indikatoren erlaubt. Auf Basis dieses Modells wurde die durchschnittliche Performance der Hausärztinnen und Hausärzte in einer Standardpopulation berechnet, die in ihrer demografischen Zusammensetzung der in der Auswertung berücksichtigten Gesamtpopulation entspricht. Diese Performance haben wir als modellbasiertes Kidney Care Indikatorenset definiert (technische Details zur Berechnung im Anhang).

Für die Auswertung wurden die Daten von 290 Teilnehmenden des FIRE-Projekts analysiert. Die Auswertung der Indikatoren 1–3 (Assessment bei Risikogruppen) beruhte auf 95 786 Patientinnen und Patienten mit Diabetes, Hypertonie oder etablierter kardiovaskulärer Erkrankung (mittleres Alter 66.8 ± 15.7 Jahre [SD]; 48.6 % weiblich), während die Auswertung der Indikatoren 4–12 auf 23 992 Patientinnen und Patienten mit zu Beginn des Jahres 2024 vorbestehender CKD beruhte (mittleres Alter 74.3 ± 15.6 Jahre [SD]; 50.9 % weiblich; häufigste Stadien G2 zu 29.5 % und G3a zu 24.8 %).

Die Verteilungen der individuellen standardisierten Erfüllungsraten sind in (Abb. 2) zusammengefasst. Die höchsten Erfüllungsraten wurden bei Indikatoren 11 (Verzicht auf Verschreibung von nicht steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten) und 4 (eGFR-Monitoring bei bekannter CKD) beobachtet, mit Medianen bei 86.8 % bzw. 79.9 %. Die tiefsten Erfüllungsraten wurden bei Indikatoren 2 (eGFR- und Albuminurie-Assessment bei arterieller Hypertonie) und 3 (eGFR- und Albuminurie-Assessment bei etablierter kardiovaskulärer Erkrankung) sowie beim Outcome-Indikator 12 (arterieller Blutdruck < 130/80 mmHg im Jahresdurchschnitt) ermittelt: 18.3 % und 18.9 % bzw. 14.7 %. Tab. 2 gibt eine Übersicht über die Verteilungen der beiden aggregierten Kidney Care Indikatorensets.

Diskussion

Die Entwicklung des Kidney Care Indikatorensets stellt einen pragmatischen Ansatz zur strukturierten Beschreibung der Versorgungsqualität bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) dar und soll den Istzustand einer Erkrankung, welche bislang aufgrund von fehlenden therapeutischen Konsequenzen nicht im Fokus war, darstellen. Die Kidney Care Indikatoren visualisieren die bedeutende Herausforderung des Managements von Risikogruppen sowie CKD-Patientinnen und -Patienten in der Grundversorgung. Die Ergebnisse der ersten Erhebung, basierend auf der umfangreichen Datenbank des FIRE-Projekts, zeigen Diskrepanzen zwischen den Leitlinien-empfehlungen und der realen Praxis. Bemerkenswert sind die stark variierenden Erfüllungsraten der 12 Indikatoren, die von einem Median von 86.8 % bei der Nichtverschreibung von NSAR bis zu 18.3 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit arterieller Hypertonie und 18.9 % bei dem eGFR- und Albuminurie-Assessment bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen innerhalb eines Zeitraums von 3 Jahren reichen.

