Sex and Gender in Medicine

Brauchen Frauen und Männer jeweils andere Medizin? Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den Krankheitsleitsymptomen oder der Wirkung von Therapien und Medikamenten? Diese Fragen wurden am Symposium über «Sex and Gender in Medicine» diskutiert, das am 15. November in Zürich stattfand.

Das Thema ist noch nicht ganz Mainstream, stellte die Direktorin Frau Prof. Dr. med. Beck-Schimmer, Direktorin Universitäre Medizin, Zürich, einleitend fest. Eine neue Sichtweise auf die Behandlung von Frauen und Männern ist heute angezeigt.

Die Referentin zitierte den französisch-kubanischen Maler und Dichter Francis Picabia: «Unser Kopf ist rund damit das Denken die Richtung wechseln kann».
Durch das Symposium führte in interaktiver und dynamischer Manier Frau Conny Czymoch.
Conny Czymoch, Journalistin und international tätige Moderatorin

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Interaktion zwischen Herz und Gehirn

Die Anzahl der vaskulären Todesfälle bei Frauen übertreffen heute diejenigen der Männer. 40% der kardiovaskulären Todesfälle werden bei Männern registriert im Vergleich zu 49% bei Frauen, so Frau Prof. Dr. med. Catherine Gebhard, Zürich.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren haben eine höhere Prävalenz und eine grössere klinische Bedeutung bei jungen Frauen im Vergleich zu Männern und/oder älteren Frauen und nach einem Herzinfarkt sind Frauen mehr gestresst als Männer. Die Nervenbelastung bei kardiovaskulärer Erkrankung unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Bei Frauen wird eine stärkere Reaktion beobachtet, was darauf hindeutet, dass Frauen disproportional anfällig für die negativen psychischen Auswirkungen chronischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Die hochregulierte Aktivität der Amygdala ist mit einem erhöhten Entzündungszustand bei weiblichen Patienten verbunden. Ein Fokus auf Entzündungsmarker und Belastungsindikatoren könnte die Ergebnisse bei Frauen mit koronarer Herzkrankheit verbessern.
Zukünftige Studien werden die klinische Bedeutung der neuronalen Bildgebung bei der Phänotypisierung von Patienten mit Risiko für künftige kardiale Ereignisse bewerten müssen, so die Perspektiven der Referentin.

Gibt es nur den «kleinen Unterschied» zwischen Mädchen und Knaben?

Zunächst erinnerte Prof. em. Dr. med.-David Nadal, Zürich, mit dem kleinen Unterschied an Alice Schwartzer vor 40 Jahren.
Der Referent zeigte den genetischen Unterschied zwischen Mädchen und Knaben, die Geschlechts-Chromosomen XX vs. XY, und stellte fest, dass eigentlich die Knaben das schwache Geschlecht darstellen. Er erwähnte den Dresscode mit blau und rosa und das Lied von Herbert Grönemeyer: «Männer führen Kriege Männer sind schon als Baby blau».

Die Unterschiede in Sterblichkeit und Morbidität bei Zwillingen mit unterschiedlichem Sex untermauern, dass Männer eigentlich das schwache Geschlecht darstellen, zumindest medizinisch.
So zeigen sie vermehrte kongenitale Abnormalitäten, höhere neonatale Mortalität vermehrte Häufigkeit von Atemstörungssyndromen. In der Frühkindlichen Entwicklung gibt es geringe Unterschiede in der Feinmotorik, im Sprechen.
Mädchen reden in der Regel einige Wochen früher als Knaben, haben einen grösseren Wortschatz und eignen sich Mamas Mimik und Gestik früher an als Knaben. Bei der Kraftanwendung sind allerdings Knaben früher als Mädchen.
Gender-Stereotypien beeinflussen das Verhalten. So werden hochrangige intellektuelle Fähigkeiten (Brillanz, Genialität, etc.) mehr mit Männern als mit Frauen in Verbindung gebracht. Diese Stereotypien entmutigen Frauen bei der Suche nach prestigeträchtigen Karrieren.
Mädchen und Knaben können – sei es als Neugeborene, Kleinkinder, Schulkinder oder Jugendliche – medizinisch nicht unbedingt über den gleichen Kamm geschoren werden.
Für eine menschenwürdige Medizin braucht es epidemiologische, diagnostische und therapeutische Forschung und Lehre, welche den alters-, sex- und gender-bedingten Unterschieden Rechnung tragen, so die Schlussfolgerungen des Referenten.

Geschlechtsunterschiede und -ähnlichkeiten aus der Perspektive der Neuropsychologie

Die Kernthesen sind: Geschlechtsspezifisches Verhalten wird determiniert durch geschlechtsspezifische Gehirne (Anatomie & Neurophysiologie), Testosteron und Östrogenkonzentration etc. und Genetik, so Prof. Dr. rer. nat. Lutz Jänke, Zürich.

Der Referent erinnerte an das Buch von Allan und Barbara Pease, Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen. Er nannte die Gebiete, bei denen Frauen im Vorteil und solche, bei denen Männer im Vorteil sind.
Um die Unterschiede mathematisch zu erfassen, definierte er die Effektstärke als Unterschied = (Leistung Männer – Leistung Frauen) / Streuung. Er wies auf die verschiedenen Effektstärken hin, die von 0.9 (Verträglichkeit: Offenheit für Erfahrung) zugunsten von Frauen bis 2.0 für Werfen und Geschwindigkeit zugunsten von Männern reicht. Die durchschnittlichen Effektgrössen zeigen 88% Überlappungen zwischen Männern und Frauen, also praktisch keinen Unterschied. Das für Frauen vielgenannte Multitasking zeigt eine Effektgrösse von weniger als 0.1 (sogar zugunsten von Männern). Der Referent schloss mit dem Zitat von Janet Shibley Hyde «Männer und Frauen sind in den meisten (nicht allen!) psychologischen Funktionen ähnlich bzw. identisch!» (Janet Shibley Hyde. The gender similarities hypothesis. Amer. Psyhologist 2005;60:581-592).

Was ist Gender-Medizin und wie kann sie im klinischen Alltag umgesetzt werden?


