Depressionen erkennen und behandeln – aktuelle Behandlungsalgorithmen und -empfehlungen

Depressionen sind häufige Erkrankungen in der hausärztlichen Versorgung. Sie gehen mit relevanter Morbidität und eingeschränkter Lebensqualität einher. Hausärzt/-innen spielen eine zentrale Rolle in der frühen Erkennung und Diagnostik sowie der initialen Therapie. Dieser Artikel fasst die aktuellen Behandlungsempfehlungen der Schweiz zusammen und gibt einen Überblick über die evidenzbasierten Behandlungsalgorithmen mit einem Fokus auf die hausärztliche Versorgungssituation. Diagnostisch sollten Kernsymptome erfasst werden. Neben einer strukturierten Anamnese sollten validierte Screening- und auch Verlaufsinstrumente verwendet werden und auch mögliche somatische Ursachen abgeklärt werden. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad: Bei leichten Episoden stehen vor allem Abwarten, niedrigintensive Interventionen und Psychotherapie im Vordergrund, bei mittelgradigen und schweren Episoden sind Psychotherapie und/oder Antidepressiva indiziert, bei schweren Episoden in der Regel eine Kombination. Antidepressiva der ersten Wahl sind SSRI und SNRI sowie weitere neuere Antidepressiva. Bei unzureichendem Ansprechen ist eine Kombination von Antidepressiva, Augmentation mit u. a. atypischen Antipsychotika oder Lithium sinnvoll. Psychotherapie ist in allen Schweregraden wirksam, bei schweren und nicht initial ansprechenden Episoden immer in Kombination mit Antidepressiva. Bei schweren, psychotischen und schwer behandelbaren Depressionen sind Behandlungsmethoden aus den interventionellen Verfahren (EKT, rTMS, Esketamin) indiziert. Ergänzende Massnahmen wie Bewegung, Lichttherapie oder Soziotherapie fördern zusätzlich den Behandlungserfolg. Insgesamt verbessert eine leitliniengerechte, multimodale Versorgung depressiver Patient/-innen, die bereits in der Hausarztpraxis beginnt, die Prognose und kann das Risiko von Chronifizierung und Rückfällen reduzieren. Zentral sind strukturierte Diagnostik, frühzeitige Therapieeinleitung und ein valides Monitoring innerhalb einer engen Arzt-Patienten-Beziehung.

Depressive syndromes are among the most common mental conditions in primary care. They are associated with high morbidity and relevantly reduced quality of life. General practitioners (GPs) play a central role in early detecting and diagnosing depression as well as in initial treatment. This paper summarises the new Swiss treatment recommendations and gives an overview of evidence-based treatment algorithms with a focus on applicability in primary care. Diagnosis is based on core symptoms of depression. In addition to a structured anamnesis, validated instruments for screening and development of symptoms should be used. Further, somatic causes should be excluded using basic laboratory tests and, if indicated, neuroimaging. Treatment depends on the severity of depression: In mild depression, active monitoring, low-intensity interventions (e. g. self-help strategies, activation, sleep and circadian strategies, physical activity, etc.) and psychotherapy are indicated. In moderate episodes, psychotherapy or antidepressants are indicated; severe episodes require a combination of psychotherapy and antidepressants. First-line antidepressants are SSRIs and SNRIs and other modern antidepressants. In case of non-response, a combination of antidepressants or augmentation with atypical antipsychotics or Lithium is recommended. Psychotherapy has proven efficacy across all severity levels, and it should be combined with antidepressants in severe episodes. In severe, psychotic and difficult to treat depressive episodes, strategies from the field of interventional psychiatry (ECT, rTMS, Esketamine) are effective. Complementary approaches such as physical activity/exercise, light therapy, or social therapy further enhance treatment outcomes. In conclusion, guideline-based multimodal care for patients starting in primary care improves outcome and prognosis for patients with depression and can reduce the risk of chronification and relapses. Key elements are structured diagnostics, early initiation of evidence-based therapy with regular valid monitoring within a strong doctor-patient-relationship.
Keywords: Depression, treatment recommendation, antidepressants, psychotherapy

Depressionen sind häufige psychische ­Erkrankungen

Depressionen sind nach den Angsterkrankungen die hƤufigsten psychischen Erkrankungen. GemƤss einer Bevƶlkerungsstudie 2017 erfüllten 7.8 % der MƤnner und 9.5 % der Frauen die Kriterien einer Majoren Depression (1–3). HausƤrzt/-innen sind hƤufig die erste Anlaufstelle und spielen bei der Diagnostik, Behandlung und Koordination weiterer Massnahmen eine zentrale Rolle. Evidenz- und leitlinienbasierte Behandlungen erleichtern das Vorgehen und verbessern den Verlauf und das Outcome (4–6). In diesem Artikel werden die aktuellen Empfehlungen vorgestellt, basierend vor allem auf den Schweizer Behandlungsempfehlungen Depression 2025 (7) und der deutschen Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression 2023 (8).

Screening und Diagnostik in der Ā­Grundversorgung

Patient/-innen berichten selten spontan über depressive Symptome, sondern klagen hƤufig über unspezifische Beschwerden wie Schlafstƶrungen, AppetitverƤnderungen, Schmerzen oder Kraftlosigkeit. Als erstes Screening werden folgende zwei Fragen empfohlen (9): 1. Ā«Fühlten Sie sich im letzten Monat hƤufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?Ā» und 2. Ā«Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?Ā» Mit diesen zwei Fragen werden die Hauptkriterien für die Diagnose nach ICD-11 erfasst, nƤmlich gedrückte Stimmung und Interessenverlust. Wenn Patienten eine oder sogar beide Fragen positiv beantworten, ist einerseits eine weitere AbklƤrung, z. B. mit dem PHQ-9 (10, 11), bei dem 5–9 Punkte einen Verdacht und > 10 Punkte deutliche Hinweise auf eine mittelgradige oder schwere Depression ergeben. Allerdings ersetzen Fragebƶgen nicht die eigentliche diagnostische und differenzialdiagnostische AbklƤrung, u. a. in Bezug auf Angststƶrungen und andere psychische Erkrankungen sowie auch in Bezug auf kƶrperliche Erkrankungen. Dazu empfiehlt die Schweizer Behandlungsempfehlung (7) laborchemische und weitere AbklƤrungen (Tab. 1) sowie u. a. auch bei Erstdiagnose eine zerebrale Bildgebung, um z. B. entzündliche Erkrankungen oder Raumforderungen auszuschliessen, die eine organisch bedingte depressive Symptomatik hervorrufen kƶnnen.

Der Anamnese kommt ebenfalls eine zentrale Rolle zu. In der S3-Leitlinie der DGPPN werden diesbezüglich explizit die Medikamentenanamnese, die psychosoziale Anamnese inkl. Erhebung des Beratungsbedarfs sowie die allfällige Erhebung einer Fremdanamnese genannt. Ebenso sollen nach Erhebung der gegenwärtigen depressiven Symptomatik eine ausführliche Anamnese und Befunderhebung bez. weiterer (psychischer und somatischer) Erkrankungen durchgeführt werden (8). Weitere psychometrische Instrumente, die sich in der klinischen Praxis bewährt haben und in der S3-Leitlinie aufgeführt werden, sind u. a. das Beck-Depressionsinventar (BDI-II; Selbstbeurteilung) sowie die Hamilton-Depression-Rating-Skala (HDRS; Fremdbeurteilung durch die untersuchende Person). Zur strukturierten Erfassung von psychischen Komorbiditäten gibt es ebenfalls rasch anwendbare und frei verfügbare Instrumente wie das Mini Neuropsychiatrische Inventar (MINI, [12]) oder das MINI-DIPS (13).

Allgemeine Behandlungsschritte und -strategien

In der ersten Phase sind neben Diagnose und AbklƤrung der Beziehungsaufbau, die Information und AufklƤrung über die Erkrankung und dann, wenn sinnvoll, die rasche Reduktion von besonders belastenden Symptomen, wie z. B. Schlafstƶrungen, zentral. In der zweiten Phase geht es um die gezielte Behandlung gemƤss den Behandlungsempfehlungen, basierend dann auf den regelmƤssig erhobenen Verlaufsmessungen der depressiven Symptomatik in Zusammenarbeit mit Patienten und Angehƶrigen. Wenn dann die Remission erreicht ist, verschiebt sich der Fokus auf Stabilisierung und Reintegration in die gewohnten LebensumstƤnde, wenn z. B. eine ArbeitsunfƤhigkeit vorgelegen hat. Weiterhin wird die Rückfallprophylaxe relevant.

Therapeutisch kann man fünf Bausteine beschreiben, aus denen eine individuelle Therapie je nach Bedarf zusammengesetzt werden kann:
1. Basis: unterstützende Haltung, Aufklärung, ggf. niedrigintensive Interventionen wie Selbsthilfe (Gruppen, Bücher), digitale Behandlungsansätze und auch psychotherapeutische Strategien
2. Pharmakotherapie
3. Gezielte und formalisierte Psychotherapie
4. Interventionelle psychiatrische Strategien wie repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS) und Elektrokonvulsionstherapie (EKT)
5. Weitere therapeutische Interventionen wie kƶrperliche Aktivierung, Sport, Ergotherapie, Musik- und Kunsttherapie, Lichttherapie, Schlaf- und zirkadiane TherapieansƤtze, Sozialarbeit und weitere

Algorithmusbasierte Behandlung nach Schweregrad

Bei leichtgradigen depressiven Episoden kann zunƤchst in Absprache mit dem Patienten aktiv abgewartet werden. Ausserdem kƶnnen niedrigintensive Interventionen wie Selbsthilfe und auch psychotherapeutische AnsƤtze wie AktivitƤtsaufbau und Selbstmanagementtechniken zum Einsatz kommen. Antidepressiva sind nicht in erster Linie indiziert, Johanniskraut kann erwogen werden (7, 8). Bei mittelgradigen Depressionen sollte gezielte Psychotherapie oder Pharmakotherapie eingesetzt werden, je nach PrƤferenz des Patienten (und auch Verfügbarkeit). Bei schweren Depressionen ist eine Kombinationstherapie aus Psycho- und Pharmakotherapie indiziert, bei psychotischen SympĀ­tomen (wie z. B. Schuldwahn etc.) zusƤtzlich Antipsychotika (Abb. 1a, Abb. 1b).

