Förderbeiträge für zuckerarme Getränke

Wir fühlen uns heute fast schuldig, wenn wir uns nicht an die neuesten Trends der Ernährung halten. Neben Vitamin D und Proteinen werden viele selektive Produkte angeboten, und das Geschäft mit der gesunden Ernährung boomt. Eine Hauptrolle für Gesundheit und Lebenserwartung dürfte allerdings der Zuckerkonsum spielen.

In Deutschland werden allein durch Getränke 26 Gramm Zucker pro Kopf und Tag eingenommen (entsprechend einem Viertel des täglichen Gesamtzuckerkonsums von 95 Gramm, ca. 33 Stück Würfelzucker). Ein Glas Cola (250 ml) enthält 27 Gramm Zucker (ca. 9 Stück Würfelzucker). Jährlich konsumieren wir durchschnittlich 40 kg Zucker (30 kg industriell verarbeiteter weisser Zucker, 10 kg als Rohrzucker oder in Honig und Ahornsirup).

Es ist unbestritten, dass übermässiger Zuckerkonsum massgeblich zur Entstehung von Übergewicht und chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes (T2D), Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD), Schlaganfälle und Karies beiträgt. Eine Studie mit Daten aus der Global Dietary Database ergab, dass 1 von 10 jährlichen Neuerkrankungen an T2D und 1 von 30 neu auftretenden CVD weltweit durch den Konsum von zuckerhaltigen Getränken verursacht ist (1).

In Grossbritannien gibt es seit 2018 die Ā«Soft Drinks Industry LevyĀ», eine gestaffelte Steuer, die die Hersteller von zuckergesüssten GetrƤnken zahlen müssen. Ab 5 Gramm Zucker pro 100 Millilitern müssen 18 Pence pro Liter gezahlt werden, > 8 g/100 ml 24 Pence. In Mexiko werden seit 2014 zuckergesüsste GetrƤnke um circa 10 % besteuert, sodass die GetrƤnke teurer und dadurch seltener gekauft werden. – Bei MƤdchen, nicht aber bei Knaben, hat die Einführung der Zuckersteuer in Grossbritannien seit 2018 zu einer Reduktion der Adipositasrate um 8 % geführt, wobei vor allem MƤdchen aus benachteiligten Regionen profitiert haben, welche freilich auch am meisten gefƤhrdet sind (2). – In einer Kohortenstudie mit 6313 Kindern (Durchschnittsalter 7.7 Jahre, 38 % 2–5-jƤhrig) im amerikanischen Seattle führte eine am 01.01.2018 eingeführte Steuer auf gesüsste GetrƤnke zu einer statistisch signifikanten, allerdings geringgradigen Verringerung des Body-Mass-Index (BMI) im Vergleich zu Kindern in nicht besteuerten Vergleichsgebieten (3). – Die Stadt Philadelphia, mit 1.6 Millionen Einwohnern die sechstgrƶsste Stadt der USA, hat im Januar 2017 eine Verbrauchsteuer von 1.5 Cent pro Unze Zucker eingeführt, einschliesslich künstlich gesüsster GetrƤnke, von denen durchschnittlich 5.4 wƶchentlich konsumiert und die für Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen verantwortlich gemacht werden. Die mit der Steuer verbundene Preiserhƶhung führte zu einem Rückgang des Verkaufs von SüssgetrƤnken um etwa einen Drittel (4, 5). – In Grossbritannien ist die Zahl der Zahnextraktionen bei Kindern in den ersten fünf Lebensjahren mit Einführung der Zuckersteuer um mehr als ein Viertel gesunken (6). – Auch in Mexiko war die Einführung der Zuckersteuer mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Karies, Füllungen und Zahnextraktion (Decayed, Missing and Filled Teeth [DMFT]) verbunden (7). – Eine Modellierungsstudie der TU München ergab 2023, dass mit einer Besteuerung zuckergesüsster GetrƤnke in Deutschland über die nƤchsten 20 Jahre erwachsene Personen 1 Gramm Zucker pro Tag weniger zu sich nehmen würden, was 132 100 Typ-2-Diabetes-Erkrankungen verhindern, 39 200 CVD-FƤlle vermeiden, 1900 SchlaganfƤlle verhindern, 31 600 FƤlle von Adipositas vermeiden und etwa 9.6 Milliarden Euro im Gesundheits- und Sozialwesen einsparen würde; bei der Annahme von 2.34 Gramm weniger Zucker pro Tag wƤren die Zahlen: 244 100 T2D, 69 800 CVD, 3400 SchlaganfƤlle, 72 300 Adipositas und circa 16 Milliarden Euro (8).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt weltweit 117 Staaten auf, davon 17 in Europa, welche eine Steuer für Zucker erheben. In Deutschland wird die Zuckersteuer auf Softdrinks politisch heiss diskutiert. In der Schweiz ist dies kein Thema, weil wir nicht wünschen, dass uns der Staat Vorgaben für unsere höchstpersönliche Ernährung macht.

Wir haben nichts dagegen, dass wir mit unseren KrankenkassenprƤmien teure Medikamente zur Gewichtsreduktion bezahlen. Der Nachsatz, dass deren nachhaltige Wirkung nicht erwiesen ist, sei dem Editorialist verziehen und gehƶrt nicht zum Thema.

Im Hinblick auf unser Klima erachten wir es in der Schweiz als sinnvoll, FƶrderbeitrƤge auszurichten, beispielsweise beim Ersatz einer Ɩlheizung durch eine WƤrmepumpe.

Weshalb bewilligen wir – im Hinblick auf unsere Gesundheit – keine FƶrderbeitrƤge für zuckerarme Softdrinks?

KD Dr. med. et lic. phil. Marcel Weber

Chefarzt emeritus Rheumaklinik Triemli
8800 Thalwil

marwebdr@gmail.com

Verstärkung für Hausärzte- und Editorial-Board

Nun sind fast alle Landes-Regionen im HausƤrzte-Board vertreten – das freut uns sehr und bringt mehr Vielfallt in unsere Fortbildungszeitschrift.

Neben • Dr. Ahrens, Thun • Dr. BƤbler, Herrliberg • Dr. Lenherr, Lausen • Dr. Stolz von Moos, Cazis • Dr. Stucki, Zürich • Dr. Wicki, Willisau kommt nun neu VerstƤrkung mit Prof. Dr. med. Andreas Zeller ins HausƤrzte-Board.

Prof. Zeller ist neben seiner Tätigkeit als Hausarzt auch Leiter des Hausarztinstitut beider Basel. Nach einem Forschungsaufenthalt an der University of Bristol mit Schwerpunkt Medikamentenadhärenz bei arterieller Hypertonie war er ab 2010 sowohl klinisch in einer Hausarzt-Gruppenpraxis im Kleinbasel als auch wissenschaftlich am Institut für Hausarztmedizin Basel tätig. 2014 wurde er zum klinischen Professor für Hausarztmedizin an der Universität Basel berufen. Seither leitet er das Universitäre Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel und ist weiterhin hausärztlich tätig. Ein besonderer Schwerpunkt seines Engagements liegt in der Nachwuchsförderung.

Anfang dieses Jahres durften wir Ihnen bereits drei neue Mitglieder unseres medizinischen Fachbeirats (Editorial-Board) vorstellen: Prof. Dr. med. Reinhard Dummer, Zürich und Aarau, Dr. med. Andrea Rosemann, Zürich und Prof. Dr. med. Philipp Schütz, Aarau.

Nun freut es uns sehr, diese Runde mit einer weiteren ausgewiesenen Persönlichkeit komplettieren zu dürfen und Prof. Dr. med. Philipp Tarr, in unserem Editorial Board herzlich willkommen zu heissen.

Er ist stellvertretender Chefarzt am Universitären Zentrum für Innere Medizin sowie Leiter der Abteilung für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Baselland. Seine Schwerpunkte liegen in der patientenorientierten Medizin, der praxisrelevanten Fortbildung, der interprofessionellen Zusammenarbeit sowie in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit aktuellen medizinischen Fragestellungen. Unter anderem leitete er im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 74 ein Projekt zur Impfskepsis und ist Forschungsleiter von «Metabolism and Aging» in der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie.

Wir freuen uns sehr, Andreas Zeller und Philipp Tarr in unserem Redaktionsteam begrüssen zu dürfen, und sind überzeugt, dass beide mit ihrer Erfahrung und ihren Perspektiven wertvolle Impulse für die inhaltliche Weiterentwicklung unserer Fortbildungszeitschrift setzen werden.

Dr. med. Christian HƤuptle

Otmarweg 8, 9200 Gossau

haeuptle@hin.ch

Eleonore E. Droux

droux@medinfo-verlag.ch

Medizinische Interventionen zur Adipositastherapie

Adipositas ist eine chronische Erkrankung, welche durch eine erhöhte Körperfettmasse und gestörte Fettgewebsfunktion charakterisiert ist und deren Pathogenese auf einer neurobiologischen Regulationsstörung der Energiehomöostase basiert. Primäres Ziel der medizinischen Adipositastherapie ist es, die pathologisch erhöhte Körperfettmasse zu reduzieren und dadurch Folgeerkrankungen zu verhindern und Komorbiditäten zu verbessern. In diesem Sinn stellt die bariatrisch-metabolische Chirurgie derzeit die effektivste Adipositastherapie dar. Neue Medikamente, welche im Wesentlichen auf einem GLP-1-Rezeptoragonismus basieren, erlauben mittlerweile auch eine immer wirksamere pharmakologische Therapie. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass sowohl die bariatrisch-metabolische Chirurgie als auch die pharmakologische Adipositastherapie direkte Effekte auf die zentralnervöse Regulation der Energiehomöostase sowie insbesondere von Hunger und Appetit ausüben und damit pathogenetisch kausale Therapien darstellen. In unserer Übersicht beleuchten wir die genannten medizinischen Interventionen zur Adipositastherapie und stellen sie in den Kontext eines pathogenetischen Krankheitskonzepts.

Obesity is a chronic disease characterized by increased body fat mass and adipose tissue dysfunction, the pathogenesis of which is based on a neurobiological regulatory disorder of energy homeostasis. The primary aim of medical obesity therapy is to reduce the pathologically increased body fat mass and thus prevent secondary diseases and improve comorbidities. In this sense, bariatric-metabolic surgery is currently the most effective obesity therapy. In addition, new agents, which are essentially based on GLP-1 receptor agonism, are making pharmacological therapy increasingly effective. It is important to note that both bariatric-metabolic surgery as well as the pharmacological obesity therapy have direct effects on the central nervous regulation of energy homeostasis and, in particular, hunger and appetite, and therefore represent pathogenetically causal therapies. In this overview, we aim to shed light on the aforementioned medical interventions for obesity therapy and place them in the context of a pathogenetic disease concept.
Keywords: Adipositastherapie, GLP-1-Rezeptoragonisten, bariatrisch-metabolische Chirurgie, zentralnervƶse Regulationsstƶrung

Einleitung

Adipositas ist eine chronische Erkrankung, welche pathogenetisch auf einer neurobiologischen Regulationsstörung basiert. Die Morbidität der Erkrankung definiert sich einerseits durch das Ausmass der Fettgewebsdysfunktion, andererseits durch die ausgeprägte soziale Stigmatisierung der Erkrankung und der Betroffenen. Während sich die Gesundheitssysteme meist auf die Behandlung der Begleit- und Folgeerkrankungen der Adipositas fokussieren, adressiert die eigentliche medizinische Adipositastherapie die zugrunde liegende Pathophysiologie der Erkrankung, indem sie zentralnervöse Regulationsprozesse der Energiehomöostase und insbesondere das Hunger- und Appetitempfinden beeinflusst. Dabei hat sich die bariatrisch-metabolische Chirurgie mittlerweile als effektivste Therapie der Adipositas etabliert, da sie unter anderem die Morbidität und Mortalität der Erkrankung langfristig massiv reduziert. Zudem gewinnen neue pharmakologische Therapien, welche aktuell im Wesentlichen auf eine Verstärkung des physiologischen Glucagon-like-Peptid-1-(GLP-1-) Signals basieren, als zusätzliche therapeutische Option der Adipositastherapie an Bedeutung. In unserem Artikel geben wir eine praxisorientierte Übersicht über die medizinischen Interventionen (pharmakologisch/chirurgisch) zur Behandlung der Adipositas und stellen sie in den Kontext der Pathogenese der Erkrankung.

