Wann sind orthopädische Schuheinlagen indiziert – oder eben nicht?

Der Fuss des Menschen stellt ein hochkomplexes, biomechanisches System dar, das im Alltag – etwa beim Gehen oder Stehen – erheblichen Belastungen ausgesetzt ist und häufig ursächlich für Beschwerden im Fuss- und Sprunggelenksbereich ist. Orthopädische Schuheinlagen gelten als bedeutendes konservatives Therapieverfahren zur Korrektur von Fehlstellungen, Schmerzlinderung sowie zur gleichmässigeren Verteilung von Belastungskräften. Sie wirken primär über drei Mechanismen: Unterstützung des Fussgewölbes, Dämpfung von Stossbelastungen und Korrektur der Fussmechanik. Indikationen hierfür finden sich u.a. bei Erkrankungen wie Metatarsalgie, Plantarfasziitis, Knick-Senk-Fuss, Hohlfuss, Arthrose oder Stressfrakturen sowie Sehnenbeschwerden. Massgefertigte Einlagen bieten die individuell beste Anpassung, sind aber mit höheren Kosten verbunden. Demgegenüber ist die Anwendung von Einlagen weniger sinnvoll bei kleinen Kindern mit wachsendem Skelett oder bei strukturellen Fehlstellungen, die primär horizontal oder komplex verlaufen (z. B. Hallux valgus), da hier eine dauerhafte Korrektur meist nicht realistisch ist. Orthopädische Einlagen stellen ein wirksames Werkzeug zur Korrektur, Entlastung und Prävention, v.a. bei flexiblen Fussfehlstellungen, dar. Ihre Anwendung sollte jedoch gezielt, individuell und in den Kontext des gesamten Bewegungsapparates eingebettet erfolgen.

The human foot is a highly complex biomechanical system that is exposed to considerable stress in everyday life – for example, when walking or standing – and is often the cause of discomfort in the foot and ankle area. Orthopedic shoe inserts are considered an important conservative therapy method for correcting misalignments, relieving pain, and distributing stress forces more evenly.They work primarily through three mechanisms: supporting the arch of the foot, cushioning impact loads, and correcting foot mechanics. Indications for this include conditions such as metatarsalgia, plantar fasciitis, flat feet, high arches, osteoarthritis, stress fractures, and tendon problems. Custom-made insoles offer the best individual fit, but are associated with higher costs. In contrast, the use of insoles is less useful for small children with growing skeletons or for structural malpositions that are primarily horizontal or complex (e.g., hallux valgus), as permanent correction is usually not realistic in these cases. Orthopedic insoles are an effective tool for correction, relief, and prevention, especially in cases of flexible foot deformities. However, their use should be targeted, individualized, and embedded in the context of the entire musculoskeletal system.
Keywords: Orthopädische Schuheinlagen, Fussgewölbe-Fehlstellungen (Hohlfuss, Knick-Senk-Fuss), Indikationen und Wirkmechanismen

Einleitung

Der menschliche Fuss wird häufig als ein Meisterwerk natürlicher Ingenieurskunst betrachtet – ein Bild, das bereits von Leonardo da Vinci aufgegriffen wurde.

Die komplexe Architektur aus Knochen, Bändern, Gelenken, Sehnen und Muskeln bildet ein Netzwerk, das geradezu präzise koordiniert wird: Es gewährleistet sowohl Flexibilität als auch Stabilität für Stand und Gang. Dennoch bleibt dieses System empfindlich gegenüber einer Vielzahl von Störungen. Lokal oder global auftretende Beschwerden im Bereich des Fuss- und Sprunggelenks sind in der haus- und fachärztlichen Praxis häufig. In vielen Fällen ist initial keine Operation indiziert – konservative Ansätze führen nicht selten zum Erfolg. In diese Behandlungskategorie fällt auch die Versorgung mit Schuheinlagen, deren Einsatz und Wirkungsweise im Verlauf dieses kurzen Artikels näher beleuchtet werden sollen – mit besonderem Augenmerk auf Indikationen, Wirkmechanismen und Grenzen.

Schuheinlagen und das Fussgewölbe

Der gesunde Fuss besitzt ein longitudinales (Längs-) sowie ein transversales (Quer-)Gewölbe. Diese Strukturen sind nicht nur für die Formgebung des Fusses verantwortlich, sondern übernehmen wesentliche Funktionen: Körpergewichtsverteilung, Stossdämpfung sowie Gleichgewichtssicherung. Veränderungen dieser Gewölbe treten z. B. beim Hohlfuss oder Knick-Senk-Fuss deutlich hervor.

Hohlfuss

Beim Hohlfuss ist das Längsgewölbe markant überhöht, die Ossa metatarsalia stehen steil. Dies führt zu einem hohen Rist und einer vermehrten Druckbelastung unter den Mittelfussköpfchen – oft initial mit Beschwerden in Form von Metatarsalgien. Zudem liegt häufig eine Varusfehlstellung des Rückfusses vor («O-Stellung»), was zusätzliche Probleme wie laterale Instabilität oder eine Überbelastung der Peronealsehnen nach sich ziehen kann.

Knick-Senk-Fuss

Im Gegensatz dazu fällt beim Knick-Senk-Fuss das Längsgewölbe ab, in ausgeprägteren Fällen ist auch das Quergewölbe reduziert oder aufgehoben. Folglich erfolgt eine breite Belastung der Mittelfussköpfchen – auch hier kann eine Metatarsalgie entstehen. Der Rückfuss zeigt typischerweise eine Valgusstellung («X-Stellung»), wodurch auf Dauer die medialen Strukturen geschädigt werden können und sich degenerative Veränderungen bis hin zur Arthrose entwickeln können.

Grundlegende Effekte orthopädischer ­Einlagen

Orthopädische Schuheinlagen gibt es in zwei Grundvarianten: handelsübliche (Over-the-Counter) und massgefertigte (custom) Einlagen. Massgefertigte Einlagen ­werden meist auf ärztliche Verordnung und in Zusammenarbeit mit orthopädischen Schuhmachermeister/-innen hergestellt. Dabei werden diese exakt auf die zu behandelnde Pathologie abgestimmt.

Die Wirkung von Einlagen auf Fuss- und Sprunggelenk ist vielseitig:
1. Mechanische Unterstützung und Korrektur
Fehlstellungen können durch Einlagen unterstützt oder teilweise korrigiert werden. Eine solche Anpassung beeinflusst die Fussfunktion gezielt und kann bestimmte Regionen entlasten.
2. Materialabhängige Wirkungen – Stabilität vs. Komfort
Das eingesetzte Material bestimmt den Fokus der Einlage: Carbon z. B. bewirkt Stabilisierung, während Materialien wie Schaumstoff, Gel oder Gummi eine weichere Bettung und besseren Komfort bieten. Häufig werden Materialkombinationen eingesetzt, um eine Balance zwischen geforderter, fokaler Härte und Weichheit zu erreichen.
3. Dämpfung und Komfort
Weiche Materialien steigern die Stossabsorption («Shock Absorption»), erhöhen den Gehkomfort und können potenziell das Verletzungsrisiko im Fuss- und Sprunggelenksbereich reduzieren. Zudem lassen sich biomechanische Fehlstellungen wie Hyperpronation oder -supination beeinflussen, was das Gangbild verbessern kann.
In der Summe führen diese Effekte zu einer Entlastung von Fuss- und Sprunggelenk, einer Schmerzreduktion, einer Verbesserung des Gangbildes und einer Prävention von Überlastungsverletzungen. Die Einlage dient somit nicht nur der Korrektur, sondern erfüllt ein multifunktionales therapeutisches Profil.