Die UACR-Messraten bleiben selbst über einen ausgedehnten Zeitraum von 3 Jahren bei Risikogruppen in einem niedrigen Bereich. Genauso ist auch die jährliche UACR-Messrate bei diagnostizierter CKD niedrig und liegt nur bei 21.6 %. Die UACR-Messung scheint somit ein «Flaschenhals» für eine gute Nierenversorgung in der Praxis zu sein. Da inzwischen wirksame Therapiemöglichkeiten zur Verbesserung des Outcomes bei CKD existieren, empfiehlt es sich, bei Risikopatienten regelmässig die UACR zu bestimmen. Das Kidney Care Indikatorenset kann als Hilfestellung dienen, um an die zentralen Aspekte der Früherkennung und des Managements der CKD zu erinnern und den Verlauf zu visualisieren.
Das Kidney Care Indikatorenset bietet nicht nur eine strukturierte Bewertung der Versorgungsqualität bei CKD, sondern lässt auch Raum für individuelle Bedürfnisse und flexible Anwendung im Praxisalltag. Die Möglichkeit, Qualitätsindikatoren an patientenspezifische Profile und unterschiedliche Praxisstrukturen anzupassen, macht es zu einem vielseitigen Instrument. So können Hausärztinnen und Hausärzte gezielt auf die Besonderheiten ihres Patientinnen- und Patientenkollektivs eingehen und das Management an die jeweiligen klinischen Situationen anpassen. Dies erlaubt zum Beispiel, Patientengruppen aktiv abhängig von Alter, Gesundheitszustand (Frailty, aktives Malignom, Pflegeheimpatienten) und Compliance zur Berechnung des Indikatorensets auszuschliessen. Diese Anpassungsfähigkeit fördert eine personalisierte und bedarfsgerechte Nierenversorgung, ohne die Vorteile einer standardisierten Qualitätsmessung zu verlieren.

Eine Einschränkung auf die Patientenpopulation der unter 75-Jährigen wurde eingehend diskutiert. Eine Analyse der Kidney Care Indikatoren mit Einschluss der unter 75-Jährigen zeigt jedoch keine grossen Abweichungen in den Erfüllungsraten (Supplement). Vor diesem Hintergrund ist daher eine altersunabhängige Implementierung der Kidney Care Indikatoren zu befürworten, um ein einfaches und konsistentes Management gemäss den aktuellen Empfehlungen zu ermöglichen.

In den Diskussionen der Expertenrunde wurde auch deutlich, dass starre Zielwertvorgaben für Erfüllungsraten aktuell nicht sinnvoll sind, um die Akzeptanz und Umsetzung der Kidney Care Indikatoren in der Hausarztpraxis zu unterstützen. Eine einfachere Darstellung, beispielsweise durch Boxplot-Diagramme, ist hingegen wertvoll und sinnvoll, um eine individualisierte Orientierung für Hausärzte zu bieten, Vergleiche mit der Peergroup zu ziehen und die kritische Reflexion der eigenen Versorgungsleistung zu fördern. Daher wurde bewusst auf Zielwertvorgaben verzichtet. Die Experten empfehlen generell das Anstreben akzeptabler oder optimaler Werte (Abb. 3), um die laut Empfehlungen notwendigen medizinischen Massnahmen für eine adäquate Nierenversorgung umzusetzen. Ziel ist es, die Anschaulichkeit der Kidney Care Indikatoren in den Fokus zu stellen, um durch die Visualisierung eine langfristige Verbesserung der Nierenversorgung zu fördern.

Längerfristig soll die praktische Anwendung der Kidney Care Indikatoren durch Integration in bestehende Dashboards unterstützt werden, die Ärztinnen und Ärzten eine benutzerfreundliche Visualisierung der Indikatoren bieten und den Bedarf für gezielte Interventionen bei einzelnen Patientinnen und Patienten oder ganzen Patientengruppen klar erkennbar machen.

Limitierungen

Der gegenwärtige Ansatz weist Limitationen auf, die berücksichtigt werden müssen, um die Validität ­und ­Akzeptanz zu erhöhen. Beispielsweise basiert der Ansatz auf der Annahme, dass die Erfüllung von Prozessindikatoren automatisch zu verbesserten klinischen Outcomes führt, was noch durch langfristige empirische Studien zu validieren wäre. Ausserdem bestehen derzeit Herausforderungen in der Konsistenz der Erfüllungsraten, insbesondere in kleineren Praxen, die zu signifikanten Schwankungen führen können. Zukünftige Optimierungen sollten auf die Weiterentwicklung der dokumentationsbezogenen Strukturprozesse sowie Darstellung über Dashboards und die Anpassung an patientenspezifische Bedürfnisse abzielen, um die langfristige Implementierung und Effektivität der Indikatoren zu sichern.