Der Mythos, der einer effektiven Ā­Adipositastherapie im Wege steht

Obgleich wissenschaftlich seit Langem widerlegt, hält sich hartnäckig der weitverbreitete Mythos, dass das Körpergewicht und die damit verbundene Körperfettmasse einer willentlichen Kontrolle unterliegt. Dabei sind sich die Fachleute und Spezialist/-innen mittlerweile einig, dass das hyperphagische Essverhalten der betroffenen Patient/-innen nicht Ursache, sondern vielmehr das Leitsymptom der Adipositaserkrankung darstellt. Vereinfacht kann man also sagen, dass die betroffenen Patient/-innen nicht übergewichtig sind, weil sie zu viel essen, sondern sie essen zu viel, weil sie an Adipositas erkrankt sind. Folgerichtig haben sich kognitive Therapieansätze, wie beispielsweise Ernährungsberatung, Verhaltens- und Psychotherapie sowie Bewegungs- und Trainingstherapien, zwar als potenziell hilfreich in der Behandlung von Menschen mit Adipositas erwiesen, jedoch sind sie meist nicht effektiv genug, um die pathologisch erhöhte Fettmasse, also das krankheitsdefinierende Charakteristikum, dauerhaft zu reduzieren. Entsprechend sind diese klassischen Therapieansätze bestenfalls als supportiv und komplementär, jedoch nicht als alleinstehende Behandlung der Erkrankung anzusehen. Deshalb dürfen sie keine Hürde darstellen, die den Einsatz effektiverer und pathogenetisch kausaler Therapieansätze verhindert. Mit anderen Worten, ihr Einsatz respektive die Inanspruchnahme entsprechender Therapieangebote durch betroffene Personen darf keine Grundvoraussetzung für den Einsatz von evidenzbasierten, medizinischen Interventionen zur effektiven Behandlung der Erkrankung darstellen. Bei vielen anderen chronischen Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, koronare Herzkrankheit oder chronisch obstruktive Lungenerkrankung, wissen wir ebenfalls, dass behaviorale Therapieansätze positive Effekte auf den Krankheitsverlauf haben können, würden jedoch niemals auf die Idee kommen, betroffenen Personen bei unzureichendem Nutzen dieser Möglichkeiten eine Therapie mit wissenschaftlich nachgewiesener Effektivität vorzuenthalten. Genau dies ist jedoch im Fall der Adipositasbehandlung leider immer noch medizinischer Alltag.

Adipositas – eine zentralnervƶse Ā­Regulationsstƶrung

Menschen mit Adipositas leiden unter einer zentralnervösen Regulationsstörung der Energiehomöostase, insbesondere der Steuerung des Hunger- und Appetitempfindens. Dabei spielt eine unzureichende Wirkung neuroendokriner Feedbacksignale aus der Peripherie, wie beispielsweise Leptin und Insulin, im Sinne einer zentralnervösen Leptin-/Insulin-Resistenz eine bedeutende Rolle. Daraus resultierend ergibt sich bei Menschen mit Adipositas im Vergleich zu Nichtbetroffenen gemäss dem «Behavioral Balance Model» (1) ein physiologisch erhöhter «bottom-up»-Antrieb zur Gewichtzunahme (Abb. 1).

Um einen progredienten Gewichtsanstieg zu verhindern, müssen Menschen mit Adipositas daher also einen deutlich erhöhten kognitiven («top-down») «Aufwand» betreiben, um ihre Ernährung sowie ihr Bewegungsverhalten willentlich zu kontrollieren. Leider erhöht sich bei einer solchen forcierten Gewichtsreduktion durch Restriktion der Energiezufuhr («Diät») der «bottom-up»-Antrieb im Sinne einer neuroendokrinen Gegenregulation immer mehr, sodass der kognitive Aufwand irgendwann nicht mehr ausreicht, um einen Wiederanstieg des Gewichts zu verhindern. Während behaviorale Therapieansätze auf eine Stärkung der kognitiven Kontrolle abzielen, ist es das Ziel sowohl einer pharmakologischen als auch chirurgischen Adipositastherapie, den pathologisch gesteigerten «bottom-up»-Antrieb dauerhaft zu reduzieren (Abb. 2).

Pharmakotherapie und bariatrische Ā­Chirurgie wirken entlastend

Modellhaft kann man als pathophysiologisches Grundkonzept bei der Adipositas auch von einem nach oben verschobenen Set-Point des Kƶrpergewichts ausgehen. Wie Abb. 3 illustriert, gelingt es den betroffenen Personen zwar oft durch willentliche Anstrengungen, ihr Kƶrpergewicht und damit ihre Kƶrperfettmasse vorübergehend zu reduzieren, jedoch zieht der nach oben verschobene Set-Point wie eine aufgespreizte Spiralfeder das Kƶrpergewicht wieder nach oben zurück.

Pharmakologische Interventionen sowie auch bariatrisch-metabolische Operationen können dabei helfen, das Gewicht auf reduziertem Niveau zu halten und dadurch betroffene Personen kognitiv zu entlasten. In der Praxis berichten viele der medikamentös und chirurgisch behandelten Patient/-innen, sich durch die Therapie von dem Zwang, permanent ihr Essverhalten unter Kontrolle halten zu müssen, befreit zu fühlen. Die Patient/-innen erlangen also durch die Therapie die Kontrolle über etwas zurück, über das sie zwischenzeitlich die Kontrolle verloren haben: das Essverhalten sowie das Hunger- und Appetitempfinden. Vor dem Hintergrund der bereits zuvor erwähnten Tatsache, dass das verstärkte Hungergefühl als Leitsymptom und nicht als Ursache der Erkrankung angesehen werden muss, kann man also konstatieren, dass es sich bei den pharmakologischen und chirurgischen Behandlungen um kausale Therapieansätze handelt. Dies geht meist mit einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität einher. Wird dann jedoch die Pharmakotherapie beispielsweise aufgrund einer fehlenden Finanzierung beendet, so wird das Gewicht wieder «nach oben» gezogen, was nicht selten mit Versagensgefühlen seitens betroffener Personen und grosser Frustration einhergeht. Da bislang eine langfristige Finanzierung von medikamentösen Therapien der Adipositas durch die obligatorische Krankenversicherung aufgrund des, oben als Mythos bezeichneten, Fehlkonzepts der Adipositaserkrankung nicht gegeben ist, sollte diese langfristige Perspektive bei der Therapieplanung immer berücksichtigt werden. Die bariatrische Chirurgie bietet hier klar den Vorteil, dass durch eine einmalige Intervention ein langfristiger Effekt auf die chronische Erkrankung ausgeübt wird und somit nicht von einer dauerhaften Finanzierung abhängig ist.

Aktuelle Pharmakotherapie der Ā­Adipositas

Über die letzten Jahrzehnte hinweg erschien eine ganze Reihe verschiedener Medikamente zur Behandlung der Adipositas auf dem Markt (2, 3). Da sich aber bei einer Vielzahl dieser Medikamente bei breiter Anwendung eine hohe Rate an unerwünschten Nebenwirkungen zeigte, die das Risiko-Nutzen-Verhältnis infrage stellten, verschwanden viele dieser Medikamente ebenso schnell, wie sie gekommen waren. Daher ist es umso erfreulicher, dass nun zunehmend Medikamente entwickelt wurden und werden, welche nicht nur deutlich effektiver sind als alle Medikamente, die uns bisher zur Behandlung der Adipositas zur Verfügung standen, sondern darüber hinaus auch ein besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis aufzuweisen scheinen. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Substanzen, die als Agonisten am GLP-1-Rezeptor eine agonistische Wirkung entfalten. Diese Substanzgruppe kennen wir mittlerweile bereits seit rund zwei Jahrzehnten in der Therapie des Typ-2-Diabetes-mellitus (T2DM).

Für die Adipositastherapie sind in der Schweiz aktuell drei GLP-1-Rezeptoragonisten (RA) zugelassen. Unter dem Namen Saxenda® ist Liraglutid bereits seit einigen Jahren im Einsatz. Liraglutid wird seit Beginn 2024 zunehmend durch Semaglutid (Handelsname: Wegovy®) ersetzt, welches einerseits wirksamer ist, andererseits im Gegensatz zu Liraglutid nicht täglich, sondern nur einmal wöchentlich s.c. appliziert wird. Die dritte für die Adipositastherapie bereits zugelassene Substanz ist Tirzepatid (Handelsname: Mounjaro®), welches sowohl agonistisch am GLP-1-Rezeptor als auch am Rezeptor des glukoseabhängigen insulinotropen Polypeptids (GIP) wirkt.

Unter Erfüllung der in der Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) definierten Limitatio werden alle drei Medikamente von den Krankenkassen aktuell über maximal 3 Jahre finanziert. Vor dem Hintergrund der oben dargestellten Chronizität der Adipositaserkrankung macht die zeitliche Limitation der Kostenübernahme medizinisch betrachtet keinen Sinn.

Haupteffekt der genannten Medikamente ist eine Verminderung des Appetits sowie eine frühzeitige SƤttigung nach Nahrungsaufnahme (4–7). Experimentelle Untersuchungen konnten zeigen, dass durch die Gabe von GLP-1-RA die Verarbeitung von visuellen Reizen im Gehirn, die unter normalen Bedingungen zur Nahrungsaufnahme anregen, deutlich unterdrückt wird (8). Dies erleichtert es betroffenen Personen, Kontrolle über ihr Essverhalten auszuüben, um eine Restriktion der Energiezufuhr zu erreichen und dadurch ihr Gewicht und ihre Kƶrperfettmasse zu reduzieren.

Hinsichtlich ihres gewichtsreduzierenden Effekts zeigen die genannten Medikamente eine klare Dosis-Wirkung-Beziehung (9, 10). Gleiches gilt in der Regel auch für das Auftreten typischer Nebenwirkungen, insbesondere gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Diarrhƶ oder auch Obstipation. Da solche Beschwerden insbesondere zu Beginn der Behandlung auftreten, werden die genannten Medikamente durch eine schrittweise Dosissteigerung eingeschlichen. Man muss jedoch damit rechnen, dass etwa 5 % der behandelten Patient/-innen die Medikation aufgrund von Nebenwirkungen nicht vertragen und die Therapie daher abgebrochen werden muss. Als ernsthafte Komplikationen sind zudem das gehƤufte Auftreten von Gallenblasensteinen und das sehr seltene Auftreten einer nichtarteritischen Optikusneuropathie (NAION), welche zu Erblindung führen kann, zu erwƤhnen.

GemƤss den Zulassungsstudien der genannten Medikamente erreicht man unter Liraglutid eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von etwa 8 % im Vergleich zum Ausgangsgewicht, unter Semaglutid von etwa 15 % sowie unter Tirzepatid von etwa 21 % (11–13). Ist der gewichtsreduzierende Effekt ausgeschƶpft, so dient die fortgeführte Medikation dem Ziel, das Gewicht und damit auch die Fettmasse auf dem reduzierten Niveau zu halten. Stoppt man die Medikation, so kommt es zeitnah zu einem graduellen Wiederanstieg des Kƶrpergewichts, wie in einigen Studien eindrücklich gezeigt werden konnte (Abb. 4) (14–16).

Die Pharmakotherapie der Adipositas unterscheidet sich somit prinzipiell nicht von anderen medikamentƶsen Behandlungen, wie beispielsweise der pharmakologischen antihypertensiven oder cholesterinsenkenden Therapie, bei der man ebenfalls von einem Wiederanstieg der adressierten Variablen ausgehen kann, sobald die Therapie beendet wird.