Pharmakotherapie konkret

Generell haben modernere Antidepressiva ein besseres Nutzen-Nebenwirkungsprofil. Selektive Serotonin-Ā­Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) sind daher erste Wahl. Weitere Optionen sind, u. a. auch angepasst an Ā­individuelle Symptome, Mirtazapin, Trazodon, Bupropion, Vortioxetin und andere Antidepressiva. Trizyklika sind wegen der Nebenwirkungen eher Ā­Reservemedikamente. Begonnen wird mit einer Startdosis, die Aufdosierung auf die Zieldosis erfolgt gemƤss Compendium, siehe auch Schweizer Behandlungsempfehlung (7). Die Evaluation des Therapieergebnisses erfolgt 3–4 Wochen nach Erreichen der Zieldosis. Bei wiederkehrenden depressiven Episoden und auch bei SuizidalitƤt sollte Lithium erwogen werden.

Wenn unter Pharmakotherapie eine Response bzw. Remission der Symptomatik erreicht wurde, sollte diese mindestens 6 Monate (8), nach neueren Studien eher sogar 9–12 Monate in unverƤnderter Dosis fortgesetzt werden, da sonst das Rückfallrisiko deutlich erhƶht ist. Bei wiederholten depressiven Episoden sollte neben einer phasenprophylaktischen Behandlung (v. a. Lithium) die antidepressive Behandlung mindestens 2 Jahre fortgesetzt werden (8, 14). Das Absetzen einer lƤngeren wirksamen Antidepressivabehandlung sollte langsam und schrittweise erfolgen, um Absetzsymptome zu vermeiden bzw. reduzieren.

Psychotherapie konkret

Psychotherapie als alleinige Behandlung ist bei leichter bis mittelgradiger Depression angezeigt, bei schwergradiger Depression sollte sie immer mit Psychopharmaka kombiniert werden. Bei mittelgradiger depressiver ­Episode ist die Kombination wirksamer als beide Einzelbausteine (15). Evidenzbasiert und in der Schweiz krankenversicherungszulässig sind kognitive Verhaltenstherapie (KVT), psychodynamisch orientierte Therapie und systemische Therapie (7). Evidenzbasiert haben strukturierte Psychotherapien wie KVT, Interpersonelle Therapie (IPT) und bei chronischen Depressionen eine Spezialentwicklung (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy CBASP [16]) die stärkste Unterstützung.

Zu einer guten Psychotherapie gehƶren auch Aspekte wie die AufklƤrung über mƶgliche Nebenwirkungen (z. B. SymptomverstƤrkung) und den geplanten Verlauf und Alternativen.

Ergänzende und psychosoziale ­Massnahmen

Körperliche Aktivität, Sport, Lichttherapie und Soziotherapie können die Behandlung sinnvoll ergänzen (17, 18). Musik- und Ergotherapie sowie Schlafentzug/Schlafrestriktion (19) können unterstützend eingesetzt werden.

Weitere Behandlungsschritte

Wenn sich unabhƤngig vom Schweregrad nach einer adƤquaten Behandlung (d. h. ausreichende Dosierung der Medikation über 4–6 Wochen, gut durchgeführte Psychotherapie mit guter Mitarbeit des Patienten über 10–12 Wochen) keine Verbesserung der Symptomatik um mindestens 50 % zeigt (Response), dann sollte die Behandlung evaluiert und angepasst werden (Abb. 2). ZunƤchst sollte nach Gründen für die geringe oder fehlende Verbesserung gesucht werden (Reevaluation der Diagnose, Suche nach bisher nicht berücksichtigten KomorbiditƤten, AdhƤrenz, Serumspiegel), und solche Faktoren sollten angegangen werden. Wenn dies keine Verbesserung bringt, folgt dann abhƤngig von der Erstlinienbehandlung der Ausbau der Behandlung (Abb. 2). Dies kann zusƤtzliche Psycho- oder Pharmakotherapie sein, wenn noch nicht in der ersten Runde durchgeführt, oder der Ausbau der Psychopharmakotherapie oder auch rTMS (allerdings aktuell nicht durch Grundversicherung gedeckt).

Wenn nach weiteren vier Wochen keine Besserung erfolgt, sollte spƤtestens jetzt eine psychiatrisch-fachƤrztliche Betreuung erfolgen, um dann eine Reevaluation und ggf. spezialisierte Behandlungen einleiten zu kƶnnen, wie z. B. auch weitergehende pharmakotherapeutische AnsƤtze (z. B. Esketamin nasal). Bei schweren und psychotischen Symptomen kann bzw. sollte die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) auch bereits in der ersten oder zweiten Therapielinie zum Einsatz kommen (7, 8).

SuizidalitƤt

Lebensmüde Gedanken, Suizidgedanken und auch konkrete Suizidideen und -pläne müssen regelmässig, konkret und aktiv erfragt und dokumentiert werden. Wichtige ­Risikofaktoren sind frühere Suizidversuche, höheres Alter, männliches Geschlecht, Substanzmissbrauch und fehlende soziale Unterstützung (8). Wichtige Massnahmen sind Notfallpläne, engmaschige Terminintervalle und weitere Kriseninterventionsstrategien. Medikamentös sind Antidepressiva nicht in erster Linie antisuizidal wirksam, aber im Verlauf über die Reduktion der Depressivität. Lithium hat eine suizidprotektive Wirkung bei Depressionen, allerdings ebenfalls nicht in der Akutbehandlung (20). Eine psychiatrische Behandlung, ggf. auch stationär, sollte erfolgen.

Fazit

Depression ist eine der häufigsten Erkrankungen in der Grundversorgung. Eine leitliniengerechte Versorgung erfordert strukturierte Diagnostik, Schweregradbestimmung und multimodales Vorgehen. Für Hausärzt/-innen entscheidend sind Früherkennung, strukturierte Diagnostik, evidenzbasierte Therapie nach Schweregrad, aktive Suizidprävention und Langzeitmanagement. Eine enge Arzt-Patienten-Beziehung, partizipative Entscheidungsfindung und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Zweitabdruck aus der «Therapeutische Umschau» 01/2026

Prof. Dr. med. Annette B. Brühl

– UniversitƤt Basel
– UniversitƤre Psychiatrische Kliniken Basel, Basel

annette.bruehl@upk.ch

Prof. Dr. med. Wolfram Kawohl

– Clienia Schlƶssli AG und Clienia Ambulante Dienste, Oetwil am See
– UniversitƤt Zürich, Zürich
– University of Nicosia Medical School, Nicosia, Zypern

wolfram.kawohl@clienia.ch

Die Autorenschaft hat keine Interessenkonflikte im Ā­Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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Lipidsenkende Medikamente – Statine versus PCSK9-Hemmer

Statine und PCSK9-Hemmer sind die wirksamsten Medikamente zur Senkung des LDL-Cholesterinspiegels. Statine sind die Therapie der ersten Wahl zur Senkung eines erhöhten LDL-Cholesterinspiegels und zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse. PCSK9-Hemmer stellen eine wirksame Ergänzung oder Alternative dar, wenn die Lipidziele unter Statinen nicht erreicht werden oder eine Statinintoleranz besteht. Beide Therapieansätze senken das LDL-C-Level effektiv und reduzieren kardiovaskuläre Ereignisse. Für Statine ist die Evidenz zur Senkung der Gesamt- und kardiovaskulären Mortalität besonders gut belegt. PCSK9-Hemmer zeigen vor allem bei Hochrisikopatienten einen klinischen Nutzen und weisen insgesamt ein gutes Sicherheitsprofil auf. Damit ergänzen sie Statine sinnvoll in der individualisierten lipidsenkenden Therapie. Dieser Review untersucht die Vor- und Nachteile beider Substanzklassen.

Statins and PCSK9 inhibitors are the most effective medications for lowering LDL cholesterol levels. Statins are the first-line treatment for lowering elevated LDL cholesterol levels and preventing cardiovascular events. PCSK9 inhibitors represent an effective adjunct or alternative when lipid targets are not achieved with statins or when statin intolerance is present. Both treatment approaches effectively lower LDL-C levels and reduce cardiovascular events. For statins, the evidence for reducing overall and cardiovascular mortality is particularly strong. PCSK9 inhibitors demonstrate clinical benefit, particularly in high-risk patients, and have a good overall safety profile. They thus serve as a useful complement to statins in individualized lipid-lowering therapy. This review examines the advantages and disadvantages of both classes of drugs.
Keywords: HyperlipidƤmie, LDL-Cholesterin, Statine, PCSK9-Hemmer

Ein erhƶhter LDL-Cholesterinspiegel (LDL-C) ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Atherosklerose und damit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) sowie deren Komplikationen. Die Behandlung von HyperlipidƤmie ist unerlƤsslich, um die MortalitƤt und MorbiditƤt der Millionen Menschen weltweit zu verhindern, die an HKE leiden. Die EuropƤische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und andere Gesellschaften haben Leitlinien zur Behandlung eines hohen Cholesterinspiegels verƶffentlicht (1). GemƤss diesen Leitlinien sind Statine die primƤre medikamentƶse Therapie bei Patienten mit HyperlipoproteinƤmie. Werden die empfohlenen Behandlungsziele jedoch nicht erreicht, müssen weitere Behandlungsoptionen in Betracht gezogen werden. Zu den wirksamsten davon gehƶren PCSK9-Hemmer (Tab. 1).

Wirkmechanismus von Statinen und PCSK9-Hemmern

Statine hemmen das Enzym HMG-CoA-Reduktase, welches HMG-CoA in MevaloninsƤure umwandelt – eine Vorstufe der Cholesterinsynthese. Dies senkt die Cholesterinkonzentration in den Zellen, was wiederum die Produktion von LDL-Rezeptoren und die Aufnahme von LDL-Cholesterin in die Leberzellen erhƶht. Dort wird das Cholesterin abgebaut (2). PCSK9 (Proprotein-Convertase Subtilisin/Kexin Typ 9) ist ein Protein, das den LDL-C-Spiegel erhƶht, indem es den Transport von LDL-Rezeptoren von der ZelloberflƤche zu den Lysosomen fƶrdert, wo sie abgebaut werden (3). Die Hemmung von PCSK9 führt dazu, dass mehr LDL-Rezeptoren an die ZelloberflƤche zurückgeführt werden. Dies hat eine erhƶhte Cholesterinaufnahme und einen verstƤrkten Abbau durch die Leber zur Folge (4).

KardiovaskulƤre PrƤvention

In einer Metaanalyse von Zhao et al. (5) wurden 84 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 246 706 Patienten einbezogen. Die meisten dieser Studien wurden als Studien mit geringem Verzerrungspotenzial eingestuft. Die Wahrscheinlichkeit, dass Statine das Risiko für kardiovaskulƤre Ereignisse (CV) senken, lag bei 60.6 %, verglichen mit 37.1 % bei PCSK9-Hemmern. Es gab keinen signifikanten Unterschied in der Wirksamkeit der beiden Wirkstoffe bei der Reduzierung kardiovaskulƤrer Ereignisse (Odds Ratio [OR] 0.98, 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0.87–1.11). Am wirksamsten waren Statine bei der Senkung der GesamtmortalitƤt und der MortalitƤt aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Vergleich zu einem Placebo waren Statine mit einem verringerten Risiko für den Tod (OR 0.90, 95 %-KI 0.85–0.96) und den kardiovaskulƤren Tod (OR 0.83, 95 %-KI 0.75–0.91) verbunden. Dies war bei PCSK9-Inhibitoren und Ezetimib nicht der Fall.