Dr. med. Levy Jäger 1
Dr. med. Leander Muheim 2
Dr. med. Christian Häuptle 3
Prof. Dr. med. Michael Brändle 4
PD Dr. med. Harald Seeger 5
Prof. Dr. med. Thomas Rosemann 1
1 Institut für Hausarztmedizin, Universität Zürich, Zürich
2 mediX Zürich AG, Zürich
3 WHM/FMF Stiftung zur Förderung der Weiterbildung in Hausarztmedizin
4 HOCH Health Ostschweiz, St.Gallen
5 Institut für Nephrologie und Dialyse, Kantonsspital Baden AG, Baden

Abkürzungen
BMI Body-Mass-Index
CKD Chronische Nierenkrankheit, engl. Chronic Kidney Disease
eGFR geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
KDIGO Kidney Disease: Improving Global Outcomes
RAASi Inhibition des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems
SGED Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie
SGLT2i Natrium-Glucose-Cotransporter-2-Inhibitoren
SGN Schweizerische Gesellschaft für Nephrologie
UACR Albumin-Kreatinin-Ratio im Urin

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus der «PRAXIS» 11/2025

Dr. med. Levy Jäger

Institut für Hausarztmedizin, Universität Zürich, Zürich

Dr. med. Leander Muheim

 mediX Zürich AG, Zürich

Prof. Dr. Dr. med.Thomas Rosemann

Institut für Hausarztmedizin
Universitätsspital Zürich
Pestalozzistrasse 24
8091 Zürich

thomas.rosemann@usz.ch

Michael Brändle hat Honorare für Advisory Boards und Vorträge von AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, E. Lilly, Novartis, Novo Nordisk erhalten. Harald Seeger hat Honorare von AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Bayer, NovoNordisk, Vifor, Medice, FOMF und Reisepesen von AstraZeneca, Bayer, Vifor erhalten. Thomas Rosemann hat Honorare für Advisory Boards und Vorträge von Amgen, AstraZeneca, Boehringer Ingelheim, Moderna, Novartis, MSD, GlaxoSmithKline und Mepha erhalten.
Die wissenschaftliche Analyse des Kidney Care Indikatorensets anhand hausärztlicher Routinedaten wurde unterstützt von AstraZeneca.

  • Das Kidney Care Indikatorenset kann die Versorgungsqualität von Patienten mit CKD in hausärztlichen Praxen darstellen. Die Auswertung anhand der FIRE-Datenbank verdeutlicht bestehende Versorgungslücken, insbesondere bei der Erfüllung wichtiger Indikatoren wie der UACR-Messung.
  • Diese Defizite spiegeln wider, dass die CKD bislang aufgrund begrenzter therapeutischer Optionen wenig Beachtung fand. Durch neue Therapien und gesundheitspolitische Impulse – etwa durch die WHO-Resolution – rückt die leitliniengerechte Nierenversorgung nun stärker in den Fokus.
  • Die Implementierung der Kidney Care Indikatoren in benutzerfreundliche Dashboards und Praxismanagement-Softwares ist nun wünschenswert, um die praktische Anwendung zu fördern und damit zur Unterstützung der leitliniengerechten Nierenversorgung in der Schweiz beizutragen.
  • Das Indikatorenset bietet eine solide Grundlage, um die Qualität der Nierenversorgung langfristig systematisch und Schritt für Schritt zu verbessern.