Dass eine pharmakologische Adipositastherapie nicht nur das Kƶrpergewicht und die Kƶrperfettmasse reduziert, sondern darüber hinaus auch das Risiko von Komplikationen der Adipositas senkt, wurde erstmalig in der SELECT-Studie gezeigt (17). In dieser Studie wurden 17 604 Personen mit einem BMI von mindestens 27 kg/m2 und vorbestehender kardiovaskulƤrer Erkrankung (stattgehabter Herzinfarkt, stattgehabter Schlaganfall oder periphere arterielle Verschlusskrankheit) eingeschlossen und entweder mit Placebo oder 2.4 mg Semaglutid 1 x pro Woche s.c. Ā­behandelt. Als Ergebnis zeigte sich, dass nach einer mittleren Behandlungsdauer von etwa 34 Monaten das Auftreten des zusammengesetzten primƤren Endpunkts (kardiovaskulƤrer Tod, nicht tƶdlicher Myokardinfarkt, nicht tƶdlicher Schlaganfall) durch die Behandlung mit SemaĀ­glutid gegenüber der Placebobehandlung um 20 % reduziert wurde (Placebo vs. Semaglutid: 8 % vs. 6.5 %, hazard ratio, 0.80; 95 % Konfidenzintervall, 0.72–0.90; P < 0.001). Die absolute Risikoreduktion betrug somit 1.5 %; die number-needed-to-treat über 34 Monate betrug 67.

Bariatrisch-metabolische Chirurgie

Die bariatrisch-metabolische Chirurgie hat sich in den letzten 30 Jahren weltweit als Standardtherapie der ausgeprƤgten Adipositas etabliert. Bei gegebener Indikation ist sie in der Schweiz als Pflichtleistung in der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KVL) verankert. Die wesentlichen Indikationskriterien zur Durchführung einer bariatrisch-metabolischen Operation sind in Tab. 1 zusammengefasst.

Obgleich es mittlerweile eine Vielzahl an unterschiedlichen Operationsverfahren gibt, gelten heute in der Schweiz der Roux-en-Y-Magenbypass (Roux-en-Y gastric bypass, RYGB) sowie die Schlauchmagenresektion (Sleeve-Gastrektomie) als Standardverfahren, welche auch weltweit am meisten angewendet werden. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass beide Operationen zu einer verƤnderten Ā­Ausschüttung von gastrointestinalen Hormonen, wie unter anderen GLP-1, führen (18) und dadurch einen starken Hunger und Appetit vermindernden Einfluss auf die zentralnervƶsen Regulationszentren ausüben (19). So konnten beispielsweise Neuroimaging-Studien zeigen, dass sich die zentralnervƶse Verarbeitung von stimulierenden Nahrungsreizen nach bariatrisch-metabolischen Operationen deutlich verƤndert (20, 21). Die Effekte der Operationen basierten somit weniger auf den durch sie etablierten anatomisch/mechanischen VerƤnderungen, sondern auf ihrem Einfluss auf die zentralnervƶsen Regulationszentren, was somit einen kausalen Therapieansatz darstellt – analog zur medikamentƶsen Therapie, wie bereits oben ausgeführt.

Das Grundprinzip des RYGB basiert auf der Trennung von Nahrungsbrei und Verdauungssäften im oberen Gastrointestinaltrakt. Dazu wird eine kleine Magentasche direkt unterhalb des ösophagogastralen Übergangs vom restlichen Magen abgetrennt (Abb. 5).

Der ausgeschaltete Restmagen verbleibt in situ. Das Jejunum wird anschliessend etwa 50–70 cm aboral der Flexura duodenojejunalis (Treitz-Flexur) durchtrennt und als sog. alimentƤrer Schenkel mit der Magentasche anastomosiert (sog. Gastrojejunostomie). Anschliessend wird der proximale Abschnitt des Jejunums, in dem die VerdauungssƤfte ohne Kontakt zum Nahrungsbrei transportiert werden (sog. biliopankreatischer Schenkel), ca. 150 cm aboral der Gastrojejunostomie Seit-zu-Seit mit dem alimentƤren Schenkel des Jejunums verbunden. ErwƤhnenswert ist, dass diese Art der Operation durch einen erneuten chirurgischen Eingriff wieder umgekehrt werden kann und somit reversibel ist, was jedoch nur in sehr seltenen FƤllen nƶtig ist.

Bei der Schlauchmagenresektion (Sleeve-Gastrektomie) werden ca. 90 % des Magenvolumens grosskurvaturseitig entfernt, sodass nur noch ein schlauchfƶrmiger Restmagen mit ca. 80–100 ml Fassungsvolumen verbleibt (Abb. 5 rechts). Die anatomische Nahrungspassage und die Verdauungssekrete werden durch diese Operation nicht verƤndert. Dieser Eingriff ist im Vergleich zum laparoskopischen RYGB technisch einfacher, was wesentlich zu seiner dominanten Verbreitung weltweit beigetragen hat.

Beide Operationsverfahren, Schlauchmagen und RYGB, zeigen bezüglich Verbesserung vieler ­Adipositas-assoziierter Komorbiditäten vergleichbare Ergebnisse (22, 23). Auch hinsichtlich Komplikations- und Sterblichkeitsrate bestehen keine gravierenden Unterschiede zwischen den beiden Verfahren (24). Allerdings zeigen sich sowohl in der langfristigen Gewichtsreduktion (25, 26) als auch im Fall von präoperativ vorhandener gastroösophagealer Refluxerkrankung (GERD) deutliche Vorteile für die RYGB-Operation (27), da sie das Problem meist behebt, während der Schlauchmagen sogar das Neuauftreten von GERD fördert und mit einem erhöhten Risiko des Entstehens von Barrett-Metaplasien einherzugehen scheint (28). Auch hinsichtlich der Behandlung des Typ-2-Diabetes-mellitus scheint der RYGB etwas effektiver zu sein (29). Im Gegensatz zum RYGB führt die Schlauchmagenresektion nicht zu einer Umgehung des Duodenums sowie des proximalen Jejunums, sodass die Mikronährstoffaufnahme weniger beeinträchtigt wird. Entsprechend ist nach einer Schlauchmagenresektion eine weniger systematische Supplementation (insbesondere von Calcium) als nach einem RYGB notwendig. Zudem treten postprandiale Hypoglykämien im Sinne eines Spätdumping-Syndroms weitaus seltener nach einer Schlauchmagenresektion als nach der RYGB-Operation auf.

Generell kann die bariatrisch-metabolische Chirurgie heute als sicher angesehen werden. So liegt die Rate von schwerwiegenden Komplikationen (z.B. revisionspflichtige Nachblutungen, Klammernahtleckagen oder Anastomoseninsuffizienzen) bei etwa 1–3 %. Aufgrund eines postoperativen Problems (Wundinfekt, Thrombose, Lungenembolie, Darmpassageproblematik etc.) werden etwa 3–4 % der operierten Patient/-innen innerhalb von 30 Tagen erneut hospitalisiert, die 30-Tage-MortalitƤt betrƤgt 0.05–0.2 % (30).

Wie bei allen chronischen Erkrankungen ist auch bei Menschen mit Adipositas, welche sich einer bariatrisch-metabolischen Operation unterzogen haben, eine dauerhafte medizinische Betreuung notwendig. Hierbei geht es beispielsweise darum, der Entstehung von MikronƤhrstoffmƤngeln durch eine systematische Supplementation sowie entsprechende Laborkontrollen entgegenzuwirken. Andere Probleme, welche im postoperativen Verlauf auftreten kƶnnen, sind beispielsweise die Entstehung von inneren Hernien, das Auftreten eines erhƶhten Alkoholkonsums sowie evtl. eine erhƶhte SuizidalitƤt und damit verbunden psychischen Problemen (31).

Trotz des potenziellen Auftretens schwerwiegender Komplikationen überwiegen in der breiten Anwendung die positiven Effekte der bariatrisch-metabolischen Chirurgie ihre potenziellen Risiken deutlich. So konnte in vielen Studien klar gezeigt werden, dass die Funktionstüchtigkeit verschiedener Organsysteme wie Herz, Niere, Leber, Lunge sowie Gehirn nach einer bariatrisch-metabolischen Operation lƤnger erhalten bleibt oder sich sogar verbessert (32–37). Zudem konnte auch eine Reduktion der Inzidenz von Adipositas-assoziierten Krebserkrankungen um 32 % sowie eine Reduktion der Krebs-assoziierten MortalitƤt um 48 % nach bariatrisch-metabolischen Operationen nachgewiesen werden (38). Eindrücklich sind auch die Ergebnisse einer Registerstudie (39), welche eine VerlƤngerung der Lebenserwartung von Menschen mit Adipositas durch bariatrisch-metabolische Operationen um durchschnittlich 6.1 Jahre fand. Bei Personen, welche zusƤtzlich prƤoperativ einen T2DM aufwiesen, betrug die errechnete VerlƤngerung der Lebenserwartung sogar 9.3 Jahre.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Aktualisierter Zweitabdruck aus Therapeutische Umschau 03/2024

Prof. Dr. med. Bernd Schultes

Stoffwechselzentrum St. Gallen, friendlyDocs AG
Lerchentalstrasse 21
9016 St. Gallen

stoffwechselzentrum@friendlydocs.ch

Dr. rer. hum. biol. Barbara Ernst

Stoffwechselzentrum St. Gallen,
friendlyDocs AG
Lerchentalstrasse 21
9016 St. Gallen

Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Bueter

Universitätsspital Zürich, Klinik für Viszeralchirurgie,
& Spital MƤnnedorf AG, Klinik Chirurgie

m.bueter@spitalmaennedorf.ch

Prof. Dr. med. Bernd Schultes gibt an, Vortragstätigkeiten für die Firmen Novo Nordisk, Elli Lilly, Johnson & Johnson, Böhringer-Ingelheim durchzuführen sowie an advisory boards dieser Firmen teilzunehmen. Diese Firmen produzieren und/oder erforschen u.a. Arzneimittel und Medizinprodukte zur Behandlung von Adipositas. Zudem war er als Investigator an klinischen Studien der Firma Novo Nordisk beteiligt.
Dr. rer. hum. biol. Barbara Ernst gibt an, als Studienkoordinatorin an klinischen Studien der Firma Novo Nordisk beteiligt gewesen zu sein.
Prof. Dr. med. Marco Bueter gibt an, Vortragstätigkeiten für die Firmen Johnson & Johnson und Medtronic durchzuführen.

Mit der bariatrisch-metabolischen Chirurgie sowie zunehmend auch der Pharmakotherapie stehen heute hocheffektive, ­evidenzbasierte medizinische Interventionen zur Behandlung der Adipositas zur Verfügung. Bislang werden diese Therapie­optionen noch in einem unzureichenden Umfang angewendet, was darauf zurückzuführen ist, dass sich entgegen der wissenschaftlichen Evidenz immer noch der Mythos hält, dass sich Adipositas allein durch verhaltenstherapeutische Interven­tionen ausreichend behandeln lasse oder sogar gar nicht be­handelt werden müsste. Die genannten effektiven medizinischen Interventionen bieten zudem das Potenzial, Folgeer­krankungen der Adipositas abzuwenden. Dieses Potenzial sollte aus unserer Sicht deutlich stärker genutzt werden. Hierzu ist jedoch ein Paradigmenwechsel notwendig, indem unser Gesundheitssystem sich weniger reaktiv auf die Behandlung von Folgeerkrankungen konzentriert und sich proaktiv auf die effektive Therapie der Adipositas hinwendet.