Indikationen – Wann und bei welchen ­Problemen sind Schuheinlagen sinnvoll?

Nach Darstellung der Wirkmechanismen stellt sich die Frage, wann der Einsatz von Einlagen adäquat ist – insbesondere mit Blick auf die anfallenden Kosten (ein massgefertigtes Paar kostet typischerweise CHF 400–600) und auf mögliche Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat (Knie, Hüfte, Wirbelsäule). Entscheidend ist, dass Einlagen vor allem dort Wirkung entfalten, wo ein mechanischer Eingriff auch mechanisch eine Verbesserung ermöglichen kann.
Im Folgenden typische Indikationen (bei relevanter Symptomatik) im Überblick:

Metatarsalgie
Belastungsabhängige Vorfussschmerzen, meist unter den Mittelfussköpfchen. Eine individuell angepasste Einlage mit retrokapitaler Abstützung hebt die Köpfchen geringfügig an und entlastet die schmerzhaften Areale.

Plantarfasziitis (Fersensporn)
Entzündung am Ansatz der Plantarfaszie, begünstigt z. B. durch eine verkürzte Wadenmuskulatur. Klassisch ist der morgendliche Anlaufschmerz. Neben Dehnübungen kann eine weich gepolsterte Ferseneinlage die Beschwerden deutlich lindern. Daten zeigen: Konturierte Ganz-Längen-Inlays sind wirksamer als reine Fersenkissen – etwa bei 12-Wochen-Follow-up eine signifikante Reduktion des «First-Step-Pain» (1).

Flexibler Knick-Senk-Fuss
Absenkung des Längsgewölbes mit valgischer Fersenstellung. Eine Einlage mit medialer Längsgewölbeunterstützung kann die Fehlstellung korrektiv beeinflussen und den Rückfuss teilweise in eine neutralere Stellung bringen (2).

Hohlfuss
Der hohe Rist führt häufig zu rigiden Fehlstellungen, die nur begrenzt korrigierbar sind. Eine angepasste Einlage kann allerdings Komfort schaffen und Druckstellen lindern. Bei flexiblen Ausprägungen kann z. B. eine laterale Fussranderhöhung eine Teilkorrektur ermöglichen.

Angeborene Fehlstellungen / Missbildungen
Bei strukturellen Pathologien – z. B. bei Koalitionen oder dem Müller-Weiss-Syndrom – dienen Einlagen primär der Schmerzlinderung und Steigerung des Komforts.

Arthrosen
Degenerative Gelenkveränderungen verursachen mechanische Schmerzen. Einlagen mit Carbonverstärkung können die Belastung gezielt verringern. Die Carbonanteile werden dabei entsprechend komponentiert.

Stressfrakturen
Ermüdungsbrüche im Vorfussbereich können mit Carboneinlagen für 4–6 Wochen stabilisiert werden – dies fördert die Ausheilung.

Sehnenerkrankungen
Bei Peronealsehnenbeschwerden etwa kann eine Einlage mit lateraler Randerhöhung (Heben des Aussenfussrandes) hilfreich sein.
Studien zur Wirksamkeit orthopädischer Einlagen ­zeigen ein differenziertes Bild: So konnten Einlagen zur ­Prävention von Stressfrakturen bei Sportlern eine signifikante Risikoreduktion aufzeigen (RR 0.59 für Stressfrakturen) – hingegen war der Nachweis bei Weichteilverletzungen weniger überzeugend (3). Bei flexiblen Knick-Senk-Füssen sowie Hohlfussformen ist die Evidenz hingegen begrenzter: Eine systematische Übersichtsarbeit fand insbesondere bei Erwachsenen mit Plattfuss keine klare Empfehlung. Zwar ist eine Schmerzlinderung und Korrektur möglich, aber eine klare Aussage über die längerfristige, generelle Wirksamkeit bleibt offen (4). Dies hat wahrscheinlich mit der progressiven Tendenz einer Knick-Senkfuss-Fehlstellung zu tun, deren Ursachen multifaktoriell sind (z.B. im Rahmen der peritalare Instabilität).

Wann sind Schuheinlagen weniger sinnvoll?

Gleichsam wichtig ist, die Grenzen und Kontraindikationen für Einlagen zu kennen:
• Over-the-Counter («von-der-Stange») Einlagen, die ohne individuelle Anpassung bei Fehlstellungen mit Korrekturbedarf eingesetzt werden, führen häufig zu unzureichender Wirkung und mitunter zu ungünstigen Effekten.
• Kinder mit wachsendem Skelett
Bei Kindern ohne angeborene Fehlbildung (z. B. ohne Koalition oder schwere Dysplasie) ist der Nutzen von Einlagen meist gering: Das rasche Wachstum modifiziert die Fussstellung fortlaufend und fordert häufige Neuanfertigungen – ohne entsprechenden therapeutischen Gewinn. Eine systematische Übersichtsarbeit kam hier zu dem Schluss, dass sich Einlagen bei flexiblen Plattfüssen im Kindes- und Erwachsenenalter nicht zuverlässig bewähren (4). Der Rat lautet daher: Verlaufskontrolle und symptomorientiertes Vorgehen, insbesondere bis zum Wachstumsabschluss.
• Horizontale oder primär nicht in vertikaler Richtung verlaufende Fehlstellungen, z. B. bei strukturellen Veränderungen wie Hallux valgus: Da Einlagen primär vertikale Kräfte beeinflussen, ist ihre Wirkung auf horizontale Deformitäten begrenzt. Zwar kann subjektiver Komfort entstehen, die tatsächliche Deformität oder ihr Fortschreiten werden jedoch kaum beeinflusst.
• Schwere Fussprobleme (z. B. bei Diabetes, Durchblutungsstörungen)
In solchen Fällen ist erhöhte Vorsicht geboten: Hier sollten Einlagen immer durch Fachleute abgestimmt und zuvor eine umfassende ärztliche Abklärung erfolgen.
Zusammengefasst: Die Auswahl der Einlage-Therapie sollte kritisch erfolgen – ein pauschaler Einsatz ist nicht indiziert. Vielmehr gilt es, für jede Patientin bzw. jeden Patienten die individuelle Situation sorgfältig zu prüfen.

Wesentliche Punkte bei der Einlagen­versorgung

In der Praxis sollten bei der Versorgung mit Einlagen folgende Fragen berücksichtigt werden:
1. Ist eine individuell angepasste Einlage notwendig?
Oder reicht eine handelsübliche Lösung? Die Entscheidung hängt ab von Ausmass der Fehlstellung, symptomatischer Belastung und Kosten-Nutzen-Abwägung.
2. Passt die Einlage zum Schuh bzw. zur Alltagssituation?
Eine Einlage muss in die gewählte Schuh- und Nutzungsumgebung (Beruf, Freizeit, Sport) integriert werden.
3. Behandelt die Einlage die ursächliche Problematik? Die Einlage sollte Teil eines umfassenden Konzeptes sein – nicht isoliert ohne Betrachtung von Muskulatur, Gelenken und Statik.
4. Treten neue oder verstärkte Beschwerden auf? Eine engmaschige Kontrolle ist unerlässlich: Einlagen werden eingeführt, dann langsam eingetragen und beobachtet. Erfolgt keine Besserung oder treten neue Beschwerden auf, sind Überprüfung und ggf. Änderung notwendig.