Zu beachten ist, dass fast alle Studien zu PCSK9-Inhibitoren auf maximal vertrƤglichen Statindosen in Kombination mit einem PCSK9-Inhibitor basierten. In der randomisierten, kontrollierten klinischen Phase-III-Studie MENDEL-2 wurde Evolocumab mit einem Placebo und oralem Ezetimib verglichen (6). In der bislang grƶssten Monotherapie-Studie mit einem PCSK9-Inhibitor führte Evolocumab bei Patienten mit HypercholesterinƤmie zu einer signifikanten Senkung des LDL-C-Spiegels um 55 % bis 57 % im Vergleich zu Placebo und um 38 % bis 40 % im Vergleich zu Ezetimib (p = 0.001 für alle Vergleiche). Evolocumab wurde von diesen Patienten gut vertragen.

Statine in der primƤren und sekundƤren PrƤvention kardiovaskulƤrer Erkrankungen

Eine systematische Cochrane-Übersichtsarbeit ergab, dass Statine die GesamtmortalitƤt senken und zu einer Verringerung schwerwiegender kardiovaskulƤrer Ereignisse führen, ohne das Risiko für unerwünschte Ereignisse zu erhƶhen (7). In der SekundƤrprƤvention war eine Senkung des Cholesterinspiegels um 1 mmol/L mit einer Verringerung des Risikos für schwerwiegende vaskulƤre Ereignisse um 20 % verbunden. Es gab keine Hinweise auf einen Schwellenwert innerhalb des untersuchten Cholesterinbereichs (8).

PCSK9-Hemmer in der kardiovaskulƤren PrƤvention

Eine im Jahr 2020 veröffentlichte Cochrane-Übersichtsarbeit stufte die Evidenz für die Auswirkungen der PCSK9-Hemmer Alirocumab und Evolocumab auf klinische Endpunkte als hoch ein (9). Es gibt eine starke Evidenzbasis für die Verschreibung von PCSK9-Hemmern bei Personen, die für andere lipidsenkende Therapien nicht geeignet sind oder ihre Lipidzielwerte mit einer konventionellen Therapie nicht erreichen. Dies war die primäre Patientengruppe in den verfügbaren Studien. Die meisten Studien schlossen jedoch Personen mit etablierter kardiovaskulärer Erkrankung oder hohem Risiko ein. Für Situationen mit niedrigem bis moderatem Risiko gibt es nur minimale Evidenz.

Evolocumab und kardiovaskulƤre PrƤvention

In der FOURIER-OLE-Studie (10) war die langfristige Senkung des LDL-C-Spiegels durch Evolocumab über einen Zeitraum von mehr als acht Jahren mit anhaltend niedrigen Raten unerwünschter Ereignisse verbunden. Diese Raten wurden in der ursprünglichen Placebo-Gruppe nicht überstiegen. Die Patienten wiesen ein um 20 % geringeres Risiko für kardiovaskulƤren Tod, Myokardinfarkt oder Schlaganfall sowie ein um 23 % geringeres Risiko für kardiovaskulƤren Tod auf.

Alirocumab und kardiovaskulƤre PrƤvention

In der ODYSSEY OUTCOMES-Studie (11) senkte Alirocumab das Risiko für MACE und Tod nach einem akuten Koronarsyndrom bei 8242 Patienten, die mit der maximal verträglichen Statindosis behandelt wurden und für eine drei- bis fünfjährige placebokontrollierte Nachbeobachtungsphase in Frage kamen. Dabei traten keine Unterschiede hinsichtlich spezifischer Sicherheitsprofile oder der Gesamtnebenwirkungen auf.

PCSK9-Hemmer und GesamtmortalitƤt

PCSK9-Hemmer sind wirksam bei der Senkung der kardiovaskulƤren MortalitƤt. Eine Analyse mittels Propensity-Score-Matching zeigte, dass die Anwendung von PCSK9-Hemmern mit einem um 28.3 % geringeren Risiko für die GesamtmortalitƤt verbunden war (adjustierte Hazard Ratio (HR) 0.71, 95 %-Konfidenzintervall (KI) 0.673–0.763). Dabei war eine signifikante Senkung der GesamtmortalitƤt zu verzeichnen (12).

Das Risiko der GesamtmortalitƤt war auch bei Statin-Anwendern (adjustierte HR 0.72, 95 %-KI 0.65–0.76) sowie in Studien ohne kardiovaskulƤre Erkrankungen (adjustierte HR 0.70, 95 %-KI 0.67–0.79) signifikant reduziert (13).

Inclisiran und kardiovaskulƤre PrƤvention

In der sechsmonatigen, randomisierten, doppelblinden, multizentrischen, Placebo- und aktivvergleichskontrollierten Phase-III-Studie VICTORION-Mono (V-Mono) (14) wurde die Monotherapie mit Inclisiran bei erwachsenen Teilnehmern (im Alter von 18–75 Jahren) ohne ASCVD in der Anamnese, Diabetes oder familiƤrer HypercholesterinƤmie mit einem Nüchtern-LDL-C-Spiegel von 100–190 mg/dl und einem gemƤss der Pooled-Cohort-Gleichung prognostizierten 10-Jahres-ASCVD-Risiko von < 7.5 % untersucht. Die Resultate waren mit früheren Beobachtungen bei Statin-behandelten Patienten konsistent.

Nebenwirkungen von Statinen und PCSK9-Inhibitoren

Statine werden im Allgemeinen gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Muskelschmerzen und -schwäche (15). Statine können das Risiko für die Entwicklung von Diabetes erhöhen, insbesondere bei hohen Dosen und bei Personen, die für diese Erkrankung ­prädisponiert sind. Die Hemmung der HMG-CoA-Reduktase führt zu einer Herunterregulierung des Mevalonat­stoffwechsels und zu einem Anstieg der LDL-C-Konzentration in den Zellen. Dies hat eine toxische Wirkung auf die Betazellen der Bauchspeicheldrüse. Dies beeinträchtigt die Insulinsekretion und kann letztlich zu Typ-2-Diabetes führen (16). Das Risiko, durch Statine an Diabetes zu erkranken, ist bei Personen mit Prädiabetes und anderen Diabetes-Risiko­faktoren besonders hoch (17).

Eine Statintherapie führt darüber hinaus zu einem Anstieg der Alaninaminotransferase-Werte (ALT) (OR 1.89, 95 % KI 1.42–2.51) und der Kreatinkinase-Werte (CK) (OR 1.45, 95 % KI 1.09–1.93) (5).

Bei Statinen, die über CYP4503A4 metabolisiert werden, ist mit Wechselwirkungen mit Verapamil, Diltiazem, Cyclosporin, Itraconazol und Grapefruitsaft zu rechnen. Zu den unerwünschten Nebenwirkungen von PCSK9-Hemmern zählen Erkältungen oder Grippe, Reaktionen an der Injektionsstelle, Muskelschmerzen, Rückenschmerzen und Durchfall (19). Während keiner der Wirkstoffe unerwünschte Ereignisse (einschliesslich neurokognitiver Ereignisse) verursachte, erwiesen sich Statine bei der Verringerung neurokognitiver Nebenwirkungen als wirksamer als PCSK9-Hemmer.

Statine versus PCSK9-Hemmer: Neurokognitive Auswirkungen

Eine besonders diskutierte unerwünschte Wirkung von Statinen und PCSK9-Hemmern ist der durch diese Behandlungen verursachte kognitive Verlust. Zhao et al. untersuchten die vergleichende Wirksamkeit und Sicherheit der lipidsenkenden Medikamente bei Menschen mit HypercholesterinƤmie (5). Weder PCSK9-Hemmer (OR 1.26, KI 0.80–2.00) noch Statine (OR 0.97, KI 0.51–1.86) waren im Vergleich zum Placebo mit einem Anstieg neurokognitiver Ereignisse verbunden. Bei der Verringerung neurokognitiver Nebenwirkungen schnitten Statine im Vergleich zu PCSK9-Hemmern besser ab.

Schlussfolgerungen

Zahlreiche Studien zur Lipidsenkung legen nahe, dass Statine und PCSK9-Hemmer bei Patienten mit erhƶhtem Cholesterinspiegel gleichermassen wirksam sind, um kardiovaskulƤre Ereignisse zu reduzieren.

In den meisten dieser Studien (Tab. 2) wurden Statine mit einem Placebo verglichen. PCSK9-Hemmer wurden hingegen zusƤtzlich zu einer maximal vertrƤglichen StatinĀ­therapie verabreicht. Die wenigen Studien, in denen PCSK9-Hemmer mit einem Placebo verglichen wurden, zeigten jedoch für beide Medikamentengruppen Ƥhnliche LDL-Cholesterin-senkende Wirkungen.

Was die Nebenwirkungen betrifft, haben sich beide Medikamente als sicher und gut verträglich erwiesen. Die ­häufigste Nebenwirkung von Statinen sind Muskelschmerzen und die häufigste Nebenwirkung von PCSK9-Hemmern sind Infektionen an der Injektionsstelle. Diese werden durch nur zwei Injektionen pro Jahr mit Inclisiran reduziert.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag dokumentiert. Er war früher Mitglied der Advisory Boards von Amgen, Sanofi, Pfizer, MSD und Bristol Myers Squibb.

  • Statine bleiben die Erstlinientherapie bei erhƶhtem LDL-Cholesterin, da ihre Wirksamkeit zur Senkung kardiovaskulƤrer Ereignisse sowie der Gesamt- und kardiovaskulƤren MortalitƤt besonders gut belegt ist.
  • PCSK9-Hemmer sind eine wirksame ErgƤnzung oder Alternative, wenn Lipidziele unter Statinen nicht erreicht werden oder eine Statinintoleranz besteht, insbesondere bei Patienten mit hohem kardiovaskulƤrem Risiko.
  • Beide TherapieansƤtze senken LDL-C effektiv, wobei PCSK9-Hemmer wie Evolocumab und Alirocumab in Studien eine ausgeprƤgte zusƤtzliche LDL-C-Reduktion gezeigt haben.
  • Das Sicherheitsprofil von Statinen und PCSK9-Hemmern ist insgesamt günstig; unter Statinen stehen vor allem muskulƤre Beschwerden und metabolische Effekte im Vordergrund, unter PCSK9-Hemmern vor allem Reaktionen an der Injektionsstelle.
  • Inclisiran erweitert das therapeutische Spektrum durch eine wirksame PCSK9-Hemmung mit seltenem Dosierungsintervall und kƶnnte die AdhƤrenz in der lipidsenkenden Therapie verbessern.

