Sichelzellkrankheit

Die Sichelzellkrankheit ist eine angeborene Hämoglobinopathie bedingt durch eine Mutation der ß-Kette des Hämoglobins, dem Hämoglobin S. Bei Sauerstoffmangel kommt es zur Sichelung der Erythrozyten, was eine Adhäsion an das Gefässendothel begünstigt und damit zu akuten Komplikationen der Vasookklusion und zu chronischen Organschäden führt. Die klinischen Manifestationen und die Prognose sind variabel. Das klinische Management ist häufig anspruchsvoll.

Sickle cell disease is a congenital hemoglobinopathy caused by a mutation of the ß-chain of hemoglobin, the hemoglobin S. In case of oxygen deficiency sickling of the erythrocytes occurs, which promotes adhesion to the vascular endothelium and thus leads to acute complications of vaso-occlusion and chronic organ damage. The clinical picture and the prognosis are variable. The clinical management is often challenging.
Keywords: Sickle cell disease, hemoglobinopathy, mutation of the ß-chain, sickling of the erythrocytes

Es wird geschätzt, dass ungefähr 7% der Weltbevölkerung eine monogenetische Hämoglobinkrankheit trägt. Dazu gehört die Sichelzellkrankheit (Sickle Cell Disease, SCD). Über 250’000 Kinder mit einer klinisch relevanten SCD Form werden jährlich geboren (1).

Die Prognose der SCD hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verbessert. Das mediane Überleben beträgt bis 60-70 Jahre für Patienten, welche in einkommensstarken Ländern leben (2). Deshalb ist die SCD auch bei uns nicht mehr eine hauptsächlich pädiatrische Entität, sondern betrifft viele Erwachsene. Die Klinik der SCD ist sehr variabel, kann aber potentiell tödliche Folgen haben.

Definition und Epidemiologie

Die SCD ist eine autosomal-rezessive Erbkrankheit mit dem Austausch von Glutaminsäure gegen Valin an der Position 6 der ß-Kette des Hämoglobins (Hb). Dadurch entsteht anstelle des adulten HbA das HbS.

In gesunden Individuen, setzen sich die Hb-Ketten aus HbA (α2ß2) zu 96-97%, HbA2 (α2δ2) zu 2-3,5% und HbF (α2γ2) <1% zusammen (Tab. 1). Bei der SCD wird das HbA komplett oder teilweise durch das HbS ersetzt.

Je nach Erbmuster und Kombination mit anderen Mutationen des ß-Gens kommt es zu unterschiedlichen Genotypen und Phänotypen der SCD. Die klinisch wichtigsten Formen der SCD sind:

• Die homozygote HbSS: Beide ß-Gene sind mutiert und es werden einzig S-Ketten produziert. Dies ist die häufigste Form.
• Die Compound-heterozygote SCD-Syndrome (Kombinationen von HbS-Mutation mit einer anderen ß-Genmutation):
i. Die HbSß° Thalassämie: es wird keine ß-Kette und lediglich eine S-Kette produziert; klinisch ähnlich zum HbSS-Typ.
ii. Die HbSß+ Thalassämie: Produktion von HbS und wenig residuelle Produktion von ß-Ketten.
iii. Die HbSC: Hier liegen S- und C-Ketten vor, keine normalen ß-Ketten.

Die heterozygote Form (HbA/S) hat in der Regel keinen Krankheitswert (3-5) (Abb. 1).

Die SCD ist hauptsächlich in Malariagebieten verbreitet, insbesondere in den tropischen Anteilen Afrikas, aber auch in Indien und in der arabischen Halbinsel (Abb. 2). Vermutlich stellt die SCD mit Ausnahme des HbSS-Phänotyps einen Selektionsvorteil gegenüber schweren Verläufen der Malaria dar (4). Durch Migration leben immer mehr Patienten mit SCD auch in Nord- und Südamerika sowie in Europa. Es wird geschätzt, dass in der Schweiz etwa 400-600 Menschen an SCD leiden. Die Dunkelziffer könnte dennoch höher sein, da es kein systematisches Screening oder Register gibt (6).

Pathophysiologie

Bei Sauerstoffmangel formt das abnorme HbS Polymere, welche mit der Erythrozytenmembran interagieren und zu einer sichelzellförmigen Deformation des Erythrozyten führen (Abb. 3). Durch die Deformierung («Sickling») entsteht eine Vasookklusion insbesondere in der Mikrozirkulation. Mit rezidivierenden vasookklusiven Krisen kommt es zu einem Endothelschaden der Gefässe und zu wiederholten lokalen Ischämien. Die Lebenszeit der Erythrozyten nimmt aufgrund des mechanischen Schadens ab, eine chronische Hämolyse ist die Folge. Durch die Hämolyse und das konsekutiv freie Hb entstehen Sauerstoffradikale. Die Kaskade führt zu einem prothrombotischen und inflammatorischen Zustand. Die Ischämie und Hämolyse führen zu einem Multiorganschaden (5, 7).

Diagnose

Zentral ist die Anamnese (Familienanamnese, Symptome, Anzahl vasookklusiver Krisen, Trigger, Transfusionen, Thromboembolien) sowie klinischer Status mit Fokus auf die Neurologie und Suche einer Splenomegalie.

Im Blutbild zeigt sich meist eine mittelschwere (Hb 85-100 g/l) normozytäre oder makrozytäre (aufgrund der Retikulozytose) regenerative Anämie, wobei eine Mikrozytose (bei Eisenmangel oder bei kombinierter heterozygoten alpha-Thalassämie) auch möglich ist. Die Anämie ist je nach Phänotyp unterschiedlich ausgeprägt. Im Blutausstrich zeigen sich Sichelzellen, Howell-Jolly Körperchen (Funktionseinschränkung der Milz), Erythroblasten, sowie bei kombinierter Thalassämie zusätzlich Targetzellen (Abb. 4).

Im Chemogramm finden sich Hämolyseparameter (erhöhte LDH, erhöhtes Bilirubin, vermindertes Haptoglobin).
Mittels Chromatographie (HPLC) oder Hb-Elektrophorese führt die Messung des HbS, HbA, HbA2, HbF und HbC zur definitiven Diagnose.

Weiter wird ein abdominaler Ultraschall zur Beurteilung der Milz, Leber, Gallenblase und Nieren empfohlen sowie ein TTE zur Evaluation einer pulmonalen Hypertension und der kardialen Funktion. Eine Bildgebung des Kopfes zur Beurteilung von stattgehabten, häufig asymptomatischen Schlaganfällen (silent strokes) und eine augenärztliche Untersuchung (proliferative Retinopathie) sollte durchgeführt werden (5).

Klinisches Bild

Die Beschwerden sind je nach Phänotyp unterschiedlich schwer ausgeprägt. In Individuen mit der homozygoten HbSS Krankheit und HbS/ß°-Form, treten erste Beschwerden meist einige Monate nach der Geburt auf, nach dem Wechsel von HbF auf HbA/HbS.

Aufgrund der komplexen Pathophysiologie kommt es zu einer Vielzahl von akuten und chronischen Komplikationen (Abb. 5). Zu den klassischen klinischen Erscheinungen gehören die vasookklusiven Schmerzkrisen, häufig mit Osteonekrosen assoziiert, die chronische hämolytische Anämie, Infektionen aufgrund der funktionellen Asplenie und das akute Thoraxsyndrom. Weitere chronische Organschäden können sich asymptomatisch im Laufe der Jahre entwickeln (z.B. Nephropathie, Herzinsuffizienz, pulmonal arterielle Hypertension).

Vasookklusive Krisen werden getriggert durch Infektionen, Azidose, Dehydratation, Hypothermie und Hypoxie. Die damit einhergehende lokale Ischämie führt zu akuten und starken Schmerzen. Diese Durchblutungsstörungen können alle Organe betreffen und zu einer entsprechenden Problematik führen: beim Gehirn kommt es zu stummen oder symptomatischen Infarkten, Knochennekrosen entstehen, die Folge der Lungenbeteiligung ist eine pulmonale Hypertonie bis hin zum respiratorischen Versagen, in den Nieren führen Vasookklusionen zu einer Glomerulopathie, im Auge bildet sich eine proliferative Retinopathie (insbesondere bei HbSC). Rezidivierende Milzinfarkte führen zu einem Funktionsverlust der Milz (funktionelle Asplenie), welche bei vielen Patienten bereits seit der Kindheit besteht. Dies geht einher mit einer erhöhten Infektanfälligkeit vor allem durch Pneumokokken, Hämophilus, Meningokokken.

Aufgrund der multiplen chronischen Organveränderungen ist die SCD eine Multisystemerkrankung mit einhergehender erhöhter Morbidität und Mortalität sowie reduzierter Lebensqualität (5, 7, 8).

Therapie

Allgemeine Massnahmen

Die Betreuung von Patienten mit SCD erfordert die regelmässige Evaluation der physischen und psychischen Gesundheit sowie der Lebensqualität und der sozialen Integration. Dadurch ist die Behandlung dieser Patienten häufig anspruchsvoll und erfolgt idealerweise multidisziplinär. Ebenfalls von zentraler Bedeutung ist der Übertritt der Patienten von der Pädiatrie zur Erwachsenenmedizin (Transition).

Zum allgemeinen Management gehört eine gute Schulung der Patienten um Trigger zu vermeiden (z.B. physische Überanstrengung, Dehydrierung, Kälteexposition). Leichte Schmerzen werden meist selbst behandelt. Bei Fieber, Infekten oder starken Schmerzen muss eine umgehende Vorstellung in einem Zentrumspital erfolgen (4, 5, 7, 8).

Medikamentöse Therapie

Die therapeutischen Ansätze für die SCD sind eine Stimulation der Produktion des HbF, eine Verbesserung der Durchblutung in den kleinen und mittleren Gefässen und eine Erhöhung der Sauerstoffbindung an das Hb.

Hydroxycarbamid/Hydroxyurea (Lialir®, Siklos®) ist ein altes Zytostatikum, welches die Produktion von HbF steigert und damit die Polymerisation von HbS reduziert. Der Einsatz von Hydroxyurea bereits ab dem ersten Lebensjahr gehört zur Standardtherapie. Es ist das einzige in der Schweiz zugelassene Medikament für die SCD. Bei Patienten unter Hydroxyurea sollte alle 3 – 4 Monate der Anteil an HbF gemessen werden (idealerweise > 20%) (4, 5, 7, 8).

Crizanlizumab ist ein monoklonaler Antikörper gegen den P-Selektin-Rezeptor, welcher sowohl auf Blutzellen als auch auf Endothelien exprimiert ist. Durch die Bindung von Crizanlizumab an die Endotheloberfläche wird die Adhäsion zwischen Blutzellen und Endothel reduziert und somit auch lokale Ischämien und vasookklusive Krisen. Crizanlizumab (Adakveo®) ist aktuell nur direkt vom Hersteller (Novartis) und im Rahmen eines Managed Access Program erhältlich (9).

Voxelotor ist ein Hb-Modulator, welcher die Hb-Sauerstoffaffinität erhöht und die Polymerisation reduziert. Das Medikament ist in der Schweiz nicht zugelassen (10).