Weitere Hinweise:

• Eingewöhnung: Neue Einlagen sollten schrittweise eingeführt werden – z. B. zu Beginn nur wenige Stunden pro Tag.
• Therapeutischer Kontext: Einlagen ersetzen nicht andere Massnahmen wie Physiotherapie, aktive Übungsprogramme, Medikation oder gegebenenfalls Schienung.

Fazit

Orthopädische Schuheinlagen dienen primär der dynamischen Korrektur variabler Fussfehlstellungen und entlasten dabei nicht nur Fuss und Sprunggelenk, sondern können auch Knie, Hüfte und Wirbelsäule beeinflussen. Flexible Fehlstellungen bieten deutlich bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einlagenversorgung als rigide, da das Korrekturpotenzial hier grösser ist. Bei wachsenden Skeletten empfiehlt sich Zurückhaltung – statt sofortiger Versorgung steht zunächst die Kontrolle des Verlaufs und ein symptomorientiertes Vorgehen im Vordergrund.

Die Evidenzlage zeigt, dass Einlagen durchaus Wirkung erzielen können – insbesondere kurzfristig bei z. B. Plantarfasziitis oder Stressfrakturen – jedoch nicht bei allen Indikationen. Die langfristige Wirkung bei bestimmten Fehlstellungen kann limitiert bleiben. Massgefertigte Einlagen bieten potenziell Vorteile gegenüber Standardlösungen, doch auch hier ist der Effektumfang moderat (5).

In der hausärztlichen Praxis empfiehlt sich daher ein differenziertes Vorgehen: Eine sorgfältige Diagnostik, klare Indikationsstellung, engmaschige Überprüfung und Integration in ein multimodales Therapiekonzept stellen die Voraussetzung dar, um den Einsatz von Einlagen sinnvoll und wirksam zu gestalten.

Copyright
Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Norman Espinosa

FussInstitut Zürich AG
Beethovenstrasse 3
8002 Zürich

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

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Immuntherapie bei Krebs

Immunkontrollpunkt-Inhibitoren haben die Behandlung vieler Krebsarten revolutioniert. Diese Immuntherapie ermöglicht bei bestimmten Patienten mit fortgeschrittenem Krebs eine potenzielle langfristige Kontrolle oder sogar Heilung. Trotz der bemerkenswerten Fortschritte profitieren jedoch nur etwa 20 % der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung davon, und langfristig sind es sogar noch weniger. Die manchmal spät auftretenden und potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen erfordern Wachsamkeit und eine schnelle Behandlung in einem Fachzentrum. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, resistente Tumore für die Immuntherapie empfindlicher zu machen. Die Optimierung der Anwendung – in Bezug auf Dosierung, Dauer usw. – ist ein weiteres wichtiges Ziel.

Immune checkpoint inhibitors have transformed the management of many cancers. Immunotherapy can lead to prolonged disease control, and even cure, in some patients with advanced cancer. However, despite these notable advances, only about 20 % benefit from immunotherapy in the advanced setting, and even fewer in the long term. Adverse events, sometimes occurring late and potentially severe, require close monitoring and rapid management in expert centers. Among future challenges is the need to make resistant tumors more sensitive to immunotherapy. Optimizing its use – in terms of dose, duration, etc. – is another important goal.
Keywords: Immune checkpoint inhibitors; anti-tumoral immunity; oncology; PD1; CTLA-4

Einleitung

Obwohl der Begriff Immuntherapie verschiedene Ansätze umfasst, bezieht er sich meist auf Immun-Checkpoint-Inhibitoren, die wir hier beschreiben werden. Diese Immun-Checkpoint-Inhibitoren sind sicherlich der wichtigste Fortschritt in der Onkologie der letzten zwei Jahrzehnte. Bei bestimmten Patienten – beispielsweise bei Lungenkrebs oder Melanomen – hat sie dazu beigetragen, dass ehemals unheilbare metastasierende Erkrankungen langfristig kontrolliert werden können und manchmal sogar von einer Heilung gesprochen werden kann, selbst in ursprünglich extrem fortgeschrittenen Stadien. Diese günstigen Situationen gehören zwar mittlerweile zur täglichen Praxis, sind jedoch auf eine begrenzte Anzahl von Tumorarten beschränkt. Bei fortgeschrittener Erkrankung profitiert nur eine Minderheit der Patienten tatsächlich von der Immuntherapie. Darüber hinaus dürfen die Nebenwirkungen, die durch immunvermittelte Mechanismen praktisch jedes Organ betreffen können, nicht unterschätzt werden. Es ist für den Arzt von entscheidender Bedeutung, diese zu erkennen und zu behandeln. In dieser Arbeit gehen wir auf die biologischen Grundlagen, die klinischen Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit der Immuntherapie sowie die für die Zukunft der Immuntherapie in Betracht gezogenen Richtungen ein.

Biologische Grundlagen

Jeder Mensch verfügt über eine natürliche Anti-Tumor-Immunität, deren Ziel es ist, abnormale Zellen zu eliminieren. Diese Immunität wird fein reguliert, damit sie weder übermässig noch unzureichend ist, insbesondere dank sogenannter Immun-Checkpoints. Es hat sich gezeigt, dass diese Kontrollpunkte von Krebszellen umgangen werden können, um sich der Immunüberwachung zu entziehen (1).

Unter diesen Kontrollpunkten haben vor allem die Interaktion zwischen PD-1 und PD-L1 sowie die zwischen CTLA-4 und Antigen-präsentierenden Zellen die Onkologie revolutioniert (2). Andere Kontrollpunkte wie LAG-3, TIGIT oder TIM-3 sind Gegenstand jüngster Entwicklungen, werden jedoch in diesem Manuskript nicht behandelt (3). Tab. 1 beschreibt die Namen der Moleküle und ihre Zielstrukturen, die in der Schweiz verfügbar sind.

Nehmen wir das Beispiel der Interaktion zwischen PD-1, das auf der Oberfläche von T-Lymphozyten exprimiert wird, und PD-L1, das von Tumorzellen exprimiert wird: Diese Interaktion hemmt die Lymphozyten und verhindert, dass sie ihre zytotoxische Anti-Tumor-Wirkung entfalten. Der Krebs kann sich so, insbesondere durch eine Überexpression von PD-L1, der Immunantwort entziehen und weiter wachsen. Dieser Mechanismus ist in Abb. 1 dargestellt.

Genau an dieser Stelle setzt die Immuntherapie an: Monoklonale Antikörper (monoclonal antibodies – «mab») blockieren diese Interaktion und stellen so die Fähigkeit der T-Lymphozyten wieder her, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Die Immuntherapie wirkt also nicht direkt gegen den Tumor, sondern indirekt, indem sie die Hemmnisse für die Immunantwort aufhebt (Immun-Checkpoint-Inhibitoren).