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36. St. Galler Fortbildung für Klinische Onkologie

Am 26. und 27. Februar 2024 fand in St. Gallen die traditionelle Fortbildung für Klinische Onkologie statt. Unter der Leitung von Prof. Martin Früh, Chefarzt a. i. der Klinik für Medizinische Onkologie und HƤmatologie am Kantonsspital St. Gallen, prƤsentierten renommierte Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen aus Radioonkologie, Systemtherapie, Thorax , GynƤko und HƤmatologie. Ziel der Veranstaltung war es, die Brücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und klinischer Anwendung zu schlagen – für ein interdisziplinƤres Publikum aus Onkolog/innen, HausƤrzt/innen und Pflegefachpersonen. Dieser Bericht fasst die wesentlichen Inhalte zusammen.

Strahlentherapie und Systemtherapie – Was machen wir 2026?

Dr. Dr. Sebastian Christ (Radioonkologie, Universitätsspital Zürich) skizzierte den Wandel von einer sequenziellen zu einer biologisch integrierten Kombinationsbehandlung. Strahlentherapie und Arzneimitteltherapie sind heute beide hochwirksam. Die entscheidende klinische Frage lautet daher nicht mehr, ob beide Verfahren kombiniert werden sollen, sondern wie, wann und bei welchen Patienten.

Wandel des Paradigmas

Über Jahrzehnte dominierte ein sequenzielles Vorgehen: Die Radiotherapie diente der lokalen Tumorkontrolle, die Systemtherapie der Kontrolle systemischer Tumormanifestationen. Mit modernen Bestrahlungstechniken wie IMRT, IGRT, SBRT und MR-gesteuerter Radiotherapie sowie mit neuen medikamentösen Optionen, darunter Immuncheckpoint-Inhibitoren, zielgerichtete Substanzen, ADCs und Zelltherapien, rückt heute das Konzept einer integrierten Präzisionsonkologie in den Vordergrund.

Die Kombination beider Modalitäten kann die Wirksamkeit steigern, erhöht jedoch zugleich das Risiko überlappender Toxizitäten. Dadurch wird das therapeutische Fenster enger. Erforderlich sind daher eine präzisere biologische Planung und eine enge interdisziplinäre Abstimmung.

Evidenz und klinische Trends

• Chemoradiation bleibt Goldstandard, gestützt durch Level 1A Evidenz.
• IO/RT Kombinationen (Immune Checkpoint Inhibitor + Bestrahlung) zeigen etwa 30 % MortalitƤtsreduktion, sind aber toxizitƤtssensitiv.
• Die Integration erfolgt zunehmend anhand molekularer Biomarker, ctDNA und prƤzisionsgesteuerter Sequenzierung
Plattformstudien wie CONCORDE untersuchen die Kombination konventioneller Radiotherapie mit neuen immunonkologischen und zielgerichteten Substanzen. Die Anwendung wird damit nicht mehr allein technisch, sondern zunehmend biologisch gesteuert. Die klassische Sequenztherapie entwickelt sich zur gezielten Synergietherapie.

Fazit

Strahlentherapie und Systemtherapie entwickeln sich zu komplementären, an der Tumorbiologie ausgerichteten Behandlungsstrategien. Entscheidend sind eine patientenspezifische Sequenzierung, die frühe Abstimmung im Tumorboard und die konsequente Einbindung biologischer Parameter in die klinische Planung.

Neoadjuvante und perioperative Systemtherapie beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom

Dr. Dr. Diego P. D. Kauffmann Guerrero (LMU München) stellte aktuelle Konzepte zur neoadjuvanten und perioperativen Immunchemotherapie beim resektablen NSCLC vor. Ziel dieser Strategien ist es, durch präoperative Kombinationen aus Chemotherapie und Immuncheckpoint-Inhibitoren eine anhaltende Antitumorimmunität zu induzieren und die Heilungsraten zu verbessern.

Rationale und Studienlage

Die Kombination von Operation und Immuntherapie soll der postoperativ oft geschwächten Immunantwort entgegenwirken. Frühe Daten der NADIM Studie zeigten deutlich höhere pathologische Komplettremissionsraten (pCR).
Mehrere randomisierte Studien stützen inzwischen diesen Ansatz:
• In CheckMate 816 verlƤngerte Nivolumab in Kombination mit Chemotherapie das ereignisfreie Überleben deutlich gegenüber Chemotherapie allein (23,7 vs. 10,5 Monate; HR 0,4) und erhƶhte die pCR-Rate, ohne die ToxizitƤt wesentlich zu steigern.
• CheckMate 77T zeigte für eine neoadjuvante Nivolumab-basierte Strategie ebenfalls eine signifikante Verbesserung des ereignisfreien Überlebens.
• In AEGEAN führte Durvalumab plus Chemotherapie zu hƶheren Komplettremissionsraten bei günstigem Sicherheitsprofil.
• KEYNOTE 671 und RATIONALE 315 bestƤtigten vergleichbare Vorteile auch für Pembrolizumab beziehungsweise Tislelizumab.
• Die laufende Studie IMpower030 untersucht Atezolizumab im perioperativen Setting.

Adjuvante Therapien

• IMpower 010 zeigte, dass Atezolizumab nach adjuvanter Chemotherapie das krankheitsfreie Überleben verbessert, insbesondere bei PD-L1-Expression ≄ 1 %.
• In KEYNOTE 091 verbesserte Pembrolizumab das krankheitsfreie Überleben unabhƤngig vom PD-L1-Status.
• NADIM Adjuvant deutet auf ein reduziertes Rezidivrisiko unter Nivolumab in Kombination mit adjuvanter Chemotherapie hin.
• ANVIL prüft bei mehr als 600 Zentren in den USA, ob sich nach Resektion eine Verbesserung des Gesamtüberlebens um 30 % erreichen lƤsst.
Bei EGFR mutierten Tumoren überwiegen Exon 19 Deletionen und L858R Mutationen; diese Patient/-innen bedürfen getrennter Therapiepfade.

Neoadjuvanz oder Perioperativtherapie?

Neue IASLC Analysen (2024) zeigen eine weitere Verbesserung von Überleben und Rezidiv-freiheit, wenn Nivolumab perioperativ – also prƤ und postoperativ – angewendet wird. Die Kombination scheint überlegen gegenüber reiner Neoadjuvanz.

Take Home Messages

• Die Neoadjuvante Therapie mit Immunchemotherapie erhƶht pCR und verbessert EFS.
• Perioperative Schemata zeigen zusƤtzlichen Vorteil bei Ƥhnlicher Sicherheit. Molekulare Testung (EGFR, ALK, PD L1) und prƤzises Staging (PET CT, cMRT) sind verpflichtend.
• Patient/-innen mit hohem PD L1 und N2 Befall profitieren besonders.
• Bei vollstƤndiger Remission (pCR) ist eine anschliessende adjuvante IO Therapie nicht obligat.

Innovationen beim kleinzelligen Ā­Bronchialkarzinom (SCLC)

Univ. Prof. Dr. Annelen Beckmann (UKM/WTZ Münster) stellte aktuelle Entwicklungen beim SCLC vor – einer TumorentitƤt, die nur 12–15 % aller Lungenkarzinome ausmacht, aber besonders aggressiv verlƤuft. Das Gesamt 5 Jahres Überleben liegt bei rund 8 %, wobei nur ein Drittel der Patient/-innen zum Diagnosezeitpunkt ein begrenztes (Kurativ ) Stadium aufweist.

Stadien und Prognose

Nach der Marburger Klassifikation wird zwischen
• Limited Disease (LD): Tumor auf eine ThoraxhƤlfte beschrƤnkt, potenziell Kurativ.
• Extensive Disease (ED): metastasierte, palliative Situation – unterschieden.
In frühen Stadien liegt das 5 Jahres Überleben bei 20–30 %, im fortgeschrittenen Stadium nach zwei Jahren bei nur 5–10 %.

Leitlinien und Therapiestandard

Laut ESMO Guidelines (2021/2023) ist eine platinbasierte Chemotherapie + Immuncheckpoint Inhibitor (Atezolizumab od. Durvalumab) der aktuelle Standard in der Erstlinie bei ES SCLC. Ergänzend wird eine frühe Bildgebung (CT/MRT), thorakale Strahlentherapie bei LD sowie eine prophylaktische Hirnbestrahlung (PCI) bei Therapieansprechen empfohlen.
Medianes Gesamtüberleben: 12–13 Monate.

Phase III Studien zur Erstlinie

Praxiserkenntnisse

Kombination aus Chemo und Immuntherapie verbessert Überleben und Langzeitkontrolle deutlich.
• Real World Daten zeigen vergleichbare Wirksamkeit für Atezolizumab und Durvalumab – beide gelten als gleichwertige Optionen.

Zukünftige Therapielandschaft

1. Linie: Platin + Etoposid + ICI → anschliessende IO Erhaltung
2.–3. Linie: Topotecan, Lurbinectedin oder neue Antikƶrper (Tarlatamab u. a.)
Regelmässige zerebrale MRT Kontrollen bzw. PCI bleiben zentral für Langzeitüberleben. Ein kleiner Teil der Patient/-innen erzielt dauerhafte Remissionen, wie in der CASPIAN Studie, wo Durvalumab + Platin/Etoposid das OS signifikant verbesserte bei unverändert gutem Sicher-heitsprofil.

Fazit

Das SCLC, lange eine domänenspezifisch limitierte Erkrankung, profitiert nun nachweislich von kombinierten Chemo Immuntherapien. Diese markieren den ersten echten Therapiefortschritt seit Jahrzehnten und bilden die neue Behandlungsbasis für alle Patient/-innen mit fortgeschrittener Erkrankung.

Zielgerichtete Systemtherapie beim lokalisierten NSCLC

Prof. Dr. Dr. Sonja Loges (UniversitƤtsklinikum Mannheim) erlƤuterte die zunehmende Bedeutung zielgerichteter Therapien bei frühem nicht kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC, Stadium IB–IIIB) und ihre Integration in neoadjuvante und adjuvante Konzepte.

Molekulare Basis und Zielstrukturen

EGFR Mutationen (Exon 19 Deletion, L858R) treten in ā‰ˆ 85–90 % der typischen FƤlle auf. Sie aktivieren Wachstums-Signalwege, die durch EGFR Tyrosinkinase Inhibitoren (TKI) blockierbar sind. ALK Fusionen (3–5 % der NSCLC, meist EML4 ALK) werden mit ALK Inhibitoren wie Alectinib gezielt behandelt – mit deutlich verbesserter Prognose.