1. Schultes B, Ernst B, Hallschmid M, Bueter M, Meyhƶfer SM. The ā€œBehavioral Balance Modelā€: A new perspective on the aetiology and therapy of obesity. Diabetes Obes Metab. 2023 Dec;25(12):3444–52.
2. Schultes B. Pharmacological Interventions against Obesity: Current Status and Future Directions. Visc Med. 2016 Oct;32(5):347–51.
3. Schultes B. Medikamentƶse Therapie der Adipositas – Aerzteverlag medinfo AG [Internet]. [cited 2023 Feb 6]. Available from: https://www.medinfo-verlag.ch/medikamentoese-therapie-der-adipositas/
4. Blundell J, Finlayson G, Axelsen M, Flint A, Gibbons C, Kvist T, et al. Effects of once-weekly semaglutide on appetite, energy intake, control of eating, food preference and body weight in subjects with obesity. Diabetes Obes Metab. 2017 Sep;19(9):1242–51.
5. Tronieri JS, Wadden TA, Walsh O, Berkowitz RI, Alamuddin N, Gruber K, et al. Effects of liraglutide on appetite, food preoccupation, and food liking: results of a randomized controlled trial. Int J Obes (Lond). 2020 Feb;44(2):353–61.
6. Kadouh H, Chedid V, Halawi H, Burton DD, Clark MM, Khemani D, et al. GLP-1 Analog Modulates Appetite, Taste Preference, Gut Hormones, and Regional Body Fat Stores in Adults with Obesity. J Clin Endocrinol Metab. 2020 May 1;105(5):1552–63.
7. Friedrichsen M, Breitschaft A, Tadayon S, Wizert A, Skovgaard D. The effect of semaglutide 2.4 mg once weekly on energy intake, appetite, control of eating, and gastric emptying in adults with obesity. Diabetes Obes Metab. 2021 Mar;23(3):754–62.
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Lupus – wann daran denken und wie suchen?

Die Diagnose eines Systemischen Lupus Erythematodes (SLE) stellt bei klassischer Präsentation keine allzu hohen Anforderungen. Allerdings gehört die Erkrankung mit all ihren Facetten und Eigenarten zu den komplexesten und heterogensten, die wir kennen. Die korrekte und vor allem auch zeitnahe Diagnose stellt damit bei vielen Patient/-innen noch immer eine diagnostische Herausforderung dar. Entsprechend gibt es auf die Frage, wann man an einen Lupus denken soll, keine einfache oder pauschale Antwort. Bestimmte anamnestische und klinische Hinweise erlauben jedoch, die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen oder die Abwesenheit eines SLE zu erhöhen. Bei klinischem Verdacht auf das Vorliegen eines SLE kann die Bestimmung von Antinukleären Antikörpern (ANA) für die weitere Diagnostik wegweisend sein.

Diagnosing systemic lupus erythematosus (SLE) is not overly difficult when the classic presentation is present. However, with all its facets and peculiarities, the disease is among the most complex and heterogeneous conditions we know. Consequently, making a correct and, above all, timely diagnosis remains a diagnostic challenge for many patients. Accordingly, there is no simple or blanket answer to the question of when to consider lupus. However, certain anamnestic and clinical clues allow us to increase the probability of the presence or absence of SLE. If SLE is clinically suspected, the detection of antinuclear antibodies (ANA) can be decisive for further diagnosis.
Keywords: Systemischer Lupus Erythematodes, ANA, Klassifikationskriterien

Einführung

Trotz jahrzehntelanger Erforschung des Systemischen Lupus Erythematodes (SLE) ist dieser Prototyp einer Autoimmunerkrankung bis heute nur teilweise verstanden. Erfreulicherweise gab es in den letzten Jahren dennoch erhebliche Fortschritte und – für betroffene Patient/-innen am wichtigsten – wesentliche Entwicklungen bei den therapeutischen Mƶglichkeiten. Diese lenken die Aufmerksamkeit zunehmend auch auf die Langzeitauswirkungen der Erkrankung und ihre Therapie. WƤhrend dieser Artikel sich auf die initiale Diagnosestellung fokussiert, sind die Entwicklungen in KrankheitsverstƤndnis und Therapiemƶglichkeiten Gegenstand regelmƤssiger und umfassender Übersichtsarbeiten (1, 2).

Was ist ein Systemischer Lupus Ā­Erythematodes?

Der SLE ist eine Autoimmunerkrankung, also eine Erkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Kƶrper richtet. Die Erkrankung betrifft v.a. jüngere Frauen (ca. 20. bis 40. Lebensjahr), mit zunehmendem Alter der Patienten jedoch auch MƤnner. Die Ursachen und krankheitsbildenden VorgƤnge sind nur teilweise verstanden. Das aktuelle Konzept geht davon aus, dass der SLE bei den meisten Patient/-innen auf dem Boden einer genetischen PrƤdisposition entsteht, jedoch zusƤtzliche (externe) Faktoren für die Krankheitsentwicklung nƶtig sind. Bezüglich PrƤdisposition steht die sogenannte Abfall-Entsorgungs-Hypothese im Vordergrund (3). Nach dieser Hypothese ist bei Patienten mit SLE die Beseitigung von physiologisch sterbenden Zellen (Apoptose) gestƶrt, so dass es zu einer Fehlleitung des Immunsystems mit der konsekutiven Bildung von Autoantikƶrpern, die gegen Bestandteile der apoptotischen Zellen gerichtet sind, und der Aktivierung der Komplementkaskade kommt. Auch wenn diese Hypothese durch zahlreiche Studien gestützt wird, genügt sie nicht, um das Spektrum der klinischen und experimentellen Beobachtungen umfassend zu erklƤren. Neben genetisch determinierten Mechanismen scheinen auch extrinsische Faktoren Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf der Erkrankung zu nehmen. Besonders hervorzuheben ist die Beobachtung, dass eine vorangegangene Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) ein notwendiger Schritt bei der Entstehung des SLE zu sein scheint. Bei fast allen (ca. 99 %) erwachsenen Patienten mit SLE lƤsst sich eine solche zurückliegende EBV-Infektion serologisch nachweisen und insofern hƤufiger als bei an das Alter angepassten Kontrollen (4). Es gibt verschiedene Mƶglichkeiten, wie eine EBV-Infektion die Entstehung von AutoimmunitƤt ermƶglicht, aber auch diese Mechanismen genügen nicht, um die Krankheit vollstƤndig zu erklƤren (5). Viel seltener lassen sich bei SLE-Patient/-innen rein monogenetische Ursachen nachweisen, und sind hier am besten beschrieben für Patient/-innen mit hereditƤrer Defizienz des klassischen Komplementweges (Defizienz auf Niveau Komplement C1q, C1r/s, C4, C2) (6). Da die Gründe, die zu einem SLE führen, nicht nur komplex, sondern die Folge ganz unterschiedlicher genetischer Risikofaktoren, gepaart mit mehr oder weniger vielen Aussenfaktoren, sind, handelt es sich sehr wahrscheinlich nicht um eine umschriebene Krankheit, sondern um ein Syndrom. Bei SLE-Patient/-innen handelt es sich also um Patient/-innen mit individuellen und heterogenen Ursachen, die sich in ihrer Auswirkung aber klinisch mit gewissen Ƅhnlichkeiten prƤsentieren. Die Eigenschaft des SLE, eher ein Syndrom als eine Krankheit zu sein, erklƤrt dabei einen Teil der Schwierigkeiten, Patient/-innen korrekt und zeitnah zu diagnostizieren.

Klinische PrƤsentation

In der Regel präsentiert sich ein SLE als Triade aus konstitutionellen bzw. unspezifischen Symptomen (Gewichtsverlust, vor allem nachmittägliche Müdigkeit, Fieber, Lymphknotenschwellungen), entzündlichen Organmanifestationen und typischen Laborbefunden, konkret dem Auftreten bestimmter Autoantikörper (Anti-Nukleäre Antikörper (ANA), Autoantikörper gegen native DNA (Anti-dsDNA)) und Zeichen der Aktivierung der Komplementkaskade (tiefe Werte für C4, C3 und/oder Bestimmung der Gesamtkomplementaktivität, früher als «CH50» bezeichnet). Insgesamt hat die Erkrankung die Tendenz, sich über längere Zeiträume zu entwickeln. Das bedeutet einerseits, dass sich die Hauptmanifestation der Erkrankung im Verlauf verändern kann. Andererseits können initial unspezifische Symptome und eine unklare Laborkonstellation vorliegen, so dass eine definitive Diagnose oft erst Monate oder Jahre nach Symptombeginn gestellt wird. Am anderen Ende des Spektrums gibt es Patient/-innen, die sich mit einem relativ akuten Vollbild eines schweren Schubes eines SLE als Erstmanifestation ihrer Erkrankung präsentieren. Aufgrund des systemischen Charakters der Erkrankung kann sie theoretisch alle Organe und Organsysteme involvieren. Manifestationen an Haut, Gelenken und Blutbildveränderungen treten dabei häufiger auf als beispielsweise am zentralen Nervensystem (ZNS), an der Lunge oder am Herz (7). Dagegen ist die Beteiligung anderer Organe zwar seltener, aber als schwerwiegender einzustufen (v.a. Niere und ZNS). Eine ZNS-Beteiligung ist in diesem Kontext trotz MRI und/oder Lumbalpunktion oft schwer zu beweisen und kann sich sehr heterogen präsentieren. Dadurch wird sie bisher möglicherweise in ihrer Häufigkeit unterschätzt. Damit wird klar, dass das klinische Bild des SLE nicht nur insgesamt, sondern auch innerhalb der betroffenen Organe heterogen ist. Darüber hinaus zeigt jede Krankengeschichte einen sehr individuellen Verlauf. Als Konsequenz daraus fällt der SLE in die Differentialdiagnose vieler anderer Krankheiten.

Wann sollte man an SLE denken?

Wie ausgeführt sind die vielfƤltigen Symptome des SLE Teil der Differentialdiagnose bei einem breiten Spektrum initial unklarer Erkrankungen. Dabei gilt zu beachten, dass die Erkrankung trotz steigender Inzidenz insgesamt noch immer eher im Bereich der seltenen Erkrankungen anzusiedeln ist und damit per se eine niedrige Ausgangswahrscheinlichkeit bei den meisten differentialdiagnostischen Überlegungen hat. Die Wahrscheinlichkeit der Diagnose eines SLE steigt vor allem, wenn die betroffenen Patienten weiblich und im Altersbereich von 20–40 Jahren sind. Auch haben Patient/-innen mit genetisch asiatischem, afrikanischem oder hispanischem Ursprung ein erhƶhtes Risiko für einen SLE (8). Bezüglich der Beschwerden lassen v.a. Allgemeinbeschwerden (z. B. ausgeprƤgte Müdigkeit, Fieber, Gewichtsverlust) gepaart mit Symptomen, welche die Haut (inkl. Haarausfall, PhotosensitivitƤt, Raynaud und andere) und/oder die Gelenke (v. a. Finger, HƤnde, Schultern und Knie) betreffen, aber auch primƤr myalgieforme Beschwerden und Sehnenentzündungen, eher einmal an einen SLE denken. Bezüglich der durchaus hƤufigen Hautbeteiligung bleibt jedoch anzumerken, dass nur etwa die HƤlfte aller Patient/-innen jemals ein klassisches Schmetterlingserythem entwickelt, das damit deutlich weniger krankheitstypisch ist, als hƤufig der Eindruck vermittelt wird (Tab. 1).