Daten zu metastasierten Erkrankungen

Eine umfassende Übersicht über die Daten zur Immuntherapie der letzten zwanzig Jahre würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es gibt jedoch eindrucksvolle Beispiele, die das Potenzial dieses neuen Therapieansatzes veranschaulichen.

Das Melanom war früher mit einer sehr schlechten Prognose verbunden, mit einer Lebenserwartung von nur wenigen Monaten in vielen metastasierten Fällen. In diesem Zusammenhang war die Immuntherapie am revolutionärsten. Mittlerweile liegen die 10-Jahres-Ergebnisse der CheckMate 067-Studie vor, in der eine Kombination aus Immuntherapie (Anti-CTLA-4 und Anti-PD-1), Anti-PD-1 allein und Anti-CTLA-4 allein als Erstlinientherapie bei Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung verglichen wurde (4). Bei den Strategien mit Anti-PD-1 (allein oder in Kombination) sind etwa 40 % der Patienten nach 10 Jahren noch am Leben. Bei diesen Patienten kann man wirklich von einer Heilung sprechen.

Auch bei anderen Krebsarten hat die Immuntherapie zu einer radikalen Veränderung der Behandlung geführt.

Beispielsweise wird Lungenkrebs, abgesehen von Sonderfällen, heute bei Metastasen bereits in der Erstlinienbehandlung mit Immuntherapie behandelt, wobei auch hier bei einem Ansprechen des Tumors ein sehr langfristiger Nutzen zu erwarten ist (5, 6, 7).

Das Beispiel des Melanoms verdeutlicht aber auch die Grenzen der Immuntherapie: Es handelt sich um eine im Vergleich zu anderen Krebsarten relativ seltene Krebsart im fortgeschrittenen Stadium. Dies erklärt, warum bis heute unter Berücksichtigung der Häufigkeit der einzelnen Krebsarten nur etwa 20 % der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung von einem Ansprechen des Tumors auf die Immuntherapie profitieren (8). Darüber hinaus wird nur ein Bruchteil dieser Patienten einen dauerhaften Nutzen daraus ziehen. Die Entwicklung der Anzahl der Patienten mit fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung, die für die Therapie in Frage kommen, d. h. bei denen eine Indikation für die Therapie vorliegt, und derjenigen, die auf die Therapie ansprechen, ist in Abb. 2 dargestellt. Mit anderen Worten: Obwohl die Immuntherapie für bestimmte Patienten eine Revolution darstellt, kommt sie bisher nur einer Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung zugute.

In neoadjuvanter und adjuvanter Situation

Nach den beeindruckenden Ergebnissen, die in bestimmten Situationen bei fortgeschrittener Erkrankung beobachtet wurden, war es logisch, die Auswirkungen der Immuntherapie in früheren Stadien zu untersuchen, insbesondere in neoadjuvanter (vor der Operation) und/oder adjuvanter (nach der Operation) Situation (9, 10).

Bei Lungenkrebs beispielsweise hat eine beträchtliche Anzahl von Phase-3-Studien einen Vorteil hinsichtlich des krankheitsfreien Überlebens gezeigt, und mehrere davon haben auch einen Vorteil hinsichtlich des Gesamtüberlebens aufgezeigt, der mit der Ergänzung der konventionellen perioperativen Chemotherapie durch eine Immuntherapie zusammenhängt (11, 12, 13). Heute kann die Immuntherapie bei vielen Tumorarten perioperativ angeboten werden.

Allerdings sind gewisse Nuancen zu berücksichtigen: Tatsächlich wurden mehrere Studien durchgeführt, die den frühzeitigen Einsatz der Immuntherapie unterstützen, darunter auch in einigen Ländern mit begrenzten Ressourcen. In diesen Ländern hatten die Patienten der Kontrollgruppe, bei denen ein Rezidiv auftrat, nach der klinischen Studie keinen optimalen Zugang zu Behandlungen (10). In diesen Fällen ist es schwierig zu sagen, ob der beobachtete Überlebensvorteil tatsächlich auf die frühzeitige Verabreichung der Immuntherapie zurückzuführen ist oder ob er das Ergebnis einer suboptimalen Behandlung in der Kontrollgruppe zum Zeitpunkt des Rückfalls ist. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Toxizität, die in einer Situation, in der die Patienten möglicherweise bereits von ihrer Krankheit geheilt sind, im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung noch sorgfältiger bewertet werden muss.

Toxizität und Lebensqualität: Erkennen und nicht herunterspielen

Die potenziellen Toxizitäten der Immuntherapie dürfen nicht unterschätzt werden. Obwohl sie nur in wenigen Fällen schwerwiegend sind und oft medizinisch kontrolliert werden können, können bestimmte Toxizitäten zu langfristigen Schäden (14) mit potenziellen Auswirkungen auf die Lebensqualität (15) oder sogar zu tödlichen Nebenwirkungen (16) führen.

Für den Arzt lauten die wichtigsten Botschaften wie folgt:

1. Immuninduzierte Toxizitäten sind Organschäden, die andere Erkrankungen imitieren können, was ihre Diagnose manchmal schwierig macht. Beispielsweise kann eine immunvermittelte Pneumonitis wie eine infektiöse Lungenentzündung erscheinen. Am häufigsten sind die endokrinen Drüsen (Thyreoiditis), die Lunge (Pneumonitis), der Dickdarm (Colitis), die Leber (Hepatitis), die Haut sowie eine ausgeprägte Asthenie betroffen.Seltenere, aber schwerwiegendere Beeinträchtigungen wie Herzmuskelentzündungen oder neurologische Beeinträchtigungen können ebenfalls auftreten (17).
2. Im Gegensatz zur Chemotherapie können die Nebenwirkungen der Immuntherapie erst spät auftreten, mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn oder sogar nach Beendigung der Behandlung (18).
3. Eine schnell eingeleitete hochdosierte Kortikosteroidtherapie bildet die Grundlage der Erstbehandlung und zielt darauf ab, eine übermässige Immunreaktion zu bremsen. Bei Resistenz können andere Immunsuppressiva erforderlich sein, wie Anti-IL6, Anti-TNF-alpha oder andere Moleküle (19) (20).
4. Die optimale Behandlung dieser Toxizitäten erfordert spezielle Fachkenntnisse. Die frühzeitige Einbeziehung des behandelnden Onkologen ist unerlässlich, um Verzögerungen bei der Diagnose oder Behandlung zu vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Immuntherapie zwar im Allgemeinen gut verträglich ist, aber schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen kann. Ihre schnelle Erkennung, ihre Behandlung in einem Fachzentrum und eine klare Information des Patienten und seines Umfelds sind Schlüsselelemente, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten.

Herausforderungen für die Zukunft

In Bezug auf die Wirksamkeit bleibt eine zentrale Frage offen: Ist es möglich, dass die Immuntherapie nicht mehr nur einer Minderheit, sondern einer Mehrheit der Patienten zugute kommt? Derzeit werden verschiedene Strategien untersucht, um dieses Ziel zu erreichen, insbesondere durch die gezielte Beeinflussung anderer Immun-Kontrollpunkte oder durch den Versuch, sogenannte «kalte» Krebsarten (die gegen die Immuntherapie resistent sind) in «heisse», d. h. empfindlichere Krebsarten umzuwandeln.