Neoadjuvanz

Osimertinib senkt laut ADAURA Studie das Rückfallrisiko um 79 % (DFS Vorteil) und verbessert das Gesamtüberleben. In der Neoadjuvanz allein oder in Kombination mit Chemo zeigte es Ƥhnliche MPR Raten (~25 %) und geringfügig hƶhere pCR Raten, wirkt aber überwiegend zytostatisch.

Alectinib (NAUTIKA1/ALINA) bewirkte eine MPR von 60 % und pCR von 25 % – damit deutlich effektiver und als neuer Standardkandidat für ALK positive Patient/-innen bewertet.

Adjuvante Therapie und fortgeschrittene Stadien ADAURA und ALINA:

• Osimertinib dreifacht das PFS vs. Placebo (HR 0.49) und reduziert ZNS Rezidive.
• Alectinib zeigte einen signifikanten DFS Vorteil gegen platinbasierte Chemotherapie (p < 0.001).
Beide Substanzen werden jetzt auch für den perioperativen Einsatz diskutiert.

Neue Daten (Stadium III, inoperabel)

Die LAURA Studie belegt für Osimertinib nach definitiver Radiochemotherapie eine deutliche VerlƤngerung des progressionsfreien Überlebens gegenüber Placebo bei EGFR mutiertem Stadium III NSCLC – die erste effektive Option in dieser Gruppe.

Fazit

• Osimertinib ist Standard für reseziertes EGFR mutiertes NSCLC (Stadium IB–IIIA) und vielversprechend bei nicht resezierbarem Stadium III.
• Alectinib setzt sich für ALK positive Patient/-innen in Neoadjuvanz und Adjuvanz durch.
• Beide Therapien erfordern eine frühe molekulare Diagnostik (EGFR, ALK, PD L1).
• Die Gesamtdauer der TKI Therapie und die optimale Sequenzierung gegenüber Chemo Immunregimen werden noch evaluiert. [W1.1]

Onkologika: Zu welchem Preis?

Dr. med. et Dr. iur. Kerstin Natalie Vockinger (Universität und ETH Zürich) analysierte die Preisentwicklung, Vergütungssysteme und Evidenzgrundlagen neuer Krebsarzneimittel in der Schweiz und international.

Preisbildung und Kriterien in der Schweiz

Für eine Kostenübernahme durch die obligatorische Krankenversicherung (OKP) müssen Leistungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein.
Die Wirtschaftlichkeit wird mittels therapeutischen Quervergleichs und internationalem Preisreferenzsystem bewertet.
Artikel 71 a-e KVV regeln Einzelfallvergütungen (z. B. bei Off Label Use) für Arzneimittel ohne SpezialitƤtenlisteneintrag, wenn kein gleichwertiges Alternativprodukt verfügbar ist und ein hoher therapeutischer Nutzen besteht.

Internationale Vergleiche und Preisdynamik

In den USA finden bis 2026 erstmals staatliche Preisverhandlungen statt (Inflation Reduction Act). Bislang keine Preisregulierung → explosiver Kostenzuwachs:
• USA: + 19,7 % jƤhrlich (31 700 → 228 600 USD zwischen 2011–2022), Krebsmedikamente > 650 % teurer als Nicht Onkologika.
• Schweiz: + 3,2 % pro Jahr (29 000 → 41 400 USD), Onkologika > 720 % teurer als Nicht Krebsmedikamente.
Ursachen: steigende F&E Kosten, Marktdruck und gesellschaftliche Zahlungs- bereitschaft für «Lebenszeitgewinne».

Challenge II – Zeit bis zur Kostenübernahme

Medianzeit von Zulassung bis Erstattung:
CH Schweiz 5,8 Mon. | DE 7,4 | US 9,2 | FR 12,9 | GB 17,7.
Nach 1 Jahr sind in Deutschland ca. 74 %, in der Schweiz 63 % der neuen Mittel vergütet.
Ein Ā«Submission GapĀ» verzƶgert den Marktzugang in Europa und Schweiz um 13–18 Wochen nach USA. Das internationale Kooperationsprojekt Project Orbis hat diese Lücke bereits spürbar reduziert und verkürzt Zulassungsverfahren.

Challenge III – Evidenz und Marktzugang

Steigende Zahl von Medikamenten erhƤlt beschleunigte Zulassungen auf Basis von Surrogatendpunkten oder Single Arm Studien.
Folge: zunehmende Unsicherheiten bei klinischer Relevanz und Kosten Nutzen AbwƤgung.
→ Managed Entry Agreements, hƤufig mit vertraulichen Rabatten, sind ein Zwischenschritt. Entscheidend bleibt die Balance zwischen rascher Verfügbarkeit und robuster Evidenz – einschliesslich post marketing Validierung.

Fazit für die Praxis

• Die Initialpreise für Krebsarzneien steigen weltweit kontinuierlich.
• Preisbildung und Erstattung müssen zugunsten schnellerer Verfügbarkeit und gleichzeitig gerechter Ressourcenverteilung angepasst werden.
• Ein stƤrkerer Fokus auf klinischen Outcome, Transparenz bei Rabatten und qualitƤtsgesicherte Evidenzbewertung ist unverzichtbar.

LebensqualitƤt aus Patientensicht
Onkologisches Basisscreening (oBS)

Prof. Dr. Birgitt von Oorschot (Deutsche Krebsgesellschaft) prƤsentierte die Arbeit der interdisziplinƤren Arbeitsgruppe Ā«Patient Reported Outcome – Supportivbereich (PRO S)Ā», die 2023 gegründet wurde, um patientenberichtete Ergebnisse (PROs) systematisch in die onkologische Routineversorgung zu integrieren.

Ziel und Konzept

Das onkologische Basisscreening (oBS) ermöglicht eine bedarfsgerechte Supportiv und Palliativversorgung. Es beruht auf Leitlinien und Evidenz und vermeidet das «Giesskannenprinzip»: Nur wer tatsächlich Unterstützung braucht, soll intensiv betreut werden.
Ziele sind Erhƶhung der Patientensicherheit, passgenaue Interventionen sowie optimale Ressourcennutzung im multiprofessionellen Team.

Praktische Umsetzung

Das KeSBa Projekt (Braulke et al., 2023) belegt, dass die onkologische Fachpflege eine tragende Rolle bei Symptom und Belastungsscreenings einnehmen kann. Empfohlen wird eine Einbettung in pflegerische Sprechstunden zur Beratung und Verlaufskontrolle.
Seit 2025 ist das strukturierte Belastungsscreening Pflicht im DKG Zertifizierungssystem. Erfasst werden mindestens vier Dimensionen:
1. psychosoziale Belastung,
2. onkologische Symptome,
3. MangelernƤhrungsrisiko,
4. sozialrechtliche Belange – optional geriatrische und Fatigue Risiken.
Leitfadenbasierte Instrumente wie DT (Distress Thermometer), HADS, MIDOS/IPOS und NRS sind empfohlen. Die aktualisierte DKG Handlungsempfehlung (2024) sorgt für standardisierte Erhebung und Dokumentation; verantwortlich ist die onkologische Fachpflege. Nutzen der ePROs (electronic Patient Reported Outcomes) Elektronische Symptomfragebögen erhöhen die Therapiesicherheit, verbessern die Adhärenz, optimieren das Nebenwirkungsmanagement und reduzieren nicht geplante Krankenhausaufenthalte. Gleichzeitig stärken sie das Patienten Empowerment und fördern eine aktiv mitgestaltete Therapie.

Fazit

Die Integration von PROs in Supportivstrukturen stellt einen entscheidenden Fortschritt in der Patientenzentrierung dar. Das oBS wird zukünftig zentrale Voraussetzung für qualitätsgesicherte Onkologie Zertifizierung sein und verbessert nachweislich Lebensqualität sowie Versorgungseffizienz.

Patient/-innen Coaching bei gastrointestinalen und Hauttumoren

GI Tumoren: Rolle der Cancer Nurse

DGKP Claudia Pressnig (AKH Wien) betonte den zunehmenden Stellenwert von Pflegeberatung und Patient/-innen Coaching im onkologischen Alltag. Durch ambulante Therapieformen, steigende Patientenzahlen und zunehmende KomplexitƤt muss Pflege heute lƤngerfristig strukturierte Betreuung leisten.

Die Cancer Nurse übernimmt die Funktion einer zentralen Ansprechperson, koordiniert Schnittstellen und bietet kontinuierliche Begleitung. Ihr Einsatz verbessert Symptomkontrolle, Selbstmanagement und Therapietreue, reduziert Angst, Hospitalisationen und Abbrüche und stärkt die interdisziplinäre Kommunikation.

Schwerpunkte der Patient/-innen Edukation:

• Fatigue, Übelkeit, Erbrechen, Haut /Nagel /HaarverƤnderungen, orale Zytostatika, ErnƤhrung.
• Beratung beeinflusst nicht nur Symptomlast, sondern auch die Gesundheitskompetenz.
Beteiligte Faktoren sind individuell und sozioƶkonomisch – von Motivation und Familienunterstützung bis zu TherapiekomplexitƤt und Polypharmazie. Essentiell ist, dass Pflege Nebenwirkungen aktiv anspricht und nicht auf Patient/-innen-Fragen wartet.

Hauttumoren und Langzeitbetreuung

Linda Morgan (Universitätsspital Zürich) berichtete über die Versorgung im Dermato Onkologischen Zentrum mit > 10 000 ambulanten Patientenkontakten jährlich. Rund 3 500 neue Melanomfälle treten in der Schweiz pro Jahr auf; etwa 300 Menschen sterben daran.

Neue Therapien BRAF und MEK Inhibitoren, PD 1 /CTLA 4 Checkpoint Inhibitoren und deren Kombinationen haben das Überleben fortgeschrittener Melanome substanziell verbessert. Gleichzeitig erfordert die Immunaktivierung ein Management immunvermittelter Nebenwirkungen («irAEs»), die Organtoxizitäten verursachen können und eine frühe, strukturierte Pflegeintervention verlangen. Das Melanom wird zunehmend als chronische Krebserkrankung verstanden. Zentrale Aspekte des Langzeitmanagements sind:
• Survivorship Programme und psychosoziale Stabilisierung,
• Erwartungs und Entscheidungsbegleitung (Shared Decision Making),
• Koordination zwischen Onkologie, Pflege und Psychoonkologie.
Aufgaben der Pflegeexpertin «Skin Cancer» vor und während der Therapie:
• Begleitung zu ArztgesprƤchen und AufklƤrung zur Therapie,
• Anleitung im Nebenwirkungsmanagement, Erfassung somatischer und psychosozialer Belastung,
• frühe ToxizitƤtsintervention und Fƶrderung der TherapieadhƤrenz.