Auch eine positive Familienanamnese für entzündlich-rheumatische Erkrankungen kann ein wichtiger Hinweis sein. Verschiebt man den Blickwinkel zurück auf die Sicht der Patient/-innen, dann kann ein bereits 1980 vorgestellter Fragenkatalog von Liang et al. (9) bei der Frage weiterhelfen, ob man die Diagnostik in Richtung eines SLE weiterverfolgen soll. Bejaht eine Patientin oder ein Patient mindestens 3 der in Tab. 2 genannten Fragen, dann ist die Diagnose eines SLE ernsthaft zu erwƤgen und weitere Diagnostik angebracht. Im Labor kƶnnen insbesondere unerwartete BlutbildverƤnderungen im Sinne von einer oder mehreren Zytopenien (Lympho-/Leukopenie, AnƤmie, Thrombozytopenie) den Verdacht aufkommen lassen. Ein deutlich erhƶhtes CRP ist bei Patient/-innen mit SLE dagegen eher ungewƶhnlich. Als charakteristisch beim Vorliegen eines floriden SLE wird eine erhƶhte Blutsenkung (BSG) angesehen, die sich in ihrem Ausmass nicht bereits aus einem erhƶhten CRP oder einer schweren AnƤmie ableiten lƤsst. Jedoch nimmt die BSG als Screeningtool nur einen begrenzten Stellenwert ein. Eine klinisch-anamnestische Sonderstellung haben Schwangerschaftskomplikationen, insbesondere Aborte, sowie thromboembolische Ereignisse. Letztere sind besonders relevant bei ungewƶhnlicher Charakteristik (z. B. ungewƶhnlicher Ort und/oder erhƶhter HƤufigkeit oder kombinierte venƶse und arterielle Manifestationen) oder bei fehlendem Risikoprofil, etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall bei jüngeren Patient/-innen ohne typisches kardiovaskulƤres Risikoprofil. Solche PrƤsentationen lassen an das Vorliegen eines hƤufig mit einem SLE vergesellschafteten Anti-Phospholipidantikƶrpersyndromes denken.

Diagnosestellung

Vorweg ist zu betonen, dass die hƤufig verwendeten Kriterien der internationalen Fachgesellschaften nicht primƤr dafür gedacht waren und auch weiterhin nicht sind, die Diagnose eines SLE zu stellen. Sie haben das Ziel, einen SLE von anderen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen abzugrenzen und auch für Studienzwecke zu Ā«homogenisierenĀ». Trotzdem kann man die beschriebenen Ā­Klassifikationskriterien natürlich für die Diagnosestellung heranziehen, muss aber beachten, dass es eine Reihe von Erkrankungen gibt, welche die Kriterien eines SLE erfüllen, tatsƤchlich aber eine vƶllig andere Pathogenese haben. Das gilt z. B. für gewisse maligne Erkrankungen, v.a. solche aus dem hƤmatologischen Formenkreis, aber auch z. B. für bestimmte chronische Infektionskrankheiten. Insofern kann man Klassifikationskriterien eigentlich nur für die Diagnose eines SLE benutzen, wenn Infekte und/oder Malignome ausgeschlossen sind. Seit 2019 sind die gemeinsamen Klassifikationskriterien der European Alliance of Associations for Rheumatology/ American College of Rheumatology (EULAR/ACR) in Gebrauch und haben sich durchgesetzt (Abb. 1) (10).

Gegenüber den Ƥlteren ACR-Kriterien von 1997 (11), die ihre Gültigkeit prinzipiell behalten haben, sind sie etwas sensitiver und damit in der Lage, eine SLE-Diagnose früher zu stellen. Ausserdem wurde ein ANA-Titer von zumindest 1 : 80 als Eintrittskriterium eingeführt, womit man den SLE neu zu einer Art Ā«ANA-ErkrankungĀ» macht. Da es sich um Klassifikations- und nicht um Diagnosekriterien handelt, kann man bei eindeutiger sonstiger Konstellation aus Klinik und Labor trotz negativer ANA jedoch immer noch die Diagnose eines SLE stellen, auch wenn das in der Praxis sicher eine Ausnahme bleiben wird. Auf der Basis der 2019 EULAR/ACR-Kriterien drƤngt sich aber die relativ einfache und breit verfügbare Bestimmung von ANA als Screening-Tool zum Ausschluss eines SLE auf. Sind die ANA negativ, wird eine Diagnose eines SLE sehr unwahrscheinlich, andere Differentialdiagnosen treten dagegen weiter in den Vordergrund. Umgekehrt kann man jedoch beim alleinigen Nachweis von ANA, insbesondere wenn nur niedrig titrig positiv, keinesfalls bereits die Diagnose eines SLE stellen, denn ANA finden sich auch bei anderen rheumatischen Erkrankungen und insbesondere auch bei Menschen ganz ohne Autoimmunerkrankung (12). Dem positiven ANA Nachweis muss zwingend eine gute klinische Gesamtbeurteilung folgen oder – viel besser – bereits vorangehen: Passen die Beschwerden insgesamt zu einem SLE? Gibt es andere Diagnosen, die die Beschwerden besser oder mindestens genauso gut erklƤren kƶnnen? Wenn die zweite Frage mit Nein beantwortet wird, dann kommen zur Eingrenzung sekundƤr zusƤtzliche Laborbestimmungen ins Spiel: Bestimmung von Antikƶrpern gegen ENA (z. B. Anti-Ro, Anti-Sm), gegen dsDNA (Anti-dsDNA) und gegen Cardiolipin bzw. Beta-2-Glykoprotein 1, aber auch Untersuchungen auf einen Komplementverbrauch (C3 und C4) sowie die Bestimmung der GesamtkomplementaktivitƤt. Das Vorliegen von Autoantikƶrpern gegen dsDNA oder gar Anti-Smith (Anti-Sm) und auch Zeichen für einen Komplementverbrauch lassen das Vorliegen eines SLE rasch wahrscheinlicher werden. Für den Fall einer nicht messbar tiefen GesamtkomplementaktivitƤt rückt dabei nicht nur die mƶgliche Diagnose eines SLE weiter in den Vordergrund, sondern auch die Mƶglichkeit für das Vorliegen einer Komplementdefizienz. Ist die Diagnose eines SLE in den Bereich des Wahrscheinlichen gerückt, werden eine Reihe weiterer Untersuchungen erforderlich, die dem Charakter einer Systemerkrankung Rechnung tragen müssen und unter anderem auch das Ziel haben, schwerwiegende Organbeteiligungen nicht zu verpassen. Dies beinhaltet neben einer guten Anamnese und einem guten internistischen Status eine Reihe von Laboruntersuchungen inkl. einer Urinuntersuchung mit der Frage nach einer mƶglichen Nierenbeteiligung (Proteinurie, glomerulƤre Erythrozyturie). Ausserdem kƶnnten je nach Klinik zusƤtzliche Bilddiagnostik (z. B. Ultraschall der Pleura, Echokardiographie, MRI des Gehirns) und/oder histologische Untersuchungen (z. B. Haut-/Nierenbiopsie) nƶtig werden. Für diesen Zweck erscheint uns die zumindest initiale Beurteilung an einem Zentrum mit Erfahrung in der Betreuung von Patient/-innen mit SLE sinnvoll.

Zusammenfassend ist die Diagnosestellung eines SLE komplex und erfordert klinische Erfahrung. Frühzeitige anamnestische Hinweise, typische klinische Befunde und korrespondierende diagnostische Auffälligkeiten können jedoch richtungsweisend sein, um die Erkrankung auszuschliessen oder eine weiterführende Diagnostik zur Diagnosesicherung einzuleiten.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Jasmin Annabelle Schulz

Klinik für Innere Medizin
Petersgraben 4
UniversitƤtsspital Basel
4031 Basel

Prof. Dr. med. Marten Trendelenburg

Klinik für Innere Medizin
Petersgraben 4
UniversitƤtsspital Basel
4031 Basel

Die Autorenschaft hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Der Systemische Lupus Erythematodes (SLE) ist der Ā­Prototyp einer Autoimmunerkrankung.
  • Patient/-innen mit SLE kƶnnen sich klinisch auf sehr Ā­unterschiedliche Weise prƤsentieren.
  • Aufgrund der heterogenen klinischen PrƤsentation ist der SLE einerseits eine Differentialdiagnose für viele zunƤchst unklare Krankheitsbilder; umgekehrt kƶnnen sich viele Krankheiten SLE-Ƥhnlich prƤsentieren.
  • Bei Patient/-innen mit klinischem Verdacht auf einen SLEĀ Ā ist die Bestimmung der AntinukleƤren Antikƶrper (ANA) der erste krankheitsspezifische AbklƤrungsschritt.

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Point of care Ultraschall: Behandle die Ā­Arterien, nicht die Risikofaktoren

Point-of-Care Karotis-Ultraschall gestattet, strahlungsfrei, kostengünstig und reproduzierbar die Risikostratifizierung zu personalisieren, was im klinischen Alltag ein häufiges Problem darstellt. Liegen Karotis-Plaques vor, ist in der Regel eine intensivere sekundärpräventive Behandlung der kardiovaskulären Risikofaktoren, insbesondere auch der Lipide, indiziert. Der hier vorgestellte CTPA-Test (carotid total plaque area) ist schnell erlernbar, benötigt zur Quantifizierung der Plaquelast keine Software und die visuelle Darstellung der atherosklerotischen Plaques verbessert die Therapieadhärenz. Die Effekte der Prävention werden zudem anhand der Abnahme der Plaquelast schon nach 3-6 Monaten sichtbar und sind damit ein stark motivierendes Therapieziel. Der Artikel empfiehlt daher, CTPA als primäre bildgebende Methode zur Risikostratifizierung frühzeitig zu verwenden, zumal Karotisplaque Jahre vor dem Auftreten von Koronarverkalkungen nachweisbar sind. Zudem eignen sich Koronarverkalkungen aus verschiedenen Gründen (Kosten, Strahlenbelastung, Zunahme der Koronarverkalkungen unter Statinbehandlung) nicht als Erfolgskontrolle der präventiven Therapien. Damit ist die CTPA-Methode die einzige, welche als Point-of-Care Management Tool der Atherosklerose zurzeit verfügbar ist.

Point-of-care carotid ultrasound allows for personalized risk stratification in a radiation-free, cost-effective, and reproducible manner, which is a common challenge in everyday clinical practice. If carotid plaques are present, more intensive secondary preventive treatment of cardiovascular risk factors—particularly lipid management—is generally indicated. The CTPA (carotid total plaque area) test presented here is easy to learn, requires no software for quantifying plaque burden, and the visual representation of atherosclerotic plaques improves treatment adherence. Furthermore, the effects of prevention become visible as early as 3–6 months based on the reduction in plaque burden, making this a highly motivating treatment goal. The article therefore recommends using CTPA as the primary imaging method for early risk stratification, especially since carotid plaques can be detected years before the onset of coronary calcifications. Furthermore, coronary calcifications are not suitable for monitoring the success of preventive therapies for various reasons (cost, radiation exposure, increased incidence of coronary calcifications under statin treatment). Thus, the CTPA method is currently the only point-of-care management tool for atherosclerosis available.
Keywords: Point-of-Care-Ultraschall, KardiovaskulƤre PrƤvention, Risikostratifizierung, Karotis-Atherosklerose

Einleitung

Die kardiovaskulƤre PrƤvention befindet sich an einem Wendepunkt. WƤhrend traditionelle AnsƤtze primƤr auf die Kontrolle von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhƶhtem Cholesterin oder Diabetes fokussieren (1), zeigen Forschungsergebnisse eine fundamentale Limitation dieser Strategie: Risikofaktoren sind statistische Surrogatmarker, die das tatsƤchliche Erkrankungsausmass der GefƤsswand oft unzureichend abbilden (2–4), und die verwendeten Motivationsmethoden sind gegenüber der Reaktanz zur Korrektur von Laborwerten und Lebensstil hƤufig machtlos (5, 6).

Der Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) der Karotiden ermƶglicht demgegenüber eine direkte, unmittelbare Visualisierung der Atherosklerose – jener pathophysiologischen RealitƤt, die letztlich über das kardiovaskulƤre Schicksal entscheidet – und weist eine Reihe von entscheidenden Vorteilen gegenüber dem Screening-CT mit Bestimmung des Koronarkalks (CAC-Scan ohne Rƶntgen-Kontrastmittel) auf.

Das etablierte SCORE2/-OP-Modell, das in der Schweiz gemƤss AGLA-Leitlinien zur Risikostratifizierung eingesetzt wird (7), basiert auf epidemiologischen Daten und berechnet statistische Wahrscheinlichkeiten. Dabei zeigt sich jedoch ein systematisches Problem: Die meisten kardiovaskulƤren Ereignisse ereignen sich bei Personen im niedrigen bis mittleren Risikobereich (3, 4, 8, 9).