Gleichzeitig besteht eine weitere grosse Herausforderung darin, bereits zugelassene Behandlungen mit einem patientenzentrierten Ansatz zu optimieren (21). Zum Beispiel:
– Sind die derzeit verwendeten Dosierungen wirklich optimal? Einige Studien deuten darauf hin, dass mit deutlich niedrigeren Dosierungen eine vergleichbare Wirksamkeit erzielt werden könnte (22).
– Spielt der Zeitpunkt der Verabreichung eine Rolle? Mehrere vorläufige Daten deuten darauf hin, dass die Verabreichung am Morgen wirksamer sein könnte als am Nachmittag, aber diese Hypothese muss durch strenge randomisierte Studien validiert werden (23).
– Ist die Behandlungsdauer gerechtfertigt? Viele Protokolle sehen eine Immuntherapie über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren vor. Eine Bewertung, ob kürzere Behandlungsdauern eine gleichwertige Wirksamkeit bieten können, würde es ermöglichen, die Toxizität zu begrenzen und gleichzeitig die Kosten für die Gesellschaft erheblich zu senken (24).

Fazit

Immun-Checkpoint-Inhibitoren haben eine echte Revolution in der Onkologie ausgelöst und ermöglichen einigen Patienten eine dauerhafte Kontrolle der Krankheit oder sogar eine Heilung, während ihre Prognose ohne diese Behandlung schnell tödlich gewesen wäre. Dennoch betrifft dies immer noch nur eine Minderheit der Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung. Es bleibt eine grosse Herausforderung, zu verstehen, wie der Nutzen der Immuntherapie auf eine grössere Anzahl von Patienten ausgeweitet werden kann. Toxizitäten, also immunvermittelte Organschäden, die mehrere Wochen oder sogar Monate nach Beginn der Behandlung auftreten können, müssen frühzeitig erkannt und unverzüglich behandelt werden (die Kortikosteroidtherapie ist die Behandlung der ersten Wahl), wobei der Onkologe schnell hinzugezogen werden muss. In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen müssen diese Toxizitäten sowie bestimmte methodische Verzerrungen, die manchmal in klinischen Studien auftreten, im Rahmen einer optimalen gemeinsamen medizinischen Entscheidung umfassend berücksichtigt werden.

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Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Timothée Olivier

Service d’oncologie
Hôpitaux Universitaires Genève
Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4
1205 Genf

Prof. Dr. med. Alfredo Addeo

Service d’oncologie
Hôpitaux Universitaires Genève
Rue Gabrielle-Perret-Gentil 4
1205 Genf

Timothée Olivier hat keine Interessenkonflikte anzugeben. Alfredo Addeo: Beratungs- oder Gutachtertätigkeit: BMS, Astrazeneca, Boehringer-Ingelheim, Roche, MSD, Pfizer, Eli Lilly, Astellas. Referent: Eli Lilly, Astrazeneca, Regeneron.

  • Die Immuntherapie ermöglicht bei bestimmten Krebsarten, einschliesslich in sehr fortgeschrittenen oder metastasierten Stadien, eine dauerhafte Kontrolle oder sogar Heilung – dies ist jedoch auf eine Minderheit der Patienten beschränkt
  • Immunvermittelte Nebenwirkungen können spät auftreten und verschiedene Organe betreffen; sie müssen schnell identifiziert und in einem Fachzentrum behandelt werden, wobei eine Kortikosteroidtherapie die erste Wahl ist.
  • In neoadjuvanten oder adjuvanten Situationen wird die Immuntherapie zunehmend angeboten, erfordert jedoch eine strenge Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses im Rahmen einer echten gemeinsamen medizinischen Entscheidung.
  • Um den Nutzen auf mehr Patienten auszuweiten, werden Möglichkeiten untersucht, resistente Tumoren in Krankheiten umzuwandeln, die empfindlicher auf eine Immuntherapie ansprechen.
  • Die Optimierung der Dosis, der Verabreichungsdauer und anderer Faktoren im Zusammenhang mit der bereits angewendeten Immuntherapie könnte möglicherweise deren Toxizität und Kosten reduzieren.

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Swiss Prevention Summit 2025

«Vorbeugen ist besser als heilen» gilt mehr denn je. Die kardiovaskuläre Prävention konzentriert sich auf die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Nierenversagen, Schlaganfall und frühem Tod. Aufgrund der weltweiten Adipositas-Epidemie und der steigenden Lebenserwartung gewinnen Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Diabetes und in der Folge chronische Nieren- und Herzinsuffizienz zunehmend an Bedeutung. Neben einem gesunden Lebensstil stehen uns heute neue, sehr wirksame und gut verträgliche Arzneimittel zur Verfügung: Glukagon-like-Peptid-1-Agonisten, Hemmer des Natrium-Glukose-Transporters, PCSK9-Hemmer und nichtsteroidale Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten. Die RNA-Interferenz ist zudem eine Revolution in der Pharmakotherapie: Zur Lipidsenkung und bald auch zur Behandlung der Hypertonie sind nur zwei Injektionen pro Jahr nötig – fast wie eine Impfung. So beschrieben es die Organisatoren Prof. T. F. Lüscher, F. Mahfoud, S. Windecker und F. Mach in ihrer Einführung. Im Folgenden wird über einige Referate dieser Veranstaltung berichtet.

Das Mikrobiom und seine Metabolite: Ein verkannter Risikofaktor


Prof. Thomas F. Lüscher, Brompton/London und Zürich, erläuterte die noch wenig bekannte Beziehung zwischen dem Darmmikrobiom, seinen Metaboliten, dem Körpergewicht und dem Risiko kardiovaskulärer Ereignisse.

Welche Rolle einzelne Darmmikroben bei der Regulation der Körperzusammensetzung spielen, ist weiterhin unklar. In einer Studie wurde das Darmmikrobiom erwachsener weiblicher Zwillingspaare, die sich hinsichtlich ihres Adipositas-Status unterschieden, in keimfreie Mäuse transplantiert. Die Tiere erhielten entweder fettarmes Standardfutter oder Diäten mit unterschiedlichen Anteilen gesättigter Fette sowie Obst und Gemüse, wie sie für die US-amerikanische Ernährung typisch sind. Eine Zunahme von Gesamtkörper- und Fettmasse sowie adipositasassoziierte metabolische Phänotypen liessen sich durch unkultivierte fäkale Mikrobengemeinschaften und entsprechende Bakterienkulturen übertragen. Wurden Mäuse, die das Mikrobiom eines adipösen Zwillings (Ob) trugen, gemeinsam mit Mäusen gehalten, die das Mikrobiom des schlanken Zwillings (Ln) trugen, blieb bei den Ob-Tieren eine Zunahme der Körpermasse und die Entwicklung adipositasassoziierter metabolischer Phänotypen aus. Dieser Effekt korrelierte mit der Übertragung spezifischer Bacteroidetes-Mitglieder aus dem Ln-Mikrobiom in das Ob-Mikrobiom und war ernährungsabhängig. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Mikrobiom rasch eintreten, übertragbar sind und sich modifizieren lassen.