Menschen werden weiblich oder männlich geboren, aber lernen Mädchen oder Buben zu sein, welche zu Frauen oder Männern heranwachsen, so Frau Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Wien.
Ein Mann oder eine Frau zu sein, hat einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit, sagt die WHO.

Die Definition von Sex und Gender

Ein Drittel (6500) der untersuchten Gene in Männern und Frauen werden unterschiedlich exprimiert. Gene, welche vor allem in einem Geschlecht aktiv sind, spielen womöglich eine zentrale Rolle in der Evolution und Gesundheit.
Beispiele für geschlechtsspezifisch stärker exprimierte Gene sind bei Männern der Haarwuchs (in der Haut), der Muskelaufbau, Gene in der Brust (vermutlich um die Laktation zu unterdrücken). Bei Frauen sind es die Fettspeicher, Gene in der Leber, die den Metabolismus von Medikamenten beeinflussen, sowie unterschiedliche Gene des Zuckerstoffwechsels.

Gendermedizin: Verhalten und gesundheitliche Belastungen

Frauen nehmen häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teil und haben insgesamt mehr medizinische Konsultationen. Männer schätzen dagegen Bewegung eher als gesundheitsfördernd ein. Ernährung spielt wiederum im Gesundheitskonzept von Frauen eine zentrale Rolle.
Rauchen und Alkoholkonsum waren früher männlich dominiert und sind NOCH für einen wesentlichen Teil des Gender-Gaps in der Lebenserwartung verantwortlich.

Pathologische Geschlechter-Unterschiede des Stoffwechsels und Energiehaushalts

Frauen zeigen öfter gestörte Glukosetoleranz und später Diabetes, mehr Adipositas, häufiger auch Depressionen, höheres Risiko für Komplikationen (Herz, Hirn u.a.). Diätetische Hauptrisikofaktoren für Mortalität sind wenig Vollkorn bei Frauen und hoher Salzkonsum bei Männern. Männer weisen eine höhere Mortalität wegen ungesünderer Ernährungsgewohnheiten auf.

Gendermedizin und Medikamente

Frauen sind in klinischen Studien generell unterrepräsentiert, sie zeigen mehr Nebenwirkungen bei ACE-Hemmern, β-Blockern, Ca-Antagonisten, Statinen und mehr Blutungen unter antithrombotischer Therapie. Frauen zeigen eine 10-20% grössere Wahrscheinlichkeit für fehlende Therapieadhärenz. Die Ursachen können geringeres Bewusstsein für kardiovaskuläre Erkrankungen oder mehr Nebenwirkungen sein. Unterschiede wurden auch bei der Behandlung von Patientinnen durch weibliche gegenüber männlichen Ärzten festgestellt. Die Mortalitäts- und Wiederaufnahme-Raten von Patientinnen waren bei Internistinnen geringer als bei Internisten.
Die Referentin schloss mit dem Zitat von Rosa Meyreder, 1905: «Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind von einander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten.»

Sex- und Gender-Unterschiede bei Alzheimer-Krankheit – Update des Women’s Brain Project

Frauen weisen im Mittel mehr Neurotismus (vermehrte Ängstlichkeit, niedrigere Stresstoleranz) auf als Männer. Dies mag zu einem höheren Mass an Ängstlichkeit beitragen, von dem Frauen auf Googleghost berichten, und zu der geringeren Anzahl von Frauen in hochbelasteten Berufen, stellte Dr. Maria Teresa Ferretti, Zürich, fest.

35% des Risikos für Alzheimer-Krankheit sind modifizierbar. Sex und Gender beeinflussen die modifizierbaren Risikofaktoren. Spezifisch weibliche potentielle Risikofaktoren sind frühe Menopause, hypertensive Komplikationen während der Schwangerschaft, Schwangerschaften, und Migräne. Bei Frauen wird eine schnellere Krankheitsprogression festgestellt. Es gibt aber auch geschlechtsbedingte Unterschiede bei den Biomarkern für Alzheimer-Krankheit. So zeigen Frauen eine vermehrte Tau-vermittelte metabolische Dysfunktion im Vergleich zu Männern.
Die Referentin rief zum Handeln von der «One size fits all medicine» zur Precision Medicine auf. Dies bedeutet Sex-sensitive Präventionskampagnen, Frühdiagnose, Behandlung sowohl bei präklinischem Studiendesign als auch in der präklinischen Forschung.
Das Women’s Brain Project hat 4 Hauptarbeitsabläufe: W51: präklinische Wissenschaft, W52: Medikamententwicklung, W53: Neue Technologien, W54: Soziale Determinanten der Gesundheits- und Politikwissenschaft.

Geschlecht als biologische Variable in der Grundlagen- und präklinischen Forschung

Das Geschlecht ist eine wichtige biologische Variable in der medizinischen Forschung, stellte Prof. Dr. rer. nat. Thorsten Buch, Zürich, einleitend fest. In der Präklinik kommen oft nur männliche Tiere zum Einsatz. Sind die Geschlechter in der biomedizinischen Forschung gleich?

In der Zellkultur nehmen weibliche Neurone Dopamine zweimal so schnell auf wie männliche Neurone. Weibliche Neurone und Nierenzellen sind empfindlicher gegenüber Chemikalien, die den Zelltod auslösen. Weibliche Leberzellen haben mehr CYP3A-Protein, welches wichtig für den Abbau der Hälfte aller Medikamente ist. Beim Schmerz brauchen männliche Mäuse Mikroglia für mechanisches Schmerzempfinden, weibliche Mäuse brauchen dagegen T-Lymphozyten.
Von 71 Forschungsarbeiten mit Mäusen oder Ratten, die in der Zeitschrift Pain im Jahre 2015 publiziert wurden, waren 56 nur mit Männchen, nur 6 mit Weibchen, 6 Studien erwähnten das Geschlecht überhaupt nicht. Viele Forscher benutzen Männchen statt Weibchen. Die Gründe sind eine mögliche Variabilität aufgrund schwankender Hormonspiegel, die Befürchtung, dass die Gutachter der Studien fordern könnten, dass jede Phase des Östruszyklus zu wiederholen sei. Zudem glauben viele Forscher, dass die Stichprobengrösse verdoppelt werden müsste, was die Kosten für Experimente erheblich erhöht. De vero weisen weibliche Tiere eine geringere Variabilität auf als männliche Tiere, wie der Referent zeigte.