Dieser Befund deutet auf eine strukturelle Unterdiagnostik hin, die insbesondere jüngere Patienten und Frauen betrifft. Der Paradigmenwechsel hin zur bildbasierten PrƤvention – Ā«treating arteries instead of risk factorsĀ» (9) – erƶffnet neue therapeutische Perspektiven, verbessert die diagnostische PrƤzision und erhƶht die AdhƤrenz zu prƤventiven Empfehlungen.

Im Folgenden geben wir eine kurze Forschungsübersicht zu eigenen und internationalen Arbeiten:
a) Karotis-Plaques sind häufig vor dem Auftreten von Koronarverkalkungen vorhanden; b) klinische Implikationen gemäss den neuesten Empfehlungen der Amerikanischen Herzgesellschaften (Karotis-Plaques sollten auch ohne Nachweis von Koronarverkalkungen intensiv präventiv behandelt werden (10); c) Kasuistik; d) Berechnung des Risikos anhand von SCORE2-/OP und Karotis-Plaques oder Koronarverkalkungen; e) Vorstellung der CTPA-Methode und Risikokategorisierung anhand von Karotis-Plaques und Koronarverkalkungen; f) Vorteile von CTPA gegenüber dem CT-Test (Koronarverkalkungen).

Karotis-Atheromatose erscheinen vor Ā­Koronarverkalkungen

Die zeitliche Sequenz der Atherogenese an verschiedenen GefƤsslokalisationen ist von entscheidender prƤventivmedizinischer Bedeutung. Mehrere Studien belegen übereinstimmend, dass Karotis-Plaques dem Auftreten von Koronarkalk chronologisch vorausgehen – teilweise um Jahre bis Jahrzehnte (Abb. 1).

• Gudmundsson stratifizierte weibliche und mƤnnliche Probanden nach Koronarkalk (CAC) und KarotisĀ­atheromatose (cTPA-PlaqueflƤchensumme). Ohne CAC wurde bei 36 % der Frauen und 19 % der MƤnner eine Karotisplaque festgestellt (Chi2 = 5.01, p = 0.02 für den Geschlechtsunterschied), wƤhrend nur bei 5.5 % der Frauen und 4.6 % der MƤnner keine Karotisplaque bei CAC > 0 festgestellt wurde. Eine signifikante Menge an CAC (z. B. Agatston Score CAC ≄ 100) ohne Karotisplaque war bei 1.4 % der Frauen und 1.6 % der MƤnner vorhanden (12), und die Ergebnisse unter Verwendung der FlƤche unter der Kurve (AUC) und der Netto-Reklassifizierungsverbesserung für kardiovaskulƤre Ereignisse waren für cTPA und CAC in 3 Modellen, die um Kovariaten bereinigt wurden, vergleichbar.
• In der PESA-Studie, in der 4066 Patienten auf das Vorhandensein von Karotisplaques und Koronarkalk untersucht wurden, stratifiziert nach Geschlecht und mit einem Durchschnittsalter von 45.8 ± 4.3 Jahren, wurde bei 36 % der MƤnner (24 % der Frauen) das Vorhandensein von Karotisplaques festgestellt, aber CAC wurde nur bei 25 % der MƤnner und 5 % der Frauen mit familiƤrer HypercholesterinƤmie gefunden (13).
• Bei Patienten mit familiƤrer HypercholesterinƤmie berechneten die Autoren das Durchschnittsalter für das Auftreten von Karotisplaques, Koronarplaques und Koronarkalk und fanden Werte von 17, 26 und 31 Jahren für mƤnnliche und 30, 36 und 40 Jahren für weibliche Patienten (14). Daher traten bei familiƤrer HypercholesterinƤmie koronare Verkalkungen bei MƤnnern 14 Jahre spƤter und bei Frauen 10 Jahre spƤter als Karotisplaques auf. Karotisplaques sind auch mit einer hƶheren Inzidenz der Entwicklung von Koronarkalk in der Zukunft verbunden (15).
• In einer eigenen Arbeit (11) haben wir bei 907 Personen CAC mit cTPA verglichen (mittleres Alter 60±9 Jahre, 35 % Frauen, 12 % Diabetes mellitus Typ II, 28 % Raucherinnen und Raucher, 84 % PrimƤrprƤvention) und beobachtet, dass insbesondere bei Frauen hƤufiger (23 %) eine cTPA > 21 mm2 vorlag als CAC (bei den MƤnnern waren es 17 %), wƤhrend bei Frauen und MƤnnern CAC > 10 ohne Karotis-Atheromatose nur bei 2.5 % bzw. 2.9 % gefunden wurde (p < 0.01). Auch bei fortgeschrittener Karotis-Atheromatose wiesen 7.2 % der Frauen eine cTPA > 61 mm2 ohne Koronarverkalkungen auf (MƤnner 5.6 %), wƤhrend CAC > 100 ohne Karotis-Atheromatose nur bei 0.6 % der Frauen und nur 1.0 % der MƤnner gefunden wurde (Abb. 2).

Klinische Implikationen: SekundƤr- statt PrimƤrprƤvention

Die frühere Manifestation der Karotis-Atherosklerose erƶffnet ein diagnostisches Zeitfenster für prƤventive Interventionen, bevor koronare Verkalkungen eintreten. Dies ist von besonderer Relevanz, da Koronarkalk bereits einen fortgeschrittenen Heilungsprozess nach vorangegangenen Plaque-Rupturen reprƤsentiert. Patienten mit CAC = 0, aber nachweisbarer Karotis-Atherosklerose weisen hƶchstwahrscheinlich bereits nicht verkalkte koronare Plaques auf – jene vulnerablen, lipidreichen LƤsionen, die für akute kardiovaskulƤre Ereignisse verantwortlich sind und die betroffenen Personen in die SekundƤrprƤvention platzieren. Deswegen sollte gemƤss den neuesten US-amerikanischen Empfehlungen selbst bei fehlenden Koronarverkalkungen eine LDL-Behandlung erfolgen (10). Personen mit relevanter Atherosklerose sollten mit den Zielwerten der SekundƤrprƤvention prƤventiv behandelt werden. Die LDL-Senkung führte bei Patienten mit Atherosklerose oder Diabetes und ohne vorherigen Myokardinfarkt oder Schlaganfall zu einem geringeren Risiko für erste kardiovaskulƤre Ereignisse als Placebo, wie die Vesalius-Studie kürzlich bestƤtigte (16). Damit ist auch erwiesen, dass Personen im Risikobereich der SekundƤrprƤvention aufgrund einer bekannten Atherosklerose ohne vorherigen Herzinfarkt oder Hirnschlag durch eine rechtzeitige LDL-Senkung vor solchen Ereignissen geschützt werden kƶnnen. Diese Wissenslücke wurde durch die VesaliusĀ­studie geschlossen und entspricht den wissenschaftlichen Erwartungen.

Kasuistik

Eine 62-jƤhrige sportliche und gesunde Nichtraucherin meldet sich zur prƤventiven Untersuchung, weil ihr jüngerer Bruder kürzlich einen Stent benƶtigte, obwohl auch er Nichtraucher ist. Auch der Vater erlitt im Alter von 52 Jahren bereits einen Herzinfarkt, er war jedoch stark übergewichtig und Typ II Diabetiker. Die Patientin erhƤlt nun einen medizinischen Check-up. Hier die relevanten Befunde: Blutdruck 124/78 mm Hg, Herzfrequenz 62/min, Cholesterin 6.2 mmol/l, HDL 2.2 mmol/l, LDL 3.5 mmol/l, TG 1.0 mmol/l, Lp(a) 645 mg/l (Norm -300). Aufgrund dieser Daten ergibt sich ein kardiovaskulƤres SCORE-2-Risiko von 3.2 % in 10 Jahren. Infolge des erhƶhten Lp(a) wird noch ein experimenteller, von der EuropƤischen Herzgesellschaft empfohlener Nachtest-Rechner verwendet (www.lpaclinicalguidance.com/). Dieser berechnet für die nƤchsten 18 Jahre ein Risiko von 4.6 %, mit Lp(a) ein Risiko von 6.6 %. Aufgrund dieser nicht sehr hohen Risiken und wegen befürchteter Statin-Nebenwirkungen sowie ohnehin nicht hohem LDL-Cholesterin mƶchte die Patientin sich nicht behandeln lassen. Sie willigt aber ein, die Halsschlagader auf Plaque untersuchen zu lassen. Im POCUS des Hausarztes sieht die Patientin eine PlaqueflƤchen-Summe von 66 mm2, was einem Arterienalter einer 70-JƤhrigen entspricht (17). Anhand des Bayes-Theorems bei positivem Testergebnis (SensitivitƤt 82 %, SpezifitƤt 78 %) und der Berechnung der Nachtest-Wahrscheinlichkeit nach der Formel PTP pos: (PV x SE)/[PV x SE + (1 – PV) x (1 – SP)] steigt das Risiko von 7 % auf 22 % (Abb. 3) (18). Aufgrund der vorhandenen Atherosklerose befindet sich die Patientin in der SekundƤrprƤvention und sollte das LDL-Cholesterin unter 1.8 mmol/l senken sowie Aspirin cardio 100 mg 1-0-0 erhalten. Sie ist damit einverstanden und erwartet eine Regression der Karotis-Atheromatose in 6 Monaten anlƤsslich der Nachkontrolle.

Einfache Point-of-Care-Messungen

Der POCUS der Karotiden vereint mehrere methodische Vorteile, die ihn für die breite klinische Anwendung prƤdestinieren. Die oberflƤchliche anatomische Lage der Arteria carotis communis, interna und externa Ā­ermƶglicht eine hochauflƶsende B-Bild-Darstellung mit linearen Hochfrequenzschallkƶpfen (7–15 MHz). Die standardisierte Untersuchung erfasst das gesamte extrakranielle Karotissystem vom Schlüsselbein bis zum Kieferwinkel, einschliesslich der Bifurkation und des Bulbus – PrƤdilektionsstellen der Atherogenese.
Die quantitative Erfassung erfolgt mittels Messung der gesamten PlaqueflƤche (carotid Total Plaque Area, CTPA). Dabei wird jede Plaque – definiert als fokale Intima-Media-Verdickung ≄ 1.0 mm – longitudinal abgebildet, die PlaqueflƤche planimetrisch umfahren und die Summe aller Plaques beider Karotiden berechnet. Diese Methode weist eine exzellente Reproduzierbarkeit auf, wie in Validierungsstudien gezeigt wurde (19). Im Gegensatz zur blossen Intima-Media-Dicke (IMT), die per definitionem keine Atherosklerose misst, sondern Ā«arterial injuryĀ» (19, 20), fokussiert CTPA auf die tatsƤchliche atherosklerotische Last.

Weitere Informationen zu Studien der Vascular Risk Foundation sind auf der Präventionsseite des Bundesamtes für Gesundheit abrufbar (21).

Moderne kompakte UltraschallgerƤte im Tablet-Format ermƶglichen die Untersuchung direkt am Krankenbett oder in der Arztpraxis. Nach strukturierter Schulung kƶnnen Allgemeinmediziner und Internisten reproduzierbare Messungen innerhalb von 1–3 Minuten durchführen und dank der standardisierten Auswertung auch longitudinale Verlaufskontrollen vornehmen. Die Gradierung der Befunde ist in Abb. 4 ersichtlich.

Schlussfolgerungen

Die vorliegenden Daten aus einer Schweizer Kohorte sowie internationale Evidenz konvergieren zu einem klaren Befund: Der Point-of-Care-Ultraschall der Karotiden ist ein überlegenes Instrument zur kardiovaskulären Risikostratifizierung im Vergleich zu konventionellen Risikorechnern und in vielen Situationen auch gegenüber Koronarkalk-CT. Die Vorteile sind vielfältig:

Diagnostisch
Frühere Detektion subklinischer Atherosklerose, insbesondere bei Frauen und jüngeren Patienten. Höhere Sensitivität für behandlungsbedürftige Pathologie als SCORE2/-OP oder Koronarverkalkungen, Neuplatzierung von Erkrankten in die Sekundärprävention.