Behandlung der akuten Symptome

Bei akuten schweren Schmerzkrisen benötigt es eine intravenöse Hydrierung, Sauerstoffgabe, eine ausreichende Analgesie (meist Opiatpräparate), die Behandlung von Trigger, wenn bekannt, sowie rascher Beginn einer antibiotischen Therapie bei Fieber. Aufgrund des erhöhten thromboembolischen Risikos ist an eine Prophylaxe zu denken. Zu den gefährlichsten Komplikationen gehört das akute Thoraxsyndrom (acute chest syndrome), häufig vergesellschaftet mit einer Lungenembolie und/oder bakterieller Pneumonie. Dies ist die häufigste Todesursache. Eine akute Milzsequestration (Pooling von Blut in der Milz) mit Hb-Abfall bis zum hypovolämen Schock ist selten, erfordert aber auch eine intensivmedizinische Behandlung.

Bei chronischer Hämolyse und damit einhergehend erhöhtem Bedarf an Folsäure wird eine entsprechende Dauersubstitution empfohlen.
Aufgrund der funktionellen Asplenie ist es wichtig, dass Erkrankte sich gegen Pneumokokken, Meningokokken, Hepatitis B, SARS-CoV-2 und saisonale Influenza impfen. Ein Asplenie-Ausweis muss ausgehändigt werden (4, 5, 7, 8).

Transfusionen

Einfache Transfusionen oder Austauschtransfusionen (z.B. 2x Phlebotomie von 400-500 ml alternierend mit Transfusion von 2 Erythrozytenkonzentraten) verbessern die Sauerstoffkapazität und führen zu einer Verminderung des HbS. In speziellen Situationen, wie z.B. als Vorbereitung für einen grossen chirurgischen Eingriff oder einen Kaiserschnitt, und in spezialisierten Zentren ist ein maschineller Austausch mittels Erythrozenapherese indiziert.

Es sollte ein Hb zwischen 90-100 g/l angestrebt werden. Chronisch tiefere Hb Werte < 80 g/l können lokale Ischämien begünstigen, insbesondere im Gehirn, anderseits Hb Werte > 110 g/l können durch Hyperviskosität die Mikrozirkulation beeinträchtigen. Ein HbS ≤ 30% ist das Ziel, sowohl für die Behandlung im chronischen Setting als auch bei akuten Krisen, wobei dieser Wert mit manuellen Austauschtransfusionen nur schwierig zu erreichen ist (4, 5, 7, 8).

Allogene Stammzelltransplantation

Die Stammzelltransplantation mit HLA-identischen Geschwisterspendern zeigt im Kindesalter gute Resultate. Leider sind aber Geschwister häufig auch von der SCD befallen und kommen als Spender nicht in Frage. Passende Fremdspender sind ebenfalls selten im Spenderregister zu finden, da die meisten Patienten afrikanischer Abstammung und nur wenige Gesunde ähnlicher Herkunft als freiwillige Stammzellspender registriert sind (3, 4, 6, 8).

Zukunft Gentherapien

In verschiedenen zurzeit laufenden klinischen Studien wird der Einsatz von autologen Stammzellen untersucht, bei welchen mittels Gentherapien die mit HbS assoziierte Genmutation korrigiert wird (11).

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Laura Bargetzi

Klinik für Hämatologie, Universitätsspital Basel

PD Dr. med. Laura Infanti

– Klinik für Hämatologie, Universitätsspital Basel
– Blutspendezentrum SRK beider Basel

Die Autorinnen haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Erfreulicherweise finden sich in den letzten Jahren neuere Ansätze
zur Behandlung der SCD, die das Leiden der Betroffenen deutlich
vermindern und die Lebenserwartung verbessern könnten.
◆ Mittlerweile bleibt aber die klinische Betreuung der SCD eine
komplexe Aufgabe.

1. Hemoglobinopathies: clinical manifestations, diagnosis, and treatment; Kohne Elisabeth, Dtsch Arztebl Int. 2011 Aug;108(31-32):532-40. doi: 10.3238/arztebl.2011.0532. Epub 2011 Aug 8
2. Sickle Cell Disease, Piel et al. N Engl J Med 2017; 376 :1561-1573
3. https://www.cdc.gov/ncbddd/sicklecell/facts.html (letzter Abruf 13.07.23)
4. Sickle-cell disease, Rees et al. The Lancet, Volume 376, Issue 9757, 11-17 December 2010, Pages 2018-2031
5. Hematool, https://hematool.ch/ (letzter Abruf 13.07.23)
6. https://www.novartis.com/ch-de/news/als-wuerden-die-knochen-von-innen-nach-aussen-explodieren, 15.06.2020
7. Sickle cell disease, Kato et al., Nature Reviews Disease Primers 4, Article number: 18010 (2018)
8. Onkopedia-Leitlinie Sichelzellkrankheiten, https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/sichelzellkrankheiten/@@guideline/html/index.html (letzter Abruf 13.07.23)
9. Crizanlizumab for the Prevention of Pain Crises in Sickle Cell Disease, Kenneth / Ataga. N Engl J Med. 2017 Feb 2;376(5):429-439. Doi: 10.1056/NEJMoa16117700. Epub 2016 Dec 3.
10. An expert review of voxelotor for the treatment of hemolytic anemia in patients with sickle cell disease: ‘bridging the gap between laboratory data and patient related outcomes’. Baba P D Inusa; Expert Rev Hematol. 2023 Jun22;1-7. Doi: 10.1080/17474086.2023.2226858.
11. Gentherapie von Hämoglobinkrankheiten – aktuelle Konzepte und Herausforderungen, Andreas E. Kulozik, Joachim Kunz. https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/kinderklinik/kinderklinik_3/PDF/5_6.Kulozik_Kunz_publication_Ha__moglobinkrankheiten.pdf (letzter Abruf 13.07.23)

Neue SGGG Guideline zum späten Schwangerschaftsabbruch nach der 12.Woche

Wer von uns sah sich nicht schon mit Grenzen konfrontiert im Zusammenhang mit einem «Wunsch» nach spätem Schwangerschaftsabbruch: Ethischen Grenzen, Grenzen dessen, wobei wir uns persönlich beteiligen und engagieren können, Grenzen bezüglich dessen, was einem betroffenen Paar zuzumuten und für es tragbar ist?

Ein später Schwangerschaftsabbruch ist für die Betroffenen und alle in die Betreuung involvierten Medizinal- und Gesundheitsfachpersonen eine Belastung und Herausforderung. Die Nationale Ethikkommission (NEK) hat in einer Ende 2018 publizierten Stellungnahme auf eine Problematik hingewiesen, der sich auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) bewusst ist, nämlich, dass die Begleitung in diesen Situationen nicht immer optimal und der Zugang zu einer adäquaten Beratung und Betreuung nicht überall in der Schweiz gleich gut gewährleistet sei. Zudem ist davon auszugehen, dass wir mit den stetig fortschreitenden Entwicklungen in der Pränataldiagnostik zukünftig noch in zunehmenden Mass mit Entscheidungskonflikten betreffend Fortführung oder Abbruch einer Schwangerschaft konfrontiert sein werden. Diese Tatsachen veranlassten die SGGG eine Arbeitsgruppe – zusammengesetzt aus Mitgliedern der AFMM und mir als Schriftführende – zu beauftragen, Empfehlungen zu erarbeiten. Die Arbeitsgruppe hat alle relevanten Fragen, die sich im Zusammenhang mit späten Schwangerschaftsabbrüchen ergeben, intensiv diskutiert. Resultat davon ist eine Guideline, die nach einer Vernehmlassung unter Einbezug aller beteiligten Berufsverbände (Schweizerischer Hebammenverband, Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie und Schweizerischen Gesellschaft für Anästhesiologie) Ende 2022 publiziert wurde. Diese Guideline ist ein wichtiger Schritt hin zu einer schweizweiten Harmonisierung im Umgang mit Situationen, in denen sich die Frage nach einem späten Schwangerschaftsabbruch stellt, und es darum geht, betroffene Paare zu beraten, zu betreuen und zu begleiten.

Um der individuellen Situation in umfassendem Sinn gerecht zu werden und um die Belastungen für alle Involvierten möglichst gering zu halten, ist es entscheidend, Rahmenbedingungen zu haben, die ein medizinisch, rechtlich und ethisch verantwortungsvolles Vorgehen bei der Indikationsstellung und Durchführung eines nach dem ersten Trimenon vorgenommenen, späten Schwangerschaftsabbruchs gewährleisten. In der Guideline werden grundsätzliche Aspekte diskutiert und es wird eine Vorgehensweise erläutert, die auf die derzeit zur Verfügung stehende Evidenz und die langjährige Erfahrung derjenigen, die späte Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz durchführen, abgestützt ist.

Die wichtigsten Inhalte der Guideline in Kürze

Ausgangslage

Erfreulicherweise ist die Rate an Schwangerschaftsabbrüchen konstant und im weltweiten Vergleich weiterhin auf tiefen Niveau. Bei weniger als 5% dieser ca. 10’000 jährlich in der Schweiz vorgenommenen Abbrüche handelt es sich um sogenannte späte Schwangerschaftsabbrüche nach der 12. Woche. Bei diesen ist eine Indikationsstellung durch die ausführende Ärztin/den ausführenden Arzt erforderlich, die sich gemäss Gesetzgebung an der Abwendung eines schweren körperlichen Schadens resp. einer schweren seelischen Notlage der Schwangeren orientiert. Die Gefahr der körperlichen und/oder seelischen Notlage der Schwangeren muss umso schwerer sein, je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten ist.

Vorgehensweise

Bei Wunsch nach spätem Schwangerschaftsabbruch empfiehlt die Guideline dringend eine interdisziplinäre und interprofessionelle Besprechung (z.B. im Rahmen eines Ethikzirkels) und betont, wie wichtig es sowohl für die Indikationsstellung wie auch die Durchführung des Abbruches ist, dass schweizweit Gleichbehandlung, Versorgungssicherheit, gerechte Aufgaben- und Ressourcenverteilung sowie die Unterstützung der involvierten Ärzte- und Pflegeteams gewährleistet ist. Die betroffene Frau soll ergebnisoffen und nicht-direktiv beraten werden, wobei die Beratung auch das Aufzeigen von Alternativen zu einem späten Schwangerschaftsabbruch beinhalten muss. Beim Schwangerschaftsabbruch ist eine einfühlsame, kontinuierliche, rechtzeitig einsetzende und über den Abbruch hinaus anhaltende möglichst ganzheitliche und umfassende Begleitung und Betreuung der Betroffenen wichtig.

Die meisten Abbrüche ab dem zweiten Trimenon erfolgen in der Schweiz unter stationären Bedingungen mittels Abortinduktion mit konsekutiver Gabe von Mifepriston und einem Prostaglandin. Das Komplikationsrisiko ist gering, steigt aber mit zunehmendem Gestationsalter. Gibt ein Kind nach einer Abortinduktion im späteren zweiten Trimenon Lebenszeichen von sich, muss eine gute palliative Begleitung im Sterbeprozess erfolgen.

Ab dem Zeitpunkt der (theoretischen) Lebensfähigkeit des Kindes ist die Vornahme eines Fetozids in Betracht zu ziehen, der an einem Perinatalzentrum von einem erfahrenen Team vorgenommen werden sollte.