Warum brauchen wir Gendermedizin?

Handlungsfelder an der Universität sind Gender in Klinik, Therapie und Prävention, Gender in der Forschung, Gender in der Lehre, stellte Frau Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek, Berlin, z.Z. Anna Fischer Dückelmann Gastprofessorin an der Universität Zürich, fest. Die Referentin bezog sich insbesondere auf die kardiovaskuläre Forschung.

Junge Frauen zeigen weltweit eine erhöhte Sterblichkeit nach Bypass-Operation. Das klassische Bild der koronaren Herzerkrankung ist ein älterer rauchender Mann. Herzerkrankungen sind aber heute der «Killer Nr. 1» bei Frauen. Männer zeigen die klassischen Erkrankungen der grossen Koronargefässe. Frauen weisen Plaqueerosionen, Spasmen, Dissektionen, Erkrankungen der kleinen Gefässe auf. Sie haben ein grosses Spektrum an Beschwerden und zeigen ein unterschiedliches Ansprechen auf Therapien.
Geschlechterunterschiede gibt es auch bei psychischer Gesundheit/Krankheit. Frauen leiden häufiger an psychischen Krankheiten wie Angsterkrankungen, versuchtem Suizid. Männer zeigen antisoziale Persönlichkeitsstörung, Sucht und vollendeten Suizid. Endokrine und muskuloskelettale Erkrankungen sind bei Frauen häufiger als bei Männern. Die Osteoporose gilt als Frauenerkrankung. Bei Männern wird sie unterschätzt und ist unterdiagnostiziert.
Frauen sind auch bei der COPD überrepräsentiert. Sie weisen die Symptome in jüngerem Alter auf als Männer und bei geringerer Tabakexposition.
Die Prävalenz von kardiometabolischen Störungen bei Frauen und Männern hat weltweit zugenommen und ist mit einem Anstieg von Adipositas und Fettleibigkeit, damit verbundenen Konzentrationen anderer kardiometabolischer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, beeinträchtigter Glukosemetabolismus und Dyslipidämie verbunden. Die Referentin ruft zu den folgenden Handlungsfeldern an der Universität auf:
Geschlechtsunterschiede sollen bei allen Erkrankungen und in der Arzneimitteltherapie systematisch aufgearbeitet werden. In der Forschung müssen Geschlechter-Unterschiede in Tiermodellen berücksichtigt werden.

Quelle: Kickoff Symposium «Sex and Gender in Medicine», Universitäres Zentrum Zürich, 15.11.2019.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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Psychiatrische Erkrankungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett

Am traditionellen 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe in Näfels widmete sich Frau Dr. phil. Kathrin Degen, St. Gallen, den psychiatrischen Erkrankungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett.

Peripartale Depression

Peripartale Depressionen lassen sich unterteilen in antepartale Depression (Schwangerschaftsdepression) und postpartale Depression. Die antepartale Depression tritt mit einer Prävalenz von 10-12% auf. Fünfzig Prozent der postpartalen Depressionen beginnen bereits in der Schwangerschaft, wie die Referentin ausführte.

Dr. phil. Kathrin Degen

Die postpartalen Depressionen kommen mit einer Prävalenz von 10 bis 15% vor, bei Einschluss der minoren Depressionen und depressiven Anpassungsstörungen kommt man auf eine Prävalenz bis 19%. Dazu kommt ein gehäuftes Auftreten von Angstsymptomatik und Panikattacken. Ein Jahr nach Geburt sind ca. 30% der Betroffenen immer noch depressiv. Die Rückfallrate für spätere peripartale und nichtperipartale Depressionen beträgt ca. 40%.
Die Depressionen können innerhalb von vier (DSM-5) bis sechs (ICD-10) Wochen nach Entbindung auftreten. Im klinischen Kontext ist eine Ausweitung auf 5 bis sogar 12 Monate sinnvoll. Tritt eine depressive Verstimmung mit frühem postpartalen Beginn auf, deutet dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auf hormonelle Auslöser hin.
Es können verschiedene Typen der postpartalen Depression unterschieden werden, stellte die Referentin fest: Beim «Insuffizienztyp» ist eine depressive Verstimmung mit Versagens- und Schuldgefühlen im Vordergrund. Beim «Zwangstyp» treten neben einer depressiven Verstimmung Zwangssymptome auf und beim «Paniktyp» ist die depressive Verstimmung begleitet vom meist erstmaligen Auftreten von Panikattacken. (1, 2)

Postpartum-Psychosen

Die Behandlungsprävalenzen betragen zwischen 0,1 und 0,2%. Meistens erfolgt ein abrupter Beginn mit kurzer Latenz nach Entbindung. Es besteht eine erhöhte Suizid- und Infantizidgefahr. Diese treten meistens im Rahmen einer bipolaren Erkrankung auf. Die isolierten Postpartum-Psychosen sind deutlich seltener. Vermutet wird eine erhöhte Vulnerabilität für endokrinologische und immunologische Veränderungen als Auslöser. (1)

Posttraumatische Belastungsstörungen

Geburtstraumata mit Vollbild einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen in 2% vor. Das subjektive Erleben der Geburt ist dabei entscheidender als ein objektiver medizinischer Geburtsverlauf, so die Referentin. Traumatisch erlebte Entbindungen mit daraus folgender posttraumatischer Belastungsstörung treten zehnmal häufiger auf als die postpartale Psychose.
Frauen mit Vortraumatisierung sind besonders gefährdet, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Peritraumatische Dissoziation während der Entbindung ist ein relevanter Prädiktor für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sexueller Missbrauch in der Kindheit ist ausserdem mit einem vielfach erhöhten Risiko einer postpartalen posttraumatischen Belastungsstörung assoziiert, weshalb eine sorgfältige Anamnese diesbezüglich im Vorfeld der Geburt zentral ist. (1, 2)

Zwangsstörungen

Eine antepartale Zwangssymptomatik kommt in 2.1% vor, eine postpartale Zwangssymptomatik in 2.4%. Häufige Inhalte der Zwänge sind Kontamination oder Gefährdung des Kindes. Im Gegensatz zu Zwangsgedanken beim «Zwangstyp» der postpartalen Depression werden die Zwangsgedanken ich-fremder erlebt. Aggressive Zwangsgedanken sind jedoch selten mit Handlungsumsetzung verbunden. (1)