Therapeutisch
PrƤzisere Identifikation von Patienten mit Indikation zur intensivierten LDL-Senkung. Mƶglichkeit zum objektiven Therapiemonitoring und zur individualisierten Steuerung der prƤventiven TherapieintensitƤt.

Prognostisch
Überlegene Vorhersage kardiovaskulƤrer Ereignisse. In der ARCO-Studie wurden 95 % der Ereignisse bei den bildbasiert behandelten Patienten erfasst versus 88 % mit SCORE2/-OP. (8)

Praktisch
Strahlungsfrei, beliebig wiederholbar, kostengünstig, am Point-of-Care verfügbar. Keine Kontrastmittel, keine spezialisierte Infrastruktur erforderlich.

Kosten
Verbesserung der Gesundheitsgerechtigkeit durch dezentrale Verfügbarkeit. Reduktion geschlechtsspezifischer Ungleichheiten in der Diagnostik.

Psychologisch
Starker motivationaler Effekt durch Visualisierung und die Erklärung der Plaqueregression (Verjüngung der Arterien!) mit nachweislich verbesserter Patientenadhärenz und Senkung des Reaktanz-Risikos im Gegensatz zu reiner Risikofaktoren-basierter, häufig Angst machender Risikokommunikation.

«Treating arteries instead of risk factors»
Die Implementierung des Konzepts Ā«Treating arteries instead of risk factorsĀ» (9) erfordert einen Kulturwandel in der PrƤventionsmedizin. Statt abstrakte Risikofaktoren zu managen, sollten wir die Atherosklerose als solche diagnostizieren, behandeln und monitorisieren. Der Karotis-POCUS ist das ideale Werkzeug für diesen Paradigmenwechsel: einfach, prƤzise, patientenfreundlich und kostengünstig. Die Vesaliusstudie (16) hat zudem kürzlich den Beweis erbracht, dass die Behandlung der Atherosklerose Ā«vor dem InfarktĀ» das relative Risiko um 25 % senkt (erreichte LDL-Senkung hierfür: 1.6 mmol/l).

Die aktuelle Evidenzlage rechtfertigt die Empfehlung, CTPA als primƤre bildgebende Untersuchung zur kardiovaskulƤren Risikobewertung bei MƤnnern und Frauen schon vor dem 40. Lebensjahr einzusetzen. Der Test zur Messung von Koronarverkalkungen behƤlt seinen Stellenwert in speziellen Situationen (sehr hohes Risiko durch Diabetesdauer oder Lp(a), diskordante Befunde bei der CTPA-Messung), sollte aber im Gegensatz zur CTPA Methode nicht primƤre Screening-Methode sein.

Die Zukunft der kardiovaskulären Prävention ist bildbasiert, individualisiert und biologisch begründet. Point-of-Care-Ultraschall der Karotiden verkörpert diese Zukunft bereits heute.

Dr. med. Michel Romanens 1
Dr. med. Hermann Lanter 2
Dr. med. Sandor Balint 3
Dr. med. Ansgar Adams 4
1 Facharzt FMH für Kardiologie u. Innere Medizin, Spitalstrasse 9, 4600 Olten
2 Facharzt FMH für Innere Medizin, Spitalstrasse 9, 4600 Olten
3 Facharzt FMH für Innere Medizin, Hauptstrasse 129, 4102 Binningen
4 Arztpraxis Dr. med. Ansgar Adams, BG prevent GmbH, Gesundheitszentrum Koblenz, Bubenheimer Bann 4, D-56070 Koblenz

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Dr. med. Michel Romanens

Facharzt FMH für Kardiologie u. Innere Medizin
Spitalstrasse 9
4600 Olten

Dr. med. Ansgar Adams

Arztpraxis Dr. med. Ansgar Adams
BG prevent GmbH
Gesundheitszentrum Koblenz
Bubenheimer Bann 4
D-56070 Koblenz

Die Autoren haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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PrƤpartale Beratung der Schwangeren zum Thema Beckenboden

Während der Schwangerschaft und Geburt ist der weibliche Beckenboden auf besondere Weise beansprucht. Sie sind der Hauptrisikofaktor für Beckenbodenschäden der Frau, wobei die Funktionalität in ca. zwei Drittel der Fälle negativ beeinflusst wird. Die möglichen Beschwerdebilder sind vielseitig und können von Harn- und/oder Stuhlinkontinenz, über Senkungsbeschwerden bis hin zu Dyspareunien reichen. Auch noch viele Jahre nach der Geburt können Beckenbodenbeschwerden auftreten, die sich oft mit zunehmendem Alter aggravieren. Sowohl der Geburtsmodus als auch das Geburtsmanagement sub partu haben einen massgeblichen Einfluss auf die Funktionalität des Beckenbodens. Ein besonderes Augenmerk sollte auf Patientinnen mit Risikofaktoren wie Adipositas, St.n. höhergradigen Dammverletzungen, relativer fetaler Makrosomie in Bezug auf das mütterliche Becken und erhöhtem mütterlichen Alter gelegt werden. Grundsätzlich sollten die Patientinnen während der Schwangerschaft über mögliche Folgen einer Geburt auf ihren Beckenboden und über die Vor- und Nachteile der vaginalen Geburt gegenüber einer Sectio caesarea aufgeklärt werden.

During pregnancy and childbirth, the female pelvic floor is exposed to immense stress. They are the main risk factor for pelvic floor trauma in women, with negative impact on functionality in about two-thirds of cases. The possible symptoms are diverse and can range from urinary and/or faecal incontinence, to genital prolapse or dyspareunia. Even many years after childbirth, pelvic floor problems can occur, often worsening with increasing age. Both the mode of delivery and the management during childbirth have a significant impact on maternal outcomes. Special attention should be given to patients with risk factors such as obesity, history of severe perineal tears, foetal macrosomia relative to the maternal pelvis, and advanced maternal age. In general, patients should be informed during pregnancy about the potential consequences of childbirth on their pelvic floor, and about the advantages and disadvantages of vaginal delivery compared to caesarean section.

Keywords: Geburt, Beckenbodenprotektion, Geburtsverletzungen, Dammriss, Geburtsmodus

Hinführung zum Thema

Das Bewusstsein um die eigene Gesundheit spielt im Rahmen der Entscheidung zum Geburtsmodus bei Schwangeren heutzutage eine zunehmend wichtige Rolle. Neben den Überlegungen zum besten Geburtsmodus für das ungeborene Kind sowie für die zukünftige reproduktive Gesundheit spielen auch der Wunsch nach Integrität und Erhalt der Funktionalität des Beckenbodens eine entscheidende Rolle. Frauen sollten daher im Rahmen eines Geburtsprocedere-Gesprächs ergebnisoffen und wertfrei unter Einbezug ihrer individuellen Situation und Wünsche umfassend über die verschiedenen Geburtsmodi und deren Folgen für Mutter und Kind beraten werden. Zudem sollten mögliche Protektionsmassnahmen im Hinblick auf eine vaginale Geburt besprochen werden.

Beckenboden und vaginale Geburt

Man unterscheidet zwei Mechanismen der BeckenbodenschƤdigung bei Vaginalgeburten: ein direktes Trauma der Beckenboden-/Dammmuskulatur und des AufhƤngeapparates der Beckenorgane sowie ein Trauma der nervalen Beckenbodeninnervation (Abb. 1). Geburtsrissverletzungen und Beckenbodentraumata (Ein-/Abrisse oder HƤmatome) sind mit einer Inzidenz von 50–91 % hƤufig (1). Daraus kƶnnen Beschwerden wie Harn- und/oder Stuhlinkontinenz, Senkungsbeschwerden, Schmerzen sowie sexuelle Funktionsstƶrungen und dadurch nachfolgend immense psychische Ā­BeeintrƤchtigungen resultieren (2).

Levator ani – Muskelkomplex (LAM)

Die für eine Geburt notwendige Dehnung des LAM zeigt grosse interindividuelle Unterschiede. Das Spektrum reicht hierbei von 25–245 % (3). In Simulationen manifestieren sich nach einer normalen Geburt in > 10 % der Muskelfasern Einrisse, welche sich v.a. an dessen AnsƤtzen am knƶchernen Becken und am Arcus tendineus (sog. Levatoravulsionen) sowie im mittleren Anteil des Muskels zeigen. Insbesondere der mediale Anteil des LAM, der M. puborectalis, ist prƤdestiniert für LƤsionen (4). Es konnte zudem in Studien beobachtet werden, dass die Beckenbodenmuskulatur beim Hƶhenstand der kindlichen Leitstelle auf der Interspinalebene +4, d. h. kurz vor kindlichem Kopfaustritt, die maximale Dehnung und Deformation erfƤhrt, was für eine Verletzung zu diesem Zeitpunkt spricht (5, 6). Die Inzidenz für Levatoravulsionen wird bei Spontangeburten mit 6–16 % angegeben, bei vaginal-operativer Entbindung mit bis zu 21 % und bei Forzepsentbindungen mit bis zu 52 % (7). Folgen von Levatoravulsionen sind insbesondere Deszensusbeschwerden. Neben der fetalen Makrosomie sind ein grosser Kopfumfang und v.a. die Relation des Kopfumfangs zur Levatorƶffnung mit einer hƶheren Rate an vaginal-operativen Entbindungen, Levatordefekten und hƶhergradigen Dammrissen assoziiert (8). GemƤss der Datenlage beeinflusst insbesondere die erste vaginale Geburt massgeblich die Weite des genitalen Hiatus und damit das Risiko für einen Deszensus urogenitalis sowie die Rate an Urininkontinenz. Weitere vaginale Entbindungen scheinen einen deutlich geringeren Effekt auf den Beckenboden zu haben (9, 10).

Analsphinkter

Analsphinkter-Defekte im Rahmen vaginaler Geburten treten bei 0.5–11 % auf, wobei die Rate bei Spontangeburten um 0.5–2.5 % liegt. ZusƤtzlich finden sich in 10–35 % okkulte Defekte, die teilweise erst mit grosser Latenz im spƤteren Verlauf diagnostiziert werden. (11) GemƤss AWMF-Leitlinie Ā«Management von Dammrissen III. und IV. Grades nach vaginaler GeburtĀ» ist im deutschsprachigen Raum von Raten um die 2 % hƶhergradiger Dammverletzungen nach vaginaler Geburt auszugehen (12). Risikofaktoren für Dammrisse III./IV. Grades sind u.a. eine fetale Makrosomie > 4000g, ein fetaler Kopfumfang > 35 cm, vaginaloperative Entbindungen und eine prolongierte Austrittsperiode (13, 14).

Als unmittelbare Folge hƶhergradiger Dammrisse ergibt sich eine erhƶhte Flatus- und Stuhlinkontinenzrate. Eine langfristige Stuhlinkontinenz findet sich bei ca. 6 % der Frauen postpartal, wovon ca. 30 % einen hƶhergradigen Dammriss erlitten (15). In Studien mit lƤngerer Nachbeobachtungszeit von 10 und 18 Jahren nach vaginaler Geburt zeigt sich eine generelle Zunahme der Inzidenz für Flatus- und Stuhlinkontinenz (um die 13 % ausgeprƤgte anale Inkontinenz), wobei nur 6 % der angegebenen Analinkontinenzen auf einen hƶhergradigen Dammriss zurückzuführen sind (16, 17). Dies relativiert langfristig den Einfluss dieses Geburtstraumas auf die Analinkontinenz. Bei St.n. hƶhergradigem Dammriss hat die Patientin bei Symptomfreiheit ein geringes Risiko eines Neuauftretens einer analen Inkontinenz (<10 %, zumeist transiente Flatusinkontinenz), wƤhrend bei persistierenden oder vorübergehenden Symptomen einer Analinkontinenz ein erhƶhtes Risiko für eine Verschlechterung nach erneuter vaginaler Geburt besteht und eine Sectio caesarea diskutiert werden kann (18). In einem 2024 verƶffentlichten Review mit Metaanalyse zeigte sich keine Evidenz, dass eine Sectio nach hƶhergradigem Dammriss bezüglich einer Analinkontinenz protektiv ist (19).