1. https://www.who.int/news/item/23-05-2025-seventy-eighth-world-health-assembly—daily-update–23-may-2025
2. Jager KJ et al. A single number for advocacy and communication-worldwide more than 850 million individuals have kidney diseases. Kidney Int. 2019 Nov;96(5):1048-1050.
3. Forni Ogna V et al. Prevalence and determinants of chronic kidney disease in the Swiss population. Swiss Med Wkly. 2016 May 6;146:w14313.
4. Sundström J et al. Prevalence, outcomes, and cost of chronic kidney disease in a contemporary population of 2·4 million patients from 11 countries: The CaReMe CKD study. Lancet Reg Health Eur. 2022 Jun 30;20:100438.
5. Dalrymple LS et al. Chronic kidney disease and the risk of end-stage renal disease versus death. J Gen Intern Med. 2011 Apr;26(4):379-85.
6. Foreman KJ et al. Forecasting life expectancy, years of life lost, and all-cause and cause-specific mortality for 250 causes of death: reference and alternative scenarios for 2016-40 for 195 countries and territories. Lancet. 2018 Nov 10;392(10159):2052-2090.
7. Li PK et al. Tackling Dialysis Burden around the World: A Global Challenge. Kidney Dis (Basel). 2021 May;7(3):167-175.
8. Chadban S et al. Projecting the economic burden of chronic kidney disease at the patient level (Inside CKD): a microsimulation modelling study. EClinicalMedicine. 2024 May 2;72:102615.
9. Campbell-James T et al. (2024) Projected Increase of the Clinical, Economic, Societal, and Environmental Burdens of Chronic Kidney Disease in Switzerland: Insights from Impact-CKD. Value in Health 27(12): S2.
https://doi.org/10.1016/j.jval.2024.10.008.
10. Seeger H et al. Empfehlungen zu Screening, Identifikation und Management der Chronischen Nierenkrankheit. Gesellschaft für Nephrologie 2025. Zuletzt aufgerufen am 01.07.2025 auf www.swissnephrology.ch
11. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024 Apr;105(4S):S117-S314.
12. Jäger L et al. Quality and variation of care for chronic kidney disease in Swiss general practice: A retrospective database study. PLoS One. 2022 Aug 11;17(8):e0272662.
13. https://www.sgedssed.ch/SgedSsed/fileadmin/6_Diabetologie/64_Ressourcen_Hausarzt/Diabetes_Kriterien_2017_SGED_def.pdf zuletzt aufgerufen am 28.02.2025 auf https://www.sgedssed.ch/diabetologie/praxis-tools-fuer-die-grundversorgung
14. Christ E et al. Evaluation of type 2 diabetes care management in nine primary care practices before and after implementation of the Criteria of Good Disease Management of Diabetes established by the Swiss Society of Endocrinology and Diabetology. Swiss Med Wkly. 2022 Jul 26;152:w30197.
15. Rosemann T et al. CARE-(CArdiovasculaR prEvention) Score – ein Instrument zur Erfassung der Versorgungsqualität von kardiovaskulären Risikopatient/-innen in der Hausarztpraxis. Praxis (Bern 1994). 2024 May;113(5):113-118.
16. Kessler R et al. Health economic modelling of the cost-effectiveness of microalbuminuria screening in Switzerland. Swiss Med Wkly. 2012 Feb 3;142:w13508.
17. Yeo SC et al. Cost-effectiveness of screening for chronic kidney disease in the general adult population: a systematic review. Clin Kidney J. 2023 Jun 12;17(1):sfad137.
18. Komenda P et al. Cost-effectiveness of primary screening for CKD: a systematic review. Am J Kidney Dis. 2014 May;63(5):789-97.
19. Chmiel C et al; FIRE study-group. The FIRE project: a milestone for research in primary care in Switzerland. Swiss Med Wkly. 2011 Jan 28;140:w13142.
20. Kara P et al. Composite measures of quality of health care: Evidence mapping of methodology and reporting. PLoS One. 2022 May 12;17(5):e0268320.

Soins de longue durée, quels défis d’ici à 2040

Selon les différents scénarios de l’OMS (1, 2), l’EMS deviendra un centre d’expertise de prise en charge de la grande dépendance et de la fin de vie. Il pourrait devenir le Hub qui regroupera les compétences de prise en charge des soins de longue durée, tant stationnaires qu’ambulatoires.