Angststörungen

Es besteht keine erhöhte Prävalenz für Angststörungen in der Peripartalzeit. Die Komorbidität mit postpartaler Depression mit ungünstigem Einfluss auf den Verlauf ist jedoch hoch. Die isolierte Panikstörung wird nur diagnostiziert, wenn Panik das zentrale Symptom ist und depressive Verstimmung lediglich eine Begleiterscheinung darstellt. (1, 2)

Vulnerabilität

Vorbestehende psychische Erkrankungen sind ein wichtiger prädiktiver Faktor für das Auftreten einer peripartalen psychischen Episode. Postpartale Depressionen mit kurzer Latenz nach Entbindung (bis vier Wochen) sind assoziiert mit einer in der Vorgeschichte bestehenden prämenstruellen dysphorischen Störung und einer familiären Vorbelastung mit postpartalen Depressionen. Es besteht zudem ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer bipolaren Erkrankung.
Frauen mit anamnestisch gehäuften depressiven Episoden und Rückfällen (auch ausserhalb der Peripartalzeit) haben hohe Rückfallraten in der Schwangerschaft bei Absetzen der Medikation.
Risikofaktoren für eine postpartale Psychose sind insbesondere frühere bipolare Episoden oder schwere frühere postpartale Episoden.
Das Rückfallrisiko bei einer bipolaren Störung ist in der Schwangerschaft bei Absetzen der Medikation deutlich erhöht. (1)

Auswirkungen auf fetale und kindliche Entwicklung

Bei unterschiedlichen Störungsbildern zeigen sich erhöhte Frühgeburtenraten, geringes Geburtsgewicht, ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Totgeburten sowie plötzlicher Kindstod. Als korrelierende Faktoren müssen ungünstige Umweltfaktoren (z.B. Substanzgebrauch, schlechte Ernährung und häusliche Gewalt) berücksichtigt werden.
Peripartale psychische Störungen erhöhen das Risiko für emotionale, kindliche Probleme.
Depressive Symptomatik, welche nach der Postpartalzeit anhält, wirkt sich zudem ungünstig auf die kindliche kognitive Entwicklung aus.
Ein erhöhtes Risiko für Bindungsstörungen besteht bei schweren postpartalen depressiven Episoden.
Ante- und postpartale Angsterkrankungen scheinen insbesondere das Risiko für ADHS und Störungen des Sozialverhaltens zu erhöhen. (1)

Diagnostische Klassifikation

Peripartale Störungen sollen im ICD-10 unter der entsprechenden Hauptkategorie klassifiziert werden (F1-F6). Die Zuordnung der aktuellen Episode zur Peripartalphase erfolgt über den Zusatz O99.3 (Psychische Krankheiten sowie Krankheiten des Nervensystems, die Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett komplizieren).
Kategorie F53 (Psychische oder Verhaltensstörungen im Wochenbett, anderenorts nicht klassifiziert) stellt lediglich eine Restkategorie für Störungen dar, welche nicht die Kriterien einer anderen Störung erfüllen und deren Beginn innerhalb der ersten sechs Wochen nach Entbindung liegt. (1)

Quelle: 22. Kongress für praktische Gynäkologie und Geburtshilfe, Näfels, 7.-8. November 2019

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

1. Kühner, C. Psychiatrische Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit: Häufigkeit, Verlauf und klinische Diagnostik. In: Der Nervenarzt 2016; 87: 926–936.
2. Rohde, Anke; Dorn, Almut (2007): Gynäkologische Psychosomatik und Gynäkopsychiatrie. Das Lehrbuch. Stuttgart New York: Schattauer.

Die Diagnose von Osteoporose bei Statintherapie ist abhängig von der Dosis

Die Beziehung zwischen Statintherapie und Osteoporose ist bisher nicht vollständig geklärt. Frühere Studien haben darauf hingedeutet, dass Osteoporose bei Statinbehandlung unterrepräsentiert ist (1-3). Eine neue Studie hat nun gezeigt, dass die Diagnose der Osteoporose bei Statinbehandlung dosisabhängig ist (4).

Statine spielen eine entscheidende Rolle bei der Behandlung der Hypercholesterinämie, was sie zu einem der häufig verwendeten Medikamente macht. Die aktuellen Richtlinien für die Behandlung der Hypercholesterinämie bei Hochrisikopatienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) oder Diabetes empfehlen, den Cholesterinspiegel so niedrig wie möglich zu halten (5). Aufgrund dieser grossen Anzahl von Patienten unter Statintherapie ist die Forschung über den Zusammenhang zwischen Statinverbrauch und Osteoporoserisiko von grosser Bedeutung. Insbesondere sind die zugrundeliegenden pathophysiologischen Mechanismen eines möglichen osteoprotektiven Schutzes der Statine noch nicht vollständig etabliert (3, 6, 7).
Obwohl viele Beobachtungsstudien positive Auswirkungen der Statinbehandlung auf die Knochendichte und/oder Frakturen berichten, sind die bestehenden Daten nicht ausreichend, um die Einnahme von Statinen zur Prophylaxe von Osteoporose zu unterstützen. Dies ist hauptsächlich auf die Heterogenität der Daten über die Wirkung der Statintherapie auf den Knochen, die Knochenbildungsfaktoren, die Knochendichte bei Frauen, die Knochendichte insgesamt und das Frakturrisiko (3) zurückzuführen sowie auf den Mangel an Daten bezüglich der Beziehung zwischen verschiedenen Arten und Dosierungen von Statinen und der Diagnose von Osteoporose.
In der vorliegenden Studie wurde die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aller Oesterreicher von 2006 bis 2007 dazu verwendet, alle mit einem Statin behandelten Patienten zu identifizieren und die täglichen Dosen von 6 verschiedenen Statinen zu berechnen. Mit Hilfe der multiplen logistischen Regression wurde für jede Statistik einzeln das dosisabhängige Risiko für Osteoporose analysiert.
In der Gesamtpopulation war die Statinbehandlung mit einer Überrepräsentation der Osteoporose-Diagnose im Vergleich zur Kontrollpopulation vertreten. Dabei stellte die Dosis einen wesentlichen Risikofaktor dar. Bei niedriger Statindosierung (0-10 mg) zeigte sich dagegen eine Unterrepräsentation von Osteoporose.
Das Risiko für Osteoporose stieg unter der Einnahme von Atorva-statin und Rosuvastatin ab einer Einnahme von 20 mg täglich an. Unter Simvastatin wurde dieser Effekt ab einer Dosis von 40 mg beobachtet. Die Odds Ratio lag bei Atorvastatin bei 1,78 (95% CI 1,41 bis 2,23; p < 0.001), die für Rosuvastatin sogar bei 2,04 (95% CI 1,31 bis 3,18; p < 0.01), und eine Einnahme von mindestens 40 mg Simvastatin ergab eine Odds Ratio von 1,64 (95% CI 1,31 bis 2,07; p < 0.01).