Das Wiederholungsrisiko für hƶhergradige Dammrisse liegt bei ca. 4–8 % und ist somit annƤhernd mit dem Risiko einer ErstgebƤrenden vergleichbar (20).

Urininkontinenz

GrundsƤtzlich zeigen sich nach einer Schwangerschaft und Geburt hƶhere Raten an Urininkontinenz und Deszensus urogenitalis. Die Inzidenzen sind 6 Monate nach Spontangeburt hƶher als nach Sectio, nƤmlich 55 % Urininkontinenz nach Spontangeburt vs. 46 % nach Sectio sowie 22 % Deszensus uteri ≄ Grad 2 (gemƤss Pelvic Organ Prolapse Quantification System (POP-Q)) nach Spontangeburt vs. 15 % nach Sectio (21). Es wird davon ausgegangen, dass 10–15 Sectiones notwendig wƤren, um eine milde Urininkontinenz zu verhindern und 110 Sectiones zur Verhinderung einer schweren Inkontinenz (22). Auch die Schwangerschaft selbst hat schon einen relevanten Einfluss auf den Beckenboden (23).

Für weitergehende Informationen in patientengerechter Sprache empfiehlt sich die Informationsbroschüre der Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) «Veränderungen am Beckenboden während Schwangerschaft und Geburt sowie im Wochenbett» (24).

Beckenboden und Sectio caesarea

In den meisten FƤllen hat die Sectio caesarea deutlich weniger negative Auswirkungen auf die BeckenbodenfunktionalitƤt als die vaginale Geburt. In einer schwedischen Registerstudie wurde bei 61 000 Frauen mit Operationen aufgrund einer Urininkontinenz oder eines Genitalprolapses die Geburtsanamnese erhoben. Hierbei zeigte sich, dass 97.8 % der Patientinnen mit Ā­Prolaps-Operation und 93 % derjenigen mit Urininkontinenz-Operation mindestens eine vaginale Geburt in der Vorgeschichte hatten. Diese Eingriffe wurden bei Patientinnen nach Sectio caesarea und bei NulliparitƤt deutlich seltener durchgeführt (10).Bei postpartalen Untersuchungen zeigte sich die Rate an Levatordefekten und erweiterten Hiatusdimensionen signifikant hƶher nach vaginaler Geburt als nach Sectio caesarea. Wenn es unter einer sekundƤren Sectio caesarea zu einer SchƤdigung des LAM kam, dann war die AusprƤgung des Defekts abhƤngig vom fetalen Kopfumfang, fetalem Gewicht, Dauer der Geburt und von dem vaginalen Untersuchungsbefund zum Zeitpunkt der Sectio (25).

In einer amerikanischen Studie wurden 1500 Frauen 5–10 Jahre nach der ersten Geburt über 9 Jahre nachbeobachtet. Nach vaginal-operativer Entbindung zeigte sich die hƶchste Rate an Urininkontinenz (Belastungsinkontinenz und überaktive Blase), an Deszensus urogenitalis und Analinkontinenz, gefolgt von Spontangeburten und der Sectio caesarea (26).

Auch wenn die Sectio caesarea einen protektiven Effekt auf die BeckenbodenfunktionalitƤt zu haben scheint, sollte die Indikation diesbezüglich nur nach sorgfƤltiger Evaluation der Vor- und Nachteile gestellt werden. Den Vorteilen müssen die Nachteile gegenübergestellt werden, wie z.B. chronische Unterbauchschmerzen, ein erhƶhtes Risiko für Uterusruptur, Placenta-accreta-Spektrum und Sectionarbenschwangerschaften in Folgeschwangerschaften. Diese Risiken steigen mit zunehmender Anzahl an durchgeführten Sectiones (27). Auch das erhƶhte Atemnotsyndrom-Risiko des Neugeborenen sowie die allgemeinen Risiken einer Bauchoperation gilt es hier zu beachten (28, 29). Für weitere Informationen diesbezüglich empfiehlt sich die Guideline zur Sectio caesarea der SGGG, das Ā«AufklƤrungsprotokoll zum KaiserschnittĀ» und das Ā«Informationsblatt für Schwangere nach vorausgegangenem KaiserschnittĀ» der SGGG (30–32).

Beckenbodenprotektion bei vaginalen Geburten

Wenn sich Patientinnen für eine vaginale Geburt entscheiden, empfiehlt sich eine Aufklärung hinsichtlich möglicher protektiver Massnahmen prä- und peripartal.

PrƤpartale Massnahmen

Beckenbodentraining

Ein Beckenbodentraining vor und während der Schwangerschaft kann sich präventiv auf eine Urininkontinenz in der späten Schwangerschaft und postpartal auswirken. In einer Metaanalyse von 46 Studien zeigte sich, dass insbesondere noch kontinente Frauen hiervon profitieren (33). Die Annahme, dass ein Beckenbodentraining zu einem zu straffen Beckenboden führe und damit zu negativen Effekten während der Geburt, konnte widerlegt werden. (34) Bezüglich analer Inkontinenz und Beckenbodentraining gibt es nur wenig Daten, die keinen klaren Nutzen gezeigt haben (33).

Dammmassage

Die Daten hinsichtlich einer Beckenbodenprotektion durch eine vorbereitende Dammmassage in der Schwangerschaft sind heterogen. Gemäss eines systematischen Reviews mit Metaanalyse zeigte sich hierdurch eine geringere Rate an Dammverletzungen (35). In anderen Arbeiten konnte der protektive Effekt der Dammmassage antepartal nicht bestätigt werden (15, 36). Tendenziell scheinen insbesondere Erstgebärende und Frauen >30 Jahre von der Dammmassage zu profitieren (35). Es kann daher grosszügig zu der Dammmassage geraten werden.

Epi-NoĀ®-Dammtrainer

Beim Epi-No®-Dammtrainer handelt es sich um einen intravaginal eingeführten Ballon zur antepartalen Vordehnung des Geburtskanals. Gemäss Literatur kann hierdurch die Rate an Episiotomien, Dammrissen und Levatoravulsionen jedoch nicht gesenkt werden (35, 37, 38). Zur mentalen Vorbereitung auf die Dehnung des Geburtskanals unter der Geburt kann er jedoch hilfreich sein.

Sport

Gemäss einer Metaanalyse kann Sport in der Schwangerschaft die Rate an neuauftretender Urininkontinenz senken (39). Weitere positive Effekte auf den Beckenboden sind eine geringere Gewichtszunahme, ein geringeres Risiko für die Entwicklung eines Gestationsdiabetes und damit einer fetalen Makrosomie mit den entsprechenden Konsequenzen (39). Zudem kann Sport in der Schwangerschaft die Rate an Spontangeburten steigern und die Geburtsdauer verkürzen (39). In einer randomisiert-kontrollierten Studie zeigten 90 Minuten Yoga pro Woche bei 106 Patientinnen eine niedrigere Rate an sekundären Sectiones und subjektiv weniger Schmerzen unter der Geburt im Vergleich zur Kontrollgruppe (40).

Intrapartale Massnahmen

Occipitoanteriore SchƤdellage

Grundsätzlich sollte während der Geburt eine occipitoanteriore Schädellage des Fetus angestrebt und durch Lagerungsmanöver oder ggf. interne/externe manuelle Rotation erreicht werden. Hierdurch verringert sich das Durchtrittsplanum des fetalen Kopfes und somit das Risiko für Beckenbodenschäden (41, 42).

Stress/Angst

Eine geringere Anspannung des Beckenbodens zeigt in einer Simulationsstudie ein vermindertes Risiko für Beckenbodenschäden. Es ist daher davon auszugehen, dass eine gute Beckenbodenrelaxation, z.B. durch adäquate Angst- und Stressreduktion oder durch gute Analgesie (insbesondere z.B. Epiduralanästhesie) das Risiko von Beckenbodenschäden vermindern kann (43).

Dauer der AP

Dem Geburtskanal sollte ausreichend Zeit zur Dehnung gegeben werden, diese sollte aber auch nicht zu lange andauern. Genaue Grenzwerte diesbezüglich existieren nicht. Mit jeder weiteren Stunde in der Austreibungsperiode verdoppelt sich jedoch das Risiko für Levatoravulsionen (44). Hinsichtlich der Presstechnik in der Austreibungsphase (Vasalva vs. spontane Presstechnik der Patientin) konnten keine Unterschiede im Geburtsoutcome und auf den Beckenboden festgestellt werden (45).

Warme Dammkompressen

Die Auflage wärmender Kompressen auf den Dammbereich während der Austreibungsphase führt gemäss einer Metaanalyse zu weniger höhergradigen Dammrissen. Ein sonstiger protektiver Nutzen für den Beckenboden ist bisher unklar (46).

Intrapartale Dammmassage

Einige Arbeiten konnten zudem einen protektiven Effekt durch eine durch geburtshilfliches Personal durchgeführte intrapartale Dammmassage nachweisen (15, 36).

Manueller Dammschutz

Die Datenlage zum manuellen Dammschutz ist uneinheitlich. WƤhrend einige Arbeiten eine Ā«hands offĀ»-Methode zur Reduktion von Episiotomien und Dammverletzungen sehen, schreiben andere Arbeiten einer Ā«hands-onĀ»-Methode protektive Effekte auf den Beckenboden zu. (46) Bemerkenswert ist, dass ein in Norwegen durchgeführtes einheitliches Dammschutztraining des Personals mit Einschluss von ca. 40 000 Geburten eine Reduktion der Rate hƶhergradiger Dammrisse von 3–5 % auf 0.6–2 % bei Spontangeburten und 13–23 % auf 5.5–6.5 % bei vaginal-operativen Geburten verzeichnen konnte (47).

Vaginal-operative Entbindung

Bei vaginal-operativen Entbindungen sollte im Rahmen von Vakuumgeburten auf die richtige Positionierung des Cups auf dem Flexionspunkt des fetalen Kopfes geachtet werden und grundsätzlich die Entbindung entlang der Führungslinie des Geburtskanals erfolgen. (48) Da das Forzeps zu mehr Geburtsverletzungen führt, sollte die Vakuumentbindung vorgezogen werden, wenn möglich (7).

Episiotomie

GemƤss aktueller AWMF-Leitlinie sollte eine Episiotomie zur Verhinderung hƶhergradiger Dammrisse bei Spontangeburten nicht routinemƤssig durchgeführt werden (49). Falls eine Episiotomie durchgeführt wird, sollte sie mediolateral in einem Winkel von 45–60° am ausgedehnten Damm erfolgen. Bei der vaginal-operativen Entbindung kann die Indikation zur mediolateralen Episiotomie grosszügiger gestellt werden, v.a. bei zusƤtzlichen Risikofaktoren wie NulliparitƤt, fetaler Makrosomie, occipitoposteriorer Einstellung, u.a. (50).

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Christina Louisa Coelius

Klinik für Geburtshilfe
Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10
8091 Zürich

PD Dr. med. Nina Kimmich

Klinik für Geburtshilfe
Universitätsspital Zürich
Frauenklinikstrasse 10
8091 Zürich

nina.kimmich@usz.ch

Die Autorinnen haben keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

Spätestens beim Geburtsprocedere-Gespräch sollte jede Schwangere über mögliche Folgen der Schwangerschaft und Geburt auf ihren Beckenboden informiert werden. Bei erhöhtem Risiko für Beckenbodenschädigungen im Rahmen einer vaginalen Geburt sollte eine Sectio caesarea als alternativer Geburtsmodus diskutiert werden. Sollte sich die Schwangere für eine Vaginalgeburt entscheiden, dann empfiehlt sich die prä- und intrapartale Anwendung protektiver Massnahmen sowie möglichst die Vermeidung belastender Situationen für den Beckenboden.

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