Auch klinisch wird die Modulation des Mikrobioms untersucht: Eine hochdosierte fäkale Mikrobiota-Transplantation aus mehreren Spenden kann bei aktiver Colitis ulcerosa zu klinischer Remission und endoskopischer Besserung führen. Gleichzeitig werden deutliche mikrobielle Veränderungen beobachtet, die mit dem Therapieansprechen zusammenhängen. Künftige Arbeiten sollten insbesondere die optimale Behandlungsintensität sowie die Bedeutung der Spender-Empfänger-Übereinstimmung anhand mikrobieller Profile definieren.

Das Darmmikrobiom steht zudem in einem mechanistischen Zusammenhang mit physiologischen Prozessen, die die Herz-Kreislauf-Gesundheit beeinflussen. Nahrungsbestandteile prägen die Zusammensetzung des Mikrobioms und den Metabolismus des Wirts. Als Beispiel nannte der Referent den Zusammenhang zwischen dem Konsum von rotem und weissem Fleisch und der Bildung von TMAO (Trimethylamin-N-oxid). TMAO entsteht durch mikrobiellen Abbau von Nährstoffen wie Cholin und L-Carnitin. Erhöhte TMAO-Spiegel im Blut wurden mit einem höheren Risiko kardiovaskulärer Ereignisse (z. B. Myokardinfarkt, Schlaganfall) assoziiert und könnten proinflammatorische Prozesse sowie bestehende Erkrankungen wie Arteriosklerose, Hypertonie und Diabetes ungünstig beeinflussen.

Gewichtsverlust und kardiovaskuläres ­Outcome: Was kann mit GLP1 und GIP/GLP1-RA erreicht werden?


«Weltweit ist das Leben der Menschen zwar länger geworden, aber nicht gesünder», sagte Prof. John Deanfield aus London zu Beginn seines Vortrags. Im Jahr 1960 betrug die mittlere Lebenserwartung weltweit 54 Jahre, im Jahr 2019 waren es 73 Jahre – ein Zuwachs von 19 Jahren. Der Anteil des Lebens, der bei schlechter oder mässiger Gesundheit verbracht wird, hat sich jedoch nicht geändert.

Krankheitsprävention – das sich wandelnde Gesicht der Medizin

Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel prägen das Leben in den Industriestaaten. Entsprechend zählen kardiovaskuläre Erkrankungen, Nierenversagen und Typ-2-Diabetes zu den häufigsten Ursachen für eingeschränkte Gesundheit und Todesfälle. Die Prävalenz von Übergewicht hat aus mehreren Gründen zugenommen. Im Jahr 1950 litt weniger als 1 % der britischen Bevölkerung an Adipositas. Heute sind es ca. 30 %.

Ist dies Ausdruck eines kollektiven Verlusts an Willenskraft? Der Referent verneinte: Die Menschen hätten sich nicht verändert, wohl aber das Nahrungsangebot und die Ernährungsumgebung. Übergewicht resultiert aus einer anhaltenden positiven Energiebilanz, und jede Person, die mit Übergewicht lebt, weiss bereits, dass sie weniger essen und sich mehr bewegen sollte. Lebensstiländerungen, beispielsweise Diät und mehr Bewegung, werden zwar immer empfohlen, sind aber selten allein erfolgreich.

Übergewicht gilt inzwischen als chronische, multifaktorielle und rückfällige Krankheit, die mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergeht. Es ist eine Krankheit, bei der die besten verfügbaren Behandlungen ohne Schuldgefühle eingesetzt werden müssen. Wir behandeln LDL, Blutdruck und HbA1c direkt. «Die Adipositas-Biologie verdient denselben Ansatz», so der Referent.

Medikamente würden helfen, das Problem jedoch nicht vollständig lösen. Eine zentrale Stellschraube sei weniger die «Umgebung», sondern die Regulation des Appetits.
Eine wirksame Behandlung der Adipositas wäre ein Wendepunkt für das Gesundheitswesen. Mit GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RAs) gelingt erstmals eine zuverlässig signifikante und nachhaltige Gewichtsabnahme.

SELECT-Studie

Bei Patienten mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht oder Adipositas, jedoch ohne Diabetes, war die wöchentliche subkutane Gabe von 2.4 mg Semaglutid gegenüber Placebo wirksamer, um die Inzidenz von Todesfällen aufgrund kardiovaskulärer Ursachen, nicht tödlichen Myokardinfarkten oder nicht tödlichen Schlaganfällen zu verringern. Dies wurde bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 39.8 Monaten festgestellt. Der Nutzen der Therapie mit Semaglutid war grösstenteils unabhängig vom Gewichtsverlust.

Pleiotrope Effekte von GLP-1-RAs bei Typ-2-DM

In einer Studie wurden 215 970 Patienten mit Diabetes, die GLP-1 RAs erhielten, mit einer entsprechenden Kontrollgruppe verglichen. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für Atemversagen, COPD und Suizidgedanken verbunden. Von 175 Gesundheitsergebnissen war die Verwendung von GLP-1-RAs mit einem verringerten Risiko für 34 (19.43 %) Ergebnisse verbunden, darunter Lungenentzündung, Alkoholmissbrauch, Atemversagen, COPD und Suizidgedanken. Ein erhöhtes Risiko wurde für 17 Ergebnisse (9.71 %) gefunden, darunter Übelkeit und Erbrechen, GERD, Bauchschmerzen, Nephrolithiasis und Schlafstörungen.

Hinweise auf einen breiteren klinischen Nutzen

Zunehmend wird ein potenziell breiterer Nutzen von GLP-1-basierten Therapien diskutiert. Als Beispiele nannte der Referent Publikationen zu unterschiedlichen Indikationen (u. a. kolorektale Neoplasien, Morbus Parkinson, obstruktive Schlafapnoe, MASH sowie chronische Nierenkrankheit).

Beispiellose Akzeptanz in der Öffentlichkeit

Trotz begrenzter Zahl verfügbarer Präparate ist die Akzeptanz in der Bevölkerung hoch. Zum Vergleich: Rund zehn Jahre nach Markteinführung hatten Statine etwa eine Million Anwender; selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer lagen in ähnlicher Grössenordnung. Für Wegovy wurde bereits nach fünf Jahren eine deutlich höhere Nutzerzahl berichtet.
Und was kommt als Nächstes?

Neue Moleküle und Indikationen für GLP-1-basierte Wirkstoffe

Zu den in Entwicklung befindlichen Substanzen zählen:
• Retatrutid: Triple-Agonist (GLP-1-, GIP- und Glukagonrezeptor)
• Survodutid: dualer Agonist (GLP-1- und Glukagonrezeptor)
• Insulin degludec/Liraglutid (Fixkombination)
• Insulin glargin/Lixisenatid: Kombination aus Basalinsulin und GLP-1-RA
• Amycretin: dualer Agonist (GLP-1- und Amylinrezeptor)
• Semaglutid/Cagrilintid: Kombination aus GLP-1-RA und Amylin-Analogon

Bei neue Indikationen wurde folgendes diskutiert:
• metabolisch dysfunktionsassoziierte Steatohepatitis (MASH)
• periphere Erkrankungen
• polyzystisches Ovarialsyndrom
• Arthritis
• Krebs
• neuropsychiatrische Krankheiten (z. B. Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit, Substanzmissbrauch, Depression, Schizophrenie, Migräne, intrakranielle Hypertonie).