Fazit

Die Resultate zeigen, dass die Diagnose einer Osteoporose bei mit Statin behandeltem Patienten dosisabhängig ist. Bei niedriger Dosierung ist sie unterrepräsentiert, bei hoher Dosierung überrepräsentiert.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Patienten mit hohem Risiko für Osteoporose unter Hochdosis-Statinbehandlung häufiger überwacht werden sollten.

Dr. med. Urs N. Dürst

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1. Stone MD et al. Treatment of osteoporosis: current and future. Ann Rheum Dis1991;50:663
2. An T et al. Efficacy of statins for osteoporosis: a systematic review and meta-
analysis. Osteoporos Int 2017;28:47–57
3. Lin T-K et al. Long-Term effect of statins on the risk of new-onset osteoporosis: a nationwide population-based cohort study. PLoS One 2018;13:e0196713.doi:10.1371/journal.pone.0196713
4. Leutner M et al. Diagnosis of osteoporosis in statin-treated patients is dose-
dependent. Ann Rheum Dis 2019; O: 1-6
5. Catapano AL, Graham I, De Backer G, et al. 2016 ESC/EAS guidelines for the
management of Dyslipidaemias. Eur Heart J 2016;37:2999–3058
6. Sugiyama M, Kodama T, Konishi K, et al. Compactin and simvastatin, but not
pravastatin, induce bone morphogenetic protein-2 in human osteosarcoma cells. Biochem Biophys Res Commun 2000;271:688–92
7. Wei W, Schwaid AG, Wang X, et al. Ligand activation of ERRα by cholesterol
mediates statin and bisphosphonate effects. Cell Metab 2016;23:479–91

Karpaltunnelsyndrom und Amyloidose

Eine Patientengruppe bei der es Sinn machen könnte, aktiv nach einer Transthyretin-Amyloidose (ATTR) zu suchen, sind die Patienten mit Karpaltunnelsyndrom. Wenn diese operiert werden, lässt sich in 10% bis 15% der Fälle TTR-Amyloid nachweisen. Dies konnte mittlerweile in mehreren kleineren Studien gezeigt werden.

Im Rahmen einer nationalen Auswertung dänischer Versorgungsregister wurde jetzt analysiert, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Karpaltunnelsyndrom und der Häufigkeit von Herzinsuffizienz und anderen negativen kardiovaskulären Ereignissen gibt.
Wie erwartet, war das Karpaltunnelsyndrom mit einem deutlich (nämlich zwölfmal) höheren Risiko einer zukünftigen Diagnose von Amyloidose verbunden (Hazard Ratio: 12,12; 95% Konfidenzintervall: 4,37 bis 33,60). Die Diagnose wurde im Median 3 Jahre nach der Operation gestellt, wobei die absolute Häufigkeit der Amyloidose mit 0.1 Prozent in der Gruppe mit Operation wegen Karpaltunnelsyndrom sehr gering war. Es wurde keine signifikante Interaktion mit dem Geschlecht gefunden (p = 0,5). Das Risiko für andere negative Ereignisse war ebenfalls mit dem Karpaltunnelsyndrom verbunden (p < 0,0001 für Vorhofflimmern, atrioventrikulären Herzblock und Herzschrittmacherimplantation).
Kommentar: Vor allem beim beidseitigen Karpaltunnelsyndrom bei Männern >50 oder Frauen >60 Jahre ohne rheumatoide Arthritis oder Trauma sollte man an eine mögliche spätere kardiale Amyloidose denken. Dabei sind alle 3 Formen (AL-, ATTRwt-, hereditäre Amyloidose) möglich; am häufigsten findet man das Karpaltunnelsyndrom bei der ATTRwt-Amyloidose. Dieses tritt 3-10 Jahre vor der manifesten kardialen Amyloidose auf. Aktuell ist nicht bekannt, wie stark das Herz beim Auftreten des Karpaltunnelsyndroms befallen ist.
Der Handchirurg sollte öfters eine Biopsie des entfernten Gewebes veranlassen. Leider wird diese routinemässig von der Krankenkassen nicht übernommen. Bei positiver Biopsie sollte man aktiv nach einer kardialen Amyloidose mittels Echokardiographie inkl. Speckle-Tracking mit Apical Sparing suchen (bei positivem Echo: DPD-Knochenszintigraphie oder Kardio-MRT). Ebenso sollte man mittels einer Eiweiss- und Immunelektrophorese im Serum und Urin eine AL-Amyloidose ausschliessen. Diese Untersuchungen muss man wahrscheinlich bei negativem Befund im Verlauf wiederholen. Weitere «red flags» sind auch ein enger Spinalkanal oder eine spontan abgerissene Bizepssehne. Eine frühe Diagnose ist bei den heutigen spezifischen Therapiemöglichkeiten entscheidend. Eine Risikostratifizierung mit Hilfe der kardialen Biomarker NT-proBNP und Troponin T ist bei der kardialen Amyloidose möglich.
Ein sehr gutes umfassendes Positionspapier zur Amyloidose wurde von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie im September 2019 publiziert (Yilmaz A et al. Diagnsotik und Therapie der kardialen Amyloidose. Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreilsaufforschung (DGK). Der Kardiologe 2019;13:264-291).