Constitué de spécialistes du grand âge et de la complexité rompus au travail interprofessionnel, il devra répondre au défi que représente déjà aujourd’hui le financement des soins de santé liés au vieillissement. Dès 2032, EFAS (3) imposera une redistribution des parts payées par les caisses-maladie et les cantons. L’objectif sera d’intégrer les soins de longue durée, de décloisonner l’hospitalier de l’ambulatoire, en implémentant un financement unique lié à un budget alloué, ou à des forfaits par trajectoire de soins. Cette nouvelle répartition des coûts imposera une obligation de pilotage qui pourrait transformer le médecin d’EMS en administrateur d’indicateurs de performance. À la clé, une charge bureaucratique et une responsabilité financière, le médecin devenant le garant du parcours de soins du grand âge.

Sans gouvernance centralisée par l’état, le danger résidera dans l’assujettissement des médecins aux caisses-maladie. À ces défis, il convient d’ajouter le programme REFORMER (4), qui vise à organiser la formation tout en assurant une répartition des spécialistes en fonction des besoins de santé publique. Comment, à l’heure où plus d’un quart des jeunes médecins pensent à quitter la profession, pouvons-nous leur donner l’envie de venir relever le défi des soins de longue durée? En 2040, la qualité des soins de longue durée sera le résultat de notre capacité à innover, à penser hors du cadre, en interprofessionnalité, en interculturalité. Elle sera l’aboutissement d’une politique de santé unifiée au plan fédéral et cohérente pour l’ensemble de la société, donc pour chacun d’entre nous. Investir dans la formation, dans un financement des soins équilibré en assurant la juste rémunération de tous, ne doit pas être perçu comme un coût, mais comme un pacte intergénérationnel.

Dre Yolanda Espolio Desbaillet

La Chaux-de-Fonds

1. World Health Organization. State of long-term care. A conceptual framework for assessment and continuous learning in long-term care systems. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe, 2024. Licence: CC BY-NCSA 3.0 IGO
2. Policy Brief «Développer les soins de longue durée pour répondre aux ­besoins de soins et d’accompagnement de la population âgée: un défi sans précédent». Unisanté. Août 2025
3. Policy Brief «La réforme du financement uniforme des soins sous la loupe». Unisanté. Octobre 2024
4. Re-former.ch (15.02.2026)

Journal Watch de nos experts

Syndrome des jambes sans repos: une revue

Le SJSR est un trouble du mouvement lié au sommeil qui touche environ 3 % de la population adulte aux ­États-Unis de manière cliniquement significative, et qui peut entraîner des troubles du sommeil importants.

Observation clinique
Le SJSR se caractérise par une envie irrésistible de ­bouger les membres, généralement les jambes, souvent accompagnée de sensations désagréables dans les membres (douleurs, fourmillements, etc.). Les symptômes s’atténuent avec le mouvement et apparaissent généralement le soir ou la nuit, ou sont alors plus prononcés. Ces symptômes peuvent entraîner des troubles de l’endormissement, du sommeil ou du réveil. Selon des études menées auprès de la population, environ 8 % des adultes aux États-Unis présentent des symptômes du SJSR de manière variable chaque année, et 3 % souffrent de symptômes modérés à sévères et invalidants au moins deux fois par semaine. Les patients atteints de ce syndrome ont une qualité de vie réduite et présentent un risque accru de maladies cardiovasculaires (29.6 % souffrent d’une maladie coronarienne, d’un accident vasculaire cérébral ou d’une insuffisance cardiaque), de dépression (30.4 %) et de pensées suicidaires ou d’automutilation (0.35 cas pour 1000 personnes-années). La polysomnographie n’est pas recommandée pour poser le diagnostic. En cas de taux de ferritine sérique inférieur ou égal à 100 ng/ml ou de saturation de la transferrine inférieure à 20 %, une supplémentation en fer par sulfate ferreux (325 à 650 mg par jour ou tous les deux jours) ou par voie intraveineuse (1000 mg) est recommandée.