Richtlinien

Die GLP-1-RA-Leitlinien betonen die Anwendung von Semaglutid und Cagrilintid bei Typ-2-Diabetes (T2D) und zur chronischen Gewichtsregulierung (BMI ≥30 oder ≥27 mit gewichtsbedingten Problemen wie Bluthochdruck oder einem hohen Cholesterinspiegel) in Verbindung mit Änderungen des Lebensstils. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Vorteilen für Herz und Nieren. Es sind jedoch auch Vorsichtsmassnahmen zu beachten: das Medikament muss vor Operationen abgesetzt werden, es ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, mögliche Pankreatitis-Symptome sind zu überwachen und eine Schwangerschaft ist zu vermeiden. Zu den wichtigsten Aspekten gehören die Aufklärung der Patienten über Nebenwirkungen (Magen-Darm-Probleme), Verhütung und die ordnungsgemässe Entsorgung von Injektionsmaterial.

Arterielle Erkrankungen, die Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen, lassen sich durch eine nachhaltige, frühzeitige Reduktion des Risikofaktors (RF) weitgehend verhindern, mahnte der Referent.

Trennung von Verhaltenseffekten und Gewichtsverlust

Es wurden Hinweise auf zwei unterschiedliche neuronale Mechanismen diskutiert: einerseits Gewichtsverlust durch Appetit- und Stoffwechselregulation, andererseits Nahrungsaversion. Semaglutid reduziert Hunger und fördert den Fettabbau, indem es auf Adcyap1+-Neuronen im dorsalen Vaguskomplex wirkt. Werden diese Zellen blockiert, ist Semaglutid weniger wirksam in der Reduktion von Appetit und Fettmasse. Eine Abneigung gegen Nahrung blieb hingegen bestehen. Dies spricht dafür, dass einzelne Semaglutid-Effekte über unterschiedliche neuronale Bahnen vermittelt werden. Perspektivisch könnte dies die Entwicklung wirksamerer und besser verträglicher Adipositas-Therapien unterstützen.

Durchbruch und Evidenz bei der Behandlung von Adipositas

Im Kontext der zunehmenden Verfügbarkeit medikamentöser Therapien stellte sich die Frage, welche Rolle Lebensstiländerungen künftig noch spielen. Sind Lebensstiländerungen im Zeitalter der Adipositas-Medikamente notwendig?

Diskutiert wurden mehrere Entwicklungen und Ansätze:
• Weiterbehandlung nach initialem Gewichtsverlust: Tirzepatid kann Patientinnen und Patienten nach bereits erzieltem Gewichtsverlust weiter unterstützen.
• Ultralang wirksame GLP-1-basierte Wirkstoffe: Länger wirksame Präparate könnten gegenüber kürzer wirksamen Substanzen Vorteile bieten.
• Therapie von Nebenwirkungen: Ein neuer Ansatz zielt darauf ab, Nebenwirkungen der Gewichtsabnahme bzw. der Therapie zu lindern.
• Duodenales Mukosa-Resurfacing (DMR): Das Verfahren basiert auf der Hypothese, dass eine fett- und zuckerreiche Ernährung die Funktion der Duodenalschleimhaut beeinträchtigen kann. Dies könnte abnorme metabolische Signale und Insulinresistenz begünstigen. DMR soll diese Signalwege funktionell «zurücksetzen».
• Amylin-Analoga: Eloralintid zeigte in einer Phase-2-Studie eine Gewichtsreduktion.
• Orale Therapieoptionen: Mit dem Abschluss der Phase 3 schreitet die Entwicklung einer Adipositas-Pille (Orforglipron) voran.
• Deeskalation/Erhaltung: Eine Deeskalation von GLP-1-basierten Therapien (z. B. alle zwei Wochen) wurde als mögliche Option zur Erhaltungstherapie diskutiert.

Sind GLP1Ras die bahnbrechendste Veränderung im Gesundheitswesen aller Zeiten?

Provokativ wurde ein Bonmot zitiert: «Die häufigsten Instrumente für Selbstmord sind Messer und Gabel.»
(Dr. Martin Fischer)
Adipositas wurde als eine der grössten Bedrohungen für Gesundheit und Wohlstand beschrieben. Sie verändert die kardiometabolische Landschaft, indem sie Typ-2-Diabetes, chronische Nierenkrankheit und kardiovaskuläre Erkrankungen fördert, mit negativen klinischen Folgen. GLP-1-RAs könnten zwar einen entscheidenden Beitrag zur Behandlung der Adipositas leisten, werden jedoch nicht als alleinige Lösung verstanden. Über die Gewichtsreduktion hinaus könnten sie mehrere altersassoziierte Erkrankungen beeinflussen und langfristig Verhaltensänderungen unterstützen. Damit besteht das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verändern, indem Ursachen kardiometabolischer Erkrankungen adressiert werden – mit Konsequenzen nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Gleichzeitig wurde betont, dass GLP-1-RAs den Wandel nicht allein bewirken, jedoch das Spektrum ernährungsbedingter Erkrankungen beeinflussen könnten, indem sie Betroffene dabei unterstützen, weniger zu essen und sich gesünder zu ernähren.

Ist Lipoprotein(a) ein Risikofaktor oder ein therapeutisches Ziel?


«Lipoprotein(a) besteht aus einem Molekül Apolipoprotein B, das kovalent an Apolipoprotein(a) gebunden ist. Apolipoprotein(a) ist ein Plasminogen-ähnliches Protein, das aus einer variierenden Anzahl von sogenannten Kringles aufgebaut ist. Diese bestimmen seine Grösse und auch seine biologischen Eigenschaften», erklärte Prof. Arnold von Eckardstein (USZ) einleitend.

Lp(a) weist sowohl proatherosklerotische Eigenschaften wie eine verstärkte Proteoglykanbindung, eine Aufregulation von Adhäsionsmolekülen, eine Proliferation von glatten Muskelzellen, eine Schaumzellbildung, die Bildung eines nekrotischen Kerns oder eine Kalzifizierung von Läsionen auf. Es verfügt jedoch auch über prothrombotische Eigenschaften wie Plasminogen-Aktivierung, Fibrindegradation, PAI-1-Expression, TFPI-Aktivität und Thrombozyten-Reaktivität. Hohe Plasmakonzentrationen von Lp(a) erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität. Lp(a)-Werte ≥30 mg/dl sagen unabhängig vom Baseline-ASCVD-Status unerwünschte kardiovaskuläre Ergebnisse voraus. Erstgradige Verwandte von Personen mit erhöhten Lp(a)-Werten haben ein erhöhtes Risiko für schwere unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse. Ein hoher Lp(a)-Spiegel erhöht das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, unabhängig von traditionellen Risikofaktoren.

Die «International Declaration on Lipoprotein(a) Testing and Management» von Brüssel empfiehlt:
• Lp(a)-Werte von über 50 mg/dl (105 nmol/L) sollten bei allen Erwachsenen als kardiovaskulärer Risikofaktor betrachtet werden. Dabei gilt: Je höher der Lp(a)-Wert, desto höher das Risiko (Klasse IIa/Niveau B). Lp(a) sollte einmal im Leben gemessen werden und auch Familienmitglieder (Kinder) sollten getestet werden.