Fazit

Patienten, die sich einer chirurgischen Behandlung eines Karpaltunnelsyndroms unterziehen, haben ein höheres Risiko für Amyloidose und Herzinsuffizienz im Vergleich zu adjustierten Kontrollpersonen aus der Allgemeinbevölkerung. Auch das Risiko für andere kardiovaskuläre Ereignisse ist bei Patienten mit Karpaltunnelsyndrom erhöht.

Quelle: Fosbol EL et al. Association of Carpal Tunnel Syndrome With Amyloidosis, Heart Failure, and Adverse Cardiovascular Outcomes. J Am Coll Cardiol. 2019 Jul 9;74(1):15-23. doi: 10.1016/j.jacc.2019.04.054.

Dr. med. Urs N. Dürst

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Blutdrucksenker-Einnahme am Abend

Die Hygia Chronotherapy-Studie, die im Rahmen der klinischen Grundversorgung durchgeführt wurde, hatte zum Ziel zu testen, ob die Medikamenteneinnahme zur Schlafenszeit im Vergleich zur üblichen Hypertonie-Therapie nach dem Aufwachen eine bessere Risikoreduktion bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) bewirkt.

In dieser multizentrischen, kontrollierten, prospektiven Endpunktstudie wurden 19 084 hypertensive Patienten (10 614 Männer/8470 Frauen, 60,5 ± 13,7 Jahre alt) in zwei Gruppen (1:1) eingeteilt: Solche, die die gesamte Tagesdosis von ≥1 Bluthochdruckmedikament vor dem Schlafengehen (n = 9552) einnahmen oder solche die ihre Tagesdosis beim Erwachen (n = 9532) einnahmen. Bei der Aufnahme und bei jedem geplanten Klinikbesuch (mindestens einmal jährlich) während der Nachsorge wurde eine ambulante Blutdrucküberwachung (ABP) während 48 Stunden durchgeführt. Während der 6,3-jährigen medianen Nachsorge der Patienten erlebten 1752 Teilnehmer das primäre CVD-Ergebnis (CVD-Tod, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz oder Schlaganfall). Patienten, die die Blutdrucksenker vor der Schlafenszeit einnahmen, zeigten im Vergleich zu Patienten mit Einnahme der blutdrucksenkenden Medikamente nach dem Aufwachen eine signifikant niedrigere bereinigte Hazard Ratio.

Fazit

Die routinemässige Einnahme von Bluthochdruckpatienten von ≥ 1 verschriebenen blutdrucksenkenden Medikamenten vor dem Schlafengehen führt im Gegensatz zur Einnahme der Blutdrucksenker nach dem Aufwachen zu einer verbesserten ABP-Kontrolle (signifikant erhöhter Rückgang des Blutdrucks während der Schlafenszeit und erhöhte relative Blutdrucksenkung in der Schlafzeit, d.h. Blutdruck-Dipping) und vor allem zu einem deutlich verminderten Auftreten von schweren CVD-Ereignissen. ClinicalTrials.gov, Nummer NCT00741585.

Quelle: Hermida RC et al. Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction: the Hygia Chronotherapy Trial. Eur Heart J. 2019 Oct 22. pii: ehz754. doi: 10.1093/eurheartj/ehz754. [Epub ahead of print]

Dr. med. Urs N. Dürst

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Kardiovaskuläre Prävention nach ACS

Strukturierte sekundäre kardiovaskuläre Präventionsprogramme (SSCP) nach akuten koronaren Syndromen (ACS) können die wichtigsten unerwünschten kardiovaskulären Ereignisse (MACE) durch bessere Einhaltung der Post-ACS-Empfehlungen reduzieren.

Diesem Konzept ging eine Schweizer Forschungsgruppe durch Vergleich der Ergebnisse von zwei aufeinanderfolgenden Post-ACS-Patientenkohorten nach, wobei die erste eine Standardversorgung (SC) erhielt, gefolgt von einer weiteren, die zusätzliche Massnahmen (SSCP) zur Verbesserung der Patientenaufklärung sowie der Leistungserbringer- und der Spitalsysteme gemäss ELIPS enthielt (1). ELIPS (NCT01075867) (Protocole 07-131) ist Teil eines Verbundprojekts – Inflammation and acute coronary syndromes (ACS)-novel strategies for prevention and clinical management –, unterstützt durch den Schweizerischen Nationalfonds in 4 Schweizer Universitätsspitälern (Bern, Genf, Lausanne und Zürich).
Über 18-jährige Personen, die mit der Hauptdiagnose eines ACS hospitalisiert waren, wurden von Januar 2009 bis Dezember 2012 eingeschlossen. ACS wurde definiert als Symptome, die mit Angina pectoris (Brustschmerzen, Atemnot) und mindestens einem der folgenden Kriterien vereinbar ist: (a) ischämische Veränderungen des EKG, wie z.B. persistente oder dynamische ST-Segment-
abweichung, T-Wellen-Inversion, neuer Linksschenkelblock);
(b) Nachweis von positivem konventionellem oder hochempfindlichem Troponin anhand lokaler Laborreferenzwerte; (c) bekannte koronare Herzkrankheit (CHD), definiert durch bereits bestehenden Myokardinfarkt (MI), Bypasstransplantat der Koronararterie (CABG), perkutane Koronarintervention (PCI) oder dokumentierte > 50%-ige Stenose einer epikardialen Koronararterie in einer früheren Angiographie (2).
Ausschlusskriterien umfassten Index Revaskularisierung mit CABG, schwere körperliche Behinderung, Zustimmungsunfähigkeit (Demenz) und eine Lebenserwartung von weniger als einem Jahr aus nicht kardialen Gründen. Zur Bewertung der Wirksamkeit der ELIPS-Intervention entschied man sich für ein prospektives sequentielles Vorher-Nachher-Interventionsdesign, wie es für komplexe Interventionen üblich ist (3). Die Gruppe der Standardversorgung (SC) (Beobachtungsphase) umfasste Patienten, die von Januar 2009 bis Dezember 2010 eingeschlossen wurden, während die ELIPS Add-on Gruppe (SSCP, Interventionsphase) Patienten umfasste, die von Januar 2011 bis Dezember 2012 eingeschlossen wurden.