Si possible, il faut arrêter les médicaments associés au SJSR, notamment les antidépresseurs sérotoninergiques, les antagonistes de la dopamine et les antihistaminiques H1 à action centrale (par exemple, la diphénhydramine). Les gabapentinoïdes (par exemple, la gabapentine, la gabapentine enacarbil ou la prégabaline) constituent le traitement pharmacologique de premier choix. Dans des essais cliniques randomisés, environ 70 % des patients traités par gabapentinoïdes ont présenté une amélioration significative ou très ­significative des symptômes du SJSR, contre en­viron 40 % des patients ayant reçu un placebo (P < 0.001). Les agonistes de la dopamine (par exemple, le ropinirole, le pramipexole ou la rotigotine) ne sont plus recommandés comme traitement de première intention en raison du risque d’aggravation iatrogène des symptômes du SJSR, qui survient avec ces médicaments à une incidence annuelle de 7 à 10 %. Les ­patients qui ne présentent aucune amélioration avec le ­traitement de première intention ou qui voient leurs symptômes s’aggraver peuvent bénéficier d’opioïdes à faible dose (par exemple, de la méthadone à raison de 5 à 10 mg par jour).

Conclusion et pertinence
Le syndrome des jambes sans repos touche environ 3 % de la population adulte et peut avoir des effets négatifs sur le sommeil et la qualité de vie. Le traitement initial comprend l’arrêt des médicaments qui aggravent la maladie et une supplémentation en fer chez les patients dont les taux de fer sont bas. Si un traitement médicamenteux est indiqué, les gabapentinoïdes constituent le traitement de première intention.

Pr Walter F. Riesen

Source
Winkelman JW, Wipper B. Restless legs syndrome: a review. JAMA. 2026;335(8):703–714. doi:10.1001/jama.2025.23247. Published online January 21, 2026.

Rupture du ménisque et douleurs au genou: les exercices à domicile aussi efficaces que les thérapies plus coûteuses

Contexte
Un tiers des personnes d’âge moyen et 80 % des patients atteints d’arthrose du genou présentent une déchirure du ménisque. Il est difficile de déterminer si les douleurs au genou sont causées par la déchirure du ménisque, par l’arthrose, ou par les deux. Plusieurs études randomisées ont montré qu’une méniscectomie partielle arthroscopique n’avait aucun effet positif sur la douleur et la fonction un an après l’intervention. Aux États-Unis, 400 000 interventions de ce type sont encore pratiquées chaque année. Selon les directives, la première mesure thérapeutique pour ces patients doit être une physiothérapie ou des exercices sous supervision. On ignore si l’amélioration des symptômes (douleur et fonction) est due aux exercices, à l’interaction avec les physiothérapeutes ou aux deux.

Cette étude a cherché à déterminer si des aides-mémoire pour la réalisation d’exercices à domicile ou une physiothérapie supplémentaire apportaient un bénéfice supplémentaire par rapport à la seule pratique d’exercices à domicile (1). Elle a également comparé l’efficacité de la physiothérapie à celle d’une physiothérapie fictive, avec une interaction thérapeutique similaire.

Critères d’inclusion
• des personnes âgées de 45 à 85 ans souffrant de douleurs au genou et présentant une déchirure du ménisque confirmée par IRM dans le compartiment douloureux, c’est-à-dire soit latéral, soit médial;
• présence d’au moins un ostéophyte;
• un défaut cartilagineux, partiel ou complet, dans l’un des compartiments.

Conception de l’étude et méthode
Étude randomisée
Lieu de l’étude: plusieurs cliniques aux États-Unis.

Interventions
(avec une description succincte)
• Groupe 1:
exercices à domicile. Les ­patients ont reçu des instructions ­(étirement des ­quadriceps, du tendon d’Achille et du muscle gastrocnémien, renforcement de différents muscles).
• Groupe 2:
exercices à domicile et ­rappels; en plus des instructions pour les exercices, les participants ont reçu trois SMS par ­semaine pour renforcer leur motivation et deux lettres par mois pour les encourager à faire les exercices régulièrement;
• Groupe 3:
exercices à domicile, rappels et physiothérapie fictive (14 séances au total ­­comprenant un examen approfondi du genou, une pseudo-échographie et ­l’application de crèmes sans effet pharmacologique).
• Groupe 4:
exercices à domicile, rappels et physiothérapie standard (14 séances au total, comprenant un examen approfondi du genou, une pseudo-échographie et l’application de crèmes sans effet pharmacologique).