Fazit

Cancer Nurses und Pflegeexpert/innen sind essentielle Brückenbauer zwischen medizinischer Therapie und Patientenrealität. Ihr Beitrag zur Nebenwirkungskontrolle, Kommunikation und Kontinuität verbessert nachweislich Behandlungserfolg und Lebensqualität.

Antibody-Drug-Conjugates (ADCs) in der GynƤkologie

Univ.-Prof. Dr. Dr. Sabine Heublein (UniversitƤtsklinikum Ulm) stellte die wachsende Rolle von Antikƶrper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) in der Therapie gynƤkologischer Tumoren vor. ADCs vereinen die Zielgenauigkeit monoklonaler Antikƶrper mit der zytotoxischen Potenz klassischer Chemotherapeutika.

Zugelassene Vertreter sind:
• Trastuzumab Emtansin (T-DM1) und Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) bei HER2-positiven Tumoren
• Sacituzumab Govitecan und Tisotumab Vedotin bei fortgeschrittenen Karzinomen
• Mirvetuximab Soravtansin bei FRα-positivem Ovarialkarzinom
• Datopotamab Deruxtecan in klinischer Prüfung
In der MIRASOL-Studie zeigte Mirvetuximab signifikante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens (PFS) und des Gesamtüberlebens (OS) gegenüber einer Chemotherapie bei gleichzeitiger Reduktion hochgradiger Nebenwirkungen. Die häufigste spezifische Toxizität waren okuläre Epithelschäden.
Die DESTINY-PanTumor02-Studie (Phase II) bestƤtigte einen anhaltenden Nutzen von T-DXd, mit der besten Wirksamkeit bei HER2-IHC-3+-Tumoren.
Datopotamab Deruxtecan zeigte in TROPION-03 eine robuste AktivitƤt bei metastasierten Ovarial- und Endometriumkarzinomen.

Fazit

ADCs entwickeln sich damit zu einem neuen Grundpfeiler der zielgerichteten gynƤkologischen Onkologie.

Fortgeschrittenes Zervixkarzinom

Dr. Frederik Fuchs (LMU München) gab ein Update zur Therapie des fortgeschrittenen Zervixkarzinoms.

Grundlagen und Risiken

Das Zervixkarzinom ist nach wie vor die vierthƤufigste Krebserkrankung der Frau und ist stark mit einer HPV-Infektion assoziiert (> 90 %). Zu den wichtigsten Risikofaktoren zƤhlen Rauchen, Immunsuppression, früher Geschlechtsverkehr und ein niedriger sozialer Status.

Therapieprinzipien

In den Stadien IB–IIA haben Operation und Radiotherapie vergleichbare Heilungsraten. Die Therapieentscheidung erfolgt unter Berücksichtigung von Alter, Menopausenstatus und Tumorgrƶsse.
Standard beim lokal fortgeschrittenen Stadium ist die Radiochemotherapie (RT plus Cisplatin 40 mg/m² wƶchentlich) mit anschliessender HDR-Brachytherapie (≄ 90 Gy).
Die Brachytherapie bleibt essenziell für die lokale Kontrolle. Ein Verzicht zugunsten von IMRT-/SBRT-Boost-Konzepten ist mit einer höheren Mortalität assoziiert.

Neue Evidenz

• EMBRACE II: prƤzisionsgesteuerte, MR-basierte Brachytherapie und Teletherapie mit 5-Jahres-OS von 82 % und einer lokalen Kontrolle von 94 %
• KEYNOTE-A18: Zusatz von Pembrolizumab zur Radiochemotherapie mit einer Risikoreduktion für Progression und Tod um 43 % bei unverƤndertem Sicherheitsprofil
• INTERLACE: kurze Induktionschemotherapie vor Standard-RT mit signifikanter Verbesserung von OS und PFS

Fazit

Die Integration von Immuntherapie und Induktionschemotherapie in die etablierte Radiochemotherapie verbessert die Langzeitergebnisse. Die Brachytherapie bleibt unverzichtbar. Ihr Erhalt ist entscheidend für das Erreichen kurativer Behandlungsziele.

Therapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms

Prof. Isabell Witzel, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und des gynäkologischen Krebszentrums am Universitätsspital Zürich, präsentierte zunächst die Zahlen zur Krebsinzidenz und Mortalität in der Schweiz für das Jahr 2022.

Warum ist dieses Thema wichtig?

Für das Ovarialkarzinom existiert kein effektives Screening, die Erkrankung wird häufig erst in einem späten Stadium diagnostiziert, und die Mortalität ist hoch. Daher kommt der Qualitätssicherung eine besondere Bedeutung zu.

Ein effektives Screening-Programm konnte bislang nicht etabliert werden. In der UK Collaborative Trial of Ovarian Cancer Screening (UKCTOCS) wurden 200 000 Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren untersucht. Verglichen wurden ein jƤhrliches Screening mittels CA-125 plus transvaginalem Ultraschall (TVUS), TVUS allein sowie keine Untersuchung. Nach 16 Jahren zeigte sich in allen Gruppen eine Ovarialkarzinomrate von 1 % und eine MortalitƤt von 0,6 %. Fazit daraus: Ein Screening zur Früherkennung des Ovarialkarzinoms kann derzeit nicht empfohlen werden. Der Schweizer Ansatz umfasst daher kein nationales Screening-Programm in der Allgemeinbevƶlkerung, sondern fokussiert auf AufklƤrung, Familienanamnese sowie genetische Beratung und Testung zur Identifikation von Hochrisikopatientinnen, etwa bei BRCA1/2-Mutationen oder Lynch-Syndrom. Bei gynƤkologischen Eingriffen nach abgeschlossener Familienplanung sollte eine opportunistische Salpingektomie erwogen werden, um potenzielle Hochrisiko- oder VorstufenlƤsionen in den Eileitern zu entfernen. Dies entspricht einem multimodalen PrƤventionsansatz.

Management-Prinzipien in der Schweiz

Die Zentralisierung der Versorgung im Bereich der hochspezialisierten Medizin ist das Ergebnis eines mehrjährigen, gesundheitspolitisch geprägten Prozesses. In diesem Rahmen dürfen in der Schweiz ab Januar 2026 nur noch ausgewählte Spitäler Patientinnen mit Ovarialkarzinom behandeln.

Die Behandlung erfolgt in spezialisierten onkologischen Zentren mit multidisziplinƤren Teams aus GynƤkologen, Onkologen, Pathologen, Radiologen und Genetikern. Hinzu kommen standardisierte Behandlungspfade sowie ein registerbasiertes Monitoring. Das fortgeschrittene Ovarialkarzinom ist als chronische Erkrankung mit multiplen Rezidiven zu verstehen.

Neue Optionen

Pembrolizumab
In der ENGOT-ov65/KEYNOTE-B96-Studie ergaben sich unter Pembrolizumab in Kombination mit wƶchentlichem Paclitaxel plus Bevacizumab statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens unabhƤngig vom PD-L1-Status. Zudem zeigte sich ein Vorteil im Gesamtüberleben bei Patientinnen mit PD-L1 CPS ≄ 1 bei beherrschbarem Sicherheitsprofil.

Mirvetuximab Soravtansin (ADC) beim platinresistenten Rezidiv
Bei Patientinnen mit platinresistentem, FRα-positivem Ovarialkarzinom führte Mirvetuximab Soravtansin gegenüber einer Chemotherapie zu signifikanten Vorteilen hinsichtlich progressionsfreiem Überleben, Gesamtüberleben und objektiver Ansprechrate.

Trastuzumab Deruxtecan (T-DXd) – DESTINY-PanTumor02
Der grösste Nutzen wurde in der IHC-3+-Population beobachtet. Die Daten stützen die potenzielle Rolle von T-DXd als tumoragnostische Therapie bei Patientinnen mit HER2-exprimierenden soliden Tumoren.

Operation im Rezidiv
Wie die DESKTOP-III-Studie zeigte, war bei Frauen mit rezidivierendem Ovarialkarzinom eine zytoreduktive Chirurgie gefolgt von Chemotherapie mit einem längeren Gesamtüberleben assoziiert als eine alleinige Chemotherapie.

Das Follow-up erfolgt in den ersten drei Jahren alle drei Monate, im vierten und fünften Jahr alle sechs Monate und danach jährlich. Es umfasst die gynäkologische Untersuchung sowie die transvaginale Sonographie. Eine Tumormarker-Kontrolle erfolgt nur unter Maintenance-Therapie. Eine CT von Thorax und Abdomen beziehungsweise ein PET-CT wird nur bei klinischem Verdacht auf ein Rezidiv durchgeführt.

Fazit

- Es gibt derzeit kein effektives Screening-Programm.
- Ein multimodaler Ansatz mit genetischer Testung kann Hochrisikopatientinnen identifizieren; opportunistische Salpingektomien im Rahmen gynƤkologischer Eingriffe kƶnnen prƤventiv relevant sein.
- Die Behandlung sollte zentralisiert erfolgen, auch wenn dieser Prozess nur schrittweise umgesetzt wird.
- Die Therapie umfasst Chirurgie, Chemotherapie und Erhaltungstherapie.
- Eine genetische Testung und HRD-Testung bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom ist wichtig, um Kandidatinnen für eine Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren zu identifizieren.
- Es besteht ein strukturiertes Follow-up-Programm über fünf Jahre.

Hämatologisch onkologische Therapie­innovationen

CAR T Zellen und bispezifische Antikƶrper bei grosszelligen B Zell Lymphomen (LBCL)

Dr. Martin Fehr (Kantonsspital Münsterlingen) stellte aktuelle Immuntherapien für rezidivierte oder refraktƤre diffuse grosszellige B Zell Lymphome (DLBCL) vor – mit Fokus auf CAR T Zell und bispezifische Antikƶrper Therapien (bsAb).

Grundlagen

• CAR T Zellen: autologe T Lymphozyten, mit chimƤren Antigenrezeptoren ausgestattet, die Tumorzellen nach CD19 Erkennung eliminieren.
• Bispezifische Antikƶrper: binden gleichzeitig an CD3 (T Zelle) und CD20 (Tumorzelle) und aktivieren eine gerichtete zytotoxische Immunreaktion.