Medikamentöse Senkung von Lp(a)

Statine senken Lp(a) unwesentlich (–0.19 mg/dl, p = 0.58), Bempedoinsäure erhöht Lp(a) um +0.01 mg/dl (p = 0.99), Ezetimib senkt es um –0.21 mg/dl (p = 0.77), Omega-3-Fettsäuren senken Lp(a) um –0.28 mg/dl, Fibrate um –0.61 mg/dl (p = 0.14), Niacin um –706 mg/dl (p < 0.01), CETP-Inhibitoren um –0.77 mg/dl (p = 0.01), Inclisiran um –4.76 mg/dl (p < 0.01) und PCSK9-Antikörper um –6.37 mg/dl.

Take Home Messages

• Lp(a) ist ein LDL-ähnliches Lipoprotein, das als zusätzliches Protein das Apolipoprotein(a) trägt und mit oxidierten Phospholipiden angereichert ist.
• Die Anzahl der Kringle-IV-Domänen ist genetisch determiniert und bestimmt wesentlich die Plasmakonzentration von Lp(a).
• Lp(a) wirkt wegen seiner Ähnlichkeit mit LDL und Plasminogen sowie aufgrund seiner oxidierten Phospholipide atherogen, thrombogen und proinflammatorisch.
• Hohe Plasmaspiegel von Lp(a) und Allele für geringe Anzahlen von Kringle-IV-Repeats erhöhen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Aortenklappenverkalkung (genetisch kausaler Risikofaktor!).
• Hohes Lp(a) und traditionelle Risikofaktoren interagieren, weswegen bei hohem Lp(a)-Spiegel das geschätzte Risiko höhergestuft werden sollte. Traditionelle Risikofaktoren sollen konsequent behandelt werden.
• Lp(a) trägt zum residuellen Risiko nach intensiver LDL-Cholesterinsenkung bei.
• Antisense-Oligonukleotide und siRNAs gegen LPA-mRNA senken den Lp(a)-Spiegel um 80–90 %. Ergebnisse klinischer Endpunktstudien werden ab 2026 erwartet.

Was gibt es Neues zum Thema Lipide? Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS


Die aktualisierten Leitlinien der ESC/EAS wurden von einer Task Force unter dem Vorsitz von Prof. Mach, Prof. Koskinas und Prof. Roeters van Lennep entwickelt. «Alle neuen Empfehlungen, die in der fokussierten Aktualisierung 2025 enthalten sind, ergänzen die Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019 zur Behandlung von Dyslipidämien. Alle geänderten Empfehlungen ersetzen die entsprechenden Empfehlungen der ESC/EAS-Leitlinien 2019», stellte Prof. François Mach einleitend fest.

Empfehlungen zur kardiovaskulären Risikoabschätzung

Bei scheinbar gesunden Personen unter 70 Jahren ohne etablierte ASCVD oder Diabetes mellitus wird SCORE2 zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliches oder nicht tödliches kardiovaskuläres Risiko bei CKD, genetischen/seltenen Lipid- oder Blutdruckerkrankungen (Klasse I, Evidenzgrad B) empfohlen.

SCORE2-OP wird bei Personen ≥70 Jahren ohne etablierte ASCVD, Diabetes mellitus, chronische Nierenerkrankungen, genetische/seltene Lipid- oder Blutdruckerkrankungen zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für tödliches oder nicht-tödliches kardiovaskuläres Risiko empfohlen (Klasse I/Evidenzgrad B). Es werden drei Risikokategorien unterschieden.

Hohes Risiko
• Personen mit einem der folgenden Befunde: stark erhöhter einzelner Risikofaktor, insbesondere Gesamtcholesterin >8 mmol/l, LDL-C >4,9 mmol/l oder Blutdruck ≥ 180/110 mmHg).
• Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ohne weitere wichtige Risikofaktoren.
• Patienten mit Diabetes mellitus ohne Zielorganschäden mit einer Diabetesdauer von ≥10 Jahren oder einem anderen zusätzlichen Risikofaktor.
• Moderate CKD (eGFR 30–59 ml/min (1.73 m²)).
• Ein kalkuliertes SCORE2- oder SCORE2-OP-Risiko von 10–20 % für das 10-Jahres-Risiko für tödliche oder nicht-tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Mittleres Risiko
Personen mit einem der folgenden Merkmale:
• Junge Patienten mit T1DM (Diagnose vor dem 35. Lebensjahr) oder T2DM (Diagnose vor dem 50. Lebensjahr) mit einer Diabetesdauer von weniger als 10 Jahren ohne andere Risikofaktoren und einem berechneten SCORE2 oder SCORE2 OB ≥2 % und <10 % für das 10-jährige Risiko für tödliche oder nicht tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Niedriges Risiko
• Berechneter SCORE2 oder SCORE2-OP von <2 % für das 10-Jahresrisiko für tödliche oder nicht tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD).

Wichtige Botschaften

Das ESC/EAS Focus Update zu Dyslipidämien betont die Bedeutung einer frühzeitigen, personalisierten und aggressiven lipidsenkenden Therapie. Es werden die Integration von SCORE2/Scores 2-OP, die Berücksichtigung von Lp(a) und der lebenslangen LDL-C-Exposition, die Erweiterung der Behandlungsoptionen (vermehrte Kombination mit Ezetimib und Bempedoinsäure) sowie die Einführung neuer Präventionsstrategien bei HIV und Kardio-Onkologie thematisiert.

Was wissen Patienten über kardiovaskuläre Prävention?


Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit einer hohen Krankheitslast verbunden und die häufigste Todesursache. Die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie und Diabetes, können mit Medikamenten wirksam behandelt werden. Eine gute Therapietreue setzt auch ausreichendes Wissen der Betroffenen voraus. Prof. Thomas Rosemann aus Zürich berichtete über eine Publikumsumfrage zur kardiovaskulären Prävention. Über ein Gesundheitsmagazin wurde ein anonymer Fragebogen an die Leser verteilt, den 3166 Personen beantworteten. Neben demografischen Daten wurden der Gesundheitszustand, die Kenntnis der persönlichen Werte (z. B. Blutdruck, Cholesterin) und die Einschätzung der Risikofaktoren erfasst. Die Ergebnisse wurden ausführlich in der Zeitschrift «PRAXIS» veröffentlicht. Die Mehrheit der Befragten war sich der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Möglichkeit ihrer Behandlung bewusst. Körperliche Bewegung und Ernährung wurden als besonders wichtige Faktoren angesehen. Am bekanntesten waren der Blutdruck und der Body-Mass-Index. Als die stärksten Risikofaktoren wurden Rauchen, Cholesterin, Bluthochdruck und Bewegungsmangel eingeschätzt.

Die Ergebnisse zeigen einerseits erfreuliche Grundkenntnisse, andererseits aber auch Defizite. So unterschätzte ein erheblicher Anteil das mit dem Rauchen verbundene Risiko. Ein grosser Teil der Patientinnen und Patienten erreicht die für ihre Risikokategorie empfohlenen Zielwerte für Blutdruck und Lipide nicht. Ärzte sind in Bezug auf Lipide als Risikofaktor und medikamentöse Therapien teilweise skeptischer als Patienten. Die Mehrheit der Befragten lehnte die Aussage ab, Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien in erster Linie eine Erfindung der Pharmaindustrie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Walter F. Riesen

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