Orientierende Grundsätze

Die Guideline hält fest, dass jeder Arzt/jede Ärztin selbstverständlich das Recht hat, aus persönlichen Gründen die Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs abzulehnen; was auch für alle anderen beteiligten Fachpersonen gilt. Gleichzeitig betont die Guideline aber auch, dass jede Patientin das Recht auf Weiterbetreuung und gegebenenfalls Weiterweisung hat, wenn der Arzt/die Ärztin oder eine Institution, die Durchführung eines späten Schwangerschaftsabbruchs ablehnt. Mit sieben Grundsätzen steckt die Guideline dafür den Rahmen ab.

Unterstützung, Schulung und Fortbildung aller betreuenden Fachpersonen

Die Guideline weist auch darauf hin, dass in jeder Institution, in der späte Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, Unterstützungsangebote sowie die Möglichkeit zum Austausch und zum Debriefing für das involvierte Fachpersonal zur Verfügung stehen sollten. Sie empfiehlt zudem auch, dem geburtshilflichen Team in regelmässigen Abständen Schulungen, Fort- und Weiterbildungen zum Thema «später Schwangerschaftsabbruch» anzubieten; idealerweise im interprofessionellen Setting.

Die Guideline ist auf der Homepage der SGGG abrufbar*. Sie sind herzlich dazu eingeladen, sich in das Dokument zu vertiefen, um sich dann daran orientieren und es hoffentlich gewinnbringend interdisziplinär und interprofessionell nutzen zu können, wenn sie zukünftig mit Betreuungssituationen im Kontext später Schwangerschaftsabbrüche konfrontiert sein werden.

*https://www.sggg.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/3_Fachinformationen/2_Guidelines/De/30-12-2022Guideline_Empfehlung_spa_ter_SSabbruch_in_der_Schweiz.pdf

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

Prof. Dr. med. Sibil Tschudin

Frauenklink Universitätsspital Basel
Abt. Gyn. Sozialmedizin & Psychosomatik
Spitalstrasse 21
4031 Basel

sibil.tschudin@usb.ch

Die Autorin hat keinen Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Neuroleptika gegen Verhaltens­störungen im Alter sind problematisch

Menschen mit Demenz (MmD) entwickeln oft Verhaltensstörungen, weil sie ohne Anleitung meist den Tag passiv verbringen und dann gegen Abend unruhig werden oder weil sie ungewohnt häufig Grundpflege durch ihnen fremde Personen über sich ergehen lassen müssen. Statt in dieser Situation die gefährlichen Neuroleptika zu verordnen, wäre es besser, sie täglich mit ermüdenden natürlichen Aktivitäten wie Tanzen oder Spazieren, angeleitet durch Angehörige oder Freiwillige, müde werden zu lassen und bei der Ablehnung der Grundpflege nicht auf pflegerischer Perfektion zu beharren. Wenn dennoch Neuroleptika notwendig sind, sollten diese nur mit Zustimmung der Entscheidungsberechtigten und für begrenzte Zeit in geringen Dosen verordnet werden.

Behavioral disturbances are common in persons with dementia. Frequent causes for these are inactivity during the day followed by agitation in the evening, called “sun downing” or opposition to basic nursing care when being touched in intimate areas by persons unfamiliar to them. Rather than to prescribe neuroleptics it is better to offer tiring physical activities such as dancing or walking together with relatives or volunteers. When basic nursing care is not accepted by patients it is better to do less. Better accept imperfect standards in such circumstances! If non pharmacological measures cannot be done or are not sufficient neuroleptics should only be prescribed for a limited time and in the lowest effective dose.

Key Words: Neuroleptika, Off-Label-Use, Demenz, Verhaltensstörungen, Bewegungstherapie

Neuroleptika sind ein grosser Segen zur Behandlung von Psychosen aller Art, insbesondere bei Schizophrenie oder Manie, aber auch bei organischen Psychosen verschiedener Genese. Wenn dann alte Menschen schwerwiegende Verhaltensstörungen entwickeln und die betreuenden Angehörigen, Spitexpersonen oder Pflegende im Heim deshalb drohen, an ihre Belastungsgrenzen zu kommen, liegt es nahe, Neuroleptika auch bei alten Menschen anzuwenden. Wie oft das bei häuslich betreuten Betagten geschieht, ist nicht bekannt.

Aus dem Bereich der Pflegeheime in der Deutschschweiz liegen genaue Zahlen vor (1): 37% aller Heimbewohnenden erhielten 2019 und 2020 in 619 Heimen ein Neuroleptikum, 85% davon sogar länger als 90 Tage. Im Vergleich dazu liegt dieser Wert bei 14,5% aller Bewohnenden von US Nursing Homes (2). Auch in Grossbritannien liegen diese Werte bei 14% (3).

Warum Neuroleptika in der Schweiz für Betagte so häufig verschrieben werden

Die meisten betagten Menschen mit Demenz (MmD) werden über längere Zeit zuhause lebend von ihren Hausärzten behandelt. Eine Befragung von Hausärzten, die 774 Patienten mit Demenz betreuten, ergab eine sehr grosse Verbreitung von Verhaltensstörungen bei MmD (4): Berichtet wurde (Abb. 1) am häufigsten von Agitiertheit (60,5%) und verändertem Schlaf-Wach-Rhythmus (40,3%), seltener von verbaler Aggression (29,2%), von Wahnideen (27,4%), Verweigerung der Grundpflege (18.9%) oder von tätlicher Aggression (15%).

Zum Umgang mit Verhaltensstörungen, oft behaviorale und psychiatrische Symptome der Demenz (BPSD) genannt, gibt es eigentlich auch in der Schweiz gute Beschreibungen über das indizierte stufenweise Vorgehen (z.B. 5, 6). Kernstück aller, auch der internationalen (7) Literatur ist die Empfehlung, bei BPSD primär pflegerisch-betreuerische Massnahmen anzuwenden, und erst wenn diese versagen, Neuroleptika zu verordnen. Wie gut die Evidenz für pflegerische Massnahmen ist, wurde u.a. im Faktenblatt von Curaviva zum Thema festgehalten (6). Weil betreuende Angehörige im häuslichen Bereich durch die BPSD oft an ihre Grenzen kommen und dies ihre weitere Betreuung gefährdet, verordnen Hausärzte deshalb nolens volens häufig Neuroleptika. In den Heimen sind die Pflegenden wegen des immer stärkeren Pflegebedarfs der Bewohnenden und wegen Personalknappheit ebenfalls oft nicht in der Lage, wirksame pflegerisch-betreuerische Massnahmen durchzuführen, so dass sich die Ärzteschaft gezwungen sieht, Neuroleptika verordnen zu müssen.

Warum sind Neuroleptika für betagte MmD problematisch?

Zwar zeigen die neueren sogenannten atypischen Neuroleptika weniger starke und weniger häufig extrapyramidale Nebenwirkungen im Sinne eines iatrogenen Parkinsonismus als die klassischen wie Haloperidol. Diese werden deshalb kaum mehr eingesetzt. Aber auch die Neuen bewirken gemäss Arzneimittelkompendium (8) noch immer eine starke Erhöhung des Mortalitäts- und Hirnschlagrisikos und ein um 40% erhöhtes Sturzrisiko (1). Deshalb schreibt das Arzneimittel Kompendium für alle anderen atypischen Neuroleptika ausser Risperdal, sie seien nicht geeignet für die Behandlung von BPSD. So gibt das Kompendium z.B. bei Quetiapin vor: «Quetiapin ist nicht für die Behandlung von psychotischen Symptomen oder Verhaltensstörungen bei Patienten mit Demenz zugelassen und wird daher nicht zur Anwendung in dieser Patientengruppe empfohlen» (8). Trotzdem ist es das am meisten gebrauchte Neuroleptikum in Pflegeheimen, obwohl es sich beim Einsatz zur Behandlung von BPSD um einen «Off-Label»-Gebrauch handelt.

Gemäss geltendem Arzneimittelrecht ist eine Off-Label-Verordnung zwar in der Schweiz erlaubt, aber es besteht dazu eine Informationspflicht der Verordnenden oder von ihnen dazu Beauftragten (z.B. Pflegefachpersonen) über die Risiken und warum und wie lange das Mittel trotz den Risiken im konkreten Fall eingesetzt werden soll. Die Verordnenden müssen auch die Off-Label-Behandlung regelmässig überprüfen und gegebenenfalls absetzen oder die Dosis anpassen (9). Leider passiert das nur in Ausnahmesituationen (1). Deshalb hat der Heimverband CURAVIVA ein Formular entwickelt, worin über das Risiko beim Off-Label-Gebrauch von atypischen Neuroleptika gut informiert wird und auf welchem die für den betroffenen MmD zuständige entscheidungsberechtigte Person die Zustimmung zum Einsatz schriftlich bestätigen kann. Das Formular kann heruntergeladen werden (10).

Besonders bedenklich aus ethischer Sicht ist eine spezielle Nebenwirkung aller Neuroleptika, die auf deren antidopaminergem Wirkungsprinzip beruht: Dopamin ist nämlich der wirksame Neurotransmitter im Nucleus Accumbens, dem zentralen Belohnungszentrum. Deshalb bewirken Neuroleptika dosisabhängig und abhängig von der Anwendungsdauer eine Hemmung des Belohnungszentrums. Dies hat zur Folge, dass die Behandelten oft kaum mehr Freude empfinden können, ihr Leben nur noch grau in grau ist und zum Dahinvegetieren mutiert.

Benzodiazepine und Z-Schlafmittel (Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon) eignen sich nicht als Alternative zu Neuroleptika, denn sie wirken im Alter und bei Demenz häufig paradox und verursachen iatrogen agitierte, delirante Zustände.

Ein Fallbeispiel

Die 91-jährige Frau X lebte dement in einem Pflegeheim. Wegen nachmittäglicher und abendlicher Unruhe wurde sie mit Quetiapin 50 mg mittags und abends und zum Einschlafen mit Trittico® 50 mg behandelt. Damit war sie leicht zu betreuen und bei den regelmässigen Besuchen durch ihre Nachkommen tagsüber wach, kommunikativ und zeigte offensichtlich Freude an den Besuchen. Weil das Heim geschlossen werden musste, wurde sie in ein anderes Pflegeheim verlegt. Wegen trotz obiger Medikation anhaltender abendlichen und nächtlicher Unruhe wurde die Neuroleptikum-Dosis sukzessive erhöht auf 125 mg in 3 Dosen verteilt, zusammen mit einer Erhöhung der Trittico® Dosis auf täglich 150 mg und zusätzlich bis 4x täglich 1 mg eines kurzwirksamen Benzodiazepins. In der Folge passierten mehrere Stürze mit Weichteilverletzungen. Sie war jetzt meist stark sediert, konnte nicht mehr gehen, schlief tagsüber immer wieder ein und musste im Rollstuhl sitzend fixiert werden. Bei Besuchen war sie meist kaum weckbar und zeigte keine Reaktion auf Ansprechen durch ihre sie besuchenden Nachkommen. Diesen wurde erklärt, ihr Zustand sei bedingt durch die Progression der Demenz. Weil auch das zweite Heim geschlossen wurde wegen Umbau, wurde Frau X erneut verlegt. Der behandelnden neuen Ärztin fiel sie als massiv übersediert auf; sie stoppte die Neuroleptika und das Benzodiazepin schrittweise. Zum Schlafen erhielt sie weiterhin 150 mg Trittico. In der Folge erlebten die Angehörigen einen Lazarus-Effekt: Ihre Mutter war wieder wach tagsüber, konnte gehen und reagierte mit Freude auf ihre Besuche.