ToxizitƤten und Management

Cytokine Release Syndrom (CRS) und ICANS (NeurotoxizitƤt) sind hƤufigste Nebenwirkungen:
• CRS: Fieber, Hypotonie, Hypoxie → Therapie mit Tocilizumab (IL 6 Blockade) und Corticosteroiden.
• ICANS: Neurologische Symptomatik (Tremor, Aphasie, Lethargie) → Dexamethason (leicht) bzw. Methylprednisolon (schwer). Beide Syndrome sind reversibel, erfordern aber standardisiertes Grading und interdisziplinƤres Notfallmanagement.

Bispezifische Antikƶrper – aktuelle Daten

Epcoritamab (subkutan) und Glofitamab (i.v.) bilden neue SƤulen ab der zweiten Therapielinie.
• Epcoritamab (EPCORE NHL 1): 42 % komplette Remissionen, anhaltende Langzeitwirkung, meist milde CRS/ICANS Episoden.
• Glofitamab: hohe Wirksamkeit, aber über 50 % Grad 3/4 Nebenwirkungen, Behandlungsdauer max. 12 Zyklen.
Bispezifische AK ermöglichen kontinuierliche, teils ambulante Behandlung und sind auch für Patient/-innen nach CAR T geeignet («Bridging» oder Sequenztherapie).

CAR T Zell Therapie – Klinische Effekte

Zugelassene Produkte: Tisagenlecleucel (Tisa cel), Axicabtagen (Axi-cel) und Lisocabtagen (Liso-cel). Evidenz aus Phase II/III Studien: ZUMA 7: Axi-cel → signifikant besseres Gesamtüberleben (OS) in zweiter Linie versus Standard.
• TRANSFORM: Liso cel → hƶheres PFS und dauerhafte Remissionen.
• Schuster et al., NEJM 2019: Tisa cel → langanhaltendes Ansprechen bei stark vorbehandeltem DLBCL.
Real World Daten zeigen: vergleichbare Wirksamkeit bei breiterer Patientenauswahl; Axi cel mit hƶherer Rate schwerer NeurotoxizitƤt (Grad ≄ 3).

Vergleich CAR T vs. bispezifische Antikƶrper

Neue Perspektiven: Sequenz oder Kombination (Car T → bsAb oder umgekehrt) werden aktuell in Studien evaluiert z. B. STARGLO (Glofitamab + GemOx).

Fazit

CAR T Zellen und bispezifische Antikƶrper haben die Therapie des r/r DLBCL grundlegend verƤndert.
• CAR T: potenziell kurativ bei frühem Einsatz.
• bsAb: flexibel, ambulant und wirksam als Bridging oder Zweittherapie.
Künftige Strategien setzen auf intelligente Kombinationen und individualisierte Sequenzplanung zur Verlängerung der Remissionen.

Rezidivtherapie beim Multiplen Myelom

Dr. Thomas Lehmann (Kantonsspital St. Gallen) stellte die aktuellen Konzepte zur Behandlung des rezidivierten und refraktƤren Multiplen Myeloms (MM) vor – anhand eines klinischen Beispiels einer 56 jƤhrigen Patientin mit Standardrisiko Zytogenetik und erstem SpƤtrezidiv nach autologer Transplantation und Lenalidomid Erhaltung.

Rezidivdefinition und klinische Bewertung

Nach der IMWG Klassifikation unterscheidet man:
• Klinisches Rezidiv: neue Osteolysen, Organdysfunktion oder HyperkalzƤmie.
• Biochemisches Rezidiv: Verdoppelung des M Proteins oder ≄ 10 g/l Zunahme in zwei Messungen.
• TherapierefraktƤr: Progress innerhalb von 60 Tagen nach letzter Behandlung.
Für die Therapieentscheidung relevant sind Alter, Frailty, Komorbiditäten und Zytogenetik sowie Dauer und Qualität vorangegangener Antworten.

Evidenz für Hauptregime und Studien

Rezidive nach Lenalidomid Erhaltung nehmen zu; daher haben CD38 Antikƶrper (Daratumumab, Isatuximab) und neue Proteasom Inhibitoren oder IMiDs eine zentrale Rolle:

Weitere Optionen sind Selinexor basierte Triplets (BOSTON Studie: PFS 13,9 vs. 9,5 Monate) und Salvage ASCT, deren Vorteil bereits in randomisierten Studien bestƤtigt, aber nicht signifikant ist.

Neue Wirkprinzipien und bispezifische Antikƶrper (BiTEs)

Mit Tec Dara (Teclistamab + Daratumumab) zeigen Daten aus MajesTEC 3 signifikante Verbesserungen gegenüber Standard Triplets (DPd / DVd) bei rezidivierten und IMiD refraktären Verläufen. Zunehmend werden auch BCMA und GPRC5D gerichtete Therapien (CAR T, BiTE) in die früheren Linien verschoben, mit dem Ziel dauerhafter MRD Negativität.

Therapiesequenz und Patientenfaktoren

Entscheidend für die Therapiewahl:
1. Erkrankung: Tempo, Organbeteiligung, Cytogenetik.
2. Patient: funktionales Alter (Frailty), KomorbiditƤt, Therapietoleranz.
3. Vorbehandlung: Art und Ansprechen der individuellen Exposition.
4. Zulassung/Verfügbarkeit: CAR T Zellen und BiTE aktuell ab Linie 3.
Strategisches Vorgehen: Sequenzierung entlang biologischer Zielstrukturen (CD38 → IMiD → Proteasom Inhibitor → BCMA) und früher Einsatz immunologischer Therapiebausteine.

Fazit

Das moderne Rezidiv Management des Multiplen Myeloms erfordert eine prƤzise, molekulargestützte Therapiesequenzierung. CD38 basierte Triplets bleiben Standard; BCMA gerichtete CAR T Zellen und BiTEs erƶffnen neue Optionen für RefraktƤrstadien – mit dem langfristigen Ziel funktioneller Kuration.

PrƤmaligne Stadien: MGUS und Smoldering Multiple Myeloma (SMM)

Prof. Dr. Felicitas Hitz (Kantonsspital Münsterlingen) beleuchtete die Bedeutung von monoklonalen Gammopathien als prämaligne Erkrankungen und die aktuellen Strategien zur Risikostratifikation und Frühintervention.

MGUS – Monoklonale Gammopathie unbestimmter Signifikanz

MGUS ist eine hƤufige, asymptomatische PrƤkanzerose mit einer Inzidenz von 3–5 % bei Personen über 50 Jahren. Sie ist durch ein M Protein < 30 g/l, < 10 % Plasmazellinfiltration und Fehlen von EndorganschƤden (CRAB Kriterien) definiert. Das Progressionsrisiko liegt bei etwa 1 % pro Jahr.

Risikostratifikation (Mayo Clinic Modell):

Je ein Punkt für M Protein > 15 g/l, IgA/MGUS Subtyp, und abnorme Leichtketten-Ratio.
• 0 Punkte → nur 5 % Progression nach 20 Jahren.
• 3 Punkte → Progressionsrisiko ā‰ˆ 60 %.

Sonderformen

IgM MGUS: 1 % Progression / Jahr → Waldenstrƶm MakroglobulinƤmie oder Amyloidose.
• Non-IgM und Leichtketten MGUS: seltenere VerlƤufe → Multiples Myelom.
• Epidemiologische Aspekte: Erstgradige Verwandte von Patient/-innen mit Myelom tragen ein > 2,4-fach erhƶhtes Risiko; bei Personen afrikanischer Abstammung liegt es über 5-fach hƶher.

Die islƤndische iStopMM Studie (> 80 000 Teilnehmende) bestƤtigte eine MGUS PrƤvalenz von 0,5 % ab 40 Jahren und prüft Nutzen eines populationsbasierten Screenings – Langzeitresultate stehen noch aus.

SMM – Smoldering Multiple Myeloma

SMM gilt als Übergang zwischen MGUS und aktivem Myelom mit höherer Tumorlast, aber ohne klinische Symptomatik.
Progressionsrisiko: ca. 50 % innerhalb von 5 Jahren bei Hochrisiko Profil.

Risikomodelle:

• PETHEMA (2007): ≄ 95 % aberrante Plasmazellen + Immundefizienz = High-Risk.
• Mayo 2018: ≄ 2 der Faktoren (M Protein > 2 g/dl, Plasmazellen > 20 %, FLC Ratio > 20).
• IMWG 2020: kombinierter Score > 12 definiert Hochrisiko.

Frühe Intervention und Behandlungsstrategien

Traditionell war Beobachtung («watch and wait») Standard. Neue Daten stützen bei hohem Risiko eine aktive Therapie:
• Lenalidomid ± Dexamethason: verzƶgert die Progression signifikant (QuiRedex, ECOG E3A06).
• Daratumumab (AQUILA Phase 3): reduziert Progressions- und Sterberisiko im Vergleich zur Beobachtung.
• GEM CESAR (Phase 2): intensives Ā«kurativeresĀ» Schema (KRd → ASCT → Konsolidierung + Erhaltung) erreichte dauerhafte MRD NegativitƤt bei > 20 % der Patient/-innen über vier Jahre.

Empfehlungen 2025

• Kein Routinescreening in der Allgemeinbevƶlkerung; Screening bei familiƤrem oder ethnisch definiertem Risiko empfohlen.
• Diagnostische Abgrenzung zwischen MGUS, SMM und aktivem Myelom muss klar bleiben – Biomarker basierte Stratifizierung ist entscheidend.
• Risikoadaptiertes Monitoring nach MGUS/SMM Kategorie
(Verlaufsintervall, FLC, M Protein, Bildgebung).
• Bei High-Risk SMM: frühe Behandlung mit Lenalidomid oder Daratumumab-basierten Schemata im kontrollierten Rahmen.
• Langfristiges Ziel: frühe MRD NegativitƤt und potenzielle Kuration im prƤklinischen Stadium.

Gesamtfazit der Fortbildung

Die 36. St. Galler Fortbildung 2024 zeigte deutlich:
• Immun und zielgerichtete Therapien haben in allen grossen TumorentitƤten klinische Standards nachhaltig verƤndert.
• PrƤzisionsmedizin und biologische Integration ersetzten rein sequenzielle Behandlungslogik.
• Pflege, Supportivmedizin und Patient/-innen Einbindung sind integraler Bestandteil moderner Onkologie.
• In der HƤmatologie wird der Übergang von chronischer Kontrolle zur potenziellen Kuration greifbar.
Die Veranstaltung unterstrich die Verantwortung aller Behandlungsdisziplinen, Evidenz und Praxisnahe Individualisierung zu verbinden, um Patient/-innen eine sichere, hochqualitative und zugƤngliche Onkologie zu ermƶglichen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

Neue perioperative und kombinierte TherapieansƤtze bei urologischen Tumoren

Am ASCO Genitourinary Cancers Symposium, das vom 26. bis 28. Februar 2026 in San Francisco stattfand, wurden erneut praxisrelevante Daten zu urologischen Tumoren präsentiert. Im Fokus standen unter anderem neue kombinierte und perioperative Therapiestrategien beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom und beim muskelinvasiven Blasenkarzinom. Die finalen Überlebensdaten der EORTC1333/PEACE-3-Studie untermauern den Stellenwert der Kombination aus Enzalutamid und Radium-223 bei Patienten mit knochendominantem mCRPC. Beim muskelinvasiven Blasenkarzinom zeigen die Resultate der KEYNOTE-B15/EV-304-Studie, dass Enfortumab Vedotin plus Pembrolizumab auch im perioperativen Setting eine wirksame Behandlungsoption darstellen könnte. Beide Studien liefern wichtige Impulse für die Weiterentwicklung individualisierter Therapiekonzepte in der uroonkologischen Praxis.