Résultat principal
Modification du score de douleur «Knee Injury and Osteoarthritis Outcome Score» (KOOS), un questionnaire validé pour l’évaluation des douleurs au genou, 3 mois après le début du traitement.

Résultats secondaires
• pourcentage de patients ne répondant pas au traitement, c’est-à-dire ne présentant pas d’amélioration d’au moins 8 points du score de douleur KOOS (ce qui correspond à la différence minimale cliniquement significative).
• Chez combien de patients ayant obtenu une amélioration du score de 8 points ou plus, l’effet du traitement était-il persistant après un an?

Conclusion
Sur les plus de 26 000 patients évalués pour leur aptitude à participer à l’étude, 879 ont été randomisés. Chaque groupe comptait un peu plus de 200 patients.
L’âge moyen était de 60 ans, un peu plus de la moitié des patients étaient des femmes et deux tiers présentaient un stade Kellgren-Lawrence (largeur de l’interligne articulaire) compris entre 0 et 2 (c’est-à-dire des stades peu avancés sur le plan radiologique).

Aucune différence pertinente ou significative n’a été constatée entre les différents groupes, que ce soit pour les critères d’évaluation primaires ou secondaires.

La plus grande différence, avec 2.5 points dans le score de douleur KOOS, mais qui n’était pas statistiquement significative, a été observée entre les groupes 1 (exercices à domicile) et 4 (exercices à domicile, rappels et physiothérapie standard): le groupe 4 était meilleur que le groupe 1.

Commentaire
Chez les patients présentant une rupture du ménisque et des douleurs au genou, la physiothérapie standardisée associée à des rappels écrits pour motiver la pratique d’exercices à domicile n’était pas plus efficace que les exercices à domicile sans autres interventions telles que la physiothérapie et les rappels.

Il n’est pas encore possible de savoir si ces résultats auront une influence sur les recommandations futures (exercices à domicile uniquement, sans physiothérapie).

Pr Johann Steurer

Source
1. Katz JN et al. A Randomized Trial of Physical Therapy for Meniscal Tear and Knee Pain. N Engl J Med. 2025; 393: 1694-703

Kongressausgabe SABCS 2025

Hier finden Sie das PDF der SABCS-Kongresszeitung

Editorial – Deeskalation mit Kriterien, Sequenzen mit Plan

Der SABCS 2025 in San Antonio fokussierte auf praxisrelevante Fragestellungen. Im Mittelpunkt standen Deeskalation, Risikostratifizierung und die Planung sinnvoller Therapiesequenzen.

Im frühen Setting war spürbar, dass endokrine Strategien – gestärkt durch Innovationen wie orale SERDs in der lidERA-Studie – wieder stärker als Innovationsfeld wahrgenommen werden. Das Interesse richtet sich auf Konzepte, die das Rückfallrisiko senken sollen, ohne den Behandlungspfad unnötig zu belasten, und damit auf die ­Frage, welche Patientinnen davon wirklich profitieren. Dabei lieferte der Kongress eine differenzierte Sicht auf die Deeskalation: Während axilläre Eingriffe (AXSANA) präziser werden, mahnen Daten zum DCIS (LORETTA) zur Vorsicht.

Im metastasierten HR+/HER2-Setting rückte die Erstlinienentscheidung erneut ins Zentrum: Wann ist Chemotherapie in Situationen mit hoher Krankheitslast tatsächlich nötig, und wann lassen sich moderne Kombinationen unter Einbezug des ESR1-Mutationsstatus (Updates zur EMBER-3-Studie) verantwortbar einsetzen? Gleichzeitig erinnerte der Kongress daran, wie wichtig robuste Endpunkte und klare Einordnung sind, gerade wenn viele Optionen verfügbar sind.