Empfehlungen

MmD zeigen agitierte Verhaltensstörungen am meisten am späteren Nachmittag und Abend, das sogenannte Sundowning und zusätzliche nächtliche Unruhe wegen der Schlafrhythmusstörung mit Umherirren nach nächtlichem Aufwachen und z.T. Stören der Mitbewohnenden. Deshalb sollten MmD am Nachmittag intensiv körperlich gefordert werden, am besten mit an ihre Kondition angepassten, ermüdenden Spaziergängen. Ohne sedierende Medikation tagsüber sind nämlich MmD meist gut zu Fuss mobil. Sie können aber wegen ihrer Vergesslichkeit und Raumsinnstörungen oft nicht mehr allein auf Spaziergänge gelassen werden wegen der Gefahr des Verlorengehens. Sie brauchen also Spazier-Begleitung. Oft liesse sich dies durch die Institution oder durch die Angehörigen organisieren. Dazu eignen sich auch Jugendliche, die dazu oft mit geringer Entlöhnung bereit wären, wenn sie von Angehörigen angefragt werden. Auch Asylsuchende ohne Arbeitserlaubnis oder Flüchtlinge mit Schutzstatus S und zeitlich auf die Abwesenheit ihrer Kinder in der Schule beschränkt und mit nur rudimentärsten Deutschkenntnissen würden sich durch Spesenentschädigungen (z.B. Abonnement des öffentlichen Regionalverkehrs, das sie auch privat nutzen dürfen) zu stundeweiser Tätigkeit als Spazierbegleitende motivieren lassen. Manche noch sprachlich gewandte MmD würden den Spazierbegleitenden auch gerne Wörter von Dingen, denen sie begegnen, beibringen und so eine sinnvolle Betätigung erleben können.

Ebenso wirksam und ermüdend und so einen gesunden Schlaf fördernd ist Tanzen. Beides, Tanzen und Spazieren, müsste aber intensiv und fast täglich erfolgen, um BPSD wirksam zu reduzieren. Ein «Thé-dansant» pro Woche ist diesbezüglich ohne Wirkung. Zu empfehlen ist das personalsparende nachmittägliche regelmässige Tanzen oder Spazieren in Gruppen, z.B. durch Freiwillige aus der Gemeinde oder Angehörige.
Nächtliches Aufstehen und Umherirren kann oft (wie im Beispiel oben) mittels eines sedierenden Antidepressivums wie z.B. Trittico® behandelt werden. Wenn der Schlaf über die Frühstückszeit hinaus verlängert wird, muss natürlich die Dosis reduziert werden. Keinesfalls sind Benzodiazepine oder Z-Schlafmittel bei MmD als Schlafmittel geeignet wegen ihrer oft paradoxen agitativen Wirkung.

Bei Widerstand gegen die meist täglich mehrfach und gründlich durchgeführte Grundpflege durch Pflegende, die den MmD nicht vertraut sind, empfiehlt sich entweder diese durch Pflegende erledigen zu lassen, die keine Abwehr provozieren, statt strikt nach Einteilung vorzugehen. Da Betagte oft seit ihrer Jugend an nur eine samstägliche Ganz-Körper Grundpflege (in der Badewanne oder sogar nur am Wasserhahn in der Küche) gewohnt sind, empfiehlt sich oft – in Absprache mit den Angehörigen – auch im Heim, Fünfe gerade sein zu lassen und auch einmal nicht perfekte Grundpflege zu akzeptieren, statt zu sedieren, bis die Betroffenen alles ohne Widerstand über sich ergehen lassen.

Vor einem Einsatz von Neuroleptika sollten auch oben nicht erwähnte verschiedene pflegerische Massnahmen bei BPSD durch das nichtärztliche Betreuungs- und Pflegeteam probiert werden (6). Bewährt hat sich z. B. der Einsatz von Musik, wenn diese den individuellen Musikgewohnheiten angepasst ist.

Copyright bei Aerzteverlag medinfo AG

PD Dr. med. Albert Wettstein

ehem. Chefarzt Stadtärztlicher Dienst Zürich
Privatdozent für geriatrische Neurologie der UZH
Mitglied akademische Leitung Zentrum für Gerontologie UZH
Vorsitzender Fachkommission Zürich der
Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter UBA

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Neuroleptika erhöhen im Alter das Mortalitäts-, Hirnschlag- und Sturzrisiko markant und hemmen das Belohnungszentrum, sodass kaum mehr Freude an irgendetwas empfunden werden kann.
  • Menschen mit Demenz sollten, statt mit Neuroleptika sediert zu werden, sich vor allem nachmittags intensiv bewegen mit Tanzen oder Spazieren in Begleitung, damit sie physiologisch ermüden und der Agitiertheit vorbeugen.
  • Atypische Neuroleptika in Off-Label-Use sollten nur nach ausführlicher Information verordnet werden, mit Zustimmung der Entscheidungs­berechtigten, nur für begrenzte Zeit von max. 90 Tagen und in möglichst niedriger Dosierung.

 

1. Giger M, Anliker M, Bartelt G: Polymedikation und Neuroleptika in Schweizer Pflegeheimen in den Jahren 2019 und 2020. Praxis 2022;111:612-617
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3. Donegan K, Fox N, Black N, Livingston G, Banerjee S, Burns A. Trends in diagnosis and treatment for people with dementia in the UK from 2005 to 2025: a longitudinal retrospective cohort study. Lancet Public Health. 2017; e149-e156
4. Hock C, Wettstein A. et al (2000) Diagnose und Therapie von Verhaltensstörungen bei Demenz. Praxis,89:1907ff
5. Pieper M. et al (2011) The Implementation of the serial trial intervention for pain and challenging behavior in advanced dementia patients: a cluster randomized controlled trial. BMC Geriatrics 11:13
6. Wettstein A, Giger M (2019). Verhaltensstörungen bei Demenz im Heim mit weniger Neuroleptika behandeln. CURAVIVA Schweiz, Fachbereich Menschen im Alter, online CURAVIVA Schweiz, 2019: www.curaviva.ch
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8. Arzneimittel Kompendium der Schweiz®(2023). Fachinformation Seroquel®. www.compendium.ch/seroquel. Letzter Zugriff 08.07.2023
9. Empfehlungen zum Off label use von Arzneimitteln – Kantonsapotheker https://www.kantonsapotheker.ch/fileadmin/docs/public/kav/2_Leitlinien___Positionspapiere/0007_anforderungen_an_den_off-label-use.pdf
10. CURAVIVA – Home. https://www.curaviva.ch/Home/NEUROLEPTIKA-Regelung-des-Off-Label-Use-im-institutionellen-Kontext sicherstellen/o0lF01tj/Pdsob/?lang=de&ID=394006F2-F97D-4D49-B6199F24F57136C2&method=render.news

Sollte Bluthochdruck beim multimorbiden älteren Patienten behandelt werden?

Die Vorteile der Behandlung von Bluthochdruck auf die kardiovaskuläre Mortalität und Morbidität sind offensichtlich und wurden in zahlreichen randomisierten kontrollierten Studien eindeutig nachgewiesen. Können diese Ergebnisse auch auf 80-Jährige, auf Menschen mit mehreren Komorbiditäten, auf Menschen, die zu der Gesundheitskategorie der Gefährdeten oder Abhängigen gehören, angewendet werden? Dieser Artikel fasst die verschiedenen Empfehlungen der Fachgesellschaften zusammen und stellt die Frage, ob sie bei älteren Menschen mit orthostatischer Hypotonie oder Polymedikation angewendet werden können, und schlägt Behandlungsziele vor, die an den funktionellen und kognitiven Zustand des Patienten angepasst sind.

The benefits of treating arterial hypertension on cardiovascular mortality and morbidity are obvious and have been clearly demonstrated by numerous randomised controlled trials. Can these results be applied to subjects in their eighties, those with multiple co-morbidities, or those in the vulnerable or frail health category? This article reviews the various recommendations made by Academic Societies, and looks at their application to frail or dependent elderly subjects suffering from orthostatic hypotension or with polymedication. It also suggests treatment goals specific to each patient’s functional and cognitive capacities.
Key Words: Hypertonie, Blutdruck, hohes Alter, Gebrechlichkeit

Die mit dem Alter zunehmende Steifheit der Arterien führt zu einem Anstieg des peripheren Gefässwiderstandes und des Blutdrucks. Die daraus resultierende isolierte systolische Hypertonie betrifft mehr als 75% der über 75-Jährigen unabhängig vom Geschlecht (1, 2). Sollte man ihnen deshalb ein blutdrucksenkendes Mittel verschreiben? Die kardiovaskulären Vorteile einer Senkung des Blutdrucks sind in der Literatur gut beschrieben. In einer australischen Metaanalyse, die 123 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und mehr als 613’000 Patienten umfasste, zeigte Ettehad, dass eine Senkung des systolischen Blutdrucks um 10 mmHg das Auftreten von schweren kardiovaskulären Ereignissen um 20%, die koronare Herzkrankheit um 28%, Schlaganfälle um 27% und die Mortalität aller Ursachen um 13% senkt (3). Ein weiterer systematischer Review (21 RC-Studien und 3 Beobachtungsstudien), in den nur Personen über 65 Jahre einbezogen wurden, ergab, dass eine Senkung des BD von 160 mmHg auf unter 150 mmHg die Mortalität, das Schlaganfallrisiko und die kardiovaskulären Ereignisse senkt (4).

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 mit 320’000 Patienten (51 RC-Studien), davon über 187’000 über 65 Jahre und 60’000 über 75 Jahre, zeigte, dass eine Senkung des BD um 5 mmHg das Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen in der Altersgruppe von 65 bis 85 Jahren um 9% reduzierte, während es bei Personen ab 85 Jahren keinen Nutzen gab (5).

Welche Informationen lassen sich aus Interventionsstudien herauslesen?

Im Jahr 2008 war die HYVET-Studie die erste RC-Studie, die den Nutzen einer blutdrucksenkenden Behandlung bei 80-Jährigen belegte, indem sie die Gesamtmortalität um 21% und die Herzinsuffizienz um 64% senkte (6). Die SPRINT- und STEP-Studien zeigen ebenfalls eine 25-prozentige Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Senkung des Zielblutdrucks auf Werte unter 120 mmHg (SPRINT) oder zwischen 110 und 130 mmHg (STEP) bei Personen über 66 Jahren in grossen Gruppen (9’361 bzw. 8’500 Teilnehmer) (7, 8).

Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch nur schwer auf eine gebrechliche ältere Bevölkerung übertragbar. Obwohl 25% der Teilnehmer der SPRINT-Studie älter als 75 Jahre waren, wurden gebrechliche Personen ausgeschlossen, d. h. Personen mit Diabetes, Herzinsuffizienz, Demenz, chronischer Niereninsuffizienz, orthostatischer Hypotonie und Personen, die in Pflegeheimen leben (9). Ausserdem ist die Methode der Blutdruckmessung (Ablesen durch ein automatisches Gerät in einem separaten Raum, ohne Anwesenheit einer Pflegeperson) ungewöhnlich und unterschätzt den Blutdruck, der normalerweise in Anwesenheit einer Pflegeperson oder eines Arztes gemessen wird (in der Regel um ca. 5 bis 10 mmHg) (10). In der STEP-Studie wurden auch institutionalisierte Personen und Personen mit Schlaganfällen in der Vorgeschichte ausgeschlossen, und der verwendete Gebrechlichkeitsindex ist sehr ungewöhnlich und nicht validiert.