Radium-223 ergänzt Enzalutamid mit signifikantem Überlebensgewinn beim mCRPC

Vorbemerkungen
In der Studie EORTC1333.PEACE-3 verlängerte laut den Studienautoren die Kombination aus Enzalutamid und Radium-223 (ENZ/RAD) das rPFS und das OS (Zwischenanalyse) bei Patienten mit mCRPC mit Knochenmetastasen, wobei die Sicherheit ähnlich wie bei jeder Einzelbehandlung war, im Vergleich zu Enzalutamid allein (ENZ). Hier berichten die Autoren über die endgültige OS-Analyse und aktualisierte Sicherheitsdaten.

Studiendesign
• EORTC1333/PEACE-3 ist eine randomisierte, offene, multizentrische Phase-II-Studie zur Bewertung der Zugabe von Radium-223 (ENZ/RAD) zu Enzalutamid (ENZ) bei metastasiertem kastrationsresistentem Prostatakrebs (mCRPC) mit Knochenmetastasen.
• In PEACE-3 wurden insgesamt 446 asymptomatische oder leicht symptomatische Patienten (Brief Pain Inventory < 4) mit mCRPC und ≄ 2 Knochenmetastasen im VerhƤltnis 1 : 1 randomisiert und erhielten entweder tƤglich 160 mg Enza allein oder in Kombination mit sechs intravenƶsen Injektionen von Ra-223 (55 kBq/kg alle 4 Wochen).
• Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit Clinical Trial Ireland (CTI), der Canadian Urological Oncology Group (CUOG), der Latin American Cooperative Oncology Group (LACOG) und der Franzƶsischen Gruppe GETUG/UNICANCER.
• Der primƤre Endpunkt war das radiologische progressionsfreie Überleben (rPFS); das Gesamtüberleben (OS) und die Sicherheit waren wichtige sekundƤre Endpunkte.

Behandlungsergebnisse
• Bei der endgültigen Sperrung der Datenbank (19. September 2025) wurden 318 TodesfƤlle verzeichnet (152/222 Enza+Ra-223; 166/224 Enza), was 106.4 % der 299 erwarteten Ereignisse entspricht.
• Die mediane OS betrug 38.2 Monate für Enza+Ra-223 und 32.6 Monate für Enza allein, was einem Hazard Ratio (HR) von 0.75 (95 % CI 0.60–0.95; einseitiger stratifizierter Logrank-Wert = 0.0078, mit einem voreingestellten Signifikanzniveau bei der endgültigen Analyse von < 0.0248) entspricht.
• Basierend auf dem Permutationstest ist der statistische Test zur OS signifikant (was zu einem einseitigen p-Wert von 0.0088 < 0.0248 führt).
• Der OS-Vorteil war in den meisten vordefinierten Untergruppen konsistent, mit Ausnahme des Alters ≄ 75, für das die Interaktion auf einem 10 %-Zweiseiten-Niveau signifikant war.
• Die zuvor verƶffentlichte PrimƤranalyse (Ann Oncol 2025) zeigte eine signifikante Verbesserung des PFS (19.4 vs. 16.4 Monate; HR 0.69; 95 % Cl 0.54–0.87; p = 0.0009).
• Die endgültige Analyse bestƤtigt diese Ergebnisse und bestƤtigt eine verlƤngerte OS und keine neuen Sicherheitssignale.

Fazit
Die endgültigen Ergebnisse der EORTC1333/PEACE-3 bestätigen laut den Studienautoren, dass die Zugabe von sechs Zyklen Radium-223 zu Enzalutamid das Gesamtüberleben bei Männern mit knochendominantem mCRPC signifikant verlängert, was das synergistische Potenzial dieser Kombination untermauert.

Abstract 15. Final overall survival results from the EORTC 1333/PEACE-3 trial: Enzalutamide with or without radium-223 in metastatic castration-resistant prostate cancer. Enrique Gallardo, Bertrand F. Tombal, Ananya Choudhury, et al.

Ergebnisse sprechen für EV + Pembro als wirksame perioperative Behandlungsoption

Vorbemerkungen
Enfortumab Vedotin (EV) + Pembrolizumab (Pembro) ist laut den Studienautoren die etablierte Erstlinien-Standardtherapie für lokal fortgeschrittenes/metastasiertes Urothelkarzinom und stellt eine neuartige neoadjuvante und adjuvante Behandlungsstrategie für Patienten mit muskelinvasivem Blasenkrebs (MIBC) dar, die für eine Chemotherapie auf Cisplatin-Basis nicht in Frage kommen.

Die randomisierte Phase-3-Studie KEYNOTE-B15/EV-304 (NCT04700124) vergleicht neoadjuvantes und adjuvantes EV + Pembro gefolgt von radikaler Zystektomie plus pelvischer Lymphknotendissektion (RC + PLND) mit neoadjuvanter Chemotherapie gefolgt von RC + PLND bei Teilnehmern mit MIBC, die für eine Cisplatin-basierte Therapie in Frage kommen.

Studiendesign
• Pts mit klinischem Stadium T2-T4aNOM0 oder T1-T4aN1MO MIBC (bestƤtigt durch zentrale Pathologie und zentrale Bildgebungsauswertung), die für eine Cisplatin-basierte Chemotherapie und RC + PLND in Frage kamen, wurden im VerhƤltnis 1:1 randomisiert,
• um entweder 4 Zyklen neoadjuvantes EV 1.25 mg/kg IV an den Tagen 1 und 8 + Pembro 200 mg IV am Tag 1 Q3W, gefolgt von RC + PLND und adjuvanten 5 Zyklen EV + 13 Zyklen Pembro (EV + Pembro-Arm)
• oder 4 Zyklen neoadjuvantes Gemcitabin 1000 mg/m² an den Tagen 1 und 8 + Cisplatin 70 mg/m² am Tag 1 alle 3 Wochen, gefolgt von RC + PLND (Cis + Gem-Arm).
• Der primƤre Endpunkt war das ereignisfreie Überleben (EFS) gemƤss einer verblindeten unabhƤngigen zentralen Überprüfung.
• Wichtige sekundƤre Endpunkte waren die pathologische Komplettremissionsrate (pCR) gemƤss einer verblindeten zentralen pathologischen Überprüfung und das Gesamtüberleben (OS).
• Die Sicherheit war ein sekundƤrer Endpunkt; AEs von besonderem Interesse basierten auf eindeutigen vorab festgelegten Listen für jedes Medikament.

Behandlungsergebnisse
• Insgesamt wurden 405 und 403 Patienten randomisiert und erhielten EV + Pembro bzw. Cis + Gem.
• Die mediane Zeit von der Randomisierung bis zum Datenstichtag am 27. Oktober 2025 betrug 33.6 Monate (Bereich 22.5–53.6).
• Die Ausgangsmerkmale waren zwischen den Gruppen im Allgemeinen ausgeglichen.
• Im Vergleich zu Cis + Gem verbesserte die EFS signifikant (median NR vs. 48.5 Monate; geschƤtzte 24-Monats-EFS-Rate 79.4 % vs. 66.2 %; HR 0.53, 95 % KI 0.41–0.70; einseitiges P < 0.0001)
• sowie die OS (Median NR vs. NR; geschƤtzte 24-Monats-OS-Rate 86.9 % vs. 81.3 %; HR 0.48–0.89; einseitiges P = 0.0029)
• sowie pCR-Rate (55.8 % vs. 32.5 %; geschƤtzter Unterschied 23.4 %, 95 % KI 16.7–29.8; einseitiges P < 0.0001).

VertrƤglichkeit
• Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse (AE) des Grades ≄3 traten bei 75.7 % der Patienten mit EV + Pembro und bei 67.2 % der Patienten mit Cis + Gem auf.
• Die hƤufigsten medikamentenbedingten AE des Grades ≄3 von besonderem Interesse für EV waren Hautreaktionen (14.1 %);
• die hƤufigsten AE des Grades ≄3 von besonderem Interesse für Pembro waren schwere Hautreaktionen (13.9 %).

Fazit
Neoadjuvantes und adjuvantes EV + Pembro verbesserte laut den Studienautoren die EFS, OS und pCR-Rate im Vergleich zu neoadjuvantem Gem + Cis bei Patienten mit MIBC, die für eine Cisplatin-basierte Chemotherapie in Frage kamen, signifikant. Das Sicherheitsprofil von EV + Pembro stimmte mit früheren Erfahrungen mit dieser Kombination überein. Diese Ergebnisse sprechen für EV + Pembro als wirksame perioperative Behandlungsoption in diesem Setting. Insgesamt wurden 405 bzw. 403 Patienten den Gruppen ā€žEV + Pembroā€œ und ā€žCis + Gemā€œ zugewiesen. Die mediane Zeit von der Randomisierung bis zum Stichtag am 27. Oktober 2025 betrug 33.6 Monate (Bereich: 22.5–53.6). Die Ausgangsmerkmale waren zwischen den Gruppen im Grossen und Ganzen vergleichbar. EV + Pembrolizumab verbesserte im Vergleich zu Cis + Gem. Behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse (UE) des Grades ≄3 traten bei 75.7 % der Patienten mit EV + Pembro und bei 67.2 % mit Cis + Gem auf; ein hƤufiges UE des Grades ≄3 von besonderem Interesse für EV waren Hautreaktionen (14.1 %); das hƤufigste UE des Grades ≄3 von besonderem Interesse für Pembro waren schwere Hautreaktionen (13.9 %).

Abstract LBA630. Neoadjuvant and adjuvant enfortumab vedotin (EV) plus pembrolizumab (pembro) for participants with muscle-invasive bladder cancer (MIBC) who are eligible for cisplatin: Randomized, open-label, phase 3 KEYNOTE-B15 study. Matthew D. Galsky, BegoƱa P. Valderrama, Marco Maruzzo, et al.

Dr. med. Thomas Ferber

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