Die ELIPS-Intervention

Die ELIPS-Intervention umfasst Massnahmen auf der Ebene der Patienten, der Gesundheitsdienstleister und des Gesundheitssystems, die darauf abzielen, die Ergebnisse der Patienten durch eine bessere Einhaltung der Post-ACS-Instruktionsprogramme zu verbessern (4, 5).

ELIPS auf Patientenebene

Auf der Patientenebene bestand ELIPS aus einem Aufklärungsprogramm, das dem Patienten in angemessenen Zeitabständen und Intervallen zur Verfügung gestellt wurde, basierend auf individuellen, auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmten Massnahmen. Die Patienten wurden ermutigt, einen gesunden Lebensstil mit Unterstützung durch geschultes medizinisches Fachpersonal zu erreichen – ein Ansatz, der darauf abzielte, beim Patienten die Motivation zur Veränderung hervorzurufen und zu stärken (6). Ferner wurden die Patienten gebeten, ihre kardiovaskulären Risikofaktoren mit Hilfe eines interaktiven Plans selbst zu bewerten und sie wurden eingeladen, einen 27-minütigen Film (in Form einer DVD) zum Patientenalltag zu sehen. Die Patienten erhielten auch personalisierte Lifestyle-Broschüren und wurden mit einer standardisierten Entlassungskarte ausgestattet, welche die jeweiligen Gründe für die Medikamentenverschreibungen sowie eine Zusammenfassung der Ziele in der Sekundärprävention enthielt. Eine eigene Website (https://www.hug-ge.ch/elips) ermöglichte sowohl den Patienten als auch den Leistungserbringern, über den therapeutischen Ausbildungsprozess und das Ausbildungsprogramm auf dem Laufenden zu bleiben.
Die Phase 2 der kardialen Rehabilitation und Trainingsverordnung wurde in national registrierten Herzrehabilitationszentren nach der Entlassung aus dem Krankenhaus durchgeführt.

ELIPS auf der Ebene der Gesundheitsdienstleister

In jedem der 4 Krankenhäuser wurden engagierte Krankenpflegerinnen geschult, um Interviews mit Patienten zur Motivierung und in kardiovaskulärer Gesundheit durchzuführen. Im Zentrum stand dabei, beim Patienten eine ambivalente Motivation zu lösen und gleichzeitig dessen intrinsische Motivation für Veränderungen zu stärken (7).

ELIPS auf Systemebene

Auf Systemebene waren die Projektleiter der teilnehmenden Krankenhäuser für die Organisation einer Reihe von Schulungen zur Unterstützung der Umsetzung der ELIPS-Intervention verantwortlich. Die vorgenannten standardisierten Behandlungsentlassungskarten wurden mit dem Ziel entwickelt, Folgeinformationen an Hausärzte oder ausgewiesene Kardiologen weiterzugeben.
Die vielseitige ELIPS-Intervention umfasste ein Programm mit Anreizen zur Therapieanpassung und Lebensstiländerung ohne pharmakologische oder invasive Eingriffe. Daher kann es sich nicht um eine klinische Studie handeln. Um jedoch einen öffentlichen Eintrag der Studie zu gewährleisten, den Veröffentlichungsbias zu reduzieren und die ethischen Verpflichtungen gegenüber den Teilnehmern vollständig zu erfüllen, wurde die Studie bei den National Institutes of Health U.S. National registriert.
Der primäre Endpunkt von MACE nach einem Jahr war ein Komposit aus Tod jeglicher Ursache, Wiederauftreten von MI, ungeplanter koronarer Revaskularisation, Krankenhausaufenthalt wegen instabiler Angina, Ischämie der niedrigen Gliedmassen und Schlaganfallereignisse. Die Bewertung aller klinischer Endpunkte wurde von einem Gremium unabhängiger Experten (drei zertifizierten Kardiologen) für die Allokationsgruppen verblindet durchgeführt.
Sekundäre Endpunkte waren die Dokumentation empfohlener Therapien wie z.B. Aspirin, Statine, Betablocker ACE-Inhibitoren/Angiotensin-Rezeptorblocker bei der Entlassung und bei der einjährigen Nachbeobachtung (8). Angesichts der Kontroversen darüber, wie lange die optimale Behandlungsdauer von P2Y12-Inhibitoren dauern sollte, wurde dieser Punkt aus den sekundären Endpunkten entfernt.
Die Zahl der Teilnehmer an den Instruktions-Programmen wurde anhand von Daten bewertet, die bei der Entlassung (direkter Transfer) und bei der einjährigen Nachbeobachtung erhoben wurden, wobei die Patienten gefragt wurden, ob sie an einem Programm (stationär oder ambulant) teilgenommen hatten. Empfohlene sekundäre Präventionsziele nach einem Jahr wurden definiert als Low-Density-Lipoprotein (LDL)-Cholesterin < 1,8 mmol/l (70 mg / dl), systolischer Blutdruck < 140 mm Hg, Nüchtern-Plasma-Glukose < 7 mmol/l bei Nichtdiabetikern, glykosyliertes Hämoglobin < 7% bei diabetischen Patienten und Gewichtsreduktion von ≥ 5% bei übergewichtigen (Body-Mass-Index 25,0-29,9 kg/m2) oder fettleibigen Patienten (≥ 30,0 kg/m2) (9).
Für verhaltensbezogene Endpunkte wurden folgende Ziele definiert: Raucherentwöhnung bei Rauchern (basierend auf 7-tägigen Punktprävalenzraten), hohe Medikamenteneinhaltung (definiert durch einen Wert von Null unter Verwendung der Morisky Medical Adherence Scale (MAS)), Gesundheitsnutzenindex (basierend auf den Euroqol-5-Dimensionen (EQ-5D)) und Grad der körperlichen Aktivität (definiert durch mindestens 3 Tage/Woche hohe Intensität oder 5 Tage/Woche mittlere Intensität), gemäss dem internationalen Fragebogen zur körperlichen Aktivität (IPAQ)).