In einer Sekundäranalyse von 6 randomisierten kontrollierten Studien (SPRINT, ACCORD BP, Cardio-sis, JATOS, VALISH, STEP) hat Tao 27’400 Personen mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren untersucht und gezeigt, dass eine Senkung des BDs auf unter 140 mmHg das Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses um 21% senkt. Diese Intervention ist bei älteren Menschen sinnvoll, wenn ihre Lebenserwartung mehr als 3 Jahre beträgt (11).

Studien, in denen die ältesten Probanden zusammengefasst wurden

Die Assoziation von hohen Blutdruckwerten mit einer erhöhten kardiovaskulären Mortalität wird bei sehr alten Menschen nicht mehr systematisch beobachtet, insbesondere wenn sie als gebrechlich eingestuft werden und an mehreren Komorbiditäten leiden. In dieser Bevölkerungsgruppe ist die Beobachtung umgekehrt: Niedrige Blutdruckwerte sind mit einer erhöhten Mortalität verbunden! Sind dies die Folgen der Mehrfachmedikation, die in dieser Gruppe von abhängigen Personen häufig vorkommt, oder eine schwere Verschlechterung des Gesundheitszustands?

Von 2008 bis 2020 ermittelte Bogaerts 34 Leitlinien mit Empfehlungen zu Behandlungszielen für Bluthochdruck bei 80-Jährigen (12). Leider sind diese Leitlinien inkonsistent und richten sich eher nach dem chronologischen als nach dem biologischen Alter. 18 Leitlinien empfehlen einen systolischen Zielblutdruck von unter 150 mmHg, während 4 Leitlinien einen Zielblutdruck von 130 mmHg oder weniger vorschlagen. Nur 3 Studien berücksichtigen den Grad der Gebrechlichkeit bei der Bestimmung des empfohlenen Blutdruckwerts.

In einer Kohorte von 79’379 Personen (Durchschnittsalter 82,1 Jahre), die 4 bis 6 Jahre nachbeobachtet wurden und weder an Demenz, Krebs, koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall, Herz- oder terminaler Niereninsuffizienz litten, beschreibt Delgado, dass die niedrigste Mortalität mit einem Blutdruckzielwert zwischen 145 und 155 mmHg in Verbindung steht (13). Die prospektive elektronische Aufzeichnung des Blutdrucks bei über 415’000 Personen im Alter von 79,5 Jahren, die nach dem Grad der Gebrechlichkeit (robust, leichte, mittlere oder schwere Gebrechlichkeit) unterteilt wurden, ergab, dass ein Blutdruck unter 130/80 mmHg die Sterblichkeit bei Personen im Alter von 75 Jahren und älter erhöht (14). In dieser Altersgruppe gab es keinen Zusammenhang mehr zwischen Bluthochdruck und Mortalität bei Patienten mit mässiger und schwerer Gebrechlichkeit. Mehrere Beobachtungsstudien bestätigen, dass ein systolischer Blutdruck von unter 140-150 mmHg bei sehr alten und gebrechlichen Menschen schädlich ist, insbesondere wenn sie in einer Einrichtung leben (15-18).

Die altersbedingten physiologischen Veränderungen, die Häufung von Komorbiditäten und die Mehrfachmedikation können das Risikoprofil älterer Menschen erheblich verändern und die erhöhte Mortalität erklären, die mit einem Blutdruck von unter 130 mmHg einhergeht, ohne dass das kardiovaskuläre Risiko reduziert wird. Bei dieser Bevölkerungsgruppe kann die erhöhte Sterblichkeit auf eine längere Lebenszeit mit niedrigen Blutdruckwerten zurückzuführen sein, die mit Krebs, Demenz, Herzinsuffizienz oder allgemeiner Gebrechlichkeit in Verbindung steht (19, 20).
Die Prävalenz der orthostatischen Hypotonie steigt mit zunehmendem Alter (20 % bei über 60-Jährigen, über 50 % bei Heimbewohnern), und die Dysfunktion der Barorezeptoren ist bei dieser Personengruppe zu beachten. Diuretika und Antihypertensiva, die die sympathische Aktivität hemmen, wie Betablocker und Antipsychotika, erhöhen das Risiko für orthostatische Hypotonie erheblich (21).

Neueste Guidelines

Im August 2022 fasste Paul K Whelton, beeinflusst von den Ergebnissen der SPRINT- und STEP-Studien, in einer Veröffentlichung im European Heart Journal die neuesten europäischen (2018) und US-amerikanischen (2019) Leitlinien zusammen, die auf die Empfehlungen für die Behandlung von Bluthochdruck abzielen (22). Vor kurzem hat die Europäische Gesellschaft für Hypertonie (ESH) die neuen Empfehlungen 2023 veröffentlicht, in denen sie Behandlungsschwellen und -ziele je nach Gesundheitskategorie des älteren Menschen vorschlägt (23). Bevor eine Behandlung eingeleitet wird, sollte der Grad der Gebrechlichkeit des Patienten beurteilt werden (z.B. mithilfe der validierten Skala des klinischen Gebrechlichkeitsscores), wobei die Bewertung der Aktivitäten des täglichen Lebens, der funktionelle Score, der kognitive Status und die Auswirkungen von Komorbiditäten zugrunde gelegt werden sollten, um drei Patientenkategorien zu definieren: robust, verletzlich und abhängig (23-24).

Ein BD-Zielwert von unter 130/80 mmHg, aber nicht unter 120/70 mmHg, wird für alle erwachsenen Hypertoniker empfohlen, wenn die Verträglichkeit gut ist. Die Empfehlung gilt auch für ältere Menschen ab 65 Jahren, sofern sie sich nicht in einem Pflegeheim befinden und die eingeleitete Behandlung gut vertragen wird. Bei älteren Menschen mit schweren Komorbiditäten und begrenzter Lebenserwartung (abhängige Kategorie) sollte die Wahl und Intensität der antihypertensiven Therapie unter Berücksichtigung der klinischen Beurteilung, der Nutzen-Risiko-Abwägung und der Präferenzen des Patienten erfolgen.

Bei 80-Jährigen sollte das Behandlungsziel 150/90 mmHg betragen, wobei der Blutdruck im Stehen und an beiden Armen gemessen werden sollte (23, 25). Wenn die medikamentöse Behandlung schlecht vertragen wird, der BD unter 130 mmHg liegt oder eine orthostatische Hypotonie vorliegt, sollte das Absetzen des Antihypertensivums stark in Betracht gezogen werden (Depressivität) (23).

Schlussfolgerung

Obwohl die meisten grossen randomisierten Studien zur Senkung des systolischen Blutdrucks bei älteren Menschen unbestreitbar einen positiven Effekt auf das kardiovaskuläre Risiko und das Auftreten von Schlaganfällen belegen, ist die Auswahl der in diese Studien eingeschlossenen Hypertoniker mit Vorsicht zu geniessen. Wie können diese Ergebnisse auf polymorbide und gebrechliche ältere Menschen übertragen werden, von denen die meisten bei der Randomisierung ausgeschlossen wurden?

Bei Menschen in den Achtzigern und darüber sowie bei gebrechlichen Menschen sollten das biologische Alter, der Grad der Gebrechlichkeit, die Lebenserwartung und die Zeit bis zum Erreichen des Nutzens der vorgeschlagenen Behandlung berücksichtigt werden, bevor in einer gemeinsamen und personalisierten Entscheidung über das angestrebte Ziel befunden wird, wobei die Präferenzen des Patienten oder seine Patientenverfügung zu berücksichtigen sind.

Übersetzung aus la gazette médicale 06-2023

Copyright Aerzteverlag medinfo AG

Dr. med. Martial Coutaz M.D.

Hôpital du Valais (RSV)
Centre Hospitalier du Valais Romand (CHVR)
Avenue de la fusion 27
1920 Martigny

martial.coutaz@hopitalvs.ch

Der Autor hat keinen Interessenskonflikt im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

◆ Hohe Blutdruckwerte sind bei robusten älteren Menschen mit einer erhöhten kardiovaskulären Mortalität verbunden.
◆ Bei älteren Menschen, die durch zahlreiche Komorbiditäten geschwächt sind, erhöhen niedrige Druckwerte die Mortalität
◆ Die Häufigkeit der orthostatischen Hypotonie steigt mit dem Alter und bei Bewohnern von Pflegeheimen.
◆ Bei älteren Menschen sollte der Blutdruck auch im Stehen gemessen werden
◆ Im Alter von 80 Jahren und älter sollte der Zielblutdruck bei
150/90 mmHg liegen.

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Grippe und Herz

Eine Influenza Impfung kann kardiovaskuläre Ereignisse wie einen akuten Myokardinfarkt, Schlaganfall und die Gesamt- und kardiovaskuläre Sterblichkeit signifikant reduzieren. Eine Prävention mittels eines inaktivierten, quadrivalenten HD-Impfstoffs sollte bei Personen ab 65 Jahren und einer chronischen Erkrankung oder bei Senioren ≥75 Jahre jeweils im Herbst gemäss WHO durchgeführt werden. Leider ist die Influenza-Impfquote bei chronischen Erkrankungen heute noch viel zu gering. Der ärztliche Rat und die Motivation sind dabei entscheidend. Das Ziel wäre eine Impfquote dieser Population ≥75%. Die Übersterblichkeit bei Influenza ist vor allem kardiovaskulär.

Influenza vaccination can significantly reduce cardiovascular events such as acute myocardial infarction, stroke, and all-cause and cardiovascular mortality. Prevention using an inactivated, quadrivalent HD vaccine should be performed in persons 65 years of age and older with chronic disease or in seniors ≥75 years of age each fall, according to WHO. Unfortunately, influenza vaccination coverage in chronic disease is still far too low today. Medical advice and motivation are critical in this regard. The goal would be a vaccination rate of this population ≥75%. Excess mortality from influenza is primarily cardiovascular.

Key Words: Influenza, influenza vaccination, cardiovascular diseases in influenza, myocardial infarction

Dieser Artikel beruht auf der aktuellen Literatur, drei ausgezeichneten Vorträgen anlässlich der dies-jährigen Jahrestagung der DGK und den Grippe-Impfempfehlungen 2023/24 der EKIF/BAG.
Für viele ist eine Influenza nur ein vorübergehendes Ärgernis mit Fieber, Schnupfen, Husten, Kopf- und Muskelschmerzen. Der typische Krankheitsverlauf ist 5-7 Tage Akuterkrankung, davon meist 3-4 Tage Bettruhe. Oft persistieren Husten und eine postgrippale Asthenie.

Tatsache ist: die medizinische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Belastung durch eine Influenza und deren Komplikationen werden stark unterschätzt. Die Influenza weist im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten die grösste Krankheitslast auf. Dies bedeutet hier die Auswirkungen der Influenza in Europa in Bezug auf den Anteil aller verlorenen gesunden Lebensjahre. Diese ist bei der Influenza deutlich grösser als eine Infektion mit Tbc, HIV oder Pneumokokken, um nur einige Infekte zu nennen (1). Bei Risikogruppen wird die chronische Grunderkrankung verstärkt und das Risiko für schwere oder tödliche Krankheitsverläufe deutlich erhöht.