Bei HER2-positiven Erkrankungen zeigte sich ein ähnlicher Tenor: Erhaltung und Kombinationen werden weiterentwickelt – wie die HER2CLIMB-05-Studie eindrucksvoll für die Erstlinie belegte. Das ZNS wird häufiger als klinisch relevanter Prüfstein mitgedacht, nicht als Nebenaspekt, sondern als Teil der Behandlungsrealität.

Diese Kongresszeitung greift eine Auswahl an Abstracts auf, die sich gut für die Praxis einordnen lassen, mit dem Ziel, Orientierung zu geben.

Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre

Prof. Dr. med. Roger von Moos,
Chefredaktor

Eleonore E. Droux,
Verlegerin und Publizistische Leitung

Eine präzise Diagnose ist entscheidend für die Wahl der Therapie und den Krankheitsverlauf

In der medizinisch-onkologischen Literatur ist zunehmend von Präzisionsmedizin und Biomarkern die Rede. Dennoch haben wir in vielen Fällen Schwierigkeiten, die korrekte Diagnose zu stellen.

Regelmässig sehen wir Patientinnen und Patienten mit sogenannten Spitz-Melanomen oder Spitz-Tumoren, die fälschlicherweise als Melanome diagnostiziert werden. Dies hat erhebliche Konsequenzen für die meist jungen Betroffenen. Viele von ihnen werden wie bei einem Melanom im Frühstadium behandelt. Diese Behandlung schliesst auch die Gabe von Anti-PD1-Antikörpern ein, die bekanntermassen zu Entzündungen der hormonproduzierenden Organe führen können. Solche Entzündungen sind häufig dauerhaft und können unter anderem auch die künftige Fertilität beeinträchtigen.

Histologisch wird bei diesen Tumoren zudem oft eine Tumordicke angegeben. Diese muss von der Oberkante der Epidermis bis zum tiefsten Punkt des Tumors gemessen werden. Für Tumoren, die primär in der Dermis entstehen, ist dieses Vorgehen jedoch nicht sinnvoll.

Glücklicherweise sind mittlerweile molekularbiologische Veränderungen bekannt, die für diese Tumorgruppe relativ typisch sind. Im Interesse unserer Patientinnen und Patienten ist es daher wichtig, die Diagnose mithilfe dieser Methoden so präzise wie möglich zu stellen.

Ein klassischer, neu verfügbarer Biomarker ist die sogenannte zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA). Hierfür stehen heute einfache und kostengünstige Tests zur Verfügung. Die Bestimmung der ctDNA hat insbesondere beim Aderhautmelanom, aber auch bei kutanen Melanomen – etwa in der adjuvanten Situation – eine wachsende Bedeutung für Therapieentscheidungen. In vielen Melanomzentren wird sie daher zunehmend routinemässig eingesetzt.

Auch im Rahmen der neoadjuvanten Therapie, beispielsweise bei der Immuntherapie des Melanoms oder bei urogenitalen Tumoren (siehe Artikel von Köhler et al.), ist diese Untersuchung vielversprechend. Aktuelle Studien zeigen, dass eine Clearance der ctDNA während einer neoadjuvanten Therapie ein starkes prognostisches Signal darstellen kann und Entscheidungen zur Deeskalation weiterer therapeutischer Massnahmen unterstützen könnte. Dies wird derzeit in klinischen Studien weiter validiert.

Die Themen Differentialdiagnose Melanom – einschliesslich spitzoider Läsionen im Jugendalter –, Systemtherapie bei urogenitalen Tumoren und vieles mehr finden Sie in dieser besonders lesenswerten Ausgabe.

Viel Freude bei der Lektüre!

Prof. Dr. med. Reinhard Dummer

– Senior Consultant
Klinik für Dermatologie
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100, 8091 Zürich
reinhard.dummer@usz.ch

– Leiter Hautkrebszentrum
Kantonsspital Aarau, Hautkrebszentrum
Bahnhofplatz 3C
5001 Aarau
reinhard.dummer@ksa.ch