Resultate

Insgesamt wurden 2498 Patienten eingeschlossen, davon 1210 in der SC-Gruppe (2009-2010) und 1288 in der ELIPS Add-on-Gruppe (2011-2012). Das Durchschnittsalter betrug 62,3 ± 12,3 Jahre, 21,1% waren Frauen, 54,7% hatten STEMI, 40,2% NSTEMI und 5,0% instabile Angina. Die gemeldete Nutzung von ELIPS-Tools für Bildungseinrichtungen durch Gesundheitsdienstleister war wie folgt: 68,6% für motivierende Interviews, 54,5% für den interaktiven Plan, 68,7% für den Einsatz von Aufklärungsbroschüren, 74,2% für den auf DVD bereitgestellten Film, 52,7% für die Website und 82,8% für die Entlassungs-Medikamentenkarte.
Abgesehen vom Einsatz von Beta-Blockern wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen der SC und der ELIPS-Add-on-Gruppe bezüglich der Verschreibung von empfohlenen Medikamenten bei der Entlassung oder der gemeldeten Verwendung der genannten Medikamente nach einem Jahr festgestellt (Tabelle 1). Der Einsatz von Beta-Blockern war in der ELIPS-Add-on-Gruppe nach einem Jahr höher (80,2% vs. 76,0%, RR 1,05 95% CI 1,01-1.10, P = 0.019). Auch die Teilnahmequote an einem CR-Programm war in der Berichtsperiode deutlich höher im ELIPS Zusatzarm (72,9% vs. 65,6%, RR 1,08, 95% 1,02-1,14, P = 0,006).

Der primäre Endpunkt von MACE nach einem Jahr trat bei 151 Patienten (12,5%) in der SC-Gruppe gegenüber 153 Patienten (11,9%) in der ELIPS-Add-on-Gruppe (alters- und geschlechtsangepasst) ein. HR 0,97, 95% CI 0,77-1,22, P = 0,79). Es wurden keine signifikanten Unterschiede in der Häufigkeit der individuellen Ereignisse festgestellt. Die kumulative Hazardkurve für den kompositen Endpunkt von Herztod, MI und Schlaganfall deutet auf einen Trend zu niedrigeren Ereignisraten im ELIPS-Add-on-Arm vs. SC hin, insbesondere nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. In Post-hoc-Analysen wurden signifikante Senkungen von Herztod, MI und Schlaganfallereignissen im ELIPS-Add-on-Arm im Vergleich zu den Patienten ≥ 65 Jahre in der SC-Gruppe beobachtet (HR 0,53, 95% CI 0.30-0.93; P für Interaktion = 0,016), die gleiche Beobachtung wurde bei Patienten ≤ 55 Jahre gemacht. Es gab auch einen nicht signifikanten Trend zu einer höheren Rate unerwünschter Ereignisse bei Patienten > 75 Jahre. Nach der Anpassung an die Aufenthaltsdauer wurde die Assoziation bei den ≥ 65-Jährigen abgeschwächt (HR 0,61 (95% CI 0,35-1,09, P = 0,09), während die Interaktion noch signifikant war (P = 0,023). Nach der Anpassung an die kardiale Rehabilitation blieb die Assoziation für die ELIPS-Intervention bei Patienten ≥ 65 Jahre bestehen, aber mit einer Verringerung der statistischen Signifikanz (HR 0,55, 95% CI 0,20-1,49, P = 0,240). Ebenso war auch die Teilnahme an der kardialen Rehabilitation mit einem fast signifikanten Rückgang von Herztod, MI und Schlaganfallereignissen verbunden (HR 0,54, 95% CI 0,26 - 1,14, P = 0,106).
Nach einem Jahr wurde eine signifikante Verbesserung in der ELIPS-Gruppe festgestellt, in Bezug auf die empfohlenen Ziele wie LDL-Cholesterin (74,4% vs. 69,8%, RR 1,07, 95% CI 1,02-1,15, P = 0,012), systolischer Blutdruck (73,4% vs. 66,5%, RR 1,06, 95% CI 1,01-1,13, P = 0,029) und körperliche Aktivität (54,2% vs. 48,3%, RR 1,10, 95% CI 1,01-1,20, P = 0,024).

Fazit

Das ELIPS-Programm wurde nach Untersuchung der Bereiche des Gesundheitswesens, die das grösste Potenzial zur Verbesserung der Versorgungsqualität von ACS-Patienten bieten, entwickelt. Obwohl die erwarteten Auswirkungen auf die klinischen Ergebnisse in der Gesamtkohorte nicht beobachtet wurden , war die Umsetzung des ELIPS-Programms mit einer signifikanten Verbesserung der Teilnahme an CR-Programmen und der Kontrolle von kardiovaskulären Risikofaktoren verbunden. Diese Ergebnisse sollten dazu ermutigen, langfristige, krankenhausbasierte, sekundäre Präventionsprogramme nach ACS weiter zu verfolgen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

riesen@medinfo-verlag.ch

1. Carballo D et al. Clinical impact of a structured secondary cardiovascular
prevention program following acute coronary syndromes: A prospective multicenter healthcare intervention. PLoS ONE 2019 ; 14(2): e0211464. https:// doi.org/10.1371/journal.pone.0211464
2. Thygesen K et al . Third universal definition of myocardial infarction. Eur Heart J 2012;33:2551-2567
3. Auer R et al. Efficacy of in-hospital multidimensional interventions of secondary prevention after acute coronary syndrome: a systematic review and meta-analysis. Circulation 2008; 117:3109-3117
4. Ockene JS et al Task force #4-adherence issues and behaviour changes: achieving a long-term solution. 33rd Bezhesda Conferenc JACC 2002;40: 630-640
5. Lambert-Kerzner A et al. Patient-centered adherence intervention after acute
coronary sybdrome hospialization. Circulation Cardiovacular quality and outcomes 2012;5:571-576
6. Miller NH. Motivational interviewing as a prelude to coaching in healthcare settings. The Journal of cardiovascular nursing 2010;25:247-251
7. Rubak S et al. Motivational interviewing: a systematic review and meta-analysis. The British journal of general practice: the journal of the Royal College of General Practitioners 2005;55:305-312
8. Auer R et al Qiality of care after acute coronary syndromes in a prospective cohort with reasons for non-prescription of recommended medications. PloS one 2’14;9: e93147 Epub 2‘14/03/29.10.1371/journal pone.0093147
9. Kotseva K et al. Cardiovascualr prevention guidelines in daily practice: a comparison of EUROASPIRE I, II and III surveys in eight European countries Lancet 2009;373: 929-940