Eine Infektion mit Influenza führt durch eine Zytokin-Freisetzung zu einem systemischen Entzündungszustand. Bei Risikopatienten eventuell zu einer Hyperkoagulabilität, einer Makrophagen Aktivierung und einer möglichen septischen Konstellation mit einem hämodynamischen Ungleichgewicht mit Aktivierung des Sympathikus, einer Tachykardie und Vasokonstriktion. Diskutiert werden eine endotheliale Dysfunktion und eine Plaqueruptur. Die Folge ist ein akuter Myokardinfarkt oder Schlaganfall. Auch kann es zu einer viralen Peri-/Myokarditis mit einer möglichen Herzinsuffizienz und/oder einer Arrhythmie kommen. Die respiratorischen Komplikationen spielen eine wichtige Rolle mit Hypoxämie, Hypotonie und erhöhtem O2-Bedarf – vgl. Abb. 1 (2). An internistischen Folge­erkrankungen kommt es zu: Pneumonien, Exacerbation einer COPD oder eines Asthmas, Entgleisung eines Diabetes mellitus und weiterer Stoffwechselkrankheiten. Mögliche Verschlechterung von Nieren-, Lebererkrankungen, neurologischen, immunologischen und Krebsleiden. Dies führt zu einer erhöhten kardiovaskulären- und einer erhöhten Gesamtsterblichkeit. Das Risiko für einen akuten Infarkt ist in den ersten 3 Tagen einer Influenza bis 10-fach, das Risiko für einen Schlaganfall bis 8-fach erhöht. Die Herzinfarkt-Hospitalisation ist in den ersten sieben Tagen des Infektes 6-fach erhöht; auch ist das Risiko für eine Hospitalisation bei Patienten mit einer chronischen Herzerkrankung deutlich erhöht (2-6). Bei Erwachsenen steigt das kardiovaskuläre Risiko bei einem respiratorischen viralen Infekt, speziell bei Influenza, für einen Myokardinfarkt in der Zeit der Infekt-Episode vom ersten bis zum siebten Tag deutlich – 6-fach erhöht. Andere respiratorische Viren haben ein kleineres Risiko (5).

Während einer starken Influenzawelle kann ein deutlicher Mortalitätsanstieg beobachtet werden. So kam es gemäss Robert Koch Institut (RKI) in DL 2016/17 zu 22’900, in der Saison 2017/18 zu 25’100 zusätzlichen Todesfällen, davon waren 86% ≥60 Jahre. Es kam 2017/18 zu 60’000 Influenza bedingten Hospitalisationen, 58% bei Personen ≥60 Jahre. Grunderkrankungen wie Atemwegsleiden, kardio-vaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Krebs haben ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Influenza-Atemwegs­leiden +65% und eine kardiovaskuläre Erkrankungen +23% (7).

18% aller Influenza bedingten Todesfälle bei Patienten >65 Jahre sind durch kardiovaskuläre Erkrankungen bedingt. Bei chronischen Lungenleiden ist das Todesfallrisiko 20x erhöht. Bei infizierten älteren Personen kam es nach 1-2 Monaten häufiger zu einer Verschlechterung des allgemeinen Gesundheitszustandes – Stürze, Gebrechlichkeit, verringerte Eigenständigkeit, veränderter Mentalstatus und Exacerbation der Grundkrankheit – als bei Nicht-Infizierten.

Die Impfung

Die präventive Wirksamkeit der Influenza-Impfung bezüglich akutem Myokardinfarkt beträgt 15-45%; sie ist deutlich höher als die Gabe eines Statins (19-30%) oder eine antihypertensive Therapie (17-25%) und etwa gleich wirksam wie eine konsequente Nikotinkarenz (32-43%) (Abb. 2) (3,6).
Die Influenza-Impfung wird von allen Leitlinien empfohlen. Die Ziele der Impfung sind: Prävention der Grippe Infektion, Prävention von sekundären Pneumonien (Pneumokokken), Prävention einer systemischen Inflammation und Immunreaktion, welche die erwähnten kardiovaskulären Ereignisse auslösen. Verhinderung von Hospitalisationen und Todesfällen bei einer Herzinsuffizienz. Nach einer grossen Metaanalyse aus dem Jahre 2012 führte eine Impfung zu einer Reduktion der Risiken: MACE -54%, Gesamtmortalität -40%, Myokardinfarkte -27% (8). Nach einer Cochrane Database Analyse im Jahre 2015 sank die kardiovaskuläre Mortalität durch die Impfung um 55% (9).

Nach einer neuen Metaanalyse beträgt die NNT bei der Impfung bei einem MACE 23, bei einem kardio-vaskulären Tod 36 (10). Eine sehr umfassende Metaanalyse aus dem Jahr 2022 von 18 Studien (5x randomisiert, 13x Beobachtungsstudien) zeigt bei 217’072 Hochrisiko- oder kadiovaskulär erkrankten Patientinnen und Patienten mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren eine signifikante Senkung der Gesamtmortalität um 29%, der kardiovaskulären Ereignisse um 17% und eine Reduktion der sekundären Endpunkte kardiovaskuläre Mortalität und Myokardinfarkte von 22 respektive 18%. Eine Reduktion der HI konnte nur tendenziell festgestellt werden. Kein Effekt auf die Strokerate (11). In einer weiteren grossen Metaanalyse aus dem Jahr 2020 konnten die Herz-Kreislauferkrankungen durch die Impfung um 45% gesenkt werden (12). Auf einen Stroke hat die Impfung kurz danach eine moderate protektive Wirkung (13).

Im Alter nimmt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems ab (Immunoseneszenz); dadurch sind die älteren Personen anfälliger und weisen schwerere Krankheitsverläufe auf. Die Standard-Grippe-Impfstoffe (SD-I.) sind daher für ältere Personen weniger effektiv. Der inaktivierte quadrivalente Hochdosis Grippe-Impfstoff (HD- I.), mit 4-fach erhöhter Antigenmenge, weist eine überlegene Immunogenität auf. Er wirkt effektiver und schützt die älteren Menschen, auf Grund der heutigen Datenlage, vor einer Grippe und ihren Komplikationen deutlich besser. Die absolute Wirksamkeit betrug 2021 nach dem RKI bei Personen ≥60 Jahre 47% (7).

Die EKIF und das BAG empfehlen die Grippeimpfung mit allen Standarddosis (SD)- und Hochdosis (HD)-Grippeimpfstoffen mit einer Zulassung und einer Kostenübernahme durch die Obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) für die jeweiligen Alters- bzw. Indikationsgruppen. Für die saisonale Grippeimpfung 2023/24 sind in der Schweiz zurzeit ein HD-Impfstoff und zwei verschiedene SD-Impfstoffe verfügbar und vom BAG mit Auflagen zugelassen – vgl. Grippe-Impfempfehlungen BAG 2023/2024. Es sind dies: HD-I.: Efluelda®; SD-I.: Fluarix Tetra® und Vaxigrip Tetra®.
Dieser deutlich teurere HD-Impfstoff ist bei Erwachsenen ab 65 Jahren mit einem weiteren Risikofaktor vom BAG zugelassen. Er ist sehr gut verträglich; als NW die bekannte lokale Rötung und Schmerzen an der Einstichstelle. Mögliche Myalgien, Kopfweh und Unwohlsein. Selten kann es zu einer akuten allergischen Reaktion kommen. Das BAG schreibt zum HD-Grippeimpfstoff:

«Eine Metaanalyse (14) mit 34 Millionen Teilnehmenden über eine Anwendungszeit >10 Jahren zeigt eine höhere Wirksamkeit von HD-Grippeimpfstoffen (60µg statt Standarddosis von 15 µg Antigen pro Impfstamm) gegenüber Grippekomplikationen bei Betagten; eine Beobachtung, die auch in Dänemark bestätigt wurde. Diese und weitere Daten für HD-Impfstoffe zeigen einen um 10-20% besseren Schutz für Personen ≥65 Jahre, weshalb auch in der Schweiz die Zulassung von HD-Impfstoffen ab 65 Jahren bewilligt wurde mit Kostenübernahme für alle Personen ≥75 Jahre sowie für Personen ≥65 Jahre mit mindestens einem weiteren Risikofaktor für schwere Grippeerkrankung aufgrund einer Komorbidität gemäss Grippeimpfempfehlung. In diesen Alters- und Risikogruppen ist a) das Risiko schwer an Influenza oder an Komplikationen zu erkranken und hospitalisiert zu werden höher als bei jüngeren gesunden Personen, und b) je nach Influenzastamm auch die Immunantwort auf die Impfung weniger gut. Dies sind gute Gründe, um für diese Personen einen HD-Impfstoff zum Schutz vor Grippe zu empfehlen».

Der saisonale Impfstoff sollte jährlich im Herbst verabreicht werden. Die Zusammensetzung der Antigene (Viruspartikel in fragmentierter Form) wird alljährlich durch die WHO festgelegt. In den Jahren, wo eine schlechte Vorhersage des Impfstoffes mit geringer Effektivität bestand, war der kardiovaskuläre Schutz signifikant geringer. Dies gibt klare Hinweise auf die Kausalität des Impfstoffs.

Es bleibt das Ziel, dass ≥75% der Senioren und Personen (ab 6 respektive 36 Monate) mit einer chronischen Grunderkrankung geimpft werden. Das BAG und die STIKO (Ständige Impfkommission beim RKI) empfehlen auch eine Impfung bei allen Schwangeren ab dem 2. Trimeon (bei Indikation früher), postpartal und bei Personen, die als mögliche Infektionsquelle im selben Haushalt lebende oder von ihnen betreute Risikopersonen gefährden können. Eine berufliche Indikation besteht beim medizinischen Personal, bei Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr inklusive Kitas und bei Personen mit Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln – vgl. www.bag.admin.ch/grippeimpfen; www.rki.de/grippeimpfen; www.infovac.ch

Nach dem IAMI-Trial sollte die Grippeimpfung innert 72 Stunden Teil der stationären Behandlung nach einem Herzinfarkt oder bei einer CHK mit hohem Risiko werden, kommt es doch zu einer signifikanten Senkung von Gesamttod, Myokardinfarkt oder Stentthrombose von 28% innert 12 Monaten sowie zu einem geringeren Risiko für den Gesamttod und den kardiovaskulären Tod (15).

Aktuell liegt die Impfrate je nach Grunderkrankung (CHK bzw. HI) bei maximal 30-43% (3, 7). Viele Patienten sind sich auch bei uns der Wichtigkeit der jährlichen saisonalen Impfung im Herbst nicht bewusst! Oft findet man in der Bevölkerung einen zu wenig bekannten Nutzen respektive eine Fehleinschätzung des Risikos einer fehlenden Impfung. Es bedarf daher einer guten, umfassenden Aufklärung und Motivation der Patienten und Senioren und ihrer Partner/Familien durch uns Ärzte. Impfkampagnen und in Zukunft auch eine Unterstützung durch eine elektronische Praxis­software sind sehr nützlich.

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Dr. med. Urs N. Dürst

Zelglistrasse 17
8127 Forch

u.n.duerst@ggaweb.ch

Der Autor hat keine Interessenskonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Eine Influenza Impfung kann kardiovaskuläre Ereignisse, wie ein akuter Myokardinfarkt oder ein Schlaganfall, verhindern und die Morbidität und Mortalität deutlich senken. Eine Prävention ist sowohl bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung und bei Personen ≥65 Jahre zu empfehlen. Diese Massnahmen sind einfach, effizient und kosteneffektiv.
  • Leider ist die Verabreichung der alljährlichen Grippeimpfung trotz einer sehr guten Datenlage bei der älteren Bevölkerung und bei Risikopatienten immer noch suboptimal. Die Impfung gegen Influenza ist «gelebte Sekundärprävention».
  • Es besteht eine deutlich höhere Wirksamkeit des HD-Grippeimpfstoffs mit einem um 10-20% besseren Schutz für Personen ≥65 Jahre. Unter 65 Jahren keine Zulassung. Kostenübernahme nach BAG für alle Personen ≥75 Jahre, sowie Personen ≥65 Jahre mit mind. einem weiteren Risikofaktor gemäss Grippe-Impfempfehlung.
  • Somit bleibt die jährliche saisonale Influenza-Impfung eine wichtige hausärztliche Aufgabe aber auch eine Challenge des betreuenden Kardiologen, Pneumologen und weiterer Fachärzte.

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Tendinopathien

Symptome an Sehnen und Reizungen der Sehnen(begleit)strukturen (synoviale Sehnenscheiden, Bursen, Enthesen) sind häufige Erkrankungen in der muskuloskelettalen Praxis mit vielfältigen Ursachen. Die pathophysiologische Kaskade, welche zum Schmerzempfinden führt, ist nicht vollends geklärt. Nebst vaskulären Insuffizienzen scheinen extrazelluläre Matrixfaktoren inklusive Kollagenalterationen (vermehrt Kollagen Typ III zu Ungunsten Typ I) und Prostaglandine (insbesondere PGE2) eine Rolle zu spielen (1). Der Einfluss inflammatorischer Zellen ist noch nicht eindeutig geklärt, ebenso die Signifikanz tenosynovialer Stammzellen (1). Akzeptiert scheint die Pathogenese der mechanischen Überlastung («overuse») der Sehne durch Zug- und kompressive Kräfte im Sinne kumulativer Mikrotraumata (1). Der folgende Überblicksartikel konzentriert sich auf eine Auswahl klinisch häufiger Tendinopathie Manifestationen und bewertet nebst allgemeinem Überblick vordergründig die Evidenz des Einsatzes von Eigenblut (PRP = platelet-rich plasma) Injektionen und Stosswellentherapie (ESWT = Extracorporale Stosswellentherapie).

Symptoms of tendons and irritations of tendon (accompanying) structures (synovial tendon sheaths, bursae, entheses) are common conditions in musculoskeletal practice with multiple causes. The pathophysiological cascade leading to pain sensation is not fully understood. Besides vascular insufficiencies, extracellular matrix factors including collagen aging (increased collagen type III to the detriment of type I) and prostaglandins (especially PGE2) seem to play a role (1). The influence of inflammatory cells is not yet clearly understood, nor is the significance of tenosynovial stem cells (1). What seems to be accepted is the pathogenesis of mechanical overload („overuse“) of the tendon by tensile and compressive forces in terms of cumulative microtrauma (1). The following review article focuses on a selection of clinically common tendinopathy manifestations and, in addition to a general overview, primarily evaluates the evidence for the use of autologous blood (PRP = platelet-rich plasma) injections and shock wave therapy (ESWT = extracorporeal shock wave therapy).
Key Words: Tendinopathy, Platelet Rich Plasma (PRP), Extracorporeal Shockwave Therapy (ESWT)

Tendinopathien der Archillessehne

Achillessehnentendinopathien werden insbesondere bei Lauf-Sportarten mit einer Inzidenz bis 10,9% beobachtet. Das Lebenszeitrisiko für ehemalige männliche Elite-Läufer wird in der Literatur bis 50% beschrieben (2). Nebst männlichem Geschlecht und Alter gelten Hyperpronationsstellung des Fusses und Fehlverhalten im Training (zu rasches oder zu intensives Sehnen-Loading) als Risikofaktoren (2). Aus rheumatologischer Sicht ist die enthesale Entzündung der Achillessehneninsertion eine hallmark-Manifestation für Erkrankungen aus dem Formenkreis der Spondyloarthritiden und qualifiziert in der Regel für eine bDMARD (Biologika) Behandlung (3).

Achillessehnentendinopathien werden nach klinischen Gesichtspunkten in zwei Kategorien eingeteilt, als Insertions-Tendinopathie (Abb. 1a) (= Pathologie in den knöchernen Übergang/Enthese distal am calcanealen Ansatz) und Midportion-Tendinopathie (= 2-6cm proximal der Insertionsstelle entsprechend – hier ist die Durchblutung der Sehne am geringsten) (2). Während zwei Drittel der Fälle in athletischen Populationen einer Midportion-Tendinopathie entsprechen, sollten bei Symptomen an der Enthese/Insertion auch an rheumatologische Erkrankungen gedacht werden. Dies gilt insbesondere bei fehlender Sport-Anamnese und Vorliegen von extra-achillärer Symptomatik mit Spondyloarthritis sowie Eigenschaften wie chronische nächtliche Rückenschmerzen, Psoriasis, chronisch-entzündliche Darmerkrankung, Uveitis und/oder Daktylitis Episoden.

Das klinische Bild ist variabel und umfasst lokale Druckdolenz, fühlbare Verbreiterung der Sehne, Morgensteifigkeit und Anlaufschmerz, insbesondere auch beim Beginn von sportlicher Aktivität. Der Schmerz kann unter fortgeführter Aktivität auch rückläufig empfunden werden. Aktive Loading Manöver der Sehne entsprechen auch der diagnostischen Testung («singe-leg heel raise»/ Zehenstand oder «hop-Test»/Einbeinsprung der betroffenen Seite) (2). Bei Totalabriss der Achillessehne kann auch ein positiver «Thompson Test» erhoben werden (beim Zusammendrücken der Wade der/s in Bauchlage befindlichen Patienten/in fehlt die sonst beobachtbare Plantarflexionsbewegung). Bildgebend kann Ultraschall eingesetzt werden, wobei nebst (Partial-) Rupturzeichen via Powerdoppler Modus auch vaskuläre Hyperämie/Neovaskularisationsprozesse inklusive Enthesitis aufgedeckt werden können. Bei therapierefraktären Situationen sowie in präoperativer Absicht kann auch ein MRI durchgeführt werden.

Therapeutischer Hauptpfeiler für beide Achillessehnentendinopathie Formen stellt auf Basis von Meta-Analysen aktive Physiotherapie mit exzentrischer Kräftigungsübung der Sehne dar (2). Sollten die Schmerzen bei der Ausführung der exzentrischen Übungen zu stark sein, kann zu Beginn auch ein isometrisches Programm durchgeführt werden (siehe Supplementum). Topische/systemische NSAR werden ausserhalb der autoimmun-rheumatologischen Indikationen idealerweise nur bei sekundärer Bursitis oder Paratenonitis (das Paratenon umgibt die Achillessehne als elastische Begleitschicht, da diese nicht von einer Sehnenscheide umgeben wird) ergänzend eingesetzt (2). Der Einsatz von topischem Glyceroltrinitrat mit Ratio der verbesserten lokalen Durchblutung kann derzeit noch nicht ausreichend evidenzbelegt empfohlen werden (2).

Circa ein Drittel der Fälle entwickelt eine chronische therapierefraktäre Achillodynie (2). Hier kann auf Basis von Meta-Analysen (sowohl fokussierte als auch radiale) Stosswellentherapie (ESWT) zum Einsatz kommen, wobei die meisten Studien jeweils in Kombination mit Physiotherapie/exzentrischen Übungen und bei Midportion-Tendinopathie durchgeführt wurden, die Evidenz für erfolgreiche mittelfristige positive Outcomes bis mindestens 3 Monate gilt als gefestigt, für die long-term Effizienz (12 Monate) bestehen widersprüchliche Resultate (2). Gleiches gilt für den Einsatz von Eigenblut (PRP – platelet rich plasma) (1) (Abb. 1b), wenngleich sich auch hier abzeichnet, dass sich die PRP-Effektivität insbesondere in Kombination mit exzentrischem Sehnentraining hervorhebt und die PRP-Infiltrationsserien nebenwirkungsarm sind, mit hoher post-Interventionszufriedenzeit (2). Der Einsatz von periläsionalem Glucocorticoid wird aufgrund des Risikos einer achillären Sehnenruptur kritisch gesehen und begrenzt sich allenfalls auf den Einsatz bei sekundär nachweisbarer Bursitis (2).

Rotatorenmanschetten Tendinopathien der Schulter

Tendinopathien der Rotatorenmanschette sind in über 50% der Patienten/Patientinnen mit Schulterschmerzen ursächlich (4). Während sterile Enthesitiden oder Bursitiden ohne Vorliegen von strukturellen Rotatorenmanschettenpathologien rheumatologisch bedingt sein können, so sind degenerative Überlastungsschäden sehr viel häufiger. Aus sportmedizinischer Sicht ist dies vor allem bei Wurf- und Überkopfsportarten relevant. Hier können im Sinne chronischer Verletzungen insbesondere die inneren Schichten der Rotatorenmanschette betroffen sein (5).

Der Überbegriff der «rotator-cuff tendinopathy» umfasst bei Vorliegen positiver Impingementzeichen oder bildmorphologischer subacromialer Engstellen durch verschiedene Ursachen auch die Begrifflichkeit eines «subacromial pain syndrome» oder «Impingement-Syndroms». Symptomatisch (teil-)rupturierte Rotatorenmanschettenanteile werden als «partial-/ respektive full-thickness-tear rotator-cuff tendinopathy» bezeichnet und im Falle bildgebend nachgewiesener Verkalkungen der Sehne ist die Rede von kalzifizierender «calcific» Tendinopathie (4) (Abb. 2).

Die klinische Testung inklusive Bewegungsumfang und Resistiv-Testungen der einzelnen Schultermuskeln gibt die Richtung der möglichen zugrundeliegenden Pathologie vor und hilft somit in der Auswahl weiterer bildgebender Diagnostik. In der Regel bietet sich auch hier Ultraschall für die Beurteilung der Rotatorenmanschette an, ein MRI kann insbesondere bei labralen / kartilaginären oder kapsulären Verdachtsmomenten zum Einsatz kommen (4). Aus rheumatologischer Sicht ist der Einsatz von Ultraschall insbesondere bei beidseitigen Schulterschmerzen mit erhöhter humoraler Entzündung im Sinne einer differentialdiagnostischen Polymyalgia rheumatica relevant (wobei bestimmte Ultraschallpathologien in die Klassifikationskriterien einfliessen) (6).

Der «painful-arc-test» ist ein häufig durchgeführter Globaltest, bei dem ein aktives Abduktionsmanöver aus der Neutral-Null-Stellung durchgeführt wird. Von oben nach unten wird er auch «drop-arm-sign» genannt; eine Schmerzangabe (und Kraftverlust) zwischen 60-120° wird als positiver Supraspinatus-Test gewertet. Die subacromiale Einengung (durch Teilrupturen oder sekundäre Bursitis subacromialis/subdeltoidea) wird mit Impingement-Tests, beispielsweise dem Jobe-Test mit Heben der seitlich vorgestreckten Arme, Daumen nach unten, gegen Widerstand geprüft.

Nebst Paracetamol und NSAR (systemischer wie topischer Einsatz) ist auch der Benefit von Physiotherapie belegt und gilt als therapeutischer Grundpfeiler (Unterhaltung der Gelenksmobilität, motor-control-exercises, muskuläre Kraft-/Kraftausdauer, Edukation) bei partial-tear rotator-cuff tendinopathy (4). Glucocorticoid-Injektionen werden hier als second-Line Behandlung mit erwiesener short-term Evidenz eingesetzt (erwiesene Superiorität gegenüber Placebo und Lokalanästhetika). Bei fehlendem relevantem Ansprechen auf zweimalige Infiltrationen sollten alternative Behandlungsmöglichkeiten wie Eigenblutinjektionen (PRP) (Level B Empfehlungsstärke, tiefe bis moderate Evidenz) erwogen werden (4). Mit ähnlicher Evidenzlage kommt bei «rotator-cuff calcific tendinopathy» auch Stosswellentherapie zum Einsatz, wobei hier insbesondere hoch energetische, fokussierte ESWT (>0.20 mJ/mm2) hinsichtlich Schmerz und Dysfunktion eingesetzt werden kann (4). Bei Komplettrupturen «full-thickness rotator-cuff tear» gilt es nebst dem Einsatz von aktiver Physiotherapie vor allem die orthopädisch rekonstruktiven Therapiemöglichkeiten abzuwägen (4).

Laterale Ellenbogen Tendiopathie

Die laterale Epicondylitis (umgangssprachlich «Tennis-Ellenbogen») oder «Epicondylopathia humeri radialis»-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung beträgt 1-3% und entspricht in den meisten Fällen einer degenerativen mechanischen Überlastung und somit einer overuse-Tendinopathie bei repetitivem oder zu hohem Sehnen Loading (7). Klinische Testungen umfassen passive Extensionsschmerzen und Symptome bei isometrischer Resistivprüfung (welche kombiniert im Cozen-Test durchgeführt werden: hierbei wird bei ruhendem Unterarm gegen eine aktive Handgelenksextension Gegendruck appliziert, sowie Druck gegen den lateralen Extensorenursprung ausgeübt, welcher bei positivem Test charakteristische Schmerzen auslöst). Bei fehlender Überlastungsanamnese sollte eine Enthesitis am Ellenbogen an Spondyloarthritis Formen denken lassen, insbesondere an eine Psoriasisarthritis. Auch eine Kristall-(Peri)Arthritis (Gicht, Pseudogicht d.h. Calcium-Pyrophosphat Deposition-assoziierte Arthritis =CPP-D) ist differentialdiagnostisch denkbar und kann cubitale bursale Inflammationen auslösen. Aus sportmedizinischer Sicht sind bestimmte Wurfsportarten (Baseball, Handball) mit erhöhten Risiken für tendinöse oder ligamentäre Pathologien vergesellschaftet (8). Spätestens bei chronischem Verlauf einer lateralen Epicondylopathie (d.h. >6 Monate Symptomdauer) sollte je nach Verfügbarkeit entweder Ultraschall (Abb. 3a) oder MRI Diagnostik eingesetzt werden (7).

Therapeutisch kann neben oralen oder topischen NSAR auch überbrückend topisches Glyercoltrinitrat eingesetzt werden, nebst Aufgleisung physiotherapeutischen Trainings (progressiv-resistive Übungsprogramme). Kombiniert zu letzterem kann auch Manual-Therapie kurzzeitig Griffkraft und Schmerz positiv beeinflussen und somit Physiotherapie positiv unterstützen (positive Review Daten mit short-term Benefit) (7). Intraläsionale Glucocorticoide können zwar kurzfristig (<6 Wochen) effektiv Schmerzen lindern, aber mehrheitlich negative Outcomes in long-term Analysen sowie potenzielle Ruptur-Komplikationen sprechen gegen den Einsatz (7). Bezogen auf Eigenblutinjektionen (PRP) finden sich hinsichtlich Schmerz positive Meta-Analysen, allerdings auch dargelegte Ineffizienz, sodass hier keine sichere Empfehlung ausgesprochen werden kann (7). Die mittlerweile breite Literatur bezüglich Stosswellentherapie (ESWT) legt in der Mehrheit der Studien positive, d.h. bessere oder zumindest gleich gute Effekte, bezüglich Schmerz und Griffkraft dar, im Vergleich zu anderen Behandlungsmodalitäten und gegenüber Sham-Behandlung, sodass radiale oder fokussierte ESWT (Abb. 3b) befürwortet werden kann (am häufigsten genutzte Einstellungsparameter: mindestens 2000 Impulse, mindestens dreimalige Intervention, wöchentliches Intervall) (7).

Supplementum: Exzentrisches Training bei Achillessehnen-Tendinose

► Angezeigt bei chronisch schmerzhafter Achillessehne mit typischer spindelförmiger Verbreiterung im mittleren Drittel, nach Ausschluss von entzündlichen oder traumatischen Läsionen der Achillessehne.
► Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass mit einem regelmässig ausgeführten exzentrischen Trainingsprogramm der Wadenmuskulatur, ein sehr gutes Behandlungsergebnis bei diesen belastungsabhängigen Beschwerden erreicht werden kann.
► Die beiden Übungen des Trainingsprogramms sollen 2 mal täglich, 7 Tage pro Woche, während 12 Wochen durchgeführt werden.
► In den ersten 1-2 Wochen sind Schmerzen in der Wadenmuskulatur zu erwarten, das Training über die Schmerzgrenze hinaus soll aber nicht forciert werden.
► Vorgehen: Instruktion der Übungen unter physiotherapeutischer Anleitung mit Kontrolle der Ausführung nach ca. 6 Wochen (die übrigen physikalischen Massnahmen können natürlich weitergeführt werden).

1. Übung
□ Exzentrisch
□ Isometrisch
□ Dynamisch
An einer Treppenstufe auf dem Vorfussballen stehend, soll sich der Patient mit einer Hand am Geländer oder an der Wand stabilisieren. Mit gestreckten Knien und aufgerichtetem Oberkörper geht er in den Zehenspitzenstand mit Hilfe des «gesunden» Beines. Von die-ser Position aus belastet er nur noch die schmerzhafte Wade und führt die exzentrische Übung durch langsames Absinken der Ferse bis unter das Niveau der Treppenstufe aus. Nun braucht er wieder das «gesunde» Bein um sich in den Zehenspitzenstand zu erheben. Repetition 15 mal. Diese Übung aktiviert vor allem den Gastrocnemius-Muskel (zweiköpfiger, oberflächlicher Wadenmuskel). (Abb. 4 a & b)

2. Übung
□ Exzentrisch
□ Isometrisch
□ Dynamisch
Nach einer kurzen Pause wird dieselbe Übung, aber mit circa 60° gebeugtem Knie durchgeführt. Repetition 15 mal. Damit wird auch der Soleus-Muskel (tiefer Wadenmuskel) aktiviert. (Abb. 4 c)
Nach einer kurzen Pause wird wieder die 1. Übung durchgeführt, beide Übungen insgesamt je 3 mal.
2 Übungen werden 2 mal täglich in 3 Serien a 15 Wiederholungen durchgeführt: 2 x 2 x 3 x 15 = 180 exzentrische Belastungen pro Tag.

Tipps:
◆ Mit der symptomatischen Wade wird nur die exzentrische Belastung durchgeführt, nicht die konzentrische «Aufwärts»-Belastung.
◆ Die Übung wird zunächst nur mit dem Eigen-Gewicht durchgeführt und soll schmerzhaft sein! Wenn kein Schmerz mehr während des Trainings in der Sehne vorhanden ist, kann durch Gewichte in einem «Rucksack» (oder durch Üben an einer entsprechende Gewichts-Maschine) die Belastung gesteigert werden.
◆ Während der letzten 4 Wochen des 12-Wochen-Trainigs-
Programs darf der Patient langsam seine üblichen sportlichen Sehnenbelastungen wieder aufnehmen.

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Anmerkung des Chefredaktors: PRP und ESWT sind keine Pflicht­leistungen in der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP)

Dr. med. Christoph Haller

Sports Medical Center, Medbase Abtwil
Wiesenbachstrasse 5, 9030 Abtwil

Klinik für Rheumatologie, Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95, 9007 St. Gallen

Dr. med. Patrik Noack

Sports Medical Center, Medbase Abtwil
Wiesenbachstrasse 5
9030 Abtwil

PD Dr. med. Thomas Neumann

Klinik für Rheumatologie, Kantonsspital St. Gallen
Rorschacher Strasse 95
9007 St. Gallen

Die Autoren haben keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel deklariert.

  • Sehnenerkrankungen sind in der muskuloskelettalen Medizin häufig und nebst klinischer Testung (Schmerzen bei aktiver Bewegung, Sehnendehnungsschmerz, Resistivschmerz) und Ultraschalldiagnostik sollte eine sportspezifische Anamnese sowie eine rheumatologische oder sportmedizinische Weiterabklärung zur fachärztlichen Beratung und spezifischen Behandlung erfolgen.
  • Patienten/Patientinnen mit symptomatischer (Insertions- oder Midportion-) Achillessehnentendinopathie sollten Physiotherapie zugeführt werden zwecks genauer Instruktion exzentrischer Kräftigung als Grundpfeiler der Behandlung. In therapierefraktären Fällen (ca. ein Drittel) können zusätzlich zu Physiotherapie entweder Eigenblutinjektionen (PRP) oder fokussierte/radiale Stosswellentherapien (ESWT) zum Einsatz kommen, letzteres mit gut belegter Effektdauer über mindestens 3 Monate.
  • Schulterschmerzen sind in über der Hälfte der Fälle auf Tendinopathien zurückzuführen, die unterschiedliche Ausmasse annehmen können (Teil- bis Komplettruptur, jeweils mit oder ohne tendinöse Verkalkungen). Schulter zentrierende Physiotherapie gilt auch hier als etablierte Basistherapie. Bei Vorliegen von Verkalkungen kann fokussierte ESWT analgetisch eingesetzt werden, Eigenblut (PRP) Injektionen gelten als Alternative zu Glucocorticoiden, wobei letztere ebenfalls nur als Zweitlinientherapie bei «partial-tear rotator-cuff tendinopathy» analgetisch eingesetzt werden. Bei «full-tear rotator-cuff tendinopathy» sollte eine orthopädisch-operative Beurteilung erfolgen.
  • Bei Epicondylopathia humeri radialis, in den meisten Fällen einer klassischen overuse-Enthesiopathie entsprechend, ist die Datenlage zu fokussierter/radialer Stosswellentherapie (ESWT) klar positiv. Diese kann bei refraktären Fällen angewendet werden, sofern die physiotherapeutische first-line Behandlung inklusive extrinsischem Training und Selbst-/ Triggerpunktbehandlung unzureichend sind. Die Datenlage zur Eigenblutbehandlung (PRP) scheint noch nicht ausreichend eindeutig, trotz positiver Meta-Analysen. Lokale Glucocorticoide sollten aufgrund ungünstiger long-term Outcomes nicht eingesetzt werden.

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